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PROLOG: DIE HIMMLISCHE STADT
Jerusalem, so heißt es, ist eine drei Weltreligionen heilige
Stadt. Aber die Heiligkeit Jerusalems ist weder etwas
Konstantes noch etwas Absolutes. Ob man sie als von Gott
vorbestimmte oder als von Menschen zugeschriebene versteht -
unbestreitbar ist, dass die Heiligkeit der Stadt, als historisches
Phänomen betrachtet, je nach den gesellschaftlichen,
ökonomischen und kulturellen Umständen und, vielleicht sogar
in erster Linie, den politischen Einflüssen größer oder geringer
angesetzt worden ist.
Drei Religionen - Judentum, Christentum und Islam -
beanspruchen, Jerusalem als ihren heiligen Ort zu verehren; dass
die Gläubigen jeder dieser Religionen diesen Anspruch mit aller
Ernsthaftigkeit und Inbrunst erheben, steht außer Zweifel. Für
die früheste der drei ist eine Forderung nach der
Wiederherstellung der Souveränität jedoch erst seit sehr kurzer
Zeit zum Bestandteil ihrer Frömmigkeit geworden. Was ihre
beiden Nachfolgereligionen anbetrifft, lässt sich bei jeder von
ihnen zeigen, dass die Heiligkeit Jerusalems eine späte
historische Entwicklung ist und nicht von Anfang an gegeben
war. In allen drei Fällen zwingt die Beweislage den nüchternen
Betrachter zu der Schlussfolgerung, dass sich die Heiligkeit der
Stadt ebenso sehr aus politischen wie aus rein spirituellen
Quellen speist.
-17-
Das Jerusalem der Juden
Zwei jüdische Stimmen. Die erste ist die des Ananus, des
ältesten von Jerusalems Priestern am Vorabend der Zerstörung
des Zweiten Tempels im Jahre 70. Dem Bericht seines
Zeitgenossen Josephus Flavius zufolge sprach er, mit Tränen in
den Augen und den Blick auf den von einer Gruppe jüdischer
Extremisten, den Zeloten, besetzten Tempel gerichtet, den Satz:
«Wahrlich, es wäre gut für mich gewesen, ich wäre gestorben,
bevor ich das Haus Gottes von solchen Greueln erfüllt und auf
den durch Gebote abgegrenzten heiligen Plätzen die Füße
blutbefleckter Mörder herumtrampeln sehen muss.»
1 Die zweite
ist die des Protozionisten Moshe Leib Lilienblum, der 1882 in
einer Schrift über den künftigen jüdischen Staat in Palästina
erklärte: «Wir brauchen weder die Mauern von Jerusalem noch
den Jerusalemer Tempel noch Jerusalem selbst.»
2 Zwei jüdische
Stimmen, zwei jüdische Ansichten zu Jerusalem.
Es mag sein, dass, wie oft behauptet wird, zwischen dem
Ende des zweiten jüdischen Reichs und dem Aufkommen des
Zionismus die Juden tatsächlich ohne Unterbrechung im
Heiligen Land anwesend waren. Zuweilen hat man diese
Behauptung sogar auf eine angeblich stete Anwesenheit von
Juden in Jerusalem ausgedehnt. So hat beispielsweise Chaim
Weizmann, Israels erster Staatspräsident, in einer 1948 in
Jerusalem gehaltenen Rede von der «ununterbrochenen Kette
jüdischer Ansiedlung in dieser Stadt» gesprochen
3; und eine am
14. März 1999 vom israelischen Außenministerium
veröffentlichte Erklärung enthielt die Behauptung, «die jüdische
Präsenz in Jerusalem blieb stetig und fortdauernd». Was immer
für Palästina im Allgemeinen gelten mag, für Jerusalem ist die
Beweislage für eine solche Behauptung zweifelhaft. Während
der gesamten Dauer der römischen oder byzantinischen
-18-
Herrschaft war es Juden verboten, die Stadt auch nur zu
betreten.
4 Obwohl ein paar jüdische Pilger sie besucht zu haben
scheinen, gibt es für den Zeitraum zwischen dem 2. und 7.
Jahrhundert keinerlei Beleg dafür, dass es dort eine jüdische
Gemeinde gab.
Nach der ersten arabischen Eroberung der Stadt im Jahre 638
ließen sich Juden wieder in Jerusalem nieder. Aus einer Anzahl
Dokumente in der Kairoer geniza (einem am Ende des 19.
Jahrhunderts aufgefundenen Bestand alter Handschriften) ergibt
sich, dass Juden in Ägypten, Syrien und Sizilien Geldzahlungen
zugunsten des Unterhalts armer Jerusalemer Juden sowie einer
neben der Westmauer («Klagemauer») gelegenen Synagoge
leisteten.
5 Diese Abhängigkeit von finanzieller Unterstützung
von außen sollte zu einem bis in das frühe 20. Jahrhundert
fortdauernden Charakteristikum der Jerusalemer jüdischen
Gemeinde werden.
Als 1099 die Kreuzritter Jerusalem eroberten, warf man die
Juden ein weiteres Mal aus der Stadt.
6 Erst nach 1260, unter der
Regierung der Mameluckensultane mit Sitz in Ägypten, kehrten
sie nach und nach zurück - obwohl sie, besonders wegen des
Zionsbergs, mit den dortigen Christen in Konflikt gerieten. Die
Einnahme der Stadt durch die osmanischen Türken im Jahre
1516 sorgte für Verhältnisse, unter denen sich Juden in
Sicherheit ansiedeln konnten und es zu einem langsamen
demographischen Wachstum kam. Und doch schätzt man für das
17. Jahrhundert die jüdische Bevölkerung auf nur tausend
Seelen, vielleicht zehn Prozent der Einwohnerschaft. Zu dieser
Zeit war das Hauptzentrum jüdischen Lebens, ganz gewiss aber
des jüdischen Geisteslebens, nicht Jerusalem, sondern Safed.
Während eines Großteils des 18. Jahrhunderts war es jüdischen
Junggesellen und Personen unter sechzig vom jüdischen
«Istanbul-Ausschuss» verboten, in Jerusalem ihren Wohnsitz zu
nehmen. Das Verbot erfolgte in der Absicht, die Größe der
dortigen Gemeinde zu begrenzen, deren Lebensunterhalt, wie
-19-
man befürchtete, andernfalls nicht gesichert werden könnte.
7 Die
frühesten Gemeindezeugnisse der Jerusalemer Juden stammen -
anders als andernorts entstandene Zeugnisse über sie - erst aus
dem 18. Jahrhundert. Jacob Barnai hat diesen Sachverhalt
folgendermaßen kommentiert: «Das Fehlen von Quellenmaterial
spiegelt das Fehlen einer organischen Kontinuität in diesen
Gemeinden während des Mittelalters und in der Osmanenzeit
wider.»
8
Obgleich die Besiedlung Jerusalems durch Juden demnach in
der vormodernen Zeit nur dünn und nicht von Dauer war, hatte
die Stadt im Denken und in der Symbolik des Judentums doch
stets eine zentrale Bedeutung: Jerusalem war für die Juden der
Ort, wo die Bundeslade zur Ruhe gekommen war, die Stätte des
Tempels, die Hauptstadt des Königtums und - bis in unsere Tage
- Gegenstand des Wehklagens. Wenn Juden beteten, wandten sie
sich in Richtung Jerusalem, das sie «den Nabel der Welt»
nannten. Die biblischen Schriften, die Halacha (die aus der Bibel
abgeleitete verbindliche Auslegung der Thora), die Haggada
(die erbaulichbelehrende Erzählung biblischer Stoffe in der
talmudischen Literatur), die Tefilla (das jüdische Gebet), die
Kabbala (die jüdischen mystischen Schriften), die Haskala (die
hebräische Aufklärungsbewegung des späten 18. und 19.
Jahrhunderts, die vor allem in der Literatur und philosophischen
Schriften ihren Ausdruck fand) und das jüdische Brauchtum -
sie alle feierten Jerusalems alten Ruhm und Glanz und
betrauerten seine Verwüstung. Im mittelalterlichen Spanien
verfassten Yehuda Halevi und Schlomo ibn Gvirol ergreifende
Gedichte voller Sehnsucht nach Jerusalem. In Osteuropa war es
Tradition, dass an der Ostwand eines jüdischen Hauses ein Bild
von Jerusalem hing. In unserer Zeit hat Schmuel Yosef Agnon
über die Erneuerung der jüdischen Kreativität in der Stadt
frohlockt, deren «Hügel ihre Pracht wie Banner gegen den
Himmel breiten». Über alle Zeiten hinweg blieb Jerusalem für
jüdische Pilger das vorrangige Ziel. Vor allem aber war es für
-20-
die Juden der Brennpunkt messianischer Hoffnung und der Ort
der schon bald erwarteten Auferstehung.
Zugleich unterschied man im Judentum zwischen dem
himmlischen (Yerushalayim shel ma'la) und dem irdischen oder
alltäglichen (shel mata) Jerusalem. Die religiöse Verehrung der
Stadt verstand man nicht als etwas, das irgendeine Verpflichtung
mit sich brachte, die jüdische Souveränität über sie
zurückzugewinnen. Im Gegenteil: Als der Gedanke an eine
solche Wiederherstellung während des 19. Jahrhunderts erstmals
diskutiert wurde, war die herrschende Meinung strikt dagegen.
Dabei blieb es bis zur Zerstörung des in Osteuropa gelegenen
religiösen Herzlandes der Judenheit zwischen 1939 und 1945.
Mindestens bis dahin opponierten die meisten
orthodoxjüdischen Autoritäten gegen den Zionismus, in dem sie
eine blasphemische Vorwegnahme des göttlichen Heilsplans
sahen. Und in diesem Punkt waren sie sich mit den meisten
frühen führenden Männern des Reformjudentums einig - obwohl
der bloße Gedanke an eine Gemeinsamkeit beide Gruppen
entsetzt hätte. Orthodoxe Zionisten waren eine vergleichsweise
unbedeutende Strömung innerhalb der zionistischen Bewegung -
und ebenso innerhalb des orthodoxen Judentums. Noch lange
nach der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 blieb der
Zionismus eine vorwiegend und oft aggressiv säkulare
Bewegung.
Die frühen zionistischen Denker vermieden es meistens,
Jerusalem eine besondere Bedeutung beizulegen. Ahad Haam,
der Vertreter des «spirituellen» Zionismus, war von seiner ersten
Begegnung mit den Jerusalemer Juden geradezu abgestoßen; als
er später nach Palästina übersiedelte, zog er es vor, sich in Tel
Aviv niederzulassen. Theodor Herzl, der Begründer des
politischen Zionismus, war vom Dreck und Gestank in
Jerusalem schockiert, als er 1898 die Stadt erstmals besuchte.
9
Als Arthur Ruppin im Jahre 1908 das erste Palästinabüro der
Zionistischen Bewegung einrichtete, geschah dies in Jaffa und
-21-
nicht in Jerusalem. Die frühen zionistischen Siedler in Palästina
seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts und vor allem die
sozialistischen Zionisten, die nach 1904 in großer Zahl
eintrafen, blickten auf Jerusalem und all das herab, wofür es in
ihren Augen stand nämlich Obskurantismus, religiöser Eifer und
Schmutz. Besonders verachteten sie, was sie als das
Parasitentum der Jerusalemer Juden und deren Abhängigkeit
von der Challuka (den wohltätigen Gaben) ihrer
Religionsgenossen in Europa und Nordamerika ansahen.
10
David Ben Gurion, der später als israelischer Ministerpräsident
Jerusalem als Hauptstadt Israels ausrufen sollte, ließ sich nach
seiner Einwanderung nach Palästina drei Jahre Zeit, bis er die
Stadt besuchte.
Auch die moderne hebräische Literatur wies, was Jerusalem
betrifft, zwei zutiefst widersprüchliche Tendenzen auf: In den
letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts neigten Autoren
aus dem Lager der Ahavat Zion (Liebe zu Zion) dazu, Jerusalem
zu feiern und Lobeshymnen auf es anzustimmen; modernistische
Dichter und Romanciers vertraten seit Haim Nahman Bialik eine
mehr ungeschminkt realistische Sicht. In der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts gab es eine Strömung in der Literatur, die
Jerusalem feindlich gesonnen war, es verabscheute,
entmystifizierte und sogar seine Bedeutungslosigkeit unterstrich
(Yosef Haim Brenner, Nathan Alterman, Avraham Shlonsky,
der frühe Uri Zvi Greenberg); innerhalb der hebräischen
Literatur prägte sie ein zutiefst negatives Jerusalembild.
11
Selbstverständlich war dies nur eine Denkströmung, aber in
ihrer Zeit war sie vielleicht die einflussreichste und gab das
zionistische Aufbegehren gegen den jüdischen Traditionalismus
am getreuesten wieder.
Bei der Herausbildung des ambivalenten modernen jüdischen
Jerusalembilds konkurrierten somit also spirituelle Werte, die
Jerusalem überhöhten, mit anderen religiösen, sozialen,
politischen und intellektuellen Kräften und wurden von diesen
-22-
überschattet.
-23-
Das Jerusalem der Christen
Zwei christliche Stimmen. Zunächst die des heiligen
Hieronymus (337-420), der sich auf Pilgerfahrt ins Heilige Land
begab und die letzten vierunddreißig Jahre seines Lebens in
einem Kloster in Bethlehem zubrachte. Er meinte, es gehöre
zum christlichen Glauben, «anzubeten, wo Seine Füße
gestanden haben, und die Spuren der Geburt Christi, des
Kreuzes und der Passion zu sehen».
12 Die zweite Stimme ist die
des heiligen Gregor von Nyssa (aus dem 4. Jahrhundert), der
einem seiner Schüler schrieb: «Wenn der Herr die Seligen in
ihre Erbschaft im Königreich des Himmels einlädt, schließt er
eine Pilgerfahrt nach Jerusalem nicht in ihre guten Taten ein.»
13
Zwei christliche Stimmen - zwei christliche Auffassungen zu
Jerusalem.
Für Christen rührte die Heiligkeit Jerusalems einzig und allein
von dem Geschehen her, das mit Leben, Sterben und
Auferstehung des Erlösers in dieser Stadt zu tun hatte.
Historisch gesehen gibt es jedoch keinen Beleg dafür, dass vor
dem 4. Jahrhundert Jerusalem von Christen irgendeine
besondere Heiligkeit beigelegt wurde, und erst dann stoßen wir
auf die erste Aufzeichnung über eine christliche Pilgerfahrt nach
Jerusalem.
Die Forschung der jüngeren Zeit hat sich vor allem auf die
innerkirchliche Auseinandersetzung innerhalb der Christenheit
des 4. Jahrhunderts konzentriert, die zwischen jenen geführt
wurde, die die Heiligkeit Jerusalems betonten, und anderen, die
sie eher herunterspielten. Nach P. W. L. Walker zeigte es sich
von Anfang an, dass Jerusalem und die Heiligen Stätten «bei all
ihrem Vermögen, Brennpunkte der Einheit unter den Christen zu
sein, auch ein großes Potential für Zwietracht bargen».
14 Walker
betont die «weitgehend negativen und ablehnenden» Ansichten
-24-
von Bischof Eusebius, des Metropoliten von Caesarea (ca. 260-
339), in bezug auf die Heiligkeit Jerusalems. Eusebius' Meinung
könnte allerdings zum Teil von Rivalität zwischen seinem
Bischofssitz und Jerusalem bedingt gewesen sein.
15 Jenseits
davon rührte sie aus dem Wunsch her, eine irrige Betonung des
physischen, irdischen Jerusalem zu bekämpfen - ein Irrtum, der
den Juden zugeschrieben wurde.
16
Im Gegensatz dazu und im Widerspruch zu Eusebius vertrat
Bischof Cyril von Jerusalem (ca. 320-386) die Auffassung, dass
«das Vorrecht aller guten Dinge in Jerusalem» sei.
17 Dies wurde
dann auch die herrschende Meinung innerhalb der Kirche. So
wie man Eusebius eher negative Sicht Jerusalems mit den Juden
in Zusammenhang gebracht hat, war auch die eher positive
Haltung von Christen gegenüber Jerusalem während des frühen
Mittelalters mit Feindseligkeit gegenüber den Juden verknüpft:
«Die völlige Zerstörung des jüdischen Jerusalem und seine
Verwandlung in eine christliche Stadt mit der sich daraus
ergebenden Vertreibung, Zerstreuung und Unterwerfung der
Juden wurde als göttliche Strafe und als ein wesentliches
Stadium auf dem Weg der Menschheit zu ihrer Errettung
betrachtet.»
18 Dass sich die theologische Auffassung von
Jerusalems Heiligkeit innerhalb des Christentums durchsetzte,
war jedoch nicht nur eine Folge der Debatte unter den
Kirchenvätern, sondern auch des politischen Triumphs von
Kaiser Konstantin, der seit 324 über Jerusalem herrschte. Die
berühmte Reise seiner Mutter Helena nach Jerusalem, um die
Stätten der Kreuzigung und Auferstehung ausfindig zu machen,
markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der christlichen
Geschichte der Stadt. Die Anastasis (später bekannt unter dem
Namen «Grabeskirche») wurde auf Konstantins Befehl über
dem Grab errichtet und 335 eingeweiht; zuvor hatte an der
Stelle ein Aphrodite-Tempel gestanden. Wie so viele andere
Heilige Stätten und Grabmäler in Jerusalem war die Anastasis
von Anfang an handfester Ausdruck der Rivalität religiöser
-25-
Gesinnungen - in diesem Fall zwischen Christentum und
Heidentum.
Mit Helenas Besuch war Jerusalem als Zentrum der
Verehrung und Pilgerfahrt für Christen fest etabliert. Das
Itinerarium Burdigalense, ein Bericht über eine Pilgerfahrt von
Bordeaux nach Jerusalem im Jahre 333, ist eines der frühesten
Beispiele für eine in der Folgezeit verbreitete literarische
Gattung. Im Jahre 363 geriet die christliche Jerusalemverehrung
kurzfristig in Gefahr, als der heidnische Kaiser Julian Apostata
erwog, den jüdischen Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen.
Aber nach seinem Tod auf dem Schlachtfeld im selben Jahr
wurde sie umso schwungvoller wieder aufgenommen. In voller
Blüte stand sie während der letzten beiden Jahrzehnte des
Jahrhunderts, als Egeria, vermutlich eine spanische Nonne,
einen Bericht über ihre Pilgerfahrt nach Jerusalem verfasste -
der sich noch heute großer Beliebtheit erfreut.
Eine von außen kommende finanzielle Unterstützung für die
christlichen Einrichtungen in Jerusalem - wie für die jüdischen -
ist seit langem ein festes Merkmal der Stadtgeschichte; bei den
Christen geht sie bis in die byzantinische Periode zurück.
Während der ersten Zeitspanne muslimischer Herrschaft über
die Stadt machten Nichtmuslime aller Wahrscheinlichkeit nach
weiterhin die Mehrheit der Einwohner aus. Zu einem gewissen
Zeitpunkt in der frühen arabischen Periode soll es sogar einen
christlichen Gouverneur der Provinz gegeben haben. Vom
Weihnachtstag des Jahres 800, dem Krönungstag Karls des
Großen in Rom, wird berichtet, dem neuen Kaiser seien vom
Patriarchen von Jerusalem als Zeichen des Respekts der
Schlüssel zur Grabeskirche und die Fahne der Stadt
ausgehändigt worden (einem anderen Bericht zufolge war es der
muslimische Kalif Harun al-Raschid). Karl der Große und sein
Sohn Ludwig gründeten eine Anzahl neuer christlicher
Einrichtungen in Jerusalem. An diesen neuen Bauten
entzündeten sich einige Konflikte. So beschwerten sich
-26-
beispielsweise im Jahre 827 Muslime darüber, die Christen
hätten über der Kirche eine größere Kuppel errichtet als die über
dem Felsendom, einem muslimischen Heiligtum. Ähnlich wird
bereits sehr früh von Rivalitäten in Zusammenhang mit
Pilgerfahrten berichtet, ein Grundzug des religiösen und
wirtschaftlichen Lebens der Stadt über die Zeitalter hinweg bis
in die Moderne. Diese Pilgerzüge und die Feiertage, mit denen
sie zusammenhingen, waren häufig Anlass für gewaltsame
Zusammenstöße in der Gemeinde. Am Palmsonntag des Jahres
937 oder 938 wurden eine christliche Prozession angegriffen
und die Grabeskirche niedergebrannt. An Pfingsten 966 wurden
mehrere Kirchen geplündert und am 28. September 1009 auf
Anordnung des geistesgestörten Kalifen al-Hakim die
Grabeskirche ein weiteres Mal zerstört. Erst 1048 wurde sie
wieder aufgebaut.
Mit der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzritter unter
Gottfried von Bouillon am 15. Juli 1099 begann eine neue
Periode des Terrors gegen Muslime und Juden, die allesamt aus
der Stadt vertrieben wurden; ihre Moscheen und Synagogen
wurden dem Erdboden gleichgemacht.
19 Die muslimischen
Heiligtümer auf dem Tempelberg wurden zu christlichen
Kirchen umgewandelt. Die katholischen Könige teilten die Stadt
in separate Bezirke auf, die auf der Nationalität der christlichen
Siedler, der Kreuzritterorden und der diversen ostkirchlichen
Gemeinden beruhten. Das Orthodoxe Patriarchat wurde nach
Konstantinopel verlegt, und die Katholiken nahmen das
praedominium (das Recht auf die Vorrangstellung) an den
Heiligen Stätten für sich in Anspruch.
Nachdem 1244 die Kreuzritter endgültig aus Jerusalem
vertrieben waren, sahen sich die Christen genötigt, ihre
Vorstellung von Jerusalem von einer irdischen in eine
himmlische Sphäre zu überführen. Es blieb aber bei den
christlichen Pilgerfahrten: In seinen Canterbury Tales ließ
Chaucer die Frau von Bath dreimal nach Jerusalem fahren, und
-27-
es kamen viele Bücher mit Laudes Hierosolymitanae
(Lobpreisungen Jerusalems) auf den Markt. Der christliche
Kampf um Jerusalem nahm nun eine neue Form an. Nachdem
die Christen den Krieg gegen die Ungläubigen verloren hatten,
führten sie von nun an Krieg gegeneinander. Tatsächlich hatte
dieser innerchristliche Konflikt bereits früher, im Jahr 1204,
eingesetzt, als der vierte Kreuzzug über Konstantinopel
hereinbrach und es plünderte.
Damit begann in allem Ernst die große Auseinandersetzung
zwischen Ost- und Westkirche um die Kontrolle über die
Heiligen Stätten, vor allem über die Grabeskirche in Jerusalem
und die Geburtskirche in Bethlehem. Unfähig, miteinander einig
zu werden, wurden die zerstrittenen christlichen Gruppen im
Jahre 1289 oder noch davor von den muslimischen Behörden
dazu gezwungen, die Schlüssel der Grabeskirche einer
muslimischen Familie in Verwahrung zu geben. Als 1291 die
letzte Kreuzritterfestung in Palästina - Akka - fiel, waren von
allen katholischen Institutionen in Palästina nur noch die
Franziskaner übrig, die erstmals 1217 ins Land gekommen
waren. Im frühen 14. Jahrhundert berief sie der Papst zum
«Schutz des Heiligen Landes» (Custodia Terme Sanctae). Dieser
kleine Vorposten der römischen Christenheit sah den Kampf
gegen die Ansprüche der Ostkirchen auf Eigentümerschaft an
den Heiligen Stätten als seine vorrangige Aufgabe an. Er
kämpfte mit allen Mitteln, um die immerwährenden Rechte des
wahren Rom in Jerusalem aufrechtzuerhalten. Der Kampf ging
bis in die modernen Zeiten weiter und dauert, wenn auch in
modifizierter Form, noch immer an. Er färbte auf jeden Aspekt
christlichen Lebens in Jerusalem ab sowie auf die Diplomatie
der christlichen Mächte in bezug auf die Heilige Stadt.
Wie für die Juden, wenn auch in anderer Weise, war somit für
die Christen Jerusalem nun ein Symbol der Einheit und zugleich
der Anlass eines tiefgehenden inneren Schismas.
-28-
Das Jerusalem der Muslime
Zwei muslimische Traditionen. Die erste ist eine Aussage, die
dem Propheten Mohammed zugeschrieben wird, der gesagt
haben soll: «Wer die Pilgerfahrt nach Mekka tut und mein Grab
[in Medina] besucht und des weiteren [in einem heiligen Krieg]
kämpft und für mich in Jerusalem betet - den wird Gott nicht
danach fragen, was er [von den Geboten zu achten unterließ],
die ihm gesetzt waren.»
Die zweite Tradition hat mit Umar zu tun, dem zweiten
muslimischen Kalifen, der zur Zeit der ersten muslimischen
Eroberung Jerusalems im Jahre 638 herrschte. Umar soll sich in
einem Kamelgehege aufgehalten haben, als zwei Männer
vorbeigingen. Er fragte sie, woher sie kämen, und sie nannten
Jerusalem. Umar habe sie daraufhin mit seiner Peitsche
geschlagen und zu ihnen gesagt: «Habt ihr eine Pilgerfahrt
gemacht wie die Pilgerfahrt zur Kaaba [in Mekka]?» - «Nein, O
du Kommandeur der Gläubigen», erwiderten sie, «wir kamen
aus diesem oder jenem Gebiet und an [Jerusalem] vorbei und
beteten dort.» Worauf der Umar sagte: «Dann sei es so», und sie
davongehen ließ.
20 Zwei muslimische Stimmen, zwei
muslimische Ansichten zu Jerusalem.
Für Muslime rührt die Heiligkeit Jerusalems in erster Linie
von seiner Identifikation mit der «weiteren Moschee»
(almasdschid alaqsa) her, die im Koran als die Stelle erwähnt
wird, zu welcher der Prophet während seiner «nächtlichen
Reise» von Mekka gebracht wurde. Von hier aus stieg er in den
siebten Himmel auf.
Es gibt jedoch auch gewisse Belege für die Annahme, dass die
Heiligkeit, die man Jerusalem zuschrieb, jedenfalls zum Teil mit
Jerusalems zentraler Stellung innerhalb zweier
-29-
Vorläuferreligionen zu tun hatte, die der Islam zu ersetzen
beanspruchte. Nach muslimischer Tradition war Jerusalem die
erste qibla (die Ausrichtung beim Gebet), bevor sie im Jahre 624
nach Mekka wechselte. Im Koran ist von dieser Praxis nicht die
Rede, aber in der muslimischen Tradition ist sie tief verankert -
und hat noch bis vor gar nicht langer Zeit in der Praxis älterer
Beter im Jerusalemer Felsendom überlebt (wie der Autor 1969
beobachtete).
In der ersten Phase des Islam scheint es die Tendenz gegeben
zu haben, die Heiligkeit Mekkas und Médinas zu betonen und
die Wichtigkeit von Pilgerfahrten nach diesen Städten statt nach
Jerusalem zu unterstreichen. Es gab aber auch gegenteilige
Auffassungen, und so dauerte es bis ins zweite islamische
Jahrhundert (719-816 nach christlicher Zeitrechnung), dass die
Heiligkeit aller drei Städte allgemein anerkannt wurde.
21 Zu
einer höchst wichtigen Entwicklung kam es unter dem Kalifat
von Abd al-Malik b. Marwan (685-705), der sich in einem
Konflikt mit einem anderen Kalifen, Abd Allah b. al-Zubayr,
befand, der seinen Sitz in Mekka hatte. Abd al-Malik errichtete
das eindrucksvollste von allen überkommenen Bauwerken
Jerusalems, den Felsendom - der oftmals fälschlicherweise als
«Omar-Moschee» bezeichnet wird: In der Tat ist er ein
Heiligtum, keine Moschee, und hat mit Omar nichts zu tun. Ein
Kenner des Islam hat geäußert, dass es sich beim Felsendom
nicht nur um eine Stätte des Gedächtnisses an die Auffahrt des
Propheten handelt: «Seine vielen Inschriften deuten darauf hin,
dass er ein Siegesdenkmal ist, das an den Triumph über die
jüdische und christliche Religion erinnert.»
22 Der namenhafte
Orientalist Ignaz Goldziher hat die Auffassung vertreten, dass
Abd al-Maliks Beweggrund für den Bau des Heiligtums und die
Bestärkung der Heiligkeit Jerusalems die Rivalität mit dem
Kalifen von Mekka und der Handel mit den Pilgern war, den er
in seinen eigenen Machtbereich umlenken wollte.
23 Diese
Meinung hat sich inzwischen weitgehend durchgesetzt, auch
-30-
wenn S. D. Goitein sie ablehnte und die These vertrat, Abd al-
Malik habe damit das Ziel verfolgt, ein Gebäude zu schaffen,
das den Vergleich mit den prachtvollen Kirchen Jerusalems und
anderer syrischer Städte aushielt.
24 Gemeinsam ist all diesen
Interpretationen, dass dem Kalifen ein Konkurrenzmotiv
zugeschrieben wird. Der arabische Name der Stadt, al-Quds
(«die Heilige»), kommt erst im späten 10. Jahrhundert erstmals
vor.
25
Überraschenderweise nahmen die Muslime die Eroberung
Jerusalems durch die Kreuzritter zunächst mit Gleichmut hin,
statt sich mit Feuereifer an die Rückeroberung zu machen.
Selbst jene Muslime, die zum heiligen Krieg gegen die
Invasoren aus Franken aufriefen, unterließen es, mit wenigen
Ausnahmen, die Heiligkeit Jerusalems zu betonen - die zu dieser
Zeit im muslimischen Denken weder weit verbreitet noch tief
verwurzelt war.
26 Erst in der Mitte des 12. Jahrhunderts ist eine
gewandelte Einstellung zu beobachten: Wie so oft in der
Geschichte Jerusalems lässt sich eine gesteigerte religiöse
Inbrunst weitgehend mit politischen Notwendigkeiten erklären.
In den vierziger Jahren des 12. Jahrhunderts rief Zenki, der
Herrscher von Mosul und Aleppo, zusammen mit seinem Sohn
und Nachfolger Nur al-Din zu einem uneingeschränkten Krieg
gegen den Kreuzfahrerstaat auf. Dementsprechend stellte ihre
offizielle Propaganda plötzlich die Heiligkeit Jerusalems für den
Islam heraus. Noch weiter akzentuiert wurde diese Tendenz
unter der Führung Saladins, der die Heiligkeit Jerusalems als ein
Mittel einsetzte, um potentielle Gegner niederzuhalten. Im
späten 12. Jahrhundert berief man sich auf den Gedanken der
Heiligen Stadt in innermuslimischen Auseinandersetzungen
nicht weniger häufig als in dem äußeren Konflikt mit dem
Christentum.
27 Die Rückeroberung Jerusalems durch die
Muslime am 2. Oktober 1187 wurde in der islamischen Welt mit
Begeisterung begrüßt. In Briefen, Gedichten und
Glückwunschbotschaften wurde Saladins Sieg bejubelt. In den
-31-
folgenden Jahren vervielfachte und verbreitete sich die Literatur
zum Lobe Jerusalems (Fadail Bayt al-Maqdis) gewaltig.
Muslime wurden ermutigt, sich dort wieder anzusiedeln und auf
Pilgerfahrt dorthin zu ziehen. Wenn die Pilger nach Hause
zurückkehrten, brachten sie den Gedanken der Heiligkeit
Jerusalems mit. «Aufs engste verknüpft mit der Idee des
Dschihad [des heiligen Kriegs], nahm [die Stadt] im religiösen
Bewußtsein frommer Kreise und breiter Volksschichten einen
Ehrenplatz ein.»
28
Fortan sah man die muslimische Herrschaft über Jerusalem
als einen veritablen Akt des Glaubens an. Im Jahre 1191 schrieb
Saladin im Zuge von Waffenstillstandsverhandlungen an
Richard Löwenherz, dass, selbst wenn er persönlich geneigt
wäre, die Stadt aufzugeben, der englische König «sich nicht
vorstellen solle, dass ihre Übergabe möglich wäre; denn vor
Muslimen würde ich es nicht wagen, auch nur das Wort zu
äußern».
29 Dennoch fiel Jerusalem durch den Vertrag von Jaffa
von 1229 an die Christen zurück. Gemäß dieser Vereinbarung
wurden Jerusalem, Bethlehem und Nazareth an Kaiser Friedrich
II. ausgehändigt, obwohl den Muslimen gestattet wurde, ihre
dortigen Heiligen Stätten zu behalten. Sogleich wurden die
Stadtmauern abgerissen, damit Jerusalem nicht länger als
Festung genutzt werden konnte. Infolgedessen war die Stadt für
viele Jahre militärischen Angriffen und Überfällen von
Nomaden ausgesetzt. Der Vertrag sollte zehn Jahre lang gelten.
Danach brachen erneut Kämpfe aus, und 1244 wurde die Stadt
von Charismiern, einem Tatarenvolk, geplündert. Erst nach
1260 wurde unter den Mamelucken die Ordnung
wiederhergestellt.
Unter mameluckischer Herrschaft war Jerusalem ein Ort ohne
jegliche politische Bedeutung.
30 Die Teilung der Stadt in vier
Viertel das muslimische, das christliche, das jüdische und das
armenische geht auf diese Zeit zurück. Islamische Institutionen
wurden geschaffen, und der muslimische Charakter der Stadt
-32-
verstärkte sich, auch wenn die Muslime, im Gegensatz zu den
Christen, die Gegenwart anderer Religionen tolerierten.
Religiöse Gruppen neigten dazu, sich im Umkreis ihrer
wichtigsten Heiligtümer und Heiligen Stätten niederzulassen:
die Muslime im Norden und Westen des Haram al-Scharif
(wörtlich: «edles Heiligtum» - der Name, den man dem
Tempelberg gab); die Armenier im Südwesten in der Nähe ihrer
St. Jakobskathedrale; die übrigen Christen im Nordwesten um
das Heilige Grab und die Juden im Südwesten in der Nähe der
Westmauer. Am Vorabend der Neuzeit war das geteilte
Jerusalem sowohl eine geographische als auch eine spirituelle
Tatsache.
Gegenüber Jerusalem hat es also innerhalb des Judentums, des
Christentums und des Islam gegenläufige positive und negative
Tendenzen gegeben - und in jedem Fall haben für die
Bestätigung oder Qualifikation der Heiligkeit Jerusalems
politische Erwägungen eine entscheidende Rolle gespielt. Die
Rivalität zwischen den Religionen hatte wiederholt in Jerusalem
ihren Brennpunkt. Jede der drei Religionen versuchte, die
anderen beiden in dem Anspruch auf Jerusalem als ein zentrales
religiöses Symbol auszustechen, und dies oft mit einseitiger
Spitzfindigkeit. Andererseits gab es bei jeder Religion
Ambivalenzen und Brüche in ihrem Verhältnis zu Jerusalem,
seinem Grad der Heiligkeit, seinen heiligen Stätten und seiner
Funktion in dieser und der kommenden Welt. Diese
Trennungslinien bestimmten die Geschichte des irdischen
Jerusalem in der Neuzeit. Sie sind der Gegenstand dieses
Buches.
-33-
1. DIE KRIEGE DER KONSULN
Das geteilte Jerusalem ist mindestens so sehr das Ergebnis
von äußerem Druck wie das seiner inneren Dynamik. Vor allem
ist es die Folge des Wettbewerbs unter den Großmächten um
Vorherrschaft in und mittels der Heiligen Stadt. Bei ihrem
Bemühen um ein vages, manchmal fast metaphysisches Prestige
setzten sie oftmals krude Methoden ein, um ihren Einfluss zu
steigern: die Ausbeutung religiöser Empfindungen, die
Förderung örtlicher Proteges und die Errichtung abhängiger
Institutionen - von Kirchen, Klöstern, Konventen, Hospitälern,
Waisenhäusern, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. In
der Mitte des 19. Jahrhunderts war so eine quasiimperiale
Herrschaft entstanden, in der ihre Vertreter vor Ort, die
Konsuln, praktisch in den Rang von Kolonialgouverneuren
gelangten; jeder von ihnen übte Macht über seine eigenen
Staatsangehörigen, Institutionen und Schutzbefohle nen aus, und
jeder führte einen unablässigen Kampf sowohl gegen die
osmanische Regierung wie gegen seine Rivalen im Kreis der
Konsuln.
Als Jerusalem Ende 1516 von den osmanischen Türken
erobert wurde, war es ein obskures Provinznest mit weniger als
15000 Einwohnern. Weder unter den Vorläufern der Osmanen
noch für die folgenden vier Jahrhunderte war es ein wichtiges
Verwaltungszentrum. Während eines Großteils dieser Zeit war
es die Hauptstadt eines Bezirks (Sanjak), der zur Provinz
Damaskus gehörte. Unter der Herrschaft des Sultans Süleiman
II. des Prächtigen (1520-1566) wurde Jerusalems größtes
weltliches Bauwerk, der die Stadt umgebende Mauergürtel,
errichtet - oder vielmehr wieder aufgebaut. Dieser gewaltige
Schutzschild, der noch heute nahezu intakt ist, ermöglichte es
den Osmanen, Invasoren zu widerstehen und die Stadt gegen
-34-
Beduinenangriffe aus dem Umland zu verteidigen. Die Mauern
bestimmten bis ins späte 19. Jahrhundert die Konturen der Stadt,
und die Osmanen legten ihrer Erhaltung große Bedeutung bei.
Als Grund dafür hat man unter anderem die These vertreten,
dass sie fürchteten, es könnte erneut zu Angriffen europäischer
Mächte im Stil der Kreuzritter kommen.
1
Obwohl Muslime während mehr als siebenhundert der
vorausgegangenen neunhundert Jahre die Stadt beherrscht
hatten, hatte Jerusalem doch nie einen ausschließlich
islamischen Charakter angenommen. Unter den Osmanen
drängten sich die unterschiedlichen Glaubensrichtungen
weiterhin in ihren separaten Gebieten zusammen, auch wenn
diese sich erst im 19. Jahrhundert zu der uns heute vertrauten
Einteilung der Stadt in einzelne Viertel auskristallisierten (siehe
Karte 12). Der Begriff des Viertels war eher geographisch als
mathematisch zu verstehen: Das muslimische Viertel war
flächenmäßig das bei weitem größte, und bis etwa zum Anfang
des 19. Jahrhunderts stellten Muslime eine absolute
Bevölkerungsmehrheit in der Stadt. Eine amtliche Volkszählung
von 1560 wies 1933 muslimische, 281 christliche und 237
jüdische Haushaltsvorstände in Jerusalem aus.
2 Man darf sich
die damaligen Stadtviertel nicht hermetisch gegeneinander
abgeschlossen vorstellen; es gab keine äußeren, sie trennenden
Markierungszeichen, und in gewissem Maße waren die
Wohnbezirke gemischt. Vor allem Muslime lebten in allen vier
Vierteln.
3
Im osmanischen Jerusalem regelten und verwalteten die
religiösen Gruppen ihre eigenen Angelegenheiten und
Institutionen grundsätzlich weitgehend ohne Einmischung der
Regierung. Obwohl das Millet-System (mit reichsweit
organisierten, autonomen Glaubensgemeinschaften) erst im 19.
Jahrhundert voll ausgebaut war und diesen Namen trug, lassen
sich seine Wesenszüge bereits in der Lokalverwaltung des 16.
Jahrhunderts beobachten.
4
Christen und Juden waren durch eine
-35-
Reihe diskriminierender Gesetze benachteiligt und in gewissem
Sinne nur Bürger zweiter Klasse, aber sie hatten einen
anerkannten Status in der Gesellschaft und konnten sich bis zu
einem gewissen Grad auf den Schutz durch das Recht verlassen.
-36-
Die Heiligen Stätten
In ihrer modernen Form kam die Jerusalem-Frage erstmals als
ein Nebenprodukt der langsamen Auflösung des
Osmanenreiches zum Vorschein. In der ersten Phase war der
Kampf um die Heiligen Stätten der Christen ihr
Charakteristikum. Obwohl französische Kaufleute im frühen 17.
Jahrhundert in der Küstenebene auftauchten, blieben die
Handelsverbindungen mit Europa und andere äußere Einflüsse
bis in die Spätzeit der Osmanenherrschaft minimal. Und doch
lassen sich die Anfänge eines internationalen, und zwar
vorwiegend christlichen diplomatischen Interesses für Jerusalem
bis in die ersten Jahre der osmanischen Herrschaft
zurückverfolgen. Unter den frühesten Fermanen (Dekreten)
Suleimans II. gab es mehrere, die Christen Rechte und
Privilegien garantierten. Ein an den Gouverneur von Jerusalem
gerichteter Ferman von 1521 besagt beispielsweise, dass «die
Gemeinschaft der Religiösen und andere Arten von derzeit in
Jerusalem wohnhaften Ungläubigen» sich darüber beklagt
hätten, «dass bestimmte Individuen sie unterdrückt und offen
Übergriffe gegen sie begangen hätten, indem sie sie daran
gehindert hätten, ihren Zeremonien gemäß ihren alten Bräuchen
nachzugehen». Der Gouverneur wurde angewiesen, den
Sachverhalt zu untersuchen und derlei Verfolgung künftig zu
verhindern.
5
Ziel der Zentralregierung scheint gewesen zu sein, die
öffentliche Ordnung in einem Gebiet mit religiös gemischter
Bevölkerung aufrecht zu erhalten, und dies zu einer Zeit, als die
Osmanen bei der Eingliederung ihrer neuen Provinzen in die
vorhandene Verwaltung noch die ersten Schritte taten. Doch
spielten schon in dieser frühen Phase sowohl äußere als auch
innere Einflüsse eine Rolle. Nachfolgende Fermane geben einen
-37-
gewissen Eindruck davon, welche Unzuträglichkeiten es waren,
unter denen die Christen angeblich zu leiden hatten, von der
Identität der Opfer und Täter und von dem Vorgang, durch den
die Auseinandersetzungen dem Sultan bekannt wurden. Ein
Ferman von 1525 vermerkt eine Beschwerde, Christen im
Zionskloster seien gewaltsam aus seit langem von ihnen
bewohnten Quartieren und Gärten vertrieben worden. Ein
weiterer von 1528 berichtet, dass Venedigs diplomatischer
Vertreter am osmanischen Hof sich um ein Eingreifen des
Kaisers zugunsten der römischen Christen in der Grabeskirche
bemüht habe, deren Rechte von den Georgiern missachtet
worden seien. Im folgenden Jahr hören wir von «gewissen
Individuen der arabischen Nation», von denen es heißt, sie
bedrängten Priester, und im Jahre 1536 hat, wie wir erfahren,
der venezianische Gesandte ein weiteres Mal interveniert,
diesmal mit dem Vorwurf, «ein Jude namens Salomon und
gewisse christliche Herumlungerer der georgischen Nation»
hätten im Zionskloster römische Christen «belästigt und
bedrängt». Es hieß sogar, sie hätten Marmorarbeiten und Säulen
von der Grabeskirche und anderen christlichen Stätten
davongetragen.
6 Vom Juden Salomon hört man danach nichts
mehr, aber das Thema innerchristlicher Streitereien blieb auch
während der nächsten vier Jahrhunderte durchaus vernehmbar.
Die Häufigkeit von Fermanen, die den örtlichen Gouverneur
auffordern, solche Misshelligkeiten zu verhindern, ist ein Beleg
dafür, dass sie weiterhin vorkamen - oder jedenfalls, dass die
Streitigkeiten ungelöst blieben. Aus solchen diplomatischen
Vorhaltungen entstanden die sogenannten Kapitulationsverträge.
Der erste Kapitulationsvertrag war eine Vereinbarung zwischen
Süleiman und König Franz I. von Frankreich aus dem Jahre
1535, die französischen Kaufleuten bestimmte Privilegien im
Osmanischen Reich gewährte. In diesem Vertrag sind weder
Jerusalem noch die Heiligen Stätten erwähnt. Im Jahre 1542.
jedoch schlossen Frankreich und die Türkei einen förmlichen
-38-
Bündnisvertrag, und während des langen Krieges der Türken
gegen den Heiligen Römischen Kaiser und Venedig übernahm
Frankreich die bislang von Venedig wahrgenommene Rolle des
Protektors der römische n Christenheit im Heiligen Land. Nach
der Schlacht von Lepanto, in der die Türken von den vereinigten
christlichen Seestreitkräften unter Don Juan von Österreich eine
vernichtende Niederlage erlitten, wurden 1572 die in Jerusalem
lebenden Franziskaner festgenommen und als Gefangene nach
Damaskus gebracht. Dank des Eingreifens des französischen
Königs kamen sie wieder frei.
Der erste Kapitulationsvertrag, in dem Jerusalem genannt
wird, wurde 1604 von Sultan Ahmed I. mit Frankreich
geschlossen. Darin stimmte er zu, dass Untertane des
französischen Königs und seiner Verbündeten «unter seinem
Schutz die Heiligen Stätten Jerusalems frei und ohne dass ihnen
irgendwelche Behinderung in den Weg gelegt wird», besuchen
durften. Der Vertrag fügte hinzu, dass «die Mönche, die in
Jerusalem leben und in der Kirche des Heiligen Grabes unseres
Herrn Jesus Christus dienen, dort bleiben und sicher und ohne
Schwierigkeiten oder Umtriebe kommen und gehen dürfen».
7
Diese vertraglichen Verpflichtungen finden in späteren
Anweisungen des Osmanenherrschers an seine Beamten ihren
getreulichen Niederschlag. Zwischen 1604 und 1621 wurden
nicht weniger als dreiunddreißig Fermane erlassen, die sich mit
Jerusalem befassten und bei denen es insbesondere um den
Versuch ging, wiederholten Beschwerden katholischer Christen
wegen «Usurpationen» seitens der orthodoxen Armenier
abzuhelfen.
Weil man offenbar erkannte, dass in diesen Streitigkeiten
unter Mönchen ein Ansatzpunkt für den Gewinn von Einfluss
steckte, beschlossen die Franzosen, einen ständigen Vertreter
nach Jerusalem zu entsenden. Im Jahre 1621 ernannte Ludwig
XIII. den ersten Konsul einer auswärtigen Macht in Jerusalem.
Der König höchstpersönlich war an dem Sachverhalt
-39-
interessiert, weshalb er seinem Botschafter in Konstantinopel
schrieb: «Ich habe es für richtig gehalten, zu Gottes Ruhm und
zur Bequemlichkeit frommer Personen, die andächtig zum
Besuch der Heiligen Stätten gehen, M. Lempereur zu berufen,
die Verantwortung des Konsuls für die französische Nation in
Jerusalem auszuüben.»
8 Der Vorfall, der diese Entscheidung des
französischen Königs veranlasste, war ein angeblicher Übergriff
auf die Rechte der Katholiken durch die Armenier, die es
gewagt hatten, in Christi Geburtsgrotte in Bethlehem zwei
Lampen aufzuhängen und anzuzünden.
Jean Lempereur, ein Pariser Rechtsanwalt, der bereits als
Pilger in Jerusalem gewesen war, schrieb, der König habe sein
Mandat definiert als Verteidigung der Franziskaner und der
katholischen Pilger, die die Heiligen Stätten besuchen, «auf dass
sie von den Türken nicht tyrannisiert und beleidigt werden, wie
es ihnen in der Vergangenheit geschah». Gesichert hatte sich
Lempereur diese Stellung mit Hilfe der guten Dienste seines
Vetters, des damaligen Sekretärs des Connétable von
Frankreich. Seine Vergütung belief sich auf 12000 Écus, jedoch
bezahlte der König diese Summe nicht aus seinen eigenen
Mitteln. Vielmehr sollte sie aus Einkünften der Abteien der
gallikanischen Kirche abgezweigt werden, weshalb Lempereur
dazu genötigt war, einen befreundeten Jesuiten brieflich um die
Intervention des Papstes zu bitten, um sicherzustellen, dass das
Geld auch wirklich ausgezahlt würde.
9
Hinter der Ernennung des Konsuls und den damit
einhergehenden finanziellen Arrangements verbargen sich
sowohl eine politische Intrige als auch rein spirituelle Motive.
Angestoßen wurden sie durch Jesuiten, die darauf aus waren, die
Franziskaner aus ihrer Position als alleinige Repräsentanten der
römisch-katholischen Kirche in Jerusalem zu verdrängen. Im
Stillen ging es der Gesellschaft Jesu sogar um noch
weitergehende Ambitionen. Wie Lempereur erklärte, erhofften
sich die Jesuiten die Gründung eines Kollegs in Jerusalem, das
-40-
«all die christlichen Schismatiker bändigen und in
unverfälschtem Glanz zurückführen [werde], die ganz und gar
vom wahren Pfad abgebracht worden sind».
10 Lempereur war
sich bewusst, wie delikat es war, die Jesuiten in ein Gebiet
hineinzubringen, das die Franziskaner bislang als ganz das ihre
betrachteten. Deshalb drang er darauf, dass der Plan, ein Kolleg
zu errichten, vor seinem Eintreffen in Jerusalem geheim bleibe.
Die Jesuiten versicherten sich der nachdrückliehen
Unterstützung durch Kardinal La Rochefoucauld, der das
Vorhaben dem König empfahl. «Macht Euch keinerlei Sorgen
wegen der Franziskaner», versicherte der Kardinal einem ihm
getreuen Jesuiten. «Sie wissen ganz genau, dass ich im Fall der
Fälle einen Weg fände, sie aus ihrer Position herauszuwerfen.»
11
Um Lempereur den Weg zu ebnen, schickte der König Louis
des Hayes, Baron de Courmenin, als Sonderbotschafter nach
Konstantinopel und Jerusalem. In der türkischen Hauptstadt ließ
des Hayes seine (oder seines königlichen Herrn) Macht auf
gebieterische Weise spüren. Mit nicht nachlassendem Druck
erreichte er, dass die türkische Regierung ihm Briefe an den
Gouverneur von Jerusalem und den dortigen Mufti (einen
hochrangigen muslimischen Mann des Rechts) aushändigte, mit
denen bewaffnet er ins Heilige Land aufbrach. Nach seiner
Landung in Jaffa ließ er in Jerusalem wissen, wie er, der
Repräsentant des Königs von Frankreich, dort empfangen zu
werden erwartete. Darauf kam die Antwort zurück, dass sich die
Beamten der heiligen Stadt in mancherlei Verlegenheit
befänden. Einerseits würden sie gern die Instruktionen ihrer
Obrigkeit befolgen; andererseits fühlten sie sich zu dem Hinweis
verpflichtet, dass das im Lande herrschende Gesetz es Christen
verbiete, Jerusalem zu Pferde oder in Waffen zu betreten. Des
Hayes hatte ursprünglich geplant (jedenfalls behauptete er das),
zu Fuß in die heilige Stadt hineinzugehen, aber jetzt entschied er
sich dafür, diese Botschaft als Affront gegen seinen König
aufzufassen. Deshalb bestand er darauf, auf hohem Ross und mit
-41-
umgegürteten Schwert in Jerusalem einzureiten. Falls man
versuche, ihn daran zu hindern, werde er nach Konstantinopel
zurückreisen und bei der Regierung eine Beschwerde
einreichen; und den Beamten in Jerusalem versicherte er, dass
sie dann «Gelegenheit zu Reue haben würden». Die Drohung
wirkte. Als sich der französische Botschafter der heiligen Stadt
näherte, trat der Unterpascha auf ihn zu und bot ihm eine
Auswahl mehrerer Pferde für seinen zeremoniellen Eintritt an.
Mit glitzerndem Schwert ritt daraufhin des Hayes auf einem
dieser Pferde in die Stadt ein, «zur großen Zufriedenheit der
christlichen Einwohner». Die Franziskaner gele iteten ihn in
einer Prozession zu ihrem Kloster, wo sie ein Te Deum zum
Dank für ihre Befreiung von den Übergriffen der Armenier und
der Verfolgung durch die Türken sangen. Ihre Freude sollte
jedoch nur von kurzer Dauer sein.
Während seines Aufenthalts in Jerusalem traf des Hayes mit
dem Gouverneur und anderen Beamten zusammen und legte
ihnen seine von den osmanischen Behörden stammenden Briefe
vor. Er berichtete, zunächst große Schwierigkeiten gehabt zu
haben, auch nur empfangen zu werden, weil die Armenier, «die
vorhersahen, dass die Diplomatie von M. des Hayes zu ihrem
Ruin führen werde», die örtlichen Beamten mit 30000 Livres
bestochen hatten. Überdies sorgte das arrogante Auftreten des
Gesandten für Murren in der muslimischen Bevölkerung.
Trotzdem fügten sich Gouverneur und Mufti seinen
Forderungen nach Instandsetzung der Grabeskirche, nach
Entfernung der Armenier von den Heiligen Stätten und ihrer
Ersetzung durch die Franziskaner sowie nach der Errichtung von
Lempereurs Konsulat.
12
Bei seiner Rückkehr nach Paris beglückwünschte sich der
Botschafter zum Erfolg seiner Mission. In einem Brief an den
General des Jesuitenordens gab er preis, eine geheime
Vereinbarung mit einem jungen libanesischen Amir namens
Fakhr al-Din getroffen zu haben, der zu einer früheren Zeit
-42-
Zuflucht in der Toskana gefunden hatte und einen Angriff auf
die Levante im Bündnis mit christlichen Mächten plante.
13 Bald
jedoch stellte sich heraus, dass des Hayes hochnäsiges Auftreten
und politische Intrigen bei seinen türkischen Gastgebern
gegenteilige Wirkungen gezeitigt hatten. Kaum hatte er ihnen
den Rücken zugekehrt, da erließ der Sultan einen Ferman, der
die Rechte der Armenier hinsichtlich der Heiligen Stätten
gegenüber den Franziskanern erneut bestätigte. Der Erlass
verfügte, die Arme nier sollten «ihre eitlen Zeremonien... wie ab
antiquo abhalten; ihre Kerzen anzünden und ihre Lampen
aufhängen und die Gebühren der awqaf (der wohltätigen
Stiftungen) bezahlen. Niemandem, weder den fränkischen noch
irgendeiner anderen Gemeinschaft christlicher Untertanen solle
erlaubt sein, sich einzumischen oder dagegen vorzugehen. Sie
sollten sie nicht behindern. Macht dies bekannt. Lasst sie mein
edles Zeichen achten.»
14
Lempereur hatte deshalb den Eindruck, dass ihm des Hayes,
weit entfernt davon, seinen Weg zu erleichtern, vielmehr
unabsichtlich die ganze Angelegenheit vermasselt habe. Sobald
Lempereur im Dezember 1623 in Jerusalem eingetroffen war
und es sich im Kloster der Franziskaner bequem gemacht hatte,
kam es zu Streit mit seinen Gastgebern, die ihn aus dem
Gebäude herauswarfen. Bei dem Streit ging es teils um
Finanzen, teils war er die Folge der Befürchtungen der
Franziskaner (für die es, wie wir sahen, gute Gründe gab), dass
der Konsul Jesuiten ins Heilige Land bringen werde. Sie
beharrten darauf, dass die Franziskaner als anerkannte
«Wächter» des heiligen Landes ein Monopol bei sämtlichen
Unterfangen der Katholiken im Lande hätten. Auch beim
venezianischen Botschafter in Konstantinopel und beim
osmanischen Pascha von Jerusalem stieß Lempereur auf bittere
Feindseligkeit. Letzterer ließ sich von den Mitbringseln des
Franzosen nicht besänftigen und beschuldigte ihn einer Intrige
mit einem rebellischen Häuptling aus der Nachbarschaft. Auch
-43-
dieser Vorwurf war wohl begründet.
Lempereurs Mühen fielen und hingen zusammen mit der
Landung von Fakhr al-Din an der Küste Palästinas. Obwohl er
unweit von Jaffa eine Niederlage erlitt, blieben die Ambitionen
des Amir noch für eine Reihe von Jahren eine Bedrohung für die
Macht der Osmanen in der Region. Lempereur stand unter
dringlichstem Verdacht, mit dem Libanesen verbündet und
womöglich ein Spion zu sein. Neun Monate nachdem er seine
Tätigkeit aufgenommen und so ziemlich jeden vor den Kopf
gestoßen hatte, widerfuhr dem Vertreter des Königs von
Frankreich die Demütigung, dass man ihn verhaftete, auflud und
als Gefangenen nach Damaskus eskortierte. Nach fünf Tagen im
Kerker bahnte er sich mit Schmiergeld den Weg in die Freiheit.
Für kurze Zeit kehrte er nach Jerusalem zurück, aber es gelang
ihm nicht, sich noch einmal irgendwelche Autorität zu
verschaffen. Im Januar 1625 trat er den Rückzug nach
Konstantinopel an, wo er die nächsten fünfunddreißig Jahre als
Sekretär an der französischen Botschaft verbrachte -«eine
Beschäftigung, die zweifellos weniger gefährlich war als die des
Konsuls in der heiligen Stadt», wie einer seiner Nachfolger im
20. Jahrhundert dazu anmerkte.
15
So schändlich endete die erste Expedition eines europäischen
Konsuls nach Jerusalem. Ihre Hauptthemen kehrten während
nachfolgender Missionen in den nächsten drei Jahrhunderten
freilich immer wieder: anmaßender Stolz, politische Absichten
unter einer spirituellen Verkleidung, Konkurrenz zwischen den
westlichen und östlichen Kirchen und innerhalb der Kirchen,
Streit mit aufmüpfigen Schutzbefohlenen, die sich gegen die
Kosten sträuben, die ihnen der zweifelhafte «Schutz» aufbürdet,
Bündnisse mit örtlichen Rebellen gegen die Oberhoheit des
Sultans. Das Muster für künftige Entwicklungen war damit
vorhanden.
In den folgenden Jahrzehnten kam es wiederholt zu
Veränderungen bei der Kontrolle über die Heiligen Stätten, je
-44-
nach den diplomatischen Winden aus Ost oder West, welche die
osmanische Regierung vor sich her trieben. Immer wieder erließ
der Sultan Fermane, in denen er die Rechte dieser oder jener
Kirche auf diesen oder jenen heiligen Ort bestätigte. Allein
zwischen 1630 und 1637 soll das praedominium sechsmal
zwischen Orthodoxen und Katholiken gewechselt haben.
16
Erst 1699 wurde ein Nachfolger für Lempereur ernannt. Der
Hintergrund für diese Berufung scheint eher kommerzieller als
geistiger Natur gewesen zu sein, vor allem der dringliche
Wunsch, nach einer Zeit gestörten Handels endlich eine
reibungslose Versorgung der französischen Manufakturen mit
«Baumwolle aus Jerusalem» zu gewährleisten.
17 Konsul
Brémonds erstes Zusammentreffen mit dem Pascha von
Jerusalem, das in Akka stattfand, verlief bemerkenswert
freundlich. Der osmanische Beamte war die Freundlichkeit in
Person und überschüttete ihn mit Höflichkeiten.
18 Im Februar
1700 erwartete ihn dann am Stadttor von Jerusalem ein weniger
erfreulicher Empfang: Er wurde vom Mufti herausgefordert, der
einem franziskanischen Chronisten zufolge - mit sehr lauter
Stimme gegen die Anwesenheit des Konsuls Einwände erhob
und ihn der Spionage beschuldigte. So musste er denn seine
erste Nacht unter dem Schutz seines Freundes, des Pascha,
verbringen. Am folgenden Morgen traf er, von dreißig Soldaten
geleitet, im Kloster der Franziskaner ein. Dort wurde er mit
nicht weniger Misstrauen begrüßt als damals Lempereur,
obwohl ihm die Mönche «wie einem Pilger die Füße wuschen».
Binnen achtundvierzig Stunden kam es zu einer heftigen
Auseinandersetzung über Rangfragen, als Brémond darauf
bestand, dass ihm als königlichem Gesandten am Esstisch und in
der Kirche der Ehrenplatz gebühre. Der Streit wurde derart
hitzig, dass der Konsul einem der Mönche angedroht haben soll,
ihm ein Tracht Prügel auf die Fußsohlen verpassen «und die
Haare seines Bartes ausreißen» zu lassen. Im Lauf der Zeit
verschlechterten sich auch seine Beziehungen zu den
-45-
osmanischen Behörden. Nach sechs Monaten gab der Pascha
offenherzig zu, seine frühere Liebenswürdigkeit sei einzig und
allein durch die Hoffnung auf finanzielle Belohnung motiviert
gewesen; da diese ausgeblieben war, forderte er nun Brémond
auf, die Stadt binnen drei Tagen zu verlassen. Als Flüchtling
suchte Brémond in Bethlehem Unterschlupf. Während er sich
dort aufhielt, fand auf dem Haram al-Scharif eine Demonstration
von «mehr als zehntausend Leuten» statt, die sich gegen die
Präsenz eines christlichen Konsuls in Jerusalem wandten und
drohten, ihre Wut an den Franziskanern auszulassen. Daraufhin
ordnete der Pascha an, dass Brémond den ganzen Bezirk zu
verlassen habe. In Begleitung einer Militäreskorte, die er
übrigens selbst bezahlen musste, machte er sich aus dem Staub,
wobei er unterwegs auch noch einen Großteil seines Gepäcks
und sogar seine Kleidung verlor.
19
Im Jahre 1703 brach in Palästina ein großer Aufstand aus. Die
Rebellen nahmen Jerusalem ein und verschlossen seine Tore.
Zwei Jahre lang hielten sie einer osmanischen Belagerung stand,
bis sie der Hunger zur Aufgabe zwang. Unter derart
ungesicherten Verhältnissen war an einen neuen Versuch mit
einem Konsulat nicht zu denken. Unterdessen sorgte der
Spanische Erbfolgekrieg für Erschütterungen in Europa. Erst
1713, unmittelbar nach dem Frieden von Utrecht, traf ein dritter
französischer Konsul in Jerusalem ein, der nicht freundlicher
empfangen wurde als seine Vorgänger. Er blieb denn auch nur
vier Monate. Zwischen 1714 und 1843 ließen die Franzosen
dieses Feld unbestellt. Lempereurs und Brémonds Erfahrungen
und die Streitigkeiten, die zu ihrem Scheitern geführt hatten,
nahmen manche Auseinandersetzungen und Zwistigkeiten
vorweg, mit denen sich viele spätere Konsuln der
unterschiedlichsten Nationalitäten in der Stadt des Friedens
auseinander zu setzen hatten.
Im Verlauf des 18. Jahrhunderts nahmen diese Konflikte nach
und nach einen in diplomatischer Hinsicht bedrohlichen Aspekt
-46-
an, als neben Frankreich nun auch Russland sich für das Heilige
Land zu interessieren begann. Mit dem Problem der Heiligen
Stätten verbunden war das größere Problem der
nichtmuslimischen Gemeinden in Jerusalem und im gesamten
Osmanischen Reich. In Jerusalem waren Christen und Juden
nicht nur der Jizya unterworfen (einer Sondersteuer für
Nichtmuslime), sondern auch noch weiteren diskriminierenden
Abgaben für Einzelpersonen und Einrichtungen.
20 Russland
übernahm nun die Rolle des Verteidigers der orthodoxen Kirche,
welcher die Mehrheit der palästinensischen Christen angehörte.
Frankreich wiederum bestärkte seine Tradition als Schutzmacht
der römisch-katholischen Kirche im Heiligen Land. Die
Katholiken, die zahlenmäßig in Palästina viel schwächer waren
als die Orthodoxen, erwarteten umso dringlicher von den
Franzosen, dass sie die Waage zu ihren Gunsten beeinflussen
würden.
Der schrittweise Rückzug der Türken aus Europa ließ sie eine
Reihe von Verträgen mit christlichen Mächten unterzeichnen, in
denen die Beschützer der Ost- und Westkirchen Bevorzugungen
für ihre Schutzbefohlenen in Jerusalem unterzubringen suchten.
Im Frieden von Karlowitz von 1699, in dem die habsburgische
Herrschaft über Ungarn, Siebenbürgen und große Teile
Slawoniens und Kroatiens bestätigt wurde, gelang es den
katholischen Mächten, ihre Rechte an den Heiligen Stätten
vertraglich anerkennen zu lassen. Im Frieden von Passarowitz
wurden sie 1718 bestätigt. Französische Hilfe zugunsten der
Türken gegen Österreich und Russland führte im Jahre 1740 zu
einer weiteren Vereinbarung, die die Rechte der Katholiken
bestärkte und tatsächlich Frankreich als deren Schutzmacht
anerkannte. In Walter Zanders Worten bedeutete dieser Vertrag
«den Höhepunkt französischen Einflusses im Osmanenreich»
und galt künftig «als eine Art Magna Charta der Rechte der
Katholiken»
21
Zu dieser Zeit war der Wettbewerb um die Vorherrschaft an
-47-
den Heiligen Stätten bereits zu einem ständigen Thema auf der
Tagesordnung der internationalen Diplomatie avanciert. Ähnlich
wie heute bei den Menschenrechten kam kaum ein wichtiger
internationaler Vertrag ohne die rituelle Beschäftigung damit
zustande. Darüber schrieb später der katholische Historiker
Paschal Baldi:
Die Frage der Heiligen Stätten trat somit als eine der großen
Fragen des europäischen Völkerrechts in Erscheinung, bei denen
sich die großen katholischen Völker so interessiert zeigten, dass
sie sie jedesmal dann zum Gegenstand spezieller
Vereinbarungen mit der Regierung der Hohen Pforte machten,
wenn der Abschluss von Waffenstillständen, Friedensverträgen,
Bündnissen oder auch bloßen Handelsabkommen anstand.
22
Das Bestehen solcher Verträge und der Erlass zahlloser
Fermane brachten freilich die Feindseligkeiten vor Ort nicht
zum Stillstand. Vielmehr wurden sie immer ernster, wie sich
etwa aus folgender Beschreibung eines Vorfalls aus dem Jahr
1757 ersehen lässt:
Angestachelt und bewaffnet von den eigenen Mönchen,
stürmte der griechische Mob in der Nacht vor Palmsonntag mit
Knüppeln, Keulen, Haken, Dolchen und Schwertern in die
Basilika [des Heiligen Grabes]; warf die Kerzen um, zerriss die
Wandteppiche, zerbrach die Lampen und hieb alles in Stücke;
dann gingen sie gegen das Kloster der Minoriten vor, um die
dort lebenden armen Mönche zu töten, die die Türen
verbarrikadieren mussten, um der Gewalt dieser «von Wein und
Völlerei aufgepeitschten» Übeltäter zu entgehen.
23
So jedenfalls die Darstellung Baldis, die noch anderthalb
Jahrhunderte später vor Entrüstung sprüht. Die Orthodoxen
-48-
hatten, wie nicht anders zu erwarten, eine andere Version des
Vorgangs, und ihnen gelang es, die osmanische Regierung zum
Erlass eines neuen Fermans zu überreden, der die Rechte der
Katholiken beschnitt. Die Vorhaltungen des französischen
Botschafters wischte der Großwesir mit der zynischen
Bemerkung beiseite: «Diese Orte, Sir, gehören dem Sultan, und
er gibt sie, wem er möchte; es mag wohl sein, dass sie sich
immer in den Händen der Franken befanden, aber heute wünscht
Seine Hoheit, dass sie den Griechen gehören.»
24
Der Friede von Kütschük Kainardsche, den Russland und die
Türkei im Jahre 1774 nach dem Sieg der Truppen Katharinas
der Großen über die Osmanen schlössen, brachte den Triumph
der Ostkirche über die Westkirche definitiv zum Ausdruck. In
Artikel 7 versprach die osmanische Regierung «steten Schutz
für die christliche Religion und die Kirchen jener Religion».
Obwohl die Westkirche gewisse Rechte behielt, spielten die
Orthodoxen doch eindeutig die erste Geige. Jetzt hatten sie ihre
eigene «Magna Charta».
Als 1799 Napoleon seine Armee aus Ägypten nach Palästina
führte, sah es für einen Moment so aus, als könnte Jerusalem
erneut unter christliche Herrschaft fallen. Der junge General
eroberte Jaffa, Ramallah und Akka, erklärte aber, dass die
heilige Stadt «nicht auf seiner Marschlinie» liege und zog
davon, um anderswo seiner höheren Bestimmung
nachzugehen.
25 Sein englischer Widerpart, Sir Sidney Smith,
hingegen besuchte Jerusalem und marschierte in einer
Prozession zur Grabeskirche, bevor er wie Napoleon in seine
Heimat zurückkehrte. So trivial diese Episoden für sich
genommen auch sind, gaben sie doch eine erste Vorahnung der
späteren anglofranzösischen Entfremdungen in diesem Gebiet.
Als im Jahre 1808 die Grabeskirche bis auf ihre Grundmauern
niederbrannte, bezichtigten bösartige Stimmen in den
christlichen Konfessionen einander, dafür verantwortlich zu
sein. Die Regierung erlaubte zwar den Wiederaufbau, aber
-49-
zwischen Orthodoxen und Katholiken kam es zum Streit, wer
ihn beaufsichtigen solle, und manche Muslime versuchten zu
verhindern, dass es überhaupt dazu käme. Der Ausbruch des
griechischen Unabhängigkeitskriegs im Jahre 1821 führte zu
muslimischen Angriffen auf das griechischorthodoxe Patriarchat
in Jerusalem; es kam auch zu weiteren Unruhen, die sich zu
einer regelrechten Revolte auswuchsen. Mit Kanonen, die auf
dem Ölberg aufgestellt waren, wurden die Rebellen in der Stadt
bombardiert, und erst 1826, nach dem Eintreffen einer von
Beduinen aus dem Stamm des Abu Gösch verstärkten
osmanischen Armee, wurde der Aufstand niedergeschlagen.
-50-
Jerusalem unter ägyptischer Herrschaft
Es dauerte bis in die dreißiger Jahr des 19. Jahrhunderts, bis
Jerusalem mit aller Gewalt auf die diplomatische Bühne trat.
Auslöser war die Eroberung Palästinas durch Muhammad Ali,
den Herrscher Ägyptens und übermächtigen Vasallen des
osmanischen Sultans. Im Dezember 1831 rückte eine 90000
Mann starke, von Muhammad Alis Sohn Ibrahim geführte
Armee in Jerusalem ein. Zwar hielt sich eine osmanische Truppe
für ein paar Monate in der Zitadelle, und die muslimischen
Notabein am Ort waren zunächst auch nicht bereit, mit den
Ägyptern zusammenzuarbeiten. Im April 1832 trat - dazu
gezwungen oder überredet - der Mufti von Jerusalem auf
Ibrahims Seite, aber die übrige muslimische Hierarchie, die den
Verlust ihrer Privilegien befürchtete, blieb den Invasoren weiter
feindlich gesonnen.
26
1834 vertrieb ein Bauernaufstand, dessen Zentrum in Nablus
lag, der aber von Stadtbewohnern und Jerusalemer Notabein
unterstützt wurde, Ibrahims Armee aus der Stadt. Zu denjenigen,
die sich an dem Aufstand beteiligten, gehörten zwei Mitglieder
der angesehenen und einflussreichen Familie Husayni (die im
folgenden Jahrhundert mehrere führende palästinensische
Nationalisten hervorbrachte). Einige Historiker haben in
jüngster Zeit in dieser anti-ägyptischen Bewegung die ersten
Anfänge eines palästinensischen Nationalismus sehen wollen.
27
Der unmittelbare Grund für den Widerstand waren allerdings
Konskriptionen, und es gibt keinerlei Beleg dafür, dass dabei
nationale Empfindungen im Spiel waren, die die
Konfessionsgrenzen überstiegen; ganz im Gegenteil, dabei
äußerte sich eine heftige Feindseligkeit sowohl gegenüber
Christen, die in die Klöster flohen, als auch gegenüber Juden.
28
Nach kurzer Zeit eroberten die Ägypter Jerusalem zurück und
-51-
hielten die Stadt mit einer Garnison von 3000 Mann, mit der
sich jeder potentielle Widerstand niederringen ließ, bis 1840 in
einem eisernen Griff.
Die ägyptische Herrschaft brachte ein modernisierendes
Element in die Verwaltung des Landes. In Jerusalem machte
sich das besonders an der verbesserten Lage der Christen
bemerkbar, denen Rechtsgleichheit mit den Muslimen
eingeräumt wurde und die von nun an auch für Ämter in Frage
kamen. Erstmals seit 1289 wurden allen drei christlichen
Hauptgemeinden - Katholiken, Griechisch-Orthodoxen und
Armeniern - Schlüssel für die Grabeskirche ausgehändigt.
29
Auch die Lage der Juden verbesserte sich, obwohl während des
Aufstands von 1834 eine Reihe jüdischer Läden in Jerusalem
von Muslimen überfallen worden war.
30
Während die Macht der Ägypter wuchs, zog die Furcht vor
einem totalen Zusammenbruch der Osmanenherrschaft die
miteinander rivalisierenden europäischen Mächte weiter in das
Geschehen hinein. Die Briten wurden zum Hauptbannerträger
für die Integrität des Osmanischen Reichs, während Frankreich
sich hinter den Neuankömmling, den Herrscher von Ägypten,
stellte. Im Jahre 1838 wurde in Jerusalem ein britisches
Konsulat errichtet. Es hieß, Lord Palmerston habe sich damit für
den Schutz der Juden in Jerusalem einsetzen wollen, ein Ziel,
für das sich mit allem Nachdruck die englischen Evangelikaien
einsetzten, wie etwa der damalige Lord Ashley, der besser als
der 7. Earl von Shaftesbury bekannt ist. Mayir Vereté hat aber
überzeugend dargelegt, dass Palmerstons Motive eher
strategisch als religiös inspiriert waren. Vor allem scheint
Palmerston dabei im Sinn gehabt zu haben, dem wachsenden
russischen Einfluss in der Region etwas entgegenzusetzen.
31 Die
Franzosen eröffneten 1843 erneut ihr Konsulat, diesmal für
längere Zeit als vordem, und bald darauf folgten weitere
Konsulate: von Sardinien und Preußen (1843), von den
Vereinigten Staaten (1844), von Österreich (1849) und Russland
-52-
(1853). Im Laufe der Zeit eröffneten auch Schweden,
Norwegen, Dänemark, Portugal, Belgien, die Niederlande und
Persien ihr Konsulat in Jerusalem.
Die Nahostfrage, wie sie inzwischen hieß, nahm 1839 die
Größenordnung einer ausgewachsenen Krise an, als Muhammad
Ali Konstantinopel zu erobern und sich der osmanischen
Regierung zu bemächtigen drohte. Er wurde zwar von den
Franzosen unterstützt, aber Russland, Großbritannien,
Österreich und Preußen traten miteinander zur Verteidigung des
Sultans an. Für diesen diplomatischen Rückhalt hatten die
Türken allerdings einen Preis zu bezahlen. Der Sultan war im
Gegenzug dazu genötigt, im November 1839 ein Dekret zu
erlassen, «das Edle Reskript der Rosenkammer», in dem allen
Nichtmuslimen im Osmanenreich Rechtsgleichheit mit den
Muslimen versprochen wurde. Das Dekret war Teil einer breiter
angelegten Reformpolitik (Tanzimat), mittels derer das
Osmanenreich den Anschluss an die Moderne zu finden hoffte.
Das «Edle Reskript» gab den Mächten einen Hebel in die
Hand, um die den Konsuln eingeräumten Schutzrechte in
Jerusalem und anderswo im Osmanenreich zur Steigerung ihres
Einflusses zu nutzen.
Folglich hielt jeder Konsul Ausschau nach potenziellen
Schutzbefohlenen. Die Russen verstärkten ihren Schutz der
orthodoxen Christen - auch wenn ihnen das Recht dazu später
von den Griechisch-Orthodoxen streitig gemacht wurde. Die
Franzosen übernahmen wieder ihr traditionelles Protektorat über
die lateinischen und unierten Christen - bei dem ihnen im Lauf
der Zeit die Italiener zu Rivalen wurden. Einheimische
Protestanten gab es in Palästina nur wenige - aber amerikanische
und britische Missionare machten sich mit Eifer daran, für
Nachschub zu sorgen. Und die britischen Konsuln nahmen es
darüber hinaus auf sich, nicht nur die Drusen zu beschützen,
sondern auch «Samariter, Abessinier und alle in Not
befindlichen Juden».
32
-53-
Am 15. Juli 1840 unterzeichneten die Vertreter
Großbritanniens, Österreichs, Preußens, Russlands und der
Türkei in London eine Konvention, die Muhammad Ali einen
Krieg androhte, wenn er sich nicht aus Syrien zurückzöge. Die
Herrschaft über Palästina, Jerusalem eingeschlossen, sollte er
jedoch behalten dürfen. Man gab dem ägyptischen Herrscher
zehn Tage, die Bedingungen anzunehmen oder die
Konsequenzen zu tragen. Die Franzosen waren höchst
aufgebracht und gaben kriegerische Geräusche von sich. Vom
Rückhalt der Franzosen ermutigt, lehnte Muhammad Ali den
Vorschlag der vier Mächte ab. Daraufhin erschien eine alliierte
Flotte vor der syrischen Küste, und im Lande brach ein
allgemeiner Aufstand gegen die Ägypter aus. Ibrahim zog sich
eilends nach Süden zurück, und mit seiner Herrschaft über
Syrien war es mit einem Schlag vorbei.
Die durch diesen Rückschlag zutiefst getroffenen Franzosen
sannen auf Rache. Im Dezember 1840 ließ der optimistisch
gestimmte Außenminister Guizot in einem Privatbrief wissen,
dass «die jüngsten Ereignisse keineswegs die alten Präferenzen
zerstört haben, welche die östlichen Katholiken immer für uns
hatten. Wir werden sie genau an diesen Orten weiter
kultivieren.» Kurz darauf erfuhr Lord Granville, der britische
Botschafter in Paris, dass Guizot insgeheim erwog, eine
«christliche Freie Stadt in Jerusalem» in der Art der damaligen
Freien Stadt Krakau zu etablieren.
33 In der mit der Jerusalem-
Frage befassten Diplomatie war dies das erste Mal, dass der
Gedanke an eine Art Internationalisierung ins Spiel kam. Als
einer der vielen ironischen Aspekte der Frage sei angemerkt,
dass Guizot, der Urheber des Plans, unter Ausnutzung der
historischen Verbindungen zwischen Frankreich und der
katholischen Kirche in Palästina Frankreichs Ansprüche
voranzutreiben, selbst ein Protestant war. Aber Lord Palmerston
verweigerte Guizots Vorhaben seine Unterstützung: «Religiöse
Schutzmaßnahmen ebnen politischer Auflösung den Weg»,
-54-
meinte er.
34 Zur großen Erleichterung der Briten verwarf auch
Guizots königlicher Gebieter dessen Idee. Im Gespräch mit Lord
Granville behandelte König Louis Philippe «die Vorstellung, in
Jerusalem eine kleine unabhängige christliche Gemeinde zu
schaffen, als chimärenhaft und absurd».
35 Metternich
verkündete, dass auch Österreich gegen die Schaffung eines
levantinischen Krakau sei. Die Idee löste sich in Luft auf.
-55-
Das protestantische Bistum
In revidierter Form fand das Projekt kurz darauf einen neuen
und mächtigen Befürworter. Friedrich Wilhelm IV. hatte im Juni
1840 den preußischen Königsthron bestiegen. Die im folgenden
Monat unterzeichnete Londoner Konvention lenkte seine
Aufmerksamkeit auf Palästina, und der Rückzug von
Muhammad Alis Truppen schien ein einladendes Vakuum zu
hinterlassen. Im Februar 1841 machte der preußische König den
Vorschlag, ein internationales Abkommen über Jerusalem,
Bethlehem und Nazareth zu schließen, das eine unabhängige
Regierung für die christlichen Einwohner und die Schaffung
einer von fünf Mächten (Österreich, Russland, Frankreich,
Großbritannien und Preußen) getragenen Verwaltung der
Heiligen Stätten vorsehen solle. Natürlich hatten die Preußen,
um mit Molières Misanthropen zu spreche n, «ihre Gründe».
Anders als Franzosen und Russen hatten sie nämlich dort nur
wenige Schutzbefohlene. Zur damaligen Zeit gab es fast keine
Lutheraner in Palästina. Es war eine frühe Bestätigung jener
Regel, die sich später häufig wiederholen sollte: die
Internationalisierung als ein Mittel jener, die vor Ort nur über
eine schwache Position verfügten. Friedrich Wilhelm IV. nahm
seinen Vorschlag immerhin so ernst, dass er seinen Bruder nach
Palästina entsandte, um das Land zu erkunden.
Das katholische Österreich und das orthodoxe Russland
machten bald darauf dem Gedanken des preußischen Königs ein
Ende. Zu etwa der gleichen Zeit befürwortete dieser jedoch ein
weiteres Vorhaben, das im Gegensatz zu der geplanten
Internationalisierung auch zustande kam. Es ging dabei um ein
gemeinsames preußisch-englisches Bistum in Jerusalem. Die
Idee mag seltsam anmuten: Als wären Lutheranertum und
Anglikanismus irgendwie dasselbe. Tatsächlich trieb den
-56-
preußischen König der Gedanke, dass sich alle evangelischen
Christen in einer einzigen Kirche zusammenschließen sollten.
Jerusalem war nach seiner Überzeugung «der Ort, wo die wahre
Einheit und Katholizität von Christi Kirche zur Schau gestellt
werden soll».
36 Hauptbefürworter dieses Vorschlags war
Freiherr (später Baron) Friedrich von Bunsen, den der König
nach England schickte, um unter britischen Evangelikaien, wie
etwa Shaftesbury, dafür zu werben. Bereits im August 1840
hatte Bunsen an Gladstone geschrieben: «Es ist gewiss
unmöglich, in der Gründung einer englischen Kirche und einer
Kongregation christlicher Proselyten auf dem heiligen Hügel
Jerusalems nicht den Finger Gottes zu sehen.»
37 In einem Brief
an seine Frau behauptete Bunsen, eine Art Vision gehabt zu
haben, dass es der Wille des Herrn sein könnte, und
wahrscheinlich der des Königs wäre, dass die beiden
protestantischen Hauptkirchen Europas in Jerusalem einander
über dem Grab des Erlösers die Hand der Freundschaft
reichen.
38
Hinter solchen ökumenischen Ideen lagen andere Motive, die
Bunsens englische Gesprächspartner zu überzeugen halfen.
Eines davon war das seit langem bestehende, von den Puritanern
des 17. Jahrhunderts geerbte englische Interesse an den Juden
als Werkzeugen des kommenden Millenniums. So hatte
beispielsweise der baptistische hebräische Gelehrte und Pastor
Henry Jessey kurz nach der Mitte des 17. Jahrhunderts in
England 300 Pfund für die Jerusalemer Juden gesammelt, die,
wie er schrieb, von anderswo lebenden Juden unterstützt
würden, «um es sozusagen in Besitz oder doch wenigstens
irgendeine Position dort zu halten und ihre Hoffnungen zu
zeigen, bis es zu einer vollständigen Wiederherstellung
kommt».
39 Der evangelikale Philosemitismus des 19.
Jahrhunderts vermochte die diplomatische Rivalität freilich
kaum zu verdecken. Bunsen vermerkte, es sei «notorisch», dass
die Aktivitäten französischer Missionare in der Levante im
-57-
Wachsen begriffen seien. Die englischen Evangelikaien hatten
ihre eigene, konkurrierende Agenda, denn sie sahen im
Jerusalemer Bistum eine Sache, die ihnen in ihrer
Abwehrschlacht gegen die Romanisierungstendenzen der von
John Henry Newman (dem späteren Kardinal) geführten
sogenannten Oxforder Traktarianer von Nutzen sein könnte. Das
Bistum machte den Anschein, als böte es eine Art
protestantischer Katholizität, die mit der römischen in
Konkurrenz treten könnte. Neben diesem religiösen Eifer kamen
aber auch in England Erwägungen auf, die in direkterem Sinn
politisch waren. Trotz Muhammad Alis Rückzug aus Syrien sah
es auch weiterhin danach aus, als drohe das Osmanische Reich
auseinander zu brechen; käme es dazu, dann, so ein Vorschlag,
könnte die Levante durchaus ein geeignetes Gebiet für die
Ansiedlung von Europäern werden. All diese Ideen halfen mit,
dass Bunsen für sein Vorhaben rasch die Zustimmung von
Königin Viktoria, der britischen Regierung, von Mehrheiten in
beiden Häusern des Parlaments sowie des überwiegenden Teils
der anglikanischen Kirche fand.
Das Bistum wurde im Juli 1841 mit einer schriftlichen
Vereinbarung zwischen den beiden Regierungen geschaffen, auf
die rasch die Verabschiedung eines entsprechenden Gesetzes
folgte - das notwendig war, weil noch nie ein anglikanischer
Bischof eingesetzt worden war, der sein Amt im Ausland und
für Ausländer ausüben sollte. Friedrich Wilhelm IV. setzte einen
Betrag von 15000 Pfund für den neue n Bischofssitz aus. Die
englischen und preußischen Könige hatten abwechselnd das
Nominationsrecht. Obwohl es gemeinhin ein «anglopreußisches
Bistum» genannt wurde, war es doch genau genommen nur ein
anglikanisches, weil der Bischof anglikanisch ordiniert sein
musste. Der erste Bischof war Michael Solomon Alexander,
Professor für Hebräisch am Londoner King's College. Im
preußischen Polen geboren, war Alexander, ein ehemaliger
Kantor der jüdischen Gemeinde von Plymouth, später zum
-58-
Christentum konvertiert. Die Evangelikaien waren von seiner
Ernennung begeistert. Lord Shaftesbury notierte in sein
Tagebuch:
Der Bischof von London sagte mir, noch nie habe er den
Erzbischof so animiert gesehen wie in den letzten Wochen über
dieses Thema. Die ganze Geschichte sei wunderbar, und für
diejenigen, die sich seit langem für die jüdische Sache abgemüht
und gebetet hätten, sei es fast überwältigend, einen gebürtigen
Juden unter Gott von der englischen Kirche dazu berufen zu
sehen, den Episkopat von St. James wiederzubeleben und in die
heilige Stadt die Wahrheiten und Segnungen zurückzubringen,
die wir Nichtjuden von ihr empfangen hätten.
40
Shaftesburys Enthusiasmus war derart lebhaft, dass seine Frau
ihn gnadenlos verspottete: «Du liegst mir damit ständig in den
Ohren, und es bringt mich dagegen auf, wenn du andauernd wie
wundervoll, wie wundervoll sagst!»
41 Entsprechend verärgert
waren die Traktarianer. Newman beklagte sich, dass das Bistum
«praktisch ein gemeinsames Abendmahl mit dem
protestantischen Preußen und der Häresie der Orientalen»
befürworte. Es war «der dritte Schlag», der Newmans Glauben
an die Church of England endgültig ins Wanken brachte und ihn
in Richtung Rom trieb.
42 Ein moderner Autor ging noch viel
weiter mit seinen Hypothesen über die möglichen
Konsequenzen der Schöpfung dieses Bistums Jerusalem:
Wäre Pusey seinen eigenen Instinkten zugunsten von Bunsens
Vorhaben gefolgt und hätte er sein Urteilsvermögen nicht an
Newman delegiert - hätte der Traktarianismus nicht eine
unübersteigbare Barriere gegen die Einheit der Protestanten
errichtet - wäre das anglopreußische Bistum in Jerusalem keine
Eintagsfliege gewesen -, dann hätten die Beziehungen zwischen
England und Preußen womöglich einen ganz anderen Verlauf
-59-
genommen, und es wäre vielleicht nicht zum europäischen Krieg
von 1914 gekommen.
43
Ob man realistischerweise die Jerusalem-Frage als eine
unmittelbare Ursache des Ersten Weltkriegs ansehen kann, ist zu
bezweifeln - aber es ist durchaus legitim, dass ein seriöser
Historiker darüber Spekulationen anstellt.
Vielleicht war es deshalb angemessen, dass Bischof
Alexander auf einem Kriegsschiff, der HMS Devastation, nach
Palästina gebracht wurde, wo er im Januar 1842 eintraf. Die
Admiralität hatte zunächst die Fregatte Infernal angeboten, aber
Alexander mochte den Namen nicht, weshalb man sich für ein
anderes Schiff entschied. Der Beweggrund für die Wahl dieses
ungewöhnlichen Transportmittels war gewiss nicht, aggressive
Pläne anzukündigen. Aber was immer die ursprüngliche Absicht
gewesen sein mag, es war vermutlich unvermeidlich, dass die
Anglikaner in den Sumpf der Jerusalemer Kirchenpolitik
hineingezogen wurden.
Die Aufgabe des neuen Bischofs war die «Oberaufsicht über
den englischen Klerus und die englischen Gemeinden in Syrien,
Chaldäa, Ägypten und Abessinien sowie weitere protestantische
Gemeinschaften, die sich seiner bischöflichen Sorge unterstellen
wollen»
44 - eine Amtsbeschreibung, die ihm vermutlich viel
freie Zeit ließ, da solche Geistlichen oder Gemeinden in diesen
Weltgegenden kaum bis gar nicht vorhanden waren. Seine
Hauptmission galt jedoch den Juden in Jerusalem, und in dieser
Hinsicht hatte er auch einen gewissen Anfangserfolg, da er eine
Handvoll russischer Juden zur Konversion überredete; er taufte
sie während eines anglikanischen Gottesdienstes, den er
interessanterweise auf Hebräisch abhielt.
45
Bald regte sich Widerstand gegen solche Proselytenmacherei,
sowohl seitens der jüdischen Gemeinde als auch des russischen
Konsuls, dem nicht gefiel, dass die Briten versuchten, in seinem
-60-
Schutzrechte-Revier unter den russischen Staatsbürgern zu
wildern. Auch bei den osmanischen Behörden machte sich der
Bischof nicht beliebt, als er in seiner Predigt anlässlich seiner
Amtseinführung die muslimische Herrschaft als eine
«angemaßte» bezeichnete. Der anwesende britische
Generalkonsul von Beirut beschwor ihn daraufhin, «nie wieder
derlei unerwünschte Dinge zu erwähnen».
46 W. T. Young, der
Konsul in Jerusalem, meldete, dass an den Bischof der Wunsch
der Kopten in der Stadt herangetragen worden sei, sie unter
seinen Schutz zu nehmen.
47 Aus dem weit entfernten Wien
wurde von diplomatischer Verstimmung berichtet, was eine
getreue Förderin des Bistums zu einem charakteristisch
unverblümten Brief an den Außenminister veranlasste: «Es kann
gewiss nicht schaden», schrieb Königin Viktoria, «wenn wir in
diesem Teil der Welt an dem religiösen Einfluss teilhaben, von
dem die römischen Katholiken zu glauben scheinen, dass er
allein ihnen zusteht.»
48
Hinter diesen kirchlichen Vorgängen standen, wie Young in
einem Schreiben aus dem Jahre 1844 unterstrich, natürlich
weiterreichende diplomatische Ambitionen: «Jerusalem ist jetzt
für Frankreich und Russland zu einem Hauptpunkt ihrer
Interessen geworden, weil beide Mächte sich ihren jeweiligen
Glaubensbekenntnissen entsprechend zu Beschützern der
einheimischen Kirchen gemacht haben - und es ist hier, wo um
ihre Hauptziele gerungen werden muss.» Frankreich und
Russland seien bestrebt, die inneren Angelegenheiten der von
ihnen protegierten Kirchen zu lenken und die gesamte
Kommunikation zwischen ihnen und den osmanischen
Behörden unter ihre Kontrolle zu bekommen. Der französische
Konsul, behauptete Young, habe «sich den Gedanken zu eigen
gemacht, dass dieses Land noch nie erobert worden ist, und er
ergötzt sich daran, sich über den Geist der Kreuzzüge zu
verbreiten, ganz so, als wären seine Ansichten durch eine
Wiederkehr von etwas Ähnlichem bedingt».
-61-
Young warnte vor den Intrigen des französischen und des
russischen Konsuls und ihren Versuchen, die ihnen
nahestehenden Kirchen unter ihre Vorherrschaft zu bringen;
zugleich versuchte er, die Position einer «anderen Partei» - wie
er sich vorsichtig ausdrückte - zu untergraben, «die Jerusalem
und Palästina als die große Arena betrachtet, in der die
Weissagung hinsichtlich der Restauration der Juden rasch erfüllt
werden soll.» Der Konsul warnte:
Nachdem ich fünf Jahre lang hier residiere, bin ich zu der
Schlussfolgerung genötigt, dass, wer den Versuch unternimmt,
den Lauf der Dinge so zu beeinflussen, dass sie mit den
Ansichten einer populären Interpretation der Propheten
übereinstimmen, dazu klare und offensichtliche Pflichten und
die Vernunft über Bord werfen muss. Betrachtete der
Prophezeiungenforscher die tatsächlichen Verhältnisse in diesen
Ländern aus ruhiger und realistischer Sicht und bemühte er sich,
die Privilegien und Vorurteile anderer als den seinen
gleichberechtigt zu respektieren, dann, denke ich, würde er
spüren, dass es wünschenswert ist, die wirklichen Standpunkte
und Bedürfnisse ihrer gegenwärtigen Bewohner ausfindig zu
machen, bevor er sich spekulativen Theorien bezüglich einer
übermenschlichen Zukunft hingibt, die er, falls es je dazu
kommt, durch seinen voreiligen Eifer eher verzögern als
beschleunigen dürfte.
49
Wer war wohl der anonyme «Prophezeiungenforscher», der
hier vom britischen Konsul so rundheraus kritisiert wird? Es ist
kaum zu bezweifeln, dass es sich dabei um den Kopf der
englischen kirchlichen Mission in Jerusalem, Bischof
Alexander, handelte.
Dies war nur eine von mehreren Episoden während Bischof
Alexanders Jerusalem-Aufenthalt, bei denen er und der britische
-62-
Konsul miteinander in Konflikt gerieten. Als es im folgenden
Herbst in der Umgebung der Stadt zu Auseinandersetzungen
zwischen diversen Scheichs kam, nutzte Young die Gelegenheit,
den Bischof und seinen Klerus zu überreden, ihrer eigenen
Sicherheit wegen Jerusalem zu verlassen und sich zur Küste zu
begeben. Ein Jahr später ging Alexander ein weiteres Mal aus
Jerusalem fort. Diesmal kehrte er nicht zurück: Er starb im
November 1845 in der Wüste auf dem Weg nach Kairo.
Zu seinem Nachfolger berief der preußische König Samuel
Gobat - einen frankophonen Schweizer. Er war der einzige, der
je von Preußen für das Bistum nominiert wurde, denn es fiel,
wie so viele andere multinationale Vorhaben in Jerusalem,
diplomatischen Rivalitäten zum Opfer und verschwand
schließlich wieder von der Bildfläche. Bis es soweit war,
entdeckten die Briten - nicht anders als Franzosen und Russen -,
dass sie als Sponsoren eines religiösen Unterfangens eine Art
diplomatische Büchse der Pandora geöffnet hatten.
Orthodoxe und Katholiken folgten dem Beispiel der
protestantischen Mächte und beeilten sich, ihre kirchliche
Position in Jerusalem zu verstärken. Im Jahre 1843 wurde der
Archimandrit Porfiri Uspenskij von der russischen Regierung in
den Nahen Osten entsandt, um die Lage der dortigen orthodoxen
Kirche zu erkunden. Zwei Jahre später brach der neu gewählte
griechisch-orthodoxe Patriarch Cyril von Jerusalem mit der
Tradition seiner Vorgänger, die nicht am Ort residiert hatten,
und beschloss, seinen Sitz nach Jerusalem zu verlegen. Mit der
Berufung von Monsignore Joseph Valerga wurde 1847 auch das
Lateinische Patriarchat wiederbelebt, das seit 1291 stillgelegt
war (obwohl seither Titularpatriarchen in Rom residiert hatten).
Die Bedeutung dieses Vorgangs lässt sich an dem Umstand
ermessen, dass der Jerusalemer Patriarch der einzige der drei
Lateinischen Patriarchen im Nahen Osten war, der auch
tatsächlich innerhalb des Territoriums seines Patriarchats
residierte. Zur damaligen Zeit gab es in ganz Palästina nur
-63-
schätzungsweise 4000 Menschen römisch-katholischen
Glaubens. Der Hauptzweck von Valergas Ernennung war, nicht
anders als bei seinem orthodoxen Kollegen, ein diplomatischer,
nicht ein seelsorgerischer. Als «lächerliche Praktiken», um ihre
örtlichen Klienten zu beeindrucken, bezeichnete ein Historiker
das Tun der beiden Patriarchen.
50 Auf einem scharlachroten, mit
einem Leopardenfell bedeckten Diwan sitzend, empfing Cyril
seine Besucher in einer schwarzen Satinrobe, auf der Brust ein
von Diamanten und Smaragden eingefasstes Emaillebildnis des
Erlösers. Valerga hielt dagegen, indem er auf einem mit Samt
bezogenen Thron Hof hielt.
Als nun das konsularische Korps anwuchs, begannen auch
einige Konsuln, ihre Bedeutung kaum weniger prätentiös
aufzublasen. In immer größerem Umfang nahmen sie sich das
Recht heraus, in Konsulargerichten über ihre Staatsangehörigen
Recht zu sprechen. Durch Jerusalem zogen sie in einer von
Wachen flankierten Prozession, der, wie bei den Patriarchen und
dem osmanischen Pascha, ein Kawas voranschritt, ein bunt
gekleideter Offizier mit Krummsäbel und einem Knittel mit
silbernem Knauf, den er in zeremonieller Geste auf das Pflaster
aufschlug, um die Leute aus dem Weg zu scheuchen. Manche
Konsuln führten sich sogar auf, als wären sie die Vorgesetzten
des osmanischen Gouverneurs. So heißt es beispielsweise in
einem Bericht von Konsul Young vom Juli 1844:
Gestern kam es in der Stadt infolge eines Streits zwischen
dem Pascha und dem in der Burg stationierten Artilleriekorps zu
einem Tumult. Wie es seine Art ist, mischte sich der
französische Konsul sofort ein und stellte sich, obwohl ihn keine
der beiden Parteien darum gebeten hatte, zwischen den Pascha
und seine Soldaten; und am Abend trat er, umgeben von seinen
Leuten und einer Gruppe aus dem Artilleriekorps, auf seiner
Terrasse vor die Öffentlichkeit und verkündete sein Urteil in der
Angelegenheit.
-64-
Young bezeichnete das Verhalten seines französischen
Kollegen als «einen Skandal» und meinte, er versuche
anscheinend, sich als «Generalprotektor und Vermittler bei allen
Differenzen» zu etablieren.
51 Der französische Konsul war
freilich nicht der einzige mit solchen Illusionen von Grandeur.
Das unverschämteste Beispiel für eine Selbsterhöhung war
James Finn, der zwischen 1845 und 1862 als britischer Konsul
amtierte. Finn war ein aggressiver, jähzorniger Mann, der mit
dem protestantischen Bischof, den örtlichen Rabbis, anderen
Konsuln und osmanischen Beamten sowie mit dem Londoner
Außenministerium, seinem Arbeitgeber, unentwegt Streit
anzettelte. Weil er mit allem Nachdruck für die Jerusalemer
Juden eintrat, schoss er in seinem Eifer mehrfach weit übers Ziel
hinaus. 1852 wurde er vom Außenminister dafür gerügt, dass er
russische Juden unter seine Fittiche genommen hatte, die der
russische Generalkonsul in Beirut als seine Schützlinge
reklamierte. Der ganz und gar undiplomatische Finn widersetzte
sich seinen Instruktionen und sandte entsprechende Depeschen
zurück an das Foreign Office, was einen weiteren Rüffel
auslöste:
Um jedem künftigen Missverständnis Ihrerseits vorzubeugen,
habe ich Ihnen nun zu sagen, dass Sie keinerlei Korrespondenz
mit dem russischen Konsulat über die Bedingungen oder die Art
und Weise führen werden, in der dieses Konsulat den Schutz der
russischen Juden widerrufen könnte; und Sie werden auch
keinerlei Schritte gegenüber den jüdischen Rabbis oder
einzelnen Juden unternehmen, um diejenigen Juden, die
womöglich vom russischen Konsulat aufgegeben werden, zu
ermuntern, beim britischen Konsulat um Schutz nachzusuchen.
Ihrer Majestät Regierung würde es durchaus vorziehen, wenn
solche Juden nicht den britischen Schutz suchten; Ihrer Majestät
Regierung wird ihn diesen jedoch nicht vorenthalten, wenn sie
-65-
ihn in der geeigneten Weise beantragen.
52
Finn ertrug solchen Tadel mit Fassung - und machte weiter,
als wäre nichts geschehen.
Im Jahre 1850 erkannte die osmanische Regierung die
Protestanten innerhalb des Reichs als eigenen Millet wie
Orthodoxe und Katholiken an. Diese Anerkennung veranlasste
Bischof Gobat zu einer noch anmaßenderen Politik, besonders
beim Proselytenmachen, was wiederholt zu Streit und
Zusammenstößen mit den Oberhäuptern der anderen christlichen
Gemeinden führte, die den Verdacht hegten, die Protestanten
wären darauf aus, Schäfchen aus ihren Herden zu stehlen. Auch
mit der jüdischen Gemeinde, die sich erbittert gegen ihre
Missionierung wehrte, kam es zum Konflikt, sowohl mit dem
russischen Konsul, der den britischen Anspruch bestritt, Juden
russischer Nationalität zu protegieren, als auch mit den
türkischen Behörden, die bei diesen und anderen Kontroversen
zwischen den christlichen Kirchen in Jerusalem zwangsläufig in
die Rolle des Schiedsrichters gerieten.
Mittlerweile war allerdings erneut die Frage der Heiligen
Stätten in den Vordergrund der kirchenpolitischen und
diplomatischen Beziehungen zwischen den Mächten gerückt.
Ein scharfsinniger Beobachter der Vorgänge, Karl Marx,
bemerkte dazu: «Die Ottomanische Pforte und ihre Agenten
befolgten ein höchst ermüdendes Systeme de bascule
[Schaukelsystem], gaben abwechselnd den Katholiken,
Griechisch-Orthodoxen und Armeniern recht, forderten und
erhielten Gold von allen Seiten und machten sich über sie alle
lustig.»
53 Eine Zeitlang funktionierte dieses System, aber zu
Beginn der 1850er Jahre brach es zusammen, was zu einer
großen Krise führte.
-66-
Kriegswolken über Christi Grab
Die Ursprünge der Krise lagen in einem neuerlichen Streit,
der 1847 zwischen den großen christlichen Konfessionen über
ihre Rechte an den Heiligen Stätten ausgebrochen war. Am 31.
Oktober kam es in der Geburtskirche in Bethlehem zu
Handgreiflichkeiten zwischen griechisch-orthodoxen und
römisch-katholischen Geistlichen, wobei die Griechisch-
Orthodoxen in den Armeniern, ihren orthodoxen Brüdern,
Verbündete fanden. Im Verlauf des Gerangels kam irgendwie
der silberne Stern abhanden, der angeblich die genaue Stelle von
Christi Geburt markierte. Griechisch-Orthodoxe und Katholiken
beanspruchten beide das Eigentum an dem Stern und
beschuldigten einander des Diebstahls. Beide wandten sich an
den Gouverneur von Jerusalem um rechtlichen Beistand. Der
französische und der russische Konsul griffen die Sache auf und
bestärkten die Rechte und Ansprüche ihrer jeweiligen Klienten.
Trotz seiner evangelikalen Neigungen schlug sich James Finn,
der britische Konsul, auf die Seite der Katholiken. Die
Angelegenheit wurde nach Konstantinopel verwiesen und dort
unter aktiver Beteiligung der Botschafter auf die diplomatische
Ebene gehoben.
Akut wurde der Disput, als die Franziskaner in ihrer
Eigenschaft als Wächter der Heiligen Stätten das Recht in
Anspruch nahmen, den Stern ersetzen zu dürfen. Der Anspruch
wurde vom französischen Konsul und vom Botschafter in
Konstantinopel unterstützt. Im Februar 1848 stimmte die
osmanische Regierung der Ersetzung des Sterns im Prinzip zu,
erklärte jedoch, dass die Regierung dies veranlassen werde. Nun
war aber das Recht, die Heiligen Stätten instand zu setzen, seit
unvordenklichen Zeiten mit dem Eigentumsrecht verknüpft,
weshalb die Katholiken über den Vorschlag der Regierung
-67-
murrten und ihn als Beschneidung ihrer Rechte betrachteten.
Die Regierung von Louis Napoleon (dem Neffen des ersten
Kaisers), der unter der Verfassung der Zweiten französischen
Republik im Dezember 1848 zum Präsidenten von Frankreich
gewählt worden war, sowohl in der Innenpolitik als auch in
internationalen Angelegenheiten einen prokatholischen Kurs
ein, weil er sich davon Rückhalt bei den Konservativen erhoffte.
Hinter den Kulissen waren die Franzosen ganz offenherzig, was
ihre Motive anbetraf, für die Sache der römisch-katholischen
Kirche einzutreten. Ein französischer Diplomat schrieb damals:
Worin liegt die Bedeutung dieses in Konstantinopel
angestachelten Streits über die Heiligen Stätten?... Ich kenne den
Orient, und ich kann Ihnen versichern, dass Russland nicht
nachgeben wird. Für Russland ist es eine Frage auf Leben und
Tod, und es ist zu hoffen, dass man sich in Paris darüber im
Klaren ist, falls man wünscht, die Affäre auf die Spitze zu
treiben.
54
Dass die Gefahr eines Kriegs mit Russland bestand, begriff
man in Paris sehr wohl - aber statt dass dies zur Zurückhaltung
geführt hätte, sahen Napoleon und seine Minister die Streitfrage
als einen willkommenen Vorwand an. Napoleons Außenminister
Edouard Drouyn de Lhuys war als Verfechter einer
prokatholischen Außenpolitik nicht weniger zynisch als sein
protestantischer Vorgänger Guizot. Später gab Drouyn offen zu,
dass die Frage der Heiligen Stätten an sich «von keinerlei
Wichtigkeit für Frankreich» sei, aber eben doch nützlich als
Rammbock, mit dem man die Allianz der Mächte gegen
Frankreich aufbrechen könne.
55
Anfang 1852 erwogen die Franzosen, demonstrativ eine Flotte
vor Konstantinopel aufkreuzen zu lassen, um den Ansprüchen
der Katholiken Nachdruck zu verleihen.
56 Vorübergehend
-68-
besänftigte sie ein vom Sultan am 8. Februar erlassener neuer
Ferman, der zwar den (pro-orthodoxen) Status quo von 1757
bestätigte, den Katholiken jedoch einige kleinere Konzessionen
machte.
57 Die in diesem Ferman formulierte Position wurde zum
locus classicus für die Definition des Status quo an den Heiligen
Stätten und für alle Ansprüche der unterschiedlichen
Konfessionen im Hinblick auf ihre dortigen Rechte.
Die Türken versuchten, die Rivalen damit zufrieden zu
stellen, dass sie ihnen gleichzeitig diplomatische Schreiben
zukommen ließen: Einerseits informierten sie die Franzosen
über die den Katholiken gemachten Konzessionen, andererseits
versuchten sie, die Russen zu beruhigen, indem sie die
Konzessionen an die Orthodoxen hervorhoben. Diese doppelte -
um nicht zu sagen doppelzüngige - Form von Diplomatie hatte
nur den Erfolg, sowohl in Russland als auch in Frankreich
Missfallen zu erregen. Der russische Gesandte in Konstantinopel
«sprach sich mit ungewöhnlicher Vehemenz und nicht geringem
Grad der Irritation gegen das vorgeschlagene Arrangement» aus;
vom französischen Präsidenten hieß es, er neige dazu «die ihm
gemachten Konzessionen zu akzeptieren und die Tür für die
restlichen Ansprüche offen zu halten, aber sie praktisch derzeit
nicht weiter zu verfolgen».
58
Ungeachtet dessen übten die Franzo sen auch weiterhin Druck
auf Konstantinopel aus und wurden am Ende dafür auch
belohnt. Drei Schlüssel zur Geburtskirche in Bethlehem, ein
zentraler Streitgegenstand, wurden den Katholiken
ausgehändigt, und am 22. Dezember 1852 setzte das lateinische
Patriarchat von Jerusalem in einem Zeremoniell einen neuen
silbernen Stern, der von den Franziskanern zur Verfügung
gestellt und der osmanischen Regierung durch den französischen
Botschafter formell ausgehändigt worden war, an seinen Platz in
der Kirche. Allem Anschein nach hatten die Franzosen einen
beachtlichen Triumph errungen. Die Russen schäumten vor
Wut: Zar Nikolaus I. äußerte dem britischen Botschafter
-69-
Hamilton Seymour gegenüber, «wir haben es mit einem kranken
Mann zu tun, einem sehr kranken Mann».
59 Daher stammt der
Ausdruck «der kranke Mann am Bosporus», der zum geflügelten
Wort werden sollte. Graf Nesselrode, der russische Kanzler und
Außenminister, befand, «dass die rechtswidrigen Akte
gegenüber der griechisch-orthodoxen Kirche, die man zu
verhindern gewünscht habe, begangen worden seien, und dass es
folglich nun darum gehen müsse, eine Abhilfe für dieses
Unrecht zu finden; dass der Erfolg der französischen
Verhandlungen in Konstantinopel einzig und allein der Intrige
und Gewalt zugeschrieben werden müsse». Die Rechte des
russischen Kaisers, «die ihm und der griechisch-orthodoxen
Kirche zugesichert worden seien, könnten ihnen nicht ungestraft
vorenthalten werden».
60 Der Staatsmann, der Russland damit auf
den Weg in den Krieg zugunsten der Rechte der orthodoxen
Christen führte, war übrigens anglikanisch getauft worden (seine
Mutter war eine Protestantin). Wie bei Guizot war Nesselrodes
Eifer nicht der des ehrlichen fanatischen Gläubigen, sondern
jener des skrupellos zielstrebigen Diplomaten.
Zwei Wochen nach der Zeremonie in Bethlehem mobilisierten
die Russen ein Armeekorps, um es an die türkische Grenze
vorrücken zu lassen. Prinz Menschikow wurde als
Sondergesandter nach Konstantinopel geschickt, um den Türken
ein Ultimatum zu präsentieren, das einen geheimen
Bündnisvertrag anbot, einen neuen Ferman verlangte, auf der
Rückkehr zum Status quo an den Heiligen Stätten bestand (so
wie ihn die Orthodoxen auslegten) und neuerlich das Recht des
Zaren bestätigte, alle orthodoxen Christen im Osmanenreich
unter seinen Schutz zu stellen. Bei seinen Treffen mit führenden
Türken ersuchte Menschikow darüber hinaus um die Erlaubnis,
in Jerusalem ein Hospital für Pilger sowie eine Kirche für
russische Priester zu bauen, forderte den Abriss zweier
türkischer Häuser in unmittelbarer Nähe der Grabeskirche und
wollte außerdem, dass dem griechisch-orthodoxen Patriarchen
-70-
von Jerusalem das Recht zugestanden wurde, die Aufsicht über
Reparaturen an der Dachkuppel der Kirche zu übernehmen. Das
in Aussicht genommene Hospital und die Kirche sollten der
«besonderen Inspektion des Generalkonsuls von Russland in
Palästina und Syrien» unterstehen.
61 Derweil hatte die
französische Flotte den Befehl erhalten, nach Salamis zu segeln,
während die Briten ihre gefürchtetste diplomatische Waffe
entsandten, den herrischen Botschafter Lord Stratford de
Redcliffe, der an Bord des britischen Dampfers Fury nach
Konstantinopel zurückkehrte. Die Türken schwankten unter den
Drohungen ihrer prospektiven Verbündeten mal in die eine, mal
in die andere Richtung.
Die Briten verhielten sich in der Frage der Heiligen Stätten
strikt neutral. Sie hatten kein Interesse daran, etwas für die
Ambitionen Napoleons III. zu tun. Lord John Russell, der
damalige Außenminister, stellte fest, dass die Franzosen die
ersten gewesen seien, die «den Status quo, in dem die
Angelegenheit ruhte, aufstörten», und auch «die ersten, die
davon sprachen, Gewalt anzuwenden». Russell empfand es als
«bedauerlich» und «traurig», dass «Armeen und Flotten zu dem
Zweck in Bewegung versetzt würden, um das Grab Christi zum
Grund für einen Streit unter Christen zu machen».
62 Unter
Einsatz erheblicher diplomatischer Energien gelang es Stratford
de Radcliffe, seinen französischen und seinen russischen
Kollegen in Konstantinopel zusammenzubringen, und am 22.
April erreichte er eine mündliche Verständigung über alle
strittigen Aspekte der Frage der Heiligen Stätten.
63 Fermane
wurden vorbereitet, in denen der neueste Stand des Status quo
niedergelegt werden sollte, und in den Kanzleien Europas
machte sich Erleichterung bemerkbar.
64
Aber in diesem Stadium gingen den Russen und den
Franzosen die Gäule durch. Weder die eine noch die andere
Regierung wollte sich wegen einer diplomatischen
Vereinbarung über die vermeintlichen Streitfragen von ihrer
-71-
Kriegslust abbringen lassen. Im Juli 1853 besetzten die Russen
die Fürstentümer Moldau und Walachei, die nominell noch der
türkischen Souveränität unterstanden. Im Oktober erklärte die
Türkei Russland den Krieg. Die Briten zögerten auch weiterhin,
involviert zu werden, konnten aber nicht hinnehmen, dass die
Meerengen zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer unter
russische Kontrolle gerieten, weshalb auch sie unentrinnbar in
den Krieg hineingezogen wurden. Als im November eine
türkische Flotteneinheit bei Sinope von den Russen zerstört
wurde, löste dies bei den Briten die Befürchtung aus, dass das
Osmanische Reich zusammenbrechen und die Russen nach
Konstantinopel vorrücken würden. Um dies zu verhindern,
schlossen sie sich im März 1854 Frankreich als Bündnispartner
der Türken gegen Russland an.
Der Krimkrieg hatte natürlich in Wahrheit wenig mit der
Frage der Heiligen Stätten zu tun. Im Kern führten die Mächte
wegen strategischer Fragen Krieg - wegen des russischen
Anspruchs auf ein Protektorat über Christen im Osmanischen
Reich und insbesondere auf dem Balkan, der britischen Furcht
vor einer russischen Flotte im Mittelmeer, dem Wunsch des
französischen Kaisers, die militärischen Triumphe seines Onkels
nachzuahmen. Sowohl für Russland als auch für Frankreich
waren Jerusalem und die Heiligen Stätten ein willkommener
Vorwand und nicht selbst von vitalem nationalen Interesse.
Man hätte eigentlich denken sollen, dass der Ausbruch des
Kriegs zu einem Waffenstillstand zwischen den christlichen
Bekenntnissen wenigstens zwischen Katholiken und
Protestanten - und ihrer konsularischen Vertretung in Jerusalem
geführt hätte, aber dem war nicht so. Zwar erteilte die
französische Regierung in der Tat Instruktionen an alle Konsuln,
sie sollten mit ihren britischen Verbündeten harmonische
Beziehungen wahren, aber am Ende des Krieges meinte ein
französischer Diplomat dazu: «Es war nicht immer so, und die
Mehrheit der französischen Konsuln in den Territorien des
-72-
Sultans, getrieben von einem Eifer, der eher hitzig als
nachdenklich war, versäumte es, sich auf die wahre Natur ihrer
Pflichten zu besinnen».
65 Am Ende der Feindseligkeiten traten
die Mächte in einer Konferenz in Paris zusammen und
bestätigten den Grundsatz des Status quo hinsichtlich der
Heiligen Stätten. Auf der Ebene der internationalen Diplomatie
löschte das die Flammen für eine Weile - aber in Jerusalem ging
das Gezänk weiter und brach im Verlauf des nächsten
Jahrhunderts und darüber hinaus bei der geringsten Gelegenheit
immer wieder aufs Neue hervor.
Angesichts dieser Aufzählung von Intrigen, Disputen,
Konflikten und Antagonismen muss eine wichtige Tatsache
betont werden: Während der gesamten Spätzeit des
Osmanenreichs, das heißt seit dem Ende der ägyptischen
Besetzung bis zum Ersten Weltkrieg, kam es in Jerusalem zu
keinerlei nennenswerten kommunalen Gewalttaten der
ansässigen Bevölkerung.
66 Die Beziehungen zwischen den
muslimischen, christlichen und jüdischen Gemeinden waren
zwar zuweilen von Verdächtigungen und sogar sektiererischer
Verachtung geprägt, hielten sich aber alles in allem in einem
Rahmen von Gesetzmäßigkeit und bürgerlichem Frieden.
Dennoch führen die in Jerusalem geführten Kriege zwischen den
Konsuln vor Augen, dass in der Jerusalem-Frage genügend
Sprengkraft steckte, um die Beziehungen zwischen den Mächten
zu belasten und in Spannung zu versetzen. Für Kriegstreiber mit
sehr viel weitergehenden Motiven war die heilige Sache von
Jerusalem ein bequemer Vorwand. In der Zeit nach dem
Krimkrieg schwenken alle großen Mächte auf den Weg einer
quasiimperialen Expansion im Nahe n Osten und vor allem in
Palästina ein, am spektakulärsten in Jerusalem.
-73-
2. ALTE STADT, NEUE STADT
Während der Endphase der Osmanenherrschaft, zwischen
Krimkrieg und Erstem Weltkrieg, hat sich Jerusalem dramatisch
verändert. Aus einem in sich gekehrten, von einer Mauer
umgebenen Bergstädtchen wurde eine Stadt mit einigen
spektakulären modernen Bauten und internationalen
wirtschaftlichen und politischen Beziehungen. Mit dem
Wachstum der Stadt veränderte sich auch der Charakter der
Jerusalem-Frage in der internationalen Diplomatie. Aus einem
zwischen den christlichen Bekenntnissen geführten Ringen um
Einfluss über die Rechte an den Heiligen Stätten wurde ein
Schauplatz weiträumigerer Konflikte und Ansprüche aller drei
monotheistischen Religionen und auch territorialer Ambitionen
mehrerer Mächte. Geprägt wurde die Jerusalem-Frage nun auch
durch den Import einer neuen säkularen Religion aus Europa,
die unter Christen, Muslimen und Juden ihre Anhänger fand:
den Nationalismus.
-74-
Jenseits der Mauern
Zwischen den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts und 1870
verdoppelte sich die Einwohnerzahl Jerusalems von etwa 11000
auf 22000 Menschen. Bis 1914 wuchs sie noch einmal um mehr
als das Dreifache auf schätzungsweise 70000 an (siehe Tabelle
1). Seit der Jahrhundertmitte siedelten sich Christen, Juden und
Muslime in etwa in dieser Reihenfolge - in beachtlicher Zahl
außerhalb der Stadtmauern an. Im Jahre 1914, so schätzt man,
lebte bereits die Hälfte der Bevölkerung in dieser «Neustadt».
1
Zu diesem Bevölkerungsanstieg truge n am meisten die Juden
bei, die seit den frühen achtziger Jahren die Mehrheit der
Einwohner bildeten.
2 Nicht mehr als ungefähr 1000 Menschen
hatte die jüdische Gemeinde 1690 gezählt, was etwa 10 Prozent
der Gesamteinwohnerzahl ausmachte. Aber schon 1752 schrieb
ein einheimischer jüdischer Weiser, Nichtjuden beklagten sich
darüber, «dass zu viele [Juden] kommen».
3
Bis in die sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts waren die
meisten jüdischen Einwanderer Sephardim gewesen
(Abkömmlinge der am Ende des 15. Jahrhunderts von der
Iberischen Halbinsel vertriebenen Juden); danach waren die
meisten Aschkenasim (Juden aus Deutschland und Osteuropa).
Seit 1777 kam nach und nach eine kleine, aber bedeutsame Zahl
von Chassiden aus Polen und Russland in die Stadt. Bis zum
Ende des 18. Jahrhunderts begrenzte die jüdische Gemeinde in
Jerusalem den Zuzug mittels der sog. «Junggesellenregelung».
4
Sowohl der Geburtenzuwachs als auch die Zuwanderung
wurden dadurch gehemmt. Dennoch nahm die Zahl der Juden
sowohl relativ als auch absolut gesehen weiter zu und könnte in
der Mitte des 19. Jahrhunderts vielleicht 6000 bei einer
Gesamtzahl von 15000 Einwohnern betragen haben. Danach
kam es infolge der Einwanderung aus Europa (später auch aus
-75-
dem Jemen) zu einem steten Bevölkerungszuwachs, aber
außerhalb der überfüllten Bereiche des alten jüdischen Viertels
auch zu verbesserten Lebensbedingungen.
5 Im Jahre 1914 lebten
schätzungsweise 45000 Juden in Jerusalem bei einer
Gesamtbevölkerung von 70000. Zu diesem Zeitpunkt war die
Mehrheit der in Palästina lebenden Juden - höchstens 85000
Menschen bei einer geschätzten Gesamtbevölkerung von
790000 - in Jerusalem zu Hause.
Kaum weniger spektakulär als das Anwachsen der jüdischen
Bevölkerung in der Stadt war der Zuwachs an Christen. Von
geschätzten 3000 im Jahre 1835 wuchs ihre Zahl bis 1910 um
mehr als das Vierfache auf rund 13000 an. Diese Wachstumsrate
war größer als die der Muslime in der Stadt.
6 In absoluten
Zahlen übertrafen die Christen nun sogar die in Jerusalem
lebenden Muslime, wahrscheinlich erstmals seit den
Kreuzzügen. Im Jahre 1905 lebten, einer neueren und
gründlichen Analyse osmanischer Volkszählungsunterlagen
zufolge, 11500 Christen (18,4 Prozent der Gesamtbevölkerung)
gegenüber 11000 Muslimen (17,6 Prozent der
Gesamtbevölkerung) in Jerusalem.
7
Tabelle 1: Die Bevölkerung Jerusalems nach Religionszugehörigkeit
(1563-2000)
Jahr Juden Muslime Christen Gesamt
1563 1434 11 802 1 830 15066
1800 2250 4000 2750 9000
1850 6000 5400 3600 15000
1910 45000 12000 12900 69900
1922 34000 13500 14600 62500
1931 51 200 19900 19300 90500
1946 99300 33700 31400 16440
1967 196 800 58 100 12900 26780
-76-
1983 306 300 108 500 13700 42850
1995 417100 182 700 14 100 61700
2000 439 600 196 900 14200 65750
Anmerkung: Aussagen über die Einwohnerschaft Jerusalems werfen
viele Probleme auf. Die Zahlen für 1563 sind auf Grund osmanischer
Quellen vorgenommene Schätzungen; siehe Amnon Cohen, Jewish
Life under Islam: Jerusalem in the Sixteenth Century,
Cambridge/Mass. 1984, S. 11-17. Cohen weist jedoch darauf hin, dass
diese Zahlen durchaus um Einiges hinter den wahren Verhältnissen
zurückbleiben könnten. Osmanische Volkszählungen, die erst seit dem
späten 19. Jahrhundert durchgeführt wurden, berücksichtigten nur
osmanische Bürger und geben deshalb ein verzerrtes Bild. Der erste
einigermaßen zuverlässige Zensus wurde 1922 von den Briten
durchgeführt. Alle davor liegenden Zahlen sowie die für das Jahr 1946
beruhen auf Schätzungen. Die israelischen Zensuszahlen geben nach
Meinung vieler Palästinenser die Zahl der arabischen Einwohner zu
niedrig an, weil sie nur die sog. «de jure Bevölkerung»
berücksichtigen, nämlich Personen, die in israelischen Augen
legalerweise Einwohner waren. Andererseits wurden die oben
angeführten Zahlen für 1995 später vom israelischen Zensusamt
korrigiert und sowohl die Anzahl der jüdischen als auch der
nichtjüdischen Einwohner reduziert, weil irrigerweise auch bloß de
facto vorhandene Einwohner mitgezählt worden waren (die Zahl der
Juden wurde dabei im Verhältnis stärker reduziert als die der
nichtjüdischen Bevölkerung). Zu berücksichtigen sind auch die
Veränderungen der Stadtgrenze Jerusalems während des vergangenen
Jahrhunderts. Scheinbare Unstimmigkeiten bei den jeweiligen
Gesamtzahlen sind auf das Vorhandensein kleiner Personengruppen
zurückzuführen, deren Religionszugehörigkeit als «andere» oder
«unbekannt» klassifiziert wurde. Aus all diesen Gründen sollten die
aufgeführten Zahlen eher als Größenordnungen denn als präzise
Angaben aufgefasst werden. Erörterungen zu Jerusalems
Demographie im 19. und frühen 20. Jahrhundert finden sich in den im
Quellenverzeichnis genannten Arbeiten von Yehoshua Ben-Arieh,
Justin McCarthy und U. O. Schmelz. Die aktuellste Erörterung von
-77-
Jerusalems gegenwärtiger und künftiger Demographie ist Sergio Della
Pergola, «Jerusalem's Population, 1995-2020: Demography,
Multicukuralism and Urban Policies», in European Journal of
Population, 17:2 (2001), S. 165-199. Zahlen für 2000 vom Israel
Central Statistical Bureau.
Dieses rasche Bevölkerungswachstum führte zwangsläufig zu
einer geographischen Ausbreitung der Stadt. Dieser Prozess
wurde auch dadurch unterstützt, dass sich in den letzten
Jahrzehnten des Jahrhunderts die allgemeine Sicherheit
verbessert hatte, insbesondere der Schutz vor den Überfällen
von Beduinen. Die altersschwache, verdreckte und stinkende
Bergstadt, wie sie von Besuchern vom Schlage eines A. W.
Kinglake oder Mark Twain unvergesslich schonungslos
geschildert wurde, begann ihre Verwandlung in eine moderne
Großstadt. Hauptmotor der städtischen Entwicklung war nicht
die osmanische Regierung, sondern vielmehr ausländisches
Kapital, das vor allem im Zusammenhang mit religiösen
Institutionen - christlichen und jüdischen - floss, die den
Beistand ausländischer Regierungen genossen, die unter dem
Kapitulationenregime als Schutzmächte operierten. Als die
Bevölkerung aus der Altstadt herauszudrängen begann, kamen
charakteristische geographische Trennungslinien zum
Vorschein, die zu einem gewissen Grad noch heute zu sehen
sind: Muslime zogen hauptsächlich in den Norden und Süden
der Stadt, Juden vornehmlich in den Westen.
Am frühesten siedelten sich Christen jenseits der Stadtmauern
an. Einer der ersten war der britische Konsul James Finn, der
sich in den frühen fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein
Sommerhaus am Talbieh, einem Hügel gegenüber der Westseite
der Stadt, baute. Kurz darauf ließ Bischof Gobat auf dem
Zionsberg eine Schule errichten. Im Jahre 1860 gründete der
deutsche protestantische Missionar Johann Ludwig Schneller in
der Nähe des Dörfchens Lifta im Nordwesten der Stadt ein
Waisenhaus, und 1867 stiftete der deutsche Adlige von
-78-
Keffenbrink Geld zur Gründung eines Leprahospitals unweit des
Mamilla-Teichs vor dem Jaffator. Mit Geldern der Prinzessin de
la Tour d'Auvergne, einer Verwandten Napoleons III., wurden
1868 auf dem Ölberg ein Karmeliterinnenkloster und eine
Kirche errichtet. In den späten siebziger Jahren entstand dort,
wo heute der Ortsteil Rehavia liegt, das imposante Ratisbonne-
Kloster St. Pierre, und 1887 wurde das sogar noch gewaltigere
Notre Dame-Hospiz der Assumptionisten direkt gegenüber dem
Neuen Tor der Altstadt eröffnet.
8
Zu den frühesten christlichen Wohnbezirken in der
«Neustadt» gehörte die Deutsche Kolonie, eine Siedlung der
Tempelgesellschaft, einer 1854 in Süddeutschland gegründeten
pietistischen Sekte (nicht zu verwechseln mit dem
Kreuzritterorden der Templer). Seit 1868 bauten sie eine Reihe
neuartiger Kolonien in Palästina auf, die aus Europa
landwirtschaftliche Verfahren, Gerätschaften und Maschinen
einführten (und insoweit ähnliche Bemühungen der Zionisten
vorwegnahmen). In Jerusalem errichteten sie eine kleine
Siedlung mit soliden Häusern im deutschen Stil, deren
ursprünglicher Charakter heute noch wiederzuerkennen ist, auch
wenn ihre deutschen Bewohner während des Zweiten
Weltkriegs von den Briten deportiert wurden.
Die jüdische Expansion jenseits der Jerusalemer Stadtmauern
hatte bis zum Ersten Weltkrieg mit Protozionismus wenig zu
tun. Religiöse Motive bewogen in erster Linie den Umzug von
Juden nach Jerusalem, und die meisten Neuankömmlinge hatten,
wie die bereits ansässige jüdische Gemeinde, kein Interesse am
und keine Sympathie für den jüdischen Nationalismus. Selbst
nachdem in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts der
Zustrom von Zionisten nach Palästina einsetzte, kamen nur
wenige von ihnen nach Jerusalem. Das Hauptquartier der
Hovevei Zion (Verehrer Zions) lag in Jaffa. Die Neusiedler
zogen es vor, sich dort oder in landwirtschaftlichen Siedlungen
in der Küstenebene niederzulassen. Jerusalem, die Hauptstadt
-79-
des sog. «alten Jischuw», galt, vor allem unter säkularen
Zionisten, als Heimstatt aller primitiven und
rückwärtsgewandten Elemente im Judentum. Weit entfernt
davon, mit Zuneigung auf Jerusalem zu schauen, verachteten sie
es und alles, wofür es stand, vor allem die traditionelle
Abhängigkeit der dortigen Juden von mildtätigen Spenden.
Der Bevölkerungsdruck im dicht besiedelten jüdischen Viertel
und die Furcht davor, vor die Stadtmauern zu ziehen, bewogen
in den siebziger Jahren manche Juden dazu, sich im
muslimischen Viertel niederzulassen. Dort wurden einige
Jeschiwot (Talmudschulen), Schulen sowie andere
Einrichtungen geschaffen und die hebräische Zeitung Havatzelet
publiziert. Jüdische Läden waren sowohl im muslimischen als
auch im christlichen Viertel zu finden.
9 Die steigenden
Bevölkerungszahlen nötigten die Juden schließlich dazu, neue
Wohnbezirke außerhalb der Altstadt anzulegen. Der erste war
Mischkenot Schaanannim, Wohnstätten für Arme, die der
englisch-jüdische Philanthrop Moses Montefiore südwestlich
des Jaffators hatte 1855 errichten lassen, die aber viele Jahre
lang unbewohnt blieben, weil sich die Juden davor fürchteten,
dort zu wohnen. Der Bezirk Mea Schearim («hundertfältig» - 1
Mose 26:12), der so hieß, weil der Gründungsgenossenschaft
anfangs hundert Leute beigetreten waren, wurde 1873 von
orthodoxen Juden gegründet. Ein Jahrzehnt später lebten 2000
Juden außerhalb der Stadtmauern. Als Theodor Herzl 1898
Jerusalem besuchte, notierte er in sein Tagebuch, dass eine ganz
neue Stadt außerhalb der Mauern aufgebaut werden müsse. «Das
alte Jerusalem wäre und bliebe Lourdes, Mekka und
Jeruscholajim. Eine sehr hübsche und elegante Stadt wäre
daneben ganz möglich.»
10 Bald begann aus seiner Vision
Wirklichkeit zu werden. Im Jahre 1914 lebten nahezu doppelt so
viele Juden in der neuen wie in der Altstadt (29000 gegenüber
16000).
11
Die Bautätigkeit der Muslime jenseits der Stadtmauern
-80-
begann später und hatte einen geringeren Umfang als die der
Christen und Juden. Um 1870 begann die Bebauung des
Husayni-Bezirks unweit der Scheich Jarrah-Moschee und
nördlich des Damaskustors, in dem eine Reihe schöner Villen
stand, die dieser Notabeinfamilie gehörten. Eine dieser Villen
wurde später zum Kern der amerikanischen Kolonie zunächst
eine Missionsstation, dann ein Hospital, heute ein Hotel. Andere
wohlhabende Notabeinfamilien wie die Naschaschibis und die
Jarallahs bauten in der Nähe große Häuser, was zur Folge hatte,
das Scheich Jarrah zum mondänsten muslimischen Bezirk
Jerusalems wurde. Muslime der Unterschicht blieben ehe r im
muslimischen Viertel der Altstadt (noch heute eines der ärmsten
Gebiete), und man schätzt, dass bis 1914 allenfalls ein Fünftel
der muslimischen Bevölkerung Jerusalems außerhalb der
Stadtmauern wohnte.
12
-81-
Geistiger Imperialismus
Die Entstehung der Neustadt war nicht nur die Folge
demographischen Drucks, sondern auch externer Interessen -
touristischer, geistiger, archäologischer sowie imperialistischer
Natur.
Seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts war Jerusalem
zur Station auf der Kavalierstour von Bildungsreisenden
geworden. Zu den frühesten Besuchern gehörte Benjamin
Disraeli - auch wenn zweifelhaft ist, ob dieser Besuch mit seinen
gelegentlichen protozionistischen Äußerungen in
Zusammenhang gebracht werden kann.
13 Nach dem künftigen
britische n Premierminister folgte ein wahrer Strom gekrönter
und adliger Häupter aus Europa. Erzherzog Maximilian von
Bayern traf 1838 ein, ein paar Jahre darauf der vom Schicksal
nicht begünstigte Erzherzog Maximilian, der später Kaiser von
Mexiko wurde. Im April 1841 verbrachte der Bruder des
preußischen Königs acht Tage in der Stadt. Seitdem in den
vierziger Jahren Dampfer in der kommerziellen Schifffahrt auf
dem Mittelmeer eingesetzt wurden, seit der Eröffnung des
Suezkanals 1869 und der Eisenbahnstrecke zwische n Jaffa und
Jerusalem im Jahre 1892 wurde solcher königlicher Tourismus
sehr beliebt. 1855 kam der Herzog von Brabant an, und 1859
reiste der russische Großherzog Konstantin auf Bitten des Zaren
als Pilger nach Jerusalem. Der Prince of Wales, der künftige
Edward VIL, stattete der Stadt 1862 einen Besuch ab, wie 1913
sein Enkel, der künftige Edward VIII. Der berühmteste
Besucher aber war Kaiser Wilhelm II., der 1898 hoch zu Ross
durch eine speziell für ihn neben dem Jaffator in die Stadtmauer
geschlagene Bresche einritt (das englische Satireblatt Punch
bezeichnete den königlichen Pilgersmann spöttisch als «Cooks
Kreuzritter»). Am Ende des Jahrhunderts war Jerusalem zum
-82-
attraktiven Reiseziel nicht nur der europäischen Aristokratie,
sondern auch bürgerlicher To uristen und demütiger Pilger
geworden.
Manchen der bedeutenden Persönlichkeiten, die sich auf
Pilgerfahrt nach Jerusalem aufmachten, lag die Errichtung von
Kirchen und Klöstern am Herzen. Die eindrucksvollste war die
Kaiserin-Augusta-Victoria-Stiftung auf dem Skopusberg, die zur
Zeit des kaiserlichen Besuchs 1898 in Aussicht genommen und
1910 eingeweiht worden war. Der festungsartige Eindruck, den
das Gebäude machte, und dessen strategisch beherrschende
Lage auf dem Skopusberg ließen den Verdacht aufkommen,
dass es zu militärischen und nicht zu Wohlfahrtszwecken
errichtet worden sei.
14 Nie wurde es so genutzt, wie es gedacht
gewesen war: 1909 flog das Dach davon; die Eröffnung im
Jahre 1914 wurde verschoben, weil der Erste Weltkrieg
ausgebrochen war; später diente es als die erste offizielle
Residenz des britischen Hochkommissars. Nachdem in den
dreißiger Jahren ein speziell errichtetes Regierungsgebäude
fertiggestellt war, kam man überein, den Bau dem deutschen
Diakonissenkrankenhaus zu überlassen. Als Eröffnungsdatum
wählte man den September 1939...
Selbst die Juden profitierten von königlicher Philanthropie:
Der König von Preußen trug zur Errichtung der 1863 eröffneten
Hurva-Synagoge bei, weshalb sein Name zusammen mit denen
anderer Wohltäter in einer Inschrift über dem Eingang
festgehalten wurde. Als der österreichische Kaiser Franz Joseph,
der u. a. auch den Titel «König von Jerusalem» trug, die Stadt
im Jahre 1869 besuchte, stiftete er Geld für das Tor zum Ortsteil
Batei Mahse im jüdischen Viertel.
Ein Großteil dieser baulichen Wohltäterschaft war
unzweifelhaft rein spirituell motiviert. Aber fast immer steckte
dahinter der Geist des odium theologicum, das diplomatischen
Rivalitäten und imperialistischen Ambitionen Ausdruck gab.
Der Friede von Paris, mit dem der Krimkrieg zu Ende ging,
-83-
besiegelte den Status quo an den Heiligen Stätten, wie er im
Ferman vom 8. Februar 1852 formuliert worden war. Bei
künftigen Konflikten war er die Basis für ihre Beilegung. Ein
anderer Aspekt des Status quo aber konnte infolge der
Abhängigkeit der Türken von ihren Verbündeten durch diese
christlichen Mächte aus den Angeln gehoben werden - die
rechtliche Diskriminierung, unter der Nichtmuslime im
osmanischen Reich noch immer zu leiden hatten. Das
emanzipatorische «Edle Reskript der Rosenkammer», das der
Sultan 1839 auf anglofranzösischen Druck hin gewährt hatte,
provozierte in ganz Syrien und Palästina einschließlich
Jerusalem einen konservativen Rückschlag und kam nicht voll
zur Wirkung. Die Krise in der Jahrhundertmitte bot Briten und
Franzosen eine neuerliche Gelegenheit, entsprechenden Druck
auszuüben. Noch vor Kriegsausbruch ließ der britische
Außenminister Earl of Clarendon Stratford de Redcliffe wissen,
dass «jeder faire Vorteil aus der gegenwärtigen Lage des
türkischen Re iches genutzt werden sollte, um dem Sultan und
seinen Ministern eindringlich die Wichtigkeit der Beseitigung
aller bürgerlichen Unterschiede zwischen den christlichen und
den mohammedanischen Untertanen des Sultans eindringlich
klarzumachen».
15
Entsprechend erließ der Sultan eine Reihe neuer Dekrete, die
am 18. Februar 1856 in einem kaiserlichen Reskript
kulminierten, das die Gleichheit aller osmanischen Bürger
bekräftigte. Das Reskript legte fest, dass Reparaturarbeiten an
Gotteshäusern, Schulen, Hospitälern oder Friedhöfen kein
Hindernis in den Weg gelegt werden dürfe und bei der Erlaubnis
für die Errichtung neuer Bauten von Nichtmuslimen nur «ein
Minimum administrativer Hindernisse» zulässig sei.
16 Durch das
Millet-Gesetz von 1865 wurde die Position von Christen und
Juden, jedenfalls soweit sie osmanische Bürger waren, weiter
gestärkt. Diese Rechtsänderungen leiteten die nächste Phase der
Einmischung der europäischen Mächte in die Jerusalem-Frage
-84-
ein, die Phase des spirituellen Imperialismus.
Dieser hing zumeist mit missionarischen Aktivitäten
zusammen, deren Anfänge in die zwanziger Jahre des 19.
Jahrhunderts zurückreichten. Der erste Missionar, der in
Jerusalem ankam, war vermutlich James Connor, ein Absolvent
der Universität Oxford, der im Auftrag der Church Missionary
Society tätig war. Er begab sich 1819 dorthin, reiste aber wenig
später wieder ab, nachdem er entschieden hatte, dass sein
Bleiben zu gefährlich sei. Im Jahre 1820 besuchte der Schweizer
Pastor Melchior Tschoudy im Auftrag der London Society for
Promoting Christianity among the Jews (Gesellschaft zur
Verbreitung des Christentums unter den Juden) die Stadt und
gelangte zu etwas günstigeren Schlussfolgerungen. Ihm folgte
ein Amerikaner, Levi Parsons, der Anfang 1821 mehrere
Monate in Jerusalem verbrachte. Es dauerte aber bis 1833,
nachdem die Ägypter die Herrschaft übernommen hatten, dass
die London Society auf Dauer eine Vertretung in der Stadt
einrichtete, welcher Reverend John Nicolayson, ein Däne,
vorstand.
Ein Punkt, bei dem es den Westmächten in der Zeit des
Tanzimat nicht gelungen war, die Türkei zum Nachgeben zu
bewegen, betraf das Recht zur Konversion vom Islam. Mit
Nachdruck drangen Befürworter einer aktiven Missionspolitik
darauf, die Sanktionen (bis hin zur Todesstrafe) aufzuheben, die
solche Konvertiten zu gewärtigen hatten. Die osmanische
Regierung versprach zwar, dass Apostaten nicht mehr
hingerichtet würden,
17 da man jedoch Reaktionen seitens der
Muslime befürchtete, widerstand sie dem Druck der Mächte,
auch andere Strafen abzuschaffen. Deshalb verzichteten die
Missionare in Jerusalem und anderswo darauf, unter Muslimen
Proselyten zu machen. Statt dessen waren sie wieder auf sichere
Personenkreise verwiesen - die Juden und Angehörige
konkurrierender christlicher Glaubensbekenntnisse. Ihre
Bemühungen im Kreis der ersteren provozierten jedoch den
-85-
heftigen, manchmal sogar gewaltsamen Widerstand orthodoxer
Juden, und auch die christlichen Rivalen nahmen Anstoß an den
Versuchen, auf ihrem spirituellen Terrain zu wildern. Die Zahl
der Konvertiten war enttäuschend klein: 1852 konnten fünf
europäische Missionare nur insgesamt 131 «hebräische
Christen» vorweisen.
18
Während dieser ganzen Zeit ging der diplomatische
Wettkampf zwischen den Mächten weiter. Bei
Auseinandersetzungen zwischen griechisch-orthodoxen und
katholischen Mönchen, 1873 in Bethlehem und 1901 in
Jerusalem - um nur zwei von den ernsteren Konfrontationen zu
erwähnen - floss Blut. Statt dass Konflikte gelöst und Rechte
definitiv geklärt wurden, stellte die Doktrin des Status quo
sicher, dass Dispute nie gelöst und Rechte niemals geklärt
wurden. Dieser Zustand ständiger Ungewissheit und endloser
Konflikte kam den Mächten durchaus entgegen, denn er
verschaffte ihnen einen steten Nachschub an
Beschwerdegründen, mittels derer sie ihren Anspruch
untermauern konnten, als beschützende Autorität aufzutreten.
Das französische Protektorat über die Katholiken wurde
bruchlos von den aufeinander folgenden Regierungen aller
politischen Richtungen bestätigt. Im Jahre 1851 hatte die Zweite
französische Republik die Sache der Katholiken «im Namen der
gesamten katholischen Welt» vertreten.
19 Unter dem Zweiten
Kaiserreich erreichte diese Politik ihren Höhepunkt, aber auch
nach dem Sturz Napoleons III. im Jahre 1870 warfen sich seine
republikanischen Nachfolger ohne Zögern den historischen
Mantel der Protektoren über die katholische Christenheit um die
Schultern.
Sie taten das gegen neue Rivalen in der katholischen Welt.
Die Entstehung eines vereinigten Königreichs Italien im Jahre
1861 hatte bereits französische Befürchtungen ausgelöst, dass
ihr Protektorat in Frage gestellt werden könnte. Zunächst hielten
sich die Italiener jedoch zurück. Da die Franzosen ihnen in
-86-
ihrem Befreiungskrieg gegen Österreich geholfen hatten, fühlten
sie sich in gewissem Maß in ihrer Schuld. Auch war ihnen die
Präsenz einer französischen Garnison bewusst, die in Rom die
kleine Insel weltlicher Macht des Papstes beschützen sollte.
1862 wurde der französische Konsul in Jerusalem autorisiert,
italienischen Staatsbürgern Schutz zu gewähren, um die
«Einheit des Protektorats» zu wahren.
20 Als 1871 dort ein
italienisches Konsulat eingerichtet wurde - es geschah in einem
Moment plötzlicher französischer Schwäche nach der
Niederlage gegen Preußen bei Sedan -, erwachten französische
Ängste vor einer Verdrängung durch den italienischen
Neuankömmling. Unter Anspielung auf diese Gefahr warnte der
französische Botschafter in Konstantinopel seinen Konsul in
Jerusalem mit den Worten: «Ihr Auftrag lautet zwar, die
freundlichsten Beziehungen mit M. de Rege-Donato zu pflegen,
aber ich bitte Sie, darauf zu achten, dass die Herzlichkeit Ihrer
Beziehungen nicht jene Übergriffe ermöglicht, gegen die wir
Tag für Tag anzukämpfen haben.»
21 1878 hielten es die
Franzosen für angebracht, ihre Position durch Artikel 62 des
Berliner Vertrags neuerlich abzusichern, der (unter anderem)
erklärte: «Die von Frankreich innegehabten Rechte werden
ausdrücklich reserviert, und es besteht Einverständnis darüber,
dass am Status quo der Heiligen Stätten keine Veränderungen
vorgenommen werden können.»
Die Italiener hielten jedoch daran fest, das Schutzrecht über
ihre eigenen Staatsbürger auszuüben, und verwiesen auf einen
anderen Satz im selben Artikel dieses Vertrages, der «das Recht
des offiziellen Schutzes durch die diplomatischen und
konsularischen Beauftragten der Mächte» anerkannte, und zwar
«hinsichtlich Klerikern und ihren religiösen, wohltätigen und
anderen Einrichtungen an den Heiligen Stätten und
andernorts».
22 In Anbetracht des Umstands, dass der Lateinische
Patriarch und viele hochrangige katholische Geistliche in
Palästina meistens Italiener waren, eröffnete dieser Passus der
-87-
italienischen Diplomatie Möglichkeiten, deren sich ihre Konsuln
in Jerusalem mit Eifer bedienten. Im Jahre 1891 warnte der
französische Botschafter am Heiligen Stuhl den Quai d'Orsay,
dass die italienische Regierung nicht müde werde, «indirekt mit
allen Mitteln zu versuchen, uns unserer Vorrechte des religiösen
Protektorats im Orient zu entkleiden».
23 Zweifellos in der
Absicht, den Primat zu stärken, den die Franzosen im Kreis der
ausländischen Konsuln in Jerusalem beanspruchten, wertete
Frankreich im selben Jahr den Rang seiner dortigen Vertretung
zu einem Generalkonsulat auf.
Als Frankreich in den ersten Jahren des folgenden
Jahrhunderts eine rigoros antiklerikale Politik einschlug, hatte
das vor allem innenpolitische Gründe; nach außen führte
Frankreich eine katholische Außenpolitik fort. In einem
Zeitungsinterview brachte es der französische Konsul im
November 1902 exakt auf den Punkt: «Zu Hause kann
Frankreich sein, was es will, aber im Orient ist es katholisch, ist
es der weltliche Arm des Heiligen Stuhls und der Vertreter der
Latinität.»
24 In einer Hinsicht passte beides gut zusammen: Die
von den Regierungen Waldeck-Rousseau und Combes
unternommenen rechtlichen Schritte gegen religiöse Orden
führten dazu, dass Tausende von Nonnen und Mönchen
Frankreich verließen - und so in vielen Fällen die Zahl der
französischen Mitglieder katholischer Orden in der Levante
erhöhten.
Nach einer Reihe unerfreulicher Zwischenfälle und
Wortwechsel mit den Italienern hielt Frankreich den Zeitpunkt
für gekommen, sich erneut seiner Vorrechte zu versichern. Als
erstes hatte es 1902 scharfe Worte zwischen dem Kustos von
Terra Sancta, Pater Frediano Giannini, und dem amtierenden
französischen Konsul Ferdinand Wiet gegeben. Der französische
Konsul führte bitterliche Klage, dass einige seiner
Franziskanermönche nach einer «bagarre», einer Prügelei, mit
ein paar Griechen im Vorhof der Heiliggrabkirche den
-88-
italienischen Konsul statt die zuständige Schutzautorität -
nämlich ihn - um Intervention gebeten hätten. Dies, erklärte er,
sei «ein bewusster Schlag gegen unser Protektorat».
25 Kurz
danach machte sich der italienische Konsul Carletti geschickt
den Jerusalem-Besuch einer Gruppe italienischer Pilger zunutze,
die in Begleitung des Mailänder Kardinals Ferrari gekommen
waren. Carletti hieß den Kardinal mit großem Aufwand
willkommen: Er sandte ihm eine Kutsche entgegen, die ihn nach
Jerusalem bringen sollte, veranstaltete für ihn einen großen
Empfang in einem Zelt, über dem die italienische Fahne
flatterte, und ließ ihn dann in einer Prozession durch die Stadt
ziehen, geleitet von einer Kapelle von Salesianern, die die
königliche Hymne spielte. Der Giornale d'ltalia machte dem
Konsul Komplimente, dass er «mit Geschick und zur rechten
Zeit» auf dem Recht Italiens bestanden habe, Schutz zu
gewähren; im übrigen berichtete die Zeitung, der offenbar
gekränkte französische Konsul habe sich dem hochrangigen
Besucher gegenüber unhöflich betragen. «Augenzeugen» sollten
angeblich bezeugt haben, dass der französische Konsul bei
einem Treffen mit dem Kardinal kaum auch nur seine
Kopfbedeckung gelüftet, in hochmütigem Ton mit ihm
gesprochen habe und nicht einmal von seinem Ross
herabgestiegen sei. Der Kardinal habe darauf «seccamente»
reagiert, woraufhin der Konsul «al gran trotto» davongeritten
sei.
26 Darüber kam es zu einer heftigen Polemik zwischen der
französischen und der italienischen Presse, wobei letztere die
«Emanzipation» der italienischen kirchlichen Einrichtungen im
Heiligen Land forderte.
27 Der französische Konsul entspannte
die Lage nicht, als er dem Korrespondenten des Mailänder
Osservatore Cattolico ein Interview gab, in dem er erklärte: «Ob
Sie es wollen oder nicht, ob Sie es gern haben oder nicht, sind
wir stolz darauf, Sie zu beschützen und unseren Abkömmlingen
das säkulare Erbe Frankreichs weiterzugeben.»
28
Im Jahre 1904 brach der Vatikan aus Protest gegen den
-89-
Besuch des französischen Präsidenten in der Hauptstadt des
Königreichs Italien die diplomatischen Beziehungen zu
Frankreich ab. Die Franzosen vertraten die Meinung, dass dies
ihr Protektorat über die lateinischen Christen im Heiligen Land
in keiner Weise berühre, aber Jules Cambon, ihr Botschafter in
Berlin, kommentierte 1909 die Lage mit den Worten: «Was
immer auch unsere Stellungnahmen in dieser Hinsicht sind, gibt
es auf unserer Seite doch einen gewissen Widerspruch, dass wir
weiterhin das traditionelle katholische Protektorat im Orient
beanspruchen, wenn wir keine Vertretung am Heiligen Stuhl
unterhalten, obwohl das orthodoxe Russland und das
protestantische Preußen es für notwendig erachten, eine solche
dort zu haben.»
29
Rom war nicht die einzige potentielle Bedrohung für
Frankreichs Rechte in der Heiligen Stadt. «Das protestantische
Preußen» war für alle französischen Diplomaten seit dem
Desaster von 1870 das Böse schlechthin. Die Ankunft eines
neuen deutschen Konsuls, des jungen, energischen Barons
Thankmar von Münchhausen, verlieh den französischen
Befürchtungen eine gewisse Substanz. Münchhausen machte
sich daran, mit allen nur möglichen Mitteln den deutschen
Einfluss auszuweiten, und ermutigte während seiner
siebenjährigen Amtszeit vor allem jüdische Institutionen, die
deutsche Sprache zu verwenden.
30 1878 wurde der Deutsche
Palästina Verein gegründet. Obwohl er sich - wie entsprechende
russische, französische und britische Freiwilligengruppen -
ostentativ wissenschaftlichen und religiösen Zwecken widmete,
diente er auch den Zwecken eines spirituellen Imperialismus im
deutschen Stil.
Münchhausens Ernennung entlockte dem französischen
Konsul ominöse Überlegungen. In einer langen Depesche, in der
er den Erfolg der Kolonien der Tempelgesellschaft in Palästina
nachzeichnete, warnte er:
-90-
Steht nicht zu befürchten, dass an dem Tage, an dem ernste
Komplikationen das Fortbestehen des türkischen Reichs
bedrohten, die zahlreichen deutschen Staatsangehörigen und die
Interessen, die sie vertreten, unsere Handlungsfreiheit lahmen
würden?... Ich pflichte denjenigen nicht bei, die sagen, dass die
nördlichen Rassen sich in diesem Land nicht akklimatisieren
können und dass die Deutschen nach zwei oder drei
Generationen von hier verschwinden werden. In den Ebenen
vielleicht, aber auf den Hügeln könnte sich eine europäische
Rasse, die ständig durch Zuwanderung wächst, auf die Dauer
halten, da das dortige Klima von dem in Mitteleuropa nicht allzu
verschieden ist... Deshalb können wir nicht ohne Beunruhigung
zusehen, wie die deutsche Einwanderung so stark anwächst; die
Feindseligkeit, welche diese Rasse uns gewidmet hat, eine
Feindseligkeit, die überall zum Vorschein kommt, wo die
Ihrigen direkt neben den Unsrigen präsent sind, muss uns
beschäftigen, insbesondere in einem Land, wo aus religiösen
Leidenschaften jeden Moment ernste Konflikte erwachsen
können.
Leider, fuhr er fort, könnten die Franzosen nicht auf die
gleiche Weise mit den Deutschen konkurrieren, weil «unsere
Landsleute kaum auswandern... Nur mit dem einheimischen
katholischen Element können wir versuchen, ein Gegengewicht
gegen die Deutschen zu bilden - zwar ein schlechtes Element,
aber eines, wovon die bestehenden religiösen Institutionen in
meinen Augen keinen rechten Vorteil gezogen haben.» Der
Konsul drang deshalb darauf, dass man einen der französischen
Schulorden dazu ermuntere, im Heiligen Land zu arbeiten.
Konkret schlug er vor, dass Abbé Ratisbonne, statt sich in seiner
neuen Schule mit ausländischen Lehrern zu umgeben, vielmehr
französische Bürger anstellen solle, die «mit ihrem Eifer und
Geist des Patriotismus... nach und nach den größeren Teil der
-91-
katholischen Bevölkerung und selbst die anderer Riten» um sich
versammeln würden.
31 Die Depesche stand für eine
vorherrschende Tendenz im diplomatischen Denken der
Franzosen. Im Einklang mit solchen Ideen intensivierte sich im
Verlauf der vier Jahrzehnte vor dem Ausbruch des Ersten
Weltkriegs der Aufbau französisch-katholischer Institutionen in
Jerusalem und im übrigen Palästina.
Ein Zeichen dafür, dass die Befürchtungen des französischen
Konsuls im Hinblick auf deutsche Absichten im Heiligen Land
nicht an den Haaren herbeigezogen waren, war die 1882 von der
deutschen Regierung getroffene Entscheidung, sich von der
1841 mit England geschlossenen Vereinbarung über das
protestantische Bistum Jerusalem loszusagen. Als in diesem Jahr
der anglikanische Bischof Barclay verstarb, fiel der
Vereinbarung zufolge das Recht zur Ernennung eines neuen
Bischofs an die preußische Krone. Der Traum Friedrich
Wilhelms IV. von einer Union der lutherischen und der
anglikanischen Kirche hatte sich jedoch nicht erfüllt. Seit den
vierziger Jahren war in Jerusalem eine beachtliche lutherische
Gemeinde gewachsen, und die deutsche Regierung fand es nicht
praktikabel, die Vereinbarung aufrechtzuerhalten, wonach der
protestantische Bischof anglikanisch ordiniert sein musste. Nach
vierjährigen Verhandlungen fiel im Dezember 1886 die
Entscheidung, die Vereinbarung im gegenseitigen
Einvernehmen auszusetzen.
32 Im folgenden Jahr wurde das
Bistum als ein rein anglikanisches neu konstituiert, wobei der
Amtsinhaber - in der Hoffnung, eine Brüskierung der
Orthodoxen damit künftig vermeiden zu können - von nun an
unter der Bezeichnung des Bischofs in statt von Jerusalem
firmierte. Lässt sich in dieser Formulierung eine Ahnung von
jener jüdischen nationalen Heimstatt (Jewish National Home)
entdecken, die, wie die Balfour-Erklärung von 1917 besagte und
Churchills Weißbuch von 1922 ausdrücklich vermerkte, in
Palästina geschaffen werden sollte. Die St. George's Cathedral,
-92-
anfänglich als St. George's Church bekannt, wurde 1896
begonnen. In ihrer Baugestaltung charakteristisch anglikanisch,
war sie der signifikanteste britische Beitrag zum Boom im
Kirchenbau im damaligen Jerusalem. Das 1899 eröffnete St.
George's College neben der Kirche war englischen
Kathedralschulen nachempfunden. Zu seinen Schülern gehörten
nicht nur Anglikaner, sondern auch andere Christen, Muslime
aus der Oberschicht und sogar ein paar Juden.
Die neue Unabhängigkeit der Lutheraner in Jerusalem wurde
1898 durch das denkwürdige Ereignis während des Besuchs des
Kaisers hervorgehoben: die Eröffnung der Erlöserkirche im
christlichen Viertel der Altstadt, für die sein Vater 1869 den
Grundstein gelegt hatte. Der Besuch veranlasste die französische
Regierung zu besorgten telegraphischen Instruktionen an ihren
Generalkonsul. Unter keinen Umständen dürfe er die deutsche
Flagge aufziehen. Sollten die Konsuln zusammentreten, um zu
beraten, ob man zu Ehren des Besuchers Lichter anzünden solle,
dann möge er darauf verweisen, dass an den Botschaften in
Konstantinopel keine derartigen Lichter angebracht worden
seien und es sich empfehlen würde, diesem Beispiel zu folgen.
Falls sich die Mehrheit der Konsuln dennoch für die
Illuminierung entschiede und alle Konsulate beleuchtet würden,
solle das französische in sehr zurückhaltender Weise erleuchtet
werden, «um jeglichen Anschein des Schmollens zu
vermeiden». Die unter französischem Schutz stehenden
Religionsgemeinden sollten nur die französische Fahne hissen
und keinerlei Festbeleuchtung aufbieten; nötigenfalls seien sie
daran zu erinnern, dass der Papst eine zurückhaltende Haltung
empfohlen habe. Bei allen Besuchen des Kaisers bei
Einrichtungen, die unter Schutz stünden, solle der Konsul
zugegen sein. Hinsichtlich des Besuchs des Monarchen in der
Heiliggrabkirche wurde der Konsul angewiesen, anwesend zu
sein, «aber ohne aufzufallen».
33 Unterdessen unternahmen die
Russen nach dem Rückschlag im Krimkrieg neuerliche
-93-
Bemühungen, ein spirituelles Imperium in Palästina zu
errichten. 1857 kamen etwa 800 russische Pilger nach
Jerusalem; seither nahm die Zahl Jahr für Jahr stetig zu.
Zwischen Odessa und der syrischen Küste wurde eine
Dampferverbindung geschaffen, die die Pilger, in der Regel
einfache Bauern, zum Besuch der Heiligen Stätten beförderte.
Im Januar 1858 traf eine ständige russische Kirchenmission mit
Bischof Cyril von Melitopolsk an der Spitze ein. Ein
Memorandum des russischen Außenministeriums umriss die
Ziele dieser Mission:
Wir müssen unsere «Präsenz» im Osten nicht politisch,
sondern durch die Kirche herstellen. Als unser Einfluss noch
stark genug war, konnten wir es uns leisten, unsere Aktivitäten
zu verstecken und so Neid zu vermeiden, aber jetzt, da unser
Einfluss im Osten schwach geworden ist, müssen wir uns im
Gegenteil zeigen, damit wir nicht in der Wertschätzung der
orthodoxen Bevölkerung sinken... Jerusalem ist das Zentrum der
Welt, und unsere Mission muss dort sein.
34
Fürst Gortschakow, Nesselrodes Nachfolger als russischer
Außenminister, legte Wert darauf, dem französischen
Geschäftsträger in St. Petersburg zu versichern, dass die neue
russische Mission sich «jeglicher Proselytenmacherei enthalten
und jede Haltung oder jedes Vorgehen vermeiden werde, an
denen andere christliche Gemeinschaften, insbesondere der
katholische Klerus, Anstoß nehmen könnten».
35 Irgendwie
gelangten die Franzosen jedoch an ein Exemplar der
Geheiminstruktionen für die russische Mission. Diese wiesen
ihre Mitglieder an:
Nicht wie in der Vergangenheit die Angelegenheiten der
Kirche «durch ein griechisches Prisma» zu betrachten, sondern
-94-
in erster Linie um die russischen Interessen besorgt zu sein. Sich
vor allem mit den einheimischen, von den Griechen
unterdrückten Elementen zu befassen, um die Araber innerhalb
der Orthodoxie zu halten und ihre Konversion zum katholischen
Glauben zu verhindern...
36
Folglich waren auch die Franzosen und ihre katholischen
Schützlinge vor der angekündigten spirituellen Aggression auf
der Hut.
Die Russen stießen jedoch auf eine Reihe von Hindernissen:
In Russland selbst kam es zu Auseinandersetzungen zwischen
rivalisierenden Enthusiastengruppen und in Jerusalem zu
Zusammenstößen zwischen russischen Konsuln und Geistlichen.
Die griechischen Kirchenmänner setzten dem russischen
Anspruch, sie herumzukommandieren, heftigen Widerstand
entgegen. «Der Patriarch», schrieb 1858 ein Mitglied der
Russischen Kirchenmission, «würde uns am liebsten an seinen
Busen pressen und uns in seiner Umarmung ersticken.»
37 So,
wie die katholischen Geistlichen in Palästina, vor allem die
Franziskaner, eifrig über ihre Schutzrechte an den Heiligen
Stätten wachten und sich der Oberhoheit von
Möchtegernwächtern widersetzten, waren auch die Griechisch-
Orthodoxen nicht dazu geneigt, die Leitung ihrer
Angelegenheiten den Russen zu überlassen.
Dennoch gelang es Russland, beachtliche Investitionen in
Jerusalem zu machen, darunter die Russische Kathedrale sowie
der Gebäudekomplex auf dem Maidan, dem ehemaligen
Paradeplatz der Türken (heute im zentralen Geschäftsviertel von
Westjerusalem). Die Bauarbeiten begannen in den fünfziger
Jahren; es war das erste große Neubaugebiet außerhalb der
Stadtmauern, was einen Historiker zu der Formulierung
veranlasste, «die Neustadt war somit eine russische Erfindung
und nicht eine englische oder französische».
38 In Gegenwart des
Großherzogs Nikolaj Nikolajewitsch wurde im Oktober 1872
-95-
die Kathedrale geweiht. Zehn Jahre später legten die Russen ein
weiteres Großprojekt vor, die Orthodoxe Palästinagesellschaft
unter der Schirmherrschaft des Zaren - der Zusatz «kaiserlich»
wurde erst 1889 hinzugefügt. Die Gesellschaft bewirkte einen
neuen Aufschwung in orthodoxer Bau- und sonstiger Tätigkeit
in Jerusalem und eine Zunahme der russischen Pilger. Im Jahre
1888, in dem 2250 Pilger nach Jerusalem kamen, wurde durch
Großherzog Sergej Alexandrowitsch am Ölberg die orthodoxe
Gethsemanekirche mit ihrem zwiebelförmigen Dach eröffnet,
vielleicht die schönste von allen Wahrzeichen Jerusalems aus
dem 19. Jahrhundert.
Die gewaltige Flut russischer Aktivitäten alarmierte die
anderen Mächte, besonders die Franzosen, und wurde durch den
Abschluss der russisch- französischen Militärkonvention, die am
4. Januar 1894 rechtskräftig wurde, keineswegs gemindert.
Noch im Laufe desselben Monats warnte der französische
Außenminister seinen Generalkonsul in Jerusalem, dass
Frankreich dieser «mächtigen Organisation [der Kaiserlichen
Orthodoxen Palästinagesellschaft] im Hinblick auf die
Aufrechterhaltung unseres Einflusses und der Ausübung unseres
religiösen Protektorats in der Levante» nicht mit Gleichmut
begegnen könne.
39 Als 1902 im Verlauf eines Presseinterviews
dem französischen Konsul vorgehalten wurde, die Franzosen
würden beim Schutz der Katholiken oftmals von ihrer Furcht
vor Schwierigkeiten mit den Russen behindert, unterbrach ihn
der Konsul und sagte: «Entschuldigen Sie, aber dem ist nicht so.
Unsere Interessen in Palästina sind denjenigen Russlands
diametral entgegengesetzt, und wir wissen, wie wir sie gegen
unseren Alliierten des Okzidents [sic!] zu wahren haben.
Russland betrachtet Jerusalem als ein orientalisches Rom; es
möchte den katholischen Einfluss einschränken, um dort über
eine absolute Hegemonie zu verfügen, aber wir widersetzen uns
dem so energisch, wie wir können.»
40
Als bei Briten und Franzosen die Besorgnis vor einer
-96-
drohenden russischen und deutschen Expansion in Richtung
Naher Osten anwuchs, begannen sie, ihre Positionen zu
verstärken. Die Briten waren in erster Linie entschlossen, die
Flanke des Suezkanals zu schützen, der 1869 eröffnet worden
war und die Lebensader zu ihrem Imperium im Osten bildete.
1882 besetzten sie Ägypten, und 1905 weiteten sie den
ägyptischen Herrschaftsbereich über die Sinaihalbinsel bis an
die Grenze Palästinas aus. Die Franzosen konzentrierten ihre
Bemühungen auf Syrien, wo sie ein Schattenprotektorat über der
autonomen christlichen Provinz Libanon errichteten. In der
ganzen Levante bauten sie Bahnlinien und finanzierten sie
Schulen, Hospitäler, Kirchen und Klöster. Nach dem für
Frankreich schmerzlichen Verlust von Elsass und Lothringen im
Jahre 1871 entstand eine kolonialistische Interessengruppe, die
«Entschädigungen» im Nahen Osten forderte. «Die Frage ist
falsch gestellt», schrieb Etienne Flandin, einer der führenden
Lobbyisten, im Jahre 1916, «wenn man fragt: Sollte Palästina
französisch sein? Denn Palästina ist wie das übrige Syrien
bereits französisch.»
41
Wie überall auf der Welt ging auch hier der Imperialismus mit
der Erkundung und dem Kartographieren und Vermessen des
Landes einher - und im Falle Palästinas zudem mit
archäologischer Forschung. Auch auf diesem Gebiet waren die
Franzosen die ersten. Pierre Jacotin, ein Geograph im
napoleonischen Heer beim Ägyptenfeldzug, hatte die erste
moderne Karte Palästinas gezeichnet, und 1863 grub der
Archäologe Louis-Félicien de Saulcy die sogenannten
Königsgräber nördlich des Damaskustores aus - die er irrtümlich
für die Gräber des Geschlechts David hielt. In der zweiten
Jahrhunderthälfte nahmen jedoch die Briten eine
Vorrangstellung auf diesem Gebiet ein.
1865 legte Captain Charles Wilson von der Topographischen
Abteilung des Kriegsministeriums «mit Erlaubnis des
Kriegsministers Earl de Grey and Ripon» den Ordnance Survey
-97-
of Jerusalem [Katasterplan] vor. Wilsons Mitarbeiter erstellten
nicht nur die Topographie der Stadt, sondern führten auch einige
Ausgrabungen durch die auf Anweisung der osmanischen
Regierung stets von einem zapti (Polizisten) überwacht wurden.
In England reagierte man enthusiastisch auf diese
Veröffentlichung, die mit ein Grund dafür war, dass im selben
Jahr unter der Schirmherrschaft von Königin Viktoria eine
Stiftung zur Erkundung des Heiligen Landes, die Palestine
Exploration Fund (PEF), gegründet wurde. Bei der ersten
Mitgliederversammlung hielt William Thompson, Präsident der
Stiftung und Erzbischof von York, eine Rede, die eine
lakonische Feststellung des englischen spirituellen
Imperialismus enthielt: «Das Land Palästina gehört euch und
mir. Es ist im wesentlichen das unsrige.»
42 Mit Wilson an der
Spitze unternahm der PEF eine Reihe weiterer Ausgrabungen.
Lange Zeit waren seine Aktivitäten allerdings durch religiöse
und politische Verdächtigungen erschwert. So versuchte etwa
1869 Oberst Charles Warren über die britische Botschaft in
Konstantinopel von der osmanischen Regierung die Erlaubnis zu
erhalten, den Haram al-Scharif zu erkunden; ihm wurde jedoch
beschieden, dies sei «wegen der momentanen Stimmung in
Jerusalem» nicht möglich.
43
Die frühen Vermessungsaufnahmen des PEF waren stark von
Geheimdienstinteressen geleitet und wurden zumeist von
Pionieroffizieren der britischen Armee durchgeführt. Für die
breite Öffentlichkeit war das Kartographieren Palästinas und
speziell Jerusalems mit wissenschaftlichen Kontroversen über
den wahren Ort der Heiligen Stätten (insbesondere des Heiligen
Grabes) verbunden, während das Interesse des
Kriegsministeriums eher auf die Sorge um die Sicherheit des
Suezkanals zurückzuführen war. Zu den in den siebziger und
achtziger Jahren an diesen Vermessungen Beteiligten gehörte
der junge Herbert Kitchener, der 1914 als Kriegsminister für die
britische Kriegführung gegen das Osmanische Reich
-98-
verantwortlich war. 1913-14 nahm der junge T. E. Lawrence als
Archäologe weitere Kartographierungen vor, die ihm drei Jahre
später bei seinem Guerillakrieg gegen die Türken in Palästina
zustatten kamen.
Die Rolle, die britische Armeeoffiziere bei diesen
Unternehmungen spielten, musste notgedrungen den Verdacht
der Türken erregen. In den 1870er Jahren löste eine von Claude
Conder geleitete Expedition, der sich sein Buch Tent Work in
Palestine (1878) verdankte, Unruhen aus und führte zu Ärger
mit den türkischen Behörden.
44 Seit der Krise des Jahres 1882 in
Ägypten verfolgten die Osmanen mit wachsender
Aufmerksamkeit die Pläne der Briten. Im Februar 1882 begab
sich Conder, der später zu den britischen Expeditionstruppen in
Ägypten gehörte, nach Konstantinopel, wo er eine Unterredung
mit dem britischen Botschafter, Lord Dufferin, hatte. Er bat den
Botschafter um Hilfe, um von der osmanischen Regierung einen
neuen Ferman zu erhalten, der ihn in die Lage versetzen würde,
weitere Vermessungen in Palästina vorzunehmen. Dufferin hatte
für Conders Schwierigkeiten zwar Verständnis, äußerte aber,
dass das Hindernis in dem Umstand liege, dass sich der Sultan
derzeit hinsichtlich der Absichten, die Frankreich mit Ägypten
und England mit Syrien [sic] verfolgte, im Zustand eines (bis
zum Wahn gesteigerten) Misstrauens befinde. Die Türken seien
seiner Meinung nach auf die (mir bereits bekannte) Tatsache
aufmerksam geworden, dass es russischen Offizieren gelungen
war, Landkarten von ganz Nordsyrien zu erstellen, und wie ich
seine Lordschaft verstand, zog er in Betracht, dass das
Misstrauen des Sultans dadurch verstärkt worden sei, dass Sir
Charles Wilson die von der Gesellschaft herausgegebene Karte
von Westpalästina vorgelegt habe. Seiner Meinung nach sei die
Erstellung von Landkarten etwas, das besondere Besorgnis auf
seiten der Türken erregte.
45
Während sich die türkischen Befürchtungen verstärkten, traf
-99-
1883 plötzlich als ein weiteres Element der Beunruhigung eine
der emblematischen Gestalten des britischen imperialen
Denkens in Jerusalem ein: Charles George Gordon, genannt
«der Chinese», der gottesfürchtige britische General.
Lytton Strachey begann ein schneidend satirisches Portrait
Gordons in seinem Buch Eminent Victorians mit einem
Schnappschuss des «einsamen englischen Herrn..., der, mit
einem dicken Buch unter dem Arm, durch das Umland
Jerusalems wandert». Im Verlauf seiner Spaziergänge machte
Gordon die, wie er meinte, wichtige Entdeckung des Grabes
Christi - das nicht, wie die Kaiserin Helena und die meisten
Christen seither dachten, in der Heiliggrabkirche lag, sondern
ein ganzes Stück entfernt davon außerhalb der Stadtmauern.
Obwohl einige die historische Authentizität von Gordons
Entdeckung anzweifelten, begannen manche Protestanten, nun
dieses «Gartengrab» zu verehren. Strachey hatte unzweifelhaft
Recht, wenn er Gordons Jerusalem-Mission als die eines
biblisch inspirierten Naivlings schilderte, aber vom
französischen Konsul wurden seine Aktivitäten mit einer
Mischung aus Ehrfurcht und Misstrauen verfolgt. Der englische
General, vermutete der Konsul düsteren Sinnes, befände sich
weder auf einer Vergnügungsreise noch auf einer
wissenschaftlichen Expedition: «Er will das Land, die
Menschen, Dinge und Situationen studieren, und zwar vor allem
aus dem militärischen Blickwinkel.» Und er befürchtete, dass
Gordons Auftauchen «ganz klar anzeige, dass die Engländer an
die Möglichkeit, wenn nicht gar an das unmittelbare
Bevorstehen militärischer Aktionen in diesem Lande glauben
und dass sie sich aktiv auf diese Eventualität vorbereiten».
46
Dass die europäischen Mächte durch ihre Konsuln einen stetig
wachsenden Einfluss nahmen, trieb die osmanischen Beamten
an den Rand der Verzweiflung. 1883 hielt es Rauf Pascha, der
Gouverneur von Jerusalem, für notwendig, sich nach
Konstantinopel zu begeben, «um seine Position an der Hohen
-100-
Pforte zu konsolidieren, die durch seine Feinde in der russischen
Partei stark erschüttert worden war» jedenfalls war dies die
Auslegung des französischen Konsuls.
47 Ein Gouverneur nach
dem anderen brachte ähnliche Besorgnisse zum Ausdruck, und
zwar umso mehr, als Jerusalem in der Spätzeit des
Osmanenreichs an politischem Gewicht gewann.
-101-
Das geförderte Jerusalem
Nicht nur im Gouverneurshaus war der Einfluss der Konsuln
zu verspüren, sondern auch im madschlis alschura. Dieses
ursprünglich in den dreißiger Jahren von den Ägyptern
geschaffene Gremium von ernannten Beratern war von den
Osmanen nach ihrer Rückkehr im Jahre 1840 beibehalten
worden. Die meisten Mitglieder waren Muslime, obwohl es
1840 unter ihnen auch zwei armenische Vertreter und einen
Juden gab.
48 Anfangs verfügte der Rat über wenig
Kompetenzen, aber langsam gewann er eine politische Rolle,
und 1867 wurde eine gewählte Stadtversammlung eingerichtet
(ein Ferman, der seine Schaffung anordnete, war 1863
ergangen).
49 Der Kreis der Wahlberechtigten war sehr eng, und
die meisten Räte waren Angehörige prominenter
Notabeinfamilien. Die Muslime waren immer in der Mehrheit,
aber der Druck der Konsuln führte dazu, dass auch einige
christliche und jüdische Räte zugelassen wurden. Der
Bürgermeister kam stets aus dem halben Dutzend der führenden
muslimischen Familien. Dennoch gab die große Zahl
nichtosmanischer Bürger in der Stadt den Konsuln einen Hebel
in die Hand, den sie ohne Zögern nutzten, um bei den
innerstädtischen Entscheidungen mitzumischen. Ein türkischer
Beamter in Jerusalem schilderte 1906 die Verhältnisse in einem
Schreiben an den Großwesir in Konstantinopel wie folgt: «In
einem Land, in dem mehr als die Hälfte seiner Bewohner fremde
Staatsangehörige sind, ist es in städtischen Angelegenheiten
unmöglich, die Ausländer als nichtexistent zu betrachten. Das ist
der Grund dafür, weshalb die Konsuln danach streben, in den
Angelegenheiten der Stadtverwaltung vor allem in der Praxis
beteiligt zu sein.»
50
Ein Zeichen für Jerusalems ne ue politische Bedeutung war die
-102-
1841 erfolgte Festlegung seines Status als «nicht angebundener
Bezirk». Dies bedeutete, dass der Pascha in Jerusalem nicht
länger unter der Autorität des Provinzgouverneurs in Damaskus
stand, sondern direkt der kaiserlichen Regierung in
Konstantinopel berichtete (siehe Karte 1). Späteren osmanischen
Verwaltungsneuordnungen zufolge war Jerusalem ein
«unabhängiger Sandschak», was seine autonome Position
stärkte. Diese Veränderungen hatten sowohl gesellschaftliche als
auch politische Konsequenzen. Vor allem erhöhten sie das
politische Gewicht von Jerusalems muslimischen Notabein, die
dazu tendierten, die in Regierung, Religion und Justiz zu
besetzenden Ämter zu monopolisieren. Familien wie die Alamis,
Husaynis, Asalis und Dajanis, deren führende Stellung in der
Stadt seit langem anerkannt war, gewannen nun allmählich auch
jenseits der Stadtgrenzen Autorität, ein Vorgang, der dadurch
begünstigt wurde, dass ihnen - oft recht weit von der Stadt
gelegenes - Agrarland gehörte und dass sie die Aufsicht über
awqaf (wohltätige Stiftungen) führten. Durch Bündnisse mit
Notabeinfamilien in anderen Gebieten begannen sie,
ineinandergreifende Clan-Netze zu spinnen und
Loyalitätsverhältnisse zu etablieren, die zum Charakteristikum
arabischer Politik in Palästina wurden.
51 Als erste äußerten vor
allem Angehörige solcher Familien ihre Besorgnisse über eine
neuartige Bedrohung ihrer Machtstellung - und potentiell der
muslimischen Vorherrschaft in Jerusalem und ganz Palästina.
-103-
Karte 1: Die Verwaltungsordnung in Palästina in spätosmanischer
Zeit
-104-
1899 schrieb Yusuf Diya al-Khalidi, ein Angehöriger einer
führenden muslimischen Familie in Jerusalem (er war 1877-78
Abgeordneter im ersten, freilich kurz dauernden osmanischen
Parlament sowie zeitweilig Präsident des Jerusalemer Stadtrats
gewesen) einen privaten Brief an den Oberrabbiner von
Frankreich, Zadoc Kahn, in welchem er die Gründe für seinen
Widerstand gegen zionistische Bestrebungen in Palästina
darlegte. Khalidi räumte ein, dass die zionistische Idee «völlig
natürlich, gut und richtig» sei. Er ging sogar weiter: «Wer kann
die Rechte der Juden an Palästina anzweifeln? Guter Gott,
historisch betrachtet ist es wirklich ihr Land.» Doch er wies
darauf hin, dass der Zionismus die Auflehnung der Muslime und
Christen in Palästina hervorrufen werde. Deshalb sei es nötig,
dass die zionistische Bewegung «innehalte».
52 Khalidi stand mit
seiner vorausschauenden Äußerung damals isoliert da, aber im
Verlauf des folgenden Jahrzehnts gesellten sich ihm viele
Gleichgesinnte hinzu.
Die Revolution von 1908 in der Türkei und die nachfolgenden
Wahlen zu einem neu konzipierten osmanischen Parlament
beschleunigten die politische Mobilisierung im gesamten
Reichsgebiet - und auch in Jerusalem. Die damalige politische
Atmosphäre der Stadt spiegelt sich in den erst 1995
veröffentlichten Depeschen und Dokumenten von Ekrem Bey
wider, der zwischen 1906 und 1908 dort als Gouverneur
amtierte.
53 Darin ist die Rede von den Irritationen über die
Anmaßungen der ausländischen Konsuln, von seiner
Unzufriedenheit angesichts des Mangels an wirklicher Macht,
von dem Widerstand gegen die zionistische Einwanderung -
aber der bevorstehende Sturz der vier Jahrhunderte alten
imperialen Regierungsstrukturen wird mit keinem Wort
erwähnt.
Der türkische Amtsträger vermerkte auch ein neues
politisches Phänomen: das Aufkommen arabisch-
-105-
nationalistischer Gefühle. Seiner führenden politischen Position
entsprechend, spielte Jerusalem in dieser Entwicklung eine
entscheidende Rolle: Aus Jerusalem stammten mehr Mitglieder
der unterschiedlichen kleinen protonationalistischen Gruppen als
aus Haifa, Gaza und Nablus zusammengenommen - nämlich
fünfunddreißig im Vergleich zu vierunddreißig aus den drei
anderen Städten. Mitglieder der Notabeinfamilie Husayni waren
besonders aktiv: Jamal al-Husayni spielte eine führende Rolle
im Kulturverein (al-Muntada al-Adabi), Said al-Husayni
gründete den Jerusalemer Zweig der gemäßigten
Dezentralisierungspartei und Schukri al-Husayni war
Schatzmeister der Arabisch-Osmanischen Brüderschaft.
54
Allgemein forderten diese Gruppen nicht die volle
Unabhängigkeit für die Araber. Vielmehr verlangten sie
Autonomie oder - dies stand besonders in Jerusalem hoch im
Kurs - die Annexion durch das von den Briten beherrschte
Ägypten.
55
Auflehnung gegen den Zionismus war bereits damals eine
wirkungsvolle politische Parole. Als das wiederbelebte
osmanische Parlament zusammentrat, warf ein arabischer
Abgeordneter aus Jerusalem die Frage der jüdischen
Einwanderung auf. Die Angelegenheit wurde an den
osmanischen Ministerrat verwiesen, dessen Protokolle
verzeichnen, dass aus mehreren Quellen Berichte und
Denkschriften eingegangen waren, darunter auch vom
mutasarrif (Gouverneur) von Jerusalem. Diesen Berichten
zufolge «kam es im Bereich der Verwaltung von Jerusalem zu
Problemen, weil nach der Ausrufung des konstitutionellen
Regimes einige Bevölkerungsklassen die politischen und
religiösen Bestrebungen zu verfolgen wagten, die sie seit
langem schon zu verwirklichen suchten». Angesichts dieses
Sachverhalts beschloss der Ministerrat, Maßnahmen
vorzubereiten, «die absolut sicherstellen würden, dass Juden an
der Ansiedlung an den Orten gehindert werden, die als zu
-106-
Palästina gehörig angesehen werden».
56 1911 wurde die Frage
von Ruhi al-Khalidi und Schukri al-Asali, den Abgeordneten für
Jerusalem, erneut zur Sprache gebracht.
57 Vor den Wahlen von
1914 versprach Ragheb Naschaschibi, der dann mit großer
Mehrheit als Abgeordneter für Jerusalem ins Parlament gewählt
wurde, seinen Wählern, «alle meine Energien Tag und Nacht der
Aufgabe zu widmen, den Schaden und die Gefahr zu beseitigen,
die wir vom Zionismus und den Zionisten zu erwarten haben».
58
Als die Deutschen 1914 den Status ihrer Jerusalemer
konsularischen Vertretung auf den eines Generalkonsulats
anhoben, war ihr Einfluss in Jerusalem schon recht groß. Anders
als Russen, Franzosen und Briten verfolgten die Deutschen
keine territorialen Ziele, weshalb es ihnen leichter fiel, das
Vertrauen der Türken zu gewinnen - und schließlich ein Bündnis
mit ihnen zu schließen. Dass sie von den Briten den Schutz der
Juden übernahmen, war einer ihrer konsularischen Erfolge.
Diese ursprünglich dem britischen Konsulat obliegende Aufgabe
war nach der Abreise von Konsul Finn im Jahre 1862 nach und
nach abhanden gekommen. 1890 kam es zum förmlichen Ende
des britischen Schutzes über die russischen Juden, und bald
darauf wurden die Schutzrechte auf diejenigen Juden begrenzt,
die sich legitimerweise als britische Staatsangehörige
bezeichnen konnten.
59 Am Vorabend des Ersten Weltkriegs war,
dem letzten britischen Konsul in Jerusalem zufolge, «der Schutz
der Juden als solcher nicht nur seit langem vorbei, sondern
schon völlig in Vergessenheit geraten».
60 Die Konsularakten
zeigen, dass 1913 nur neunzehn Juden in Jerusalem als
nationalisierte Briten registriert waren.
61 Im Gegensatz dazu war
der deutsche Einfluss in jüdischen Kreisen derart groß, dass
Deutsch in den letzten Jahren vor Kriegsausbruch im
«Sprachenkrieg» innerhalb des Jischuw ein ernster Rivale des
Hebräischen war. Trotzdem berichtete 1913 der britische
Konsul, ungeachtet der Artikel in der britischen Presse «über
vermeintliche prodeutsche und proosmanische Sympathien der
-107-
Juden Palästinas», ihm sei von verlässlicher Seite versichert
worden, «dass sie immer danach gestrebt hätten, sich für ihre
Institutionen des Schutzes der britischen Fahne zu versichern,
weil sie davon überzeugt seien, unter keinerlei anderen
Vorzeichen darauf hoffen zu dürfen, ihr Ziel zu erreichen,
nämlich die Ansiedlung einer hebräisch sprechenden jüdischen
Bevölkerung im Lande ihrer Väter».
62
Nach all den Anstrengungen während des vergangenen
Jahrhunderts, christliche Einrichtungen in Jerusalem
aufzubauen, rückte während der nächsten paar Jahre wider
Erwarten das Protektorat über die Juden in den Mittelpunkt der
diplomatischen Machenschaften.
-108-
«Ein Weihnachtsgeschenk für die
Briten»
Als das Osmanische Reich Ende Oktober 1914 als
Verbündeter von Deutschland und Österreich-Ungarn in den
Ersten Weltkrieg zog, brachte dies auf diplomatischer Ebene
weitreichende Änderungen in der Jerusalem-Frage mit sich. Im
Bemühen, sich die Unversehrbarkeit der heiligen Städte des
Islam zunutze zu machen und die Araber für die Sache der
Türken zu gewinnen, sorgte die osmanische Regierung dafür,
dass die «Standarte des Propheten» von Medina nach Norden
gebracht wurde. Am 20. Dezember traf sie in Jerusalem ein und
wurde in einer Zeremonie auf dem Haram al-Scharif von
Dschemal Pascha, einem Mitglied des über die Türkei
herrschenden Triumvirats und Kommandeur der IV türkischen
Armee, willkommen geheißen.
63 Als die Türkei ihre
Beziehungen zu den Feindmächten abbrach, verließen nahezu
alle Konsuln Jerusalem. Die meisten übertrugen zuvor die
Wahrung ihrer Interessen ihrem spanischen Kollegen, von dem
es darum hieß, er sei «Konsul für den gesamten Planeten und ein
höchst bemerkenswerter Bonze» geworden.
64 Von diesem
Augenblick an begann sich ausländischer Einfluss in
militärischer statt in diplomatischer Form bemerkbar zu machen.
Außer türkischen Einheiten war auch ein starkes
österreichisches Kontingent in Jerusalem stationiert. Für
Dschemal, der in der Stadt sein militärisches Hauptquartier
aufschlug, hatte der Rat der deutschen Militärmission bald
großes Gewicht. Zunächst waren die Deutschen nichts weiter als
reine Berater, aber als sich die türkischen Streitkräfte über den
Sinai in den Süden Palästinas zurückzogen, gerieten die
türkischen Stabsoffiziere zunehmend in den Schatten ihrer
deutschen Verbündeten.
-109-
Die in Jerusalem verbliebenen Konsuln wurden von den
Hilfeanfragen der Christen und Juden geradezu überhäuft. Auf
einen Schlag waren Einzelpersonen und Institutionen von ihren
Finanzquellen in Russland, Frankreich und Großbritannien
(später auch in Italien und den USA) abgeschnitten. Das
Griechischorthodoxe Patriarchat musste mit ansehen, wie seine
Einkünfte sich plötzlich um 60 Prozent verringerten. Der
deutsche Konsul Edmund Schmidt erhielt von seiner Regierung
die ausdrückliche Anweisung, Juden unter seine Fittiche zu
nehmen. Auch der österreichische Konsul Friedrich Kraus
intervenierte zu ihren Gunsten.
65 Der amerikanische Konsul Otis
Glazebrook ließ sich das Wohlergehen der Juden ganz
besonders angelegen sein, und das gleiche galt für den
amerikanischen Botschafter in Konstantinopel, Henry
Morgenthau, der selbst Jude war und sich wiederholt bei den
osmanischen Behörden für Juden verwendete. Seinen
Bemühungen war es zu verdanken, dass amerikanische
Kriegsschiffe während der beiden ersten Kriegsjahre wiederholt
in den Hafen von Jaffa einliefen und Lebensmittel und
Medikamente mitbrachten, die von amerikanischen Juden
gespendet worden waren. Schätzungen zufolge hat 1915 ein
solches Schiff etwa 23000 Menschen in Jerusalem mit
Lebensmitteln versorgt.
66 Tausende von Juden und Christen
russischer, französischer und britischer Staatsangehörigkeit
flohen aus Jerusalem. Die Schiffe brachten die Flüchtlinge nach
Ägypten, von wo aus einige in die Vereinigten Staaten oder
andere Länder weiterreisten.
Am 9. November 1914 sagte sich die osmanische Regierung
von den Kapitulationsverträgen los. In einem Rundschreiben,
das die Entscheidung bekannt gab, hieß es, dass man sie «als in
völligem Gegensatz zu den rechtlichen Regeln des
Jahrhunderts» stehend empfand.
67 Die Alliierten weigerten sich,
diese einseitige Entscheidung zu akzeptieren, konnten aber
zunächst wenig dagegen unternehmen. Unterdessen machten sie
-110-
sich in verschiedenen Geheimverträgen, die später zum
Gegenstand endloser Kontroversen und Kritik werden sollten,
an die für die Nachkriegszeit vorgesehene Aufteilung des
Osmanischen Reichs.
Was Jerusalem anbelangte, so war das britisch- französische
Abkommen vom Mai 1916 am relevantesten, das als Sykes-
Picot-Abkommen bekannt ist. Großbritannien und Frankreich
grenzten darin ihre Interessensphären im Gebiet des zukünftigen
arabischen Staates ab und legten damit den Grund für die
spätere Aufteilung der Region. Britische Interessen in
Südmesopotamien und französische Ansprüche auf Syrien
wurden berücksichtigt. In den Instruktionen, die der
französische Außenminister Aristide Briand dem französischen
Unterhändler François-Georges Picot, dem ehemaligen
französischen Generalkonsul in Beirut, mit auf den Weg gab,
wurde die seit langem bestehende Rolle Frankreichs als
Schutzmacht der «Christen des Orients» nachdrücklich
hervorgehoben. Picot sollte auf französische Kontrolle über die
heiligen Stätten drängen. Falls sich die Briten dem widersetzten,
durfte er jedoch die «Neutralisierung» Jerusalems und
Bethlehems in Erwägung ziehen, «vorausgesetzt, dass diese auf
die strikt notwendigen Gebiete um die beiden Städte herum
beschränkt blieb».
68 Die Briten strebten zunächst selbst die
Kontrolle über Palästina an, weil sie es als ein entscheidendes
Bollwerk zur Verteidigung Ägyptens ansahen. Darauf
antworteten die Franzosen mit dem Vorschlag, Palästina in drei
Zonen aufzuteilen: Die nördliche Zone solle der französischen
Kontrolle unterliegen, der Jerusalemer mutasarriflik (Distrikt)
«international» sein und Südpalästina bis zur ägyptischen
Grenze zur britischen Zone werden.
69
Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss. Das
Abkommen sah die Teilung des Fruchtbaren Halbmonds in
Zonen unter direktem oder indirektem britischem oder
französischem Einfluss vor (siehe Karte 2). Zum mittleren
-111-
Bereich Palästinas, westlich des Jordans und einschließlich
Jerusalems, wurde vereinbart, «dass dort eine internationale
Verwaltung eingerichtet werden soll, über deren Form nach
Konsultation mit Russland und anschließender Beratung mit den
anderen Alliierten und den Vertretern des Scherifen von Mekka
entschieden wird».
70 Das Gebiet der vorgesehenen
internationalen Zone war sehr viel größer als die Ortsgrenzen
Jerusalems oder sogar als der Distrikt Jerusalem. Im Norden
reichte es bis Nazareth und den See Genezareth. Hauptgrund
dafür war, dass die Russen darauf bestanden, dass keine einzige
der heiligen Stätten der Christenheit in Palästina ausschließlich
französischer, d. h. römisch-katholischer Kontrolle unterstehen
dürfe.
Karte 2: Der Sykes-Picot Plan (1916)
-112-
Wie bereits dargestellt, reichte der Gedanke einer
Internationalisierung Jerusalems bis 1841 zurück. Mit seiner
Wiederbelebung im Ersten Weltkrieg wollte man offensichtlich
Zwietracht unter den Verbündeten vermeiden, die sich
zweifellos eingestellt hätte, wäre einer von ihnen bestrebt
gewesen, allein Macht in Jerusalem und an den Heiligen Stätten
der Christen auszuüben. Wie das fehlgeschlagene Projekt des
preußischen Königs kam auch das Sykes-Picot-Abkommen aus
einem Zustand der Schwäche zustande - in diesem Fall war es
der Umstand, dass zum Zeitpunkt seiner Unterzeichnung keine
der beteiligten Mächte über einen Stützpunkt in Jerusalem
verfügte.
Im Stillen wurde dies von den Diplomaten durchaus registriert
wie auch, was sich zwangsläufig daraus ergab: Nämlich, dass
diejenige Macht, die die Stadt schließlich besetzte, am ehesten
imstande sein würde, Charakter und Form des internationalen
Regimes zu bestimmen. Das verleitete den Direktor der
Militärischen Aufklärung im britischen Kriegsministerium
während der Verhandlungen zu der Aussage: «Es geht uns
eigentlich wie den Jägern, die das Fell des Bären bereits
aufteilten, noch bevor sie ihn erlegt hatten.»
71 Im Dezember
1916 warnte der französische Botschafter in London das
französische Außenministerium, wenn es zum britischen
Vormarsch nach Palästina komme, dürfe man nicht zulassen,
dass dies nur unter der britischen Nationalflagge geschehe.
72
In Frankreich teilte man seine Ansicht, weshalb man für den
Ministerpräsidenten eine Notiz aufsetzte, die ihn darauf hinwies,
dass in Anbetracht der französischen «Einrichtungen jedweder
Art» in Jerusalem «unsere etwaige Abwesenheit eine echte
Desertion wäre».
73 Die Briten schienen bis auf weiteres geneigt,
für die französischen Interessen Verständnis aufzubringen, und
so kam man Ende des Monats überein, dass Picot und Sykes der
Verwaltung Jerusalems gemeinsam als Hochkommissare
vorstehen sollten.
-113-
In der Einsicht, dass britische Zusagen ohne französische
Truppenpräsenz vor Ort womöglich wenig wert wären, drängte
das Pariser Außenministerium wiederholt auf die Entsendung
französischer Einheiten in die Levante, aber das Oberkommando
der Armee konnte an der Westfront keine Männer entbehren.
Nur ein symbolisches französisches Truppenkontingent wurde
entsandt, das sich den britischen Streitkräften anschließen sollte,
die von Ägypten aus langsam nach Palästina vordrangen.
Folglich waren die französischen Diplomaten dazu genötigt,
sich auf das Versprechen ihres Verbündeten zu verlassen. Als
sich im November 1917 die ägyptischen Expeditionstruppen
unter General Allenby Jerusalem näherten, instruierte der
französische Außenminister seinen Botschafter in London, dort
klarzumachen, welche Wichtigkeit Frankreich der Gegenwart
eines französischen Vertreters an Allenbys Seite beimaß, wenn
dieser in die Stadt einrückte. «Es wäre das natürlichste, uns an
der Verwaltung Jerusalems zu beteiligen, da England immer
gewollt hat, dass die heiligen Städte internationalisiert werden
sollten, und wir zählen darauf, dass England uns diese
notwendige Genugtuung nicht versagen wird.»
74 Um den
französischen Anspruch anzumelden, wurde Picot eilends zu
Allenbys Stab gesandt.
Man hat die Briten bezichtigt, Palästina zwei verschiedenen
Parteien «versprochen» zu haben - an Scherif Hussein von
Mekka in der berühmten McMahon-Hussein-Korrespondenz aus
den Jahren 1915-16, in der sie zusicherten, beim Aufbau eines
arabischen Staates behilflich zu sein, und ein weiteres Mal den
Zionisten in der Balfour-Deklaration vom 2. November 1917, in
der sie sich verpflichteten, «die Schaffung einer jüdischen
nationalen Heimstätte in Palästina» zu fördern. Später
beschwerten sich die Franzosen, auch sie seien von den Briten
hinters Licht geführt worden. Dabei waren sie nicht einmal die
einzigen Konkurrenten um die Suzeränität in der Heiligen Stadt.
1916 kam der Vorschlag auf, den Papst zum weltlichen
-114-
Herrscher über Jerusalem zu machen. Der Kaiser, hieß es,
favorisiere den Gedanken und habe ihn dem Sultan unterbreitet.
Wahrscheinlich handelte es sich dabei nur um ein Gerücht,
vielleicht um ein Produkt der Kriegspropaganda; aber einer
Autorität auf diesem Gebiet zufolge könnte der Vatikan an dem
Gedanken Gefallen gefunden haben, «sei es als Ersatz für die
verlorene Herrschaft über Rom oder als Mittel, seinen Anspruch
hinsichtlich Roms zu festigen».
75 Zu weit hergeholt war der
Vorschlag des vatikanischen Staatssekretärs Kardinal Gasparri
vom Februar 1918. Er regte an, einen Belgier zum Gouverneur
von Jerusalem zu berufen, und führte als Begründung dafür an,
«dass Belgien in politischer Hinsicht außerstande sei, irgend
jemanden zu überragen», während «sein christlicher Eifer sich
religiös in tausend blühenden Institutionen ausdrücke».
76
Wenn die Briten wegen Doppelzüngigkeit einen Tadel
verdienen, dann kommt den Handlungen anderer Parteien keine
weniger strenge Beurteilung zu - besonders denjenigen der
Araber und der Zionisten. Unter der Führung von Scherif
Hussein von Mekka, einem selbsternannten (oder vielmehr von
den Briten ernannten) Anführer der nationalen Sache, waren die
Araber alles andere als Leute, die nicht bei Machiavelli in die
Schule gegangen waren. 1915 begab sich Husseins Sohn Faisal
nach Konstantinopel, wo er mit führenden Männern der
arabisch- nationalistischen Geheimgesellschaften al-Fatat und al-
Ahd zusammentraf und die genauen Bedingungen erörterte, die
man den Briten im Gegenzug für einen arabischen Aufstand
gegen die Türken abverlangen wollte. Auf seinem Heimweg in
den Hedschas machte er in Damaskus Station, wo er weitere
nationalistische Verschwörer aufsuchte und einwilligte, das
Vorhaben seinem Vater vorzutragen und dann nach Syrien
zurückzukehren, um dort die Standarte der Revolte aufzuziehen.
Im weiteren Verlauf seiner Reise stattete er Dschemal Pascha in
Jerusalem einen Höflichkeitsbesuch ab. Dabei versprach er ihm,
1500 Kamele für die türkische Armee bereitzustellen. Überdies
-115-
hielt er vor dem Stab des türkischen Hauptquartiers eine Rede,
in der er bei der Seele des Propheten schwor, zurückzukehren,
«um die Feinde des Glaubens bis auf den Tod zu bekämpfen».
77
Zurück im Hedschas, überredete der junge Emir seinen Vater,
den arabischen Aufstand gegen die Türken auszulösen - durch
den Faisal und seine Brüder, zusammen mit T. E. Lawrence, in
die Geschichte eingingen. In seinen nach dem Krieg
veröffentlichten Memoiren prangerte Dschemal verbittert
Hussein an und versprach, dass «die ganze Welt des Islam klar
erkennen werde, was für eine doppelgesichtige Rolle dieser Herr
gespielt habe». Des betrügerischen Spiels wegen rief er den
«Fluch des Himmels auf Scherif Hussein und seine Söhne»
herab.
78
Deutsche und türkische Offiziere an der Front in Palästina. Dritter von
rechts ist der türkische Kommandeur Dschemal Pascha; der
großgewachsene Mann in der Bildmitte ist General Friedrich Freiherr
Kress von Kressenstein von der deutschen Militärmission. Er hielt
Dschemals Plan einer Evakuierung der Zivilbevölkerung von
Jerusalem für «verrückt».
-116-
Auch die Zionisten gingen auf Nummer sicher. Chaim
Weizmann, der deren Verhandlungen mit den Briten führte, war
ein aufrichtiger und engagierter Befürworter der Sache der
Alliierten und einer britisch-zionistischen Partnerschaft.
Unermüdlich setzte er sein diplomatisches Geschick in Lloyd
Georges «Gartenvorstadt» auf der Rückseite des
Regierungssitzes in der Downing Street 10 und in den Salons
des englischen Adels ein. Zur gleichen Zeit waren jedoch
genauso patriotische Zionisten hartnäckig in Berlin damit
beschäftigt, deutsche Beamte davon zu überzeugen, dass ihre
Bewegung für die Mittelmächte von großem Vorteil sein könnte,
wenn man ihr in Palästina dafür einen Ausgleich schaffe. Das
parallele Herantreten an die Briten und die Deutschen wurde im
Juli 1917 auf einem Treffen russischer und deutscher Zionisten
im neutralen Kopenhagen koordiniert.
79 Wie Isaiah Friedman
gezeigt hat, zeigten die Deutschen aufrichtiges Interesse - auch
wenn es nur der Propagandavorteile wegen gewesen sein mag,
die sie, nicht anders als die Briten, in einer prozionistischen
Erklärung entdeckten.
80 Wahrscheinlich war es allein das
Bündnis mit der Türkei, was Deutschland davon abhielt, sich an
diesem allgemeinen Auseinanderreißen des «Bärenfells» zu
beteiligen.
In Wahrheit gab es bei diesem Aufgebot von diplomatischen
Betrügereien keinen Unschuldsengel. Das einzige Versprechen,
das wirklich zählte, war dasjenige, das die Briten ihrem einzigen
vertrauenswürdigen Alliierten - sich selbst - gegeben hatten.
Lloyd George sprach es im April 1917 unverblümt aus: «Die
Franzosen werden unser Protektorat hinnehmen müssen; wir
werden dank unserer Eroberung dort sein und bleiben, da wir
keinem bestimmten Glauben anhängen und die einzige Macht
sind, die über Mohammedaner, Juden, Katholiken und alle
Religionen herrschen kann.»
81 Diese bemerkenswerte
Deklaration eines unparteiischen Ökumenismus seitens eines
Anhängers der kleinen Baptistensekte der Jünger Christi war
-117-
eine Vorahnung der späteren Bemühungen der britischen
Herrscher in Jerusalem, ihre eigenen Interessen mit denen aller
Glaubensrichtungen im Gleichgewicht zu halten - leider ohne
dass Zufriedenheit einkehrte.
Während die Briten vom Sinai her vordrangen und zuerst
Beerscheba (am 31. Oktober 1917), dann Gaza (am 7.
November) und schließlich Jaffa (am 16. November)
einnahmen, kam es in den Beziehungen zwischen den Türken
und ihren Verbündeten zu Spannungen. Bereits am 29.
September 1917 berichtete General Kress von Kressenstein, das
klarsichtigste Mitglied der deutschen Militärmission, dass
«Zivilverwaltung und Gendarmerie völlig versagten, häufig mit
der Bevölkerung gemeinsame Sache machten und bestechlich
seien.»
82 Die Desertationen nähmen zu, und die türkischen
Behörden lieferten die versprochenen Lebensmittel nicht aus.
Die letzten Monate der türkischen Herrschaft über Jerusalem
waren von Unterdrückung, Terror und Hungersnot
gekennzeichnet. Wer sich zu den Anliegen der Scherifs
bekannte, wurde gejagt. Die katholischen und griechischorthodoxen
Patriarchen ließ die türkische Obrigkeit nach
Damaskus verbringen. Die Lebensmittelversorgung brach
zusammen. Dschemal, der bereits 9000 Juden aus Jaffa
vertrieben hatte, ließ alle in Jerusalem anwesenden Konsuln zu
sich kommen und erklärte ihnen, er habe vor, die gesamte
Zivilbevölkerung zu evakuieren. Kress hielt die Idee für
«verrückt» und wies darauf hin, dass «die Evakuierung einer
Stadt in der Türkei auf ihre komplette Vernichtung hinauslaufe...
die Evakuierung Jerusalems ziele auf den völligen Ruin der
Bevölkerung und aller jüdischen und christlichen
Einrichtungen... Ich halte es für seine unumgängliche Pflicht,
sich ihr energisch zu widersetzen und Dschemals Zusicherung
als wertlos zurückzuweisen.»
83 Das Auswärtige Amt
intervenierte, und Dschemal erhielt aus Konstantinopel die
ausdrückliche Anordnung, von seinem Plan abzulassen. Bald
-118-
darauf wurde er aus seinem Amt verdrängt. Am 5. November
1917 traf General Erich von Falkenhayn, der ehemalige
deutsche Kriegsminister, in Jerusalem ein, bezog das Kaiserin-
Augusta-Viktoria-Gebäude und ersetzte Dschemal als
Kommandeur der Armeen der Mittelmächte auf dem
palästinensischen Kriegsschauplatz. Von diesem Augenblick an
waren die Deutschen praktisch die Herren Jerusalems.
Die türkische Führung wollte bis zum Letzten in Jerusalem
kämpfen, aber ihr Alliierter, Deutschland, setzte sich über sie
hinweg. Am 21. November schrieb Franz von Papen, der
Stabschef der IV. osmanischen Armee (und spätere Vizekanzler
Hitlers), weitere Anstrengungen, die Stadt zu halten, seien
angesichts der heranrückenden britischen Armee militärisch
sinnlos. Am selben Tag wurde in Berlin ein Sonderkommunique
veröffentlicht, in dem versprochen wurde, die heilige Stadt nicht
zum Schlachtfeld zu machen.
84 Auf deutschen Befehl hin
begannen die türkischen Truppen, aus Jerusalem abzuziehen.
Mit einem Schachzug, bei dem es seinem Premierminister
gewiss ganz warm ums Herz wurde, setzte General Allenby am
4. Dezember 1917 walisische Einheiten als Vorausabteilung auf
der Straße von Hebron nach Jerusalem in Marsch. Schwere
Regenfälle verzögerten ihr Vorwärtskommen, und viele
Fahrzeuge und Kamele blieben immer wieder im Schlamm
stecken, aber am 8. Dezember standen die ersten vor Jerusalem.
Am Abend dieses Tages entließ der türkische Gouverneur Izzet
Bey das Personal des Jerusalemer Telegrafenamtes; einer davon
zerschlug die Geräte und ging dann nach Hause, um seine
Uniform gegen Zivilkleidung zu tauschen. Die Nachhut der
türkischen Armee zog ab, und der Gouverneur verließ die Stadt
in einem von einem Pferd gezogenen Wagen in Richtung
Jericho.
Am nächsten Morgen stießen zwei britische Soldaten bei der
Suche nach Wasser auf Husayn al-Husayni, den Bürgermeister
von Jerusalern, der von einer Menschenmenge und zwei
-119-
Gendarmen mit weißen Fahnen begleitet wurde. Sie wussten
nicht, was zu tun wäre. Dann schlenderten zwei Feldwebel
herbei, um die Sache in Augenschein zu nehmen. Sie waren
nicht weniger verblüfft. Nach ihnen kamen zwei Obersten.
Keiner von ihnen sah sich imstande, die Verantwortung dafür zu
übernehmen, die Kapitulation der Heiligen Stadt
entgegenzunehmen. Schließlich kam ein Brigadegeneral
herbeigeritten und «beruhigte den Bürgermeister». Er setzte sich
mit einem Generalmajor in Verbindung, der (nachdem er sich
bei einem Generalleutnant die entsprechenden Instruktionen
besorgt hatte) am Ende in einem Wagen ankam, um die
Übergabe der Stadt anzunehmen. Da war der Bürgermeister
freilich schon davongegangen. Die Eroberer holten ihn
schließlich im Postamt ein, wo ihnen die Schlüssel der Stadt
sowie ein Kapitulationsschreiben ausgehändigt wurden, das
Izzet Bey vor seiner Flucht verfasst hatte.
85 Ein paar Wochen
später starb der Bürgermeister an einer Lungenentzündung, die
er sich durch eine Verkühlung «durch allzu viele
Übergabezeremonien in strömendem Regen» geholt haben
soll.
86
Die alliierten Streitkräfte, die Palästina eroberten, rekrutierten
sich nicht nur aus Briten. Zu ihnen gehörten französische und
italienische Abteilungen, berittene Divisionen aus Australien
und Neuseeland, zwei indische Divisionen, westindische,
algerische, armenische, jüdische und arabische Einheiten,
ägyptische Kamel- und Arbeitsdienstkorps sowie ein
«gemischtes Korps aus Führern und Dolmetschern». Auf die
Empfindungen all seiner Verbündeter nahm Allenby zunächst in
beispielhafter Weise Rücksicht. Ein britischer
Militärkorrespondent erinnerte sich später:
Übrigens möchte ich festhalten, dass - mit der einzigen
Ausnahme eines schmutzigen kleinen Red Ensign [der Flagge
der britischen Handelsmarine], das ich im Eingeborenenviertel
-120-
[sic] von Jerusalem aufgezogen sah - die einzige britische
Fahne, die man in Palästina und Syrien zu sehen bekam, ein
Miniatur Union-Jack [die britische Nationalflagge] war, der auf
dem Kraftwagen des Oberkommandierenden montiert war und
den sein Standartenträger mit sich führte, wenn er ritt. So also
spielte die britische Armee das Spiel, weil manche
Empfindlichkeiten der Alliierten hätten verletzt werden können,
wenn man den Leuten gesagt hätte (obwohl sie es natürlich
wussten), dass sie unter dem Schutz der britischen Fahne
standen.
87
Trotz all dieser Schönfärberei konnte nach dem Dezember
1917 wenig Zweifel daran bestehen, dass die Briten in
Jerusalem das Sagen hatten und zu bleiben beabsichtigten.
Allenbys förmlicher Einzug in die Stadt erfolgte am Mittag
des 11. Dezember 1917 durch das Jaffator. Auf Anweisung aus
London betrat er die Stadt zu Fuß - um sich deutlich vom
Einzug des Kaisers zu Pferde neunzehn Jahre früher abzusetzen.
Zu seiner Rechten begleitete ihn Oberst de Piépape von der
französischen, zu seiner Linken Oberst Dagostino von der
italienischen Abkommandierung. Auch Picot, der französische
Missionschef, nahm an dem Einzug teil und grübelte gewiss
darüber nach, ob seine Vereinbarung mit Sykes über die
Internationalisierung Jerusalems nun wohl umgesetzt werden
würde. Zum Bedauern der Franzosen kamen all diese Gedanken
vor dem großen Ereignis der Eroberung durch die Briten nicht
voran.
In einer Proklamation, die er von den Stufen der Zitadelle
herab verlas, verkündete Allenby die Errichtung einer
Militärverwaltung und versprach, «dass jedes sakrale Bauwerk
und Monument, jeder heilige Ort, jedes Heiligtum, jede
traditionelle Stätte, jede Stiftung, jedes fromme Vermächtnis
und jeder übliche Ort des Gebets, welcher Form der drei
Religionen auch immer, entsprechend den bestehenden
-121-
Gepflogenheiten und Glaubensvorstellungen jener, deren
Bekenntnis sie heilig sind, erhalten und beschützt werde».
88 Als
wollte man die uneigennützig internationalistischen Absichten
der Briten unterstreichen, wurde Allenbys Rede in sieben
Sprachen veröffent licht: auf englisch, arabisch, hebräisch,
französisch, russisch, italienisch und griechisch.
Ein unbekannter Witzbold nannte die Einnahme Jerusalems
«Lloyd Georges Weihnachtsgeschenk an das britische Volk»,
und die britische Propaganda schöpfte Allenbys Triumph voll
aus. Die Aufgabe, anlässlich der Einnahme der Heiligen Stadt
eine Pressemitteilung zu formulieren, wurde dem
Militärgouverneur Oberst Ronald Storrs übertragen. Sykes
jedoch stimmte das Ergebnis nicht froh, weshalb er nach
Jerusalem zurücktelegraphierte:
Pressekommunique unbefriedigend. Storrs sagen,
hochgestochenen Ton abschalten. Gewünscht wird populäre
Lektüre fürs englische Kirchen- und Freikirchenvolk; für New
Yorker Iren; orthodoxe Balkanbauern und Muschiks;
französische und italienische Katholiken; und Juden in aller
Welt; indische und algerische Moslems.
Artikel soll verblüffende Aktualitäten geben und
Beschreibung von Szenen; pittoreske Details. Britannien auf
Heiliges Land, Bibel und Neues Testament festnageln.
Katholiken sich an den Heiligen Stätten, Grab, Via Dolorosa
und Bethlehem drängeln lassen, gedämpfte religiöse Lichter,
Gesang...
Bei Orthodoxen gleiches Vorgehen...
Juden auf volle Details der Kolonien und Institutionen und
Klagestätten konzentrieren. In diesem Teil Vox humana.
Kundgebung der Moslems wegen absoluter muslimischer
Kontrolle über die Omar-Moschee...
-122-
Abschließend alle Rassen (nicht Religionen), loben
Gerechtigkeit, Humanität, Edelmut der Eroberer.
89
General Allenbys Ansprache am 11. Dezember 1917 auf der Zitadelle
von Jerusalem bei seinem feierlichen Einzug in die Stadt nach der
Eroberung durch die Briten.
-123-
Überarbeitete Versionen gingen nach London, aber
Sykes war mit keiner zufrieden: «Das ist elend dröges Zeug.
Von Propaganda hat er keine Ahnung, und immer nimmt er die
falsche Kurve...Wenn nichts Besseres kommt, werde ich selbst
am Sonntag aus diesem Mist was zusammenfummeln.»
90 Am
Ende wurden Harry Pirie-Gordon und Philip Graves, zwei
erfahrene Journalisten der Times, mit der Aufgabe betraut.
Derweil berichtete W. T. Massey, dass Jerusalem «äußerst
glücklich wurde»: Eine jüdische Frau habe ihn auf der Straße
angehalten und ihm «God Save the King» gesungen; ein
verwundeter arabischer Offizier habe ihm «Jetzt kann ich
hipphipphurra für England rufen» gesagt.
91 Massey beschrieb
dann, wie die Eroberer der Heiligen Stadt «die Segnungen der
Zivilisation» teilhaftig werden ließen - unter besonderer
Berücksichtigung der Einführung des britischen Standards im
Installateurshandwerk.
92 Besonders nachdrücklich mühte man
sich darum, sich den Sieg bei den Juden in der ganzen Welt
zunutze zu machen. Premierminister Lloyd George aber war
irritiert, dass das Kriegsministerium zwar «alle Glocken
Londons ein Freudengeläut über den verpfuschten Panzerangriff
bei Cambrai anstimmen ließ, aber keine einzige Fahne
aufgezogen wurde, um auf die Einnahme der berühmtesten Stadt
der Welt durch britische Truppen aufmerksam zu machen, die
seit Jahrhunderten die Bemühungen der Christenheit vereitelt
hat, ihre Heiligtümer wieder in Besitz zu nehmen».
93
Schließlich, so der Premier, hätte man sogar in San Francisco
schon mal etwas von Jerusalem gehört.
94
-124-
3. JERUSALEM UNTER
BRITISCHER
MANDATSVERWALTUNG
Die britische Herrschaft über Jerusalem währte nur drei
Jahrzehnte, aber sie veränderte die Stadt und ebnete der späteren
Teilung Jerusalems den Weg. Von Anfang an schoben die
Briten ihre früheren Versprechungen hinsichtlich einer
internationalen Verwaltung beiseite und errichteten ihre eigene
Herrschaft: bis Juni 1920 eine Militärverwaltung, die dann in
eine Zivilverwaltung unter einem britischen Hochkommissar
umgewandelt wurde. Sie war Jerusalems erste christliche
Verwaltung seit den Kreuzzügen, aber sie erleichterte die
Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk und
gewährte dem neu geschaffenen Obersten Muslimrat bis dahin
nicht gekannte Privilegien. Unter der britischen
Mandatsverwaltung veränderte sich das Verhältnis zwischen
Jerusalem und Palästina. Zum erstenmal in der modernen
Geschichte war Jerusalem nun eine Hauptstadt. Als Folge davon
merkten die städtische Führerschichten, vor allem die
muslimischen Notabein, dass sich ihr Status erhöht hatte. Aber
Status war nicht dasselbe wie Macht, und je klarer ihnen dies
wurde, desto mehr rückten sie von der Mandatsregierung ab. In
den nächsten dreißig Jahren regten sich bei Arabern wie bei
Juden Verärgerung und Feindseligkeit, und nacheinander
erhoben sich beide gegen die britische Herrschaft. Der Aufstand
sollte dann in Blutvergießen, Chaos, gegenseitigen Vorwürfen
und Beschimpfungen enden.
-125-
Von der Militärregierung zur
Mandatsverwaltung
Die Franzosen hingen anfangs der irrigen Vorstellung an, dass
Allenbys diplomatisch formulierte öffentliche Äußerungen eine
britische Bereitschaft anzeigten, die Macht in Jerusalem zu
teilen und damit den Weg zur Internationalisierung
Zentralpalästinas entsprechend dem Sykes-Picot-Abkommen
freizumachen. Aber die Briten dachten gar nicht daran. Das
Äußerste, wozu sie sich einverstanden erklärten, war, dass der
städtischen Polizei fünfzig französische Gendarme zugeteilt
wurden.
1 Als der französische Botschafter in London am 21.
Dezember die Angelegenheit im Auswärtigen Amt bei
Unterstaatssekretär Lord Hardinge zur Sprache brachte, bekam
er zu hören, dass in der Nähe Jerusalems noch immer gekämpft
werde und dies nicht die richtige Zeit dafür sei, eine Verwaltung
auf die Beine zu stellen. Überdies würden die Briten von allen
Seiten mit Forderungen nach einer Beteiligung an der Regierung
Palästinas bombardiert. So hätten bereits der italienische und der
spanische Botschafter, der griechische Gesandte und sogar der
russische Geschäftsträger, der eine nicht mehr bestehende
Regierung repräsentiere, diese Frage aufgeworfen. Hardinge
versprach, Großbritannien werde all seinen Versprechungen
nachkommen, aber man benötige Zeit für eine
Bestandsaufnahme.
2 Damit dies nicht nach einem Ausweichen
klang, gab der britische Botschafter in Paris dem französischen
Außenminister die förmliche Zusicherung, es sei «die feste
Absicht» der britischen Regierung, sich an die Vereinbarung zu
halten, die ein «gemischtes Verwaltungssystem» in Jerusalem
vorsah, sagte jedoch, dass dafür erst das Ende der dortigen
militärischen Operationen abgewartet werden müsse.
3
Allenbys oberster politischer Beamter, Gilbert Clayton,
-126-
schrieb im Januar 1918 in einem Privatbrief an Sykes, Picots
Position in Jerusalem sei «weder für ihn noch für uns sehr
befriedigend». Picot behaupte, die beiden Regierungen hätten
sich auf eine provisorische britisch-französische Verwaltung für
das besetzte Gebiet geeinigt, aber Cla yton schrieb: «Ich weiß
nichts von einer solchen Vereinbarung, die in jedem Fall unter
den gegebenen Umständen ganz unpraktisch und höchst
nachteilig wäre.»
4
Picot versuchte, seine Position zu stärken, indem er die
traditionelle Rolle Frankreichs als Beschützer der Katholiken
hervorkehrte - eine Rolle, die jetzt die Italiener bestritten. Dies
hatte eine ungewöhnlich heftige Auseinandersetzung zur Folge:
ALLENBY: Ich habe einen Bericht des Gouverneurs von
Jerusalem erhalten, der mich über den Vorfall im Wächteramt
[d. h. dem franziskanischen Wächteramt über das Heilige Land]
unterrichtete und wie Sie damit umgegangen sind. Die von
Ihnen eingenommene Haltung war nach meiner Ansicht nicht
korrekt. Sie sollen mit niemandem hier außer General Clayton
Kontakt aufnehmen und haben keine Befehle zu erteilen. Ich
habe nicht erlaubt, dass ein Konsul anwesend sei, weder der
französische noch der italienische... Sie sind nur mein Berater
für arabische und syrische Angelegenheiten.
PICOT: Wenn dem so wäre, bliebe ich keine Stunde länger
hier. Schon all die Versprechungen, die meiner Mission
zugrunde lagen, sind nicht eingehalten worden... Was immer Sie
davon halten mögen, ich bin hier der einzige Repräsentant
Frankreichs, und in dieser Eigenschaft habe ich und - das
garantiere ich Ihnen - werde ich den Rang haben, den mir
internationaler Brauch und Vereinbarungen gewähren.
ALLENBY: Aber es gibt keinen französischen
Repräsentanten in Jerusalem. Ich dachte, man hätte Ihnen das
bei Ihrer Ankunft zu verstehen gegeben. Ich muss Sie bitten, am
-127-
Sonntag vom Besuch der Erlöserkirche abzusehen, und ich bitte
Sie auch, sich nach Jaffa zu begeben.
PICOT: Ich werde nichts dergleichen tun, weil ich in diesem
Punkt nur Anordnungen meiner Regierung entgegennehme... Ich
kündige Ihnen deshalb offen an, dass ich wie üblich am Sonntag
an der Messe in meiner Funktion als französischer Vertreter
teilnehmen werde und mir die Ehrenbezeugungen erwiesen
werden.
ALLENBY: Dann werde ich die Polizei schicken mit dem
Befehl, Sie zu beobachten und beim ersten Vorfall
einzuschreiten
...
Nach weiterem Gezerre sagte Picot, wenn er sich an Allenbys
Anweisungen halte, sehe er nicht, was ihm zu tun übrig bleibe.
«Ich auch nicht!», lautete Allenbys knappe Antwort.
5 Picot
schickte eine entrüstete Beschreibung seiner Unterredung nach
Paris an den Quai d'Orsay, aber die Briten fingen sie ab und
übermittelten eine Kopie davon nach London.
In London wie in Paris war man über diesen Zwist zwischen
den alliierten Mächten bestürzt. Sykes nahm über Fernschreiber
Kontakt zu Jean Goût von der Unterabteilung für Asien im
französischen Außenministerium auf, um zu versuchen, das
gesträubte gallische Gefieder zu besänftigen. Goût ließ jedoch
eine ziemlich lange Darlegung von Picots Beschwerden vom
Stapel und ließ sich darin aus über die «Intrigen» der Italiener
und Allenbys Weigerung, dem französischen Repräsentanten die
geziemende Anerkennung zu zollen. Sykes hatte einige Mühe,
selbst ein Wort loszuwerden, und der Austausch endete mit
einer Zitatschlacht:
SYKES: Denken Sie an das hebräische Sprichwort: «Man soll
dem Ochsen, der das Korn drischt, keinen Maulkorb
umhängen.»
-128-
GOÛT: Verstanden. Aber vergessen Sie nicht das persische
Sprichwort: «Es gibt nur ein Bauwerk auf der Welt, das keine
Risse hat - das ist ein durch Freundschaft und Offenheit
errichtetes.»
6
Solch literarischer Wortwechsel konnte die ernsten
Spannungen zwischen den beiden Verbündeten nicht
überdecken. Offensichtlich war mehr Diplomatie gefordert.
Ein paar Tage später reiste Sykes nach Paris, um eine
Verständigung über Picots Position zu erreichen. Auf der
Rückseite eines Zettels, der den Briefkopf des Hôtel Meurice
trug, notierte er handschriftlich einen Entwurf dafür. Er enthielt
das Versprechen, dass der Status quo an den Heiligen Stätten
aufrechterhalten bleibe und «die traditionellen
Ehrenbezeugungen, die französischen Staatsbeamten von den
kirchlichen Autoritäten erwiesen werden, die den päpstlichen
Supremat anerkennen, als Bestandteil des Status quo betrachtet
werden». Der Entwurf bestätigte das Recht des französischen
Kommissars, die provisorische Militärverwaltung in allen
Fragen zu beraten, in die französische Institutionen oder Bürger
verwickelt waren, nicht jedoch irgendeine «supranationale
religiöse Körperschaft».
7 Picot bekam zu hören, dass er sich an
diese Regelung halten möge - ein Rat, den er widerwillig
annahm.
8 Die Franzosen bekamen also eine glatte Abfuhr.
Weder im noch nach dem Krieg wurden sie an der Verwaltung
beteiligt. Ihr Protektorat über die katholischen Christen war auf
einen bloßen Restbestand an Ehrenrechten reduziert. Nach
Sykes Ansicht (die freilich nicht für französische Augen gedacht
war) waren die früheren britisch-französischen Vereinbarungen
«völlig verschlissen und... sollten über Bord geworfen werden».
9
Kurz darauf erhielt Allenby aus London die Anweisung, dass
kein französisches Protektorat über die katholischen Christen in
Palästina anerkannt werden dürfe und Picot «keinen Status von
der Art habe, dass er ihn dazu berechtigen würde, seine
Regierung in einer diplomatischen oder kons ularischen Funktion
-129-
zu repräsentieren».
10
Die Franzosen waren nicht die einzigen, die sich, was
Erwartungen auf eine Regierungsbeteiligung betraf, eines
Besseren belehren lassen mussten. Die katholische Presse in
Belgien brachte mit einigem Nachdruck noch einmal den
Gedanken eines belgischen Mandats zur Sprache. Als sich die
belgische Regierung weigerte, sich dafür einzusetzen, suchte der
belgische Primas Kardinal Mercier mit Zustimmung von König
Albert, aber über den Kopf der Regierung hinweg, bei
Frankreich Unterstützung für dieses Vorhaben. Die ihrerseits
über den Tisch gezogenen Franzosen waren aber außerstande,
etwas für ihren anspruchsvollen kleinen Nachbarn zu tun.
11
Als Nächste meldeten sich die Italiener. Mit realistischerem
Blick für die Umstände war ihnen bewusst, dass sie nicht darauf
hoffen konnten, über Palästina zu herrschen. Deshalb mühten
sich ihre Repräsentanten in Jerusalem 1918 und 1919 eifrigst um
Unterstützung für eine Internationalisierung.
12 Als die
Aussichten dafür immer geringer wurden, legte sich Alberto
Tuozzi, der italienische Generalkonsul in Jerusalem, stattdessen
für einen unabhängigen arabischen Staat mit Faisal an der Spitze
ins Zeug, der Palästina einschließen und für den Italien
Regierungsbeamte zur Verfügung stellen sollte, da Italiener
«besonders willkommen wären».
13 Auch diese Aussicht
entschwand jedoch, weshalb sich die Italiener damit begnügen
mussten, mit den Franzosen um den Schutz der Rechte der
Katholiken an den Heiligen Stätten zu konkurrieren. 1919
verlangten sie die Anerkennung ihrer Eigentümerschaft am
Coenaculum (dem traditionellen Ort des letzten Abendmahls
sowie der Herabkunft des Heiligen Geistes an Pfingsten); 1928
warf der italienische Botschafter in London Fragen hinsichtlich
der Heiligen Stätten auf, aber (so heißt es in einem späteren
Memorandum des Auswärtigen Amtes) «er wurde in keinem
Zweifel darüber gelassen, dass die Regierung Seiner Majestät
nicht der Meinung war, dass seine Regierung in dieser
-130-
Angelegenheit irgendeinen locus standi habe».
14 Am Ende
fanden die Italiener, wie auch die Franzosen, dass ihnen nur die
Verteidigung ihrer eigenen religiösen Einrichtungen und
Staatsangehörigen in Palästina übrig blieb. Der Großteil des
italienischen Truppenkontingents von 660 Mann wurde im
August 1919 aus Palästina abgezogen. Die letzten fünfzig
Carabinieri der Legion von Neapel standen noch eine Zeitlang
dem Konsul in Jerusalem zur Verfügung, aber im Februar 1921
wurden auch sie abgezogen.
Der britische Militärgouverneur von Jerusalem war Ronald
Storrs, der zuvor «Oriental Secretary» an der britischen
Residentur in Kairo gewesen war. Auch nach der Schaffung
einer Zivilverwaltung im Jahre 1920 blieb er im Amt, bis er
1926 Palästina verließ. Sein Kollege Norman Bentwich nannte
ihn «einen Diplomaten, der unterschiedliche Völker zu
verstehen und zu interpretieren versuchte und mit Geschick
Kontakt zu ihnen aufnahm». Allerdings fügte er hinzu: «Sein
großer Wunsch als Administrator war, jedem zu gefallen, und
dieser Wesenszug hatte die Tendenz, ihn zu ruinieren... keine
Seite vertraute ihm. In einer Zeit ernster Probleme war er
außerstande, energisch und entschlossen zu handeln.»
15 1918
gründete Storrs mit der Unterstützung britischer Staatsbeamter,
muslimischer Notabein, christlicher Würdenträger und
zionistischer Führer die «Pro-Jerusalem Society», die das Ziel
verfolgte, die Altstadt zu schützen und zu restaurieren.
Der bekannte Architekt und Städteplaner C. R. Ashbee wurde
zum «städtischen Berater» ernannt, und es war weitgehend
seinem Einfluss zu verdanken, dass eine - noch heute gültige -
Verordnung erlassen wurde, wonach sämtliche Gebäude in der
Stadt eine steinerne Fassade haben mussten.
-131-
General Allenby (vorne in der Bildmitte) in Palästina, 1918.
Hinter Allenby schreitet Ronald Storrs, der Militärgouverneur von
Jerusalem, die Stufen herab.
-132-
Emir (später König) Abdullah mit Sir Herbert Samuel (Mitte) und
Winston Churchill (vorne rechts) in Jerusalem, 1921.
Am 13. April 1918 traf eine von den Briten finanziell
unterstützte und von Chaim Weizmann geführte zionistische
Kommission in Jerusalem ein. Weizmann war entsetzt, als er das
jüdische Viertel in Jerusalem sah: «Nichts als Dreck und
Infektionen. Diese unbeschreibliche Armut, verstockte
Unwissenheit und fanatische Gesinnung - es tut einem im
Herzen weh, wenn man das alles ansieht!»
16 Es war eine typisch
zionistische Reaktion auf den «alten Jischuw» von Jerusalem.
Zu Anfang schien Weizmanns diplomatische Haltung bei
Christen und Muslimen Freunde zu gewinnen. Bischof
Porphyrios, der als Sprecher der griechisch-orthodoxen
Gemeinde auftrat, sandte ihm eine freundliche Botschaft.
17
Weizmann traf sich mit arabischen Notabein, u. a. mit dem
Mufti Qamil Bey al-Husayni, und versuchte, ihnen zu
versichern, dass die Zionisten weder vorhätten, arabische
-133-
Interessen zu beeinträchtigen, noch sich in die Kontroverse um
die Heiligen Stätten einzumischen. Danach sagte der Mufti
Storrs, falls «die Juden sich Dr. Weizmanns Worten getreu
verhielten, wäre alles in Ordnung».
18 Bei späterer Gelegenheit
beschenkte der Zionist den Mufti mit «der historischen
Abschrift des Koran aus Adrianopel».
19
Der Mufti wohnte der feierlichen Grundsteinlegung für die
Hebräische Universität auf dem Skopusberg wie auch der
Eröffnung des Rothschild-Krankenhauses bei.
Derartiges Höflichkeitsgeplänkel vermochte das darunter
schwelende gegenseitige Misstrauen freilich nicht zu verdecken.
Im Juni 1918 warnte ein in Jerusalem heimischer
Geheimdienstmitarbeiter, ein Katholik, die Regierung,
«Nichteinheimischen mag die Lage an der Oberfläche
einigermaßen ruhig erscheinen, aber nach meiner Meinung ist
sie immer noch unruhig und kompliziert». Die muslimische
Bevölkerung könne sich noch nicht mit der christlichen
Herrschaft abfinden, und der «Popanz des Zionismus... ist für
Muslime wie für Christen ein Albtraum».
20
Von Anfang an fiel den Beamten der britischen
Mandatsverwaltung die stete Zunahme arabischer
nationalistischer und antizionistischer Gefühle auf, und sie
berichteten darüber nach London. Im August 1919 verfasste J.
N. Camp, der als «Assistant Political Officer» in Jerusalem
Dienst tat, einen detaillierten Bericht über politische Aktivitäten
von Arabern in der Stadt und über arabische Einstellungen
gegenüber dem Zionismus. Die Bewegung sei in mehreren
Vereinigungen organisiert. Der Kulturclub stehe «in direktem
und ständigem Kontakt mit dem Zentrum der Propaganda in
Damaskus» und strebe nach «arabischer Unabhängigkeit, nach
der Verhinderung jeglicher Art von Zionismus und der
jüdischen Einwanderung, der Vereinigung von Palästina mit
Syrien und der Abschaffung der ausländischen Kapitulationen».
Der Arabische Club habe ähnliche Ziele; seine Mitglieder, die
-134-
zumeist der Familie Husayni angehörten, «seien nicht so auf
arabische Unabhängigkeit festgelegt, aber ebenso nachdrücklich
gegen den Zionismus und die jüdische Einwanderung». Der
Bruder des Mufti, Hadsch Amin al-Husayni (ein «glühender
arabischer Propagandist»), sei eines seiner führenden
Mitglieder. Von einer Organisation mit dem Namen
«Bruderschaft und Reinheit» hieß es, sie bestehe aus
«gewaltbereiten Propagandisten und... Anführern einer Menge
von Schlägern und Halsabschneidern», von denen man
erwartete, dass sie für den Kulturclub «die Dreckarbeit
erledigten». Zu ihren führenden Geistern gehörten, so sagte
man, der arabische stellvertretende Polizeichef sowie viele
weitere Polizisten. Was die «Muslimisch-Christliche
Gesellschaft» angehe, seien «die Katholiken darin
profranzösisch, die Griechisch-Orthodoxen nahezu allesamt
probritisch; die Moslems wollen unbedingt die Unabhängigkeit,
auch wenn, falls sie nicht zu haben ist, einige Großbritannien
und andere Amerika als Mandatsmacht vorziehen». Warnend
wies Camp darauf hin, dass radikale Gruppen ihre Mitglieder
mit Schusswaffen ausrüsteten.
21 Eine Woche später versicherte
ein an den Militärgouverneur von Jerusalem gerichtetes
Protestschreiben der «Muslimisch-Christlichen Gesellschaft»,
im Kampf gegen den Zionismus sei die gesamte Bevölkerung
des Landes «bereit, sich zu opfern».
22
Auf der Pariser Friedenskonferenz von 1919 erschien Chaim
Weizmann an der Spitze einer zionistischen Delegation, um auf
eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk in dem unter
britischem Protektorat stehenden Palästina zu dringen. Faisal
führte eine Delegation an, die den Hedschass repräsentierte, und
forderte seine Bestätigung als Herrscher von Syrien. Die Briten
machten ihm klar, dass er, falls er in seinen schwierigen
Beziehungen zu den Franzosen den Rückhalt der Briten erwarte,
gut beraten wäre, mit Weizmann zu einer Verständigung zu
kommen. Faisal befolgte diesen Rat.
-135-
Unterdessen trugen die Franzosen mit Nachdruck ihre
Forderung nach ganz Syrien vor und ließen weiterhin ihrer
Eifersucht wegen der britischen Kontrolle über Jerusalem und
die heiligen Stätten freien Lauf. Lloyd George ließ sie rüde
abblitzen. Bei einer Konferenz über Kleinasien, die im Februar
1920 in London stattfand, brach eine «hitzige Diskussion» über
eine französische Forderung nach dem Wächteramt über die
Grabeskirche aus. Lloyd Georges Sekretärin und Geliebte
Frances Stevenson notierte, dass der Premierminister wütend
wurde und fragte, ob die Briten nicht gut genug dafür seien, sie
zu hüten. Sie seien gut genug, sagte er, die Reisenden auf ihrem
Weg zu ihr zu schützen, und dafür zu sorgen, dass die zu ihr
hinführenden Straßen sauber seien. Ginge es aber darum, den
Ort zu betreten und zu bewachen - nein! Das müssten die
Franzosen machen. «Welchen Anspruch hat Frankreich
eigentlich, das zu tun, und wäre es auch nur aus religiöser Sicht?
Ist Frankreich ein katholischer Staat?» Die Franzosen wagten
nicht, mit Ja zu antworten. D. setzte sich durch, wie üblich.
23
Erst im April 1920 war diese Frage abschließend geklärt.
Damals stimmte die Konferenz von San Remo der Erteilung
eines britischen Mandats für Palästina zu, und Sir Herbert
Samuel wurde zum ersten Hochkommissar ernannt. Mit der
Errichtung einer britischen Zivilverwaltung war klar, dass die
Franzosen den Kampf um Jerusalem verloren hatten. Sie
beschlossen daraufhin, ihre Verluste zu begrenzen. Im Juli 1920
bootete die französische Armee Faisal unsanft in Damaskus aus.
Er floh nach Palästina und erhielt dann von den Briten als
Ausgleich den irakischen Thron. Im Dezember unterzeichneten
Franzosen und Briten ein Abkommen, das die Grenze zwischen
Palästina und dem von Frankreich besetzten Syrien festlegte
(siehe Karte 3).
-136-
Christlicher Triumphalismus
Der Theorie nach war die Mandatsverwaltung eine
internationale Regierungsform und Großbritannien als
Mandatsmacht nominell dem Ständigen Mandatsausschuss des
Völkerbunds verantwortlich. Die Realität sah allerdings so aus,
dass Palästina von 1920 bis 1948 so regiert wurde, als wäre es
eine britische Kronkolonie. Von Anfang an trugen die Briten
äußerste Sorge dafür, die Ängste anderer Religionen zu
besänftigen. In seiner ersten Erklärung nach seinem Einzug in
die Stadt hatte Allenby versprochen, die Interessen aller
Religionen zu berücksichtigen und zu schützen. In einer
Depesche nach London berichtete er:
Die Omar-Moschee und das umliegende Gelände sind
moslemischer Kontrolle unterstellt worden, und rund um die
Moschee wurde ein aus indisch-muslimischen Offizieren und
Soldaten zusammengesetzter Militärkordon gelegt. Es ist Befehl
ergangen, dass ohne Erlaubnis des Militärgouverneurs und des
für die Moschee verantwortlichen Moslems kein Nichtmoslem
den Kordon passieren darf.
24
Doch trotz ihres äußerst gewissenhaften Bemühens wurden
die Briten von allen Seiten der Parteilichkeit bezichtigt.
Obwohl die Briten darauf bedacht waren, nicht die
Christenheit oder eine bestimmte ihrer Glaubensrichtungen zu
bevorzugen, war doch die Tatsache nicht zu leugnen, dass die
britische Herrschaft zwischen 1917 und 1948 die Herrschaft
einer christlichen Macht war. Allgemein tendiert man dazu, den
christlichen Aspekt des Mandats zu ignorieren, zum Teil der
britischen Verpflichtung in der Balfour-Deklaration wegen, eine
-137-
nationale Heimstätte für das jüdische Volk zu schaffen, zum
Teil auch, weil der erste britische Hochkommissar kein Christ,
sondern ein Jude war, und auch, weil die Mandatsregierung
allem Anschein nach keine spezifisch christlichen Interessen
oder Ziele verfolgte. Aber zur damaligen Zeit sahen das manche
anders - entweder Muslime, die befürchteten, von Juden
enteignet zu werden, oder Christen, die von den ersten
christlichen Herrschern in der Heiligen Stadt seit 1244 etwas
mehr Militanz im Geist der Kreuzzüge erwarteten.
Mit der Wiedergewinnung christlicher Kontrolle über die
Heiligen Stätten brach eine Flutwelle des christlichen
Triumphalismus los, vor allem in Frankreich und Italien. In
Notre-Dame wurde in Gegenwart des französischen Präsidenten
ein Te Deum gesungen; der Erzbischof von Paris hielt eine
Predigt, in der er an die Kreuzzüge erinnerte und «die alten
Schutzrechte» heraufbeschwor, die «der ältesten Tochter der
Kirche» zukämen.
25 Die Ansprache, die Papst Benedikt XV.
Anfang 1919 vor dem Kardinalskollegium hielt, spiegelte die
Stimmung wider:
Wer vermag die vollständige Geschichte all der
Anstrengungen Unserer Vorgänger zu erzählen, [die Heiligen
Stätten] von der Herrschaft der Ungläubigen zu befreien, von
den heldenhaften Taten und dem Blutvergießen der Christen des
Westens über Jahrhunderte hin? Und nun, da sie inmitten der
Freudenrufe aller guten Menschen endgültig in die Hände der
Christen zurückgekehrt sind, gilt Unsere ganze Sorge den
Entscheidungen, welche der Friedenskongress in Paris bald in
bezug auf sie treffen wird. Gewiss wäre es ein furchtbarer
Schmerz für Uns und alle christlichen Gläubigen, wenn
Ungläubige in eine bevorrechtigte und privilegierte Position
gelangten; umso mehr, wenn diese allerheiligsten Stätten der
christlichen Religion der Verantwortung von Nichtchristen
überlassen werden würden.
26
-138-
Sowohl die römisch-katholische als auch die griechischorthodoxe
Kirche präsentierten auf der Pariser
Friedenskonferenz erneut ihre konkurrierenden Ansprüche auf
die Heiligen Stätten. Beide rekapitulierten dazu noch einmal die
verwinkelte Geschichte der Rechte, Forderungen und
Gegenforderungen.
27 Keine von beiden Konfessionen konnte die
Konferenz dazu überreden, sich in diese Fragen verstricken zu
lassen.
Aber die Katho liken blieben in der Offensive. Im Dezember
1922 erklärte Pius XI. in seiner Konsistoriumsallokution
Vehementer Gratum, dass die «dortigen Rechte der katholischen
Kirche in Anbetracht ihrer offenkundigen Überlegenheit über
die anderer interessierter Parteien respektiert werden und
Vorrang erhalten müssen, nicht nur im Verhältnis zu Juden
[und] Ungläubigen, sondern auch zu den Mitgliedern
nichtkatholischer Konfessionen ...»
28
Der Mandatsregierung blieb es überlassen, sich eine Lösung
auszudenken. 1923 informierte sie den Völkerbund, sie selbst
habe «die Verantwortung für die Heiligen Stätten... als
Nachfolger der Regierung» übernommen, bis von einer
internationalen Kommission zur Frage der Heiligen Stätten
Empfehlungen ausgesprochen würden. Die Briten schlugen drei
Unterkommissionen vor - eine christliche, eine muslimische und
eine jüdische -, die sich des Problems annehmen sollten. Keine
wurde je ernannt. Im Falle der Christen lag es daran, dass
Frankreich auf einer katholischen Mehrheit und einem
französischen Vorsitzenden bestand - was für Nichtkatholiken
wohl nicht annehmbar war.
-139-
Karte 3: Palästina unter britischer Mandatsverwaltung
-140-
Da ein zu verbindlichen Festlegungen legitimiertes,
internationales Gremium fehlte, hielten sich die Briten an die
unter den Osmanen getroffene Regelung: den Status quo von
1852. Die knifflige Frage zu beantworten, was das nun genau
bedeutete, fiel den Beamten der Mandatsverwaltung zu. Um
ihnen dabei zu helfen, machte sich die Regierung daran, die
bestehende Praxis zu kodifizieren. Als erstes musste L. G. A.
Cust als der mit diesem Unterfangen betraute Beamte
herausfinden, für welche Heiligen Stätten der Grundsatz des
Status quo überhaupt galt. Er benannte fünf: das Heilige Grab,
den Deir al-Sultan, das Auferstehungsheiligtum, das Grab der
Heiligen Jungfrau (in der Nähe von Gethsemane) und die
Geburtskirche in Bethlehem. Für jede einzelne Stätte führte Cust
nun bis in die kleinsten Einzelheiten die herrschenden Sitten und
Bräuche an, einschließlich der Öffnungszeiten,
Schlüsselverwahrer, Reinigungsrechte, Prozessionen (kleine,
mittlere, große, ihre Daten, Routen und Zusammensetzung, die
exakten Positionen, die darin Dragomane, Küster, Kerzenträger,
Weihrauchträger und Fächerschwinger einzunehmen pflegten),
Gewandung, Glockengeläut, Lampenentzünden, Kerzen,
Tapisserien, Ikonen und so weiter. Das Dokument wurde von
der Mandatsverwaltung veröffentlicht, allerdings unter dem
Vorbehalt, «die in diesem Druck enthaltenen Beschreibungen
der Praxis sind nicht als von offizieller Gültigkeit anzusehen».
29
Weit entfernt davon, die strittigen Fragen um die Heiligen
Stätten zu lösen, fror die Kodifizierung nur die bestehenden
Kontroversen auf ihrem jeweiligen Stand ein, ohne sie
beizulegen. Da die Geltung der Statusquo-Regel im übrigen nur
für einen kleinen Bruchteil der Heiligen Stätten (und von diesen
nur bei den christlichen) anerkannt wurde, waren damit die
Schleusen für einen wahren Sturzbach weiterer Streitigkeiten
geöffnet, die sich auf andere Orte bezogen, um deren Heiligkeit
Rivalitäten herrschten.
Bei diesen und anderen Disputen hegten die Katholiken den
-141-
Verdacht, dass die Mandatsverwaltung zugunsten der
Orthodoxen Partei nähme, welche die Briten, wie schon ihre
türkischen Vorgänger, in der Tat als «die Kirche des Landes»
betrachteten.
30 Die bereits vor 1920 schwierige Beziehung
zwischen Regierung und Katholiken geriet nun in Wallung. Die
Briten schrieben die Schwierigkeiten dem widerspenstigen
Wesen des Lateinischen Patriarchen, des Italieners Monsignore
Louis Barlassina, zu. Harry Luke, ein britischer Beamter, der ihn
gut kannte, kennzeichnete Barlassina als «engstirnig bis zur
Bigotterie. Er hatte das Temperament eines Inquisitors, etwas
vom fanatischen Eifer eines Savonarola». Barlassinas «drei
Schreckgespenster» waren, Luke zufolge, «Protestantismus,
Zionismus und Freimaurerei».
31 Der italienische Generalkonsul
in Jerusalem notierte, «Takt» sei eine Eigenschaft, «die dem
Patriarchen völlig fehlt».
32 Seine Ernennung verdankte er den
Briten, die gegen einen Vorschlag des Vatikans, einen
Österreicher zu berufen, erfolgreich protestiert hatten. «Mons.
Barlassina sollte eigentlich auf ewig ein Englandfreund sein»,
hatte Sykes 1918 geäußert.
33 Nie hat einer weniger Dankbarkeit
gezeigt. Kaum war Barlassina 1920 in seinem Amt, provozierte
er auch schon eine Konfrontation mit der Regierung, nämlich
mit seiner Entscheidung, in der Liturgie des
Weihnachtsgottesdienstes in Bethlehem dem französischen
Konsul den Ehrenvorrang zukommen zu lassen. Um eine
peinliche Szene zu vermeiden, boykottierte der Hochkommissar
die Veranstaltung.
Barlassinas Beziehungen zu Storrs waren besonders
schwierig. Der Patriarch beklagte sich, dass Storrs dazu neige,
ihn «anzugrinsen» und wie einen Schuljungen zu behandeln.
Barlassina verurteilte die in England gegründete Be wegung der
weiblichen Pfadfinder und protestierte gegen einen Kostümball
an der Evelinade-Rothschild-Schule. Der Gouverneur wiederum
ließ sich mit der Bemerkung vernehmen, der Prälat lege eine
«etwas nörglerische Haltung» an den Tag. Hinter diesem
-142-
Hickhack steckte das bei den Briten tief sitzende Misstrauen, die
Katholiken seien wie in alten Zeiten Werkzeuge der
französischen Diplomatie.
34 Im September 1921 berichtete der
amerikanische Generalkonsul, Barlassina und Storrs hätten
«einige scharfe Kontroversen gehabt, und letzterer ist kürzlich
auf Anweisung der palästinensischen Regierung nach Rom
gereist, um mit dem Papst zu sprechen und möglichst
weitgehend die Berichte, die vom hiesigen Patriarchen an ihn
abgegangen sind, zu diskreditieren oder zu relativieren».
35 Von
Barlassina auf die Unterredung vorbereitet, sagte der Papst zu
Storrs, die Briten hätten die Heilige Stadt durch die Einführung
von Kinos und 500 Prostituierten besudelt. Storrs versuchte, den
Papst mit der Erklärung zu beschwichtigen, dass es dort schon
vorher Kinos gegeben habe und man die Huren aus der Stadt
herausgeschafft hätte. Barlassina blieb auch weiterhin für die
Briten ein solches Ärgernis, dass sie versuchten, ihn durch einen
ihrer Landsleute ersetzen zu lassen, was ihnen aber nicht
gelang.
36 Wegen seiner Halsstarrigkeit, besonders in Fragen des
Vorrangs, brachte er selbst seine Vorgesetzten in solch große
Verlegenheit, dass der Vatikan schließlich 1929 einen
Engländer, Pater Pascal Robinson, zum Apostolischen Nuntius
für Palästina berief, der künftig für die Beziehungen mit der
Mandatsverwaltung verantwortlich war. Barlassina jedoch blieb
den Briten in Jerusalem ein Dorn im Auge, bis er 1947 im Amt
starb.
Unter britischer Herrschaft kehrten die meisten Konsuln - mit
Ausnahme des russischen - nach Jerusalem zurück, mussten aber
feststellen, dass ihre früheren Vorrechte nun erheblich
vermindert waren. Die endgültige Abschaffung der
Kapitulationen durch Artikel 8 des Palästina-Mandats, das 1922
definitiv beschlossen wurde, schmälerte erheblich die Macht der
Konsuln - und steigerte entsprechend ihre Enttäuschung und
ihren Groll. In besonderem Maße galt dies für die Franzosen,
die, der materiellen Machtbefugnisse beraubt, sich mit deren
-143-
geistigem Ersatz zu trösten suchten - mit ihrem traditionellen
Protektorat über die Katholiken und die Rechte der römischkatholischen
Kirche an den Heiligen Stätten. Daran klammerten
sie sich fest, obwohl sie doch auf der Konferenz von San Remo
im April 1920 förmlich dem Beschluss zugestimmt hatten, das
Protektorat zu beenden.
Die Einsetzung der britischen Mandatsverwaltung minderte
zwar die Rivalität, Streitigkeiten und gelegentlichen Pannen an
den Heiligen Stätten, beseitigte sie aber nicht vollends. 1922
berichtete der französische Konsul, seine italienischen und
spanischen Kollegen hätten mit Hilfe von Geistlichen ihrer
Nationalität versucht, beim Weihnachtsgottesdienst in der
Geburtskirche und bei anderen Feiern seinen traditionellen
Vorrangplatz einzunehmen. «Diese Vorfälle zeigen, mit welcher
Eifersucht benachbarte Völker unsere vorherrschende Stellung
im Heiligen Land betrachten, und mit welcher Ungeduld die
Abschaffung unserer Privilegien erwartet wird», schrieb der
Generalkonsul.
37 1925 kam es vor der Grabeskirche zu einem
Handgemenge, als dort entgege n den Regeln Nationalflaggen
gehisst wurden. Storrs beschwerte sich schriftlich beim
französischen Generalkonsul, «dass ein britischer Hauptmann
von einem Herrn, der sagte, dass er ein französischer General
sei, am Mund verletzt wurde».
38 Die Genugtuung, die er dafür
erhielt, war kläglich.
Mit den Beziehungen der Briten zu den Ostkirchen ging es
nicht harmonischer zu. Damals fühlte sich die orthodoxe Kirche
sehr in die Defensive gedrängt. In Jerusalem, wo ein Jahrhundert
zuvor neunzig Prozent der ansässigen Christen Orthodoxe
waren, hatten sie seither gegenüber den Katholiken
kontinuierlich an Boden verloren. Während des Kriegs war das
Griechisch-orthodoxe Patriarchat infolge von Schulden ernsthaft
geschwächt worden und 1918 praktisch bankrott. Man
befürchtete, dass ihm das gleiche Schicksal beschieden sein
könnte wie dem Armenischen Patriarchat, das im frühen 18.
-144-
Jahrhundert unter seiner Schuldenlast fast zusammengebrochen
wäre. Jetzt rebellierten die arabischen Gemeindegeistlichen und
Laien, die seit langem störrischen Sinns die Herrschaft der rein
griechischen Bruderschaft vom Heiligen Grab ertragen hatten.
In der Gemeinde machten sich nationalistische Empfindungen
breit und wurden Stimmen laut, die die Berufung arabischer
Priester in den Episkopat oder gar in das Patriarchat forderten.
Die Griechen ließen sich jedoch ihre Vorherrschaft über die
Kirche nicht streitig machen, die sie als Sache ihres eigenen
Nationalstolzes betrachteten, weshalb sie denn auch als
«Mandatsträger» des griechischen Volkes auftraten.
39 Es war so
weit gekommen, dass sich die Bruderschaft nicht nur als
Wächter der Kirche, sondern als ihre Verkörperung
betrachtete.
40
Zu Beginn der britischen Besatzung hatte es in
Geheimdienstberichten geheißen, dass der 133. Griechischorthodoxe
Patriarch, Damianos, «protürkisch» und «ein großer
Schurke» sei.
41 Zweifellos war er ein gewiefter Politiker, der es
1908 verstanden hatte, sich nicht vom Thron vertreiben zu
lassen. Der in Jerusalem zu Besuch weilende griechische
Generalkonsul in Kairo verfasste im August 1918 ein langes
Memorandum für Allenby, in dem er Damianos bezichtigte, mit
den Türken zu sympathisieren, und seine Absetzung verlangte.
Es gelang ihm aber nicht, den Oberkommandierenden zu
überzeugen, und Allenby erteilte dem Patriarchen die Erlaubnis,
aus seinem Exil nach Jerusalem zurückzukehren. Am 5. Januar
1919 traf er ein, gerade rechtzeitig, um in Bethlehem das
orthodoxe Weihnachtsfest zu zelebrieren. Die griechische
Staatsbank bot ein Darlehen an, um die Schulden des
Patriarchen zu tilgen. Die Darlehensbedingungen waren jedoch
so formuliert, dass sie in Wirklichkeit die ganze griechischorthodoxe
Kirche in Palästina der Kontrolle der griechische
Regierung unterstellt hätten. Die britischen Behörden
verweigerten darum ihre Zustimmung und schlugen stattdessen
-145-
vor, er möge sich um ein Darlehen einer britischen Bank
bemühen. Unglücklicherweise war jedoch kein reputierliches
Bankhaus bereit, sich auf dieses riskante Unterfangen
einzulassen.
Daraufhin versuchte der griechische Konsul in Jerusalem, Dr.
Tzorbatzoglou, innerhalb des Patriarchats einen Umsturz
anzuzetteln. Er scharte in der Bruderschaft eine Gruppe von
Opponenten gegen den Patriarchen um sich und schlug eine
neue Verfassung vor, welche die Unabhängigkeit des
Jerusalemer Patriarchats beseitigt und es der Kontrolle der
Patriarchen von Konstantinopel, Alexandria, Antiochien,
Griechenland und Zypern unterstellt hätte - und letzten Endes
der griechischen Regierung. Da das Patriarchat immer mehr dem
finanziellen Ruin entgegenging, wandte sich der Bischofssynod
gegen Damianos. Er verfasste eine Anklageschrift, in der er ihm
vorwarf, dass er willkürlich und despotisch in seiner
Amtsführung war, dass er sich weigerte, die
Mehrheitsentscheidungen seines Synods zu respektieren, dass er
geistige Entwicklung hemmte, Nachlässigkeit in der
Lebensführung nicht zügelte, die Mittel des Patriarchats
verschleuderte, enorme Schulden angehäuft hat, den Rechten der
orthodoxen Kirche in den Heiligen Stätten keine tatkräftige
Verteidigung angedeihen ließ, die Errichtung von Institutionen
anderer orthodoxer Kirchen in Palästina zuließ, seiner Herde
keine rechte pastorale Versorgung gewährte, die Bruderschaft
unterdrückte, während seiner Abwesenheit in Damaskus für
keine tüchtige Verwaltung sorgte, die Bruderschaft dem
griechischen Volk zu entfremden und ihr einen lokalen oder
panorthodoxen Charakter zu geben versuchte.
42 Und eine Menge
mehr in diesem Sinne.
Dass das Patriarchat politisch wie finanziell am Boden lag,
war nicht zu übersehen. Die Regierung von Palästina sah sich
genötigt, eine Untersuchungskommission einzuberufen. Diese
legte einen 336 Seiten starken Bericht vor - bemerkenswert in
-146-
seiner Präzision und seinem Bestreben, die griechische
Regierung daran zu hindern, irgendeine «mandatarische»
Oberherrschaft der orthodoxen Christenheit in Palästina zu
übernehmen. Deshalb wurde Damianos auch in seinem Amt
bestätigt. Die vorgeschlagene neue Patriarchatsverfassung
wurde als unzulässig erklärt. Die Rebellen verloren ihre
Mitgliedschaft im Synod, und es sollte ein Liquidations- und
Kontrollausschuss eingerichtet werden, um die Finanzen der
Kirche wieder in Ordnung zu bringen. Eine gewisse Hoffnung
setzte man auf die mögliche Entschädigung für ehemals dem
Patriarchat in Rumänien gehörenden Grundbesitz, der von der
rumänischen Regierung beschlagnahmt worden war. Als aber
Damianos 1924 dorthin reiste, um die Angelegenheit
voranzutreiben, kehrte er mit 500 Sack Mehl statt den £ 500000
zurück, die im Hinblick auf die abhanden gekommenen
Immobilien gefordert worden waren.
43 Die sich auf £559000
belaufenden Schulden des Patriarchats wurden schließlich durch
den Ausschuss geregelt - zum Teil dadurch, dass man Juden
plötzlich wertvoll gewordenes Bauland in der expandierenden
Neustadt Jerusalems zur Verfügung stellte. Damianos starb 1931
nach vierunddreißigjähriger turbulenter Amtszeit.
Nach dem Tod des Patriarchen brach in der
Auseinandersetzung um seine Nachfolge erneut der erbitterte
Konflikt zwischen Arabern und Griechen aus. Der russische
Metropolit Antonij Krapowitskij meinte einen Spalt zu
erkennen, durch den sich russische Interessen einschmuggeln
ließen, und schlug einen Kompromiss vor: die Wahl eines
«neutralen» Patriarchen - also eines Russen. Die Griechen
lehnten das als «Beleidigung» ab.
44 Erst 1935 wurde ein neuer
Patriarch gewählt, Timotheos, der Erzbischof von Jordanien, der
sich in britischer Sicht vor allem dadurch auszeichnete, dass er
im Oxforder Magdalen College studiert hatte.
Man muss zugeben, dass die britischen Akten das stete und
gewissenhafte Bemühe n der Mandatsverwaltung dokumentieren,
-147-
den Status quo aufrecht zu erhalten und fair mit den einander
widerstreitenden Ansprüchen der christlichen Konfessionen
umzugehen. Eine Generation nach dem Ende der
Mandatsverwaltung fasste der letzte britische
Distriktskommissar für Jerusalem, J. H. H. Pollock, die nach
dreißig Jahren christlicher Regierung noch immer ungelösten
innerchristlichen religiösen Dispute folgendermaßen zusammen:
- Streit zwischen den Armeniern und Griechisch-Orthodoxen
über die Ersetzung armenischer Bilder in der Grabeskirche der
Jungfrau Maria in Gethsemane [wozu Pollock die optimistische
Meinung äußerte, «dieser Streit könnte durch die katastrophale
Überflutung dieser alten Kirche im Frühjahr 1948 ein wenig
beigelegt worden sein»].
- Streit zwischen den Armeniern und den Syrisch-Orthodoxen
(Jakobiten), Kopten und Abessiniern über das Bestattungsrecht
auf dem armenischen Friedhof auf dem Zionsberg.
- Streit zwischen den Armeniern und den Anhängern der
syrisch-orthodoxen Kirche (Jakobiten) über die
Besitzverhältnisse der St. Nikodemus-Kapelle in der
Grabeskirche.
- Streit zwischen den Orthodoxen und den Katholiken über
die gesamte Frage der Verwaltung von Gottesdiensten und
Rechten innerhalb der Grabeskirche, und, insbesondere, über
den Anspruch der Katholiken, bei bestimmten Gottesdiensten
die nördliche Treppe auf dem Golgatha-Hügel benutzen zu
dürfen...
- Streit zwischen den Orthodoxen und den Katholiken über
das Eigentum an einem Stück Fußboden am östlichen Bogen
zwischen der orthodoxen und der katholischen Kapelle auf dem
Golgatha-Hügel...
- Streit zwischen den Armeniern und den Orthodoxen über
das Eigentums- und Reinigungsrecht an der untersten Stufe der
-148-
vom Vorhof auf der Ostseite der Haupttür der Grabeskirche
abgehenden Treppe.
- Der stets wiederkehrende und erbitterte Streit zwischen den
Kopten und den Abessiniern über die von den Abessiniern
beanspruchten Eigentums- und Unterhaltsrechte an einer
Unterkunft für Mönche auf dem Dach der zur Grabeskirche
gehörenden St. Helena-Kapelle.
- Der Streit, zu dem es jedes Jahr in der Geburtskirche in
Bethlehem während der rituellen Reinigung des Fußbodens der
Basilika zwischen allen christlichen Gemeinden kommt.
Aber das war noch nicht das Ende der Aufzählung. Bei
Pollock heißt es weiter: «Einer der ‹Gefahrenpunkte›, die
ständig die Mandatsverwaltung beschäftigten, war die Erhaltung
des Sterns, der die Stelle der Geburt Jesu in der Grotte der
Geburtskirche in Bethlehem markiert und von dem es bisweilen
heißt, der Krimkrieg sei seinetwegen ausgebrochen.»
45
Diese uralten Streitpunkte waren aber nicht der größte
Störfaktor für die Mandatsverwaltung, sondern vielmehr eine
Reihe neuartiger Konflikte im Zusammenhang mit Heiligen
Stätten, diesmal aber nicht zwischen unterschiedlichen
christlichen Bekenntnissen, sondern zwischen Muslimen und
Juden. Der führenden Figur auf muslimischer Seite in dieser
neuartigen religiösen Auseinandersetzung, Hadsch Amin al-
Husayni, gelang es, sie sich zunutze zu machen, um eine
Vormachtstellung nicht nur über die Araber Jerusalems, sondern
ganz Palästinas für sich zu beanspruchen.
-149-
Der Aufstieg des Mufti
Im November 1918 wurde in Jerusalem ein Ausschuss aus
Christen und Muslimen, darunter vielen Notabein, gebildet, mit
dem Ziel, die Franzosen zu ersuchen, Palästina Syrien
einzuverleiben. Storrs ließ den Mufti (oder «Groß-Mufti», wie
er ihn, ägyptischem Brauch folgend, nannte) zu sich kommen
und erteilte ihm eine freundliche Warnung. Auch den
Bürgermeister der Stadt, Musa Qasem Pascha al-Husayni,
bestellte er ein und erklärte ihm, solange er sein Amt unter der
Militärverwaltung innehabe, könne er «nicht auf einer
politischen Tribüne stehen». «Der Bürgermeister schien dankbar
für diese Warnung», berichtete Storrs, «weil er nun sagen
konnte, er glaube, seinem Land als Präsident der
Stadtverwaltung nützlicher sein zu können.» Als nächstes
nannte Storrs dem Lateinischen Patriarchen die Namen von
Katholiken, die dem Ausschuss angehörten. Als er später
entdeckte, «dass die paar Restlichen immer noch daran dachten,
die Sache durchzuführen», ließ Storrs Scheich Musa Budeiri
kommen und «warnte ihn, nicht mit dem Feuer zu spielen, da
die britische Regierung und ihre Verbündeten nicht in der
Stimmung seien, in Zeiten wie diesen sensationelle Petitionen zu
politischen Angelegenheiten entgegenzunehmen».
46
Trotz der Bemühungen seitens der Regierung, die politischen
Aktivitäten der Araber in Schach zu halten, legte sich die
Unruhe nicht. Bis Juli 1920 förderte die Existenz von Faisals
arabischem Regime in Damaskus die Zunahme nationalistischer
Aktivitäten in Palästina, die eine Eingliederung des Landes in
ein arabisches Großsyrien anstrebten. Das Treiben der Zionisten
rief eine ständig größer werdende Feindseligkeit hervor, die sich
mit der Unterströmung einer traditionellen muslimischen
Judenverachtung verband und 1920 in eine Serie von
-150-
Gewalttaten in Jerusalem ausbrach.
Die Unruhen vom April 1920 setzten während der
muslimischen Pilgerfeierlichkeiten von Nabi Musa ein.
Ungeachtet der Aussage im 5. Buch Mose (34, 5-6), dass Moses
im Land der Moabiter gestorben und begraben sei «und
niemand... sein Grab erfahren hat bis auf den heutigen Tag»,
waren palästinensische Muslime übereingekommen, Moses
Grab westlich statt östlich des Jordan zu lokalisieren. Unweit
der Verbindungsstraße zwischen Jerusalem und Jericho, gut
sechs Kilometer südsüdwestlich von Jericho, war an der
entsprechenden Stelle ein Grabmal errichtet worden, das Ziel
einer jährlichen Pilgerfahrt war.
«Schlau wie ein Fuchs und verschlagen»: Hadsch Amin al-Husayni,
der Großmufti von Jerusalem und Vorsitzende des Obersten
Muslimrats von 1921 bis zu seiner Flucht aus Palästina 1938.
-151-
Die Anfänge des Festes liegen im Dunkeln. Einige
behaupteten, seine Wurzeln seien «älter als der Islam».
47 Andere
sahen die wachsende Verehrung des Grabmals im Kontext einer
regionalen Rivalität zwischen der Herrschern in Damaskus und
Jerusalem und verwiesen darauf, dass im 17. Jahrhundert dieses
Grab allgemein von den Muslimen als Heiligtum anerkannt
wurde, obwohl sieben weitere vorgebliche Begräbnisstätten des
Moses, darunter eine in der Nähe von Damaskus, ins Feld
geführt wurden. Das bei Jericho gelegene Grabmal war 1269
von dem Mameluckensultan Baybars errichtet worden. Ganz im
Sinne seiner Politik sollte dieser Bau die religiöse Bedeutung
Jerusalems und seiner Umgebung für Muslime aufwerten in
einer Zeit, als nicht nur der Konflikt mit den Kreuzrittern,
sondern auch mit Mongolen, Armeniern und anderen Völkern
schwelte. Einer Reihe muslimischer Quellen zufolge scheint in
der Herrschaftszeit Suleimans des Prächtigen eine jährlich
stattfindende Massenpilgerfahrt zu diesem Grab zum festen
Brauchtum gehört zu haben. In spätosmanischer Zeit wurde sie
von Provinzgouverneuren wiederbelebt, was zur Folge hatte,
dass sie im späten 19. Jahrhundert das größte muslimische
Pilgerfest in der Levante war, das Pilger aus Nablus und Hebron
sowie aus Transjordanien anzog.
48
Ein auffallender Hinweis dafür, dass das Fest mit dem
Christentum konkurrierte, war der Zeitpunkt, zu dem es
stattfand: Ganz ungewöhnlich für ein muslimisches Fest, wurde
sein Datum nicht vom islamischen Kalender bestimmt, sondern
von dem der östlichen Christenheit. Die Pilgerfahrt traf jedes
Jahr mit dem orthodoxen Osterfest zusammen, das christliche
Pilger in großer Zahl nach Jerusalem brachte. Wie der Mufti von
Jerusalem 1920 erläuterte, war die Pilgerfahrt so gelegt worden,
«dass die Muslime in dieser Zeit ein Fest hätten wie andere
Gemeinden auch».
49 Manchen Historikern zufolge könnte dieses
Datum in der Zeit nach der Rückeroberung Jerusalems von den
-152-
Kreuzrittern festgelegt worden sein, um angesichts christlicher
Pilgerzüge zu Ostern die Vorherrschaft des Islams zu
verdeutlichen. Derlei muslimische Feste, die Elemente der
Rivalität und des Synkretismus miteinander verbanden, gab es in
vielen Teilen der muslimischen Welt, wo Muslime und
Nichtmuslime hautnah beieinander wohnten - beispielsweise im
mittelalterlichen Spanien.
50 Im Fall von Nabi Musa verweist
nicht nur die Datierungsmethode auf den Zusammenhang mit
dem Christentum, sondern auch, dass die Feiern eine ganze
Woche andauerten (entsprechend der Heiligen Woche), dass zu
ihm insbesondere auch Prozessionen durch die Straßen
Jerusalems gehörten und ein Grab im Mittelpunkt stand.
In spätosmanischer Zeit hatte das Fest längst einen festen,
unveränderlichen Ablauf. Jedes Jahr fanden zwei Pilgerfahrten
nach Jerusalem statt, die eine aus Nablus im Norden, die andere
aus Hebron im Süden. Auf dem Haram al-Scharif vereinigten sie
sich und schlugen für kurze Zeit ein Lager auf, bevor sie auf der
Straße nach Jericho zum Grabmal weiterzogen. Dort blieben die
Pilger für drei Nächte, das Volk in Zelten, einige der Notabein
in Gebäuden, die in unmittelbarer Nähe des Grabmals standen.
Schließlich kehrten sie alle nach Jerusalem zurück, wo sie sich
am Morgen des Karfreitag zum Gebet versammelten, bevor sie
dann auseinander gingen. Zu diesen Fahrten gehörten auch
Festessen, Beschneidungen von Jungen, Banner und Musik -
Lieder und Schlagzeugdarbietungen einer von der Regierung
gestellten Musikertruppe. Tradition war auch, dass man
bestimmten Jerusalemer Notabeinfamilien eine herausgehobene
Rolle zuwies:
Die wichtigste kam der Familie Husayni zu, die als
Schirmherrin des Festes galt. Nabi Musa hatte aber auch einen
anderen, weniger geselligen Aspekt: Es war allerorten bekannt
als die traditionelle Zeit gemeindeinterner Handgreiflichkeiten
und Kämpfe zwischen rivalisierenden muslimischen Gruppen.
Dies war der Grund dafür, dass man meistens die Pilger aus
-153-
Nablus und Hebron so weit wie möglich auseinander hielt.
«Eine traditionelle Saison für interkommunale
Auseinandersetzungen». Pilger versammeln sich vor den Mauern
Jerusalems zum Nabi Musa-Fest, 1921.
Mit der britischen Besatzung trat das Nabi Musa-Fest in eine
neue Phase ein. Erstmals fand es jetzt unter einem christlichen
Regime statt. Obwohl der Grundsatz des Status quo ursprünglich
nur für die christlichen Heiligen Stätten gegolten hatte, wurde er
von den Briten auf sämtliche Religionen in Palästina
ausgedehnt. Einer der Gründe dafür war, dass in der
Anfangsphase der Militärverwaltung zwischen 1917 und 1920
die Besatzer nach den Regeln des Kriegsvölkerrechts auch in
sämtlichen Bereichen der Zivilverwaltung den Status quo
beibehalten mussten. Folglich sorgten die Briten, so wie es ihre
osmanischen Vorgänger getan hatten, für Ehrensalut und eine
Militärkapelle als Begleitung der Pilger. Storrs wohnte - wie
zuvor der türkische mutasarrif - der zu Beginn des Festes
abgehaltenen Zeremonie bei, während der die muslimischen
-154-
religiösen Autoritäten die Eröffnung der Wallfahrt
proklamierten. Aber so sehr sich die Briten auch mühten, so zu
tun, als ginge alles seinen normalen Gang, so war es immer eine
Zeit großer innerer Anspannung. Storrs schrieb später darüber:
«Sowohl für sie [die Muslime] als auch für uns war der
Übergang von der osmanischen zur britischen Kontrolle über
dieses Fest eine delikate Angelegenheit, weil dabei allzu
deutlich wurde - es sei denn, dass die Behörden eine gewisse
Kompromissbereitschaft zeigten -, dass es mit den
dreizehnhundert Jahren islamischer Theokratie vorbei war.»
51
Während der britischen Herrschaft wurde die Pilgerfahrt zu
einem Herd des Aufruhrs gegen die Vorherrschaft der Christen
in Jerusalem und zu einem Kampfplatz für innermuslimische
Rivalitäten sowie für gesteigerte judenfeindliche Gefühle. Weil
es fast ein gesamtpalästinensisches Fest der Muslime war, blieb
nicht aus, dass auch nationalistische und antizionistische
Tendenzen dabei zum Vorschein kamen.
Im April 1920 nahm die Pilgerfahrt zunächst den Charakter
einer politischen Demonstration, dann des Aufruhrs an. Als sich
die Menschenmassen in Jerusalem versammelten, um von dort
aus hinab zum Grabmal zu gehen, wurden Reden geschwungen
und Transparente hochgehalten, die zur Vereinigung mit Syrien
aufriefen. Einer der Redner war der junge nationalistische
Hitzkopf Hadsch Amin al-Husayni, der von einem Balkon aus
ein Portrait Faisals zeigte und der Menge zurief: «Das ist euer
König!»
52 In einer sich ständig weiter aufheizenden Erregung
brachen Straßenkämpfe aus, in deren Verlauf neun Menschen
starben (darunter fünf Juden) und 244 verletzt wurden (211
davon waren Juden).
53 Es war der erste große Gewaltausbruch
zwischen Arabern und Juden in dem von Briten beherrschten
Jerusalem, und er hatte zwei direkte Konsequenzen von
weitreichender Bedeutung.
Die erste war Storrs Entscheidung in unmittelbarem
Anschluss an den Aufruhr, Musa Qasem Pascha al-Husayni, den
-155-
Bürgermeister von Jerusalem, dessen nationalistischer Eifer für
die Erregung der Menge verantwortlich gemacht wurde, seines
Amtes zu entheben. Er wurde durch den ehemals osmanischen
Delegierten für Jerusalem Ragheb Bey Naschaschibi ersetzt, der
die folgenden vierzehn Jahre amtierte. Norman Bentwich, der
damalige Generalstaatsanwalt, beschrieb Ragheb als «einen
Mann von Welt, genial, zynisch und ohne jeglichen
Fanatismus... Er behielt zwar etwas von der ottomanischen
Amtstradition von Bakschisch und Nepotismus bei, aber das
hielt sich in Grenzen.»
54 Darin lag der Keim eines erbittert
geführten Konflikts zwischen den Familien der Husayni und
Naschaschibi, der sic h durch ihre rivalisierenden Klannetze über
ganz Palästina ausbreitete und die arabische Politik während der
britischen Mandatsverwaltung aus dem Lot brachte.
Die zweite Entscheidung war nicht weniger verhängnisvoll.
Auch Musa Qasem Paschas junger Gefolgsmann Hadsch Amin
al-Husayni hatte, wie bereits geschildert, vor den Pilgern
nationalistische Reden geschwungen. Er flüchtete in das
arabisch beherrschte Syrien, wurde aber unter dem Vorwurf des
Aufrufs zur Gewalt in Abwesenheit zu zehn Jahren Haft
verurteilt. Allerdings erließ ihm der Hochkommissar ein Jahr
später, im April 1921, die weitere Verbüßung der Freiheitsstrafe,
und ihm wurde gestattet, nach Jerusalem zurückzukehren.
Zwischen Sir Herbert Samuel und Hadsch Amin kam es zu einer
stillschweigenden Abmachung. Im Gegenzug für das
Versprechen Hadsch Amins, dafür zu sorgen, dass es bei
künftigen Nabi-Musa-Feiern nicht mehr zu Unruhen käme,
sorgte Samuel für dessen Berufung zum Großmufti von
Jerusalem (das Amt war kurz zuvor vakant geworden). Hadsch
Amin sicherte sich das Amt trotz des Umstands, dass ein anderer
Kandidat, Scheich Husam al-Din Jarallah, bei der nach
osmanischen Regeln veranstalteten Wahl mehr Stimmen
erhalten hatte.
55 Die Rivalität zwischen den Familien Jarallah
und Husayni um das Amt des Muftis ging bis ins 19.
-156-
Jahrhundert zurück und sollte sich auch in die Zukunft
fortsetzen.
56
Hadsch Amins Ernennung zum Mufti von Jerusalem war die
erste Stufe der Karriere einer ehrgeizigen und rücksichtslosen
Führungsfigur. Bentwich, der einen gewichtigen Anteil an seiner
Ernennung hatte, bezeichnete ihn als «fuchsschlau und
gerissen».
57 In seinen ersten Amtsjahren verhielt sich Hadsch
Amin jedoch umsichtig und brachte es 1921 zuwege, dass er mit
großer Mehrheit auf den Posten des Präsidenten des neu
geschaffenen Obersten Muslimrats gewählt wurde. Diese beiden
Posten, die er parallel innehatte, gaben ihm letztendlich die
Kontrolle über das System der awqaf in die Hand, deren Erträge
in vielen Fällen für Zwecke missbraucht wurden, die der Mufti
bestimmte.
58 Weiterhin hatte Hadsch Amin die Oberaufsicht
über die muslimischen religiösen, rechtlichen und
Bildungsinstitutionen, dazu über ein Waisenhaus, eine Zeitung,
Büchereien, Kliniken und Pfadfinderorganisationen, und zwar
nicht nur in Jerusalem, sondern in ganz Palästina. Mindestens
achtundzwanzig Gefolgsleuten verschaffte er lukrative Posten,
die mit dem Obersten Muslimrat zu tun hatten.
59 Auf diese
Weise schuf er einen inneren Kern von Anhängern, die ihm in
den folgenden politischen Auseinandersetzungen ergeben zu
Diensten waren. Die gewaltige Autorität, über die er verfügte,
war für einen Mufti ohne Vorbild und veränderte den Charakter
seines Amtes, das zur Machtbasis wurde, von der aus er seine
Karriere als Führer der palästinensischen arabischen
Nationalbewegung begann.
Bei seinem Aufstieg zur Macht machte er sich höchst effektiv
die Heiligkeit Jerusalems für Muslime zunutze. Dadurch, dass er
in der gesamten islamischen Welt Gelder für die Restaurierung
der Heiligtümer auf dem Haram al-Scharif sammelte und sich
über jüdisches Vordringen auf das heilige Terrain beklagte,
schob er die Stadt in den Vordergrund seiner politischen
Aktivitäten. Vor allem aber wurde er zum Verfechter
-157-
muslimischer Ansprüche in einem schwelenden Konflikt über
die Rechte an der für Juden wichtigsten heiligen Stätte nicht nur
Jerusalems, sondern überhaupt - an der Westmauer, der
«Klagemauer».
1931 berief der Mufti einen internationalen Kongress der
Muslime nach Jerusalem ein. Er versicherte sich dafür der
Unterstützung führender Muslime in Indien, Tunesien und
anderswo. Kongresse dieser Art hatten in den zwanziger Jahren
in Mekka und in Kairo stattgefunden. Aber der Jerusalemer war
der bisher größte und fand allerorten Beachtung. Die Idee für
den Kongress war bei der Beerdigung des indischen
panislamischen Führers Muhammad Ali im Januar 1931
aufgekommen. In Gesprächen nach der Bestattung scheinen sich
sein Bruder Schawkat Ali und Hadsch Amin über die
Einberufung des Kongresses einig geworden zu sein.
60
Schawkat Ali stand mit Ibn Saud auf Kriegsfuß, der Scherif
Hussein aus dem Hedschass und aus dem Wächteramt von
Mekka und Medina vertrieben hatte. Im Londoner Kolonial- und
Indienministerium kam die Besorgnis auf, dass der Kongress
womöglich beunruhigende Auswirkungen auf Indien haben
könnte. Man erwog sogar, ihn zu verbieten. Am Ende erhielt
Hochkommissar Sir Arthur Wauchope von Hadsch Amin die
Zusicherung, dass der Kongress völlig unpolitisch sein werde.
Aus diesem Grund wurde er dann doch genehmigt.
61
Obwohl der Kongress bei einigen arabischen Staaten, vor
allem Ägypten, sowie bei den örtlichen Gegnern des Mufti auf
Opposition stieß, nahmen 130 Delegierte aus zweiundzwanzig
Ländern daran teil. Zu den Teilnehmern gehörte auch
Muhammad Raschid Rida, der ehemalige Lehrer des Mufti und
einer der führenden islamischen Denker in Ägypten. Hadsch
Amins Versprechen zum Trotz erwies es sich als unmöglich, die
Politik aus den Verhandlungen ganz auszuschließen. Mehrere
Reden richteten sich gegen den Zionismus und die angebliche
Gefährdung der muslimischen Heiligen Stätten durch jüdische
-158-
Pläne für einen Wiederaufbau des Tempels.
62 Beim Kongress
wurde beschlossen, in Jerusalem eine moslemische Universität
zu errichten - vom Mufti ausdrücklich als Herausforderung für
die Hebräische Universität gedacht.
63 Im weiteren Verlauf
wurde zwar eine illustrierte Broschüre über das Projekt
veröffentlicht und Geld gesammelt, u. a. ein Betrag von £ 7543
vom Maharadscha von Haiderabad, aber gebaut wurde die
Universität nie. Wenn der Kongress auch wenig Konkretes
erbrachte, so stieg doch das Prestige des Mufti, und die
Verteidigung Jerusalems und Palästinas wurde zu einem
zentralen panislamischen Anliegen. Von nun an trug Hadsch
Amin drei Titel: Großmufti, Präsident des Obersten Muslimrats
und Präsident des Allgemeinen Islamischen Kongresses - in der
muslimischen Welt nahm er nun zweifelsohne einen Rang von
internationaler Bedeutung ein.
Grund zur Zufriedenheit gab es für den Mufti auch auf lokaler
Ebene, wo Husaynis Feind Ragheb Naschaschibi, der
Bürgermeister von Jerusalem, eine Niederlage erlitt. Der
Konflikt zwischen den beiden Familien und ihren weit
ausgreifenden Klankoalitionen wurde derart verbissen geführt,
dass die Husaynis bei den Gemeindewahlen von 1927 sogar an
die Zionisten mit dem Vorschlag herangetreten waren,
gemeinsame Sache gegen Ragheb zu machen.
64 Damals gaben
die Juden Ragheb ihre Stimmen. 1934 aber waren die Juden
seiner Verwaltung überdrüssig, die sie für korrupt und
unwirksam hielten. Diesmal ging eine Reihe jüdischer Stimmen
an Raghebs Gegner im ersten Wahlbezirk, Husayn Fakhri al-
Khalidi. Als Mitglied einer anderen namhaften Jerusalemer
Familie - sie beanspruchte, von Khaled ibn Walid, dem
arabischen Eroberer Palästinas im 7. Jahrhundert, abzustammen
- verfügte Khalidi über eine große eigene Anhängerschaft, hatte
aber auch den Rückhalt der Husaynis. Er gewann den Sitz. Als
nun Ragheb ungeachtet dieses Wahlausgangs am
Bürgermeisteramt festzuhalten versuchte, forderte Moshe
-159-
Schertok von der Jewish Agency (die für den Jischuw als eine
Art Regierung fungierte) von den britischen Behörden die
Einsetzung Khalidis.
65 Ragheb erhob Einspruch dagegen, aber
ohne Erfolg, und Khalidi wurde Bürgermeister. Seinen früheren
Einfluss gewann Ragheb nie wieder zurück und nie vergab er
denen, die dafür verantwortlich waren.
-160-
Auf dem Weg zur Teilung
Als sich der arabisch-jüdische Konflikt verstärkte, fing man in
der Politik an, eine Teilung des Landes in Erwägung zu ziehen.
Dieser Gedanke war bezeichnenderweise zuerst im
Zusammenhang mit Jerusalem aufgekommen. 1932 schlug
Chaim Arlosoroff, der Vorsitzende der politischen Abteilung der
Jewish Agency (und damit praktisch der «Außenminister» der
Zionistischen Bewegung), in einem Brief an den ehemaligen
Hochkommissar Sir Herbert Samuel die Teilung Jerusalems in
zwei Bezirke vor, einen arabischen und einen jüdischen, wobei
jeder einen eigenen Bezirksrat haben sollte. Samuel antwortete,
dass er persönlich gegen die Teilung sei, weil zwei städtische
Autoritäten «in unmittelbarer Nähe nahezu eine Einladung zu
Reibungen wären», auch wenn er einräumte, dass dies «das
einzige Mittel zur Vermeidung größerer Übel» sein könnte.
66
Im April 1936 brachen in Palästina ein landesweiter
Generalstreik und ein Aufstand der Araber aus. Zwar hatte der
Mufti weder den Anstoß zur Revolte gegeben noch sie
organisiert, aber im Sommer bot er den Aufständischen Geld
und moralische Unterstützung. Den Briten bereitete nicht nur die
Größenordnung des Aufstands Sorgen, sondern auch die
veränderte Situation im unmittelbaren Umfeld. Mit dem
Einmarsch der Italiener in Äthiopien im Jahre 1935 ließ
Mussolini die Absicht erkennen, das Mittelmeer für Italien
vereinnahmen zu wollen. Damit wurde zum erstenmal seit dem
Ende des Ersten Weltkriegs die britische Vorherrschaft im
Nahen Osten durch eine andere europäische Macht erns thaft in
Frage gestellt. Der britische Geheimdienst brachte in Erfahrung,
dass der italienische Konsul in Jerusalem die Aufständischen
finanziell unterstützte.
67
Ein Gespräch, das 1934 Mussolini und Weizmann in Rom
-161-
führten, zeigt, dass die Faschisten nicht nur unter den Arabern
Zwietracht säten:
MUSSOLINI: Was meinen Sie zu Jerusalem?
WEIZMANN: Eine Sache ist völlig klar. Wenn Jerusalem
nicht eine jüdische Hauptstadt wird, kann es auf keinen Fall eine
arabische Hauptstadt werden, weil es die christliche Welt gibt.
Jerusalem ist der Zusammenfluss von drei Religionen. Man
sollte sich jedoch bewusst sein, dass die Heiligkeit Jerusalems
für die Muslime eine ziemlich junge Erfindung ist, während
Jerusalem für die Juden die Stadt Davids und für die Christen
das Zentrum ihrer Heiligen Stätten ist.
MUSSOLINI: Sie haben recht. Es muss eine für alle
zufriedenstellende Lösung gefunden werden.
WEIZMANN: In der Jerusalem-Frage bin ich immer sehr
zurückhaltend gewesen. Wir haben heute die Mehrheit in
Jerusalem.
MUSSOLINI: Ist das möglich?
WEIZMANN: Gewiss, und ich habe meinen Freunden immer
geraten, von dieser Tatsache keinen Gebrauch zu machen, eben
weil es dabei um Jerusalem geht.
MUSSOLINI: Sie sind sehr klug.
WEIZMANN: Kann ich, wenn wir zu der praktischen
Durchführung kommen, auf Ihre Unterstützung zählen?
MUSSOLINI: Selbstverständlich.
68
Die Gefahr, dass eine außenstehende Macht wie Italien die
wachsenden nationalistischen Gegensätze in Palästina ausnutzen
könnte, machte der britischen Regierung große Sorgen und ließ
sie nach einer neuen Politik Ausschau halten, die zwar weiterhin
an Großbritanniens strategischen Interessen festhalten, diese
aber aus dem arabisch-jüdischen Konflikt entflechten sollte.
-162-
In der Hoffnung, eine solche Politik finden zu können, setzte
die Regierung eine «Königliche Kommission» zur
Untersuchung des Palästina-Problems ein. Ihr Vorsitzender war
Lord Peel, ein Nachfahre des Premiers aus dem 19. Jahrhundert;
stärkste intellektuelle Kraft in der Kommission war Sir Reginald
Coupland, Professor für imperiale Geschichte in Oxford. Ihr im
Juli 1937 veröffentlichter Abschlussbericht empfahl die Teilung
Palästinas in einen arabischen Staat (der mit Trans Jordanien
vereinigt werden sollte) und einen kleineren jüdischen Staat
sowie eine britische Mandatsenklave um Jerusalem (siehe Karte
4). Die vorgeschlagene Enklave war um vieles größer als das
Stadtgebiet von Jerusalem. Auch Bethlehem gehörte zu ihr
sowie ein Korridor, der sich bis zur Küste bei Jaffa erstrecken
sollte - Witzbolde nannten ihn die «Promenade des Anglais» -
sowie die Städte Nazareth, Tiberias, Safed, Akka und Haifa
(unverzichtbar für die Briten wegen seines Hafens).
Araber wie Juden waren geteilter Meinung über den Bericht.
In den Reihen der Araber fand die Naschaschibi-Partei, die in
enger Verbindung zu Emir Abdullah von Transjordanien stand
(einem weiteren Sohn von Scherif Hussein), die Teilung
reizvoll, wurde aber durch die Anhänger des Mufti zum
Schweigen gebracht. Das Hohe Arabische Komitee, das
Hauptorgan der palästinensischen Nationalbewegung, lehnte den
Vorschlag rundweg ab. Es weigerte sich, über irgendeine Form
von Teilung zu sprechen, und setzte den Aufstand mit neuer
Energie fort. Bei den Zionisten fanden scharfe interne Debatten
statt, bevor sie sich schließlich entschieden, den Gedanken der
Teilung im Grundsatz zu akzeptieren, jedoch günstigere
Grenzen als die von der «Königlichen Kommission»
vorgeschlagenen zu verlangen.
In der Tat überraschte die zionistische Reaktion auf die Idee
eines zionistischen Staates ohne Zion nicht wenig. Gegenüber
der Heiligen Stadt hatten die Zionisten immer unterschwellig
eine feindselige Haltung an den Tag gelegt - besonders stark bei
-163-
der dominanten, säkularisierenden sozialistisch-zionistischen
Bewegung. Sie sahen in Jerusalem die Festung des «alten
Jischuw» - das Symbol für Konservativismus, Unproduktivität
und Anti-Zionismus. Bis zur Gründung des Staates Israel war
Tel Aviv die wirkliche Hauptstadt des Zionismus - und, nur
nicht dem Namen nach, auch noch eine ganze Weile danach.
69
In den dreißiger Jahren baute die Jewish Agency ein
eindrucksvolles Hauptquartier an der King George V Avenue in
Westjerusalem, das als Sitz der zionistischen Quasi-Regierung
vorgesehen war. Aber die meisten politischen Parteien hatten
ihren Sitz in Tel Aviv, und in dieser dynamischen Küstenstadt
standen auch die Wohnhäuser nahezu aller führenden Politiker
der zionistischen Bewegung. Ende der dreißiger Jahre war Tel
Avivs jüdische Bevölkerung doppelt so groß wie die der
Hauptstadt: 177000 Einwohner gegenüber 82000.
70 Das jüdische
Gravitationszentrum in Palästina hatte sich eindeutig nach Tel
Aviv verlagert.
Die zionistische Führung sah ein, dass angesichts der
internationalen religiösen Interessen von Christen und Muslimen
an der Altstadt keinerlei Hoffnung bestand, Jerusalem einem
jüdischen Staat zuzusprechen. Deshalb rang man sich zu der
Schlussfolgerung durch, dass es nur einen einzigen Weg gebe, in
Jerusalem festen Fuß zu fassen, nämlich darauf zu drängen, dass
die Stadt, wie das Land als Ganzes, aufgeteilt werde. Moshe
Schertok, der Leiter der Politischen Abteilung der Jewish
Agency, schrieb im Dezember 1937 einem Kollegen: «Die
einzige Möglichkeit, aus dem Wirrwarr der Forderungen der
verschiedenen Religionen herauszukommen, besteht darin, die
ganze Altstadt als einheitliches Ganzes einer Jurisdiktion mit
internationaler Autorität zu unterstellen.»
71 Die zum Teil
freiwillige Trennung von Arabern und Juden, die als Folge des
Aufstands und des arabischen Boykotts jüdischer Geschäfte
verstärkt stattgefunden hatte, trug dazu bei, den
Teilungsgedanken für die Zionisten annehmbarer erscheinen zu
-164-
lassen.
Viele Juden zogen aus den arabischen oder gemischten
Gebieten fort, ein Vorgang, der, wie der Historiker Yehoshua
Porath bemerkt hat, «bestens zum Bestreben der zionistischen
Bewegung passte, eine in sich geschlossene jüdische nationale
Gemeinschaft in Palästina aufzubauen».
72
Ein von der Zionistischen Exekutive geschaffener Jerusalem-
Ausschuss bereitete einen detaillierten Plan für die Aufteilung
Jerusalems vor. Er sah vor, die von Juden bewohnten westlichen
und nördlichen Bezirke der Neustadt zusammen mit den
Skopusberg dem jüdischen Staat einzuverleiben. Die gesamte
Altstadt unter Einbeziehung des jüdischen Viertels sowie auch
andere Areale, an denen Juden aus Gründen der Tradit ion
besonders interessiert waren - wie etwa der Friedhof auf dem
Ölberg -, sollten dem Plan zufolge zu dem Restgebiet unter
Mandatsverwaltung gehören (siehe Karte 5). Damit wären
mehrere Tausend Juden, vor allem in der Altstadt, außerhalb des
Gebiets des geplanten jüdischen Staates geblieben; jedoch
wurde vorgeschlagen, diesen dennoch zu gestatten, Bürger des
jüdischen Staates zu werden.
73
Weder der Plan der Peel-Kommission noch der
Gegenvorschlag der Zionisten wurde verwirklicht. Stattdessen
berief die britische Regierung eine weitere Kommission, die
unter Vorsitz von Sir John Woodhead einen neuen Teilungsplan
erarbeiten sollte. Der im November 1938 veröffentlichte Bericht
der Woodhead-Kommission verwarf den Gedanken einer
Aufteilung Jerusalems. Der ganze Teilungsgedanke wurde
überhaupt mit dem Argument abgelehnt, ein so kleines Land wie
Palästina aufzuteilen sei nicht praktikabel. Da man sich aber
dem erteilten Auftrag verpflichtet fühlte, wurden
unterschiedliche Aufteilungsszenarien erörtert, darunter auch
der Vorschlag, Jerusalem zu einer Enklave zu machen.
-165-
Karte 4: Der Teilungsplan der Royal Commission für Palästina (1937)
-166-
Der im Herbst 1938 vorgelegte Kommissionsbericht vertrat
die Auffassung, falls ein solcher Stadtstaat geschaffen werde,
solle er so erweitert werden, dass auch der Sender «Palestine
Broadcasting Service» nördlich von Jerusalem sowie ein
breiterer Korridor hinunter zum Meer zu seinem Territorium
gehörten. Nach diesem Vorschlag wären die Juden mit etwa
80000 Menschen bei einer Gesamtbevölkerung von 211000
Einwohnern in der Enklave in der Minderheit gewesen.
In ihrer Ablehnung der von den Juden geforderten Teilung der
Stadt verwies die Woodhead-Kommission auf eine Reihe von
Schwierigkeiten, die auch in Reaktionen auf spätere
Überlegungen zur Verwaltung Jerusalems bis zum heutigen Tag
immer wieder genannt wurden. Eine davon war das Problem der
Sicherheit:
Karte 5: Der Teilungsplan der Jewish Agency für Jerusalem (1937
)
-167-
Nach unserem Eindruck wäre das Hauptproblem die
Verhinderung von Verstößen gegen den Frieden entlang der
Grenze zwischen einer Bevölkerung, die auf der einen Seite fast
nur aus Juden und auf der anderen weitgehend aus Arabern
bestünde... Wir sind der Meinung, dass es durch den Bau einer
Straße entlang dem Grenzverlauf mit einer Barriere in der Mitte
gelöst werden müsste.
74
Der Vorschlag der Zionisten hatte diesen Einwand
vorhergesehen und Beispiele von Städten wie etwa Schanghai
angeführt, die in unterschiedliche Zuständigkeiten aufgeteilt
waren, aber keine Verwaltungsbarrieren zwischen diesen
aufwiesen. Nun war das Beispiel von Schanghai allerdings
unglücklich gewählt: Die Stadt war in den dreißiger Jahren
berüchtigt wegen ihrer Rechtlosigkeit und der Leichtigkeit, mit
der Kriminelle und politische Terroristen der Festnahme
entgehen konnten, indem sie problemlos über die Grenzen ihrer
drei unterschiedlichen Verwaltungsbezirke - des chinesischen,
des internationalen und des französischen Bezirks - gingen.
75
Überdies argumentierte die Kommission, es würde dann zu
Problemen mit der Steuerung des Zustroms von
Gelegenheitsarbeitern, bei der Organisation des Zolls und bei
der Regelung der städtischen Wasserversorgung kommen.
Zwar erkannte die Kommission an, dass all diese
Schwierigkeiten bei gutem Willen überwunden werden könnten,
meinte aber, dass es übergeordnete politische und religiöse
Einwände gegen die Teilung der Stadt gebe. Muslime würden
sich ihr vehement widersetzen, weil «trotz allen Abstreitens
seitens der Juden die Araber weiterhin glauben, dass die Juden
etwas gegen die Altstadt im Schild führen». Auch «die
christliche Meinung in der ganzen Welt wäre über einen
Vorschlag, Teile des Stadtgebiets der Kontrolle der jüdischen
Gemeinde zu überantworten, zutiefst bekümmert, wenn sie
merkte, dass ein solcher Schritt Unmut und Unruhe provozieren
-168-
würde».
76 Am Ende landeten die Berichte beider Kommissionen
in der Ablage. Die Regierung hatte erkannt, dass es in Europa
wahrscheinlich zum Krieg kommen werde, hatte all ihre
Begeisterung für eine Teilung verloren und entschied sich
stattdessen einstweilen für die Beibehaltung eines
Einheitsstaates Palästina.
Den Briten war es inzwischen gelungen, den arabischen
Aufstand niederzuschlagen, wenn auch unter erheblichen
Kosten. Im Juli 1937 erging die Anweisung, den Mufti
festzunehmen. Dieser suchte Zuflucht auf dem Haram al-
Scharif, den die Briten aus Rücksicht gegenüber dem
muslimischen Glauben nicht zu betreten wagten. Ein
Korrespondent des Daily Telegraph, der den verfolgten
Gottesmann interviewte, berichtete, «seine einzige Ablenkung
sei, sich innerhalb der Mauern des Areals zu ergehen oder von
seinen Privaträumen über der Klagemauer aus die Welt zu
beobachten».
77 Alle zu dem Heiligtum hinführenden Tore
wurden von britischen Truppen bewacht. Nach der Ermordung
eines ihrer hohen Beamten löste im Oktober 1937 die Regierung
das Hohe Arabische Komitee auf. Mehrere seiner Mitglieder
wurden festgenommen und einige von ihnen auf die Seychellen
deportiert. Dem Mufti jedoch gelang, als Beduine (nach anderen
Berichten als Frau) verkleidet, die Flucht; er schlug sich in den
Libanon durch, von wo aus er weiterhin den Widerstand gegen
die Briten schürte. Bevor er Jerusalem verließ, hatte er auf der
Suche nach Rückhalt für den arabischen Widerstand gegen den
Zionismus Kontakt zum deutschen Generalkonsul
aufgenommen.
78 Es war der Beginn einer wunderbaren
Freundschaft.
Im Oktober 1938 erreichte der Aufstand der Araber seinen
Höhepunkt, als Rebellen die Altstadt Jerusalems besetzten.
Aufgrund des Münchner Viermächteabkommens vom 29. und
30. September 1938 waren die Briten jedoch in der Lage,
Truppen aus dem europäischen Raum zu verlegen. So wurde
-169-
Verstärkung aus England geholt, und die Armee ging zu einem
entschlossenen Gegenangriff über. Der Kommandant des
Bezirks Jerusalem, Generalmajor Richard O'Connor, befahl für
den 19. Oktober die Rückeroberung der Altstadt. Bei ihrem
Angriff benutzten die Briten einheimische Araber als
menschliche Schutzschilde.
79 Die Rebellen kapitulierten.
Obwohl es auch weiterhin sporadisch zu Gewaltakten kam, war
dies das Ende des Aufstands als militärische Bedrohung.
Dr. Husayn Fakhri al-Khalidi, der 1934 mit Hilfe jüdischer Stimmen
zum Bürgermeister von Jerusalem gewählt wurde. Das Foto stammt
aus dem Jahr 1936.
Mit der Niederschlagung des Aufstands entmachteten die
Briten die arabische Führung in Jerusalem. Der Mufti blieb bis
nach dem Ende der Mandatszeit im Exil. Während des Krieges
floh er in den Irak, wo er sich 1941 an einem zum Scheitern
-170-
verurteilten antibritischen Coup beteiligte. Als dieser misslang,
siedelte er nach Berlin über, von wo aus er für die Nazis
Radiosendungen machte. Der Bürgermeister von Jerusalem,
Husayn al-Khalidi, wurde «wegen seiner moralischen
Verantwortung als Mitglied des Hohen Arabischen Komitees...
für die Mord- und Terrorkampagne in Palästina» auf die
Seychellen deportiert.
80 Ragheb Naschaschibi, der frühere
Bürgermeister, der eine entgegenkommendere Haltung
gegenüber den Briten einnahm, wurde von Anhängern des Mufti
bedroht und verbrachte darum die folgenden Jahre größtenteils
in Kairo.
In Khalidis Abwesenheit übernahm sein jüdischer
Stellvertreter Daniel Auster das Amt des Bürgermeisters. Die
Beziehungen zwischen den arabischen und den jüdischen
Stadträten verschlechterten sich, und die Regierung erwog,
einen britischen Beamten als amtierenden Bürgermeister
einzusetzen, weil man von Wahlen weitere gewalttätige
Auseinandersetzungen befürchtete.
81 Auf Empfehlung eines
Untersuchungsausschusses wurde dann Mustafa Bey Khalidi,
ein ehemaliger Richter, zum Bürgermeister ernannt. Die Juden
protestierten dagegen mit der Begründung, dass sie eine
Mehrheit innerhalb der städtischen Bevölkerung bildeten; da
aber die Streitkräfte der Achsenmächte immer näher an
Palästina heranrückten, berichtete der Hochkommissar Sir
Harold MacMichael, dass die Juden «das politische Lavieren in
dieser Frage in ihrer generellen Alarmiertheit hatten untergehen
lassen».
82
-171-
«Ein besserer Kampfplatz»
In politischer Hinsicht wurde die Jerusalem-Frage wie die von
ganz Palästina bis in die zweite Kriegshälfte aufgeschoben. Im
September 1943 schlug MacMichael ein weiteres
Teilungsschema für Palästina vor, demzufolge außer einem
arabischen und einem jüdischen Staat «ein Staat Jerusalem»
geschaffen und von Großbritannien regiert werden sollte.
83 Die
Grenzen dieses Staatswesens wurden zwischen London und
Jerusalem diskutiert und schließlich so erweitert, dass sie nicht
allein die Stadt Jerusalem, sondern auch Bethlehem, Ramallah,
Lydda, Ramleh und die Jarkon-Quellen einschlossen. Dadurch
wollte man sicherstellen, dass kein arabischer Korridor den
jüdischen Staat und den Staat Jerusalem trennen würde.
In einer Denkschrift vom Februar 1944, in der er die Gründe
für sein Teilungsvorhaben darlegte, zitierte MacMichael den
griechischen Lyriker Pindar: «Tut es doch not, an den Beginn
des Werkes eine weithin leuchtende Stirn zu setzen.»
84 In
diesem Sinne vertrat er die Auffassung, dass «der Schaffung
eines neuen Staates [von Jerusalem], der für immer die Heilige
Stadt schützen, ihre Vereinigungen bewahren und den
Anhängern aller Glaubensrichtungen, denen sie heilig ist, freien
Zugang garantieren soll, ein Ehrenplatz in einem ansonsten rein
auf Zweckmäßigkeit abgestellten Projekt eingeräumt werden
sollte». Der Staat werde ungefähr 300000 Einwohner haben, von
denen etwa 90000 Juden wären. Die Regierungsform dieses
Staates, schrieb MacMichael, müsse «sich deutlich von der einer
Kronkolonie unterscheiden und über sie hinausgehen. Auf der
anderen Seite muss sie die Merkmale der Demokratie und eine
Repräsentativverfassung haben». Die Verfassung müsse
«zwangsläufig eine Form von Dyarchie aufweisen». Deshalb
werde es zwar eine gesetzgebende Körperschaft geben, in der
-172-
sechsundzwanzig der achtundzwanzig Mitglieder gewählt
würden, aber der Hochkommissar würde «die Verantwortung
für die Verwaltung bestimmter Sachbereiche einschließlich der
Heiligen Stätten... für Verteidigung und auswärtige Beziehungen
des Staates, den Erwerb der Staatsbürgerschaft und die
Kontrolle der Gesetzgebung» behalten. MacMichael erwartete,
dass elf von den sechsundzwanzig Mitgliedern der Legislative
Muslime, acht Juden und sieben Christen sein würden - «mit der
Folge, dass keine Gemeinde eine absolute Mehrheit in der
Legislative haben wird». Den Gedanken, dass Einwohner des
Staates Jerusalem Bürger des benachbarten arabischen oder
jüdischen Staates sein könnten, lehnte er ab. Dies würde jenen
Staaten «fast unbegrenzte Möglichkeiten der Einmischung unter
dem Vorwand des Schutzes ihrer Staatsangehörigen»
verschaffen; «Jerusalem wäre nichts anderes als ein besserer
Kampfplatz».
85
MacMichaels Plan fand die Zustimmung des
Kolonialministeriums, obwohl dortige Beamte «gewisse
Schwierigkeiten» mit seinen Verfassungsplänen hatten. Man
verwies darauf, dass «das dyarchische Prinzip» in den indischen
Provinzen sowie in Malta ausprobiert worden sei und sich als
Fehlschlag erwiesen habe.
86 Im April 1944 begab sich
MacMichael nach Kairo, um mit dem dortigen britischen
Ministerresidenten und hohen britischen, für den Nahen Osten
zuständigen Beamten zu sprechen. Einige der
Beratungsteilnehmer bezweifelten, dass die Schaffung eines
Staates Jerusalem als ein rein britisches Unterfangen praktikabel
wäre. Die Befürchtung wurde laut, dass «wahrscheinlich
besonders Frankreich und Russland ihre Ansprüche als
Schutzmächte der katholischen bzw. orthodoxen Kirche erheben
würden».
87
Unterdessen war in London ein Kabinettsausschuss gebildet
worden, der das gesamte Palästinaproblem einer Überprüfung
unterziehen sollte. Er befasste sich mit verschiedenen
-173-
Einwänden und Ergänzungen zu MacMichaels Vorschlägen,
darunter auch mit der Auffassung des Premierministers, dass
«der Jerusalem-Staat vielleicht unnötig groß» sei.
88 Das
Außenministerium war nachdrücklich gegen das ganze
Teilungskonzept, und Außenminister Anthony Eden brachte ein
eindrucksvolles Kabinettsmemorandum in Umlauf, das die
Meinung, eine solche Lösung werde wenigstens für
«Endgültigkeit» sorgen, als «schiere Illusion» bezeichnete.
89
Hinsichtlich des vorgesehenen Jerusalem-Staates bezweifelte
das Außenministerium, dass die Legislative «in der Praxis
befriedigend funktionieren» würde:
Es ist anzunehmen, dass die Beziehungen zwischen dem
arabischen und dem jüdischen Bevölkerungsteil den Zustand der
zwischen Südsyrien und dem jüdischen Staat herrschenden
Beziehungen widerspiegeln werden. Wenn die arabischjüdischen
Beziehungen schlecht sind und es zu
Gewaltausbrüchen kommt, ist es unwahrscheinlich, dass Araber
und Juden innerhalb des Jerusalem-Staates miteinander
kooperieren werden. Es könnte zu Unruhe und Durcheinander
kommen. Jerusalem könnte durchaus zu einem der
Hauptschlachtfelder zwischen widerstreitenden Kräften werden.
Kurzum, es ist unwahrscheinlich, dass der Jerusalem-Staat als
dauerhaftes Mitglied der Völkergemeinschaft sich als
Kreditposten in der Bilanz seiner Gründer herausstellen wird.
90
Dennoch stimmte der Kabinettsausschuss im Oktober 1944
der Teilung zu. Der Jerusalem-Staat solle «autonom» sein, aber
«unter dem Schutz von Großbritannien oder der Vereinten
Nationen» stehen. Ein weiterer Vorschlag lautete, dass der Staat
offene Grenzen haben solle, dass aber «weder Arabern noch
Juden erlaubt werden sollte, sich ohne vorherige Zustimmung
auf Dauer dort niederzulassen».
91 Churchill, der sich in den
dreißiger Jahren gegen die Teilung ausgesprochen hatte, konnte
-174-
nun dieser Idee mehr abgewinnen. Aber das Außenministerium
war weiterhin dagegen, und nachdem jüdische Terroristen im
November 1944 den britischen Gesandten Lord Moyne ermordet
hatten, wurde das Projekt ad acta gelegt.
Während die auf lange Frist angelegte britische
Palästinapolitik gegen Ende 1944 ins Stocken geriet,
formulierten die Zionisten ihre eigenen Zukunftspläne. Ein
Ausschuss wurde eingesetzt, der die Ansiedlung in Palästina
planen sollte, und dieser setzte wiederum einen Unterausschuss
ein, zu dessen Pflichten laut David Ben Gurion, dem damaligen
Vorsitzenden der Exekutive der Jewish Agency in Palästina,
«die Vorbereitung eines Plans zur Förderung der jüdischen
Ansiedlung in Jerusalem und seiner Umgebung» gehörte und die
«Sicherstellung, dass die Hauptstadt unseres Landes eine
jüdische Mehrheit haben wird».
92 Dieser Unterausschuss trat
jedoch nur zweimal zusammen, legte keinerlei Empfehlungen
vor und hatte keine erkennbaren Auswirkungen auf die
politische Planung der Zionisten - ein Zeichen dafür, dass
Jerusalem für die Zionisten immer noch einen niedrigen
Stellenwert einnahm.
Infolge einer Krise in der Verwaltung der Stadt, die nach dem
plötzlichen Tod des Bürgermeisters Mustafa Bey al-Khalidi
ausbrach, wurde das Problem im August 1944 erneut auf die
politische Tagesordnung gesetzt. Wie 1937 übernahm auch jetzt
dessen jüdischer Stellvertreter Daniel Auster vorübergehend die
Funktion des amtierenden Bürgermeisters. Die arabischen
Stadträte drohten jedoch, die Arbeit der Stadtverwaltung zu
boykottieren, falls nicht sofort ein arabischer Bürgermeister
ernannt werde. Mitglieder der Familie Khalidi sprachen beim
Hochkommissar vor und baten ihn, ihren Schmerz über den
Verlust ihres verstorbenen Verwandten durch die Berufung
eines Nachfolgers aus ihren Reihen zu lindern.
93 Hebräische
Zeitungen konterten mit Forderungen nach einem jüdischen
Bürgermeister oder, falls es dazu nicht käme, nach der Rotation
-175-
von muslimischen, christlichen und jüdischen Bürgermeistern.
Sie wiesen auch darauf hin, dass die Juden inzwischen
schätzungsweise 61 Prozent der städtischen Bevölkerung
ausmachten. Manche schlugen eine dritte Lösung vor: Die Stadt
solle in getrennte, unabhängig voneinander verwaltete jüdische
und arabische Sektionen aufgeteilt werden.
94 Der Boykott der
arabischen Stadträte trat am 21. März 1945 in Kraft. Um den
toten Punkt der Verhandlungen zu überwinden, schlug
Hochkommissar Viscount Gort ein jährlich unter Muslimen,
Juden und Christen rotierendes Bürgermeisteramt vor (wobei
letztere nicht zwingend Palästinenser sein müssten). Die Juden
stimmten diesem Vorschlag im Prinzip zu, hatten aber Einwände
hinsichtlich der Dauer der Amtszeit und verlangten, dass der
erste Amtsträger unter der neuen Regelung ein Jude sein müsse.
Die größte (von Husayni angeführte) Partei der Araber rief als
Protest gegen den Plan zu einem Generalstreik auf.
95
Am 20. April 1945 berichtete Gort, dass «arabische Stadträte
mit einigen politischen Verbündeten»... «extrem vorläufige
Vorschläge» verlautbart hätten, wonach «die Altstadt und
bestimmte, vorwiegend arabische Gebiete von der modernen
Stadt Jerusalem abgetrennt werden könnten». «Auch die Juden»,
schrieb er nach London, «scheinen daran interessiert zu sein.»
96
Der Weg für die Vereinbarung einer Teilung der Stadt schien
damit frei zu sein.
Am Ende des Krieges in Europa und im Nahen Osten im Mai
1945 war die Jerusalemer Stadtverwaltung durch den Dauerstreit
zwischen arabischen und jüdischen Stadträten praktisch außer
Funktion gesetzt. Deshalb gab die Regierung am 11. Juli
bekannt, dass die Verwaltung der Stadt «wegen des Scheiterns
des Jerusalemer Stadtrats, politische Reife zu demonstrieren und
eigene Schwierigkeiten beizulegen», zeitweilig einer
Kommission von fünf britischen Beamten übergeben werde.
Zugleich wurde der Oberrichter für Palästina, Sir William
Fitzgerald, ersucht, die Frage der künftigen Stadtverwaltung für
-176-
Jerusalem zu untersuchen.
97 Die von manchen als beleidigend
empfundene Sprache, in der das Regierungskommunique
abgefasst war, führte zu Beschwerden, und die Juden weigerten
sich, an Fitzgeralds Untersuchung teilzunehmen.
Oberrichter Fitzgerald, ein genialer Ire, legte seine
Empfehlungen im August 1945 vor. Er gab zu, dass die
bestehende städtische Verwaltung, «die auf dem fundamentalen
Grundsatz der Demokratie basiert, demzufolge die Meinung der
Mehrheit ausschlaggebend sein soll», gescheitert war:
Die Araber sind nicht in der Lage, der Stadt Jerusalem das
Prinzip zuzugestehen, das seit Beginn der britischen Verwaltung
Gestalt angenommen hat. Angesichts der Geschichte bin ich
gezwungen zuzugeben, dass dieser Standpunkt nicht jeder
Grundlage entbehrt, wenn auch nicht in dem Maße, wie er von
den Arabern vertreten wurde. Politisch verantwortliche Juden
haben denn auch wiederholt betont, dass ihnen völlig klar ist,
dass die einmalige Stellung der Stadt Jerusalem eine besonders
ausgeklügelte Verwaltungsform erfordert.
Die Muslime forderten weiterhin das Bürgermeisteramt aus
Gründen der Tradition, die Juden aufgrund ihrer Mehrheit. Die
neusten Zahlen, die Fitzgerald zur Verfügung standen, ergaben,
dass sich die Bevölkerung aus 92000 Juden, 32000 Muslimen
und 27000 anderen Einwohnern zusammensetzte.
Fitzgeralds Empfehlungen für Jerusalem hatten eine gewisse
Ähnlichkeit mit denen Lord Peels für ganz Palästina. 1937 hatte
die britische Untersuchungskommission angeführt, dass,
nachdem in Palästina ein offener Konflikt ausgebrochen sei, die
üblichen demokratischen Mehrheitslösungen nicht funktionieren
würden; «die einzige Hoffnung auf Heilung liege in der
‹chirurgischen› Operation».
98 Peels Empfehlung war die Teilung
Palästinas, Fitzgeralds die Teilung Jerusalems. Der Unterschied
-177-
bestand natürlich darin, dass es Fitzgerald mit einer jüdischen
statt mit einer arabischen Mehrheit zu tun hatte:
Ich bin zu der bedauerlichen, aber unabweisbaren
Schlussfolgerung genötigt, dass keine Möglichkeit für eine
Zusammenarbeit zwischen Arabern und Juden besteht, um dem
Erlass über die Stadtverwaltung von 1934 in Jerusalem Geltung
zu verschaffen. Ohne diese Zusammenarbeit muss die städtische
Verwaltung unter dem derzeitigen Erlass zusammenbrechen...
Wie es sich trifft, bietet sich das gegenwärtige Stadtgebiet von
Jerusalem in geographischer Hinsicht dazu an, in zwei
Stadtbezirke mit klar festgelegten Grenzen aufgeteilt zu werden,
jeder mit einer anderen Lebensauffassung, mit anderen
Bestrebungen und Interessen. Ich sehe keinen Grund, vor der
Realität der Situation zurückzuschrecken, die ich in der Tat als
günstig betrachte: ein Stadtbezirk wird vorwiegend jüdisch sein
und der andere vorwiegend arabisch.
Als eine Art Dachorganisation über den beiden Stadtbezirken
schlug Fitzgerald einen Verwaltungsrat ähnlich dem London
County Council vor. Die beiden Stadtbezirke würden
weitestgehend den bestehenden Siedlungsmustern entsprechen
(siehe Karte 6). Aber Fitzgeralds Plan fand nicht genügend
Befürworter, um die Regierung zu seiner Umsetzung zu
veranlassen.
So blieb es bis zum Ende der Mandatsregierung bei der
Stadtverwaltung von Jerusalem unter Führung einer nicht
gewählten Kommission. Im Dezember 1945 wurde George
Webster, der ehemalige «Postmaster-General» von Palästina, zu
ihrem Vorsitzenden ernannt. Sechs weitere Beamte gehörten ihr
an, vier Briten und zwei Palästinenser. Ein Jahr darauf trat
Webster zurück und wurde durch einen John Hilton ersetzt, auf
den schließlich im Juni 1947 ein gewisser Richard Graves
-178-
folgte.
Inzwischen geriet ganz Palästina in einen Bürgerkrieg. Die im
Juli 1945 in Großbritannien gewählte Labour-Regierung
beschloss, den aus Kriegszeiten stammenden vorläufigen
Teilungsplan nicht weiter zu verfolgen. Stattdessen bemühte sie
sich darum, die Amerikaner in eine geteilte Verantwortung
hineinzuziehen, weshalb sie Trumans Regierung dazu
überredete, einen gemeinsamen britisch-amerikanischen
Untersuchungsausschuss zu den Problemen Palästinas und der
jüdischen Überlebenden der Vernichtungslager in Europa
einzuberufen. Der Ausschuss sprach sich gegen eine Teilung
aus. Seine wichtigste Empfehlung war die einer sofortigen
Einreiseerlaubnis für 100000 jüdische Flüchtlinge aus Europa
nach Palästina. Die britische Regierung machte diese Zulassung
jedoch von der Entwaffnung und Auflösung jüdischer
paramilitärischer Organisationen abhängig, die in den letzten
Jahren einen Zuwachs an Mitgliedern und Waffen zu
verzeichnen hatten. Die Zionisten lehnten aber ab, es in
Erwägung zu ziehen.
Als sich der politische Streit hinzog, ohne dass eine Lösung
näherrückte, griffen die Zionisten auf die direkte Aktion zurück.
Der breite Zustrom jüdischer Einwanderer aus Europa, weit über
die von der Regierung gesetzten Grenzen hinaus, wuchs sich zu
einem Wettstreit um die größere Entschlossenheit und zu einer
Propagandaschlacht zwischen Briten und Zionisten aus. In
Jerusalem stieg die Zahl terroristischer Akte an. Am 22. Juli
1946 wurde das King-David-Hotel, das zeitweilig die Regierung
Palästinas sowie das Hauptquartier der britischen Armee
beherbergte, von Angehörigen der radikalen zionistischen
Untergrundorganisation Irgun Zwai Leumi in die Luft
gesprengt, wobei einundneunzig Menschen ums Leben kamen.
Daraufhin zog sich die Regierung sowohl physisch als auch
geistig in eine Festung zurück und riegelte zentral gelegene
Teile der Stadt ab, in denen Regierungsgebäude lagen, sowie das
-179-
sogenannte russische Gelände, auf dem das Polizeipräsidium,
Gerichte und das Zentralgefängnis ihren Sitz hatten. Eine innere
Sicherheitszone wurde mit Stacheldraht eingefasst; die Juden
hatten dafür den Spitznamen «Bevingrad», eine Anspielung auf
den verhassten britischen Außenminister Ernest Bevin.
Am 1.August 1946 verständigte sich die Exekutive der Jewish
Agency, die (aus Angst, in Palästina verhaftet zu werden) in
Paris tagte, erneut auf den Grundsatz der Aufteilung Palästinas
in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Hinsichtlich
Jerusalems blieb der Vorschlag vage und spiegelte das Zögern
der zionistischen Führung in dieser Frage wider. Sie schwor
zwar nicht jeglichem Recht auf die Stadt ab, aber sie
beanspruchte auch keines für sich.
Die palästinensisch-arabische Führung blieb gespalten und
orientierungslos. Noch immer war der Mufti der einflussreichste
Mann, aber seine Wirksamkeit war eingeschränkt, weil er
weiterhin im Exil leben musste - zuerst in Frankreich, dann, ab
Juni 1946, in Ägypten und schließlich seit Oktober 1947 im
Libanon. Im neu gebildeten Hohen Arabischen Komitee saßen
wieder Repräsentanten aller wichtigen Parteien. Dieses
Gremium fand die Unterstützung der seit 1944 bestehenden
Arabischen Liga, war aber nicht imstande, eine klare Politik
einzuschlagen. Anders als den Zionisten gelang es den
palästinensischen Arabern nicht, disziplinierte militärische
Verbände aufzustellen, auszubilden und auszurüsten.
Während ständig weitere Pläne für die Zukunft des Landes
vorgelegt oder verworfen wurden, stand auch Jerusalem im
Mittelpunkt manch ingeniöser Verfassungsbastelei. Dem Plan
einer «Provinz-Autonomie» zufolge, der im Juli 1946 vom
britischen Minister Herbert Morrison und vom ehemaligen
amerikanischen «Assistant Secretary of State »Henry F. Grady
vorgelegt wurde, sollte das Mandat in eine Treuhandverwaltung
der Vereinten Nationen überführt und das Land in autonome
Provinzen aufgeteilt werden; das Gebiet um Jerusalem
-180-
einschließlich Bethlehem sowie die Negev-Wüste im Süden
Palästinas sollten direkt einem britischen Hochkommissar
unterstellt werden. Präsident Truman, der innenpolitisch unter
Druck stand, lehnte den Plan ab (obwohl die Bestimmungen
hinsichtlich Jerusalems in Washington Gefallen fanden); nach
ein paar Wochen war davon nicht mehr die Rede. Im September
trat eine Palästina-Konferenz in London zusammen, brachte
aber auch nichts zuwege.
Karte 6 Sir William Fitzgeralds Vorschlag für Jerusalem (1945)
Was die zionistische Diplomatie anbetraf, hatte Jerusalem
auch in dieser Zeit noch keine hohe Priorität. Auch im nächsten
-181-
Jahr kam die Exekutive der Jewish Agency in dieser Frage zu
keiner eindeutigen Auffassung. Vor allem wollte sie mit der
vergeblichen Forderung nach Souveränität für Westjerusalem
nicht das Risiko eingehen, die internationale Unterstützung für
die Schaffung eines jüdischen Staats zu verlieren. Ihre
diplomatische Strategie basierte auf der resignierten Hinnahme
einer wahrscheinlichen Internationalisierung der Stadt. Dies
einkalkulierend, richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf die
vorgesehenen Grenzen für eine solche internationale Zone, um
zwei Ziele zu erreichen: eine jüdische Mehrheit in dem
betreffenden Areal sowie eine territoriale Verbindung mit dem
jüdischen Staat, notfalls in der Form eines Korridors.
100 Warum
waren die Zionisten bereit, Jerusalem zu opfern? David Ben
Gurion fasste den Sachverhalt mit ungeschminkter Einfachheit
in dem Satz zusammen, es sei «der für die Staatlichkeit zu
zahlende Preis».
101
Während des jüdischen Aufstands war die Zahl der zivilen
und militärischen Opfer wesentlich niedriger gewesen als in der
arabischen Revolte ein Jahrzehnt zuvor: Zwischen 1936 und
1939 verloren 4000 Menschen das Leben; der jüdische Aufstand
bis zum April 1947 forderte nur 270 Todesopfer.
102 Und doch
hatten die Briten größere Mühe, mit der Rebellion der Zionisten
fertig zu werden. Zum Teil lag dies daran, dass die Briten in
dieser Zeit militärisch viel schwächer und sogar noch mehr
überfordert waren als in den dreißiger Jahren, zum Teil auch
daran, dass die zionistischen Paramilitärs besser organisiert und
koordiniert waren und oft gegen militärische oder behördliche
Schwachstellen wesentlich wirkungsvoller losschlugen.
Am 14. Februar 1947 reichte es den Briten. Außenminister
Bevin brachte die Londoner Palästinakonferenz zum Abschluss
und bekannte, dass die britische Regierung «erstmals in der
britischen Geschichte zugeben müsse, an der Lösung eines
Problems dieser Art gescheitert zu sein».
103 An diesem Tag
fasste das Kabinett den Beschluss, das Problem an die Vereinten
-182-
Nationen weiterzureichen. Als übriggebliebener Legatar des
Völkerbundsmandats über Palästina wurde die Weltorganisation
dazu aufgefordert, das Problem zu lösen.
Am 28. April 1947 begann eine Sondersitzungsperiode der
Generalversammlung der Vereinten Nationen, die das Palästina-
Problem zum Thema hatte. Man beschloss, eine weitere
Untersuchungskommission, das UN Special Committee on
Palestine (UNSCOP), zu entsenden, um Vorschläge für die
Zukunft des Landes in Erfahrung zu bringen. Unter Führung des
schwedischen Richters Emil Sandström kamen die elf
Mitglieder der UNSCOP allesamt aus Ländern, die man in
dieser Frage als neutral einstufte. Im Verlauf ihrer Palästinareise
verbrachte die Kommission zwei Arbeitstage, den 18. und den
27. Juni, in Jerusalem; sie besuchte in dieser Zeit den Haram al-
Scharif, vier Synagogen, die Grabeskirche, das Büro des
Obersten Muslimrats, die Hebräische Universität und das
Hadassa-Krankenhaus. Zu den Dokumenten, die ihr vorlagen,
gehörte Sir William Fitzgeralds Bericht über die
Stadtverwaltung von Jerusalem und eine drei Seiten lange
«Notiz über die Stellung Jerusalems in Leben und Tradition der
Juden», welche die Jewish Agenc y der Kommission vorgelegt
hatte. Das Hohe Arabische Komitee weigerte sich, mit der
UNSCOP zusammenzuarbeiten, aber die wichtigen arabischen
Staaten (mit Ausnahme von Transjordanien) standen zur
Verfügung. Mehrere christliche Gruppierungen trugen
Erklärungen vor, und der französische Generalkonsul übergab
eine Denkschrift über französische religiöse und
Bildungseinrichtungen im Heiligen Land.
Die der Kommission vorgelegten Vorschläge boten wenig
Aussicht auf Gemeinsamkeiten. Die Araber verlangten nahezu
einstimmig die Schaffung eines einheitlichen arabischen Staates
Palästina mit Jerusalem als Hauptstadt. Die Christen drangen im
allgemeinen auf eine Internationalisierung Jerusalems - obwohl
der Vatikan in diesem Stadium sich weder öffentlich noch privat
-183-
für diese Lösung aussprach.
104 Der franziskanische Kustos des
Heiligen Landes unterließ es nachdrücklich, der Idee seinen
Segen zu geben, und schien vielmehr ein Wiederaufleben der
historischen Rechte Frankreichs als Schutzmacht der Katholiken
zu favorisieren. Die zionistische Position in bezug auf Jerusalem
wurde nicht ganz klar dargelegt, jedenfalls nicht öffentlich. Als
Ben Gurion von der UNSCOP über die Sicht der Jewish Agency
befragt wurde, sprach er vage von der Aufteilung der Stadt in
einen westlichen Te il, der dem jüdischen Staat zugeschlagen
würde, und der Altstadt und den von Arabern bewohnten
Gebieten, die internationalisiert würden.
105
Die UNSCOP setzte einen Unterausschuss unter dem Vorsitz
eines niederländischen Delegierten ein, um die Frage Jerusalems
und der Heiligen Stätten genauer zu beraten. Von den elf
Mitgliedern dieses Unterausschusses legten vier - die
Delegierten aus Kanada, den Niederlanden, Peru und Schweden
- einen Plan für die Internationalisierung der Stadt vor. Drei -
die Delegierten aus Indien, dem Iran und Jugoslawien -
stimmten dem nicht zu; und drei weitere - aus der
Tschechoslowakei, Guatemala und Uruguay - brachten
Vorbehalte gegen den Plan der Mehrheit vor, die aber später
zurückgezogen wurden. Das elfte Mitglied des
Unterausschusses, aus Australien, enthielt sich der Stimme.
Der vollständig besetzte UNSCOP-Ausschuss legte
Mehrheitsund Minderheitsvoten mit Empfehlungen für Palästina
als Ganzes vor. Die Mehrheit sprach sich für eine Beendigung
der Mandatsverwaltung und für eine Teilung Palästinas in einen
jüdischen und einen arabischen Staat mit einem
internationalisierten Jerusalem aus. Die von Delegierten aus
Indien, dem Iran und Jugoslawien formulierten Vorschläge der
Minderheit traten für einen einzigen, aber föderativen Staat ein.
Hinsichtlich Jerusalems empfahl die Minderheit, dass es die
Hauptstadt des vorgeschlagenen Bundesstaates sein und in zwei
Gemeindeverwaltungen aufgeteilt werden sollte: eine arabische,
-184-
zu der die gesamte Altstadt gehören, sowie eine jüdische, die
«die Gebiete, die vorwiegend jüdisch sind», umfassen sollte.
Die Mehrheit der UNSCOP folgte der Mehrheit des
Unterausschusses und empfahl, Jerusalem einer internationalen
Treuhandverwaltung zu unterstellen. Hauptgründe dafür waren
die Wichtigkeit, in einer Stadt, die Heilige Stätten von drei
Weltreligionen barg, den Frieden zu wahren. Der UNSCOPBericht
argumentierte (mit großem Ernst, wenn auch mit
fragwürdiger historischer Genauigkeit):
Die Geschichte Jerusalems, während der osmanischen
Herrschaft wie unter der Mandatsverwaltung, zeigt, dass der
religiöse Friede in der Stadt erhalten wurde, weil die Regierung
darauf bedacht war und die Macht dazu hatte, Kontroversen, bei
denen es auch um ein gewisses religiöses Interesse ging, daran
zu hindern, sich zu bitterem Zwist und Aufruhr zu entwickeln.
Die Regierung war nicht eng in die lokale Politik verwickelt und
konnte, falls nötig, bei Konflikten als Schiedsrichter auftreten.
Das ganze Gebiet von Jerusalem solle entmilitarisiert und
neutralisiert werden. Es solle ein Gouverneur ernannt werden,
der «weder Araber noch Jude noch ein Bürger des
palästinensischen Staates sein noch zum Zeitpunkt seiner
Ernennung in der Stadt Jerusalem seinen Wohnsitz haben solle».
Die Stadt solle in Wirtschaftsunion mit dem jüdischen und dem
arabischen Staat stehen und den in den beiden Ländern
Wohnenden freien Zugang gewähren, «vorbehaltlich von
Sicherheitserwägungen». Der Bericht enthielt nichts in bezug
auf die Verteidigung von Jerusalem, mit Ausnahme der
Empfehlung, dass der Schutz der Heiligen Stätten einer
«speziellen Polizei» anvertraut werden sollte.
106
Das für das vorgeschlagene internationale Jerusalem
vorgesehene Areal war, wie in den meisten Plänen seit 1840,
-185-
größer als das eigentliche Stadtgebiet. Es erstreckte sich von Ein
Qarem im Westen bis nach Abu Dis im Osten und von Schuafat
im Norden bis nach Bethlehem im Süden. Der die Stadt
umgebende Landgürtel war hauptsächlich von Arabern bewohnt.
Obwohl der angeführte Zweck darin bestand, einige der von der
Stadt entfernten Heiligen Stätten einzuschließen, war ein
weiterer Grund vermutlich der, in der Bevölkerung des
Stadtstaats einen einigermaßen gleichgewichtigen Anteil von
Arabern und Juden zu haben. Am Ende der Mandatsregierung
schätzte man, dass Jerusalem 165000 Einwohner zählte (100000
Juden, 34000 Muslime und 31000 Christen). Nur durch die
Erweiterung des Gebiets der vorgeschlagenen
Treuhandverwaltung mit der Folge, dass damit auch umliegende
arabische Dörfer dazugehörten, war ein numerisches
Gleichgewicht zwischen Arabern und Juden zu erzielen. Die
UNSCOP schätzte 1946 die Bevölkerung dieses vergrößerten
Jerusalem auf etwa 205000 Menschen, davon waren etwa
100000 Juden und 105000 «Araber und andere».
Der UNSCOP-Bericht wurde am 31. August 1947
unterzeichnet, aber die Generalversammlung begann erst am 16.
September mit der Beratung und stimmte sechs weitere Wochen
später darüber ab. In der Zwischenzeit herrschte eine intensive
politische Geschäftigkeit. Die arabischen Staaten lehnten den
Bericht mit allem Nachdruck ab und bemühten sich, eine
Opposition zu mobilisieren, um auf die Sperrminorität von
einem Drittel der Stimmen zu kommen, das nach den
Verfahrensregeln dafür erforderlich war. Die Jewish Agency
war bereit, den Plan zu akzeptieren, hatte jedoch ebenfalls
Vorbehalte dagegen und hegte insgeheim die Hoffnung, dass sie
die Grenzen des jüdischen Staates in dem nun nahezu
unausweichlich scheinenden Krieg würde erweitern können. Sie
betrieb eine eifrige Lobbyistenarbeit, um die Zwei-Drittel-
Mehrheit sicherzustellen, die für eine formale Zustimmung zu
dem Plan nötig sein würde.
-186-
Für die Zionisten war dabei Jerusalem nicht die Hauptfrage:
Der springende Punkt bei der ganzen Sache war das Prinzip der
Teilung. Zugleich bemühten sie sich darum, ihre Position in
Jerusalem zu verbessern, indem sie dem amerikanischen
Außenministerium gegenüber zur Sprache brachten, dass man
nur die Altstadt internationalisieren und den Rest des in
Aussicht stehenden Treuhandgebiets unter dem jüdischen und
dem arabischen Staat aufteilen solle. Das State Department hielt
den Vorschlag freilich «für rein theoretisch und nicht
wünschenswert». Man verwies darauf, dass «die meisten
christlichen Einrichtungen in Jerusalem, aber außerhalb der
Altstadt konzentriert sind. Deshalb würden sie entweder in das
Gebiet des jüdischen oder des arabischen Teils fallen. Seitens
der Christen sei wohl Widerstand gegen ein solches Vorgehen
zu erwarten.»
107
Unter den Mitgliedern der UN-Arbeitsgruppe gebe es jedoch
«eine beachtliche positive Haltung» gegenüber dem
zionistischen Vorschlag. Aus diesem Grund wurde trotz
mancher Zweifel im State Department der Vertreter der
Vereinigten Staaten in der Arbeitsgruppe ermächtigt, «in dieser
Frage mit der Mehrheit zu stimmen, vorausgesetzt, dass
angemessene Vorsichtsmaßnahmen für die Heiligen Stätten
erhalten blieben».
108
-187-
Karte 7: Der Teilungsplan der Vereinten Nationen für Palästina
(1947)
-188-
Karte 8: Der Corpus Separatum-Plan der Vereinten Nationen für
Jerusalem (1947)
Mit gewissen Änderungen wurde der Plan der Mehrheit der
UNSCOP schließlich der Vollversammlung unterbreitet. Die
wichtigste dieser Änderungen war die Festsetzung einer
zeitlichen Begrenzung für die Jerusalem betreffenden
Regelungen: Nach zehn Jahren sollte es den Einwohnern «frei
stehen, mittels eines Referendums ihre Wünsche im Hinblick
auf eine mögliche Modifikation der Stadtverwaltung zum
Ausdruck zu bringen». Dies war kein geringfügiger Sieg für die
Zionisten, die hofften, ein solches Referendum gewinnen zu
können. Damit war jedoch kein vollständiges
-189-
Selbstbestimmungsrecht gewährt, da die Resolution nur vorsah,
dass man einen Wunsch zum Ausdruck bringen könne, und nur
Modifikationen erwähnte. Eine weitere von den Zionisten
erwünschte und erlangte Veränderung gegenüber dem
ursprünglichen UNSCOP-Plan war, dass das Prinzip einer
autonomen Stadtverwaltung für unterschiedliche Gemeinden in
Jerusalem vorgesehen wurde. Die letzte Fassung des Entwurfs
erweiterte auch noch ein wenig das Areal des vorgesehenen
Corpus separatum um die jüdische Siedlung von Motza im
Westen Jerusalems (siehe Karten 7 und 8).
Der Resolutionsentwurf der Generalversammlung sah die
Ernennung eines Gouverneurs für Jerusalem durch den UNTreuhandrat
vor; er sollte weder ein Bürger des arabischen noch
des jüdischen Staates sein. Die Stadt sollte entmilitarisiert und
neutralisiert werden «und keine paramilitärischen
Organisationen, Übungen oder Aktivitäten» gestatten. Der
Gouverneur sollte «eine spezielle Polizei von ausreichender
Stärke organisieren, deren Angehörige außerhalb Palästinas zu
rekrutieren» seien. Der UN-Treuhandrat würde beauftragt, ein
Statut (also eine Verfassung) für Jerusalem vorzubereiten, und
dafür stünden ihm fünf Monate Zeit zur Verfügung.
109
Am 29. November 1947 stimmte die Generalversammlung
der Vereinten Nationen dem Teilungsbeschluss mit
dreiunddreißig zu dreizehn Stimmen bei zehn Enthaltungen zu.
Die Zionisten begrüßten den Beschluss mit Jubel; die
palästinensischen Araber erklärten einen dreitägigen
Generalstreik. Die Resolution war kein Plan für eine friedliche
Lösung des Streits um Palästina, sondern hob den Konflikt, der
sich im Kern um Jerusalem drehte, auf eine neue Ebene.
-190-
4. DIE TEILUNG
Während die britische Mandatsverwaltung sich in Chaos
auflöste, rangen die Vereinten Nationen mit ihrer Unfähigkeit,
ihrer Entscheidung in Palästina im allgemeinen und in Jerusalem
im besonderen Geltung zu verschaffen. Der Erfolg des
Teilungsplans musste zwangsläufig in hohem Maße von der
Zusammenarbeit der Briten abhängen, um einen sanften
Übergang zu dem vorgesehenen arabischen und jüdische n Staat
und der Treuhandverwaltung der Vereinten Nationen für
Jerusalem zu gewährleisten. Die britische Regierung lehnte es
aber ab, sich in irgendeiner Weise an der Durchsetzung der
Teilung gegen den Willen der Araber Palästinas zu beteiligen.
Bis kurz vor Ablauf ihres Mandats, das sie auf den 15. Mai 1948
festsetzte, verweigerte sie der UN-Palästina-Kommission die
Einreise. Die einzige Hoffnung auf eine Durchsetzung des
Teilungsplans beruhte auf der Fähigkeit der Vereinten Nationen,
eine bewaffnete Streit macht zu mobilisieren, um ihre Autorität
wenigstens innerhalb der internationalen Zone um Jerusalem zu
sichern. Aber über die Schaffung einer solchen Streitmacht
konnte keine Vereinbarung erzielt werden, und es kam auch nie
dazu. Noch vor der Abreise des letzten Hochkommissars aus
Jerusalem am 14. Mai 1948 waren zwischen jüdischen und
arabischen Freischärlern Kämpfe ausgebrochen, wobei den
Arabern reguläre Truppen aus mehreren arabischen Staaten zu
Hilfe kamen, darunter auch die unter britischem Kommando
stehende Arabische Legion aus Transjordanien. Als Anfang
1949 der Palästina-Krieg zu Ende ging, war es dem jüdischen
Staat gelungen, die ihm im UN-Teilungsplan zugedachten
Grenzen zu erweitern. Der Großteil der arabischen Bevölkerung
floh aus dem künftigen Israel in die umliegenden arabischen
Staaten (in vielen Fällen wurde er vertrieben). Das meiste
-191-
restliche Palästina übernahm König Abdullah von
Transjordanien. In Jerusalem kam es nach heftigen Kämpfen zu
einer Aufteilung der Stadt in eine östliche Hälfte einschließlich
der Altstadt, über die künftig Abdullah herrschte, und eine
westliche Hälfte, die zur Hauptstadt des Staates Israel wurde.
-192-
Die Abdankung des Mandatsherrn
Die Welle der Gewalt, die sich im Gefolge der
Teilungsresolution der Vereinten Nationen vom 29. November
1947 über Jerusalem ergoss, beschrieb Richard Graves, der
Vorsitzende der Stadtverwaltungskommission (praktisch der
amtierende Bürgermeister) in einer seltsamen Mischung aus
Horror und englischem Understatement in seinem Tagebuch.
Der Leiter der Stadtverwaltung, ein Bruder des Dichters Robert
Graves und eines früheren Tzwes-Korrespondenten in
Jerusalem, Philip Graves, war ein sensibler und aufrechter
Mann, dem die Stadt, für die er verantwortlich war, zutiefst am
Herzen lag. Zu Anfang hatte man ihm keinen Wagen zur
Verfügung gestellt, weshalb er mit dem Kleinlaster des
städtischen Hundefängers auskommen musste. Das Versäumnis
war ein Vorzeichen für den rapiden Autoritätsverlust, den die
Kommission, nicht anders als die Regierung von Palästina,
während der letzten Monate der Mandatsverwaltung
durchmachte. Mit wachsender Verzweiflung zeichnete Graves
die einzelnen Stadien des Abstiegs in die Anarchie und seiner
eigenen Ohnmacht angesichts wachsender Gewalt und
Einschüchterung auf. Am 8. Dezemb er wurde er vom Mob mit
Steinen beworfen, als er sich in den jüdischen Teil der Stadt
hineinwagte. Ein gepanzerter Polizeiwagen in der Nähe «sah aus
und benahm sich wie ein schläfriger Elefant und brachte nicht
das geringste Interesse für die Vorgänge auf.»
1 Jüdische
städtische Bedienstete kamen nicht mehr zur Arbeit, weil sie
Angst hatten, sich außerhalb des jüdischen Gebiets vorzuwagen.
Als die Juden fortblieben, äußerten arabische Beamte die
Befürchtung, dass sie eine Bombe gelegt haben könnten.
Nachdem neue Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden waren,
kamen die Weggebliebenen wieder zurück - für eine Weile.
-193-
Jüdische Beamte drangen auf die Öffnung einer Zweigstelle der
Stadtverwaltung im jüdischen Teil der Stadt; Graves beschloss,
sich diesem «ersten Schritt in der Stadt in Richtung
‹Aufteilung›» zu widersetzen.
2
Aber die Aufteilung nahm bereits ihren Lauf, als Juden aus
arabischen Gebieten wie etwa der deutschen Kolonie, Katamon
und Baqa in jüdische Gebiete, wie beispielsweise Rehavia,
umzogen und auch Araber gemischte Wohnbezirke der Stadt
verließen. Am 29. Dezember nahmen die jüdischen städtischen
Beamten einen Bombenanschlag zum Anlass, erneut ihre Büros
zu verlassen. Graves klagte, «es scheint kaum Hoffnung zu
bestehen, dass man sie je wieder in das Gebäude
zurückbekommt».
3
«Bevingrad»: Princess Mary Avenue (heute Rehov Schlomzion Ha-
Malka) in der befestigten zentralen Sicherheitszone von Jerusalem,
Anfang 1948.
Jetzt war er gezwungen, eine separate Dienststelle im jüdischen
-194-
Teil der Stadt zu betreiben. Aber «als wir zurückkamen, fanden
wir die arabischen Beamten in erregter Stimmung vor, weil die
Juden von ihnen getrennt worden waren. Sie schienen zu
glauben, dass die Errichtung eines Unterbüros der erste Schritt
zur Teilung und zur Schaffung einer jüdischen Stadtverwaltung
sei.» Graves' Bemühen, sie zu beruhigen, war nur begrenzter
Erfolg beschieden.
Zu Anfang des neuen Jahres nahmen die Kämpfe in der Stadt
und um sie herum zu. Weitere terroristische Anschläge forderten
viele Opfer. Eine von der Haganah (der Untergrundarmee der
Selbstverteidigungsorganisation der zionistischen Bewegung)
im Hotel Semiramis gelegte Bombe tötete am 5. Januar
sechsundzwanzig Zivilisten, darunter auch den spanischen
Konsul. Eine weitere am Jaffator forderte zwanzig Todesopfer
und verletzte vierzig Menschen. Am 12. Januar berichtete
Graves, dass «kaum eine Stunde vorübergegangen ist, in der
nicht das Feuern von Schusswaffen zu hören war».
4 Am 1.
Februar wurden als Repressalie die Büros der zionistischen
Zeitung Palestine Post in die Luft gesprengt: Die Zionisten
beschuldigten britische Soldaten oder Polizisten der Tat. Am 10.
Februar konnte ein großangelegter arabischer Angriff auf den
jüdischen Wohnbezirk Yemin Moshe nur zurückgeschlagen
werden, nachdem eine britische Truppeneinheit eingegriffen und
verhindert hatte, dass die Araber noch Verstärkungen erhielten.
5
Nachdem am 12. Februar in dem vorwiegend von christlichen
Arabern bewohnten Viertel Talbieh eine Jüdin getötet worden
war, fuhr ein der Haganah gehörender Lautsprecherwagen durch
die Gegend und forderte alle Araber zum Verschwinden auf.
Am 22. Februar kamen mindestens zweiundfünfzig Menschen
durch die Explosion einer Bombe auf der Ben-Yehuda-Straße
mitten im jüdischen Geschäftsviertel ums Leben. Wieder
machten die Juden die Briten dafür verantwortlich. In seinen
-195-
Jahre danach veröffentlichten Memoiren behauptete der Mufti,
es sei eine arabische Gruppe gewesen. In Wahrheit scheint es
eine gemeinsame Aktion von Arabern und britischen
Armeedeserteuren und Polizisten gewesen zu sein.
6 Binnen
achtzehn Stunden wurden im Zuge von Vergeltungsaktionen
neun britische Soldaten getötet. Am 11. März starben zwölf
Menschen im Hauptquartier der Jewish Agency in der King
George V-Avenue, als eine im Wagen des amerikanischen
Generalkonsuls herantransportierte Bombe explodierte.
Menschenmenge in der Ben-Yehuda-Straße nach dem Bombenattentat
vom 22. Februar 1948.
Während die Stadt immer tiefer ins Chaos versank, wurde in
den Vereinten Nationen mit wachsender Verzweiflung, aber
vergeblich nach einem Weg gesucht, den Teilungsbeschluss
durchzusetzen und die internationale Treuhandverwaltung in
und um Jerusalem zu etablieren. Für das Scheitern der Vereinten
Nationen bei dieser selbstauferlegten Aufgabe gab es vier
Hauptgründe.
Der erste war eine Frage des zeitlichen Ablaufs. Die
-196-
Teilungsresolution sah vor, dass das Mandat «so bald wie
möglich, aber auf jeden Fall nicht später als am 1. August 1948»
enden werde. Der jüdische und der arabische Staat und das
Spezielle Internationale Regime für Jerusalem sollten «zwei
Monate nach dem Abzug der bewaffneten Streitkräfte der
Mandatsmacht, aber in jedem Fall nicht später als am 1. Oktober
1948» in Kraft treten. Mitte Dezember kündigte die britische
Regierung einseitig die Rückgabe des Mandats für den 15. Mai
1948 an, Reste britischer Streitkräfte würden jedoch bis zum 1.
August in Haifa verbleiben.
Nach diesem Zeitplan würde es zwischen dem 15. Mai und
dem 1. Oktober 1948 eine Übergangsperiode geben, während
der eine neue Palästina-Kommission der Vereinten Nationen das
Ruder übernähme. Diese Kommission mit dem
Tschechoslowaken Karel Lisicky an der Spitze und vier
weiteren Mitgliedern aus Bolivien, Dänemark, Panama und den
Philippinen nahm am 9. Januar 1948 am Lake Success in New
York ihre Arbeit auf. Von Anfang an war sie jedoch
handlungsunfähig wegen der - am 15. Januar in einer nicht
öffentlichen Kommissionssitzung verkündeten - Weigerung der
britischen Regierung, sie früher als zwei Wochen vor dem Ende
des Mandats in Palästina einreisen zu lassen. Als Begründung
wurde angeführt, dass man die Verantwortung für die Sicherheit
der Kommissionsmitglieder nicht tragen könne. Als Lisicky am
24. Februar vor dem Sicherheitsrat erschien, lehnte er die
Vorstellung, den Staat Jerusalem ohne Sicherheitskräfte und die
Gewährleistung anderer grundlegender Bedürfnisse zu schaffen,
ab und rief aus «tiefstem Herzen» aus: «Dass wir deiner nicht
vergessen, Jerusalem! Dass wir deiner nicht vergessen,
Jerusalem!»
7
Ohne die Kooperation der Briten war die UN-Palästina-
Kommission außerstande, die Verwirklichung der
Teilungsresolution in Gang zu setzen. Am 2. März traf ein
sechsköpfiges «Vorauskommando» der Kommission in
-197-
Palästina ein, an der Spitze Dr. Pablo Azcárate, der ehemalige
Botschafter Spaniens in London. Mit von der Partie waren ein
norwegischer Oberst, ein indischer Volkswirtschaftler, ein
griechischer Jurist und zwei Sekretärinnen. Sie versuchten, der
Autorität der Kommission im Lande eine Basis zu verschaffen,
aber es gelang ihnen nicht. Nach Azcárate war die
«Hauptbeschäftigung» der zusammenbrechenden
Mandatsverwaltung, «mit jeder möglichen Methode die Präsenz
von jemand oder etwas zu behindern, der oder das auch nur
entfernt mit den Vereinten Nationen und insbesondere mit der
Palästina-Kommission zu tun hatte». Die Briten, so erinnerte er
sich, hätten die Kommission «einer Politik der regelrechten
Einschüchterung» ausgesetzt.
8 Das Vorauskommando hatte
Schwierigkeiten, sich außerhalb von Jerusalem zu bewegen.
Ein zweiter und damit verwandter Grund für das Scheitern der
UN-Kommission war die Verzögerung bei der Formulierung der
Verfassung für die Stadt Jerusalem. Der Treuhandrat hatte am 1.
Dezember 1947 mit der Arbeit an diesem Dokument begonnen -
zwei Tage nach der Verabschiedung des Teilungsbeschlusses in
der Generalversammlung - und einen Ausschuss eingesetzt, der
einen Entwurf erarbeiten sollte. Weil man spürte, dass den
Vereinten Nationen die Dinge aus der Kontrolle gerieten,
machte sich der Rat mit löblichem Tempo an die Arbeit. Schon
am nächsten Tag wurde ein Arbeitsausschuss geschaffen, der am
folgenden Tag zusammentrat. Sechs Wochen später lag dessen
Bericht vor, über den der Rat am 18. Februar zu diskutieren
begann. Dann aber scheint sich jegliches Gefühl der
Dringlichkeit aus dem weiteren Geschehen verflüchtigt zu
haben.
In den nächsten Wochen schob der Rat fast alle sonstigen
Geschäfte beiseite und hielt nahezu täglich Sitzungen ab, um zu
einem einvernehmlichen Text zu gelangen. Man hörte sich die
Einwände des irakischen Delegierten Awni Khalidi an, dass
«Jerusalem ein integraler Bestandteil Palästinas» sei und es
-198-
«keine Rechtsgrundlage für die Abtrennung» gebe.
9 Nach diesen
Ausführungen ging Khalidi aus dem Raum und nahm am
weiteren Verfahren kaum noch teil. Später gab der Ausschuss
der Jewish Agency die Gelegenheit, ihre Auffassung
vorzutragen. Den größten Teil der Zeit verbrachte der Ausschuss
mit dem Austausch von Argumenten über die
Verfassungsmechanismen des künftigen Staates. Dann
debattierte man über juristische Regelungen, Haushaltsfragen,
Bildungs-, Kultur- und Wohlfahrtseinrichtungen, auswärtige
Angelegenheiten, die Heiligen Stätten und Sicherheitsfragen.
Nachdem der erste Entwurf einmal durchgearbeitet worden war,
begann - nach parlamentarischer Art - mit einer «zweiten
Lesung» alles wieder von vorne. Nun plädierte der französische
Delegierte Roger Garreau mit einer gewissen Unterstützung
seitens seines belgischen Kollegen dafür, dass den Christen eine
spezielle Vertretung zuerkannt werden solle: «Er könne sich
nicht damit einverstanden erklären, dass der Rat die zahlreichen
christlichen Gemeinschaften einfach ignoriere, die vertreten sein
sollten».
10 Weder die Amerikaner noch die Briten gaben ihm
Rückendeckung, aber Garreau drohte, gegen das Jerusalem-
Statut zu votieren, falls man seine Ansichten nicht
berücksichtige. Am Ende musste eine Formulierung gefunden
werden, die ihn zufriedenstellte. «Es fällt schwer, eine adäquate
Vorstellung von der Albtraumhaftigkeit dieser Sitzungen zu
vermitteln», schrieb ein frustrierter britischer Delegierter.
11 In
Wirklichkeit hatte der Treuhandrat realisiert, dass man sich mit
Luftgeschäften abmühte. Ein vertraulicher britischer Bericht
über die Vorgänge vermerkte offenherzig: «Es war
unverkennbar, dass keines der Ratsmitglieder tatsächlich
glaubte, dass das Statut jemals zur Anwendung kommen werde:
Keines von ihnen zögerte, das auch im Privatgespräch zu
sagen.»
12
Unterdessen wurde ähnlich zwecklos diplomatische Energie
für die Berufung eines Gouverneurs für den künftigen Stadtstaat
-199-
aufgewendet. Obwohl es am Ende ein vergebliches Unterfangen
war, sind doch die diesbezüglich ausgetauschten Argumente von
historischem Interesse, weil dabei die ihnen zugrunde liegenden
Einstellungen und Voreingenommenheiten zutage treten. Man
war sich allgemein einig darüber, dass der Gouverneur kein
Christ zu sein brauchte, auch wenn gegen die etwaige
Ernennung eines Muslims oder eines Juden offensichtlich
Einwände bestanden. Ein Beamter des britischen
Commonwealth Relations Office verwies darauf, dass die
öffentliche Meinung in «Kanada, Australien und Neuseeland,
wo die Katholiken am stärksten vertreten sind, es für nicht
wünschenswert hielte, wenn die Heiligen Stätten der
Christenheit einem Ungläubigen unterstellt würden».
13 Ein
Sprecher der Griechisch-Orthodoxen drängte darauf, dass der
Gouverneur «nicht zu einer der Konfessionen gehören sollte, die
direkte Interessen hinsichtlich des Betriebs der Heiligen Stätten
haben». Der chinesische Delegierte Lin Chick sagte darauf: «Ich
nehme an, er möchte einen philosophischen Atheisten mit
Menschenfreundlichkeit.»
14
Verschiedene Kandidaten wurden in Betracht gezogen,
darunter der belgische Delegierte im UN-Rat P. Ryckmans, der
kanadische Generalmajor Henry Crerar und der Australier R. G.
Casey, der im Nahen Osten als Ministerresident amtiert hatte
und 1942-43 Mitglied des Kriegskabinetts gewesen war. Die
Briten erwogen, Sir William Fitzgerald zu nominieren, der in
Jerusalem besonders beliebt zu sein schien.
15 Das
Außenministerium war jedoch gegen die Berufung eines
britischen Staatsbürgers. Nun wies man darauf hin, dass
Fitzgerald ein Ire sei, aber trotzdem reagierte Bevin «sehr
unwillig» darauf, besorgt, dass die Russen etwas an ihm
auszusetzen haben könnten. Fitzgeralds Name verschwand
daraufhin von der Kandidatenliste.
16
Das Washingtoner State Department bestand anfangs darauf,
dass der Gouverneur von Jerusalem kein Amerikaner sein dürfe.
-200-
Robert McClintock, der im Amt für Besondere Politische
Angelegenheiten mit Palästina befasst war, meinte, «dass ein
amerikanischer Gouverneur nicht nur immensem politischen
Druck in den Vereinigten Staaten ausgesetzt wäre, sondern
auch, dass, wenn er aus dem Gouverneursamt entfernt würde...
die Russen einen plausiblen Vorwand dafür hätten, einen ihrer
Bürger für den Posten vorzuschlagen». Er fügte hinzu, das
amerikanische Außenministerium «könnte keinen russischen
Gouverneur für Jerusalem akzeptieren und wäre gegenüber der
Ernennung eines Gouverneurs aus einem Land unter
sowjetischem Einfluss höchst allergisch».
17 Ergebnislos zog sich
die Debatte über die Ernennung fast bis zum Ende des Mandats
hin.
Ein dritter Grund für das Misslingen der Internationalisierung
war die Politik der Briten. Bereits am 20. September 1947 - also
noch vor der Verabschiedung der Teilungsresolution - hatte das
britische Kabinett beschlossen, dass man in keiner Weise bei der
Teilung kooperieren und sich einfach aus Palästina zurückziehen
werde. Hauptziel war dabei, dem Makel - in den Augen der
Araber - zu entgehen, bei der Durchführung der Teilung
mitgeholfen zu haben. Seine geheime Absicht verfolgte zugleich
das exakte Gegenteil: Dabei behilflich zu sein, eine Aufteilung
Palästinas zwischen Zionisten und König Abdullah von
Transjordanien zu erleichtern, um die Entstehung eines
palästinensischen Staates unter Führung ihres größten
Schreckgespensts im Nahen Osten, des Mufti, auszuschließen.
Azcárates Schlussfolgerung, dass die Briten ein doppeltes Spiel
spielten, brachte die Sache auf den Punkt: «Unter der Tarnung
offizieller Zusicherungen, dass die Behörden ihren
Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten bis zum Ende des
Mandats nachkommen würden, leistete die britische Regierung
der fortschreitenden Übergabe von Macht und Verantwortung
von ihren eigenen Organen in Palästina auf arabische oder
jüdische Institutionen passive und zuweilen aktive Hilfe.»
18
-201-
In den Instruktionen für den britischen Repräsentanten im
Arbeitsausschuss des Treuhandrates hieß es zu Jerusalem, er
solle es «unterlassen, die Regierung Seiner Majestät... zu
verpflichten, aktiv an der künftigen Verwaltung von Jerusalem
teilzunehmen, den Teilungsplan auszuführen oder das Statut
durchzusetzen ». In Sitzungen der Palästina-Kommission vom
14. und 28. Januar hielt der oberste britische Vertreter bei den
Vereinten Nationen, Sir Alexander Cadogan, fest, dass die
britische Regierung es für unbedingt erforderlich ansehe, dass
sie, solange die Mandatsverwaltung besteht, die ungeteilte
Kontrolle über ganz Palästina behalten müsse. An dem
festgesetzten Tag - das heißt, am 15. Mai - wird sie ihre
Verantwortung für die Verwaltung Palästinas als Ganzes
aufgeben. Sie kann nicht darin einwilligen, sie stückweise
aufzugeben. Sie ist jedoch bereit, dem Eintreffen der
Kommission in Palästina kurz vor dem Ende des Mandats
zuzustimmen, damit es eine etwa vierzehntägige
Überschneidungszeit gibt, während der die Kommission ihre
Verantwortlichkeiten übernehmen kann.
19
Der Hochkommissar, Sir Alan Cunningham, sah zwar ein,
dass «ein Gouverneur ernannt und da sein sollte, wenn wir von
hier fortgehen... [und dass] in irgendeiner Form eine
Sicherheitstruppe existieren sollte», fand aber, «es wäre unklug,
den Gouverneur von Jerusalem früher ins Land zu lassen als die
Kommission selbst.»
20
Ein vierter Grund für das Scheitern der Vereinten Nationen
war die Abkehr der USA von der ins Auge gefassten Teilung.
Die Initiative dafür kam vom Politischen Planungsstab im State
Department, dem George Kennan vorstand. Auch die CIA
unterstützte den vorgeschlagenen Politikwechsel.
21 Öffentlich
bekannt wurde dies, als Senator Warren Austin am 19. März vor
dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen offenbarte, dass die
amerikanische Regierung das Teilungsvorhaben nicht mehr
-202-
unterstütze und nun der Meinung sei, dass in Palästina «eine
vorübergehende Treuhandverwaltung geschaffen werden
sollte».
22 Die heftigste Opposition gegen eine solche
Treuhandverwaltung kam von der Sowjetunion, deren Vertreter
im Sicherheitsrat, Andrej Gromyko, darauf bestand, die
Entscheidung zur Teilung sei «eine richtige..., weil sie den
fundamentalen nationalen Interessen sowohl der Juden als auch
der Araber entspreche». Er warf den Amerikanern vor, «die
Teilung zu blockieren».
23
Die amerikanische Kehrtwende rief auch den empörten
Protest der Zionisten hervor, die zur gleichen Zeit mit ihrem
eigenen diplomatischen Rückzug begannen. In Wirklichkeit gibt
es Indizien dafür, dass ihre eigenen Zweifel an dem ganzen
Konzept der Internationalisierung sehr viel weiter zurückgingen,
und dass sie, weit entfernt davon, den Gedanken eines auf Dauer
aus dem jüdischen Staat ausgeschlossenen Jerusalem für richtig
zu halten, das Corpus separatum vielmehr aus taktischen
Gründen akzeptierten. Zeev Sharef, der Israels erster
Kabinettssekretär wurde, erinnerte sich später, dass bereits im
Januar/Februar 1948 die zionistische Führung begonnen hatte,
die Internationalisierung nicht mehr als verbindlich zu
betrachten.
24 Bei einer Rede vor dem UN-Sicherheitsrat ließ
Mosche Schertok am 1. April 1948 durchblicken, dass sich die
Zionisten nicht auf immer und ewig an die Internationalisierung
Jerusalems gebunden fühlten:
Aus Rücksicht auf einen überwältigenden Konsens in der
Weltmeinung hat die Jewish Agency den Gedanken einer
internationalen Verwaltung für Jerusalem akzeptiert... Falls die
internationale Verwaltung nicht unverzüglich zustande kommt,
wird es für die Juden bald zu einer Frage der elementaren
Selbsterhaltung werden, ihr Äußerstes zu tun - vielleicht ihr
verzweifelt Äußerstes -, sogar allein und ohne Hilfe, um
Jerusalem vor einer monströsen Tyrannei zu retten.
25
-203-
Richard Graves hatte einige Monate davor eine ähnliche
Ansicht in seinen Tagebuchaufzeichnungen kundgetan. «Falls es
zu irgendeinem Zeitpunkt zu einem Vakuum kommt (vor dem
unsere Regierung, anders als die Natur, keine Angst zu haben
scheint), wird es einen Bürgerkrieg mit viel Blutvergießen und
allgemeiner Anarchie geben.»
26
Während das Gerangel weiterging, wurde in letzter Minute
versucht, die Zustimmung zum Statut für den vorgesehenen
Stadtstaat zu erreichen und eine internationale Truppe
aufzustellen, um darin für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Am 8.
März fragte der französische Delegierte den Treuhandrat, ob die
Palästina-Kommission «Schritte unternehmen würde, um das
Inkrafttreten des Statuts zu beschleunigen». Die Polizei «müsste
organisiert sein, bevor der Gouverneur sein Amt antritt»,
antwortete er darauf und fügte dann prophetisch hinzu, dass die
Sache bald geregelt werden müsse, denn «bei der nächsten
Sitzung im Juni wäre es zu spät... Es sei nämlich zu befürchten,
dass der Abzug der britischen Truppen eine Zeit chaotischer
Verhältnisse in Palästina zur Folge haben werde».
27 Zwei Tage
darauf fasste der Rat endlich den Beschluss, dass das Statut
«nun in einer zufriedenstellenden Form» verfasst sei und dass
«die Frage seiner formellen Bestätigung zusammen mit der
Ernennung eines Gouverneurs der Stadt... nicht später als eine
Woche vor dem 27. April» auf die Tagesordnung kommen
werde. Diese weitere sechswöchige Vertagung spiegelte die
Vorherrschaft der USA im Hinblick auf die Tätigkeit des Rats
und die wachsende Unzufriedenheit der amerikanischen
Regierung mit der Teilungsidee wider.
28 Auch die letzte
verbliebene Aussicht auf die Durchführung der
Internationalisierung Jerusalems wurde durch diese
Verzögerung zunichte gemacht.
-204-
Die spontane Teilung
Inzwischen teilte sich Jerusalem rasch in zwei bewaffnete
Lager. Den britischen Beamten in Jerusalem scheint nicht recht
klar gewesen zu sein, was eigentlich auf sie zukam. Einerseits
hinderten sie die UN-Palästina-Kommission daran, die Kontrolle
zu übernehmen; andererseits wollten sie bis kurz vor dem Ende
des Mandats nicht glaub en, dass die Stadt geteilt würde. Am 29.
Januar schrieb Sir Alan Cunningham, die Politische Abteilung
der Jewish Agency habe ihm mitgeteilt, «dass sie keinen
Versuch unternehmen würden, in Jerusalem eine Verwaltung
einzurichten». Zugleich war er der Auffassung, die Araber
hätten keine «Offensivaktionen gegen Juden in der Stadt» vor.
«Es ist höchst unwahrscheinlich», ließ er das Londoner
Kolonialamt wissen, «dass König Abdullah versucht, die
Husseini-Hochburg in der Stadt einzunehmen oder seiner
Kontrolle zu unterstellen.» Andererseits unternahmen die Briten
in den letzten Wochen ihres Mandats eine Reihe von Schritten,
um die Teilung von Jerusalem zu erleichtern. Die
Sicherheitszone A der britischen Armee, die die Deutsche
Kolonie, die Griechische Kolonie und Katamon umfasste, wurde
stillschweigend der arabischen Kontrolle überstellt (auch wenn
die Juden später diese Distrikte eroberten); die Sicherheitszone
D rings um das Schnellersche Waisenhaus im Nordwesten der
Stadt überließ man ohne Widerstand der Kontrolle der Juden.
Die Briten zogen sich in die zentrale Sicherheitszone zurück.
Die jüdischen Streitkräfte errichteten Straßensperren, und
britische Armee- und Polizeifahrzeuge, die in von Juden
gehaltene Bereiche der Stadt wollten, wurden angehalten und
durchsucht; manchmal wurde ihnen auch der Zutritt verwehrt.
Am 6. März berichtete ein britischer Zeitungskorrespondent:
«Nirgends treten die Ergebnisse der spontanen Teilung
-205-
deutlicher zutage als in Jerusalem. Infolge von Einschüchterung,
offenen oder verstohlenen Kämpfen und zuweilen auch durch
einen vernünftigen Tausch ihrer Häuser haben sich hier
arabische und jüdische Einwohner selbst auf getrennte Blocks
verteilt, mit teilweise verlassenem Niemandsland
dazwischen.»
29
Das Geschehen vor Ort lief inzwischen zu schnell ab, als dass
es von Diplomaten oder Vertretern der Obrigkeit noch hätte
gesteuert werden können. «Das normale Leben in der Stadt,
Handel, gesellschaftliche und geschäftliche Kommunikation und
Verbindungen haben praktisch zu existieren aufgehört», schrieb
der Distriktskommissar J. H. H. Pollock am 20. März. Jüdische
paramilitärische Einheiten hatten mittlerweile die jüdischen
Wohnbezirke voll unter ihre Kontrolle gebracht, und bewaffnete
Araber kontrollierten das Jaffa-, Damaskus- und St. Stephanstor
in die Altstadt. Einige Abteilungen der Regierung wurden «in
jüdische und arabische Büros aufgeteilt, damit die Öffentlichkeit
leichteren Zugang zu ihnen hatte».
30
Unterdessen wurde das jüdische Jerusalem von arabischen
Streitkräften belagert. Seine Versorgungsrouten auf der Straße
oder Schiene hinab zur Küste waren seit Februar blockiert, und
die Wasserversorgung gefährdet. Am 2. April schlug die
Haganah mit ihrer Operation Nachschon los, um die
Straßenverbindung nach Tel Aviv wieder zu öffnen und die
belagerte jüdische Bevölkerung mit Nachschub zu versorgen. In
dieser Nacht stürmte eine Kompanie der Palmach (einer
Elitetruppe der Haganah) das Dorf Qastal, das auf einem Hügel
am westlichen Zugang zu Jerusalem lag. Nach einem
Gegenangriff wurde Abd al-Qader al-Husayni, der Kommandeur
der arabischen Kräfte in diesem Gebiet, getötet.
31 Er wurde auf
dem Haram nahe dem Grab seines Vaters, des früheren
Jerusalemer Bürgermeisters Musa Qasem Pascha al-Husayni,
beigesetzt. Die Kämpfe zogen sich einige Tage hin, bis das Dorf
am 9. April endgültig von der Haganah erobert und dem
-206-
Erdboden gleichgemacht wurde. Dieser Sieg öffnete die Straße
zwischen Jerusalem und Tel Aviv wieder für den jüdischen
Verkehr. Zwischen dem 15. und 17. April schafften zwei
Lastwagenkonvois insgesamt 1500 Tonnen Lebensmittel nach
Jerusalem. Ein dritter Konvoi am 20. April wurde jedoch
überfallen und erlitt schwere Verluste. Danach war die Straße
bis zum Juni für Juden nur selten passierbar.
Die Teilung auf dem Gebiet der Verwaltung schritt weiter
voran; gleichzeitig wurden nun die militärischen Linien
ausgesteckt. Über mehrere Wochen hin versucht Graves, eine
halbformelle Trennung der städtischen Vermögensstücke und
Funktionen zu erreichen, wofür er die Unterstützung örtlicher
jüdischer und arabischer Politiker zu gewinnen versuchte. Am
25. April notierte er:
Die Regierung hat mich angewiesen, den neuen jüdischen
Stadtausschuss, der, mit Auster als Vorsitzendem, eingesetzt
wurde, um sich um das jüdische Gebiet zu kümmern - sozusagen
inoffiziell -, anzuerkennen. Momentan anstehende und
wahrscheinlich umzusetzende Vorkehrungen sind 1. die
Kommission zu einem Beschluss zu bewegen, der die
Zeichnungsbefugnis auf unserer Seite dem Schatzmeister und
dem betreffenden amtierenden Abteilungsleiter und auf der
Zweigstelle Auster und Boury erteilt; 2. alle wichtigen Archive,
Eigentumsurkunden, Stadtplanungsakten etc. sicher
unterzubringen, am besten in einem Kloster; 3. zwischen den
beiden Ämtern alle Bargeldbestände aufzuteilen, die nach
Auszahlung der Löhne für Mai und Juni übrig bleiben... 4. die
Wasserregelungen so zu belassen, wie sie sind, und zu hoffen,
dass sich niemand an der Versorgung vergreift.
32
Die städtischen Finanzen wurden in zwei Hälften geteilt.
Anfang Mai wurde Daniel Auster ein Scheck über 30000
-207-
palästinensische Pfund zugunsten des jüdischen Teils der Stadt
ausgestellt; er reichte ihn sofort bei der Anglo-Palestine Bank
ein. Kurz darauf wurde ein Scheck über 27500 Pfund (der Grund
für den unterschiedlichen Betrag ist nicht bekannt) Anton Safieh
als dem Repräsentanten des arabischen Teils ausgehändigt.
Unglücklicherweise hatte zu der Zeit, als der Scheck ausgestellt
wurde, keine Bank geöffnet, weshalb Safieh den Scheck in
einem Safe in der Stadtverwaltung deponierte. Später wurde das
Gebäude im Verlauf der Kämpfe beschädigt, und als Safieh
Ende Juni unter freiem Geleit der Vereinten Nationen
wiederkam, waren Scheck und Safe verschwunden.
33 Ein Teil
des Geldes scheint jedoch später die arabische Stadtverwaltung
auf dem Weg über die Barclays Bank in Zypern doch erreicht zu
haben.
34
Nachdem Richard Graves knapp einer Schießerei entkommen
war, verließ er am 28. April das Land. Als er nach Norden in
Richtung Ramallah fuhr, begegnete er Brigadekommandeur
John Glubb mit einer Einheit der Arabischen Legion. «Man
konnte nicht verhehlen, dass seine Position als britischer
Offizier und Befehlshaber einer arabischen Streitmacht, die sich
in einem Krieg gegen die Juden befand, den man weder heiß
noch kalt nennen konnte, ziemlich zwiespältig war.»
35 Zu dieser
Zeit hatte sich die Stadtverwaltung ganz aufgelöst, und die Stadt
befand sich im Zustand des offenen Krieges. Irakische Truppen
hatten die Jerusalemer Wasserversorgungsstation in Ras al-Ain
besetzt. Die Luftpost aus Jerusalem funktionierte nicht mehr,
und die Haupttelefonleitungen taten es nur noch zeitweilig.
Zwei blutige Vorfälle markierten die Eskalation der Gewalt
und beeinflussten auf Dauer die Einstellungen von Arabern und
Juden. Am 9. April drang eine Einheit der
Untergrundorganisation Irgun Zwai Leumi in das ein wenig
westlich von Jerusalem gelegene Dorf Deir Jassin ein und
massakrierte mindestens 100 Araber (zeitgenössischen
Berichten zufolge gab es bis zu 250 Opfer), darunter viele
-208-
Zivilisten, auch Frauen und Kinder. Der Vorfall fand ein breites
Medienecho und hatte zur Folge, dass eine Welle der Panik und
Entmutigung das arabische Palästina erfasste. Viele der noch in
gemischten Wohngebieten Jerusalems lebenden Araber flohen.
Vier Tage später rächten sich die Araber: Sie überfielen einen
Konvoi von Ärzten und Krankenschwestern, der zum Hadassa-
Hospital auf dem Skopusberg unterwegs war, und töteten
siebenundsiebzig Menschen. Danach folgten scharfe Vorwürfe
von jüdischer Seite, dass in der Nähe befindliche britische
Militäreinheiten nicht effektiv eingegriffen hätten.
Hochkommissar und Armee wiesen die Beschwerden zurück
und schrieben die Todesfälle der «selbstmörderischen Haltung
der jüdischen Fahrzeuginsassen» zu, die von einem britischen
Offizier gedrängt worden seien, in einen gepanzerten britischen
Transporter umzusteigen, der in der Nähe angehalten hatte,
«aber nicht überredet werden konnten, die wenigen Meter
zwischen den Fahrzeugen zurückzulegen».
36 Später gab ein
britischer Beamter folgenden Kommentar dazu ab: «Die
Militärbehörden in Palästina waren über den unbeherrschten
Ausbruch jüdischen Selbstmitleids anlässlich dieses Desasters
sehr verärgert. Viel mehr Menschen wären gerettet worden,
hätten sie über das Minimum an Entschlusskraft verfügt, die
nötig war, um sich Major Churchills tapfere Aktion zunutze zu
machen.»
37
Diese schockierenden Ereignisse zeigten, dass die Briten in
Palästina keine Autorität mehr hatten. Juden und Araber
verließen sich inzwischen für ihre Sicherheit auf ihre eigenen
Ressourcen. Es gab jedoch einen deutlichen Unterschied
zwischen dem Grad des Vorbereitetseins auf beiden Seiten. In
der letzten Aprilwoche schätzten die Briten die Zahl der in
Jerusalem mobilisierten Juden auf 7000 Mann. Im Gegensatz
dazu war die arabische Seite in Jerusalem wie überhaupt in
Palästina militärisch desorganisiert. Der Hochkommissar
berichtete, dass die «Araber in Jerusalem entweder unter gar
-209-
keiner Kontrolle sind oder den Befehlen einer Reihe irakischer
und syrischer Militärs folgen. Die Aktivitäten des Hohen
Arabischen Komitees, von dem nur ein effektives Mitglied hier
ist, sowie des örtlichen arabischen Nationalkomitees sind völlig
unkoordiniert.»
38
Das Blutvergießen veranlasste nun auch die Vereinten
Nationen zum Handeln. Am 16. April trat die Vollversammlung
zu einer Sondersitzung zusammen, um über die Palästina-Frage
zu beraten. Man beschloss, eine Waffenstillstandskommission
einzusetzen, die aus den «Konsularbeamten derjenigen
Mitglieder des Sicherheitsrates bestehen sollte, die über
Vertreter in Jerusalem verfügten». Die vier in Frage kommenden
Staaten waren Belgien, Frankreich, Syrien und die Vereinigten
Staaten, aber der syrische Vertreter im Sicherheitsrat ließ
durchblicken, dass sein Land nicht auf einer Teilnahme bestehen
werde.
39 Die drei verbleibenden Konsuln - Jean Nieuwenhuys
(Belgien), René Neuville (Frankreich) und Thomas Wasson
(USA) - wurden angewiesen, einen Waffenstillstand in
Jerusalem herbeizuführen. Azcárate, dessen Rolle als
Vorsitzender der «Vorhut» der UN-Palästina-Kommission
offenkundig völlig sinnlos war, wurde zum Sekretär der
Waffenstillstandskommission ernannt. Die Konsuln gingen mit
Mut und Verantwortungsbewusstsein an ihre Aufgabe. Ständig
wurden sie von allen Seiten beschossen, und der Vorsitzende
Nieuwenhuys büßte auf der Fahrt von oder zu seiner Residenz in
Talbieh seine beiden Privatwagen ein. Diese letzte Erinnerung
an die einst große Zeit konsularischer Autorität in der Stadt
brachte kein Ende der Kämpfe zuwege und sollte ein tragisches
Ende finden.
Ebenfalls am 16. April beschloss die Palästina-Kommission,
unverzüglich eine Polizeitruppe für Jerusalem aufzustellen, als
deren Kern man «ungefähr zweihundert britische Angehörige
der bestehenden Palestine Police Force verwenden wollte, die
zugesagt hatten, in den Dienst eintreten zu wollen».
40 Aber die
-210-
Kämpfe in Jerusalem waren mittlerweile so heftig, dass eine
derart kleine Polizeitruppe zur Wiederherstellung des Friedens
ungeeignet war. Der Hochkommissar berichtete, es hätten sich
nicht zweihundert, sondern fünfzig Freiwillige gemeldet - und
diese seien zumeist «jung und unerfahren». Die meisten
Mitglieder des bestehenden britischen Polizeikorps hätten
ohnehin inzwischen «andere Pläne».
41 Kurz darauf - im UNHauptquartier
herrschte ein heilloses Durcheinander - erhielt die
Kommission die Anweisung, ihre Bemühungen um die
Rekrutierung einer Polizeitruppe auszusetzen.
42
Am 21. April, nur mehr acht Tage vor Ablauf der von der
Generalversammlung im November 1947 beschlossenen
Fünfmonatsfrist, stimmte der Treuhandausschuss endgültig dem
Verfassungsstatut für Jerusalem zu. Die Araber wollten immer
noch nichts damit zu tun haben, aber auch die Zionisten waren
nicht in jeder Beziehung davon angetan. Der aus ihrer Sicht
gewichtigste Mangel des Statuts war, dass darin ein Legislativrat
vorgesehen war, der aus achtzehn Juden, achtzehn Arabern und
vier «anderen» bestehen sollte. Bei diesen würde es sich -
infolge der Hartnäckigkeit des französischen Delegierten fast
zweifellos um Christen handeln. Die Juden würden somit in der
Legislative ständig in der Minderheit sein. Die für die Zionisten
noch verbliebene Verbindlichkeit der Internationalisierung
Jerusalems schwand noch mehr dahin.
Fünf Tage darauf gab die Generalversammlung dem
Treuhandrat den Auftrag, einen Plan für den Schutz Jerusalems
und seiner Einwohner auszuarbeiten, aber es war klar, dass man
auf internationaler Basis nicht willens war, die dafür nötigen
Truppen bereitzustellen. Nach einer geheim gehaltenen
Einschätzung vom selben Tag durch General Silverthorn vom
US-Marine Corps waren nicht weniger als 33000 Mann nötig,
um die Sicherheit zu garantieren.
43 Am 27. April wies der
französische Delegierte Garreau in einer eloquenten Rede darauf
hin, dass Jerusalem sich «in einem Zustand des Chaos» befinde
-211-
und seine Bevölkerung Gefahr laufe «zum Teil vernichtet zu
werden». Er schlug die sofortige Entsendung eines UNBeauftragten
vor mit der Vollmacht, eine zumindest
«symbolische Truppe von tausend Mann» aufzustellen.
44
Vertreter der palästinensischen Araber und der Zionisten wurden
aufgefordert, hierzu Stellung zu beziehen. Jamal al-Husayni, ein
Neffe des Mufti, erklärte stellvertretend für das Hohe Arabische
Komitee, dass die Araber gegen die Entsendung ausländischer
Truppen oder Polizisten nach Palästina seien. Wenn man
dennoch, entgegen ihren Wünschen, eine solche Truppe
entsende, werde man sich ihr nicht widersetzen, aber auch in
keiner Weise mit ihr zusammenarbeiten, da sie nach ihrer
Meinung letztendlich dazu benutzt werden würde, dem Land die
Teilung aufzunötigen. Schertok, der für die Zionisten sprach,
stimmte dem Vorschlag unter der Bedingung zu, dass die
Truppe nicht nur die Sicherheit in Jerusalem aufrechterhalten,
sondern auch die Zugangswege zur Stadt schützen werde. Und
er fügte hinzu, dass mehrere Tausend Soldaten benötigt würden
statt einer kleinen Polizeitruppe. Am 29. April gab der britische
Delegierte bekannt, dass sich die Lage in Jerusalem «in den
letzten Tagen sehr rapide verschlechtert habe. Die effektive
Macht der Regierung sei praktisch am Ende ». Nach weiterer
Debatte ging der Rat ohne Beschluss auseinander.
45
Am 30. April schlugen die Vereinigten Staaten eine
«provisorische» Treuhandverwaltung nur für das Stadtgebiet
von Jerusalem vor. Der amerikanische Vertreter im UNTreuhandrat
erklärte, dass diese Abmachung «natürlich in den
Treuhandplan für Palästina als Ganzes eingegliedert würde,
wenn die Vollversammlung einen solchen Plan befürwortet».
46
Jamal al-Husayni lehnte den amerikanischen Vorschlag ab, weil
er zwangsläufig «Palästina dem Teilungsvorhaben näher
bringe». Schertok sagte, die Jewish Age ncy akzeptiere «den
Grundsatz einer internationalen Regelung für Jerusalem, sei aber
gegen die Treuhandverwaltung irgendeines Teils von Palästina,
-212-
in dem das jüdische Volk wichtige Interessen habe». Die
Sowjetunion opponierte vehement gegen die
Treuhandverwaltung, sowohl hinsichtlich Jerusalems als auch
ganz Palästinas.
47 Die amerikanische Diplomatie trommelte
noch bis zum 14. Mai für ihre geplante Treuhandverwaltung,
fand aber nicht die dafür notwendige Unterstützung.
Am 6. Mai stimmte die Vollversammlung mit dem
Einverständnis der arabischen und zionistischen Vertreter der
Ernennung eines «Speziellen Städtischen Kommissars» zu, der
die Funktionen des amtierenden Bürgermeisters übernehmen
solle, die zuvor von Richard Graves ausgeübt worden waren.
Man betrachtete dies jedoch als eine rein städtische Ernennung,
anders als die des im Jerusalem-Statut vorgesehenen
Gouverneurs. Am 11. Mai bevollmächtigte ein Erlass über die
Stadtverwaltung den Hochkommissar zur Berufung eines
derartigen Kommissars «zur Weiterführung der städtischen
Regierung in Jerusalem».
48 Der zu Ernennende solle über
«absolute Ermessensfreiheit» und nahezu unbegrenzte
Kompetenzen verfügen, auch wenn seine Zuständigkeit nur
innerhalb der Stadtgrenzen und nicht im weiteren, für den Staat
Jerusalem vorgesehenen Areal des Corpus separatum galt.
Für den Posten hatte man sich auf Percy C. Clarke, den
Generaldirektor der Barclays Bank in Jerusalem, geeinigt, aber
dem fehlte dazu der Mumm. Daraufhin fiel die Wahl auf Harold
Evans, einen Anwalt aus Philadelphia. In der Hast der
Selbstauflösung der Mandatsregierung versäumte es jedoch der
Hochkommissar, vor seiner Abreise aus Jerusalem den
Berufenen in aller Form zu ernennen.
49 In rechtlicher Hinsicht
war dessen Ernennung also eine dubiose Angelegenheit, aber in
einer öffentlichen Erklärung wurde das Gegenteil behauptet.
50
Evans, der ein Quäker war, hatte aber ohnehin schon verkündet,
dass er keine militärische Eskorte akzeptieren und sein Amt erst
antreten werde, wenn in Jerusalem wieder Friede herrsche. In
optimistischer Stimmung begab er sich am 23. Mai nach Kairo,
-213-
um dort diese glückliche Wendung der Dinge abzuwarten.
Evans warf dann doch seine Skrupel über Bord und fuhr im Juni
auf Besuch nach Jerusalem. Als ihn das, was er vor Ort sah, von
einem bevorstehenden Frieden nicht überzeugen konnte,
verkündete er seinen Rücktritt, blieb allerdings bis Februar 1949
weiterhin auf der Gehaltsliste der Vereinten Nationen - «ein
vorübergehendes, peinlich berührtes Phantom», wie ihn der
britische UN-Delegierte Cadogan nannte.
51
Wiederholte Bemühungen seitens der Vereinten Nationen und
auch des Hochkommissars, in Jerusalem das Feuer einzustellen,
führten zu keinem Erfolg. Dann versuchte es das Internationale
Rote Kreuz, dessen Delegierter Jacques de Reynier forderte, aus
Jerusalem eine «Rote-Kreuz-Stadt» zu machen. Die
Waffenstillstandskommission der Konsuln hielte die Idee für
«zu vage», erörterte sie aber dennoch am 9. Mai bei einem
Treffen mit dem Hochkommissar. Der französische
Generalkonsul Neuville «wies darauf hin, dass, wenn der
Vorschlag des Roten Kreuzes angenommen und sich nicht
innerhalb weniger Tage als wirksam herausstellen würde, was
nach seiner Meinung geschehen werde, die Engländer dann
nicht mehr da wären und die Kämpfe von neuem beginnen
würden». Mit allem Nachdruck «betonte er die Wichtigkeit des
Zeitverlusts, sechs Tage, bevor das Mandat abliefe». Aber der
Hochkommissar gab ihm in einem absurden letzten Ausbruch
von starrsinniger Realitätsferne einfach nur zur Antwort, «dass
er bis zum 15. Mai die Kompetenz und die Macht habe, um die
Entscheidung zu treffen, die ihm als die beste erscheine».
52 Als
der Plan des Roten Kreuzes drei Tage später dem Sicherheitsrat
mitgeteilt wurde, lehnte ihn Gromyko höhnisch ab:
Wer hat je die Verwaltung einer Stadt oder eines Landes dem
Roten Kreuz anvertraut? Keiner wäre je auf eine solche Idee
gekommen. Und doch haben wir einen Vorschlag vor uns, das
Rote Kreuz zum Herrn von Jerusalem zu machen. Unnötig zu
-214-
sagen, dass dies offensichtlich darauf hinausliefe, zwei oder drei
Länder [Gromyko meinte offenbar die Westmächte] zu Herren
zu machen, die das Rote Kreuz als ihr Instrument benutzen
würden, um in Jerusalem das von ihnen als notwendig erachtete
Regime zu etablieren.
53
Reynier setzte seine gut gemeinten Aktivitäten in Jerusalem
zwar fort, aber ohne besonderen Erfolg.
Am 14. Mai verließ um acht Uhr morgens Sir Alan
Cunningham seinen Regierungssitz zum letzten Mal. Sein
Abgang war das traurige Gegenbild zur Würde des Einzugs des
ersten Hochkommissars, Sir Herbert Samuel, im Jahre 1920.
Cunningham inspizierte eine Ehrengarde, dann wurde die
britische Fahne auf dem Gebäude eingezogen und durch die
Flagge des Roten Kreuzes ersetzt. Ein paar Tage später nutzte
eine Gruppe von Beduinen den Abzug der Wachen von dem
Gelände und schlug dort mit ihren Kamelen ihr Lager auf.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Mächten hinterließ
Großbritannien keinen Konsul in Jerusalem, weil dieser
während der Mandatszeit selbstverständlich nicht nötig gewesen
war. Zu Ende des Mandats stellte man fest, dass es angeraten
sei, auch einen Repräsentanten der britischen Regierung in der
Stadt zu haben. Sir Hugh Dow war zum Generalkonsul
designiert, aber noch nicht formell ernannt worden, «um nicht in
irgendeiner Hinsicht die Situation de facto oder de iure zu
präjudizieren».
54 Im letzten Moment war der Hochkommissar
ermächtigt worden, die Schaffung eines Konsulats zu verkünden
und sich selbst zum Konsul zu etablieren.
55 Man darf noch einen
weiteren Grund für diese seltsame diplomatische
Abschiedsvorstellung unterstellen: Die Errichtung eines
Konsulats sorgte für eine Tarnung für die fortdauernde britische
Geheimdiensttätigkeit in Jerusalem.
Es war darum durchaus angemessen, dass Cunninghams letzte
-215-
Schritte in Jerusalem vom frisch eingesetzten Vizekonsul Nigel
Clive genau verfolgt wurden. Der kletterte aufs Dach des
Konsulats, um zu sehen, wie die kleine Prozession des
Hochkommissars den St. Ludwigsweg hinunterkroch, am
Damaskustor links auf die Straße nach Ramallah abbog und
dann Richtung Haifa weiterfuhr... Sein Wagen, dem ein kleiner
Panzerwagen vorausfuhr, war um etwa 8.30 Uhr außer Sicht. Ich
denke, sein früher Start muss vergleichsweise geheim gehalten
worden sein, weil jenseits des Damaskustors sich nicht mehr als
zwanzig Araber aufgehalten haben können, wovon eine
Handvoll kindisch in die Hände klatschte und einer salutierte.
Dieser Salut wurde erwidert. Auf diese Weise verließ der siebte
und letzte Hochkommissar Jerusalem... Ich fand, dass eine
Abreise in irgendeiner Art Sturm oder Feuergefecht ein
passenderes Ende seiner Amtszeit gewesen wäre. Aber es wurde
nur drei- oder viermal geklatscht, als er wegfuhr. Und das auch
nicht stürmisch, sondern eher gequält.
56
Der abgereiste Hochkommissar blieb bis zum 24. Mai eine
Art abwesender Konsul in partibus; dann wurde Dows Stellung
formalisiert.
-216-
Ein militärisch-diplomatisches
Täuschungsmanöver
Noch bevor der Hochkommissar palästinensischen Boden
verlassen hatte, ergriffen die Zionisten die Initiative und riefen
am Nachmittag des 14. Mai in einer Zeremonie in Tel Aviv die
Gründung des Staates Israel aus. David Ben Gurion wurde als
Ministerpräsident der provisorischen Regierung vereidigt, und
Mosche Schertok wurde Außenminister. In der
Unabhängigkeitserklärung wurde Jerusalem nicht erwähnt, und
für den neuen Staat wurde auch keine Hauptstadt bestimmt. Eine
spätere Verlautbarung des Repräsentanten der Jewish Agency
bei den Vereinten Nationen ließ erkennen, dass Tel Aviv der
Regierungssitz sein würde.
Die Jerusalempolitik der israelischen Regierung war zum Teil
von der Furcht vor der «Saat der Spaltung» von Jerusalemer
Juden bestimmt, die sich der Autorität der Führung der
Hauptströmung innerhalb der zionistischen Bewegung
widersetzten.
57 Die Stadt war eine Hochburg der
paramilitärischen Organisationen Irgun Zwai Leumi und Lechi
(von den Briten Stern-Bande genannt). Darüber hinaus hatte die
antizionistische Agudat-Israel-Bewegung, die die Interessen der
ultraorthodoxen Bevölkerung vertrat, eine starke
Anhängerschaft in der Stadt. Jeder Versuch jüdischer
Minderheitengruppen, sich auf lokaler Ebene die Macht zu
verschaffen, wäre ein gewaltiger Propagandacoup gewesen und
hätte das Ansehen der Mehrheitszionisten untergraben. Darum
machten diese sich daran, die von Juden bewohnten Teile der
Stadt politisch und militärisch fest im Griff zu halten.
Die untereinander uneinigen und desorientierten
palästinensischen Araber erwiesen sich als unfähig, in dem
-217-
Gebiet Palästinas, das ihnen von den Vereinten Nationen für
einen arabischen Staat zugewiesen worden war, parallele
Aktionen durchzuführen. Erst am 30. September rief der Mufti
(oder «Ex-Mufti», wie ihn die Briten nannten) in dem von
Ägypten besetzten Gazastreifen die Schaffung einer
«gesamtpalästinensischen Regierung» aus. Völlig von Ägypten
abhängig und außerhalb der Zeltlager der Flüchtlinge im
Gazastreifen ohne jegliche Machtbefugnis, war sie eher eine
bemitleidenswerte Angelegenheit. Jerusalem wurde zur
Hauptstadt Palästinas erklärt, obwohl der Mufti keinen Fuß dort
hineinsetzen konnte. Selbst im Gazastreifen blieb die politische
Kontrolle fest in Händen der ägyptischen Militärregierung,
während die Verwaltung öffentlicher Dienstleistungen wie
Schul- und Gesundheitswesen der United Nations Relief and
Works Administration (UNRWA), dem Hilfswerk der Vereinten
Nationen für die Palästinaflüchtlinge, zufiel. Zwei Wochen nach
der ersten Erklärung der palästinensischen Unabhängigkeit
wurde der Mufti von den Ägyptern mit militärischer Eskorte
nach Kairo verbracht.
Unterdessen kämpften israelische und arabische Streitkräfte
um das Land - und um Jerusalem. Man schätzt, dass nach dem
14. Mai im Verlauf von drei Wochen 10000 Granaten in
Jerusalem abgefeuert wurden. In den ersten vier Wochen gab es
im israelischen Jerusalem 1738 Opfer (darunter 316 Tote),
vorwiegend Zivilisten; die arabischen Verluste waren mit
Sicherheit noch höher. Zu den von Granatfeuer getroffenen
Gebäuden gehörten auch das französische, griechische und
spanische Konsulat. Mitte Mai hatte die Haganah die meisten
jüdischen Gebiete der Neustadt unter ihrer Kontrolle und hielt
sich, wenn auch unsicher, im jüdischen Viertel der Altstadt. In
mehreren Fällen, so etwa in «Bevingrad», übergaben britische
Kommandeure Gebäude an jüdische Streitkräfte.
58 Am 18. Mai
nahmen Palmach-Anhänger den Zionsberg ein. Arabische Kräfte
kontrollierten den größten Teil der Altstadt und einige arabische
-218-
Bezirke der Neustadt, aber in mehreren Bereichen der Stadt
waren wilde Hauszu-Haus-Kämpfe im Gang.
Zwar hatten die allgemeinen Konturen eines geteilten
Jerusalem infolge der «spontanen Teilung» bereits Gestalt
angenommen, aber der genaue Verlauf der Trennungslinie
wurde erst jetzt in Kämpfen zwischen regulären Streitkräften
ausgefochten. Man fragt sich, warum diese schweren Kämpfe in
Jerusalem weitergingen, da doch sowohl die Zionisten als auch
König Abdullah ursprünglich bereit waren, sich an den
Internationalisierungsplan der Vereinten Nationen für Jerusalem
zu halten, und zwischen ihnen auch grundsätzlich Einvernehmen
über die Aufteilung des restlichen Landes unter ihnen bestand.
Ein Grund dafür war der impulsive und in sich
widerspruchsvolle Charakter des Herrschers von
Transjordanien. Lebenslang trieb ihn der Ehrgeiz, auf dem
Thron von Großsyrien zu sitzen, von dem sein Bruder Faisal
1921 von den Franzosen auf rüde Weise vertrieben worden war.
Die Herrschaft über Palästina wäre ein Schritt in dieser
Richtung. In den zwanziger Jahren hatte er den Zionisten
angeboten, mit ihnen zusammenzuarbeiten, wenn sie ihn im
Gegenzug bei seinen Thronansprüchen unterstützten. Als sich
das Mandat in Trümmer auflöste, sah er endlich die Gelegenheit,
dem Mufti, seinem verhassten Feind, eins auszuwischen. Bei
zwei Besuchen in Jerusalem in den Jahren 1945 und 1946
bemühte sich Abdullah darum, seinen Einfluss unter örtlichen
Politikern, die gegen die Husaynis waren, zu festigen. Die
Briten, die auf den Mufti nicht besser zu sprechen waren, gaben
Abdullah diplomatischen Rückhalt und geheimdienstliche
Hilfestellung. Im März 1946 unterzeichneten sie mit ihm einen
Vertrag, in dem Transjordaniens Unabhängigkeit anerkannt
wurde, obwohl in der Realität der britische Einfluss in seinem
Land bis 1956 überragend blieb. Bei einem Treffen mit dem
transjordanischen Ministerpräsident Tawfiq Abdul Huda im
Januar 1948 in London billigte Außenminister Bevin die
-219-
Verlegung der Arabischen Legion in jenen Teil Palästinas, der
von den Vereinten Nationen einem arabischen Staat zugewiesen
worden war.
59 Zugleich unterzeichneten Großbritannien und
Transjordanien einen weiteren Vertrag, wonach London
weiterhin die Kosten für die Arabische Legion mit £ 2 Millionen
im Jahr plus £ 500000 für militärische Ausrüstung
subventionierte.
60
Das einzige Gebiet, über das Abdullah keinerlei
Verständigung erreicht hatte, weder mit den Briten noch mit den
Zionisten, war Jerusalem. Hier waren, wie auch anderswo,
bereits einige Einheiten der Arabischen Legion unter britischem
Kommando stationiert. Diese Truppe war die disziplinierteste
von allen arabischen Streitkräften und beteiligte sich im großen
und ganzen erst nach dem Ende des Mandats an den Kämpfen in
der Stadt. Schertok beklagte sich am 16. April gegenüber dem
Sicherheitsrat heftig darüber, dass die Arabische Legion, «die
heute einen integralen Bestandteil der britischen Streitkräfte in
Palästina ausmacht», «wichtige jüdische Zentren» besetzt halte.
Der britische Vertreter wiederholte daraufhin eine schon früher
geäußerte Versicherung, «dass die Einheiten der Arabischen
Legion in Palästina vor Ablauf des Mandats abgezogen werden
würden».
61 Eine Woche später meldete der ukrainische Vertreter
jedoch Zweifel an. Angesichts einer Verlautbarung, wonach
zusätzliche Kräfte der Legion nach Palästina verlegt würden,
fragte er Sir Alexander Cadogan: «Woran sollen wir denn nun
glauben: an seine offizielle, im Namen der Regierung des
Vereinigten Königreichs gemachte Aussage, oder an die
gegenteilige Aussage und an die Aktionen des Königs von
Transjordanien, der von den Briten bezahlt wird und ohne ihre
Erlaubnis weder einen Schritt tun noch eine politische
Entscheidung treffen kann?»
62 Cadogan hielt es für unter seiner
Würde, darauf zu antworten, aber die Arabische Legion spielte
bei der Aufteilung Jerusalems während der folgenden Wochen
eine entscheidende Rolle.
-220-
Abdullah schwankte unterdessen zwischen öffentlicher
Kriegswilligkeit und privaten Versuchen zur Festigung seines
Einvernehmens mit den Zionisten hin und her. Zwei Wochen
vor dem Ende der Mandatszeit schlug er vor, eine Streitmacht
nach Jerusalem zu führen, um unverzüglich die Heiligen Stätten
zu beschützen; auf Anraten des britischen Gesandten in Amman
zog er diese Drohung dann wieder zurück.
63 Am 13. Mai zog
Brigadegeneral Glubb («Glubb Pascha»), der britische
Oberbefehlshaber der Arabischen Legion, sämtliche Kräfte
seiner Truppe aus der Stadt ab, wie es Cadogan vor den
Vereinten Nationen versprochen hatte. In diesem Stadium
erweckte Glubb den Anschein, als hoffe er, eine Waffenruhe
zwischen den Juden und arabischen Freischärlern in der Stadt zu
erreichen. Am selben Tag informierte der oberste britische
Stabsoffizier in Jerusalem den Verbindungsoffizier der Haganah
offiziell davon, dass die Arabische Legion nicht mehr unter
britischem Kommando stehe.
64 Im UN-Sicherheitsrat las
Cadogan am 15. Mai ein Telegramm vor, das am Vortag um
18.43 Uhr Londoner Zeit vom Kriegsministerium abgesandt
worden war. Darin hieß es, dass «alle Kompanien der
Arabischen Legion mit Ausnahme von zwei Kompanien
Palästina bereits Richtung Transjordanien verlassen haben. Der
kommandierende General in Palästina hat heute morgen
telegraphiert, dass die beiden letzten Kompanien heute abziehen
werden.»
65
Diese britischen Aussagen waren formal korrekt, aber
praktisch gesehen war der Rückzug der Legion nicht mehr als
eine militärisch-diplomatische Pantomime. Glubbs Dienst als
britischer Offizier in der Arabischen Legion hörte mit dem Ende
des britischen Mandats auf. Von nun an hieß es, er und seine
sechsunddreißig britischen Offizierskameraden in der Legion
seien Söldner, die von der britischen Regierung keine Befehle
mehr annähmen. Formell gesehen war das nicht ganz falsch,
denn sechzehn von ihnen wurden direkt von den
-221-
Transjordaniern eingestellt; die restlichen wurden von den
britischen Streitkräften abkommandiert.
66 Aber es besteht kein
Zweifel darüber, dass Glubb sich auch weiterhin an die in
London, nicht etwa in Amman, formulierten politischen
Grundlinien hielt, und er sandte auch weiterhin seine Berichte
an das Londoner Kriegsministerium. Seine wirkliche Position
als getreuer Exekutor britischer Interessen änderte sich de facto
nicht. Der Abzug der Truppen der Arabischen Legion über den
Jordan war mehr ein diplomatisches Täuschungsmanöver als ein
militärischer Rückzug. Sobald das Mandat endete, kreuzte die
Arabische Legion den Jordan wieder in entgegengesetzter
Richtung, rechtlich gesehen jetzt als transjordanische und nicht
mehr britische Truppe.
In einem Telegramm an den UN-Generalsekretär erklärte
Abdullah, den königlichen Plural verwendend, am 16. Mai den
Vorgang wie folgt:
Wir waren gezwungen, Palästina zu betreten, um
unbewaffnete Araber vor Massakern ähnlich jenen von Deir
Jasin zu schützen. Wir sind uns unserer nationalen Pflicht
gegenüber Palästina im allgemeinen und Jerusalem im
besonderen sowie Nazareth und Bethlehem bewusst. Seien Sie
versichert, dass wir in Zusammenhang mit Juden in Palästina
sehr rücksichtsvoll sein werden, während wir zugleich das volle
Recht der Araber in Palästina verteidigen werden. Der
Zionismus hat auf unsere Angebote, die wir vor dem Einmarsch
unserer Streitkräfte gemacht haben, nicht geantwortet.
67
Der letzte Satz war eine Anspielung auf den ergebnislosen
Ausgang seiner letzten Kontaktaufnahme mit den Zionisten.
Am nächsten Tag ordnete Abdullah - über Glubbs Kopf
hinweg die Rückkehr der Legion nach Jerusalem an. Die
Entscheidung soll als Reaktion auf verzweifelte Botschaften von
-222-
Arabern aus der Stadt getroffen worden sein. In der Tat gab es
solche Hilferufe: «Wenn ihr uns nicht sofort rettet, wird
Jerusalem endgültig den Juden in die Hände fallen», lautete ein
solches Telegramm.
68 Dass die Briten wirklich etwas gegen die
Rückkehr der Arabischen Legion in die Stadt hatten, darf
bezweifelt werden. Ein weiteres Mal wollten die Briten
öffentlich keine Verantwortung für etwas übernehmen, das sie
sich insgeheim wünschten. Ein Befehl Glubbs, die Legion solle
nach Jerusalem zurückkehren, wäre möglicherweise als Vorgang
betrachtet worden, der die Briten in einen Angriffskrieg gegen
das für die Vereinten Nationen bestimmte Gebiet verwickelt
hätte. Darum gab man Abdullah die Gelegenheit, in den Augen
arabischer Nationalisten zu glänzen, indem er selbst den Befehl
dazu erteilte. Am 17. Mai um 11.30 Uhr erhielt Glubb den
königlichen Befehl, «aus Richtung Ramallah nach Jerusalem
vorzurücken».
69 Der behauptete später, aus militärischen
Gründen erhebliche Zweifel an der Durchführbarkeit des
Befehls gehabt zu haben, aber er folgte ihm, ohne viel Zeit zu
verlieren. Am folgenden Tag rückten Truppen der Arabischen
Legion in Jerusalem ein, wo es zu ernsthaften Feindseligkeiten
kam. Am Ende gelang es der Legion, den größten Teil der
Osthälfte Jerusalems einschließlich der Altstadt zu halten. Für
die Briten war es eine peinliche Lage, aber besonders
aufgebracht waren sie über diese Entwicklung nicht. Sir Alec
Kirkbride, der britische Gesandte in Amman, war zwar
angewiesen worden, Abdullah vor einem Angriff auf Jerusalem
zu warnen, aber die Instruktionen trafen - entweder absichtlich
oder infolge eines glücklichen Zufalls - zu spät ein, und danach
trat Kirkbride voller Genugtuung für den Befehl des Königs und
Glubbs Gehorsam ein.
Die Teilnahme britischer Offiziere am Krieg in Jerusalem
blieb für die britische Regierung ein problematischer Punkt. Am
25. Mai riehteten die USA ein formelles Ersuchen an London,
alle britischen Offiziere «von jeglicher Teilnahme an den
-223-
Jerusalemer Kämpfen» zurückzuziehen. Begleitet war die
Botschaft von besorgniserregenden Gerüchten im
Haushaltsausschuss des amerikanischen Senats, in dem damals
die Bedingungen für ein Darlehen an Großbritannien diskutiert
wurden. So erging denn eine förmliche Instruktion an Kirkbride,
«keine Mühe zu scheuen, um sicherzustellen, dass Abdullah alle
britischen Offiziere abzieht».
70 Am 27. Mai behauptete
Cadogan, an den Kämpfen in Jerusalem nähmen keine britischen
Offiziere teil.
71 Aber dies war nur ein weiterer Fall einer
diplomatischen suggestio falsi. In einer Miniaturversion der
schon einmal dargebotenen Pantomime wurden die britischen
Offiziere für achtundvierzig Stunden zurückbeordert, so dass
öffentlich bestritten werden konnte, dass sie in Jerusalem seien;
kaum war die Rede vorüber, kehrten sie wieder zu ihren
üblichen Aufgaben zurück.
72 Den zwanzig von der britischen
Armee abkommandierten Offizieren wurde befohlen, ihre
Teilnahme an den Kämpfen in Jerusalem am 30. Mai zu
beenden, aber die restlichen führten auch weiterhin ihre
Einheiten.
Glubb hatte die ganze Zeit den Oberbefehl über die Arabische
Legion, und sein Stellvertreter, Brigadekommandeur Norman
Lash, befehligte weiterhin die Jerusalemer Front. Ihr Hauptziel
war - und das stand im Einklang mit der Politik der britischen
Regierung -, die Übernahme der von den Vereinten Nationen für
einen arabischen Staat vorgesehenen Gebiete sowie, nach dem
17. Mai, der Altstadt und arabischen Gebiete des neuen
Jerusalem durch Transjordanien zu erleichtern.
-224-
Der Zusammenbruch des Corpus
separatum
Die Belagerung des jüdischen Viertels der Altstadt und der
vorwiegend jüdischen westlichen Bezirke der Neustadt dauerte
den ganzen Mai und setzte sich in den Juni hinein fort. Ein
geplanter Angriff auf die Hebräische Universität und das
Hadassa-Krankenhaus wurde jedoch von Abdullah am 24. Mai
storniert, nachdem Präsident Truman an die Briten appelliert
hatte, die Erhaltung dieser jüdischen Kulturinstitutionen zu
gewährleisten.
73 Am 27. und 28. Mai verließen die noch
verbliebenen Einwohner das jüdische Viertel in der Altstadt; das
Areal wurde den Arabern überlassen. In der jüdischen Neustadt
herrschte große Lebensmittel- und Wasserknappheit, und Ende
Mai berichtete der israelische Militärgouverneur, dass es
Vorräte nur noch für eine Woche gebe. Trotz gewagter Parolen
von einem «neuen Stalingrad» befürchtete man, dass die Stadt
nicht durchhalten könne, wenn die Verbindungsroute zur Küste
nicht wieder geöffnet würde.
Für die Zeit bis zum Eintreffen des städtischen Kommissars
Evans wurde Azcárate zu seinem Stellvertreter ernannt.
Azcárate, dessen Büro in dem von Juden kontrollierten Sektor
der Stadt lag, sicherte sich von der entstehenden jüdischen
Stadtverwaltung das Versprechen, dass man mit ihm
zusammenarbeiten werde. Schwieriger war es für ihn, Partner
auf arabischer Seite zu finden. Darum begab er sich mit dem
belgischen Generalkonsul zu Abdullah nach Amman. Der König
empfing sie in Reithosen und saloppem Sakko. Als Azcárate die
Frage der Versorgung Jerusalems mit Wasser ansprach, brauste
der König auf und sagte, solange die Juden gegen die Araber
kämpften, werde kein Tropfen Wasser nach Jerusalem
gelangen.
74 Ein paar Tage später machte sich Azcárate mit zwei
-225-
Führern und einem Esel auf den gefahrvollen Weg vom
israelisch in das arabisch kontrollierte Jerusalem. Als er im
Hauptquartier der Arabischen Legion ankam, teilte man ihm
mit, dass die Entscheidung gefallen sei, nicht mit der
Stadtverwaltungskommission der Vereinten Nationen zu
kooperieren. Außerstande, seine theoretische Zuständigkeit auch
in der Praxis durchzusetzen, wandte er sich mit einem Bericht an
Evans, der immer noch in Kairo seine Zeit absaß. Vivian (der
spätere Chaim) Herzog, der damals Verbindungsoffizier der
israelischen Armee zur UN-Waffenstillstandskommission war,
notierte am 21. Mai: «Bis jetzt hat sich Azcárate apathisch und
lethargisch aufgeführt und nicht einmal die Bürger davon
informiert, dass er der UN-Stadtverwaltungskommissar sei. In
der Tat war sich der Mann auf der Straße gar nicht bewusst, dass
es solch einen UN-Kommissar für Jerusalem überhaupt gab.»
75
Auch die konsularische Waffenstillstandskommission
erreichte nicht viel. Im Sicherheitsrat beschrieb Gromyko sie
zutreffend, wenn auch etwas uncharmant, als «machtlos,
impotent, absolut zahnlos».
76 Am 22. Mai ereilte die
Kommission ein tragischer Schicksalsschlag, als der
amerikanische Konsul Thomas Wasson auf dem Heimweg von
einer Sitzung im französischen Konsulat von einem
Heckenschützen tödlich verletzt wurde.
Inzwischen hatte in New York die Vollversammlung am 14.
Mai die wirkungslose Palästina-Kommission unter Vorsitz von
Lisicky wieder aufgelöst und die Ernennung eines Vermittlers
empfohlen. Für diese Position wurde Graf Folke Bernadotte, der
Präsident des schwedischen Roten Kreuzes, ausersehen. Der
Schwede, der während des Kriegs mit Himmler über die
Freilassung von KZ-Häftlingen verhandelt hatte, übernahm
seine neue Verantwortung am 21. Mai und machte sich als erstes
daran, eine Feuerpause auszuhandeln. Zunächst schienen die
Vorzeichen dafür nicht ganz aussichtslos. Eine vom
Sicherheitsrat am 29. Mai angeordnete vierwöchige Waffenruhe
-226-
trat am 11. Juni in Kraft. In Jerusalem wurde sie im Großen und
Ganzen von beiden Seiten eingehalten: Es gab 197 Beschwerden
wegen der Verstöße dagegen (39 seitens der Araber, 131 von
jüdischer Seite und 27 von UN-Beobachtern); zumeist waren es
«Fälle sporadischen und vereinzelten Gewehr- und
Granatfeuers», obwohl es auch «Versuche jeder der beiden
Seiten gab, ihre Position durch die Befestigung von Häusern und
strategischer Punkte, durch das Ziehen von Gräben und die
Errichtung von Barrieren» zu verbessern.
77 Zu Beginn der
Waffenruhe hielten die Israelis den Großteil der Neustadt, die
Arabische Legion die gesamte Altstadt sowie einige östlich
davon gelegene Teile der Stadt jenseits der Mauer. Die Araber
hielten auch die Jerusalemer Wasserquelle bei Ras al-Ain und
das Pumpwerk in Latrun unter Kontrolle. Entlang der Frontlinie
in der Stadt standen sich die feindlichen Kräfte oft sehr dicht
gegenüber, mancherorts auf den gegenüberliegenden Seiten
einer Straße. Die Waffenruhe rettete die von den Israelis
gehaltene Neustadt davor, ausgehungert zu werden. Die Öffnung
der in aller Hast gebauten «Burma-Straße» hinunter zur
Küstenebene ermöglichte es ihnen, im Juni Nachschub in die
Stadt zu schaffen und die Belagerung am Ende aufzubrechen.
Während der Waffenruhe gelang es am 16. Juni dem
belgischen Generalkonsul und Vorsitzenden der
Waffenstillstandskommission Jean Nieuwenhuys zusammen mit
dem Waffenstillstandsüberwacher Nils Brunsson, mit beiden
Seiten eine «Niemandsland-Vereinbarung» für Jerusalem
auszuhandeln. Dementsprechend «zog jede der beiden einander
gegenüberstehenden Parteien ihre Streitkräfte auf eine
vereinbarte Linie zurück, und zwischen den beiden Linien
wurde ein Niemandsland geschaffen, wozu die Häuser und
Gebäude innerhalb des Niemandslandes evakuiert wurden».
Diese Vereinbarung sollte langfristige Implikationen haben,
denn durch sie kristallisierten sich mehr oder weniger fest die
Teilungslinien in Jerusalem zwischen Israel und Jordanien für
-227-
die nächsten neunzehn Jahre heraus.
Unmittelbar vor dem Ablauf der Waffenruhe vermittelte
Oberst Brunsson noch ein zweites Abkommen. Am 7. Juli
verständigten sich israelische und arabische Kommandeure in
Jerusalem auf eine Entmilitarisierung des Skopusberges. Das
Gebiet wurde in drei Abschnitte unterteilt: eine jüdische Zone,
die das Hadassa-Krankenhaus und die Hebräische Universität
einschloss, eine arabische Zone sowie einen schmalen Streifen
Niemandsland. Das Augusta-Viktoria-Gebäude fand als von der
UNRWA verwaltetes Krankenhaus für arabische Flüchtlinge
endlich doch zu seiner Bestimmung. Arabische und israelische
«bewaffnete Polizei» sollten in ihrem jeweiligen Abschnitt unter
UN-Befehl Dienst tun.
78 Bernadotte versuchte, die Vereinigten
Staaten dazu zu bewegen, eine symbolische Truppe von 333
Soldaten zur Überwachung der Entmilitarisierung des Gebiets
zu entsenden, hatte aber keinen Erfolg damit.
79 Dennoch
übernahm er im Auftrag der Vereinten Nationen die
Verantwortung für die Sicherheit in der entmilitarisierten Zone,
trotz, wie er es ausdrückte, «der Knappheit von UN-Personal,
sie durchzusetzen». Die Vereinten Nationen verpflichteten sich,
auch für die Lebensmittel- und Wasserversorgung dieses
Gebiets zu sorgen.
Am 28. Juni legte Bernadotte seine eigenen Vorschläge für
eine langfristige Beilegung des Palästina-Konflikts vor. Er
schlug einige Veränderungen in der Teilungskarte der Vereinten
Nationen für Palästina vor und empfahl, die
Internationalisierung Jerusalems nicht weiter zu betreiben.
Stattdessen plädierte er für die «Einbeziehung der Stadt
Jerusalem in das arabische Territorium mit städtischer
Autonomie für die jüdische Gemeinde und speziellen
Vorkehrungen für den Schutz der Heiligen Stätten».
Wegen dieser Vorschläge wurde Bernadotte in der
israelischen Presse hart angegriffen, in der er einer
antiisraelischen Voreingenommenheit bezichtigt wurde.
-228-
Anhänger der extremistischen Lechi-Gruppe denunzierten ihn
ohne jegliche Zurückhaltung. Im UN-Sicherheitsrat beschuldigte
ihn Gromyko, sich nach dem britischen Foreign Office zu
richten. Einige dieser kritischen Einwände gingen jedoch an die
falsche Adresse. In Wirklichkeit war Bernadotte nicht der
Urheber dieser Vorschläge für Jerusalem. Zu Anfang hatte er
jedenfalls in Gesprächen mit seinen Mitarbeitern die
Internationalisierung bevorzugt. Die Urheber dieses neuen Plans
für Jerusalem waren in Wirklichkeit Bernadottes Assistenten
Ralph Bunche, John Reedman und Constantin Stavropoulos,
obwohl der Vermittler selbstverständlich die letzte
Verantwortung für seine «Anregungen» trug.
80
Sowohl Araber als auch Israelis lehnten die Vorschläge des
Vermittlers ab, auch wenn die winzige, zionistenfeindliche und
ultraorthodoxe jüdische Neturei Karta (Wächter der Stadt) in
Jerusalem ihre Zustimmung äußerte. Die Arabische Liga, die
1945 gegründete Vereinigung aller unabhä ngigen arabischen
Staaten, lehnte es ab, irgendetwas anderes als einen
einheitlichen Staat Palästina in Betracht zu ziehen. Israel hielt
einstweilen an der Resolution der Generalversammlung vom 29.
November 1947 fest und wandte sich besonders gegen die
Vorschläge des Vermittlers, die Einwanderung zu begrenzen
und Jerusalem dem arabischen Staat zuzuweisen. Für die
israelische Einstellung gegenüber dieser Stadt hatte die
Belagerung des jüdischen Jerusalem dauerhafte Auswirkungen.
Der Umstand, dass bereits am 30. Juni - noch vor dem
eigentlichen Zeitplan - die letzten Reste der in Palästina
verbliebenen britischen Truppen aus Haifa abzogen und sich
damit die Wahrscheinlichkeit einer britischen Intervention in
den Konflikt verringerte, stärkte noch die Entschlossenheit der
Israelis. In einem Brief, den er Bernadotte am 5. Juli
aushändigte, schrieb Schertok ganz unverhohlen, dass Israel sich
«nie mit der Auferlegung arabischer Herrschaft über Jerusalem
abfinden» und sich «jedweder derartiger Auferlegung mit aller
-229-
zur Verfügung stehenden Macht widersetzen» werde.
81 In seiner
Antwort vom nächsten Tag versuchte Bernadotte, seine Abkehr
vom ursprünglichen Teilungsplan der Vereinten Nationen zu
rechtfertigen: «Jerusalem liegt im Herzen dessen, was bei jeder
Teilung Palästinas arabisches Territorium sein muss. Der
Versuch, dieses Areal politisch und in anderer Hinsicht vom
umgebenden Territorium zu isolieren, wirft enorme
Schwierigkeiten auf... Arabische Herrschaft über legitime
jüdische oder andere nichtarabische Interessen in Jerusalem war
in den Vorschlägen nie beabsichtigt oder impliziert.»
Trotz der Zurückweisungen von beiden Seiten war Bernadotte
durch die beiden örtlichen Vereinbarungen ermutigt worden, die
in Jerusalem zustande gekommen waren. Da eine umfassendere
Vereinbarung noch ausstand, legte er Vorschläge für die
Entmilitarisierung der Stadt vor. Die Israelis gaben ein
verhaltenes Interesse zu erkennen. Der Hohe Arabische
Ausschuss lehnte von seinem Büro in Damaskus aus die
Entmilitarisierung mit der Begründung ab, sie tendiere dazu,
Jerusalems «arabischen und islamischen Charakter
auszulöschen, es von Palästina abzulösen und darin eine
internationale Verwaltung zu etablieren, um so das
Teilungsvorhaben umzusetzen. Im übrigen ist es unmöglich, die
Juden wirklich zu entwaffnen, wodurch die Heilige Stadt der
Besetzung durch sie ausgesetzt ist».
Am 8. Juli fand die Waffenruhe ein vorzeitiges Ende, und die
erbitterten Kämpfe begannen von neuem. Israel eroberte Lydda,
Ramallah und Nazareth; israelische Kräfte bekamen auch die
Jerusalemer Wasserquelle bei Ras al-Ain unter ihre Kontrolle,
scheiterten aber in einer entscheidenden Schlacht, auch die
Pumpstation bei Latrun zu erobern - sie wurde am 12. August
von den Arabern zerstört. In der Operation Kedem versuchten
die Israelis, in den Bezirk Scheich Jarrah und in die Altstadt
vorzudringen, aber erfolglos. Am 15. Juli ordnete der UNSicherheitsrat
eine Feuereinstellung an, die am 17. Juli um 5.45
-230-
Uhr in Jerusalem in Kraft trat - siebenunddreißig Stunden früher
als andernorts in Palästina. Dies war ein entscheidender
Augenblick. Wie der erste Waffenstillstand den Juden die
Kontrolle über die Neustadt gerettet hatte, so rettete der zweite
wahrscheinlich den Arabern die Kontrolle über die Altstadt. Die
Feindseligkeiten endeten bei nur leicht verändertem Verlauf der
Kampflinien innerhalb der Stadt. Die «Niemandsland-
Vereinbarung» lief aus, aber die über den Skopusberg blieb in
Kraft. Im August und Anfang September herrschte eine
gespannte Ruhe in der Stadt, durchbrochen nur, wie Bernadotte
schrieb, «von heftigem Feuer... fast jede Nacht». Obwohl die
Vereinten Nationen keine Truppen entsandten, um ihre
Entscheidungen zu Palästina durchzusetzen oder den
vorgesehenen Stadtstaat Jerusalem zu schützen, wurden doch
schließlich ein paar Militärbeobachter losgeschickt, die den
Vermittler und die konsularische Waffenstillstandskommission
unterstützen sollten. Am 1. August wurden zehn solche
Beobachter in Jerusalem stationiert; bis zum 8. September war
ihre Zahl auf neunundsiebzig angewachsen.
82 Es waren zumeist
Amerikaner, Franzosen und Belgier - Personen derselben
Nationalitäten also, denen auch die drei Konsuln angehörten, die
mithelfen sollten, den Waffenstillstand einzuhalten. Ihr erster
Kommandeur war Generalmajor Age Lundström von der
schwedischen Luftwaffe. Er hatte dieses Amt aber nur sieben
Wochen lang inne und wurde im September von General
William Riley vom US-Marine Corps ersetzt. Am 30.
September übernahmen die Vereinten Nationen die «Rotes-
Kreuz-Zone», die Reynier um den ehemaligen Sitz der
Mandatsverwaltung, das sogenannte Government House,
eingerichtet hatte. Das Gebiet war teilweise von ägyptischen
Soldaten besetzt gewesen und am 17. August von den Israelis,
die den Waffenstillstand brachen, angegriffen, jedoch nicht
erobert worden. Arabische und israelische Militärs kamen
überein, sich am 4. September zurückzuziehen. Die vormalige
-231-
Residenz des Hochkommissars wurde zu einer UN-Zone, die der
Oberhoheit keines Staats unterstand. Zu Anfang wurde sie von
Soldaten der Arabischen Legion und der Israelis bewacht, die
bis zum Eintreffen von UN-Wachmannschaften in gutem
Einvernehmen ihren Dienst taten. Mit Ausnahme einer kurzen
Unterbrechung im Jahre 1967, als es zunächst von jordanischen
und dann von israelischen Einheiten besetzt wurde, blieb das
Government House bis heute unter UN-Kontrolle. Es ist das
einzige Stückchen von Jerusalem, das in gewissem Sinne
internationalisiert worden ist.
Am 16. September unterzeichnete der Vermittler auf der Insel
Rhodos einen Bericht mit revidierten Vorschlägen. Er war
inzwischen von seiner früheren Einstellung gegenüber dem
Teilungsplan der Vereinten Nationen abgerückt und empfahl
nun, dass Jerusalem, wie in diesem Plan vorgesehen, «der
effektiven Kontrolle der Vereinten Nationen unterstellt werden
sollte, bei dem erreichbaren Maximum an lokaler Autonomie für
seine arabischen und jüdischen Gemeinden, bei voller
Gewährleistung des Schutzes der Heiligen Stätten und des freien
Zugangs zu ihnen und bei freier Religionsausübung». Die
Änderungen waren wahrscheinlich das Ergebnis von
Gesprächen, die er ein paar Tage vorher mit amerikanischen und
britischen Regierungsvertretern geführt hatte.
83
Bernadottes Bericht wurde zwei Tage später der UNGeneralversammlung
vorgelegt. Da war sein Verfasser aber
bereits tot. Am 17. September wurde der Vermittler durch einen
Trupp der Lechi-Terroristengruppe in Jerusalem umgebracht; sie
handelte auf Befehl der dreiköpfigen Führung der Organisation,
zu der auch der spätere Ministerpräsident Itzhak Schamir
gehörte. Jehoschua Cohen, der vermutlich den tödlichen Schuss
abfeuerte, diente nach Ben Gurions Rückzug aus der aktiven
Politik als dessen Leibwächter; vor Gericht gestellt wurde er nie.
An Bernadottes Stelle wurde Ralph Bunche zum amtierenden
Vermittler ernannt.
-232-
Die Ermordung des Vermittlers gab dessen letzten
Empfehlungen viel zusätzliche moralische Schubkraft, und UNGeneralsekretär
Trygve Lie sorgte dafür, dass sie auf die
Tagesordnung der Generalversammlung kamen. Der
amerikanische Außenminister George C. Marshall und auch sein
britischer Kollege Ernest Bevin pflichteten Bernadottes
Vorschlägen bei, aber sowohl Israel als auch die arabischen
Staaten lehnten sie ab, und so blieben sie, wie schon so viele
frühere Pläne für Palästina und Jerusalem, auf der
diplomatischen Strecke.
Stattdessen nahm Israel Mitte Oktober die Kämpfe wieder
auf, drängte die Ägypter in den Negev zurück und vergrößerte
das unter seiner Kontrolle stehende Gebiet in Galiläa.
Graf Folke Bernadotte, der UN-Vermittler in Palastina (dritter von
rechts), im YMCA-Gebäude in Jerusalem, 12. Juni 1948.
Gegen Ende dieser Phase der Feindseligkeiten bat die
israelische Armee Ben Gurion um die Erlaubnis, erneut
-233-
Jerusalem angreifen zu dürfen. Dieser lehnte jedoch ab, weil er
internationale Komplikationen befürchtete, wenn die Armee in
die Altstadt vordränge. Nach einer vierten und letzten
Kampfphase zwischen dem 22. Dezember 1948 und dem 7.
Januar 1949 gestanden die Araber ihre Niederlage ein. Am 24.
Februar unterzeichnete Ägypten ein
Waffenstillstandsabkommen mit Israel. Bereits am 30.
November 1948 hatten sich Israel und Transjordanien auf «eine
absolute und ernsthafte Feuereinstellung» in Jerusalem geeinigt.
Die damaligen Teilungslinien innerhalb der Stadt verfestigten
sich. Im Kampf um die Stadt waren 1976 Israelis gestorben (von
rund 6000 im gesamten Krieg). Für die Verluste auf arabischer
Seite sind genaue Zahlen nicht bekannt, aber man weiß, dass die
Arabische Legion in diesem Krieg vierzig Prozent ihrer Verluste
in Jerusalem erlitt.
Am Ende des Krieges gab es in sieben gemischten oder
vorwiegend arabischen Wohnbezirken in Westjerusalem keine
arabischen Einwohner mehr (in Baqa, Katamon, Talbieh,
Musrara, Mamilla sowie in der Deutschen und Griechischen
Kolonie). Dasselbe galt für nahezu alle arabischen Dörfe r im
Westen der Stadt, darunter Ein Qarem, Romema, Lifta, Malha
und Deir Jassin. In manchen Fällen wurden die Araber
vertrieben oder durch Drohungen dazu gebracht, wegzuziehen;
in anderen flohen sie aus Furcht, massakriert zu werden. In
keinem einzigen Fall wurde den Einwohnern die Heimkehr
erlaubt. Auf der jordanischen Seite widerfuhr den Juden der
Altstadt und in den von der Arabischen Legion besetzten
Siedlungen unweit des Toten Meeres ein ähnliches Schicksal.
-234-
Ein König für Jerusalem
Da nun Jerusalem in zwei Teile geteilt war, begann sich der
amerikanische und (etwas zögerlicher) der britische
Enthusiasmus für eine Internationalisierung der Stadt
abzukühlen. Im August 1948 erwog Marshall die Möglichkeit
eines «modifizierten Kondominiumprinzips, dem zufolge Israel,
der künftige arabische Staat [Palästina] und die Vereinten
Nationen die administrative Verantwortung für Jerusalem
miteinander teilen würden».
84 Im Dezember erklärte er seine
Bereitschaft, «jedwede andere für Juden und Araber
befriedigende Lösung» zu akzeptieren, «vorausgesetzt, dass
Garantien für den Zugang zu den Heiligen Stätten und deren
Sicherheit gegeben würden».
85 Ende September bewegten sich
auch die Briten auf die formelle Hinnahme der Teilung
Jerusalems zu. Sir Hugh Dow, der englische Generalkonsul,
äußerte, «er persönlich habe nichts dagegen einzuwenden, diese
separaten Gebiete der Souveränität des jüdischen bzw. des
arabischen Staates zu unterstellen».
86 Dean Rusk vom
Washingtoner State Department imponierte der Gedanke,
weshalb er den Vorschlag machte, dass der arabische und der
jüdische Staat ihren jeweiligen Teil Jerusalems unter UNTreuhand
verwalten könnten.
87
Auch die israelische Position hatte sich gewandelt. Von
seinen militärischen Siegen ermutigt, war Israel an einer
Internationalisierung nun nicht mehr interessiert. Die erste Stufe
auf dem Weg zur Durchsetzung der israelischen Autorität in der
Stadt war die Unterstellung seines Teils unter israelisches
Militärrecht am 25. Juli 1948. Am 2. August wurde Bernard
Joseph (später Do v Yosef), der seit dem vergangenen Dezember
das Notstandskomitee für Jerusalem der Jewish Agency geleitet
hatte, zum Militärgouverneur ernannt. Am selben Tag gaben die
-235-
Israelis in Jerusalem die «Proklamation Nr. 1» heraus. Von Ben
Gurion in seiner Eigenschaft als Verteidigungsminister
unterzeichnet, erklärte sie das unter israelischer Militärkontrolle
stehende Gebiet Jerusalems zu einem «Verwaltungsgebiet», in
dem «das Recht des Staates Israel gilt».
88 Von israelischer Seite
verstand man dies als Erklärung, dass das betreffende Gebiet
unter militärischer Besatzung stehe; es war also keine
Annexionserklärung.
Die israelische Regierung war inzwischen zu der
Schlussfolgerung gelangt, dass, vor die Wahl zwischen einer
nicht durchsetzbaren und unattraktiven Internationalisierung und
einer tatsächlich vorhandenen Teilung der Stadt gestellt, die
Teilung vorzuziehen sei. In Dov Yosefs Worten: «Es fällt mir
schwer, die politische Logik zu verstehen, die besagt, dass es
günstiger ist, dass die Araber und wir nichts haben, als dass sie
etwas haben. Wir reißen uns eines unserer Augen aus, damit wir
ihnen beide ausreißen können.»
89 Im Einklang mit solchen
Erwägungen glitt die israelische Diplomatie ganz geschickt von
der ursprünglichen zionistischen Zustimmung zur
Internationalisierung hinüber zum Bemühen um internationale
Anerkennung für den Status quo der Teilung. Am 20. September
war dem israelischen Kabinett bereits so an der Hinnahme der
Teilung der Stadt gelegen, dass es sich mit Schertoks
Auffassung einverstanden erklärte, Israel solle zur Aufgabe
eines kleinen Teils der Neustadt bereit sein, falls dies der Preis
dafür wäre, der Internationalisierung zu entgehen.
90 In seinem
Bericht an das Zentralkomitee seiner Partei ließ Ben Gurion am
30. November ganz klar erkennen, dass für ihn das Ziel nun die
Teilung Jerusalems war.
91
Auch der andere wichtige Protagonist der Geschichte hatte
sich inzwischen den neuen Realitäten angepasst. Abdullahs
Antwort auf die Unabhängigkeitserklärung des Mufti (dieses
«Teufels aus der Hölle», wie er ihn nannte)
92 erfolgte sogleich.
Am 1. Oktober trat in Amman eine Notabeinversammlung
-236-
zusammen, die sich als «Nationaler Palästina-Kongress»
bezeichnete und Abdullah aufforderte, Palästina unter seine
Fittiche zu nehmen. Sechs Wochen später ließ sich Abdullah
zum «König von Jerusalem» krönen - seltsamerweise durch den
koptischen Bischof der Stadt.
93 Es war dies die erste Krönung
eines Königs in Jerusalem seit der Krönung von Kaiser Friedrich
II. im Jahre 1229. (Da zur damaligen Zeit über den Kaiser ein
päpstlicher Bann verhängt war, setzte er sich die Krone selbst
aufs Haupt.) Am 1. Dezember erklärte in Jericho eine Konferenz
von zweitausend palästinensisch-arabischen Notabein Abdullah
zum «König von ganz Palästina» und rief zur Vereinigung der
beiden Jordanufer zu einem einzigen Staat auf.
Das jordanische Parlament verabschiedete am 13. Dezember
eine entsprechende Resolution. Eine Woche später ernannte
Abdullah einen eigenen Kandidaten zum Mufti von Jerusalem,
Scheich Husam al-Din Jarallah. Er war, als 1921 die britische
Mandatsregierung Hadsch Amin al-Husayni ernannte, der
Unterlegene gewesen. Sowohl für Jarallah als auch für Abdullah
war dies also eine süße, wenn auch lang hinausgeschobene
Rache. Von nun an war ein Hauptziel von Abdullahs Politik die
Aufrechterhaltung seiner Herrschaft über das Westjordanland
und die Altstadt von Jerusalem. Als unvermeidliche Konsequenz
ergab sich daraus, dass hinsichtlich der Teilung Jerusalems
Jordanien und Israel nun diplomatisch auf einer Linie lagen, und
zwar gegen einen Großteil des Restes der Welt, der weiterhin für
die Internationalisierung eintrat.
Im Gefolge des Waffenstillstands kam es zu einer Reihe von
Treffen zwischen israelischen und jordanischen Vertretern, bei
denen es nicht nur um den Waffenstillstand ging, sondern auch
um weit ausgreifende Fragen in bezug auf eine mögliche
Friedensvereinbarung. Bei einer solchen Zusammenkunft am 30.
Dezember erklärte der jordanische Militärgouverneur von
Jerusalem, Abdullah al-Tall, dem israelischen Geheimdienstchef
Reuven Schiloah, dass auch Abdullah an eine vereinbarte
-237-
Teilung Jerusalems denke - «die arabischen Gebiete würden an
ihn fallen und die jüdischen an uns» (laut Schiloahs Bericht über
das Treffen).
94 Beim nächsten Mal, am 5. Januar 1949, legte
Tall die Vorschläge detaillierter dar: Die Altstadt, Katamon und
die Deutsche Kolonie würden wie Talpiot und der Kibbuz
Ramat Rachel von Jordanien regiert; Israel könne den Rest der
jüdischen Neustadt haben. Es war ganz offenkundig als ein
Bauernopfer gedacht, um sich in der folgenden Schachpartie
einen Stellungsvorteil zu sichern. General Moshe Dayan, der
israelische Oberbefehlshaber im Gebiet Jerusalem, schlug
stattdessen vor, dass Scheich Jarrah im Austausch für ein
anderes Gelände an die Israelis gehen solle, damit Israel einen
Zugang zum Skopusberg habe. Tall verwies jedoch darauf, dass
dadurch das arabische Jerusalem von Ramallah getrennt würde,
was nicht annehmbar sei. Man wurde sich nicht einig, und es
dauerte einige Monate, bis wieder Gespräche aufgenommen
wurden.
95
Als im Januar 1949 die ersten allgemeinen Wahlen in Israel
stattfanden, nahmen die Einwohner des von Israel besetzten
Teils von Jerusalem daran teil. Am 4. Februar unternahm die
israelische Regierung einen weiteren Schritt in Richtung auf die
Annexion Westjerusalems, als sie ihre Entscheidung
bekanntgab, «die Militärregierung in Jerusalem abzuschaffen
und dort die Zivilverwaltung zu errichten, die in anderen Teilen
Israels in Kraft ist».
96 Zehn Tage später wurde von Präsident
Weizmann die erste Knesset (das Parlament) in Jerusalem
eröffnet. Repräsentanten des Sowjetblocks, lateinamerikanischer
Staaten und der verschiedenen Kirchen waren zugegen. Die
Gesandten der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und
Frankreichs hatten sich zuvor darauf geeinigt, entsprechende
Einladungen abzulehnen.
97 Der Boykott war der Beginn einer
langen diplomatischen Sackgasse zwischen Israel und den
Westmächten hinsichtlich des Status von Jerusalem.
-238-
Moshe Dayan (Mitte) und sein jordanischer Widerpart Abdullah al-
Tall (rechts) in Jerusalem, Ende 1948.
-239-
Karte 9: Israel (1949-1967)
-240-
Karte 10: Das geteilte Jerusalem (1949-1967)
Nach israelisch-jordanischen Gesprächen, die unter Vorsitz
von Ralph Bunche auf Rhodos stattgefunden hatten, wurde am
3. April 1949 ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. In
Jerusalem entsprach die vertraglich vereinbarte
Demarkationslinie derjenigen zum Zeitpunkt der Waffenruhe
vom 30. November 1948 (siehe Karte 10).
98 Mit dieser
Vereinbarung wurde die Teilung Jerusalems quasi auf Dauer
eingefroren.
-241-
«Wird der Vatikan Truppen hierher
entsenden?»
Während Israel und Jordanien die ihnen zugeordneten Teile
Jerusalems stetig fester in den Griff nahmen, wurde die in den
Vereinten Nationen geführte Diskussion zu diesem Thema
immer abstrakter und unrealistischer. Am 11. Dezember 1948
beschloss die Generalversammlung unter starkem Druck der
USA die Schaffung einer Versöhnungskommission für Palästina
(Palestine Conciliation Commission). Auf diese Kommission
wurden sämtliche Funktionen des UN-Vermittlers übertragen;
überdies wurde sie beauftragt, «detaillierte Vorschläge für ein
ständiges internationales Regime für das Gebiet von Jerusalem»
zu machen." Die Kommission bestand aus drei Mitgliedern: dem
Amerikaner Mark Etheridge, einem Journalisten aus Louisville
in Kentucky; dem Franzosen Claude de Boissanger, einem
schlagfertigen Diplomaten; dem Türken H. C. Yalçin, einem
beinahe achtzigjährigen namhaften Autor. Der allgegenwärtige
Azcárate war der Sekretär der Kommission. Im Jerusalemer
King-David-Hotel richteten sie ihr erstes Hauptquartier ein
(ohne fließend Wasser, Telefon und funktionierenden Aufzug).
«Verärgert, fast ungestüm» sagte ihnen der israelische
Militärgouverneur Dov Yosef, dass er keine Möglichkeit sehe,
ihre Sicherheit zu garantieren, und dass sie gut beraten wären, in
den arabischen Teil der Stadt umzuziehen.
100 Da es in Jerusalem
kaum voranging, zogen sie im April 1949 nach Lausanne um.
Am 1. September war ihr Entwurf für ein Abkommen über
Jerusalem fertig, eine abgeschwächte Version einer
Internationalisierung. An Stelle des Corpus separatum wurde
darin die Teilung der Stadt halbwegs anerkannt: Jordanien und
Israel würden jeweils ihre Zone unter UN-Vollmacht verwalten;
die Stadt würde entmilitarisiert und ein UN-Gouverneur ernannt
-242-
werden. Der Plan sah vor, dass das «gegenwärtige
demographische Gleichgewicht» der beiden Zonen nicht durch
Einwanderung destabilisiert werden dürfe. In den Vorschlägen
schlugen sich die Ansichten des amerikanischen
Außenministeriums nieder - auch wenn der ausgesprochen
zionistenfreundliche US-Botschafter in Israel, James G.
McDonald, privat an Präsident Trumans Sonderberater Clark
Clifford schrieb: «Mir graut vor dem, was geschehen könnte,
falls man unter den Auspizien der Vereinten Nationen den
Versuch unternähme, Israel dazu zu zwingen, sofort einen UNVerwalter
in Jerusalem zu akzeptieren. Eine Wiederholung der
Bernadotte-Tragödie wäre nicht unwahrscheinlich ,..»
101
In der im folgenden Monat eröffneten Sitzungsperiode der
Generalversammlung wurde der Plan der
Versöhnungskommission beraten. Jordanien, das damals noch
kein Mitglied der UNO war, lehnte ihn ab: «Keiner wird mir
Jerusalem abnehmen, ohne dass man mich umbringt», erklärte
Abdullah.
102 Israel, das im Mai in die UNO aufgenommen
worden war, war nicht weniger entschlossen: Für Scharett (wie
sich Schertok von nun an nannte) war der Plan «anachronistisch
und widersinnig».
103 Da keine der beiden Parteien, die
Jerusalem in Besitz hatten, dem Vorschlag der
Versöhnungskommission zustimmte, geriet er bald in
Vergessenheit. Jetzt begann man sich in der UNGeneralversammlung
wieder für die «selbständige Einheit» zu
erwärmen. Hauptgrund dafür war, dass eine einflussreiche,
wenn auch manchmal als unbeachtlich abgetane Macht sich
dafür nachdrücklich einsetzte: der Heilige Stuhl.
Der Vatikan war damals tatsächlich der größte Befürworter
einer Internationalisierung - ein weiterer Beleg für die Regel,
dass die Internationalisierung der Stadt meistens von denjenigen
befürwortet wurde, die sich vor Ort in Jerusalem in einer
schwachen Position befanden. Mit dieser Politik schlug der
Vatikan einen entschieden anderen Kurs als früher ein. Im März
-243-
1948 hatten das Lateinische Patriarchat und die Franziskaner-
Kustodie des Heiligen Landes eine gemeinsame Erklärung
abgegeben gegen die «fehlgeleitete Politik, die dem Lande
auferlegt wurde und die in der Teilung Palästinas ihren
Höhepunkt erreicht hat».
104 Bis zum Mai hat das vatikanische
Staatssekretariat sich, so gut es ging, bemüht, sich in dieser
Sache nicht festzulegen. Am 24. Oktober jedoch verkündete
Papst Pius XII. in seiner Enzyklika In multiplicibus curis, dass
der Vatikan dafür eintrete, «Jerusalem und seiner Umgebung
einen internationalen Charakter» zu geben. Eine weitere
Enzyklika, Redemptoris nostri cruciatus, vom April 1949
wiederholte die Forderung nach der Internationalisierung und
rief zur Mobilisierung der Katholiken der ganzen Welt in diesem
Sinne auf. Sie forderte die Katholiken auf, wo immer sie leben,
jedes legitime Mittel zu benutzen, um die Regierungen der
Völker und diejenigen, deren Pflicht es ist, diese wichtige Frage
zu lösen, dazu zu bewegen, Jerusalem und seiner Umgebung
einen rechtlichen Status zu verleihen, dessen Stabilität unter den
gegenwärtigen Umständen nur durch eine gemeinsame
Anstrengung derjenigen Völker angemessen gesichert werden
kann, die den Frieden lieben und die Rechte anderer achten.
105
Der Vatikan bezog diese Position aufgrund von
Beschuldigungen, im israelisch regierten Jerusalem seien
christliche Institutionen zu Schaden gekommen, aus Sorge um
das Schicksal christlicher Araber unter den palästinensischen
Flüchtlingen und vor allem unter dem Druck der Franzosen. Der
Umstand, dass die vormals faschistischen Staaten Italien und
Spanien keine Mitglieder der Vereinten Nationen waren, gab
dem französischen Bemühen, Frankreichs altes Protektorat über
die römisch-katholische Christenheit neu aufleben zu lassen,
zusätzliches Gewicht.
106 In der ganzen katholischen Welt
machte sich die unzweideutige Haltung des Vatikans bemerkbar
und trug dazu bei, dass die Internationalisierung in den
-244-
Vereinten Nationen diplomatische Unterstützung erhielt.
Israel, dem das bedrohliche Wiederaufleben des
Corpusseparatum-Plans Sorgen machte, ergriff eine Reihe
diplomatischer Gegenmaßnahmen. In einer Rede an seiner alten
Universität im schweizerischen Fribourg versuchte Chaim
Weizmann, die Katholiken mit der Bemerkung zu beruhigen,
dass Israel «die direkte internationale Überwachung» der
Heiligen Stätten willkommen wäre.
107 Obwohl Israel keine
diplomatischen Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl unterhielt,
entsandte es Jacob Herzog nach Rom, um den Vatikan zu einer
anderen Haltung zu bewegen, was aber keinen Erfolg hatte.
108
Im Oktober 1949 brachten israelische Diplomaten den
Gedanken einer einvernehmlichen Internationalisierung der
Altstadt (die inzwischen natürlich in jordanischer Hand war)
zusammen mit einer vereinbarten Aufteilung der übrigen Stadt
zwischen Israel und Jordanien entlang der bestehenden
Waffenstillstandslinie in Umlauf. Versuchsweise war eine
solche Vorstellung schon einmal im Juni 1948 innerhalb des
US-State Department ventiliert worden, und es könnte durchaus
sein, dass diese Idee bis zu den Israelis drang.
109 Der israelische
Vorschlag basierte auf einem Plan, den Avraham Biran, ein
hochrangiger Mitarbeiter des Militärgouverneurs von Jerusalem
(des späteren Distriktskommissars von Jerusalem) ausgearbeitet
hatte. Er sah einen dem UN-Treuhandrat verantwortlichen
christlichen Gouverneur für die Altstadt vor. Diesem sollten drei
Stellvertreter - ein Christ, ein Muslim und ein Jude - sowie eine
beratende Versammlung (mit fünf Mitgliedern je Religion)
zuarbeiten. Das Gebiet würde über seine eigene Polizei verfügen
und den Charakter einer Heiligen Stadt annehmen, so ähnlich
wie der Vatikan... Sie wird aus Institutionen aller Religionen,
Kirchen, Synagogen, Moscheen, Schulen jeglicher Art, Hotels
für Touristen und Pilger bestehen. Eine kleine Zivilbevölkerung
wird ihren Lebensunterhalt von diesen Institutionen und von
Touristen beziehen, indem sie für deren religiöse Bedürfnisse
-245-
sorgt, etwa durch den Verkauf kirchlicher Gegenstände,
Perlmutt, Olivenholzartikeln etc.
110
Für die Israelis barg dieses Projekt offensichtliche Reize, vor
allem deshalb, weil es die Möglichkeit eröffnete, von der
Neustadt aus in die Altstadt zu gelangen.
Statt jedoch selbst diese Initiative zu verfolgen, versuchte
Israel, Christen in Führungspositionen dazu zu überreden, dies
zu tun. Dies scheint Teil eines allgemeinen Versuchs gewesen
zu sein, die Kirchen in der Jerusalem-Frage zu entzweien -
speziell eine christliche Opposition gegen die
Internationalisierungskampagne des Vatikans aufzubauen. In
Gesprächen mit der armenischen und der griechisch-orthodoxen
Kirche kamen sie unter Ausnutzung ihrer historischen
Animositäten gegenüber den Katholiken auch ein Stück weit
voran. Hauptunterhändler der Israelis gegenüber den christlichen
Kirchen war Jacob Herzog, der damals an der Spitze der
Christlichen Abteilung im Ministerium für religiöse
Angelegenheiten stand. Am April 1949 schrieb er an Ben
Gurion und Scharett und legte ihnen die israelische Taktik dar.
Bei Gesprächen mit Vertretern des Griechisch-orthodoxen
Patriarchats hatten die Israelis ins Feld geführt, dass die
Katholiken bei jeder Form von Internationalisierung im Laufe
der Zeit ein Übergewic ht in der Stadt bekämen. Um sich die
Unterstützung der Orthodoxen zu sichern, hatten die Israelis
einige gewichtige Konzessionen in bezug auf den dem
Patriarchat gehörenden Grundbesitz in Westjerusalem gemacht.
Im Gegenzug hatten die Orthodoxen durchblicken lassen, dass
sie «mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln» gegen die
Internationalisierung kämpfen würden. In Anbetracht der
Position ihrer Gemeinden innerhalb der arabischen Welt würden
sie nicht imstande sein, sich öffentlich gegen die
Internationalisierung zu wenden, aber bei geeigneter
Gelegenheit deutlich machen, dass die Orthodoxen in dieser
-246-
Frage nicht dem Kurs des Vatikans folgen würden; sie
versprachen auch, diesen Standpunkt in Athen und Washington
zur Kenntnis zu bringen.
111
Etwa zur gleichen Zeit suchte der israelische Gesandte in
London, Mordechai Eliash, den Erzbischof von Canterbury auf
und legte ihm ein Memorandum vor, in dem es hieß:
Christliche Interessen können nicht erwarten, dass Israel sich
vorrangig für die Forderung nach vollem internationalem Status
für die Stadt innerhalb der Mauern stark macht, wenn sie sehen,
dass Israels Hauptbemühungen jetzt darauf gerichtet sind, seine
eigene Bevölkerung und deren Zukunft zu sichern. Kommende
Generationen würden jedoch, das ahnt man, es als einen
schrecklichen politischen und religiösen Irrtum ansehen, wenn
die Christen die ummauerte Stadt der arabischen Souveränität
nur aufgrund des dürftigen Arguments überließen, dass es für
König Abdullah eine Niederlage bedeutete, die einzige Beute
aufgeben zu müssen, die er sich in einem Krieg gesichert hat,
den er nie hätte beginnen sollen.
112
Der Primas der anglikanischen Kirche bekundete höflich sein
Interesse, aber nicht mehr. In einem «privaten Memorandum»,
das er kurz darauf dem UN-Treuhandrat übermittelte, schlug er
vor, den größeren Teil der von Juden bewohnten Gebiete der
Neustadt Israel einzuverleiben und den gesamten Rest des als
Corpus separatum vorgesehenen Gebiets zu
internationalisieren.
113 Der Gedanke eines auf die Altstadt
Jerusalems beschränkten internationalen Regimes stieß in der
christlichen Welt auf wenig Interesse und wurde auch von Israel
bald zugunsten eines anderen Vorschlags fallengelassen, der die
Internationalisierung noch enger fasste.
Es handelte sich dabei um das Konzept der «funktionalen» im
Gegensatz zur «territorialen» Internationalisierung, die sich auf
-247-
die Heiligen Stätten beschränkte. Im israelischen
Außenministerium wurde ein Vertrag zwischen Israel und den
Vereinten Nationen aufgesetzt, wonach die Heiligen Stätten
«der Kontrolle der Vereinten Nationen unterstellt» würden.
114 In
einem begleitenden Memorandum erläuterte der Rechtsexperte
des Außenministeriums, Shabtai Rosenne, dass das Wort
«Kontrolle» in «seinem französischen Sinn» verstanden werden
solle, was anscheinend das Recht zu Kontrolle des Zutritts
einräumte, nicht aber das der Verwaltung. Er hob hervor, dass
sein Entwurf den Heiligen Stätten keinerlei extraterritorialen
Status zuspreche, und fügte hinzu, dass, «falls der Vertrag den
Vereinten Nationen annehmbar wäre und Transjordanien dazu
gebracht werden könnte, einen ähnlichen abzuschließen, sich
daraus ergäbe, dass Juden nicht nur Zutritt zur Klagemauer
erhielten, sondern auch zu Rachels Grab und dem Haram el-
Khalil in Hebron sowie anderen Heiligen Stätten und Orten
(sofern es welche gibt), die sich gegenwärtig in arabischer Hand
befinden, bei geringer oder keiner Gegenleistung an die
Araber».
115 Diese funktionale Internationalisierung fand in der
UNO Unterstützung, und im Herbst 1948 wurde ein solcher Plan
von den Niederlanden und Schweden formell vorgeschlagen.
Auch aus ihm wurde jedoch nichts.
Die Gegner der Internationalisierung, allen voran und aus
eigenem Interesse die beiden Staaten, die Jerusalem in Besitz
hatten, befanden sich jetzt in einer ziemlich schwierigen Lage.
Der Generaldirektor des israelischen Außenministeriums,
Walter Eytan, gab die Unbehaglichkeit der israelischen Position
offen zu:
Es trifft gewiss zu, dass wir versuchen, ein Omelett zu
machen, ohne dass die Eier dabei kaputtgehen, anders gesagt,
die Neustadt zu behalten und zugleich zu verhindern, dass die
Altstadt Abdullah in die Hände fällt. Der Grund dafür ist, dass
wir in einer Falle stecken, die uns nur zwei logische
-248-
Wahlmöglichkeiten lässt: Entweder stimmen wir der
Internationalisierung der gesamten Stadt zu, was wir nicht
wollen, oder wir willigen in die arabische Herrschaft in jenen
Teilen der Stadt ein, die wir nicht in Besitz haben was wir auch
nicht wollen. Unter diesen Umständen sind wir zu einem
Standpunkt genötigt, der ohne alle Logik ist...
116
Während nun Israel sich darum bemühte, eine stimmige
Jerusalempolitik zu formulieren, stellte sich heraus, dass
praktisch nur ein einziger Staat ihm Rückhalt gab, nämlich sein
ehemaliger Feind Jordanien. Als Nichtmitglied der Vereinten
Nationen (die UdSSR blockierte nämlich den Beitritt) und ohne
die Unterstützung der anderen arabischen Länder brachte
Jordanien freilich im Bereich der Diplomatie wenig zustande.
In der UN-Generalversammlung setzten sich im November
der Irak, der Libanon und Syrien an führender Stelle für die
Internationalisierung ein. Diese arabischen Staaten erklärten,
dass Jerusalem zwar «nach Recht und Billigkeit eine arabische
Stadt bleiben müsste, sie aber, da sich die arabische Auffassung
bedauerlicherweise in der internationalen Politik nicht
durchsetze, dazu gezwungen seien, die vollständige und
komplette Internationalisierung als das geringere Übel zu
akzeptieren».
117 Der britische Gesandte in Tel Aviv
kommentierte den Vorgang mit der Bemerkung: «Mit ihrer
üblichen Uneinsichtigkeit für den Trend der Ereignisse ist die
Arabische Liga nur deshalb für die Internationalisierung, weil 1.
Israel dagegen ist und 2. sie für König Abdullah ein Schlag ins
Kontor sein wird.»
118 Die israelische Reaktion auf die neuerlich
drohende Internationalisierung war scharf. Am 5. Dezember gab
Scharett, der die israelische UN-Delegation leitete, telefonisch
nach Tel Aviv durch, dass ein neuerlicher Beschluss zugunsten
des Corpusseparatum-Plans unmittelbar bevorstehe. Auf einer
Kabinettssitzung vom selben Tag sagte Ben Gurion, die Frage
sei, ob die Vereinten Nationen einem solchen Beschluss Geltung
-249-
verschaffen könnten. Er glaube nicht, dass sie die Macht hätten,
ihn durchzusetzen. Amerika werde Russland nicht gestatten,
eine Armee nach Jerusalem zu schicken, um ihm zum Erfolg zu
verhelfen; ebensowenig werde Amerika selbst Streitkräfte
entsenden. «Wird der Vatikan Truppen hierher entsenden?»,
fragte er. «Wenn wir zwischen der Mitgliedschaft in den
Vereinten Nationen und Jerusalem wählen müssen, werden wir
uns für Jerusalem entscheiden.» Alle Minister, die in der Sitzung
sich zu Wort meldeten, stellten sich hinter Ben Gurion. Dov
Yosef sagte, entscheidend sei, dass die Regierung einen festen
Standpunkt beziehe. «Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die
Bewohner von Tel Aviv, wenn auch nicht alle, auch ohne
Jerusalem zufrieden wären.» Nach seiner Meinung sollten
Regierungsbehörden nach Jerusalem umziehen, aber man kam
überein, dass die Zeit dafür noch nicht reif sei.
Im Verlauf der Diskussionen eröffnete Ben Gurion der
Kabinettsrunde, dass Israel, selbst wenn es in den Vereinten
Nationen als einziges in der Minderheit sei, in seinem
Widerstand gegen die Internationalisierung einen potentiellen
Verbündeten habe. Das Thema Jerusalem sei in weiteren
geheimen Unterredungen zwischen israelischen Vertretern und
König Abdullah zur Sprache gekommen: «Abdullah hat gesagt,
dass er mit der Teilung Jerusalems einverstanden ist. Sie [die
israelischen Vertreter] haben ihm gesagt, dass wir einen Teil der
Altstadt wollen, den ganzen Weg zur Westmauer.» Abdullahs
Antwort sei unbestimmt gewesen, aber er habe klar gemacht,
dass er über einen allgemeinen Frieden verhandeln wolle, zu
dem auch ein geteiltes Jerusalem gehören würde. Ben Gurion
sagte dem Kabinett, es wäre eine «tolle Sache», wenn ein Teil
der Altstadt zurückgewonnen werden könnte. Er wäre sogar
bereit, im Gegenzug einen Teil der Neustadt dafür
herauszugeben; er erwähnte den Kibbuz Ramat Rachel, falls
dies der nötige Preis wäre - einigermaßen überraschend
angesichts des Blutes, das im vergangenen Jahr im erbitterten
-250-
Hin und Her des um ihn geführten Kampfes vergossen worden
war.
119 Das Kabinett billigte Ben Gurions Politik. Später an
diesem Tag warnte der Ministerpräsident in einer feurigen Rede
in der Knesset vor der zu erwartenden israelischen Reaktion auf
jeglichen Versuch, Jerusalem mit Gewalt zu internationalisieren:
Israel werde «Jerusalem nicht aus freiem Willen aufgeben».
120
An diesem Tag votierte das Ad Hoc Political Committee der
UNO mit achtunddreißig gegen vierzehn Stimmen für ein
internationalisiertes Jerusalem. Die USA und Großbritannien
stimmten gegen die Resolution, aber die arabischen Staaten, der
kommunistische Block sowie - unter starkem Druck seitens des
Vatikans - die meisten katholischen Lä nder waren dafür. Die
Vollversammlung folgte am 9. Dezember mit einer Resolution,
die erneut feststellte, dass «die Stadt Jerusalem... als ein Corpus
separatum unter ein spezielles internationales Regime gestellt
und von den Vereinten Nationen verwaltet werden» solle.
Dr. Chaim Weizmann (in der Mitte mit Sonnenbrille) 1948 bei seinem
ersten Besuch in Jerusalem als israelischer Staatspräsident.
Begleitet wird er von seiner Gemahlin Vera und dem
-251-
Militärgouverneur von Jerusalem, Dov Yosef.
Der Treuhandrat wurde angewiesen, «die Vorbereitung des
Statuts für Jerusalem abzuschließen... unter Einfügung von
Veränderungen im Hinblick auf seine größere
Demokratisierung, das Statut zu verabschieden und
unverzüglich mit seiner Inkraftsetzung zu beginnen». Der Rat
wurde aufgerufen, «keine Aktionen seitens einer interessierten
Regierung oder mehrerer zuzulassen, um ihn davon abzuhalten,
das Statut für Jerusalem zu verabschieden und in die Tat
umzusetzen».
121 Die Abstimmung war ein Sieg der
vatikanischen Diplomatie, die in dieser Frage irrwitzigerweise
mit der Sowjetunion verbündet war. Aber es war nur ein
papierener Triumph: Israel und Jordanien führten nun vor, dass
sie fähig waren, die ausdrückliche Meinung der internationalen
Gemeinschaft hinsichtlich Jerusalem zu durchkreuzen.
Mosche Scharett, Israels Außenminister (später Ministerpräsident). Er
war entsetzt über die Entscheidung des israelischen Kabinetts vom
Dezember 1949, Jerusalem zu Israels Hauptstadt zu erklären.
Zwei Tage später antwortete das israelische Kabinett, wieder
-252-
auf Initiative Ben Gurions, mit der Bekanntmachung seiner
Entscheidung, Jerusalem zu Israels Hauptstadt zu machen. Das
war keine Selbstverständlichkeit. Vor der Unabhängigkeit hatten
die Zionisten keineswegs klare Vorstellungen davon, dass
Jerusalem die Hauptstadt des künftigen jüdischen Staates sein
müsse. Zu den verschiedenen Orten, die vor dem Mai 1948 als
Sitz für eine Hauptstadt in Erwägung gezogen wurden, gehörten
Ben Gurions Vorschlag einer Siedlung im Negev und Golda
Myersons (Meirs) Berg Carmel.
122 Erst gegen Ende des Jahres
1949 wurde im Kabinett ernsthaft darüber diskutiert, Jerusalem
zur Hauptstadt zu machen. Mit Ausnahme des Obersten
Gerichtshofs zog keines der wichtigsten Staatsorgane sogleich
nach Jerusalem um. Chaim Weizmann, der erste Staatspräsident,
der nie viel für Jerusalem übrig gehabt hatte, zog es vor, seinen
offiziellen Wohnsitz auf dem Gelände des
naturwissenschaftlichen Forschungsinstituts in Rechovot in der
Küstenebene zu nehmen, das (seit 1949) seinen Namen trug.
Dort blieb er bis zu seinem Tod im Jahre 1952. Die
Entscheidung, Jerusalem zu Israels Hauptstadt zu erklären, war
nicht im voraus geplant. Ben Gurions Vorschlag war eine
typisch unbesonnene Reaktion auf den Beschluss der UNOVollversammlung
vom 9. Dezember 1949.
Erneut hatte der Ministerpräsident den Rückhalt seines
Kabinetts. Als aber Scharett, der sich noch in New York
aufhielt, von der Entscheidung erfuhr, war er entsetzt. Bei dieser
Frage hatte er seit langem für ein stufenweises, nicht
auftrumpfendes Vorgehen plädiert. In seiner Sicht war die
israelische Kontrolle über Jerusalem eine Realität, weshalb für
demonstrative Gesten als Reaktion auf die UN-Resolution keine
Notwendigkeit bestand. Scharett drohte mit seinem Rücktritt,
aber Ben Gurion weigerte sich, ihn anzunehmen, und so
widerrief er ihn.
123 Der Außenminister war nicht der einzige
israelische Politiker, der die Weisheit dieses Schrittes
anzweifelte. Im Verlauf einer Debatte unter Knesset-
-253-
Abgeordneten der regierenden Mapai-Partei, der Israelischen
Arbeiterpartei, war Pinhas Lubianker (Lavon) das Sprachrohr
vieler anderer, als er sagte, dass «Jerusalem ein schlechter Ort
für eine nationale Hauptstadt» sei. Wenn man es vom
Praktischen her betrachte, könnten «einige der Ministerien in
Jerusalem sein, aber es gibt andere, bei denen es absurd wäre,
sie dorthin zu verlegen. Die Knesset zu verlegen ist absurd... das
Finanzministerium zu verlegen ist verrückt».
124 Aber mit Hilfe
von Levi Eschkol und Golda Meir (früher Meyerson) sicherte
sich Ben Gurion eine klare Mehrheit unter den Anwesenden. In
einer trotzigen Rede in der Knesset bestand er am 13. Dezember
darauf, dass bei der Entscheidung der Vereinten Nationen,
Jerusalem einem internationalen Regime zu unterstellen, «die
Durchführung völlig ausgeschlossen sei - und wäre es nur
wegen der Entschlossenheit und des Widerstands der Einwohner
Jerusalems selbst».
125 Von da an trat die Knesset stets in
Jerusalem zusammen, obwohl ihr auf Dauer angelegter Sitz in
der Neustadt oberhalb des Tals des Kreuzes erst im Jahre 1966
eröffnet wurde.
Von keinem einzigen Staat wurde diese israelische
Maßnahme akzeptiert. Das State Department informierte die
amerikanische Botschaft in Tel Aviv, dass die USA «die
Souveränität Israels in Jerusalem nicht anerkennen», und
instruierte die US-Diplomaten, dort nicht in offizieller Funktion
mit «Vertretern der israelischen Zentralregierung» tätig zu
werden.
126 Briten und Franzosen kamen zum gleichen Schluss.
Jahre nach dieser höchst wichtigen Entscheidung vom
Dezember 1949 erklärte Ben Gurion, weshalb er sich auf ein
derart riskantes Spiel eingelassen hatte: «Ich wusste, dass wir
einen Verbündeten hatten - Transjordanien. Wenn es ihnen
erlaubt war, an Jerusalem festzuhalten, weshalb dann nicht auch
uns? Transjordanien würde nicht zulassen, dass jemand aus
Jerusalem hinausgedrängt würde; folglich würde auch keiner
wagen, uns da rauszuholen. Ich hätte es auch ohne diesen
-254-
Rückhalt getan, aber es war eine große Bestärkung. Ich wusste,
dass uns nichts passieren würde.»
127
Am Tag von Ben Gurions Rede in der Knesset, an besagtem
13. Dezember 1949, einigten sich Israel und Jordanien auf einen
Entwurf für einen Friedensvertrag.
128 Unter anderen
Bestimmungen enthielt das Dokument auch detaillierte
Regelungen für ein geteiltes Jerusalem, wonach das jüdische
Viertel der Altstadt sowie die Westmauer in israelische
Hoheitsgewalt übergehen sollten.
129 Die Vereinbarung wurde
nie umgesetzt, aber ihr Geist schwebte - wenn auch nie
ungefährdet - in den folgenden achtzehn Jahren über der
geteilten Stadt.
-255-
5. ZWEIMAL JERUSALEM
Zwischen 1949 und 1967 war die Heilige Stadt in grotesker
Weise durch Mauern und Stacheldraht zwischen zwei
Hoheitsgewalten, Jordanien und Israel, aufgeteilt. Kaum ein
Araber blieb in Westjerusalem zurück (1950 zählte man dort
1930 Nichtjuden, allerdings fielen auch viele ausländische
Christen darunter).
1 In Ostjerusalem gab es mit Ausnahme von
einer oder zwei jüdischen Ehefrauen von Arabern keine Juden
mehr. In dieser Zeitspanne veränderte sich auf diplomatischer
Ebene die Behandlung der Jerusalem-Frage radikal. Die
Hauptprobleme hatten nichts mehr mit der Religion oder den
Heiligen Stätten zu tun, sondern waren unmittelbar politischer
Natur. Soll Jerusalem geteilt bleiben? Soll die Frage der
Internationalisierung weiterhin auf der Tagesordnung stehen?
Falls ja, in welcher Form? Soll Israel Jerusalem zu seiner
Hauptstadt machen? Die Antworten auf diese Fragen ergaben
sich nicht von selbst. Äußere Kräfte - die Großmächte, die
Vereinten Nationen, der Vatikan - hatten allesamt ihre eigenen
Antworten. Allerdings mussten sie feststellen, dass sie
außerstande waren, den Lauf der Dinge zu bestimmen. Die
folgeträchtigen Entscheidungen wurden nun von den zwei
Mächten getroffen, die sich Jerusalem teilten, von Israel und
Jordanien. Völkerrechtlich gesehen herrschte zwischen ihnen
während dieser ganzen Zeit ein Kriegszustand, aber im Lauf der
Jahre entwickelte sich zwischen beiden eine seltsame
diplomatische Symbiose. Obwohl sie sich nicht auf einen
dauerhaften Frieden einigen konnten, wurde in Jerusalem doch
ein Modus vivendi erreicht. Was immer der Großteil der übrigen
Welt denken mochte, weigerten sich beide, von den Positionen
abzurücken, die sie unter immensen Kosten in Jerusalem erlangt
hatten.
-256-
Teile und herrsche
Während in Jerusalem das Waffenstillstandsabkommen mit
Israel im großen und ganzen eingehalten wurde, blieb doch das
Feuer, das Heckenschützen an der durch die Stadt laufenden
Demarkationslinie immer wieder eröffneten, eine ständige
Gefahr. Im Juli 1954 wurden neun Menschen von
Heckenschützen getötet und fünfundfünfzig verletzt. Die
Verbindungen zwischen Israel und seiner Enklave auf dem
Skopusberg blieben prekär. Ein besonderes Ärgernis war für die
Israelis, dass Jordanien nicht den Artikel VII des
Waffenstillstandsabkommens umsetzte, der den Zugang zu den
jüdischen Heiligen Stätten in Ostjerusalem regelte. Der Verkehr
zwischen dem arabischen und dem jüdischen Sektor Jerusalems
- vorwiegend Diplomaten, christliche Geistliche und Pilger - war
auf einen einzigen Übergang an der Stelle beschränkt, die später
unter dem Namen Mandelbaumtor bekannt wurde, obwohl es
dort kein Tor gab und der jüdische Kaufmann, dem früher dort
ein Haus gehört hatte, längst nicht mehr da war.
Während die Teilung Jerusalems nach und nach zur
Alltagsrealität wurde, begann die Öffentlichkeit im Westen ihr
Interesse an der Internationalisierung zu verlieren. Im Mai 1950
befürwortete die New York Times einen israelischen Vorschlag,
den territorialen Status quo in Jerusalem aufrechtzuerhalten, die
religiösen Heiligtümer in der Stadt hingegen den Vereinten
Nationen zu unterstellen.
2 Auch Le Monde und The Times
vertraten diesen Standpunkt.
3
Trotz des am 13. Dezember 1949 vereinbarten Entwurfs für
ein Friedensabkommen kam es zwischen Abdullah und den
Israelis nicht zu dessen Unterzeichnung. Es wurde jedoch
weiterhin über Jerusalem verhandelt und weitgehend
Verständigung erzielt. Im Januar 1950 teilte der israelische
-257-
Vertreter bei den Vereinten Nationen, Abba Eban, seinem
britischen Kollegen mit, dass «zwischen Israel und Jordanien
praktisch Einigkeit bestehe hinsichtlich Jerusalems (einfache
territoriale Teilung mit Garantien für die Heiligen Stätten), aber
die Verständigung über Jerusalem Teil einer allgemeinen
Vereinbarung sein müsse. Letztere habe sich aber an der Frage
von Jordaniens Zugang zum Meer festgefahren».
4 Ebans
Optimismus war ein wenig voreilig und wurde im Londoner
Außenministerium als «Taktiermanöver» abgetan.
5
Bei einem geheimen Treffen zwischen israelischen und
jordanischen Vertretern im Wüstenpalast des jordanischen
Königs in Schuneh ein paar Tage später kam die Jerusalem-
Frage erneut zur Sprache. Wieder wurde Israel von Reuven
Schiloah und Moshe Dayan vertreten, während der jordanischen
Delegation der jordanische Hofminister Samir Rifai vorstand.
Bei dieser Gelegenheit wurde der exakte Grenzverlauf der
vorgesehenen Aufteilung der Stadt besprochen. Wieder ließen
die Jordanier ihre Bereitschaft erkennen, bestimmte Gebiete an
Israel auszuhändigen, das jüdische Viertel und die Westmauer
eingeschlossen, und boten an, den Zugang zum Skopusberg zu
garantieren. Im Gegenzug sollten die Israelis bestimmte
arabische Wohngebiete in Westjerusalem, die im Krieg
aufgegeben worden waren, Jordanien überlassen, darunter
Talbieh, die Griechische Kolonie und Baqa.
6 Bei einer ganzen
Serie weiterer Treffen wurden in den folgenden Wochen die
Details einer Vereinbarung ausgehandelt. Abdullah schien
bereit, ihr zuzustimmen, aber er stieß mit der geplanten
Überlassung des jüdischen Viertels und der Westmauer auf
Widerstand bei der Regierung: Ministerpräsident und Kabinett
drohten mit ihrem Rücktritt.
7 Jordanien war alles andere als eine
parlamentarische Demokratie, und Abdullah hätte
möglicherweise seine Minister überstimmen können. Am 24.
Februar trafen Rifai und der jordanische Verteidigungsminister
Fawsi al-Mulqi neuerlich mit Schiloah und Dayan zusammen
-258-
und paraphierten die Skizze einer Vereinbarung, die als
Grundlage formeller Verhandlungen zwischen den beiden
Ländern gelten sollte. Aber die Presse hatte davon Wind
bekommen, und in Jordanien verhärtete sich der Widerstand
gegen ein solches Abkommen. Im April 1950 sah es so aus, als
wären die Gespräche erneut eingefroren.
Abdullah war auch weiterhin bestrebt, mit Israel zu einer
Vereinbarung zu kommen - wenn auch nur, um sich nicht der
Gefahr auszusetzen, das Juwel seines Königreichs an die
internationale Verwaltung zu verlieren, was nun auch seine
arabischen Verbündeten forderten. In diesem Monat stattete er
Jerusalem einen Besuch ab, bei dem er, aus einem über dem
Haram al-Scharif gelegenen Fenster weisend, voller Emphase
sagte: «Dies ist die Al-Aqsa-Moschee, die Gott gesegnet hat.
Die Moschee ist ein islamisches Vermächtnis, in dem sich die
Heiligkeit und Größe des Islams verkörpern. Soll ich sie einer
ausländischen Verwaltung namens Internationalisierung
überlassen, während dies doch ein Versprechen ist, das mir den
Hals zuschnürt, und eine Stelle, die ich mit dem Blut meiner
Soldaten verteidigt habe? Nein - nein - das werde ich nicht tun,
und wenn ich es täte, wäre ich nicht Abdullah ibn Hussein.»
8
Tatsächlich hatte Abdullah bei mehreren Gelegenheiten erklärt,
dass Jerusalem nur «über seine Leiche» internationalisiert
werden würde.
Über eine kurzzeitige öffentliche Kundgebung einer
israelisch-jordanischen Zusammenarbeit im Zusammenhang mit
der Aufteilung von Jerusalemer Vermögenswerten wurde im
Oktober 1950 berichtet, als der Pressebeauftragte der Vereinten
Nationen in der Stadt folgendes Kommunique verlas:
Beobachter der Vereinten Nationen beaufsichtigten heute - in
Zusammenarbeit mit jordanischen und israelischen Behörden -
die Verlagerung des «Biblischen Zoos» vom israelisch
kontrollierten Skopusberg durch das von Jordanien beherrschte
-259-
Jerusalem in ein neues Quartier im israelischen Teil der Stadt.
Folgende Tiere wurden verlegt: ein Löwe, ein Tiger, zwei
Bären, eine Hyäne, drei Känguruhs, ein Affe und zahllose
Vögel.
Internationales Eingreifen war aus folgendem Grund
erforderlich: Die Frage der Fütterung der Tiere auf dem
Skopusberg hatte den Vereinten Nationen, Israel und Jordanien
ungewöhnliche Probleme bereitet. Entscheidungen waren zu
treffen, ob a) israelisches Geld verwendet werden solle, um
arabische Esel zu kaufen, um den israelischen Löwen zu füttern,
oder b) ob ein israelischer Esel durch von Jordanien
beherrschtes Gebiet passieren solle, um von dem fraglichen
Löwen gefressen zu werden.
Da keine andere befriedigende Lösung gefunden werden
konnte, haben sich die israelischen und jordanischen Behörden
darauf geeinigt, den Zoo zu verlegen.
9
Wenn dies die reductio ad absurdum der Teilung war, war es
doch auch ein Beleg für den Wunsch beider Seiten, die Teilung
der Stadt zu konsolidieren.
Weshalb aber gelang es den beiden Seiten nicht, zu einer
formellen Vereinbarung zu kommen? Jerusalem war nicht der
hauptsächliche Stolperstein - Abdullah hätte sich wahrscheinlich
über die palästinensische Opposition gegen seinen
Teilungsvorschlag für die Stadt hinwegsetzen können. Aber die
Stadt war Teil des größeren Kontextes der israelischjordanischen
und israelisch-arabischen Beziehungen. Keine der
beiden Seiten war anscheinend vollends dazu bereit, den
gefährlichen Sprung in Richtung einer vertraglichen
Friedensvereinbarung zu wagen. Sporadisch fanden in den
folgenden Monaten Gespräche zwischen Abdullah und den
Israelis statt, aber die Beziehungen waren durch mehrere
Grenzzwischenfälle getrübt, und die öffentliche Meinung blieb
-260-
beiderseits feindselig.
Die Angelegenheit wurde ohnehin zu einer rein akademischen
Frage, als Abdullah am 20. Juli 1951 in Jerusalem einem
Attentat zum Opfer fiel. Mit einem einzigen Schuss aus nächster
Nähe wurde er getötet, als er zusammen mit seinem Enkel
Hussein zum Freitagsgebet in die Al-Aqsa-Moschee hineinging.
Der Attentäter Mustafa Aschu, ein Jerusalemer
Schneiderlehrling, wurde auf der Stelle von den Leibwächtern
erschossen. Im Gefolge des Anschlags zogen Soldaten der
Arabischen Legion in einem Rachefeldzug durch die Stadt,
zertrümmerten Geschäfte und Verkaufsstände, plünderten und
richteten schwere Schäden für das Geschäftsleben an.
10
Abdullahs Ermordung galt in weiten Kreisen als Folge einer
Verschwörung. Allgemein verdächtigte man den Mufti, seine
Hände dabei im Spiel gehabt zu haben, obwohl nie ein Beweis
dafür vorgelegt wurde, dass er direkt damit zu tun hatte.
Mehrere Anhänger des Mufti wurden festgenommen. Die
Untersuchungsbeamten kamen zu dem Schluss, eine
Schlüsselfigur in der Verschwörung sei der ehemalige
jordanische Gouverneur von Jerusalem Abdullah al- Tall
gewesen. Von östlich des Jordans stammend, war er ein
Anhänger des palästinensischen Nationalismus; als Offizier
hatte er im Krieg von 1948 eine entscheidende Rolle in den
Kämpfen in Jerusalem gespielt. Überdies hatte er mindestens
einmal direkt von den Israelis Bestechungsgelder angenommen.
Tall beschuldigte Abdullah, die arabische Sache verraten zu
haben, als er im Mai 1948 arabische Truppen von der Stadt
fernhielt. Er zerstritt sich mit der Regierung und ging 1949 ins
Exil nach Ägypten. Von Kairo aus scheint Abdullah al- Tall
maßgebend bei der Planung des Attentats beteiligt und einen
großen Geldbetrag aus einer unbekannten Quelle erhalten zu
haben, um das Räderwerk der Verschwörung zu schmieren.
12
Manche Kontakte zwischen Israelis und Jordaniern gingen
sogar noch nach Abdullahs Tod weiter. So traf beispielsweise
-261-
im Oktober 1951 der israelische Distriktskommandeur für
Jerusalem, Avraham Biran, mit Ragheb Bey Naschaschibi
zusammen, um über Jerusalem zu sprechen. Naschaschibi teilte
ihm bei dieser Gelegenheit mit, dass in Jordanien die Meinung
in Richtung Internationalisierung tendiere, auch wenn dies
gleichermaßen als taktischer Schachzug sowie als Ausdruck des
Fehlens einer klaren politischen Linie in Jordanien nach dem
Mordanschlag zu werten sei.
13
«Ein Mann von Welt, genial, zynisch und ohne jeglichen
Fanatismus...Er behielt etwas von der offiziellen osmanischen
Tradition des Bakschisch und Nepotismus bei, aber in Grenzen»:
Ragheb Bey Naschaschibi, Bürgermeister von Jerusalem zwischen
1920 und 1934, bei der Begrüßung von Gästen anlässlich seiner
feierlichen Amtseinführung als Beschützer der Heiligen Stätten in
Jerusalem im Januar 1951.
-262-
Bald darauf wurden jedoch sämtliche Kontakte abgebrochen,
und im folgenden Sommer sahen sich die Israelis genötigt, die
Briten zu fragen, ob sie etwas über die gegenwärtige Haltung
Jordaniens hinsichtlich der Internationalisierung Jerusalems in
Erfahrung bringen könnten.
14
Während die direkten israelisch-jordanischen Gespräche noch
im Gang waren, feilten die Versöhnungskommission und der
UN-Treuhandrat ohne Begeisterung wieder an dem Jerusalem-
Statut. Es war eine der am kunstvollsten ausgetüftelten, am
längsten debattierten und am sorgfältigsten formulierten
Verfassungstexte, die je eingebracht wurden. In mancher
Hinsicht war es ein echtes Meisterwerk des öffentlichen Rechts,
das jedoch trotz der geradezu monströsen Anstrengungen nie in
Kraft trat. Am 30. Januar 1950 hatte der französische Vertreter
im Treuhandrat, Roger Garreau, einen weiteren Plan vorgelegt,
der vorsah, dass Jerusalem (wie Gallien) in drei Teile zerfallen
solle: eine israelische Zone, eine jordanische Zone und eine
«internationale Stadt» unter der Hoheitsgewalt der Vereinten
Nationen. Arabische Wortführer lehnten den Plan ab, weil er
Jerusalem zerschneide. Abba Eban, der Israel bei den Vereinten
Nationen vertrat, teilte dem US-State Department mit, das Statut
sei ein «völlig unrepräsentatives und unrealistisches
Dokument».
15 Am 4. April wurde das neue Statut vom
Treuhandrat mit neun gegen null Stimmen bei Enthaltung der
USA und der Sowjetunion verabschiedet. Von Arabern wie
Juden bekämpft, gelangte das Statut nicht einmal bis vor die
Generalversammlung der UNO. Der Treuhandrat wandte sich
nun anderen Problemen zu, und die Versöhnungskommission
richtete sich in einem geisterhaften Nachleben in New York ein.
Zwischen 1951 und 1967 verabschiedeten die Vereinten
Nationen keine weiteren Resolutionen zu Jerusalem. Es konnte
nicht ausbleiben, dass das Unvermögen dieser internationalen
Organisation, ihrer vermeintlichen Autorität in der Stadt denn
auch wirklich Geltung zu verschaffen, auch dass Ansehen des
-263-
Plans eines Corpus separatum unterminierte. Die offensichtliche
Zufriedenheit Israels und Jordaniens mit der Teilung, in
Ermangelung eines Besseren, und der Umstand, dass sie ihre
Auffassungen vor Ort durchzusetzen vermochten, führte
schließlich dazu, dass sich die anderen Staaten widerstrebend
mit den gegebenen Verhältnissen abfanden.
Wie die Vereinten Nationen, verloren auch sie in diesen
Jahren das Interesse an Jerusalem. Von den Großmächten
ergriffen nur Großbritannien und die USA zwischen 1950 und
1967 überhaupt irgendeine nennenswerte diplomatische
Initiative in dieser Angelegenheit. Die Briten, denen daran
gelegen war, die Position ihres Klienten Abdullah in geregelte
Verhältnisse zu bringen, waren am meisten an einer vereinbarten
Lösung interessiert. Die Amerikaner hingegen sahen die Sache
als weniger dringlich an. Im August 1950 ließ der amerikanische
Außenminister Dean Acheson die Briten wissen, er erachte die
Internationalisierung als «gerecht und durchführbar»;
«Hauptanliegen» der USA sei «eine vereinbarte Lösung».
Deshalb würden die Amerikaner eine neue Jerusalem-Initiative
nur dann mitmachen, wenn es eine «gute Chance auf Akzeptanz
seitens der beiden Jerusalem beherrschenden Staaten und eines
großen Teils der internationalen Gemeinschaft» gäbe.
16
Im Juli 1952 setzte das Londoner Außenministerium
«Versuchsbedingungen für eine endgültige arabisch- israelische
Vereinbarung» auf, die an die Amerikaner übermittelt wurden.
Sie schlugen - im Rahmen einer allgemeinen Regelung - die
«Anerkennung von Israels und Jordaniens Souveränität über ihre
jeweiligen Sektoren von Jerusalem durch alle arabischen Staaten
und ein Versprechen vor, in den Vereinten Nationen eine
Resolution zu unterstützen, die eine solche Anerkennung
befürwortet, gegen Garantien, internationale Rechte und
Interessen dort zu wahren.» Das Dokument schlug auch
«Korrekturen an der Demarkationslinie in Jerusalem vor, um
eine logische gemeinsame Grenze zu schaffen». In der Klausel,
-264-
die am wenigsten Zuspruch bei den Israelis finden sollte, hieß
es, dass Israel «alle Ansprüche (gegen Entschädigung) auf den
Skopusberg aufgeben solle, der an Jordanien gegeben wird».
17
Archie Ross, der Verfasser dieses Dokuments, gestand zwar ein,
hinsichtlich seiner Annehmbarkeit auf beiden Seiten «keine
Illusionen» gehegt zu haben, aber es sah nun doch danach aus,
dass die Briten nicht mehr unbedingt an der
Internationalisierung festhielten.
18 Eine Denkschrift von Evelyn
Shuckburgh vom Dezember 1954 deutete jedoch an, dass das
Foreign Office einen gewissen Rückzieher gemacht hatte:
«Jerusalem: ein sehr kompliziertes Problem, für das es viele
widersprüchliche, allesamt mit vielen Schwierigkeiten
verbundene Lösungen gibt. Internationalisierung oder
Neutralisierung sollte weiterhin unser Ziel sein.»
19 Mitte der
fünfziger Jahre waren aber die Anhänger einer solchen
Auffassung zunehmend in der Minderheit.
Eine förmliche Korrektur an ihrer diplomatischen Position
nahmen zwar weder die Briten noch die Amerikaner vor, aber
insgeheim erkannten beide, dass die Internationalisierung keine
realistische Politik mehr war. 1955 versuchten Briten und
Amerikaner gemeinsam, eine arabischisraelische Einigung
zustande zu bringen, bekannt als Operation Alpha, d. h. ein
gemeinsames Memorandum, das die Grundlagen einer
Vereinbarung aufzählte. Hinsichtlich Jerusalems wurde darin die
Entmilitarisierung gefordert, die de iure-Anerkennung der
israelischen und jordanischen Souveränität innerhalb ihrer
jeweiligen Sektoren der Stadt sowie die Schaffung einer
internationalen Behörde, die mit der Aufsicht über die Heiligen
Stätten beauftragt würde.
20 Aber der Versuch, den Parteien eine
auf dieser Linie liegende vertragliche Regelung aufzunötigen,
kam nicht voran, und nachdem sich 1956 die Wege
Washingtons und Londons in der Suez-Krise getrennt hatten,
ließ man die Angele genheit fallen.
Für die Zeit danach kann man die allgemeine Politik der
-265-
Westmächte in Sachen Jerusalem bis 1967 in die berühmte,
wenn auch apokryphe Maxime fassen, die angeblich
Neuankömmlingen im britischen diplomatischen Dienst
eingetrichtert wird: «Alles Tun hat Konsequenzen;
Konsequenzen sind nicht vorhersehbar; deshalb tun Sie nichts.»
-266-
Jerusalem im Abseits
Während des Palästina-Kriegs von 1948-49 war ein Großteil
der arabischen Bevölkerung Jerusalems aus der Stadt geflohen.
Trotz des Waffenstillstands hielten die Nähe der Grenze und die
ständigen Schüsse von Heckenschützen aus beiden Richtungen
viele von einer raschen Rückkehr ab. Erst 1950 setzte eine
merkliche Rückwanderung nach Ostjerusalem ein. Nicht nur
Jerusalemer, sondern auch Flüchtlinge aus den nun Israel
zugesprochenen Gebieten bezogen im jordanischen Sektor ihren
Wohnsitz. Im Juni 1953 waren 19106 Flüchtlinge in Jerusalem
registriert. Weitaus mehr ließen sich in den Dörfern vor der
Stadtgrenze nieder, wie etwa in Abu Dis (1297 Flüchtlinge im
Juni 1953 registriert), Silwan (1621) und a-Tur (800).
21 Anfangs
lebten die meisten Flüchtlinge in Zelten oder Höhlen, später in
Lehm- oder Wellblechhütten. Als in den fünfziger Jahren das
Wirtschaftsleben wieder in Gang kam, begann Ostjerusalem
Zuwanderer anzuziehen, besonders aus Hebron. Neubauten
wurden errichtet, vor allem im Norden, insbesondere im Wadi
Joz, sowie im Osten auf dem Ölberg und in seiner Umgebung.
Zwischen 1949 und 1967 verzeichnete man einen Zuwachs der
Bevölkerung des jordanischen Jerusalem von 42000 auf 70000
Einwohner.
Am 21. März 1949 gab Abdullah bekannt, dass die
Militärverwaltung im Westjordanland einschließlich
Ostjerusalem durch eine Zivilverwaltung ersetzt würde. Keine
der anderen Mächte erkannte Jordaniens Souveränität über
Ostjerusalem an, aber da es Jerusalem nicht als
Landeshauptstadt beanspruchte, entstanden daraus keine
diplomatischen Probleme. «Selbst wenn sie ihre eigenen
Interessen verfolgen, haben doch die Jordanier von Natur aus
weder die Findigkeit noch die juristische Finesse und
-267-
Hartnäckigkeit, welche die Israelis bei der Verfolgung ihrer
Ziele einsetzen», hieß es in einem Schreiben des britischen
Botschafters in Amman aus dem Jahr 1962.
22
Allerdings machten allerlei protokollarische Probleme den
ausländischen Konsuln und Diplomaten zu schaffen. Als
beispielsweise 1956 in Jerusalem ein Empfang für König
Hussein vorbereitet wurde, kam die Frage auf, ob das
konsularische Korps zugegen sein solle. Würde seine
Anwesenheit nicht die Anerkennung der jordanischen
Souveränität in der Stadt beinhalten? Würde dies die Konsuln
dazu verpflichten, auch an Empfängen des israelischen
Präsidenten teilzunehmen? Wäre ein Unterschied zu machen
«zwischen Empfängen, die einerseits die örtlichen Behörden für
den König geben, und andererseits Empfängen, die der König
selbst gibt und für welche Einladungen in seinem Namen
verschickt werden?»
23 Am Ende entschied das Londoner
Außenministerium (das damals in derlei Dingen in Jordanien
den Ton angab), dass, wie es der Generalkonsul ausdrückte,
Konsuln «einen so niedrigen Status hätten, dass ihre
Anwesenheit bei königlichen Empfängen im (jordanischen)
Jerusalem die Souveränitätsfrage nicht tangieren» könnten. Es
stellte sich dann heraus, dass die Konsuln, die arabischen
ausgenommen, überhaupt nicht eingeladen wurden - «zu unserer
großen privaten Freude, da es ein glühend heißer Tag war!»
kommentierte der britische Generalkonsul den Vorgang, um
dann, ganz seiner Würde bewusst, hinzuzufügen: «Und doch
empfinden wir dies in offizieller Hinsicht als eine Kränkung,
und wir erwägen, dagegen Protest einzulegen.»
24
In den neunzehn Jahren jordanischer Herrschaft wurde das
politische Gewicht Jerusalems innerhalb des jordanischen
Staatswesens systematisch zurückgenommen. Der ins Exil
gegangene Abdullah al-Tall war einer von vielen, der König
Abdullah vorhielt, den Rang Jerusalems absichtlich zu
schmälern. Obwohl al-Talls Vorwürfe gegen Abdullah zumeist
-268-
auf persönliche Gehässigkeit zurückzuführen waren, war diese
Vorhaltung nicht ganz unbegründet. Der arabische Sektor der
Stadt war nur noch ein stark verkleinerter Rumpf. Er hatte seine
bisherige Bedeutung als Hauptstadt eingebüßt, seitdem alle
wichtigen Regierungsstellen nach Amman verlegt worden
waren.
1950 wurde der Stadtrat aufgelöst; danach führten für eine
Weile ein ernannter Bürgermeister namens Aref al-Aref und ein
offizieller Ausschuss die Geschäfte der Stadt. 1951 wurde der
Oberste Muslimrat abgeschafft und 1956 der muslimische
religiöse Appellationshof nach Amman verlegt. Das Fest von
Nabi Musa, das seit langem eine Gelegenheit für nationalistische
Demonstrationen und das eng mit den Husaynis verknüpft war,
ließ man einschlafen. In einer Aufzeichnung eines in Jerusalem
ansässigen Briten aus den frühen fünfziger Jahren heißt es, das
Fest sei «infolge von wid rigen Umständen abgeschafft. Es hieß,
dass man es dieses Jahr wieder veranstalten wolle. Der
Bürgermeister hat sogar sein großes Zelt in Ras al-Amoud
aufgeschlagen. Aber es blieb leer und stand verloren herum. Die
Bauern waren zu arm, zu traurig, um sich einen Tag frei zu
nehmen.»
25 So ließ sich der Niedergang dieser farbenfrohen
Tradition wohl erklären, aber ein plausiblerer Grund dafür war,
dass die jordanische Regierung eine politische Gefahr in dem
Aufleben dieser Tradition witterte.
Die Briten, die in den frühen fünfziger Jahren noch großen
Einfluss in Jordanien hatten, brachten gelegentlich ihre Irritation
über die eingeschränkte Rolle der Stadt zum Ausdruck: «Wir
wären gut beraten, wenn wir der jordanischen Regierung
klarmachten... dass wir ihnen nicht gestatten können, die
Altstadt von Jerusalem so zu behandeln, als wäre sie nur ein
Provinzstädtchen in Jordanien, ohne Geschichte oder
Bedeutung», schrieb der britische Generalkonsul im April
1955.
26 Diese Feststellung war ein Beweis für die Verwirrung,
die die Jerusalem-Frage auf diplomatischer Ebene stiftete:
-269-
Einerseits wurden die Israelis dafür getadelt, dass sie aus der
Stadt ihre «Hauptstadt» machten; andererseits rügte man die
Jordanier, weil sie mit Jerusalem so umgingen, als wäre es eine
bloße «Provinzangelegenheit». Die Jordanier scherten sich
jedenfalls, wie die Israelis auch, wenig um den Rat, den sie von
draußen in bezug auf Jerusalem erhielten.
Zugleich waren die Klagen, dass die Jordanier Jerusalem links
liegen ließen, nicht ganz berechtigt. Abdullah ergriff nämlich
einige Maßnahmen, die Jerusalems Wichtigkeit unterstrichen,
und sorgte, ebenso wie seine Nachfolger, unter tatkräftigem
Einsatz des Spoliensystems dafür, dass ihm der Rückhalt der
führenden Notabein der Stadt erhalten blieb. 1950 ernannte er
einen ehemaligen Bürgermeister von Jerusalem und
langjährigen politischen Verbündeten, Ragheb Bey al-
Naschaschibi, zum Gouverneur des Westjordanlandes. Im
Januar 1951 machte er Rhageb auch zum Wächter und obersten
Kustos der Heiligen Stätten aller drei Religionen - auch wenn
die USA, der Vatikan und andere Länder sich weigerten, diese
Berufung anzuerkennen. Nach Abdullahs Tod wurden mehr
Palästinenser, einige Jerusalemer eingeschlossen, in die
Regierung aufgenommen. Aref al-Aref, der Bürgermeister von
Jerusalem, wurde 1955 zum Minister für öffentliche Arbeiten
ernannt. Anwar Nusseibeh, der in der nicht lange existierenden
Regierung für ganz Palästina in Gaza Kabinettssekretär gewesen
war, wurde 1953 zum jordanischen Minister für Verteidigung
und Wiederaufbau und 1961 zum Gouverneur von Jerusalem
berufen. Husayn Fakhri al-Khalidi, der in den dreißiger Jahren
Bürgermeister von Jerusalem gewesen war, wurde 1957
jordanischer Ministerpräsident - wenn auch nur für neun Tage.
Die Politik der Haschemiten gegenüber den Palästinensern war
im wesentlichen die einer mit Unterdrückung untermischten
Kooption.
Diese Politik war nur zum Teil erfolgreich. Während dieser
ganzen Zeit blieb Jerusalem das Zentrum des palästinensischen
-270-
arabischen Nationalismus westlich des Jordans und darum der
Gegenstand einer gefährlichen Fürsorge seitens der
innerjordanischen Sicherheitsorgane. Ein Kandidat der Wahlen
von 1962 für das Flüchtlingslager Qalandija direkt im Norden
Jerusalems erklärte voller Bitterkeit: «Schaut euch die Paläste
an, die in Amman und nicht in Jerusalem gebaut werden,
errichtet nach 1948 auf palästinensischen Schultern. Sie hätten
in Jerusalem gebaut werden sollen, aber wurden von dort
verlegt, damit es weiterhin wie ein Dorf bleibe!»
27 In den
unruhigen Zeiten nach dem Attentat auf Abdullah fassten sich
palästinensische Notabein ein Herz und stellten mit allem
Nachdruck ihre Forderungen an die jordanische Regierung. In
einem Memorandum von 1952 an den Ministerpräsidenten
drängten vierzehn führende Persönlichkeiten aus dem
Westjordanland auf eine Reihe von Maßnahmen, um Rang und
Ansehen Jerusalems zu verbessern. Die Forderungen wurden
abgelehnt; allerdings wurde 1955 der Verwaltungsstatus der
Stadt nominell hochgestuft. 1951 und 1955 kam es in Jerusalem
zu regierungsfeindlichen Unruhen, bei denen Konsulate
angegriffen und der französische und der türkische Konsul
verletzt wurden. Der exilierte Mufti verfügte noch über
Gefolgsleute, und Husayni-Anhänger bildeten den Kern der
Opposition gegen die Herrschaft der Haschemiten.
Regimefeindliche Unterströmungen wurden seit der Mitte der
fünfziger Jahre von dem aus Ägypten herüberschwappenden
Nasserschen Nationalismus angetrieben. Aber die Politik der
Jordanisierung wurde trotz gelegentlicher rhetorischer Floskeln
in Richtung Jerusalem weiter intensiviert.
28
Die Nahostkrise von 1956 verschärfte in Jerusalem sowohl
die Spannungen zwischen Israel und Jordanien als auch
zwischen Jordanien und Großbritannien. Eine Zeit lang weckte
der Nasserismus bei den Palästinensern neue Hoffnungen. Das
ägyptische Konsulat in Jerusalem tat, bis zu seiner Schließung
im Jahre 1957, das seine, um das Feuer zu schüren, indem es
-271-
den Waffenschmuggel zugunsten der Fedajin, der im
Untergrund kämpfenden palästinensischen Araber, organisierte,
die in Israel eindrangen.
29 Die Entlassung Glubb Paschas als
Kommandeur der Arabischen Legion im März 1956 markierte
den dramatischen Endpunkt des überkommenen
paternalistischen Systems britischer Oberhoheit in Jordanien.
Später im Jahr 1956 ließ der amtierende Außenminister Awni
Abdul Hadi den französischen Gesandten zu sich kommen und
teilte ihm mit, dass das von der Norm abweichende System in
Jerusalem «ein empörender Zustand sei, der nicht beibehalten
werden könne».
30 Wenige Tage danach entzog der
Außenminister den Mitgliedern des konsularischen Korps die
ständigen Diplomatenpässe, die ihnen Bewegungsfreiheit
zwischen der Alt- und der Neustadt gewährleisteten.
31 Etwa zur
gleichen Zeit wurden die konsularischen Telefonverbindungen
zwischen Ost- und Westjerusalem unterbrochen, die
überraschenderweise seit der Teilung der Stadt weiterbestanden
hatten; dabei blieb es bis 1967.
32 Der Gouverneur entschuldigte
sich dafür, dass die Pässe eingezogen worden waren, und
erklärte, dass er die entsprechende Anweisung als «dumm und
unhöflich» empfinde.
33 Sein Versuch, den Außenminister
umzustimmen, blieb jedoch erfolglos. Die Konsuln protestierten
heftig und rächten sich für den Verlust ihrer ständigen
Diplomatenpässe damit, dass sie nun Tag für Tag für sich und
ihre Mitarbeiter Tagespässe beantragten.
34 Die Westmächte
erwogen, mit der Schließung ihrer Dienststellen in Ostjerusalem
und sogar mit der Anerkennung Jerusalems als Israels
Hauptstadt zu drohen, wenn die Jordanier nicht einlenkten, aber
gegen Letzteres erhob Frankreich Einwände, weshalb es denn
auch fallengelassen wurde.
35 Stattdessen verfiel man auf eine
fruchtbarere Vorgehensweise: Man hatte herausgefunden, dass
der Direktor für Auswärtige Verbindungen im jordanischen
Außenministerium für diese Angelegenheit verantwortlich war.
Er bezog eine britische Regierungspension, die durch das
-272-
Jerusalemer Konsulat ausbezahlt wurde; daraufhin ließ man
durchblicken, dass die neuen Verhältnisse die Auszahlung
derartiger Pensionen schwierig machen würden; kurz darauf
wurden dem konsularischen Korps die Pässe wieder erteilt - mit
Ausnahme des französischen Generalkonsuls, der als eine Art
Sanktion für die Suez-Krise mehrere Jahre lang auf
Westjerusalem beschränkt war (seltsamerweise musste sein
britischer Kollege nicht dieselbe Sanktion erleiden).
36
Auf dem Höhepunkt der Suez-Krise Anfang November 1956
schlugen die Franzosen den Briten vor, Israel und Jordanien ein
weiteres Mal ihren alten Plan einer Entmilitarisierung
Jerusalems vorzuschlagen. Das Foreign Office witterte Unheil.
Verfügten etwa die Franzosen über Informationen, dass die
Israelis einen Angriff auf das Westjordanland vorhatten? Hätten
die Franzosen nichts dagegen, vorausgesetzt, dass Jerusalem
davon nicht betroffen wäre? «Es ist typisch für die Franzosen»,
schrieb ein brit ischer Diplomat am 5. November, «dass sie sich
dann, wenn der Zusammenbruch der britischen Position im
Nahen Osten bevorsteht, vor allem damit beschäftigen, ihre
angemaßte Rolle als Schutzmacht der Heiligen Stätten
beizubehalten.»
37 Die Krise ging vorüber. Israel griff nicht an,
der französische Plan fiel ins Wasser, und das Leben in
Jerusalem kehrte zu seiner von der Norm abweichenden
Normalität zurück.
In den folgenden Jahren hielten weiterhin politische Unruhen
und der Widerstand gegen die Haschemiten an. 1957 kam es in
Jerusalem zu weiterem Aufruhr. Die Ausbreitung des
Nasserismus in Jordanien und eine vorübergehende
Militärintervention der Briten führten 1958 zu einer weiteren
Krise. Israel erleichterte die Intervention der Briten, indem es
der Royal Air Force gestattete, über sein Territorium zu fliegen.
Zugleich signalisierte Israel den Briten, dass es, im Falle eines
Putsches gegen das haschemitische Regime - wie es im Irak der
Fall war - selbst das Westjordanland oder zumindest
-273-
Ostjerusalem und andere strategisch wichtige Gebiete zu
besetzen erwog.
Weder die Popularität des Panarabismus noch die offizielle
Jordanisierung konnten den palästinensischen arabischen
Nationalismus auslöschen. 1963 gab es erneut Unruhen in der
Stadt. Im folgenden Jahr fügte sich Jordanien der Realität dieser
nationalistischen Strömungen und gestattete, dass in Jerusalem
ein Palästinensischer Kongress zusammentrat - auch wenn
König Hussein zunächst Amman oder einen Ort in der Nähe des
Toten Meeres dafür vorgeschlagen hatte.
38 Eröffnet wurde er
vom jordanischen König am 29. Mai 1964 im Intercontinental
Hotel auf dem Ölberg; es war praktisch die Gründung der
Palästinensischen Befreiungsorganisation (Palestine Liberation
Organization, PLO), an deren Spitze anfangs Ahmad Schukeiri
stand. Das Hauptquartier der PLO befand sich ursprünglich in
Jerusalem, wurde aber im Januar 1967 von der jordanischen
Regierung, die ihre Autorität bedroht sah, geschlossen, weshalb
die PLO gezwungen war, ihre Basis nach Kairo zu verlegen.
Im März dieses Jahres kehrte der inzwischen über
siebzigjährige Mufti erstmals seit seiner Flucht vor den Briten
dreißig Jahre zuvor nach Jerusalem zurück. Hussein empfing ihn
mit allen Ehren und brachte ihn in seinem Haus in Bet Hanina
nördlich von Jerusalem unter. Er hatte sich jetzt mit den
Haschemiten wieder ausgesöhnt, und wäre es auch nur wegen
deren Widerstand gegen die PLO gewesen. Nach zwei Wochen
reiste er wieder ab und kehrte nie wieder zurück, wenngleich er
in seinen letzten Lebensjahren, die er zumeist im Libanon
verbrachte, weiterhin politisch aktiv blieb. In den einen Monat
später abgehaltenen allgemeinen Wahlen wurden zwei seiner
Anhänger als Repräsentanten Jerusalems ins Parlament gewählt.
Zu dieser Zeit hatte die PLO ihr Potential zwar noch nicht recht
erkannt, aber mit der Macht des Mufti war es eigentlich vorbei.
-274-
Die Christen im geteilten Jerusalem
Ein für die Zeit der jordanischen Herrschaft in Jerusalem
bezeichnendes Merkmal war der Rückgang der christlichen
Bevölkerung. Von 31400 im Jahre 1946 - damals 19 Prozent der
Bevölkerung - schrumpfte sie auf 12900 oder 4,9 Prozent im
Jahre 1967 zusammen.
39 Fast alle Christen lebten in
Ostjerusalem. Hauptfaktor für diesen Rückgang war die
Auswanderung. Diese hing weniger mit der nicht gerade
christenfreundlichen Politik der Regierung, den sozialen
Spannungen oder gelegentlichen Gewaltausbrüchen zwischen
Christen und Muslimen zusammen, als vielmehr mit dem
Rückgang wirtschaftlicher Chancen einschließlich der
Beschäftigung in der Verwaltung, in Handel und Gewerbe und
im Tourismus, mithin in jenen Bereichen, von denen die
christliche Bevölkerung der Stadt bislang weitgehend gelebt
hatte.
Im zahlenmäßigen Rückgang spiegelte sich auch das
Schwinden ihres politischen Einflusses. Die Anzahl von
Christen im öffentlichen Dienst, die während der britischen
Mandatsverwaltung unverhältnismäßig hoch war, ging unter
jordanischer Herrschaft zurück. Jordanien war ein muslimischer
Staat, in dem die christlichen Feiertage nicht mehr offiziell
anerkannt waren. 1953, 1954, 1965 und 1966 erlassene Gesetze
schränkten den Erwerb von Grundbesitz durch christliche
Institutionen in Jerusalem ein und beschnitten ihre
Handlungsmöglichkeiten.
40 Christliche Schulen mussten
beispielsweise an Freitagen schließen und ihre Lehrpläne
anpassen. Seit langem den christlichen Einrichtungen gewährte
Zollvergünstigungen wurden gestrichen. Wiederholt brachte der
britische Generalkonsul in Jerusalem seine Verärgerung über die
«antichristlichen Tendenzen» zum Ausdruck. So schrieb er
-275-
1955, die Jordanier führten einen «offenen Krieg... gegen
christliche Einrichtungen in Jerusalem», und drang darauf, dass
die britische Regierung ihren großen Einfluss in Amman dazu
nutzen möge, die Interessen der Christen zu verteidigen.
41
Der Streit innerhalb der griechisch-orthodoxen Gemeinde
zwischen der griechischen Hierarchie und den arabischen Laien,
der unter osmanischer und britischer Herrschaft nicht zum
Stillstand gekommen war, lebte 1955 wieder auf, als Patriarch
Timotheos schwer erkrankte. Kurz vor seinem Tod ließ die
sowjetische Regierung erkennen, dass sie sich für den
Archimandriten Isidoros von Nazareth als seinen Nachfolger
einsetzen werde. Es hieß, ein russischer Geistlicher sei «mit
200000 US-Dollar in der Tasche aufgetaucht, die er verwenden
wollte, um die Wahl Isidoros sicherzustellen». Die griechische
Regierung drängte die Briten, gegen den Mann vorzugehen. Als
aber Sir Patrick Coghill, der britische Chef der jordanischen
Kriminalpolizei, sich des Falls annahm, musste er einräumen,
dass der Archimandrit nicht mit dem Kommunismus
sympathisierte, und sagte, er habe auf ihn einen guten Eindruck
gemacht. Der griechische Generalkonsul gab zurück, dass
Isidoros zwar «nicht durch und durch ein Kommunist sein
möge, er ihn aber als einen Mitläufer betrachte».
42 Später
äußerte er die Ansicht, man habe «den Verdacht gehabt, dass
Isidoros mit den Nazis kollaboriert habe».
43 Die Briten nahmen
das alles nicht sehr ernst, waren aber doch wegen einer
potentiellen sowjetischen Wahlbeeinflussung besorgt. Das
britische Außenministerium warnte vor der Gefahr, wies darauf
hin, dass der Vorsitzende der sowjetischen Kirchenmission in
Palästina, Archimandrit Polycarp, «von den Amerikanern aus
Seoul verjagt» worden sei und erinnerte an «seinen notorischen
Vorgänger Porphyrios Uspensky aus den Zeiten des
Krimkriegs».
44
Isidoros eigentliches Verbrechen in den Augen der Griechen
war jedoch seine Popularität bei den arabischen Laien. Nach
dem Tod des Timotheos kam es zu dem mittlerweile zum Ritual
gewordenen Streit zwischen den Griechen, die ihre alten
Vorrechte zu wahren suchten, und den Arabern, die bei den
arabischen Nationalisten Rückhalt fanden. Die griechische
Regierung intervenierte zugunsten der an der Macht
befindlichen Hellenischen Bruderschaft. Wundersamerweise
wurde Patriarch Benediktos mit dem Segen der jordanischen,
israelischen und griechischen Regierung gewählt, aber der
Kampf gegen die Vorherrschaft der Griechen ging weiter. 1956
schlug sich die jordanische Regierung unter Sulayman al-
Nabulsi auf die Seite der arabischen Laien und Geistlichen und
versuchte, der Kirche eine neue Verfassung aufzudrücken. Diese
wurde unter diplomatischem Gegendruck aber dann doch
zurückgezogen und statt ihrer eine gemäßigtere erlassen, die die
griechischen Privilegien nur wenig schmälerte.
45 1960 wurde
erstmals ein Araber zum Mitglied des Synods berufen. Der
Krieg gegen die griechische Dominanz in der orthodoxen Kirche
war damit aber keineswegs zu Ende.
Auch das Armenische Patriarchat wurde in die Politik
hineingezogen. Die armenische Gemeinde war geographisch
gespalten, da mehrere Hundert Armenier im israelischen
Jerusalem blieben und somit von ihren Brüdern in Jordanien
getrennt waren. Auch ideologisch waren sie gespalten, nämlich
in Anhänger der unterschiedlichen armenischen Parteien. Im
November 1950 versuchten die Israelis, den armenischen
Amtsverweser (das Patriarchat war damals vakant) zur
Zusammenarbeit zu bewegen; er sollte öffentlich bekunden, dass
man deren Vorschlägen für die Stadt freundlich gesonnen sei.
Dazu, sagte dieser, sei er erst bereit, wenn der armenische
Grundbesitz in Israel zurückgegeben und ein Geldbetrag gezahlt
worden sei, den die israelischen Unterhändler «eine exorbitante
Menge Sterlinge» nannten. Daraufhin gaben die Israelis sofort
allen armenischen Grundbesitz in Jaffa zurück «und wechselten
eintausend Sterling für den Transfer [in die] Altstadt» - in
-276-
-277-
Westjerusalem rückten sie ihn allerdings nicht heraus. Ob dies
das erwünschte Ergebnis zeitigte, ist leider nirgends
verzeichnet.
46 Mitte der fünfziger Jahre führte ein wüster
Machtkampf innerhalb des Patriarchats mit Vorwürfen
kommunistischer und zionistischer Loyalitäten zur Deportation
mehrerer hoher Geistlicher durch die jordanische Regierung.
47
Anfang 1958, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen,
wurde der Klosterkomplex im armenischen Viertel von den
dortigen Anwohnern verbarrikadiert; die jordanische Armee
brauchte mehrere Tage, bis der Zugang wieder offen war.
48 1960
löste König Hussein den Konflikt, indem er Jeghische
Derderian, den man mit der antisowjetischen Daschnak-Partei
identifizierte, als Patriarchen anerkannte.
49
Die christlichen Heiligen Stätten traten in dieser Zeit
allgemein als Konfliktpunkte zurück, obwohl es auch weiterhin
gelegentlich zu Streitigkeiten darüber kam, die der jordanischen
Regierung Kopfzerbrechen bereiteten (im israelischen Jerusalem
gab es vergleichsweise wenige christliche Stätten oder
Einrichtungen). Im Januar 1954, als die östliche Christenheit
Weihnachten feierte, erklärte der koptische Erzbischof - der
britische Generalkonsul bezeichnete ihn als einen «Erz-
Unruhestifter» - «dem Gouverneur ganz offen, dass er als
Araber von der jordanischen Regierung erwarte, dass sie ihm
einen größeren Einfluss auf die Heiligen Stätten» einräume. Die
Kopten waren in Jerusalem zwar nur eine winzig kleine Gruppe,
konnten sich aber in ihrem sich lange hinziehenden Disput mit
den Äthiopiern über ihre Rechte im Umkreis der Grabeskirche
auf den Rückhalt aus Ägypten verlassen.
50 Ein andersartiger
Konflikt erwuchs aus einer dringend nötigen Instandsetzung des
Heiligen Grabes. Die Katholiken schlugen vor, den ganzen Bau
abzureißen und einen neuen zu errichten. Die Griechisch-
Orthodoxen lehnten ab, weil sie befürchteten, dass dies zu einer
Beeinträchtigung ihrer Vorrechte führen könnte, und versuchten,
Geld für die Reparatur zu beschaffen. Die von der Sowjetunion
-278-
bestimmte russisch-orthodoxe Kirche bot von sich aus einen
Beitrag an, aber ihr Angebot wurde abgelehnt; stattdessen
bemühte man sich um Gelder von orthodoxen Christen in
Nordamerika.
51 Derlei Vorgänge regten die örtlichen Christen
und ausländische Förderer auf, waren aber nicht länger Themen,
mit den sich die Großmächte beschäftigten und die den
Völkerfrieden bedrohten. So schrumpfte das christliche
Jerusalem nicht nur in demographischer Hinsicht, sondern auch
im politischen Bewusstsein der christlichen Welt zu einer
kleinen Größe zusammen.
-279-
Neue Konsularkriege
Zwischen 1949 und 1967 unterhielten die meisten Staaten
eine von der Norm abweichende konsularische Präsenz in
Jerusalem. Jeder hatte einen Konsul, aber zwei Konsulate, eines
im israelischen Westjerusalem und ein zweites im jordanischen
Ostteil der Stadt. Die meisten lebten in Westjerusalem, viele in
der als Straße der Konsuln bekannten Balfour Street in Talbieh,
und fuhren zwischen dem israelischen und dem arabischen
Sektor hin und her. Die Konsuln waren instruiert, weder in
Israel noch in Jordanien um ihr Exequatur zu bitten, wodurch
die rechtliche Fiktion aufrechterhalten blieb, dass man sich noch
an den Internationalisierungsplan der Vereinten Nationen
gebunden fühlte. In den Anfangsjahren weigerten sich einige
sogar, mit der israelischen oder jordanischen Zentralregierung
irgendwelche Kontakte zu unterhalten, beispielsweise nicht
einmal hinsichtlich der Zulassung ihrer Autos, und erklärten,
ausschließlich mit den lokalen Behörden verhandeln zu wollen.
In dieser Hinsicht, wie in vielem anderen, folgten in den
ersten Jahren des Kalten Krieges die meisten westlichen Staaten
dabei dem Vorbild der Amerikaner. Nachdem die Israelis im
Dezember 1949 Jerusalem zu ihrer Hauptstadt erklärt hatten,
stellte das State Department fest, dass man die israelische
Souveränität in Jerusalem nicht anerkenne und weiterhin am
Prinzip der Internationalisierung festhalte.
52 Folglich
unterhielten die USA ein Generalkonsulat (verteilt auf zwei
Gebäude, eines in West- und das andere in Ostjerusalem), das
direkt dem State Department unterstand und für das weder Israel
noch Jordanien um die Exequatur ersucht wurde. Als einige
kleinere westliche Staaten ihr Interesse anmeldeten, ihre
Botschaften nach Jerusalem zu verlegen, übten die USA unter
Eisenhower und Kennedy Druck auf sie aus, um dies zu
-280-
verhindern. Diese Praxis führte wiederholt zu israelischen
Beschwerden, wurde aber allem Anschein nach erst 1962
eingestellt.
53
Die kleinsten Nuancen und Varianten im Verhalten der
Konsuln gegenüber Israel und Jordanien zogen Aufmerksamkeit
auf sich. 1953 wurde beispielsweise vermerkt, dass der
amerikanische konsularische Geschäftsträger auf der arabischen
Seite mit «S. R. Tyler», auf der is raelischen hingegen mit
«Samuel R. Tyler» unterzeichnete. Der niederländische Konsul
kombinierte seinen Posten mit dem des Gesandten für Israel -
und gehörte damit zu den wenigen akkreditierten Diplomaten,
die in Jerusalem wohnten; anders als die anderen Konsuln
unterhielt er kein Büro in Ostjerusalem, sondern «benutzte einen
holländischen Mönch in Gethsemane als Briefkasten». Dem
polnischen und dem jugoslawischen Konsul wurde ein Pass für
das jordanische Jerusalem verweigert; umgekehrt weigerte sich
der libanesische Konsul, den israelischen Sektor zu betreten.
54
Am weitesten ging der französische Generalkonsul und
Doyen des konsularischen Korps René Neuville in seinen
Bemühungen zur Wiederherstellung der Machtstellung und
Vorrechte der Konsuln. Während der Belagerung von
Westjerusalem im Jahre 1948 stellte er das alte Konsulspostamt
wieder her und gab spezielle Konsularbriefmarken heraus. Im
Dezember 1950 erklärte er anlässlich einer Sitzung der Konsuln,
dass in Jerusalem wohnhafte Bürger ausländischer Staaten nicht
dem israelischen Recht unterstünden und nicht dazu gezwungen
werden könnten, vor einem israelischen Gericht zu erscheinen.
55
Im Januar 1951 berief Neuville ein weiteres Treffen der
Konsuln ein, bei dem es zwischen ihm und dem britischen
Generalkonsul, Sir Hugh Dow, zu einer erbitterten
Auseinandersetzung über die Frage kam, ob die Konsuln an der
Einsetzung Ragheb Naschaschibis als Wächter der Heiligen
Stätten teilnehmen sollten. Neuville, der sich genauestens mit
der Geschichte der konsularischen Privilegien in Jerusalem
-281-
auskannte, hatte die Briten in Verdacht, König Abdullah zu der
Ernennung bewogen zu haben. Der Posten sei eine Neuerung
und ein Eingriff sowohl in den diplomatischen Status von
Jerusalem als auch in den Status quo an den Heiligen Stätten.
Der Franzose (der eigentlich zur Hälfte Spanier war) überredete
die Mehrheit der anderen katholischen Konsuln und kirchlichen
Würdenträger, sich ihm beim Boykott der Zeremonie
anzuschließen.
56 Wie es sich so fügte, war Raghebs Amtszeit
nur von kurzer Dauer. Er starb noch im selben Jahr, und kurz
darauf wurde der Posten wieder abgeschafft. Als eine Miniatur-
Neuauflage der großen britisch-französischen Treffen auf
demselben Schlachtfeld regte sich in den Gefilden der
Diplomatie diesmal kaum ein Lüftche n. Vor Ort freilich gab es
zwischen Briten und Franzosen eine tüchtige Verstimmung. Die
meisten Kollegen Neuvilles betrieben keine solch
auftrumpfende Politik, aber die anormale Stellung der Konsuln
in Jerusalem führte wiederholt zu Problemen in den
Beziehungen zwischen Israel, Jordanien und den anderen
Staaten.
In Wirklichkeit hatten die Konsuln - trotz all ihrer Versuche,
ihre eigene Wichtigkeit aufzublasen - kein großes Gewicht
mehr, die der kleinen Staaten überhaupt keines. Anlässlich der
Klärung der Rechte der äthiopischen Kirche an den Heiligen
Stätten wandte sich der äthiopische Konsul viermal sehr höflich
mit Schreiben an den jordanischen Gouverneur von Jerusalem.
Da er keine Antwort erhielt, ersuchte er darum, dass man ihm
doch irgendeine Antwort geben möge. Daraufhin leitete der
Gouverneur den Brief an Neuville als den Doyen des
konsularischen Korps weiter und erklärte diesem, dass er nicht
bereit sei, beleidigende Briefe von Konsuln hinzunehmen, die
sich nicht in Dinge einzumischen hätten, die sich auf den Status
quo bezögen, und dass er erwäge, dem Äthiopier die
Genehmigung zu entziehen, beide Teile Jerusalems betreten zu
dürfen.
57
-282-
Die erste Großmacht, die sich bereit zu erklären schien, den
Status quo anzuerkennen, war die am militantesten
antichr istliche: die Sowjetunion. Bereits im Februar 1949 hatten
die Sowjets erste Anzeichen des Nachgebens erkennen lassen,
als der russische Gesandte als einziger Repräsentant einer
Großmacht der Eröffnung der ersten Knessetsitzung in
Jerusalem beiwohnte. Im April 1950 erklärte die Sowjetunion
formell, dass sie nicht länger die Internationalisierung
unterstütze, da «klar geworden ist, dass der oben erwähnte
Beschluss der Generalversammlung weder die arabische noch
die jüdische Bevölkerung zufrieden stellt, weder der Stadt
Jerusalem noch Palästinas als Ganzem».
58 In Anbetracht des
bisherigen vorbehaltlosen Festhaltens sowjetischer Wortführer
an der Teilungsresolution der Generalversammlung bei UNZusammenkünften
bedeutete dies eine deutliche Kursänderung -
auch wenn sie im Einklang mit der vorrangigen sowjetischen
Zielsetzung stand, den britischen und amerikanischen Einfluss
in dem Gebiet zu schwächen. Trotzdem bezeichnete Sir Knox
Helm, der britische Gesandte in Tel Aviv, diesen Sinneswandel
als «sowjetische Kehrtwende hinsichtlich Jerusalems», die in
Israel als «Todesstoß für den Internationalisierungsplan der
Vereinten Nationen» betrachtet werde.
59
Die israelische Sicht stellte sich als zutreffend heraus. Als
kurz danach die Briten Israel de iure anerkannten, bewegten sie
sich in Richtung auf, wie Helm es nannte, die «quasi de facto-
Akzeptanz... der Teilung von Jerusalem». Unterdessen war das
britisch-jordanische Bündnis von 1946 nicht nur auf das
Westjordanland, sondern auch auf Ostjerusalem erstreckt
worden. Dies war ein weiterer Schritt zur Verfestigung des
Status quo in der Stadt.
Im Laufe dieser Jahre verlagerten die Israelis nach und nach
Teile des Staatsapparats von Tel Aviv nach Jerusalem, nicht
jedoch das wichtigste aller Ministerien, das
Verteidigungsministerium. Diese Umzüge hatten allerdings eher
-283-
einen symbolischen Charakter. Der Schwerpunkt der
israelischen Regierung blieb bis 1967 in Tel Aviv - ein
Sachverhalt, der im Außenministerium als Schwächung von
Israels diplomatischer Position in der Jerusalem-Frage
angesehen wurde.
60
Im Mai 1952. gab das israelische Außenministerium seine
Absicht bekannt, demnächst nach Jerusalem umzuziehen. Die
Westmächte berieten die Frage ausgiebig miteinander und
setzten Israel unter Druck, davon abzulassen, auch wenn der
amerikanische Außenminister John Foster Dulles bei seinem
Israelbesuch im Mai 1953 die Frage nur am Rande berührte.
Erfolg hatten sie damit nicht.
61 Die Briten waren nicht
abgeneigt, dem israelischen Außenministerium zu folgen und
ihre diplomatische Vertretung nach Jerusalem zu verlegen; sie
sahen sich sogar schon nach geeigneten Grundstücken in
Jerusalem um, was der Öffentlichkeit nicht verborgen blieb. Die
Israelis kamen zu dem Schluss, dass westlicher Widerstand eher
als Parteinahme für die Araber ausgele gt denn grundlegend sein
werde, und schritten darum im Sommer 1953 zur Tat. Fast alle
Länder des Westens entschieden jedoch in einer großen
Solidaritätsaktion, ihre Botschaften in Tel Aviv beizubehalten -
was für ihre Diplomaten große Unbequemlichkeiten mit sich
brachte. Dulles erklärte sein «Missfallen» angesichts des
israelischen Vorgehens und deutete an, dass dies Auswirkungen
auf die amerikanische Hilfe für Israel haben werde.
62 Jordanien
reagierte mit einer Kabinettssitzung in Jerusalem - wenngleich
der Ministerpräsident dem britischen Gesandten versicherte, dies
sei «fast ganz für den Hausgebrauch bestimmt... Es bestehe
nicht die Absicht, damit anzudeuten, dass Jerusalem eine zweite
Hauptstadt sei oder die jordanische Regierung dorthin verlegt
werde».
63 Nach der Verlegung drängten die Vereinigten Staaten
ihre Verbündeten, ihre Repräsentanten nicht im Ministerium
erscheinen zu lassen. Die meisten fügten sich, und Scharett war
gezwungen, einen kleinen Rückzieher zu machen und für eine
-284-
Weile sich damit einverstanden zu erklären, mit Diplomaten
weiterhin in Tel Aviv zusammenzutreffen. Erst 1962 wurde das
«Tel Aviver Verbindungsbüro» des Außenministeriums
endgültig geschlossen.
Im Dezember 1953 war der russische Gesandte Alexander
Abramow der erste Repräsentant einer Großmacht, der sein
Beglaubigungsschreiben dem israelischen Staatspräsidenten in
Jerusalem überreichte. Der Schweizer Gesandte erklärte
daraufhin «die Schlacht um Jerusalem» für verloren.
64 Kurz
danach stattete der neue italienische Gesandte Scharett einen
Besuch im Außenministerium ab, auch wenn er auf Anweisung
seiner Regierung sein Beglaubigungsschreiben dem Präsidenten
in Tiberias übergab. Als Scharett im Januar 1954 David Ben
Gurions Nachfolger als Ministerpräsident wurde, zugleich aber
sein Amt als Außenminister beibehielt, stattete ihm der
französische Botschafter und damalige Doyen des
diplomatischen Korps einen offiziellen Besuch in Jerusalem ab.
Von da an zerbröckelte die diplomatische Front der westlichen
Staaten. Im Oktober 1954 sprach der britische Außenminister
Anthony Eden seinen amerikanischen Kollegen Dulles beim
Mittagessen auf diese Frage an. Sie kamen schließlich überein,
die Beglaubigungsschreiben in Jerusalem zu übergeben, «unter
dem Vorbehalt, dass dies die Positionen des Vereinigten
Königsreichs und der USA hinsichtlich des Status von
Jerusalem nicht ändere».
65
In all diesen Jahren quälten sich die Diplomaten mit den
Feinheiten des Protokolls herum. Durften neue Gesandte ihre
Beglaubigungsschreiben in Jerusalem übergeben? Durften sie
dort an offiziellen Anlässen oder Veranstaltungen teilnehmen?
Durften sie dort an inoffiziellen Anlässen oder Veranstaltungen
teilnehmen? Durften sie über Nacht in der Stadt bleiben? Wenn
sie dort das Außenministerium aufsuchten, sollte es sich nur um
Höflichkeitsbesuche handeln oder durfte dies auch in
Amtsgeschäften geschehen? Wenn die Missionschefs nicht das
-285-
Außenministerium aufsuchen durften, galt dies dann auch für
weniger hochrangige Diplomaten? War nicht die Position eines
Konsuls eine andere als die eines diplomatischen
Repräsentanten? Durften offizielle Schreiben nach Jerusalem
adressiert werden? Und so weiter und so fort.
In den späteren fünfziger Jahren wurde der internationale
Widerstand gegen die Teilung Jerusalems allmählich
aufgegeben. 1955 ernannte Guatemala Garcia Granados zu
seinem Gesandten in Israel. Granados war 1947 Vorsitzender
des UN-Sonderausschusses für Palästina (UNSCOP) gewesen;
man wusste, dass er eine stark proisraelische Einstellung hatte,
und dass er, einem unfreundliche n Diplomatengerücht zufolge,
aus seiner Amtszeit bei der UNSCOP «unerklärlich reicher»
hervorgegangen sei.
66 Als Granados in Israel ankam, entschied
er sich im Widerspruch zu den erhaltenen Instruktionen dafür,
sich nicht in Tel Aviv, sondern in Jerusalem niederzulassen; er
brach damit das Tabu hinsichtlich der Einrichtung von
diplomatischen Missionen an diesem Ort. Andere Diplomaten
waren darüber verärgert und zeigten ihm, allen voran der
britische Vertreter, die kalte Schulter. Ein Jahr darauf verlegte
der Vertreter Uruguays seine Gesandtschaft nach Jerusalem, und
1959 folgte Venezuela ihm nach. Israels erfolgreiche Pflege
guter Beziehungen mit vielen seit kurzem unabhängigen
afrikanischen Staaten veranlasste einige von ihnen, ihre
Vertretungen ebenfalls in Jerusalem anzusiedeln: so die
Elfenbeinküste 1961 und Gabun 1962. Von den einundvierzig
Staaten, die 1962 in Israel Vertretungen unterhielten, hatten elf
ihre Missionen in Jerusalem.
67 In der Mitte der sechziger Jahre
gab es zwanzig Botschaften in Westjerusalem, aber darunter war
keine Botschaft einer Großmacht, und aus Europa war dort nur
die der Niederlande.
Sogar arabische Staaten - darunter einige, die den
Haschemiten nicht gerade freundlich gesonnen waren - machten
Anstalten, den Status quo eines geteilten Jerusalem
-286-
hinzunehmen. Im August 1950 ließ der syrische Gesandte in
Washington das State Department wissen, dass «die
Internationalisierung völlig unpraktikabel» sei.
68 Im November
1955 deutete der ägyptische Außenminister Mahmud Fawzi bei
einer Diskussion über eine gemeinsame Initiative
Großbritanniens und der USA zugunsten einer Verständigung
zwischen Israel und Ägypten an, dass hinsichtlich Jerusalems
«Ägypten bereit sei, dem Konsens in der UNO zu folgen, sei es
nun hinsichtlich der Internationalisierung oder eines geteilten
Systems zum Schutz der Heiligen Stätten».
69
Nach und nach setzte sich bei den Westmächten die Einsicht
durch, dass sie sich in eine lächerliche Situation
hineinmanövriert hatten. Der britische Generalkonsul in
Jerusalem äußerte sich dazu 1955 wie folgt: «Wir betrachten es
als eine Aufgabe, für die das Konsulat verantwortlich ist, so weit
wie möglich die Theorie von Jerusalems geteiltem Status
mitzutragen. Es ist eine Theorie, die sich... immer schwerer
aufrechterhalten lässt.»
70 1960 war man im Londoner Foreign
Office allgemein der Meinung, dass «die Häufung von Akten,
welche die Anerkennung zu beinhalten scheinen,... früher oder
später einen Punkt erreichen werde, an dem wir uns nur
lächerlich machen, wenn wir so tun, als ob wir nicht
anerkennen».
71
Anfang der sechziger Jahre beschlossen die Israelis, auf die
Konsulate einen steten Druck auszuüben, um sie zur
Anerkennung der israelischen Souveränität in Jerusalem zu
bewegen. Man setzte dazu eine Reihe kleinerer bürokratischer
Instrumente ein: 1963 wurde beispielsweise verfügt, dass
Konsuln nur dann für ihre Autos von Einfuhrzöllen befreit
würden, wenn sie Israel um das Exequatur ersucht hatten. In
Jerusalem ansässigen ausländischen Einrichtungen, die solche
Ausnahmen für sich beantragten, wurde mitgeteilt, dass sie dies
über ihre Botschaften in Tel Aviv und nicht über ihre Konsulate
tun sollten.
-287-
Seine größten Hoffnungen in dieser Hinsicht setzte Israel
jedoch auf Frankreich, das einst die Fahne der
Internationalisierung besonders hoch gehalten hatte. In den
Jahren zwischen der Suez-Krise und 1967, der Periode der
französisch-israelischen «Flitterwochen», machte sich eine
langsame Entwicklung in der französischen Haltung zu
Jerusalem bemerkbar. 1965 trat der französische Botschafter bei
einer Reihe offizieller Veranstaltungen in Jerusalem auf. Seit
1966 begannen die Israelis, sich sogar Hoffnungen zu machen,
dass die französische Botschaft bald nach Jerusalem verlegt
würde, mussten aber einsehen, dass selbst im Fall eines so
freundlich gesinnten Landes wie Frankreich weder Zuckerbrot
noch Peitsche große Wirkung zeitigten.
72
-288-
Die Hauptstadt in der Sackgasse
In vielerlei Hinsicht war die Situation des israelischen
Jerusalem in den Jahren 1949 bis 1967 ein Spiegelbild derer im
jordanische n Teil der Stadt. Die Völkergemeinschaft erkannte
weder die israelische Souveränität in Westjerusalem noch die
jordanische in Ostjerusalem an. Gemeinsam wurden Israel und
Jordanien zu den entschiedensten Gegnern einer
Internationalisierung. Allerdings spielte die israelische
Regierung nicht, wie die jordanische, die Bedeutung Jerusalems
absichtlich herunter. Im Gegensatz zum jordanischen Jerusalem,
das in die Starre des Provinzialismus verfiel, fand im
israelischen Jerusalem ein dynamisches Wachstum statt. Im
Vergleich mit Israels größter Stadt, Tel Aviv, drängt sich
allerdings eine andere Schlussfolgerung auf. Von der Küste aus
betrachtet war das israelische Jerusalem eine abgelegene
Hauptstadt, eine Sackgasse am Ende einer einspurigen
Eisenbahnverbindung, die sich die judäischen Hügel hinauf
schlängelte. Auf drei Seiten von einer geschlossenen Grenze
umgeben, mit nur einem schmalen Korridor hinunter zum
Mittelmeer, war Jerusalem von seinem Hinterland in
wirtschaftlicher Hinsicht abgeschnitten. Nur wenig Ind ustrie
wurde nach Jerusalem verlagert. Die überwältigenden
finanziellen Belastungen für die Verteidigung und die
Integration von Einwanderern hinderten Israel daran, in die
Infrastruktur oder in Vorzeigeobjekte in seiner Hauptstadt zu
investieren. Das strenge, sozialistische Ethos der frühen Jahre
dieses Staates sprach ohnehin gegen monumentale
Bauvorhaben. Anders als Weizmann ließ sich Israels zweiter
Staatspräsident in Jerusalem nieder, aber er bezog eine
bescheidene «Präsidentenhütte». Alle hebräischen
Tageszeitungen blieben auch weiterhin in Tel Aviv.
-289-
Die Bevölkerung Westjerusalems verdoppelte sich annähernd
zwischen 1948 und 1967 auf 198000 Einwohner. Große Vororte
entstanden, um die neuen Einwanderer unterzubringen;
schachtelartige, oft scheußliche Häuserblocks wurden hastig
errichtet. Zum zweiten Mal in Jerusalems moderner Geschichte
wurde Ronald Storrs Anordnung aus der Anfangszeit der
britischen Mandatsverwaltung ignoriert, derzufolge alle Bauten
steinerne Fassaden haben mussten (das erste Mal gescha h es
während eines Streiks der Steinmetze in den dreißiger Jahren).
Während im israelischen Establishment in diesen Jahren die
Meinung vorherrschte, dass man mit einem geteilten Jerusalem
durchaus leben konnte, fühlte man sich doch von manchen
Aspekten der Teilung bedrückt und meinte, dass sie
korrekturbedürftig seien. Zu den Belangen, zu denen das
israelisch-jordanische Waffenstillstandsabkommen vom 3. April
1949 festgestellt hatte, dass «Einigkeit im Grundsätzlichen
bereits besteht», gehörte die «Wiederaufnahme des normalen
Betriebs der kulturellen und humanitären Einrichtungen auf dem
Skopusberg und der freie Zugang zu ihnen sowie der freie
Zugang zu den Heiligen Stätten und... die Benutzung des
Friedhofs auf dem Ölberg».
73 Aber das Prinzip wurde nicht in
die Praxis umgesetzt. Bis 1967 versperrten die Jordanier den
Zutritt zur Westmauer und zum Friedhof, und die Verbindungen
zum Skopusberg wurden nicht restlos wiederhergestellt.
Das israelische Interesse am Skopusberg war nicht rein
sentimentaler Natur. Der Kommandeur der israelischen Truppen
in der Enklave, Baruch Neumark, wies im Oktober 1948 darauf
hin, dass dieses Gebiet die nördlichen Zugangswege zur Altstadt
einschließe: «Ich glaube, dass derjenige, der dieses
dominierende Gelände kontrolliert, über Jerusalem herrschen
wird.»
74 Im November 1948 bestätigten Moshe Dayan und
Abdullah al-Tall die Vereinbarung vom Juli, wonach alle
vierzehn Tage Konvois unter dem Schutz der Vereinten
Nationen zwischen Westjerusalem und der Enklave verkehren
-290-
dürften. Dieses Arrangement stellte die Israelis aber nicht ganz
zufrieden, weil so in der Enklave kein normales ziviles Leben
wieder aufgenommen werden konnte und für sie das Gebiet von
herausragender strategischer Bedeutung war. Deshalb ersuchte
Dayan im September 1949 Ben Gurions Genehmigung eines
militärischen Angriffs, der einen Korridor zum Skopusberg
schaffen würde. Der Ministerpräsident war aber nicht zu einem
neuerlichen Krieg bereit.
75
Obwohl beide Seiten das Abkommen über die
Entmilitarisierung des Skopusberges weiterhin anerkannten,
benutzten beide unterschiedliche Militärkarten, was zur Folge
hatte, dass es häufig zu Zusammenstößen kam. Den Israelis war
von den Vereinten Nationen gestattet, Polizei und «eine
begrenzte Anzahl von Handwerkern» in die Enklave zu
entsenden, um «als Wachen und Wartungsmannschaft im
Krankenhaus und den Universitätsgebäuden und Umgebung zu
arbeiten».
76 In der Tat aber legten sie Waffenlager an, bauten
Unterstände und Schützengräben und schickten als Polizisten
und Zivilisten verkleidete Soldaten hinein. 1953 hinderte
israelische «Polizei» Beobachter der Vereinten Nationen daran,
die Enklave zu betreten.
77 1957 verweigerten die Jordanier unter
dem Vorwurf, dass es zu Verstößen gegen die Vereinbarung
gekommen sei, einem Konvoi die Durchfa hrt. Im folgenden Jahr
töteten jordanische Heckenschützen vier Israelis und einen UNBeobachter.
1960 kam es zu weiteren Zwischenfällen, als Einwohner des
arabischen Dorfes Isawija den staubigen Fahrweg verlegten, den
ihr Dorf mit der Straße nach Ramallah verband. Die Israelis
behaupteten, die neue Trasse verletze ihr Territorium.
78
In all diesen Jahren standen die Gebäude der Hebräischen
Universität und des Hadassa-Krankenhauses gespenstisch leer.
Nach und nach wurden die Bücher aus der Nationalbibliothek
herausgeschmuggelt, um sie im neuen Bibliotheksbau benutzen
zu können, der auf dem Ersatzuniversitätsgelände in Givat Ram
-291-
in Westjerusalem errichtet worden war. Die gewaltigen
Investitionen auf diesem Areal und in das neue Zentrum des
Hadassa-Krankenhauses in Ein Karem, die beide in den
sechziger Jahren entstanden, signalisierten Israels zögernde
Akzeptanz des Status quo eines geteilten Jerusalem.
Die West-(Klage-)mauer in Jerusalem im August 1967, einige
Wochen nach der israelischen Eroberung des Ostteils der Stadt und
nach dem Abriss von 135 davor gelegenen Häusern, um einen großen
Platz zu schaffen.
Vor Juni 1967 forderten nur wenige politische Stimmen in
Israel und keine einzige innerhalb der Regierung eine
irredentistische Politik gegenüber Ostjerusalem. Deshalb war
das Land weder politisch noch diplomatisch noch psychologisch
darauf vorbereitet, als, ganz unerwartet, nach neunzehn Jahren
der Teilung Jerusalem fast über Nacht wieder vereinigt wurde,
unter israelischer Herrschaft.
-292-
6. DIE ANNEXION
Am 7. Juni 1967 eroberten israelische Truppen im Zuge ihres
Vormarschs durch das Westjordanland Ostjerusalem. Um die
Mittagszeit dieses Tages ging der israelische
Verteidigungsminister Mosche Dayan zur Westmauer und
erklärte Jerusalem als «befreit». «Wir haben Jerusalem, die
geteilte Hauptstadt Israels, vereinigt. Wir sind zur heiligsten
unserer Heiligen Stätten zurückgekehrt und werden uns nie
wieder von ihr trennen.»
1 Das Ereignis wurde in der gesamten
jüdischen Welt mit unermesslicher Freude aufgenommen,
obwohl Israel doch vor dem Juni 1967 keinerlei Dringlichkeit
gezeigt hatte, die Hoheitsgewalt über die Altstadt von Jerusalem
ausüben zu wollen. Israel sollte aber eines Tages erkennen, dass
es mit der Eroberung von Ostjerusalem die Büchse der Pandora
geöffnet hatte.
-293-
Die Eroberung
Ob Israel gegen Jordanien in den Krieg gezogen wäre, wenn
König Hussein ihm nicht einen Vorwand dafür geliefert hätte,
bleibt eine offene Frage. Die Israelis erwarteten fast, dass sich
die Jordanier wie 1956 still verhalten würden. Obwohl die
jordanischen Streitkräfte aufgrund des zwischen Ägypten und
Jordanien geschlossenen Bündnisses vom 30. Mai 1967
nominell ägyptischem Kommando unterstellt waren, hatte König
Hussein doch auch weiterhin ein hohes Maß an Kontrolle über
sie. Nachdrücklich hob die spätere israelische Propaganda die
Botschaft hervor, die Premierminister Lewi Eschkol an General
Odd Bull, den Stabschef der UN-Organisation für die
Überwachung des Waffenstillstands, zur Weiterleitung an König
Hussein gesandt hatte.
2 Darin hieß es, Israel werde keine
feindseligen Aktionen gegen Jordanien anfangen, aber wenn
Jordanien den Krieg beginne, werde es die Konsequenzen zu
tragen haben. Bull bezeichnete diese Mitteilung später als «reine
Drohung».
3 Husseins Antwort auf diese Botscha ft lautete: «Sie
haben die Schlacht angefangen. Schön, gerade bekommen sie
unsere Antwort auf dem Luftweg.»
4 Seine Entscheidung für den
Krieg stellte, nachdem die ägyptische Luftwaffe im
Morgengrauen des 5. Juni vernichtet worden war, keine
strategische Bedrohung für Israel mehr dar, da Jordanien selbst
nur über geringe Offensivkapazitäten verfügte. Das militärische
Vorgehen Jordaniens in Jerusalem war an diesem Morgen
weitgehend symbolisch, obwohl die israelische Enklave auf dem
Skopusberg bombardiert wurde und jordanische Einheiten in das
Gelände der Vereinten Nationen eindrangen. Es gibt keinen
Beleg dafür, dass Jordanien einen großangelegten Angriff auf
den jüdischen Staat geplant hatte; seine Streitkräfte waren
größtenteils auf Verteidigung ausgerichtet.
-294-
Selbst wenn Hussein nicht die Feindseligkeiten eröffnet hätte,
hätte Israel im Juni 1967 wahrscheinlich nicht der Versuchung
widerstehen können, sich Ostjerusalems zu bemächtigen. Am
Nachmittag des 5. Juni wurde die jordanische Luftwaffe von der
israelischen vernichtet. Unterdessen trieben israelische
Bodentruppen die Jordanier aus dem UN-Gelände und drangen
ins Regierungsgebäude ein. General Bull und seine Leute
wurden hinausbeordert und auf israelisches Gebiet eskortiert.
In der Kabinettssitzung an diesem Tag wurde deutlich, dass es
in den Reihen der israelischen Minister hinsichtlich eines
Großangriffs auf Ostjerusalem Meinungsverschiedenheiten gab.
Arbeitsminister Yigal Allon, dessen Ansicht von seiner
militärischen Erfahrung untermauert wurde, plädierte
nachdrücklich für einen Angriff auf die Altstadt. Menachem
Begin, der Vorsitzende der rechtsgerichteten Herut-Partei,
stimmte ihm zu. Chaim Mosche Shapira, der zum Lager der
Tauben gehörende Innenminister und Führer der
Nationalreligiösen Partei, plädierte hingegen für Vorsicht: «An
der Altstadt festzuhalten wird ein politisches Problem sein. Ist
sie erst einmal in unseren Händen, werden sie von uns
verlangen, sie zu internationalisieren. Falls das geschieht, werde
ich dafür stimmen.» Erziehungsminister Zalman Aranne von der
Arbeiterpartei stimmte ihm zu. Allon bestand darauf, dass
Ostjerusalem ohne Beschädigung der Heiligen Stätten erobert
werden könne. Die Altstadt könne «aus Richtung Nebi Samuel,
Französischer Hügel und Skopusberg eingeschlossen werden».
5
Die Diskussion ergab kein eindeutiges Meinungsbild.
Zusammenfassend meinte Eschkol: «Und doch muss es einen
Gegenangriff gegen den Beschuss der jordanischen Seite geben.
» Später hieß es, der Premierminister habe an diesem Tag
gesagt: «Selbst wenn wir die Altstadt und die Westmauer
erobern, werden wir am Ende doch davon ablassen müssen.»
6
In der Nacht vom 5. auf den 6. Juni wurden die jordanischen
Streitkräfte am Munitionshügel, von dem aus man die Straße
-295-
zum Skopusberg beherrschte, von den Israelis vernichtend
geschlagen. Am folgenden Tag erhielt Dayan die Genehmigung
des Kabinetts, die Altstadt mit israelischen Truppen zu
umstellen. Noch immer war sich das israelische Kabinett jedoch
darüber uneins, ob man einen Angriff auf die Altstadt
genehmigen solle.
Drei Jahrzehnte später erinnerte sich General Motta Gur, der
Kommandeur der Fallschirmjägerbrigade, die die Altstadt
einnahm, dass er zu Beginn des Krieges nach einem Vorwand
Ausschau gehalten hatte, um gegen Jordanien loszuschlagen. Er
hatte gehofft, dass es am 7. Juni so weit sein werde, falls die
Jordanier den vierzehntägigen Konvoi zum Skopusberg
blockieren sollten.
7 Pläne, um einen freien Zugang zu
erzwingen, waren schon mehrere Jahre zuvor vorbereitet
worden. Während der Suez-Krise vom Oktober 1956 wäre es
beinahe dazu gekommen, aber man ließ davon ab, als Jordanien
es unterließ, einen Kriegsgrund zu liefern.
8 Gurs anfängliche
Befehle lauteten auf ein begrenztes Vorgehen, um den
Skopusberg zu schützen. Dann wurden sie auf die Eroberung
des Ölbergs ausgeweitet. Am frühen Morgen des 7. Juni weckte
Begin Eschkol und drängte auf einen sofortigen Angriff auf die
Altstadt, vor einem Aufruf der Vereinten Nationen zum
Waffenstillstand. Eschkol willigte ein, und der Angriffsbefehl
wurde erteilt.
Gur gelangte um 9.50 Uhr durch das St. Stephanstor in die
Altstadt und fuhr in Richtung Tempelberg, der bereits von
Infanterie eingenommen worden war. «Zu diesem Zeitpunkt»,
schrieb Gur kurz danach, «trat der Gouverneur der Stadt
zusammen mit dem Kadi an mich heran und informierte mich
von der gewichtigen Entscheidung, die Stadt nicht zu
verteidigen. Er versicherte mir, dass die [jordanischen] Truppen
allesamt abgezogen seien und es keinen weiteren Widerstand
geben werde.»
9 Um 14 Uhr betrat Dayan die Altstadt, begleitet
von Generalstabschef Jitzhak Rabin und dem Chef des
-296-
Oberkommandos Mitte, Uzi Narkiss. Am Abend hatten die
israelischen Streitkräfte das gesamte Westjordanland in ihrer
Hand; einige Einheiten überschritten sogar den Jordan, wurden
aber nach einer diplomatischen Intervention der USA wieder
vom Ostufer zurückgezogen.
10 Der Blitzsieg der Israelis erfolgte
aber nicht ohne Blutvergießen: 645 Araber wurden getötet,
darunter 240 Zivilisten, von denen die meisten durch
israelischen Beschuss umkamen; die Israelis beklagten ungefähr
zweihundert Tote, darunter fünfzehn Zivilisten.
-297-
Die Vereinigung
Seit langem hatte es in Israel militärische Planungen für die
Besetzung des Westjordanlandes gegeben, für den Fall, dass das
Haschemitenregime stürzen sollte - was am Anfang von König
Husseins Herrschaft als sehr wahrscheinlich erschien. 1963 war
der israelische Offizier Chaim Herzog, der spätere israelische
Staatspräsident, zum potentiellen Militärgouverneur für das
Westjordanland bestimmt worden. Entsprechend diesen Plänen
nahmen israelische Agenten unmittelbar nach Eroberung der
Stadt mehrere Hundert Leute fest, deren Namen auf einer Liste
gestanden hatten. Die hässlichen Mauern, die an strategischen
Stellen wie Notre-Dame de France und an der Mamilla-Straße
die Stadt zerschnitten hatten, wurden abgerissen,
Stacheldrahtverhaue, befestigte Stellungen und Minenfelder
beseitigt. Am 29. Juni waren die Sperren zwischen West- und
Ostjerusalem größtenteils wieder entfernt. Einwohner des Ost-
oder Westteils konnten sich nun frei bewegen, wobei die
meisten von Westen nach Osten gingen: Zehntausende Israelis
wanderten mit Staunen durch ein Universum, das sie in den
letzten neunzehn Jahren hatten sehen, aber nicht betreten
können. Es gab keine Anzeichen von Spannung. Im Großen und
Ganzen wurden die Eroberer höflich und freundlich empfangen,
was viele glauben machte, dass sie willkommen seien.
Diese Tage riefen in der Haltung der Israelis gegenüber
Jerusalem - sowie in derjenigen der Juden auf der ganzen Welt -
eine Veränderung hervor. Plötzlich schien es nicht mehr
vorstellbar, dass es den jüdischen Staat ohne die Stadt geben
könnte. Ein amerikanischer Beobachter drückte es so aus: «Erst
nach der Einnahme Ostjerusalems nahm die Altstadt im
Nachhinein den Status einer terra irredenta für Israel an.»
12
Zwar konnte Israel problemlos das Militär aktivieren, aber
-298-
einen diplomatischen Notfallplan gab es, so erstaunlich es auch
sein mag, nicht. Die Besetzung Ostjerusalems kam für das
Außenministerium und die Zivilbehörden - ziemlich
überraschend. Sofort kam die Frage auf, ob der ehemals
jordanische Sektor der Stadt wie das übrige gerade eroberte
Westjordanland als besetztes Gebiet behandelt oder umgehend
in Israel eingegliedert werden solle - was auf die Annexion
hinauslief. Das Kriegsvölkerrecht verlangte, dass auf besetztem
Gebiet bis zu einem Friedensvertrag weiterhin jordanisches
Recht galt, wenn auch unter israelischer Militärregierung. Die
Eingliederung Ostjerusalems in Israel hätte andererseits zur
Folge gehabt, dass es israelischem Recht unterworfen wäre.
Ein zwei Tage nach der Besatzung im Auswärtigen Amt
verfasstes Memorandum enthielt erste Anzeichen für den Kurs,
den man einzuschlagen gedachte. «Das Ziel», schrieb Michael
Comay, ein hoher Beamter des Ministeriums, «sollte eindeutig
die ‹de facto-Integration› mit dem israelischen Jerusalem sein.
Dies beinhaltet, dass man die Verantwortung für den
öffentlichen Dienst unseren nationalen und städtischen Organen
übergibt, statt an die Militärregierung für das Westjordanland.
Letzterer Kurs würde nur den Status der Altstadt an den anderer
besetzter Städte wie Bethlehem und Nablus angleichen.» Comay
fügte noch hinzu, «demselben Gedankengang folgend sollten die
religiösen Interessen und Institutionen in der Altstadt
unverzüglich unter die Schirmherrschaft des Misrad Hadatot
[des Ministeriums für Religionsangelegenheiten] gebracht
werden und nicht direkt Sorge der Militärregierung sein».
13
Am 10. Juni legte Professor Avigdor Levontin von der
Rechtsfakultät der Hebräischen Universität der Regierung ein
Gutachten vor, das uns zu diesem frühen Zeitpunkt Einblick in
die israelischen Überlegungen (und das Fehlen einer vorherigen
Planung) zur Zukunft eines vereinigten Jerusalem ermöglicht.
Levontin machte darauf aufmerksam, dass die Einnahme
Ostjerusalems Israel vor knifflige rechtliche und politische
-299-
Probleme stelle. Er erwartete weniger Schwierigkeiten seitens
der Christen, mehr seitens der Muslime. Vorausschauend wies
er darauf hin, dass eine erhebliche Gefahr von Juden kommen
könnte: die bedrohliche Möglichkeit, dass Extremisten
versuchen könnten, den Traum vom Wiederaufbau des Tempels
zu verwirklichen.
Levontin schlug ein Fünf-Punkte-Programm für Jerusalem
vor: 1. Ganz Jerusalem solle der Hoheitsgewalt Israels
unterstellt werden. 2. Man solle einen Unterschied machen
zwischen der «intramuralen» Altstadt und den außerhalb der
Stadtmauern liegenden Teilen Ostjerusalems (also der
arabischen Neustadt). Israel müsse sich der Fülle religiöser
Verknüpfungen wegen auf ernsthaften Widerstand gegen die
Annexion der Altstadt einrichten. 3. Aus diesem Grund solle
Israel erklären, dass es den Status quo in der Altstadt
aufrechterhalten werde. Zwar solle das gesamte Territorium
unter israelischer Hoheitsgewalt stehen, aber vor
unangebrachten Baumaßnahmen bewahrt werden. 4. Das
Ministerium für Religionsangelegenheiten solle für die
muslimischen Heiligen Stätten einen internationalen
muslimischen Rat schaffen. Nichtarabische Muslime aus
Ländern wie dem Iran oder der Türkei sowie israelische
Muslime sollten von Anfang an zur Teilnahme eingeladen
werden. Für Christen solle ein ähnlicher Rat geschaffen werden,
obwohl es sich hierbei zunächst als schwierig herausstellen
könnte, willige Teilnehmer zu finden. Diese Räte sollen seiner
Meinung nach ausschließlich eine beratende Funktion haben.
Das israelische Religionsministerium solle die alleinige
«Adresse» für alle Verwaltungsfragen in diesem ganzen Bereich
sein (mit dem «ganzen Bereich» scheint Levontin die
christlichen und muslimischen Viertel der Altstadt gemeint zu
haben, obwohl das aus seiner hebräischen Formulierung nicht
eindeutig hervorgeht). 5. Das jüdische Viertel der Altstadt solle
der direkten Verwaltung des Jerusalemer Stadtrats unterstellt
-300-
werden, jedoch mit besonderen Schutzbestimmungen zur
Wahrung seines historische n Charakters.
14
Levontins Memorandum war einer der ersten Versuche, die
unterschiedlichen Gebiete der Stadt unter den neuen
Gegebenheiten in den Griff zu bekommen, eine Frage, die
bislang von der israelischen Obrigkeit vernachlässigt worden
war. Genauso wie es keine oder kaum eine Planung auf
diplomatischer Ebene für die Annexion gegeben hatte, so
scheint es auch an juristischen und administrativen
Vorüberlegungen gefehlt zu haben.
Allen Betroffenen war allerdings klar, dass Israel entschlossen
war, die Kontrolle über ganz Jerusalem nicht wieder
aufzugeben. Die rechtliche Form einer solchen Kontrolle, und
ob sie für die unterschiedlichen Teile der Stadt gleich sein solle,
blieb einstweilen ungeklärt. Mit aller Vorsicht antwortete
Außenminister Abba Eban am 14. Juni dem britischen
Botschafter, der sich nach «seinen Vorstellungen hinsichtlich
Jerusalem» erkundigt hatte. Es gebe «gewisse offenkundige
Fakten». Erstens: «Jerusalem sei jetzt eine vereinigte Stadt. Das
sei gewiss gut.» Zweitens: «Es sei unrealistisch, von der
Internationalisierung Jerusalems zu reden, wenn damit eine
politische oder administrative Internationalisierung gemeint
sei.» Zugleich deutete er jedoch an, dass Israel eine «spirituelle
Internationalisierung» der Heiligen Stätten vorgesehen habe,
obwohl, «wie dies erfolgen werde, noch nicht ausgearbeitet
worden ist».
15 Eine Woche später hieß es, Eban habe
lateinamerikanischen UN-Delegierten gesagt, dass Israel bereit
sei, eine christliche Autorität die christlichen Heiligen Stätten
und eine muslimische die muslimischen Heiligtümer verwalten
zu lassen.
16
Am 17. Juni fasste das israelische Kabinett den
Grundsatzbeschluss, die israelische Oberhoheit auf Ostjerusalem
auszudehnen. Die amerikanische Regierung riet den Israelis zur
Vorsicht. Der britische Außenminister George Brown warnte sie
-301-
entschieden davor, die Altstadt zu annektieren.
17 Da aber diese
Warnung nicht von der Androhung von Sanktionen begleitet
war, wurde sie von der israelischen Regierung nicht allzu ernst
genommen. Der jüdische Staat war in ausgelassener Stimmung,
und weder die öffentliche Meinung noch die Regierung neigten
dazu, Ratschläge, so gut sie auch gemeint sein mochten, von
Freunden zu beherzigen, die sie ihres Erachtens in der dem
Krieg vorangegangenen Krise mit Ägypten im Stich gelassen
hatten.
Bevor rechtliche Schritte in Richtung auf die Annexion
unternommen werden konnten, musste darüber entschieden
werden, um welches Gebiet es genau dabei ging. Die Regierung
wollte sichergehen, dass die Stadt künftig über genügend Raum
für einen großen Zustrom jüdischer Einwanderer verfügte.
Deshalb setzte sie einen Ausschuss mit Vertretern der
Ministerien, der Armee sowie der israelischen Stadtverwaltung
ein, um neue Grenzen für das Stadtgebiet festzulegen. Die
Öffentlichkeit wurde nicht einmal über die Existenz eines
solchen Ausschusses informiert. Während der Arbeit schieden
sich die Mitglieder in Minimalisten und Maximalisten. Zu den
redefreudigsten unter den Letzteren gehörte der Falke General
Rehavam Ze'evi, der zusammen mit anderen einen strategischen
Ansatz befürwortete, mit dem die Verteidigungsfähigkeit der
Stadt durch Israel für immer sichergestellt wäre. Dies mache
erforderlich, sämtliche die Stadt umgebenden Hügel sowie den
Zivilflughafen im Norden in das Stadtgebiet einzubeziehe n. Auf
den Hügeln lagen allerdings zweiundzwanzig arabische Dörfer
mit insgesamt 103000 Einwohnern vor der Eroberung. Im oder
unmittelbar nach dem Krieg waren schätzungsweise 8000
Menschen geflohen, aber es gab dort noch immer 95000
arabische Einwohner. Andere Ausschussmitglieder sträubten
sich gegen den Gedanken, der städtischen Bevölkerung weitere
Araber in derart großer Zahl hinzuzufügen. So wurden denn die
Pläne der Maximalisten abgelehnt, und arabische Dörfer wie
-302-
Abu Dis und al-Azarija blieben außerhalb der Stadtgrenzen. Im
Norden wurde die Grenze direkt östlich der Straße zwischen
Jerusalem und Ramallah gezogen, wodurch die vielköpfige
arabische Bevölkerung der Straßensiedlungen und der weiter
östlich der Straße dicht an dicht liegenden Flüchtlingslager
ausgeschlossen blieben. Der Ausschuss beschloss auch, die
Einbeziehung der Stadt Bethlehem nicht zu befürworten. Eine
Ausdehnung der Stadtgrenzen nach Westen hin (d. h. innerhalb
des schon vor 1967 israelischen Territoriums) wurde auch nicht
befürwortet. Dennoch wurde das Stadtgebiet von den 52,6 km
2
des israelischen und jordanischen Teils auf nunmehr 113,3 km
2
ausgeweitet. Infolge der Veränderungen stieg die Bevölkerung
der Stadt auf 267800 Einwohner an (196800 Juden und 71000
Araber).
18
Aufgrund der neuen Grenzen gehörte am nördlichen,
östlichen und südlichen Stadtrand nun ein breiter Gürtel meist
unbewohnten Landes zum Stadtgebiet. Das neu
hinzugekommene Areal erstreckte sich vom Jerusalemer
Flughafen in Qalandija (Atarot) im Norden über den Bogen der
zentraljudäischen Hügelkette im Osten bis hinunter nach Gilo
im Süden. Vor allem auf diesem neu hinzugekommenen Land
hat Israel in den nächsten dreißig Jahren einen großen Ring
jüdischer Vororte gebaut, die dazu beitrugen, dass sich die
Bevölkerung Jerusale ms mehr als verdoppelte.
Am 23. Juni trat ein Ministerausschuss, der Vorschläge für
den formalen Status von Jerusalem erarbeiten sollte, zur
Diskussion über das weitere Vorgehen zusammen. Sein
Vorsitzender war Justizminister Yaakov Shimshon Shapiro, und
zu seinen Mitgliedern gehörten Dayan und Begin sowie
Mordechai Bentov von der linksgerichteten Mapam-Partei und
Zerah Warhaftig, der Minister für Religionsangelegenheiten. Sie
beschlossen, im Kabinett die Zustimmung zur Ausweitung der
Stadtgrenzen zu befürworten.
19
Entsprechende Kabinettsbeschlüsse wurden auf den Sitzungen
-303-
vom 25. und 26. Juni gefasst.
20 Am folgenden Tag
verabschiedete die Knesset ein Gesetz, wonach Israels «Recht,
Gerichtsbarkeit und Verwaltung... sich auf jedes Gebiet des
Landes Israel erstrecken soll, das von der Regierung durch
Verordnung dazu bestimmt wird».
21 Zugleich wurde die
Gemeindeordnung ergänzt, um «dem Minister... nach seinem
Ermessen und ohne Anfrage» zu ermöglichen, «durch Erlass das
Gebiet einer bestimmten Gemeinde zu vergrößern», sowie dem
Minister zu gestatten, «aus der Einwohnerschaft der neu
hinzugekommenen Gebiete zusätzliche Gemeinderäte zu
ernennen».
22 Ebenfalls an diesem Tag verabschiedete die
Knesset ein Gesetz, in dem es hieß, «die Heiligen Stätten sollen
vor Entheiligung und Beschädigung sowie allem geschützt sein,
was den freien Zugang für Angehörige der unterschiedlichen
Religionen zu den ihnen Heiligen Stätten oder ihre
Empfindungen hinsichtlich dieser heiligen Stätten verletzen
könnte».
23 Am folgenden Tag wurde mittels Erlass Ostjerusalem
der Gemeinde Jerusalem unter israelischem Recht einverleibt
(siehe Karte 11).
In den ersten drei Wochen der israelischen Besatzung hatte
Rawhi al-Khatib, der arabische Bürgermeister des jordanischen
Jerusalem, in jeder Hinsicht mit den israelischen Behörden
zusammengearbeitet und hatte mehrere freundschaftliche
Treffen mit hochrangigen Staatsrepräsentanten, u. a. auch mit
Teddy Kollek.
24 Nachdem er aus der Zeitung von dem
Gesetzeserlass der Knesset erfahren hatte, berief er eine
außerordentliche Sitzung seines Stadtrats ein, zu der aber nur
zwei von elf Mitgliedern erschienen.
25 Am Abend des 29. Juni
wurde Khatib zusammen mit vier Stadträten in das militärische
Hauptquartier der Israelis einbestellt, wo man ihm einen
Militärbefehl aushändigte, der den Stadtrat für aufgelöst
erklärte. Man bedankte sich bei Khatib und seinen Mitarbeitern
«für ihre Dienste» und entließ sie.
26
Die Regierung vermied absichtlich den Begriff «Annexion»,
-304-
und israelische Sprecher bestritten sogar, dass es sic h um eine
solche gehandelt habe. Bei einer Pressekonferenz beharrte Abba
Eban darauf, dass die gesetzliche Regelung «sich ausschließlich
auf die städtischen und administrativen Aspekte dieser Politik
[der Vereinigung Jerusalems] beziehe», und der israelische
Botschafter in Washington, Abraham Harman, erklärte Eugene
Rostow vom State Department, es gehe einfach um eine
Ausdehnung der städtischen Zuständigkeit, damit die Bewohner
der von den israelischen Streitkräften besetzten Stadtteile mit
öffentlichen Dienstleistungen versorgt werden könnten.
27 Ebans
Äußerung blieb Israels öffentlicher Standpunkt, auch wenn er in
späteren Jahren von dem damaligen Gesetz als einem
«Vereinigungsgesetz» sprach.
28 In gewissem Sinne war die enge
Interpretation sowohl theoretisch als auch praktisch korrekt: Das
Völkerrecht kennt keine Annexion durch einen einseitigen
Gesetzgebungsakt; die städtischen Dienste der beiden
Stadthälften wurden tatsächlich vereinigt, und die Mehrzahl der
ehedem bei der jordanischen Stadtverwaltung Angestellten
setzten ihre Arbeit unter den Israelis fort. Auch wenn es nicht so
hieß, galt das israelische Gesetz letztlich doch allgemein als
Annexion.
Rasch ließ Israel seine Entschlossenheit erkennen, das
jüdische Viertel in der Altstadt wiederherzustellen. In einer
Aktion, die der für Ostjerusalem verantwortliche Meron
Benvenisti als «freiwillige Evakuierung» bezeichnete, wurden
seit dem 10. August arabische «Hausbesetzer» aus dem Bezirk
entfernt.
29 Am Jahresende waren 2959 Menschen, die Mehrzahl
der arabischen Bewohner dieses Viertels, evakuiert worden.
30
Am 14. August hielt das Appellationsgericht des Beth Din (des
religiösen Gerichtshofs) dort eine Sitzung ab, und eine Woche
später bezog eine Jeschiwa (eine Talmudschule) wieder ihren
Sitz im jüdischen Viertel; im Lauf der Zeit kamen weitere hinzu.
In den nächsten zwanzig Jahren wurde dieses Viertel, das zuvor
ein halb verfallener Slum gewesen war, weiträumig
-305-
wiederhergestellt und vorwiegend von orthodoxen Juden
wiederbesiedelt.
Karte 11: Jerusalem seit 1967
-306-
In mehreren vom Obersten Gerichtshof zu entscheidenden
Fällen wurden, vor allem in den Jahren 1969 und 1970, die
Gültigkeit und Beschaffenheit der israelischen Präsenz in
Ostjerusalem überprüft. Im Verfahren Hanzalis gegen den
Gerichtshof des Patriarchats der griechisch-orthodoxen Kirche
gab der stellvertretende Gerichtspräsident Silberg bekannt, dass
«seit dem 28. Juni 1967 Ost- und Westjerusalem hinsichtlich der
äußeren Teilung und der Rechtsanwendung eins sind». Richter
Halevi (dessen nationalistische Auffassung bekannt war)
stimmte zu, ging jedoch einen Schritt weiter: «Am 28. Juni 1967
wurden Jordaniens Gesetze, Rechtsprechung und
Rechtsverwaltung in Ostjerusalem durch die israelische
Rechtsprechung und Verwaltung ersetzt, und seit diesem Datum
wurde das vereinigte Jerusalem zum unablösbaren Bestandteil
Israels [Hervorhebung wie im Original].»
31 Im Verfahren Ruidi
und Mâches gegen den Militärgerichtshof von Hebron vertrat
ein Kaufmann, der bislang ohne die im Westjordanland
erforderliche jordanische Exporterlaubnis Antiquitäten nach
Ostjerusalem eingeführt hatte, die Auffassung, dass
Ostjerusalem für Jordanien nicht als Ausland gelte und darum
keine Genehmigung erforderlich sei. Der Oberste Gerichtshof
entschied hingegen, Ostjerusalem sei zu einem Te il Israels
geworden. Dies wurde die nach israelischem Recht definitive
Entscheidung.
32
-307-
Jerusalem unter israelischer Herrschaft
Die politische Hauptfigur im israelischen Jerusalem war im
folgenden Vierteljahrhundert Bürgermeister Teddy Kollek. Der
untersetzte, gesellige, eigenwillige und liberal gesinnte Mann,
der die sprichwörtliche Gemütlichkeit seiner Heimatstadt Wien
ausstrahlte, fand für seine Politik, die sich um praktische
Lösungen und Alltagsharmonie zwischen den vielfältigen
Gruppen in der Stadt bemühte, weltweiten Beifall.
Teddy Kollek, Jerusalems Bürgermeister von 1965 bis 1993
Aus der Tatsache, dass es nach 1967 sein vorrangiges Ziel
war, Israel den dauerhaften Besitz Jerusalems als seiner
vereinigten Hauptstadt zu sichern, machte er zwar kein großes
Geheimnis, aber er war der Meinung, dass dies besser durch
-308-
guten Willen als durch Gewalt zu erreichen sei. Er gründete ein
Internationales Jerusalem-Komitee sowie eine Jerusalem-
Stiftung, die das neue Israel-Museum, Parks und andere soziale
und kulturelle Projekte in beiden Teilen der Stadt finanzierte.
Mit Fingerspitzengefühl und politischem Mut setzte er sich
erfolgreich für die Errichtung eines Denkmals für die arabischen
Opfer des Sechstagekriegs von 1967 ein. Aber auch unter seiner
Führung blieb Jerusalem eine geteilte Stadt und wurde es infolge
staatlicher und städtischer Politik im Laufe der Zeit noch mehr.
In technischer Hinsicht kam die Vereinigung auf mancherlei
Gebieten verhältnismäßig schnell zustande. Die
Telefonverbindung und öffentliche Strom-, Gas- und
Wasserversorgung zwischen den beiden Teilen der Stadt wurden
wieder hergestellt. Die Buslinie 9 zum Skopusberg fuhr wieder
die alte Route, die sie bis 1948 gefahren war, als sei der Verkehr
nur mal wegen Ferien eingestellt worden. Neue, dreisprachige
Straßenschilder tauchten auf. Schließlich bekamen einige
Straßen in Ostjerusalem neue Namen - aus der Suleimander-
Prächtige-Straße wurde beispielsweise die
Fallschirmjägerstraße, und aus dem Allenbyplatz wurde der
Zahalplatz (Zahal ist das hebräische Akronym für die
israelischen Streitkräfte).
Während die Israelis die Stadt fester in den Griff nahmen,
begann man, langfristige Pläne für die Zukunft auszuarbeiten.
Im September 1967 besprach ein Ministerausschuss unter
Vorsitz des Ministerpräsid enten einen Plan zur Schaffung eines
Nationalparks rund um die Altstadt. Der Minister für religiöse
Angelegenheiten Zerah Warhaftig opponierte anfangs dagegen,
weil er befürchtete, dass dadurch die Altstadt vom
Hauptzentrum der jüdischen Bevölkerung in Westjerusalem
abgeschnitten werden könnte.
33 Andere sahen darin eine
willkommene Gelegenheit, die Ruinen und Müllkippen zu
beseitigen, die sich in den vergangenen neunzehn Jahren im
Niemandsland angesammelt hatten, ein Mittel, die Schönheit der
-309-
alten Stadtmauern hervorzuheben, und eine Touristenattraktion.
In abgewandelter Form wurde dieser Plan dann auch realisiert.
1968 wurde ein Stadtentwicklungsplan beschlossen. Der Plan
rief Kritik seitens der Stadtplaner hervor und wurde 1970 von
einer internationalen Expertengruppe abgelehnt. Arthur Kutcher,
ein Architekt, der eine Zeitlang für die Planung der Altstadt
verantwortlich war, übte besonders scharfe Kritik und sagte,
dass «die Absicht, die dem Vorschlag für eine vereinigte, auf ein
einziges Handelszentrum zugeschnittene und mittels eines
Gitters aus neuen Straßen zusammengebundene Stadt zugrunde
gelegen hatte, politischer Natur gewesen sei». Diese Einheit, so
sei zu befürchten, solle «auf Kosten vieler ästhetischer und
ökologischer Werte...durchgesetzt werden».
34 Zusammen mit
anderen machte er auf die Zerstörung von Jerusalems zarter
Skyline durch viele nach 1967 hochgezogene Bauten
aufmerksam: die ohne Baugenehmigung errichteten Omariyya-
Wolkenkratzer in Talbieh, die unansehnlichen Hochhäuser auf
dem Französischen Hügel, die hoch aufschießenden Wolfson-
Gebäude über dem Tal des Kreuzklosters, deren Proportionen
nicht in die Umgebung passen, den architektonischen Leviathan
des neuen Geländes der Hebräischen Universität auf dem
Skopusberg und den scheußlichsten Ba u überhaupt, das Plaza-
Hotel, das den Unabhängigkeitspark beeinträchtigt und
verunstaltet.
Viele der neuen Bauten entstanden auf dem Terrain, das vor
1967 zu Israel gehört hatte. Aber im Januar 1968 kündete die
Regierung die Enteignung von 339 Hektar Land in Ostjerusalem
an, auf denen man 1400 Wohneinheiten zu errichten plane,
wovon 400 für aus dem jüdischen Viertel der Altstadt
umgesiedelte Araber bestimmt seien.
35
Dies war die erste von mehreren weiträumigen Enteignungen
arabischen Besitzes in Ostjerusalem. Neue Wohnquartiere für
Juden wurden auf diesem Land errichtet, darunter Ramat
Eschkol, Französischer Hügel, Gilo und Pisgat Ze'ev. Die
-310-
Baumaßnahmen schritten rasch voran. Nach und nach trat
zutage, dass die Planungen eine geopolitische Absicht
verfolgten: die Schaffung eines von Juden bewohnten Rings um
den nördlichen, nordöstlichen und südlichen Stadtrand. «Das
Ziel», sagte Kollek 1968 in einem offenherzigen
Zeitungsinterview, «ist sicherzustellen, dass das ganze
Jerusalem für alle Zeit Teil Israels bleibt. Wenn diese Stadt
unsere Hauptstadt sein soll, dann müssen wir sie zu einem
integralen Bestandteil unseres Landes machen, und dafür
brauchen wir jüdische Einwohner.»
36
Israels Politiker bestätigten diese Entscheidungen fast
einmütig. David Ben Gurion, der im April 1969 äußerte, «im
Austausch für Frieden würde ich all das im Juni 1967 eroberte
Territorium zurückgeben», fügte hinzu, dass dies «gewiss nicht»
Ostjerusalem oder die Golanhöhen beinhalte.
37 Auf israelischer
Seite kamen fast die einzigen Klagen von denjenigen, die, wie
der ehemalige Ministerpräsident, darüber murrten, dass die
Neubauten zu langsam vorankämen. Von Ben Gurions aus den
politischen Kulissen tönendem Nörgeln angetrieben, setzte
Eschkol im Dezember 1967 einen Ministerausschuss ein. Dieser
erhöhte die Zielgröße auf 7000 neue Wohnungen und
verdoppelte die Fläche des für die Hebräische Universität auf
dem Skopusberg vorgesehenen Geländes.
38
Welche politischen Beweggründe der Jerusalemer
Stadtplanungspolitik zugrunde lagen, wurde in einem lokalen
Stadtplan für Jerusalem niedergelegt, den der Planungs- und
Bauausschuss des Distrikts 1978 erarbeitete: «Jeder Bereich der
Stadt, der nicht von Juden bewohnt wird, läuft Gefahr, von
Israel losgelöst und arabischer Kontrolle unterstellt zu werden.
Der Verwaltungsgrundsatz hinsichtlich des Areals der
gemeinderechtlichen Zuständigkeit der Stadt muss deshalb
dadurch in die Praxis überführt werden, dass in allen Teilen
dieses Bereichs gebaut und an den abgelegensten Örtlichkeiten
damit begonnen wird.»
39 Während der Wohnungsbau für Juden -
-311-
im Einklang mit diesem Grundsatz - gefördert wurde, hielt sich
der Bau von Wohnungen für Araber in Ostjerusalem in engen
Grenzen, und dies trotz des Umstands, dass die arabische
Bevölkerung der Stadt rascher wuchs als die jüdische. So
wurden zwischen 1967 und 1995 für Juden 64880
Wohneinheiten errichtet, während für Araber 8890 bestimmt
waren.
40 Entgegen allen öffentlichen Bekundungen der
israelischen Regierung wurde das enteignete Land nicht dazu
verwendet, um Wohnungen für Araber zu bauen.
41 Im
Allgemeinen stießen Araber auf Schwierigkeiten, wenn sie
Baugenehmigungen erhalten wollten. Der Großteil des nicht
enteigneten und noch unbebauten Landes in Ostjerusalem wurde
für andere Zwecke aufgeteilt. Ohne einen Bebauungspla n waren
Neubauten verboten, aber zwischen 1967 und 1994 wurden nur
für dreizehn der etwa dreißig arabischen Wohnbezirke
Jerusalems solche Bebauungspläne verabschiedet. Einige
ungenehmigte Bauten von Arabern tolerierte man, aber in
anderen Fällen wurden ohne Baugenehmigung errichtete Häuser
als Abschreckungsmaßnahme abgerissen. Während es sich bei
neuen jüdischen Wohngebäuden in der Regel um
Apartmentblocks handelte, waren arabische Bauten, soweit man
sie denn überhaupt genehmigte, häufiger kleinere
Wohneinheiten. Für viele Araber war es einfacher, neue
Wohnungen oft unmittelbar außerhalb der Stadtgrenzen in
Gebieten wie a-Ram an der Landstraße nach Ramallah zu bauen.
Der Wohnungsbau war nur eines von den Gebieten, auf denen
die Ostjerusalemer Araber unter politisch motivierter
Diskriminierung zu leiden hatten. In den Jahren 1994-96 von der
Stadt in Auftrag gegebene Untersuchungsberichte und auch
Bücher ehemaliger städtischer Bediensteter, die in den
neunziger Jahren veröffentlicht wurden, enthüllten Ausmaß und
Art solcher Diskriminierungen bei städtischen Dienstleistungen
jedweder Art, von der Straßenbeleuchtung über den Straßen-
und Schulbau bis zur Abwässerbeseitigung und Müllabfuhr.
-312-
Westjerusalem besaß beispielsweise 1079 öffentliche Parks,
Ostjerusalem nur 29. In Westjerusalem lebten 690 Einwohner
pro Kilometer Bürgersteig, in Ostjerusalem waren es 2917. Und
so weiter. Teddy Kollek bemühte sich, wenigstens den äußeren
Anschein eines anständigen Umgangs mit den arabischen
Einwohnern zu wahren, aber in seinem letzten städtischen
Haushalt vom 1992 beliefen sich die pro Kopf-Ausgaben der
Bevölkerung im jüdischen Sektor auf 900 US-Dollar, verglichen
mit 150 US-Dollar im arabischen. Sechs Prozent des
Gesamtbetrags waren im Haushalt für den arabischen Sektor
vorgesehen, der allerdings ungefähr 28 Prozent der Bevölkerung
ausmachte.
42
-313-
Arabischer Widerstand
Wie bereits erörtert, war in der spätosmanischen und
britischen Zeit unter den Arabern Ostjerusalems eine mächtige
und selbstbewusste Führungsschicht entstanden. Trotz
jordanischer Versuche zwischen 1949 und 1967, den Status
Jerusalems herabzustufen, hatte sie sich unter jordanischer
Herrschaft im großen und ganzen halten können. Nach 1967
übernahm diese Führungsschicht wieder ihre traditionelle Rolle
an der Spitze der arabischen Bevölkerung; es gelang ihr, deren
Institutionen zu erhalten und zu stärken und zur Wahrung ihrer
Identität beizutragen.
Seit den ersten Tagen der Annexion regte sich der Widerstand
der Araber gegen die israelischen Maßnahmen. Anfangs war er
gewaltlos. Erstmals trat er gegenüber der Stadtverwaltung
zutage. Nach der Entlassung Khatibs als Bürgermeister stellte
sich die Frage, ob er für den vergrößerten Stadtrat kandidieren
würde, dessen Errichtung für die vereinigte Stadt erwartet
wurde. Die gesetzliche Regelung der Knesset sah vor, dass beim
ersten Mal zusätzliche Stadträte ernannt würden. Die Israelis
hofften, durch das Kooptieren ehemaliger jordanischer Stadträte
in die israelische Stadtverwaltung einer einheitlichen, von allen
Teilen der Stadt gewählten städtischen Selbstverwaltung den
Weg zu ebnen. Khatib wurde «versuchsweise angesprochen»
und auch «gebeten, die anderen arabischen Stadträte zu
sondieren».
43 Dieser entschloss sich jedoch, der Aufforderung
nicht nachzukommen, und die anderen Stadträte folgten ihm
darin. Schließlich wurden er und sieben weitere ehemalige
Stadträte gebeten, offiziell ihre Nominierung anzunehmen (die
übrigen vier Stadträte waren nach Jordanien geflüchtet). Nach
einer gemeinsamen Besprechung gaben sie eine schriftliche
Antwort, in der sie erklärten, dass ihre Annahme «eine offizielle
-314-
Anerkennung wäre, dass wir prinzipiell die Annexion des
arabischen Jerusalem zu dem von Israel besetzten Sektor
akzeptieren, ein Sachverhalt, der von uns nicht de facto
hingenommen und nicht einmal anerkannt werden kann».
44 Als
Kollek gefragt wurde, wer stattdessen nominiert werden könnte,
antwortete er unbefriedigend (und nicht ganz zutreffend), «er
kenne da drüben keinen».
45
Khatibs Beispiel leitete einen höchst effektiven arabischen
Boykott des israelischen politischen Systems einschließlich der
städtischen Selbstverwaltung ein. Obwohl man ihnen die
Möglichkeit anbot, israelische Staatsbürger zu werden,
entschieden sich die meisten Araber dagegen und blieben
Jordanier. Jedoch im Unterschied zum Westjordanland bekamen
die Einwohner von Ostjerusalem israelische Kennkarten.
Tabelle 2:
Die Teilnahme Ostjerusalemer Palästinenser an städtischen Wahlen
(1969-1993)
Jahr Anzahl arabischer
Wähler
Prozentsatz der Wahlberechtigten
1969 7500 21%
1973 3150 7%
1978 8000 14%
1983 11603 18%
1989 4000 3 %
1993 8000 5 %
Quellen: Michael Romann und Alex Weingrod, Living Together
Separately: Arabs and Jews in Contemporary Jerusalem, Princeton
1991, S. 207; Roger Friedland und Richard Hecht, To Rule Jerusalem,
Cambridge 1996, S. 332. und 519; Daily Telegraph, 9. November
1978; New York Times, 9. November 1978; Jerusalem Post, 6.
November 1983; New York Times, 3. November 1993.
-315-
Anmerkung: An exakte Zahlen über die arabische Wahlbeteiligung
in Ostjerusalem kommt man nur schwer heran. Das Innenministerium
legt offenbar solche Statistiken an, und die obigen Zahlen bis 1983
basieren auf diesen Daten. In der israelischen Presse veröffentlichte
und von der Jerusalemer Stadtverwaltung bekanntgegebene Zahlen
wichen oft weit voneinander ab: Beispielsweise verkündete 1969 ein
Sprecher der Stadt, dass 10000 Ostjerusalemer an den Wahlen
teilgenommen hätten, was einer Wahlbeteiligung von 80 Prozent
entspreche.
1 Nach Teddy Kollek gaben 1969 über 11000 Araber ihre
Stimme ab, aber aus verschiedenen Gründen seien nur 8000 davon
gültig gewesen.
2
1 Gideon Weigert, Israel's Presence in East Jerusalem, Jerusalem
1973, S. 17.
2 Teddy Kollek, Ein Leben für Jerusalem, Hamburg 1980, S. 334.
Nach einer Novellierung des Wahlgesetzes durch die Knesset
im Januar 1969 war es jordanischen Bewohnern Ostjerusalems
gestattet, an den Stadtratswahlen teilzunehmen; Kollek hoffte
auf eine große Beteiligung. In Wirklichkeit aber machte in den
folgenden Wahlen nur eine kleine Minderheit von diesem Recht
Gebrauch (siehe Tabelle 2), und kein einziger Ostjerusalemer
Araber kandidierte bei den Wahlen für den Stadtrat. Dieser
Widerstand trug dazu bei, dass sich in der arabischen
Bevölkerung die Meinung verfestigte, die israelische Herrschaft
sei nicht legitim. Aus arabischer Sicht hatte er freilich auch die
unwillkommene Folge, dass die Politik und Verwaltung der
Stadt den Israelis überlassen wurde.
Im Gegensatz zu den Stadträten arbeiteten die besoldeten
Bediensteten der jordanischen Stadtverwaltung unter israelischer
Ägide weiter, aber zumeist unverändert in untergeordneter
Stellung. So wurde der jordanische Stadtverordnete Salah al-Din
Jarallah zum stellvertretenden Stadtverordneten und der
jordanische Stadtingenieur zum stellvertretenden Stadtingenieur
ernannt. Jordanische Polizisten wurden in die israelische Polizei
integriert, jedoch hauptsächlich in den arabischen Gebieten der
-316-
Stadt eingesetzt. Eine Beschäftigung auf nicht politischem
Gebiet wurde meistens von der arabischen Bevölkerung
akzeptiert; sogar die Polizisten wurden nicht der Kollaboration
bezichtigt. Aber mit der Zeit stellte sich heraus, dass die
politische Nichtmitwirkung der Araber ausgesprochen
nachteilige Folgen für die Wahrung bzw. die Durchsetzung der
Interessen der Ostjerusalemer Araber hatte. Insofern war der
arabische Widerstand nur in sehr begrenztem Maße erfolgreich.
Der muslimischen Führung gelang hingegen ein wesentlich
wirkungsvollerer Widerstand gegen die israelische Politik. Am
24. Juli 1967 trat auf dem Haram al-Scharif eine Versammlung
von vierundzwanzig muslimischen Notabein zusammen. Zu den
religiösen Würdenträgern zählten auch der Präsident des
Scharia-Berufungsgerichts, Scheich Abd al-Hamid al-Sa'ih, und
der Mufti von Jerusalem, Saad al-Din al-Alami. Zu den
weltlichen Teilnehmern gehörten Leute wie Anwar al-Khatib,
der ehemalige jordanische Gouverneur von Jerusalem, Aref al-
Aref, ein ehemaliger Bürgermeister und jordanischer Minister,
und Anwar Nusseibeh, der in den ersten Jahren der Besatzung
zur führenden politischen Figur unter Jerusalems Palästinensern
wurde.
46 Sie alle erklärten, dass sie die Legitimität der Annexion
nicht anerkannten, nicht mit dem Ministerium für
Religionsangelegenheiten zusammenarbeiten und sich weigern
würden, dem «Ersuchen» der muslimischen Abteilung dieses
Ministeriums nachzukommen, die Predigt zu überprüfen, die der
Imam jeden Freitag in der Al-Aqsa-Moschee zu halten
beabsichtige.
47 Darüber hinaus kündigten sie die Schaffung
eines neuen Organs an, des Muslimrats mit al-Sa'ih als
Präsidenten. (Dieser Rat darf nicht mit dem Obersten Muslimrat
aus der Mandatszeit verwechselt werden; obwohl manchmal im
Englischen kein Unterschied in der Bezeichnung gemacht
wurde, lautete seine arabische Bezeichnung anders: al-Haya al-
Islamiyya. Da er in denselben Räumlichkeiten auf dem Haram
seinen Sitz hatte und schließlich religiöse, gerichtliche,
-317-
finanzielle und politische Funktionen ausübte, sonnte er sich
bisweilen im Glanz des Ruhmes des Obersten Muslimrats, auch
wenn er nie dasselbe Maß an Macht erreichte.) Des weiteren
gaben sie bekannt, dass sie «bis zum Ende der Besatzung» auf
ihrem Posten bleiben und ihre Funktionen ausüben würden.
Interessanterweise erwähnte die Erklärung der muslimischen
Führer, die Aref al-Aref persönlich den Konsuln aushändigte,
kein einziges Mal die Worte «Palästina» und «palästinensisch».
Die Verfasser, allesamt ehemalige jordanische Amtsträger,
stellten ausdrücklich fest: «Das arabische Jerusalem ist ein
integraler Bestandteil Jordaniens.» Eine Fassung des Dokuments
wurde vom jordanischen Vertreter bei den Vereinten Nationen
in Umlauf gebracht. (Seltsamerweise wurden in dieser Fassung
nur zwanzig Unterzeichner genannt; es fiel auf, dass der Name
von Anwar Nusseibeh fehlte.)
48
Die israelische Reaktion erfolgte sofort und war scharf. Am
31. Juli wurden Anwar al-Khatib und drei weitere politische
Führer für drei Monate aus der Stadt verbannt. Khatib sollte in
Safed leben, die anderen in anderen Städten Israels oder des
Westjordanlandes.
49 Am 7. August kam es in Ostjerusalem zu
einem eintägigen Generalstreik - der erste von vielen in den
folgenden dreißig Jahren. Am 9. August erschien eine weitere
Protesterklärung, die von fünf Mitgliedern des Muslimrats,
darunter auch al-Sa'ih, unterzeichnet war.
50 Daraufhin wurden er
und weitere Mitglieder des Muslimrats am 25. September in das
Westjordanland deportiert. (Nusseibeh blieb unbehelligt.)
Durch die Deportationen ließ der muslimische Widerstand
gegen die israelische Herrschaft in Jerusalem nicht nach. Wie
schon gelegentlich früher bei den christlichen Kirchen,
versuchten die Israelis zu Anfang, die waqf-Behörden, die für
die Stiftungen zuständig waren, mit Geld für sich zu gewinnen.
Kurz nach Beginn der Besatzung liehen die Israelis ihnen eine
beträchtliche Summe zur Deckung der Gehaltszahlungen und
«anderer Verpflichtungen».
51 Aber kurz darauf erklärten die
-318-
waqf-Behörden ihre Unabhängigkeit gegenüber den
Besatzungsbehörden.
Den Israelis gelang es nicht, den Rat auszuschalten oder ihm
die Kontrolle über die religiösen Stiftungen, Gerichte und
anderen Institutionen in Jerusalem und bis zu einem gewissen
Grad auch im Westjordanland zu entziehen. Oberst David Farhi,
ein Orientalist, der 1967 für die israelische Militärregierung als
Verbindungsoffizier zur arabischen Führung in Ostjerusalem
tätig war, hat berichtet, dass der Versuch der Israelis, Einfluss
auf die islamische Oberschicht in Jerusalem zu gewinnen,
scheiterte.
52 Farhi wies darauf hin, dass als eine direkte Folge
des Krieges die muslimischen Gerichtshöfe im Westjordanland
von Jordanien abgeschnitten wurden. Diese Spaltung bedeutete
in der Praxis, dass das Berufungsgericht in Amman von nun an
keine Fälle aus dem Westjordanland aufgreifen und entscheiden
konnte. 1967 wollte die israelische Regierung nicht den
Anschein erwecken, als beabsichtige sie - wie im Fall von
Jerusalem - auch das Westjordanland zu annektieren. Deshalb
stellte sich die Frage, ob sie nur das Jerusalemer
Religionsgericht und die dortigen muslimischen Einrichtungen
integrieren solle. Diese vom übrigen Westjordanland
abzuschneiden, wäre jedoch ein schwieriges Unterfangen
gewesen und würde zudem auf heftigen Widerstand bei der
arabischen Bevölkerung stoßen. Wenn die Israelis versucht
hätten, die Aktivitäten des Rats zu stoppen, hätte man ihnen
vorwerfen können, die Religionsfreiheit zu missachten - nämlich
zu einer Zeit, als es ihnen darum ging, der Welt zu
demonstrieren, dass sie würdige Wächter der Heiligen Stätten
aller Religionen seien.
Zwar legte der Muslimrat mit seiner anfänglichen Erklärung
ein Lippenbekenntnis zur Autorität Jordaniens ab, aber er war
nicht nach jordanischem Recht einberufen worden. Dennoch
war es ihm möglich, seiner Autorität Geltung zu verschaffen, da
er einer der Hauptverteiler der Geldmittel der jordanischen
-319-
Regierung an das Westjordanland war. Das Jerusalemer
muslimische Religionsgericht, das unter der Schutzherrschaft
des Rats amtierte, trug erheblich zu dessen Autorität bei.
Zunächst wurden die Entscheidungen des Muslimrats von Israel
nicht offiziell zur Kenntnis genommen, vor ihm geschlossene
Ehen vom israelischen Innenministerium nicht anerkannt und
von ihm gefällte Urteile von israelischen Gerichten nicht
vollstreckt. Die Israelis stellten aber fest, dass ihr Versuch, das
Jerusalemer Gericht dem muslimischen Gerichtssystem in Israel
zu unterstellen, nicht funktionierte. Schließlich kam man zu
einem Kompromiss, demzufolge der muslimische Gerichtshof
im israelischen Jaffa die Entscheidungen des Jerusalemer
Gerichts «bestätigte». 1987 wurde in Westjerusalem ein
israelisches muslimisches Gericht eingerichtet. Zwar vermochte
dieses Gericht einige Rechtssuchende an sich zu ziehen,
besonders Leute, denen an Vollstreckungsmaßnahmen gelegen
war, die, wie es hieß, dieses Gericht «zu handhaben» imstande
war (vermutlich, weil es zur Durchsetzung seiner Verfügungen
auf israelische Beamte zurückgreifen konnte), aber es gelang
ihm nicht, das muslimische Scharia-Gericht in Ostjerusalem zu
verdrängen.
53
Der erreichte modus vivendi war für beide Seiten
zufriedenstellend. Die Muslime behielten die Kontrolle über ihre
eigenen Institutionen, insbesondere über die Heiligtümer auf
dem Haram al-Scharif. Scheich Hilmi al-Muchtasib, der dem
Rat von 1968 an bis zu seinem Tod im Jahre 1982 präsidierte,
schlug einen moderaten Kurs ein, bei dem er muslimische
Rechte zu sichern suchte, ohne die Israelis unnötig zu
brüskieren. Israel erkannte die Jerusalemer muslimische
Oberschicht stillschweigend an, die seit osmanischen Zeiten der
Kern der arabisch-palästinensischen Nationalbewegung war.
Sich in diesem Fall taktvoll zurückhaltend, akzeptierten die
Israelis, dass in diesem bedeutungsträchtigen Bereich
Ostjerusalem weder annektiert noch um seine eigenständige
-320-
Identität gebracht werden konnte.
Auch im Bildungswesen gelang es den Jerusalemer Arabern
nach 1967, sich der von den Israelis beabsichtigten Integration
zu widersetzen. Anfangs versuchten die Israelis, die öffentlichen
Schulen in Ostjerusalem in das in Israel bestehende arabische
Schulsystem zu integrieren - anders als bei den Schulen im
Westjordanland, für die weiterhin das jordanische System galt.
Aber die Lehrer in Ostjerusalem bestanden darauf, wie ihre
Kollegen im Westjordanland nach den jordanischen und nicht
nach den israelisch-arabischen Lehrplänen zu unterrichten. Sie
bedienten sich verschiedener Mittel, darunter auch Lehrer- und
Schülerstreiks, um der israelischen Politik Widerstand zu
leisten. Der Streit zog sich ein paar Jahre hin, bis Israel auch
hier nachgeben musste. 1970 machte die israelische
Gesetzgebung einige Zugeständnisse, die aber für unzureichend
erachtet wurden, weshalb der Widerstand weiterging, bis die
Israelis durch weitere, in einer Vereinbarung von 1975
festgehaltene Zugeständnisse ihr Gesicht wahrten. Diese
Vereinbarung sah von der siebten Klasse an für Ostjerusalemer
arabische Schulen eine «Wahlmöglichkeit» zwischen dem
israelischen Lehrplan und dem des Westjordanlandes vor. Die
Entscheidung fiel ausnahmslos zugunsten des letzteren aus, das
zu Prüfungen seitens der Arabischen Liga führte, die nach
jordanischem Recht abgehalten wurden. Der Kompromiss, dass
Jerusalem, was diese Belange anbetraf, Teil des
Westjordanlandes war, fand die Zustimmung des israelischen
Erziehungsministeriums.
54
Die arabische Presse von Ostjerusalem, die im gesamten
Westjordanland zirkulierte, stärkte die palästinensische Ident ität
und unterstrich die Rolle Jerusalems als kulturelles Zentrum.
Die Zeitungen unterlagen der israelischen Zensur (wie zuvor der
jordanischen), und in der ersten Zeit der Besatzung war die darin
geäußerte Kritik an Israel recht zahm. In den siebziger Jahren
wurde sie jedoch freimütiger, besonders in den Tageszeitungen
-321-
al-Fajr und al-Shaab - als Reflex der Radikalisierung der
palästinensischen Politik in den besetzten Gebieten. (Die
projordanische Zeitung al-Quds war weniger militant.) Eine
Zeitlang versuchten die Israelis, den radikalen Tendenzen
entgegenzuwirken, indem sie die Verbreitung einiger
Ostjerusalemer Zeitungen im Westjordanland und Gazastreifen
verboten. 1975 wurde der Chefredakteur von al-Shaab, Ali al-
Khatib, des Landes verwiesen.
55
Im Bereich der Grund- und Bodenrechte war der Widerstand
weniger erfolgreich. Bemühungen von Ostjerusalemer Arabern,
Ansprüche auf Grundbesitz in Westjerusalem geltend zu
machen, schlugen in der Regel fehl. Eine Ausnahme bildete das
ehemalige Niemandsland, das zwischen 1949 und 1967 Abu
Tor, ein arabisches Dorf innerhalb des Stadtgebiets, in zwei
Teile zerschnitten hatte. Als Folge der Teilung der Stadt hatten
Juden verlassene Häuser im westlichen (israelischen) Teil
bezogen. Nach 1967 blieben sie darin wohnen. Nun aber
versuchten einige Juden, Häuser im früheren Niemandsland, die
in den vergangenen achtzehn Jahren leer gestanden hatten, in
Beschlag zu nehmen. Die arabischen Eigentümer zogen dagegen
vor Gericht. Dieser aufsehenerregende Rechtsfall landete
schließlich vor dem israelischen Appellationsgerichtshof, der
zugunsten der Eigentümer entschied.
56 Von seinen
Entschädigungsangeboten für palästinensische Araber, die bei
ihrer Flucht im Jahre 1948 Grundbesitz in Jerusalem
zurückgelassen hatten, machte Israel viel Aufhebens, aber das
Kleingedruckte in den diesbezüglichen Gesetzen der Knesset
schreckte die meisten Eigentümer davon ab, entsprechende
Ansprüche geltend zu machen.
Nach dem Juni 1967 hegte Israel für kurze Zeit die Hoffnung,
dass ein Friedensabkommen mit Jordanien zustande kommen
könnte. Israel war bereit, bestimmte Gebiete im Westjordanland,
nicht aber in Jerusalem an Jordanien zurückzugeben. In privaten
Äußerungen ließen führende Israelis hingegen ihre Bereitschaft
-322-
erkennen, König Hussein als «Hüter der muslimischen Heiligen
Stätten in Jerusalem» anzuerkennen. Ministerpräsident Eschkol
stellte auch in Aussicht, dass eventuell die jordanische Fahne
über dem Haram flattern und dieser einen extraterritorialen
Status erhalten könnte.
57 Hussein aber traute sich nicht, als erster
Araber einen Friedensvertrag mit Israel zu unterzeichnen.
Stattdessen konzentrierte er sich darauf, seinen Einfluss im
Westjordanland zu wahren (wo er auch weiterhin die Gehälter
der jordanischen Beamten bezahlte) und zu versuchen, in der
islamischen und westlichen Welt Rückhalt zu finden. Darum
willigte er ein, dass am 16. September 1967 in Amman eine
Islamische Weltkonferenz zusammentrat. An ihrer Spitze stand
Hadsch Amin al-Husayni, der von der Bedrohung der Al-Aqsa-
Moschee sprach, und verlangte, dass die Heiligen Stätten wieder
Hussein unterstellt würden.
58 Der frühere Mufti von Jerusalem
fand aber kaum noch Beachtung.
Stattdessen übernahmen die Palestine Liberation Organization
(PLO) und ihre paramilitärischen Ableger, Jassir Arafats Fatah
sowie extremere Gruppen wie die von George Habash geleitete
Volksfront für die Befreiung Palästinas nun die Führung der
palästinensischen Araber. Bald nach dem Krieg von 1967 setzte
eine terroristische Kampagne gegen Israel ein. Ihre ersten
Ergebnisse waren nicht gerade beeindruckend, und die
israelischen Sicherheitskräfte konnten verhindern, dass es in den
besetzten Gebieten zu einer großen militärischen
Widerstandsbewegung kam. Ein kleiner Bombenangriff im
Herbst 1967 verursachte in Jerusalem nur geringen Schaden. Im
März 1968 nahm die israelische Armee Kamal Namari, den
Jerusalemer Kommandeur der Fatah, gefangen. Daraufhin
wurde sein Haus im Stadtteil Wadi Joz gesprengt. Die Praxis,
Häuser zu sprengen - legitimiert durch Notstandsvorschriften,
die aus der Zeit der britischen Mandatsverwaltung stammten -
war zuvor schon im Westjordanland zum Einsatz gekommen,
aber jetzt wurde sie erstmals in Jerusalem angewandt. Obwohl
-323-
in den ersten Besatzungsjahren nicht viele Häuser in Jerusalem
in die Luft gesprengt wurden, wandten die Behörden diese
Methode immer häufiger an, um den Terror in den Griff zu
bekommen - zumeist vergeblich. Bürgermeister Kollek, den man
über die beabsichtigte Sprengung des Hauses nicht im voraus
informiert hatte, protestierte öffentlich. Er beklagte sich auch
darüber, dass die Einigung der Stadt durch bürokratische
Halsstarrigkeit behindert werde, die «aus jeder guten Idee, die
wir hatten, die Luft rausließ». So beklagte er beispielsweise,
dass Araber, die man aus ihren Häusern vertrieben hatte, auch
Monate später noch nicht dafür entschädigt worden seien.
59
In der Befürchtung, dass der gewalttätige Widerstand der
Araber wachsen könnte, wurde die israelische Politik nach und
nach immer repressiver. Im März 1968 wurde der ehemalige
Bürgermeister Rawhi al-Khatib nach Jordanien deportiert. Die
Israelis behaupteten, er habe als «Verbindungsglied für die
illegale Weiterleitung von Geld fungiert, Streiks von
Ladenbesitzern und Lehrern unterstützt und unzutreffende
Beschuldigungen über israelische Brutalitäten nach Jordanien
gesandt».
60 Ein weiterer wahrscheinlicher Grund für die
Deportation war, dass Khatib Kontakt mit ausländischen
Diplomaten unterhielt und sie mit Informationen versorgte, die
Israel zum Nachteil gereichen konnten. Im November 1968
fielen einer von Terroristen gelegten Bombe zehn Juden und
zwei Araber auf dem Mahane-Jehuda-Markt zum Opfer. Es war
der erste große Vorfall dieser Art in Jerusalem. Weitere folgten,
und im August 1969 kam es zu schweren Unruhen, nachdem ein
geistig verwirrter Australier in der Al-Aqsa-Moschee Feuer
gelegt hatte.
Nachdem König Hussein im September 1970 die
palästinensischen Guerillaorganisationen in Jordanien
ausgeschaltet hatte, gingen die Angriffe auf Israel für eine Weile
zurück. Nach dem Krieg vom Oktober 1973, dem Jom-Kippur-
Krieg, veränderte sich die Atmosphäre. Nun schlugen die
-324-
Terroristen im Herzen von Israels Hauptstadt zu. 1975 wurden
durch eine auf dem Zionsplatz, mitten in der Neustadt von
Jerusalem, deponierte Bombe fünfzehn Menschen getötet und
fünfundsechzig verletzt. Nach der Explosion griffen jüdische
Rowdys arabische Passanten an. Diese Abfolge von Gewalt und
Gegengewalt sollte in der «vereinigten» Stadt in den folgenden
zwanzig Jahren zur traurigen Gewohnheit werden.
-325-
Die Reaktionen der Weltöffentlichkeit
Am 4. Juli 1967 beschloss die Vollversammlung der
Vereinten Nationen eine von Pakistan eingebrachte Resolution,
welche die israelischen Maßnahmen in Jerusalem für ungültig
erklärte und die israelische Regierung aufforderte, sie
rückgängig zu machen.
61 Die Resolution wurde mit
neunundneunzig Stimmen ohne Gegenstimme verabschiedet; die
USA gehörten zu den zwanzig Staaten, die sich der Stimme
enthielten. In einem Schreiben an den Generalsekretär vom 10.
Juli protestierte der israelische Außenminister Abba Eban, der
Begriff «Annexion» sei «fehl am Platze». «Die ergriffenen
Maßnahmen beziehen sich auf die Eingliederung von Jerusalem
im administrativen und kommunalen Bereich und schaffen eine
rechtliche Grundlage für den Schutz der Heiligen Stätten in
Jerusalem.»
62 Israel wies diese Resolution zurück, ebenso eine
ähnliche, die zehn Tage darauf eingebracht wurde.
Einige Wochen später entsandte der UN-Generalsekretär U
Thant den Schweizer Botschafter Ernest Thalmann als seinen
Stellvertreter nach Jerusalem. Die Israelis stellten strikte
Bedingungen, bevor sie Thalmanns Besuch zuließen: Es war
vereinbart, dass sein Mandat sich auf die «Sammlung von
Informationen» beschränkte. Als Geste gegenüber den Vereinten
Nationen (die in der israelischen Öffentlichkeit als Folge des
Abzugs der UN Emergency Force vom Sinai unmittelbar vor
Ausbruch des Sechstagekriegs mit äußerster Feindseligkeit
betrachtet wurden) unterstellte Israel am 23. August das
Government House wieder der Kontrolle der Vereinten
Nationen. Dieses UN-Gelände war nun jedoch ein sehr viel
kleineres Areal, das etwa 4,45 Hektar umfasste, d. h. nur noch
etwa ein Drittel so groß war wie vor dem Krieg. Thalmann hielt
sich zwei Wochen in Jerusalem auf und berichtete, man habe
-326-
«ihm nicht verheimlicht, dass Israel alles unternehmen werde,
um Ostjerusalem seiner Hoheitsgewalt zu unterstellen». Die
israelische Regierung habe «unmissverständlich gesagt, dass der
Integrationsprozess irreversibel und nicht verhandelbar sei».
63
Die Angelegenheit kam schließlich vor den Sicherheitsrat, wo
im Mai 1968 eine dem israelischen Vorgehen gegenüber
kritische Resolution mit dreizehn Stimmen ohne Gegenstimme
angenommen wurde (die USA enthielten sich der Stimme,
legten aber kein Veto ein, das den Beschluss blockiert hätte).
64
In den folgenden Jahren wurden noch mehrere derartige
Resolutionen verabschiedet, sie waren aber ohne jegliche
Wirkung.
65 Auch wegen der archäologischen Ausgrabungen in
der Altstadt und ihrer Umgebung wurde Israel von den
Vereinten Nationen und der UNESCO heftig angegriffen.
Die Annexion von Ostjerusalem handelte den Israelis nicht
nur Schwierigkeiten mit internationalen Organisationen ein,
sondern verschärfte auch die bestehenden Probleme mit
ausländischen Konsuln und Diplomaten. Am 13. Juni 1967
sandte der britische Generalkonsul dem Foreign Office ein
«Blitztelegramm» im Klartext (so dass es die Israelis lesen
konnten), in dem es hieß:
Das konsularische Korps ist wegen des ihm
entgegengebrachten Verhaltens in Rage. Bei ihren eigentlichen
Aufgaben werden sie behindert und von Pontius zu Pilatus
geschickt, während die Juden ihre langhaarigen Anhänger hin
und her gehen lassen und sogar Privatleuten ohne
Schwierigkeiten gestatten, auf die andere Seite der Stadt
hinüberzuwechseln. Meine türkischen und amerikanischen
Kollegen sind besorgt über den Unterschied, und der italienische
und der französische Generalkonsul sind verärgert. Dem
spanischen Generalkonsul ist eine schändliche Behandlung
widerfahren.
-327-
Der Umgang mit den Konsuln war schon immer einer der
schwächsten Punkte in der israelischen Öffentlichkeitsarbeit,
und unter denen, die wegen ihrer Versetzung auf andere Posten
das Land verlassen, haben sie nur wenige Freunde. Diese
Tradition behalten sie bei.
66
Nachdem nun ganz Jerusalem unter israelischer Herrschaft
stand, hätte man eigentlich erwarten sollen, dass diejenigen
Konsuln, die in beiden Teilen der Stadt Dienststellen
unterhielten, diese als Zeichen der für sie fortbestehenden
Gültigkeit der Doktrin des Corpus separatum vereinigt hätten.
Während sie aber bislang die theoretische Einheit ihrer physisch
getrennten Einrichtungen behaupteten, um ihr Festhalten am
Corpus separatum zu demonstrieren, behielten sie jetzt deren
Teilung bei, um ihre Nichtanerkennung des israelischen
Vorgehens in Jerusalem zu bekunden. Infolgedessen wurde die
Situation der Konsuln jetzt noch absonderlicher, als sie es schon
war, weil sie nun auf die symbolische Aufrechterhaltung zweier
entgegengesetzter Grundsätze verpflichtet waren: der Einheit
Jerusalems (wie von den Vereinten Nationen vorgegeben) und
seiner Teilung (nämlich des Status quo der Jahre 1949-67).
Zwar mussten sich die Konsuln nicht mehr mit den äußeren
Problemen einer Amtstätigkeit in einer geteilten Stadt
herumschlagen, aber stattdessen vervielfachten sich nun die
umständlichen Rangeleien über Protokollfragen.
Zunächst hatte es den Anschein, als mache Israel in seinem
Bemühen, andere Staaten zur Anerkennung seiner Souveränität
in Jerusalem zu überreden, einige Fortschritte. Ende 1968 hatten
zweiundzwanzig der sechsundvierzig ausländischen Missionen
in Israel dort ihren Sitz. Allerdings befand sich keine der
Großmächte darunter; die meisten gehörten
lateinamerikanischen oder afrikanischen Staaten von geringer
diplomatischer Bedeutung. Vor allem die Position der
Großmächte blieb knallhart: Sie weigerten sich, die Legitimität
-328-
von Israels Eingliederung von Ostjerusalem anzuerkennen.
Die Haltung der Vereinigten Staaten in der Jerusalem-Frage
war nach dem Sechstagekrieg zunächst ziemlich freundlich. Am
19. Juni 1967 drängte eine Erklärung des Weißen Hauses
lediglich auf Konsultationen, «bevor irgendwelche einseitigen
Schritte hinsichtlich des Status von Jerusalem unternommen
werden».
67 Erst nach der Amtseinführung der Nixon-Regierung
im Januar 1969 trat in der amerikanischen Politik eine subtile
Veränderung ein. Charles A. Yost, den Präsident Nixon für das
Amt des Botschafters bei den Vereinten Nationen benannt hatte,
hegte für Israel deutlich weniger Sympathien als sein Vorgänger
Arthur Goldberg. Im Juli 1969 stimmten die USA für einen
Beschluss des Sicherheitsrates, der «alle Maßnahmen, die
unternommen werden, um den Status von Jerusalem zu
verändern, aufs schärfste» missbilligte.
68 Als Yost die
amerikanische Haltung erläuterte, stellte er klar, dass die USA
Ostjerusalem als besetztes Gebiet betrachteten.
69 Goldberg
beteuerte später, dass die Position der Nixon-Regierung sich
erheblich von derjenigen Johnsons unterschieden habe.
70 Im
Dezember 1969 kündigte der amerikanische Außenminister
William Rogers einen Friedensplan für den Nahen Osten an.
Darin wurde ziemlich vage vorgeschlagen, dass Jerusalem eine
«vereinigte Stadt» mit «offenem Zugang» sein und «Funktionen
für Israel wie für Jordanien im zivilen, wirtschaftlichen und
religiösen Leben der Stadt» bieten solle.
71 Ägypten und
Jordanien begrüßten den Plan mit einem gewissen Vorbehalt,
aber die militanten arabischen Regierungen fielen über ihn her.
Israel lehnte ihn rundheraus ab. Im August 1970 gelang es
Rogers, Ägypter und Israelis zu einer Feuereinstellung in ihrem
«Zermürbungskrieg» zu bewegen, der seit März 1969 entlang
dem Suezkanal in Gang war; seine Vorstellungen hinsichtlich
eines dauerhaften Friedensvertrages landeten auf den Stapel von
Vorschlägen, die im Verlauf der vergangenen zwei Jahrzehnte
abgelehnt worden waren.
-329-
Die britische Einstellung zählte jetzt selbstverständlich viel
weniger als in alten Zeiten. In Anbetracht der abgekühlten
französisch-israelischen (und mehr noch der sowjetischisraelischen)
Beziehungen nach dem Juni 1967 konnten die
Israelis die britische Haltung zu Jerusalem aber nicht ganz außer
Acht lassen. Diese erwies sich als weniger freundlich, als die
Israelis es sich erhofft haben mochten, besonders im Hinblick
auf die persönliche Fürsprache des britischen Premierministers
Harold Wilson und seines Außenministers George Brown für
Israel. Lord Caradon, der britische Botschafter bei den
Vereinten Nationen, nahm die Sache selbst in die Hand und
legte einen persönlichen Plan für Jerusalem vor. In privaten
Gesprächen und später in einer Reihe von Reden und Artikeln
forderte er, dass in Ostjerusalem die arabische Souveränität und
Verwaltung wiederhergestellt werde, Entmilitarisierung,
Religionsfreiheit und freien Zugang zu den Heiligen Stätten
sowie «ein internationales Statut und eine interna tionale
Präsenz, nicht um die Stadt zu verwalten, sondern um
zusammen mit den Zivilbehörden beider Seiten zu
gewährleisten, dass die Kommunikations-, Bewegungs- und
Zugangsfreiheit gewahrt bleiben». Er erklärte Jerusalem zum
«Tor zum Frieden» und drang darauf, dass Jerusalem als erster
und nicht als letzter Punkt auf die Tagesordnung von arabischisraelischen
Verhandlungen gesetzt werde.
72 Seine
Überzeugungskraft bezog Caradon aus seinen Erfahrungen als
Distriktsbeamter in Palästina während der Mandatsverwaltung
in den dreißiger Jahren und aus seiner Rolle als Urheber der
Resolution 242. des UN-Sicherheitsrats vom November 1967 -
der mit der größten Zustimmung beschlossenen Grundlage für
ein Friedensabkommen zwischen Israel und seinen Nachbarn (in
der allerdings nicht direkt von Jerusalem die Rede war). Aber
die Israelis lehnten Caradons Vorschlag ab und hielten daran
fest, dass Jerusalem, wie es Teddy Kollek 1974 formulierte, «bis
ganz zum Schluss außen vor bleiben» solle. Dieser Auffassung
-330-
schloss sich auch Rogers Nachfolger als US-Außenminister,
Henry Kissinger, an.
73
Der Jom-Kippur-Krieg vom Oktober 1973, in dem der
ägyptisch-syrische Angriff Israel zunächst völlig überraschte
und während dessen die arabischen Staaten die Macht der
«Ölwaffe» entdeckten, führte zu einer plötzlichen
Verschlechterung der diplomatischen Stellung Israels. Eine
Folge davon war, dass Israels Bemühungen um die
Anerkennung seiner Hauptstadt einen Rückschlag erlitten. Unter
dem Druck der arabischen Ölförderländer brachen die meisten
afrikanischen und einige weitere Staaten ihre diplomatischen
Beziehungen zu Israel ab. Viele von diesen hatten ihre
diplomatischen Missionen in (West-)Jerusalem angesiedelt. Nun
zogen fast alle aus Israel ab; nur die Niederlande und einige
lateinamerikanische Staaten unterhielten noch Missionen in
Israels Hauptstadt.
Die arabische Haltung zu Jerusalem wie allgemein zum
Nahostkonflikt wurde militanter, worin sich die gestiegene
Macht der Öl produzierenden Länder niederschlug. Im
Dezember 1973 sagte König Faisal von Saudi-Arabien einem
amerikanischen Journalisten: «Nur Muslime und Christen haben
heilige Stätten und Rechte in Jerusalem.» Die Juden hätten
keinerlei Rechte dort. Und über die Klagemauer fügte er hinzu:
«Eine andere Mauer kann für sie gebaut werden. Vor der können
sie beten.»
74
Auf israelischer Seite war in der Jerusalem-Frage keine
Bereitschaft zum Nachgeben zu erkennen, um eine Antwort auf
den Terror zu geben; im Gegenteil, der Terror festigte die
israelische Entschlossenheit, am besetzten Gebiet festzuhalten,
Ostjerusalem eingeschlossen. Als aber nach 1973 der Druck der
Weltöffentlichkeit zunahm, begann ein langsamer Rückzug aus
den besetzten Gebieten. Im Gefolge von Kissingers
unermüdlicher «Shuttle-Diplomatie» von 1973-75 und den
daraus entstandenen ägyptischen und syrischen
-331-
Rückzugsvereinbarungen mit Israel gab es Anzeichen für eine
gewisse Entschärfung der ägyptischen und syrischen Einstellung
zur Jerusalem-Frage.
75 Sogar ein saudiarabischer Sprecher
räumte ein, die Juden hätten «ein Recht darauf, an ihren
Heiligen Stätten in Jerusalem zu beten».
76
1975 legte die Washingtoner Brookings Institution ein Papier
zum Frieden im Nahen Osten vor (Towards Peace in the Middle
East).
Von einer Gruppe erfahrener Wissenschaftler und Politiker
aus der Demokratischen Partei verfasst - darunter Zbigniew
Brzezinski (der spätere Sicherheitsberater von Präsident Carter),
Najeeb Halaby, Rita Hauser, Malcolm Kerr, Philip Klutznick,
Nadav Safran, Charles Yost und William Quandt -, hatte der
Bericht einen entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung der
amerikanischen Außenpolitik, besonders nachdem Jimmy Carter
im Januar 1977 die Präsidentschaft antrat. Hinsichtlich
Jerusalem waren darin Mindestbedingungen für eine
vertragliche Lösung genannt, zu denen der freie Zugang zu allen
Heiligen Stätten und keinerlei äußere Behinderungen für den
freien Verkehr innerhalb der Stadt gehörten. Im Einzelnen hieß
es, dass «jede nationale Gruppe innerhalb der Stadt, falls sie es
wünscht, in den Gebieten, in denen sie vorherrscht, über eine
fest umrissene politische Autonomie verfügen» solle. Da die
Frage für beide Seiten von hoher symbolischer Bedeutung sei
und keine Lösung «voll und ganz die Forderungen der einen
oder anderen Seite zu befriedigen» vermöge, befürwortete der
Bericht, die Jerusalem-Frage bei allen Verhandlungen erst in
einem späten Stadium anzugehen.
77
In den israelischen Überlegungen zu Jerusalem bewegte sich
in dieser Zeit nichts. Einer im Dezember 1973 in Israel
erhobenen Meinungsumfrage zufolge waren 92 Prozent der
Befragten dagegen, Jerusalem zu einer internationalen Stadt zu
machen, und 99 Prozent gegen eine Rückgabe Ostjerusalems an
Jordanien (wahrscheinlich bezieht sich die Erhebung nur auf
-332-
jüdische Israelis).
78 Die Zunahme eines militanten
Nationalismus in der israelischen Politik spiegelte sich in dieser
Zeit in Jerusalem im Wiederaufleben eines extremistischen
jüdischen Terrorismus wider. Anfang 1974 kam es zu
Brandanschlägen auf mehrere christliche Einrichtungen
79 und
rechtsextreme Gruppierungen begannen, gegenterroristische
Attacken gegen muslimische Ziele auszuhecken.
Nur in der Jerusalemer Stadtverwaltung machten sich die
Israelis ernsthaft Gedanken über die künftige politische Gestalt
Jerusalems. Das wichtigste Ergebnis dieser Überlegungen war
der nach 1968 von Teddy Kollek in mehreren Vorträgen und
Ansprachen skizzierte «Stadtbezirks»-Plan. Der Bürgermeister
schlug nicht etwa vor, die Hoheitsgewalt über einen Teil
Jerusalems aufzugeben, aber er sah die Notwendigkeit ein, auf
irgendeine Weise die palästinensisch-arabische Oberschicht
Ostjerusalems in das politische Gemeinwesen einzubeziehen. Da
sie nicht in der für die ganze Stadt zuständigen Stadtverwaltung
mitarbeiten wollte (in der sie selbstverständlich stets in der
Minderheit sein würde), schlug er die Schaffung von
Stadtbezirken mit fest umrissenen Zuständigkeiten und
Vollmachten vor, wie etwa in London oder New York. Dies
würde, so hoffte er, den arabischen Einwohnern Ostjerusalems
ein gewisses Maß an Autonomie verschaffen und könnte
womöglich zu deren Kooperationsbereitschaft führen. Bei ihren
primären Adressaten, in der internationalen Öffentlichkeit und
unter den in der Diaspora lebenden Juden, wurde Kolleks
Vorschlag gut aufgenommen. Nicht viele Araber ließen sich
jedoch davon überzeugen, und auf die israelische Politik hatte er
nur geringe Auswirkungen. Weder von der Arbeiterpartei noch
dem Likudblock dominierte Regierungen in Israel griffen
Kolleks Plan auf; beide fürchteten, er könne zu einer
neuerlichen Teilung der Stadt führen.
80 Sogar einige von
Kolleks engsten Mitarbeitern in der Stadtverwaltung teilten
diese Befürchtung.
81 Im Verlauf der Jahre wurde Kollek immer
-333-
unzufriedener mit der - wie er es empfand - Vernachlässigung
Jerusalems durch die aufeinander folgenden Regierungen. «Von
keiner Regierung der Welt werden wir als die Hauptstadt von
Israel anerkannt», sagte er, «und nur halbwegs von der
israelischen Regierung.»
82
Nach jahrelangen Diskussionen stimmte schließlich 1980 die
linke Mapam-Partei auf einem Parteitag für etwas Ähnliches wie
Kolleks Plan. Die Mapam fügte allerdings mehrere Klauseln
hinzu. Manche davon, wie etwa die Forderung nach einer
Exterritorialisierung des Tempelbergs, gingen ein wenig über
den allgemeinen israelischen Konsens hinaus; andere jedoch
stellten einen Rückzug vom Status quo in Richtung einer
betonter israelischen Position dar, wie beispielsweise der Passus,
wonach «eine Bedingung für die Ausübung unbeschränkter
Autonomie im Bildungswesen innerhalb der Stadtverwaltung
oder in den arabischen städtischen Untereinheiten ist, dass die
Schulkinder im Geiste der Loyalität gegenüber dem Staat Israel,
des guten staatsbürgerlichen Verhaltens, der gegenseitigen
Toleranz und einer festeren Brüderlichkeit der beiden Völker
erzogen werden».
83 Dies konnte man als eine Aufforderung
verstehen, den israelischen Lehrplan für arabische Schulen in
Ostjerusalem einzuführen (und das war vermutlich auch
beabsichtigt).
Weder diese noch Kolleks noch die radikaleren Vorschläge
von Meron Benvenisti, einem von Kolleks Stellvertretern als
Bürgermeister, wurden in die Politik einer israelischen
Regierung umgemünzt. Im August 1977 ließ jedoch Mosche
Dayan, der Außenminister der neu ans Ruder gekommenen
Regierung von Menachem Begin, einen interessanten
diplomatischen Versuchsballon steigen. Er erinnerte sich, dass
Ben Gurion als Ministerpräsident zur Unterzeichnung eines
Friedensvertrags bereit gewesen war, der eine dauernde Teilung
Jerusalems vorsah (er dachte dabei an die Verhandlungen der
Jahre 1948-51 mit König Abdullah, an denen er selbst
-334-
teilgenommen hatte). Dayan verkündete, dass nicht einmal
Ostjerusalem als möglicher Verhandlungsgegenstand
ausgeschlossen sei.
84 Obwohl die Andeutung in der
Öffentlichkeit gemacht wurde, erregte sie damals nur wenig
Aufsehen. Es war aber eines der Signale, die ein paar Wochen
später zu Präsident Anwar Sadats Friedensinitiative führten.
Dass die Jerusalem-Frage in den Gesprächen während des
dramatischen Israelbesuchs des ägyptischen Präsidenten im
November 1977 zur Sprache kam, war unvermeidlich. Die
Israelis waren über Sadats Äußerungen über Jerusalem in seiner
Rede in der Knesset enttäuscht. Er hielt daran fest, dass Israel
sich aus allen besetzten Gebieten zurückziehen müsse,
«einschließlich des arabischen Jerusalem», das, wie er sagte,
«eine freie, allen Gläubigen offen stehende Stadt» sein müsse.
85
In privaten Gesprächen mit den Israelis gaben die Ägypter etwas
mehr Flexibilität zu erkennen. Als der israelische Außenminister
äußerte, am besten begänne man nicht mit der Frage der
Souveränität, sondern mit dem Status der Heiligen Stätten,
antwortete (nach Dayans Darstellung) Butros Ghali, der
ägyptische Staatsminister für Auswärtige Angelegenheiten und
spätere Generalsekretär der UNO, dass «wir nach vorne schauen
und versuchen sollten, uns ein neues Konzept als Alterna tive zur
Souveränität einfallen zu lassen».
86
Im Verlauf der Verhandlungen, die in den folgenden zehn
Monaten stattfanden, versuchten die Israelis, die Ägypter aus
der Reserve zu locken. Im Juli 1978 «vertraute» Dayan dem
ägyptischen Außenminister Mohamed Ibrahim Kamel bei
Gesprächen auf Leeds Castle in England an, dass «das Thema
Jerusalem keine Schwierigkeit darstelle, solange alle
miteinander darin einig seien, dass es Heilige Stätten aller
Religionen enthalte, dass es das Bedürfnis nach freier Bewegung
und freiem Zugang zu den Heiligen Stätten gebe und dass es
nicht geteilt werden sollte. Eine für alle Parteien befriedigende
Lösung für Jerusalem könne gefunden werden.»
87 Während man
-335-
sich jedoch in anderen, bilateralen Fragen auf eine
Verständigung zubewegte, wurde über Jerusalem keine
Einigung erzielt.
Im Verlauf der dreizehntägigen Konferenz von Camp David
im September 1978 stellte es sich als eines der schwierigsten
Themen heraus. Während Ägypten für einen stufenweisen
Abzug der Israelis aus dem Sinai zur Unterzeichnung eines
Friedensvertrags bereit war, blieben die Gespräche über die
Palästina-Frage und Jerusalem stecken. Das grundlegende
Verhandlungspapier der Ägypter verlangte die Rückführung
Ostjerusalems unter «arabische Souveränität und Verwaltung»,
obwohl sie bereit waren, einem «gemeinsamen Stadtrat»
zuzustimmen.
88 Sadat bestand darauf, dass sofort eine
«muslimische Flagge» auf dem Felsendom gehisst werden
müsse - also noch vor jedweder Vereinbarung über
palästinensische Autonomie. Amerikanische Beauftragte, die
sich bemühten, sich aus der Jerusalem-Frage herauszuhalten,
machten sich scherzhaft Gedanken über das Aussehen der
vorgesehenen Flagge.
89 Aber Menachem Begin lehnte Sadats
Forderung rundheraus ab, weil für ihn ein solches Zugeständnis
der Anfang der Verwässerung von Israels Souveränität über die
ganze Stadt war. Wegen der Uneinigkeit in der Jerusalem-Frage
brach am letzten Tag des Gipfels fast die gesamte
Verständigung zusammen. Schließlich kamen der amerikanische
Außenminister Cyrus Vance und der israelische Justizminister
(und spätere Vorsitzende des Obersten israelischen Gerichts)
Aharon Barak zu einer Einigung. Sie schlugen vor, dass die
Vereinbarung, die nicht auf Jerusalem Bezug nahm, von Briefen
begleitet werden sollte, in denen die Präsidenten Carter und
Sadat sowie Ministerpräsident Begin den jeweiligen
unveränderten Standpunkt ihres Landes zu Jerusalem darlegen
würden. Sadat schrieb an Carter:
1. Das arabische Jerusalem ist ein integraler Bestandteil des
-336-
Westjordanlandes. Juristische und historische arabische Rechte
in bezug auf die Stadt müssen respektiert und wiederhergestellt
werden.
2. Das arabische Jerusalem sollte arabischer Souveränität
unterstehen.
3. Die palästinensischen Einwohner des arabischen Jerusalem
haben einen Anspruch darauf, ihre legitimen nationalen Rechte
auszuüben, da sie Teil des palästinensischen Volkes im
Westjordanland sind.
4. Einschlägige Resolutionen des Sicherheitsrates, besonders
die Resolutionen 242 und 267, müssen auf Jerusalem angewandt
werden. Alle von Israel bezüglich Jerusalems getroffenen
Maßnahmen, um den Status der Stadt zu verändern, sind null
und nichtig und sollten rückgängig gemacht werden.
5. Alle Menschen müssen freien Zugang in die Stadt haben
und die Freiheit der Religionsausübung und das Recht zum
Besuch der Heiligen Stätten und zur Durchreise zu ihnen
genießen, ohne Unterschiede oder Diskriminierung.
6. Die Heiligen Stätten jedes Glaubensbekenntnisses können
der Verwaltung und Kontrolle seiner Repräsentanten unterstellt
werden.
7. Wesentliche Ämter in der Stadt sollten ungeteilt sein, und
ein gemeinsamer, aus einer gleichen Anzahl arabischer und
jüdischer Mitglieder zusammengesetzter Stadtrat kann die
Ausübung dieser Ämter beaufsichtigen. Auf diese Weise soll die
Stadt ungeteilt sein.
Begins Brief war kürzer. Er erinnerte einfach nur an den
Gesetzesbeschluss der Knesset vom 28. Juni 1967 und
wiederholte, Jerusalem sei «eine Stadt, unteilbar, die Hauptstadt
des Staates Israel».
90
Mosche Dayan hielt die Übergabe dieser Briefe, die im
-337-
Grunde eine Vertagung der Jerusalem-Frage bedeutete, für
akzeptabel, da «der amerikanische und der ägyptische Brief
keinen operativen Charakter hatten. Sie erzwangen nicht Israels
Rückzug aus diesem Gebiet. Die praktische Frage, wer
Jerusalem kontrollieren solle, würde im Rahmen der
Verhandlungen über einen Friedensvertrag mit Jordanien fünf
Jahre nach der Schaffung der Autonomie im Westjordanland
diskutiert werden. Darüber würde die Zeit entscheiden.»
91 Für
den ägyptischen Außenminister, der wegen der Vereinbarungen
unter Protest zurücktrat, waren die Briefe «ein Karussell, bei
dem sich die Holzpferdchen nie einholen, oder eine Schaukel,
die nie zum Stillstand kommt!»
92 Die Ereignisse der folgenden
Jahre legten den Gedanken nahe, dass sowohl Dayan als auch
Kamel recht hatten.
-338-
7. AUF DEM WEG ZUR
PALÄSTINENSISCHEN AUTONOMIE
Zwischen 1979 und 1991 kam die Jerusalem-Frage nicht
voran. Die Gespräche zwischen den Israelis und den Ägyptern
über die palästinensische Autonomie kamen nur mühsam voran
und wurden schließlich eingefroren. Die vorwiegend vom
rechten Flügel bestimmten israelischen Regierungen der
damaligen Zeit weigerten sich, über die Möglichkeit
irgendwelcher Veränderungen des Status von Jerusalem zu
diskutieren. Durch die Beschlagnahme von Land, den
Wohnungsbau für Israelis, die wiederholten Versuche, den
Status von Jerusalem als Israels Hauptstadt zu stärken, und die
Einschränkung arabischer Bauvorhaben innerhalb der
Stadtgrenzen schafften sie unterdessen weiterhin vor Ort «neue
Fakten». Die PLO maß einstweilen Jerusalem keine vorrangige
Bedeutung für die Sache der Palästinenser bei. Als im Dezember
1987 der als Intifada bekannt gewordene palästinensische
Widerstand in den von Israel besetzten Gebieten begann,
radikalisierte sich die palästinensische öffentliche Meinung im
Westjordanland und im Gazastreifen sowie in Ostjerusalem, in
das sich die Unruhen ebenfalls ausbreiteten. Im folgenden Jahr
beschloss König Hussein, seine noch verbliebenen
Verbindungen zum Westjordanland abzubrechen, was das
eigenständige politische Handeln seitens der Palästinenser
beschleunigte. Nun rückte Jerusalem in ihren Überlegungen
ganz nach vorne, und da sie darauf bestanden, wurde die Frage
der Vertretung der Jerusalemer Araber in den vorbereitenden
Gesprächen für die Nahostfriedenskonferenz erörtert, die 1991
in Madrid begann. Mit dem Ende des Kalten Krieges schliefen
regionale Konflikte in mehreren Teilen der Welt ein. Die durch
den Verlust ihres Rückhalts bei der Sowjetunion und bei
-339-
arabischen Regierungen geschwächte PLO mäßigte ihre Haltung
gegenüber Jerusalem und deutete ihre Bereitschaft an, dem
Terrorismus abzuschwören. Auch in Israel entwickelte sich die
öffentliche Meinung weiter, was nach den Wahlen von 1992 zu
einer Linksregierung unter Jitzhak Rabin und zu direkten
Geheimverhandlungen zwischen Israel und der PLO führte.
Diese kulminierten im September 1993 in einem
Rahmenabkommen, aber auch dies brachte keine Lösung der
Jerusalem-Frage.
-340-
Deklaratorische Diplomatie
Nach der Unterzeichnung des israelisch-ägyptischen
Friedensvertrags im März 1979 hoffte der israelische
Ministerpräsident Menachem Begin, dass man die Jerusalem-
Frage einfach beiseite lassen könne. Als er im Juli das Kabinett
über seine Gespräche mit Sadat in Alexandria unterrichtete,
sagte er, dass Jerusalem gegenwärtig kein Diskussionsthema mit
Ägypten sei.
1 Diese Vorstellung konnte er sich jedoch schon
bald aus dem Kopf schlagen. Der ägyptische Vizepräsident
Hosni Mubarak hielt öffentlich daran fest, dass Jerusalem ein
integraler Teil des Westjordanlandes sei und darum in die
Regelungen über eine palästinensische Autonomie einbezogen
werden müsse.
2 Bemühungen seitens Ägyptens und der USA,
die Sache voranzubringen, stießen jedoch in Israel auf eine
eiserne Wand. Als die Ägypter beispielsweise ins Spiel
brachten, dass Ostjerusalem der Sitz des vorgesehenen
palästinensischen Autonomierats sein könne, traf dieser
Vorschlag, dem israelischen Regierungssprecher Dan Pattir
zufolge, auf «glatte Ablehnung».
3 Bis zum Frühjahr 1980 war
die Jerusalem-Frage zu einem ständigen Streitpunkt in den
israelisch-ägyptischen Verhandlungen geworden.
4 Eine
Gesprächsrunde nach der anderen kam dieses Problems wegen
zum Erliegen, wobei die Israelis wiederholt daran festhielten,
dass darüber nicht einmal gesprochen werden könne. «Es ist
keine Frage, die in Autonomiegesprächen ausgehandelt werden
kann... Wir werfen keine Probleme auf, über die nicht
verhandelt werden sollte... und, in aller Freundschaft, wir
kommen nicht auf die Frage der Hauptstadt Ägyptens zu
sprechen», erklärte der Chef der israelischen
Gesprächsdelegation Schmuel Tamir.
5
Begins Ostjerusalempolitik nach Camp David war in ihrem
-341-
Kern widersprüchlich. Einerseits akzeptierte er für die Araber
im Westjordanland den Grundsatz der Autonomie, die für die
Bevölkerung gelten sollte statt für ein bestimmtes Gebiet,
während er andererseits argumentierte, die Ostjerusalemer
Araber dürften nicht von der Autonomievereinbarung betroffen
sein, weil andernfalls die israelische Souveränität über die Stadt
beeinträchtigt werde. Damit saßen die Ostjerusalemer Araber
potentiell zwischen zwei Stühlen - da sie weder israelische
Araber noch in die palästinensische Autonomie einbegriffen
waren, würden sie wohl jordanische Staatsbürger bleiben,
feindliche Ausländer, für die in Jerusalem nur eingeschränkte
Rechte galten.
Die Haltung der Vereinigten Staaten in dieser Frage war kurz
nach den Vereinbarungen von Camp David klargestellt worden.
In Beantwortung einer Frage König Husseins erklärte das State
Department, die USA würden «Vorschläge mittragen, die den
arabischen Einwohnern von Ostjerusalem, die keine israelischen
Staatsbürger sind, die Teilnahme an den Wahlen zur Bildung der
Selbstverwaltungsbehörde und an der Arbeit der
Selbstverwaltungsbehörde gestatten».
6 Ihren widerspenstigen
Partner zu überzeugen gelang den USA freilich bei dieser Frage
genauso wenig wie bei anderen.
Begins unflexibles Vorgehen wurde von seinem
Außenminister Moshe Dayan wie von seinem
Verteidigungsminister Ezer Weizman kritisiert. Dayan trat im
Oktober 1979 als Außenminister zurück; in einem
Zeitungsinterview sagte er ein paar Monate später, «Israel kann
schwerlich 100000 Menschen [in Ostjerusalem] sagen, dass sie
zwar die Jerusalemer Stadtverwaltung mitwählen, aber, da sie
keine Israelis sind, nicht an den Knesset-Wahlen teilnehmen und
auch nicht ihre Stimme für das Parlament in Amman abgeben
können».
7 Was die Frage der Einbeziehung der Ostjerusalemer
Araber in die palästinensischen Autonomieregelungen anbetraf,
äußerte sich Dayan nicht eindeutig. Andere Israelis zeigten
-342-
etwas mehr Mut. Beispielsweise trat der Politikwissenschaftler
Amos Perlmutter im Oktober 1980 in einem Artikel in der New
York Times für eine neue Denkrichtung in diesem Punkt ein.
8
Aber die Regierung blieb eisern.
Die iranische Revolution von 1979 bewirkte einen neuen
Ausbruch muslimischer Leidenschaften und Propaganda
hinsichtlich Jerusalems. Einer der ersten ausländischen Besucher
im nachrevolutionären Teheran war Jassir Arafat. Er erreichte,
dass Ayatollah Khomeini ihm versprach, einen internationalen
Kongress einzuberufen, «um Möglichkeiten zu untersuchen, die
Stadt Jerusalem von der israelischen Besetzung zu befreien».
9
Im Mai verkündete eine Konferenz der islamischen
Außenminister, von der Ägypten ausgeschlossen war, dass
Jerusalem die Hauptstadt Palästinas sei; das muslimische Jahr
1400 (das im folgenden November begann) wurde zum «Jahr
von Palästina und al-Quds» ausgerufen.
10 Die Konferenz
richtete einen Ausschuss unter Vorsitz von König Hassan II. von
Marokko ein, um «ein politisches und Informationsprogramm
auf den Weg zu bringen».
11 Eine der Leistungen dieses
Ausschusses war ein aufwendiges, vierfarbiges kleines Buch mit
vielen Fotos von König Hassan. Die Kampagne erstreckte sich
bis in die äußersten Winkel der islamischen Welt und schloss
auch nichtarabische Muslime in Indonesien, Südafrika und den
USA ein. Zu den abwegigeren Anklagen, die gegen Israel
erhoben wurden, gehörte ein Bericht in der pakistanischen
Zeitung Dawn, wonach in «Israel ein Komplott geschmiedet
wird, die Altstadt von Jerusalem auf ein neues Gelände an der
Mittelmeerküste nördlich von Tel Aviv zu verlegen». Das
israelische Kabinett habe dem Vorhaben zugestimmt, dessen
Kosten sich auf 33 Millionen englischen Pfund belaufen
würden.
12 Man könnte solche Phantastereien als paranoid
betrachten, aber sie zeigten, welche Resonanz die Jerusalem-
Frage bei Muslimen hatte.
Die israelische Reaktion auf diesen diplomatischen Druck und
-343-
auf die Propaganda war ähnlich derjenigen David Ben Gurions
drei Jahrzehnte zuvor - nämlich ein deklamatorischer Akt. Im
Juli 1980 verabschiedete die Knesset das Jerusalem-Gesetz, in
dem es hieß, «das ganze und vereinigte Jerusalem ist die
Hauptstadt Israels». Seine Initiatorin, die ultranationalistische
Knessetabgeordnete Geula Cohen, verheimlichte nicht, dass sie
die Absicht verfolgte, jegliche Verhandlungen über Jerusalem
dadurch auszuschließen, dass es in ein Grundgesetz von quasi-
Verfassungsrang einbezogen wurde. Sie äußerte auch den
Verdacht, dass Begins Liebe zu Jerusalem nicht weiter als bis
zur Westmauer reiche.
13 Die Gesetzesvorlage brachte sowohl
die Regierung als auch die Arbeiterpartei in der Opposition in
Verlegenheit. Die allgemeine Stimmung in der Knesset wurde
von Moshe Dayan zum Ausdruck gebracht, der die
Gesetzesvorlage «unnötig» nannte bevor er für sie stimmte.
Begin wollte sich in der Jerusalem-Frage nicht von seinen
rechtsextremen Widersachern überflügeln lassen, weshalb die
meisten Likud-Abgeordneten dafür stimmten, wenn auch ohne
Begeisterung. Die vereinigten Arbeiterparteien, die sich
nunmehr Arbeiterblock nannten, entschlossen sich, dem Gesetz
zuzustimmen, obwohl einige ihrer Mitglieder, darunter Jitzhak
Rabin und Abba Eban, während der Abstimmung am Ende der
ersten Lesung abwesend waren. Nur vereinzelte Linke stimmten
dagegen. Das Abstimmungsergebnis in der Knesset war
zweiundsechzig zu zwölf zugunsten der Gesetzesvorlage.
14 Als
der Gesetzesentwurf in einer Fraktionssitzung des
Arbeiterblocks besprochen wurde, kam es zu einer erbitterten
Auseinandersetzung zwischen Rabin und Schimon Peres über
die einzuschlagende Taktik.
15 Im Gesetzgebungsausschuss der
Knesset wurde der Gesetzesentwurf jedoch abgeändert und ein
Verweis auf die Stadt «in ihren durch den Sechstagekrieg
festgelegten Grenzen» gestrichen; stattdessen war darin nur
noch vom «ganzen und vereinigten Jerusalem» die Rede.
16
Obwohl das Gesetz einen derartigen Aufruhr verursachte,
-344-
enthielt es, wie damals angemerkt wurde, in der verabschiedeten
Form keine Formulierung, die ausgeschlossen hätte, dass
Jerusalem auch als palästinensische Hauptstadt fungieren
könnte.
17 Bei der letzten Lesung wurde das Gesetz mit
neunundsechzig zu fünfzehn Stimmen verabschiedet. Die
meisten Abgeordneten des Arbeiterblocks, einschließlich Peres,
stimmten dafür, während Rabin und Eban sich ein weiteres Mal
verdrückten.
Dieses Jerusalem-Gesetz wurde im Unterschied zu anderen
früheren Gesetzen in Israel von vielen kritisiert. Noch vor seiner
Verabschiedung hatte der Dekan der Juristischen Fakultät der
Universität Tel Aviv für Aufsehen gesorgt, weil er öffentlich
darauf beharrte, dass die israelische Annexion Ostjerusalems
unrechtmäßig sei.
18 Andere israelische Rechtsexperten meinten,
dass das Gesetz den «rechtlichen Status der Stadt» nicht
verändere und nur eine «deklaratorische Wirkung» habe,
obwohl unklar blieb, was das nun ge nau zu bedeuten hätte.
19 Die
politische Opposition dagegen war eher auf taktische denn auf
prinzipielle Erwägungen gegründet. Nur diejenigen, die als
politische Außenseiter galten, wie etwa der linke ehemalige
Knessetabgeordnete Meir Pail, trotzten dem Konsens und
sprachen sich für eine neuerliche Teilung der Hoheitsgewalt
über Jerusalem aus.
20 Bürgermeister Kollek begrüßte zwar die
Änderungen der Gesetzesvorlage, die in den Ausschüssen
vorgenommen worden waren, ließ aber verlautbaren, dass «alles
in allem Jerusalem von dem Gesetz nichts haben» werde.
21
«Wem hat es genutzt?» fragte er. «Ich sehe, welche Verwirrung
es selbst bei unseren Freunden hervorgerufen hat.»
22
Innerhalb weniger Wochen stellte sich heraus, dass er die
Sachlage richtig beurteilt hatte. Das Gesetz wurde von allen
wichtigen Staaten kritisiert. Am 20. August verabschiedete der
UN-Sicherheitsrat eine Israelkritische Resolution mit vierzehn
zu null Stimmen (die USA enthielten sich). Die New York
Times nannte das Gesetz eine «kapitale Torheit».
23 Alle
-345-
dreizehn in Jerusalem gebliebenen diplomatischen Vertretungen
- wie die der Niederlande, Guatemalas und der Dominikanischen
Republik - wurden daraufhin nach Tel Aviv verlegt (die von
Costa Rica, Honduras und El Salvador kehrten später wieder
zurück). Die Türkei schloss ihre Generalkonsulate in den beiden
Teilen der Stadt. Das israelische Außenministerium verkündete,
«tief verletzt» worden zu sein durch diese Entscheidungen, die
einen ernsten Rückschlag für Israels Bemühungen um
internationale Legitimation für Jerusalem als seiner Hauptstadt
darstellten.
24
Das Jerusalem-Gesetz bewirkte also das Gegenteil des
Erwünschten. Knessetabgeordnete des Likud hatten versucht,
den diplomatischen Konsequenzen dadurch vorzubeugen, dass
sie einen Gesetzesentwurf einbrachten, der ausländischen
Missionen den Sitz in Jerusalem zur Pflicht machte und den
Gesandten, die sich nicht daran hielten, die diplomatische
Immunität entzog.
25 Ob sie daran dachten, Diplomaten, die ein
weiteres derartiges «deklaratorisches» Gesetz nicht befolgten,
vor Gericht zu bringen und zu verhaften, ist nirgends
festgehalten. Vernünftigerweise setzten sich diesmal klügere
Auffassungen durch, und durch die Aufgabe dieses Vorhabens
vermied man eine diplomatische Konfrontation.
Zur gleichen Zeit, als das Jerusalem-Gesetz in der Knesset
diskutiert wurde, verkündete Menachem Begin, dem daran
gelegen war zu dokumentieren, dass er sich in seiner Liebe zu
Jerusalem von niemandem übertreffen lasse, dass er seinen
Amtssitz in den Ostteil der Stadt verlege. Die Nachricht
bewirkte, dass im Lande Kritik laut wurde. Der Vorsitzende der
World Zionist Executive, Aryeh Dulzin, ein gemäßigter Rechter,
bezeichnete den Schritt als «große Torheit».
26 Walter Eytan, der
ehemalige Generaldirektor des Außenministeriums, meinte, «die
vorgesehene Verlegung deute auf Unsicherheit hin, auf eine
versteckte Angst, dass wir Ostjerusalem (‹das arabische
Jerusalem›) doch wieder verlieren könnten».
27 Die
-346-
diplomatischen Reaktionen waren scharf. Der amerikanische
Botschafter Samuel Lewis warnte Begin, dass er außerstande
sein werde, ihn in Ostjerusalem aufzusuchen.
28 Der britische
Außenminister Lord Carrington sagte im israelischen Fernsehen,
dass dies «ein großer Fehler» sei, und fügte hinzu: «Ich glaube,
dass die Dinge dadurch für Ihre Freunde sehr viel schwieriger
und für Ihre Feinde sehr viel leichter werden.»
29 Begin hasste
einen solchen Ton bei seinen Kritikern, besonders bei den
britischen, und reagierte in einer für ihn charakteristischen
Weise mit einer vorbereiteten Erklärung:
Es ist nicht Ihre Sache, Israels Ministerpräsidenten Ratschläge
zu geben, wo er seit Amtssitz haben soll... Lange, bevor London
zur Hauptstadt des Vereinigten Königreichs wurde, war
Jerusalem eine Hauptstadt, eine jüdische Hauptstadt. Als König
David die Hauptstadt seines Königreichs von Hebron, wo er
sieben Jahre regierte, nach Jerusalem verlegte, wo er
dreiunddreißig Jahre lang regierte (1 Könige 2, 11), hatte die
zivilisierte Welt noch nichts von der Stadt London gehört.
30
(Dies war ein altes anglozio nistisches Thema: Im Jahre 1906
hatte Chaim Weizmann bei seinem ersten Treffen mit Balfour
diesen gefragt: «Angenommen, ich gäbe Ihnen London statt
Paris, würden Sie es nehmen?» Balfour antwortete: «Wir haben
London», worauf Weizmann zurückgab: «Mr. Balfour, wir
hatten Jerusalem, als London noch ein Sumpf war.»
31)
In Ostjerusalem wurde ein Gebäude vorbereitet, von
Installateuren, Bodenlegern und Tapezierern hergerichtet und
mit Schreibtischen und Büroutensilien ausgestattet.
32 Nachdem
aber von Präsident Carter und seinem Außenminister Muskie
mahnende Botschaften eingegangen waren, die den Rückhalt
führender amerikanischer Juden hatten, schlugen
Kabinettsmitglieder Begin vor, den Umzug noch einmal zu
-347-
überdenken.
33 Am Ende gab er nach; der Umzug fand nicht statt.
Der Oberste Gerichtshof, der eigentlich aus seiner beengten
Unterkunft auf dem Russischen Gelände auf den Skopusberg
umziehen sollte, erhielt stattdessen von der Familie Rothschild
eine neues, luxuriöses Quartier. Insgesamt wurden nur vier
Ministerien und das Hauptquartier der Staatspolizei nach
Ostjerusalem verlegt.
Die Verabschiedung des Jerusalem-Gesetzes und der
angedrohte Umzug des Dienstsitzes des Ministerpräsidenten
hatten des weiteren zur Folge, dass Ägypten seine Gespräche
mit Israel über die palästinensische Autonomie aussetzte. Zum
Teil wurde Sadat dazu durch die wachsende Unruhe im eigenen
Land und die Verurteilung in der gesamten arabischen Welt
veranlasst. Er sandte Begin einen achtzehn Seiten langen Brief,
in dem er mit allem Nachdruck betonte, dass «die historischen
und legalen Rechte von Arabern und Moslems in Jerusalem
respektiert, Bewegungs- und Religionsfreiheit garantiert werden
und die städtischen Versorgungsdienstleistungen vereinigt
bleiben sollten.» - «Kein Problem», schrieb er, «sollte als nicht
verhandelbar erachtet oder dazu gemacht werden.»
34 In einer
langen Erwiderung vom 4. August behauptete Begin, zu diesem
Thema «für fünfundneunzig Prozent des israelischen Volkes» zu
sprechen. Er stellte klar, dass er keinen Zentimeter der Stadt
abgeben werde, die «für alle Generationen wiedervereinigt und
unteilbar» sei.
35 In Wirklichkeit war Begin wegen der
Unterbrechung der Gespräche nicht sehr beunruhigt: Er hatte nie
große Begeisterung für die palästinensische Autonomie
aufgebracht.
Mit Sadats Ermordung am 6. Oktober 1981 war der
entschlossenste Verfechter des Gedankens eines
Friedensvertrags zwischen Israel und Ägypten von der
politischen Bühne abgetreten. Sein Nachfolger Hosni Mubarak
schlug einen sehr viel vorsichtigeren Weg ein. Sein Ziel, an das
er schließlich auch gelangte, war es, Ägyptens Isolation
-348-
innerhalb der arabischen Welt ein Ende zu setzen. Anfang 1982
versuchte Präsident Reagans Sondergesandter für den Nahen
Osten, Sol Linowitz, die ägyptisch-israelischen Gespräche
wieder in Gang zu bringen, hatte aber keinen Erfolg damit.
Reagan selbst versicherte in seiner «Friedensinitiative» vom 1.
September 1982 wieder, dass er «die Teilnahme der
palästinensischen Einwohner Ostjerusalems an den Wahlen der
Westjordanland-Gazastreifen-Behörde» unterstütze auch wenn
er diese Worte nicht in seiner im Fernsehen übertragenen Rede
verwendete, sondern nur in einer Liste mit «Gesprächspunkten,
die Begin und arabischen Regierungen gesandt wurde».
36 Diese
Auslassung deutet kaum auf Entschlossenheit hin. Israels
Reaktion erfolgte jedoch unverzüglich und in dem für Begin
charakteristischen Stil des Paragraphenreiters: «In der Camp-
David-Vereinbarung steht nichts über ein solches Wahlrecht.
Der einzige Sinn einer solchen Abstimmung ist die erneute
Teilung Jerusalems ,..»
37
Mittlerweile war all dies freilich reine Theorie. Selbst die
Aufmerksamkeit der arabischen Welt wurde inzwischen durch
die im Norden und Osten Israels stattfindenden Kriege von
Jerusalem abgelenkt. Die israelische Invasion in den Süd-
Libanon vom Juni 1982 hatte jegliche Aussicht auf eine weitere
Übereinkunft zwischen Ägypten und Israel über die
Autonomiefrage zunichte gemacht. Ein Kommunique, das im
Juli aus dem Iran kam, verkündete, dass Irans Gegenangriff
gegen den Irak das erste Stadium eines Feldzugs sei, «um
Jerusalem von der zionistischen Herrschaft zu befreien». Für
den Rest des Jahrzehnts blieben die palästinensische Autonomie
und mit ihr die Jerusalem-Frage in einer diplomatischen
Sackgasse stecken.
Unterdessen versuchte Israel, weiterhin dadurch «neue
Fakten» zu schaffen, dass es den Ring aus neuen jüdischen
Wohnbauten und Verbindungsstraßen rund um Jerusalem
sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stadtgrenzen
-349-
verstärkte. Im Nordwesten entstanden in Neve Ja'akov und
Pisgat Ze'ev große jüdische Vororte. Im Nordosten wurden neue
Wohngebiete in Psagot unweit von El-Bira und in Anatot
geplant. Ungefähr 12 km östlich der Stadt errichtete 1975 eine
Hand voll junger Nationalisten auf einem Hügel über der Wüste
ein inoffizielles Wohnwagengelände; im Verlauf der nächsten
zwanzig Jahre entstand daraus die Stadt Ma'alej Adummim.
Südlich von Jerusalem wurden in Har Gilo gewaltige
Wohnsiedlungen gebaut, und es begann die Planung für ein
großangelegtes Wohnungsbauprojekt in Har Homa in der Nähe
der arabischen Siedlung Sur Bachir. Deklaratorische Diplomatie
und Gesetze erbrachten keine Pause in den Attacken von
Terroristen in Jerusalem und anderswo. Im Dezember 1983
tötete eine Bombe in einem Jerusalemer Bus fünf Juden und
verletzte sechsundvierzig weitere. Andere derartige Vorfälle
folgten und brachten nicht nur die israelische öffentliche
Meinung auf, sondern ermöglichten es auch Begin, die
Vereinigten Staaten davon zu überzeugen, dass die PLOFührung
kein akzeptabler Gesprächspartner sei.
-350-
Jerusalem - ein amerikanisches
Problem?
Obwohl die Israelis auf den Rückhalt der Vereinigten Staaten
zählen konnten, hatten sie immer mehr Freunde im Kongress als
im Außenministerium. Israel und seine amerikanischen
Unterstützer irritierte in all diesen Jahren die Tatsache, dass sich
eine amerikanische Regierung nach der anderen hartnäckig
weigerte, die amerikanische Haltung zu korrigieren und Israels
Souveränität in Jerusalem anzuerkennen. Nach dem Krieg von
1967, als Israel von der amerikanischen Waffen- und
Wirtschaftshilfe sehr abhängig wurde, unternahm man große
Anstrengungen, um die israelische Lobby in Washington zu
stärken. Was politischen Einfluss in beiden Häusern des
Parlaments anbetraf, war in den siebziger Jahren nur die
Waffenlobby der National Rifle Association eindrucksvoller als
das AIPAC (America-Israel Public Affairs Committee). Der
Hauptteil seiner Arbeit galt sehr konkreten militärischen und
wirtschaftlichen, jedoch nicht diplomatischen Fragen. Jerusalem
wurde jedoch zu einer Ausnahme, und seit den siebziger Jahren
wurde denn auch eine entschlossene Kampagne geführt, um eine
Änderung in der amerikanischen Außenpolitik hinsichtlich
Jerusalems zu bewirken, indem man politischen Druck im
Kongress ausübte. Von hier war es nur noch ein kleiner Schritt
bis zur Entscheidung, die Frage in den amerikanischen
Wahlkampf einzubeziehen.
Im Laufe der Jahre wurde ein ritueller Tanz um Jerusalem fast
zu einem Muss in der amerikanischen Politik.
Präsidentschaftskandidaten waren genötigt, sich zu verpflichten,
die amerikanische Botschaft nach Jerusalem zu verlegen; aber
keiner, der zum Präsidenten gewählt war, entschloss sich je, dies
zu tun. Sogar George McGovern, der Kandidat der Demokraten
-351-
im Jahre 1972, der weithin als jemand galt, der Israel nicht viel
Sympathie entgegenbrachte, war zu diesem Versprechen
genötigt.
38 1976 war sich Jimmy Carter darüber im Zweifel, ob
er das Versprechen wiederholen solle; schließlich ließ er sich
doch dazu überreden. Nach seiner Wahl blieb die amerikanische
Botschaft dort, wo sie war. In der Wahlkampagne von 1980
nötigte Edward Kennedy, Carters Rivale aus der
Demokratischen Partei, diesen zu der Einwilligung, das
Versprechen in sein Wahlprogramm aufzunehmen.
39 Sein
republikanischer Kontrahent Ronald Reagan zierte sich weniger.
Auf Fragen hinsichtlich Jerusalem antwortete er: «Eine
ungeteilte Stadt Jerusalem bedeutet israelische Souveränität über
diese Stadt.» Als man wissen wollte, ob er wirklich trotz
gegenteiliger Auffassung des State Department die Botschaft
verlegen werde, fügte der Kandidat ein paar unfreundliche
Kommentare in Richtung State Department und dessen
Mitarbeiter hinzu.
40 Noch vor den Wahlen war aber Reagans
Haltung zu dieser Frage nicht mehr so fest wie vorher. Seine
außenpolitischen Berater warnten ihn davor, nicht den Fehler
des kurzzeitigen kanadischen Premierministers Joe Clark zu
wiederholen, der feierlich versprochen hatte, die kanadische
Botschaft zu verlegen, aber bereits drei Tage nach seinem
Amtsantritt im Juni 1979 seine Meinung wieder änderte. Das
Wahlprogramm der Republikaner schwächte denn auch Reagens
freimütiges Versprechen ab.
41 Gegen Ende der Wahlkampagne
trat ein offensichtlich verwirrter Reagan gleichzeitig für ein
Arrangement nach Art des Vatikans und für Israels Souveränität
in der gesamten Stadt ein.
42 Auch unter Präsident Reagan blieb
die amerikanische Botschaft in Tel Aviv.
Im Juni 1980 hatte das Repräsentantenhaus gegen die
Verlegung der Botschaft votiert - damals waren die Israel-Lobby
und die nachdrücklich proisraelischen Volksvertreter aus
taktischen Gründen gegen eine Verlegung.
43 Aber Anfang 1984
brachten der New Yorker Senator Daniel Patrick Moynihan und
-352-
die Abgeordneten Tom Lantos und Benjamin A. Gilman in
beiden Häusern Gesetzesinitiativen ein, die die Verlegung der
Botschaft nach Jerusalem forderten. Die Regierung widersetzte
sich, und Außenminister Shultz sagte, sie «würden sehr ernste
Fragen der Gewaltenteilung aufwerfen».
44 Diesmal stellte sich
das AIPAC hinter das Vorhaben, das in beiden Parteien breite
Unterstützung fand.
45 Die Pressekommentare waren zumeist
ablehnend: Die Hälfte der «50 großen» Zeitungen des Landes
bezogen zu der Frage Stellung, und alle bis auf drei sprachen
sich gegen die Verlegung aus.
46 Präsident Reagan, der sich
offenbar nicht mehr an seinen früheren Enthusiasmus für diese
Idee erinnerte, schalt den Kongress, weil er die Verlegung
befürwortete, und drohte sein Veto gegen ein solches Gesetz
an.
47 1995 wurde ein «Jerusalem Embassy Act» zwar zum
Gesetz, aber Präsident Clinton berief sich wiederholt auf eine
Klausel über nationale Sicherheit, um den tatsächlichen Umzug
zu verhindern. Während des Wahlkampfs des Jahres 2000 sagte
der republikanische Kandidat George W. Bush in CNN,
«nachdem ich meinen Amtseid abgelegt haben werde, werde ich
den Vorgang der Verlegung der Botschaft nach Jerusalem in
Gang setzen.» Als er im Januar 2001 jedoch sein Amt antrat,
fand er, wie schon seine Vorgänger, erneut Gründe, die
Erfüllung seines Versprechens aufzuschieben.
Die inneramerikanische Debatte schien vorauszusetzen, dass
den amerikanischen Juden Jerusalem sehr am Herzen lag.
Unzweifelhaft fühlten sich viele davon berührt, obgleich sich
nur wenige die Mühe machten, sich über die komplizierten
Einzelheiten des Sachverhalts zu informieren. Die meisten
richteten sich nach der israelischen Regierung, auch wenn in
Zeiten der Spannung führende amerikanische Juden zur Vorsicht
hinsichtlich Israels mahnten. Zwar waren die meisten Juden in
Nordamerika und Westeuropa im Prinzip für ein einheitliches
israelisches Jerusalem, aber es gab wenig Indizien dafür, dass
die Frage in gleichem Maß die Leidenschaften erregte, die von
-353-
Zeit zu Zeit in der islamischen Welt losbrachen. Einige jüdische
Leitfiguren in der Diaspora gaben leicht häretische Äußerungen
von sich, so beispielsweise der britische Oberrabbiner Immanuel
Jakobovits, der sich für Kolleks «Stadtbezirksplan» stark machte
und schrieb, er könne «sich Enklaven nach Art des Vatikans»
für Nichtjuden in der Stadt vorstellen.
48
Während der Streit um den Standort der US-Botschaft
weiterging, erhielt das amerikanische Generalkonsulat in
Jerusalem stufenweise eine neue Funktion: Es behielt zwar
Ämter in Ost- und Westjerusalem bei, aber der Schwerpunkt des
Konsulats lag im Osten. Das dortige blieb ein eigenständiges
Konsulat, das nicht der amerikanischen Botschaft in Tel Aviv,
sondern unmittelbar dem Washingtoner State Department
unterstand. Dies war zwar nicht einmalig bei amerikanischen
Konsulaten in aller Welt (ähnlich verhielt es sich in Hongkong),
aber doch sehr ungewöhnlich. Seit den 1980er Jahren gehörten
die Beziehungen zu den Palästinensern in Ostjerusalem und im
Westjordanland zu den Hauptaufgaben dieses Konsulats;
schließlich entwickelte es sich - nur nicht dem Namen nach - zur
amerikanischen Botschaft bei den Palästinensern. Entsprechend
gingen die israelischen Regierungen, besonders die
rechtsgerichteten, zu ihm auf Distanz. Als 1990 Molly
Williamson ihr Amt als Generalkonsulin antrat, ließ das
israelische Außenministerium wissen, dass man sich nicht mit
ihr treffen werde - eine merkwürdige Umkehrung der Rollen aus
früheren Tagen, als ausländische Diplomaten sich weigerten, mit
dem Außenminister in Jerusalem zusammenzutreffen.
-354-
Die Palästinenser und Jerusalem
Obwohl die PLO ihre Gründungskonferenz 1964 in Jerusalem
abhielt, maß die Bewegung im frühen Stadium ihrer
Entwicklung Jerusalem kurioserweise wenig Gewicht bei: In
dieser wie auch in manch anderer Hinsicht machte sie es wie die
frühen Zionisten. Um jordanische Empfindlichkeiten nicht zu
wecken, wurde Jerusalem in der palästinensischen
Nationalcharta nicht einmal erwähnt - weder in der Fassung von
1964 noch in der von 1968. Ebenso ignoriert wurde es im
politischen Zehn-Punkte-Programm, das auf der zwölften
Sitzung des palästinensischen Nationalrats am 8.Juni 1974 in
Kairo verabschiedet wurde.
49
Erst Mitte der siebziger Jahre begann sich die Haltung der
PLO zu ändern. 1977 stattete der saudiarabische Kronprinz (und
spätere König) Fahd Washington einen Besuch ab und legte
dabei Präsident Carter ein Memorandum der PLO vor. Darin
hieß es unter anderem, dass Ostjerusalem unter palästinensischer
Hoheitsgewalt die Hauptstadt des künftigen palästinensischen
Staats mit einem für alle garantierten freien Zugang zu den
Heiligen Stätten sein müsse.
50 Dass es ausgerechnet ein
saudiarabischer Prinz war, der die Palästinenser auf diese Weise
aus dem Bann der haschemitischen Jerusalem-Obsession erlöste,
war ein trauriges Zeichen für die Abhängigkeit der PLO von der
Protektion durch andere. Die Episode veranschaulicht auch das
Maß, in dem Jerusalem ein symbolisches Prestigeobjekt und ein
politischer Federball in arabischen und muslimischen
Rivalitäten blieb.
Die Saudis, denen zweifellos daran gelegen war, ihre alten
Rivalen, die Haschemiten, als Schutzherren der islamischen
Heiligen Stätten auszus techen, scheinen sich zu dieser Zeit für
Jerusalem besonders stark interessiert zu haben. König Khalid
-355-
rief während des Hadsch in einer großen Rede vor Pilgern in
Mekka auf «zur Rückgewinnung der drittheiligsten Moschee
[Al-Aqsa] in Jerusalem und des edlen Jerusalem selbst sowie zu
ihrer Säuberung von allen Unreinheiten, die ihnen zugefügt
worden sind».
51 Kurz darauf wurde berichtet, Saudi-Arabien
habe 12 Millionen US-Dollar für eine neue palästinensische
Universität angeboten, die auf dem Ölberg errichtet werden
sollte.
52 Israel ließ ein gewisses Interesse erkennen, die
Initiativen der Saudis zu ermutigen, und wäre es auch nur als
Gegengewicht gegen Jordanien. Am «Jerusalem-Tag» von 1979
verteilte beispielsweise die World Zionist Organization (WZO)
ein von Walter Eytan verfasstes Memorandum, in welchem dem
König von Saudi-Arabien die Souveränität über die Heiligen
Stätten der Muslime angeboten wurde, «in der gleichen Weise,
wie der Papst die Souveränität über den Vatikanstaat innehat».
53
Die WZO war keine staatliche Organisation, und Eytan stand
nicht mehr in staatlichen Diensten; darum konnte die israelische
Regierung jegliche Verantwortung für diesen Vorschlag von
sich weisen. Dennoch hatte sie für die israelische Diplomatie
eine nützliche Funktion, weil sie den inner-arabischen
Wettbewerb um Jerusalem anstachelte.
Im Gefolge von Sadats Friedensinitiative vom November
1977 begannen führende Palästinenser ernsthaft über die
Zukunft Jerusalems nachzudenken und zu versuchen, ihre
diesbezüglichen politischen Ziele zu definieren. Im Juli 1978
veröffentlichte Walid Khalidi, ein im Exil lebender
Intellektueller aus einer alten Jerusalemer Familie, in der
einflussreichen amerikanischen Zeitschrift Foreign Affairs einen
Artikel. In einer - seinen Worten nach -«persönlichen
Bestandsaufnahme» einer Lösung des Palästinaproblems rief er
zur Gründung eines palästinensischen Staates auf, zu dem das
Westjordanland, der Gazastreifen und Jerusalem gehören
sollten. Er räumte ein, dass es sich hierbei um eine Rückkehr
zum alten Konzept einer Teilung handelte und seine
-356-
Überlegungen in «manchen palästinensischen und arabischen
Kreisen» als Hochverrat angesehen werden könnten, vertrat aber
die Meinung, dass eine neue Generation palästinensischer und
arabischer Politiker dieses Konzept jetzt akzeptiere.
Ostjerusalem, das er als den «Nabel» des Westjordanlandes
bezeichnete, sei «die natürliche Hauptstadt des arabischen
Palästina». Es solle dort nicht zur Wiedererrichtung einer Mauer
kommen. Westjerusalem solle die Hauptstadt Israels bleiben. Es
solle Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit herrschen. Die
Stadt solle von einem gemeinsamen zwischenstaatlichen
Stadtrat verwaltet und für die Heiligen Stätten ein «großer, die
Religionen übergreifender Rat» geschaffen werden. Juden
sollten ein «unwiderrufliches Zugangsrecht» zur Westmauer
haben. Obwohl Khalidi eine Entmilitarisierung des gesamten
palästinensischen Staates ablehnte, hielt er es für «höchst
angemessen», dass Jerusalem (und zwar Ost- und
Westjerusalem) entmilitarisiert würde.
54 Khalidis Vorschläge
schlossen eine Reihe Elemente ein, die gewiss von den Israelis
nicht akzeptiert werden würden; beispielsweise hätte die
erwähnte Niederlassungsfreiheit der Rückkehr der
palästinensischen Flüchtlinge Tür und Tor geöffnet. Dennoch
war der Artikel ein Zeichen für neues Denken bei den
Palästinensern, und so fand er denn auch eine breite Resonanz.
Im folgenden Jahr legte die PLO erstmals ein abgewogenes
offizielles Statement zu Jerusalem vor. Unter dem Titel «Der
Status von Jerusalem» wurde das Dokument dem Ausschuss der
Vereinten Nationen für die Ausübung der unveräußerlichen
Rechte des palästinensischen Volkes vorgelegt. Nach einem
Rückblick auf die Geschichte der Stadt aus palästinensischnationalistischer
Sicht vermied das Statement jede
Befürwortung einer Empfehlung für die Zukunft der Stadt,
sondern vertrat die Auffassung, dass eine Lösung «nur im
Kontext einer globalen Lösung der Nahostfrage möglich sei, die
notwendigerweise mit den Resolutionen der
-357-
Generalversammlung hinsichtlich der Rechte des
palästinensischen Volkes in Einklang stehen müsse».
55
Seit 1979 vervielfachten sich die Anzeichen dafür, dass die
Ostjerusalemer Araber sich keineswegs in die Annexion durch
Israel fügten, sondern im Gegenteil politisch bewusster wurden,
stärker auf ihrer Identität beharrten und immer mehr bereit
waren, Widerstand gegen die israelische Besatzung zu leisten.
Im Juli 1979 tagte ein von Jordanien finanzierter
Palästinensischer Sozialkongress in der Stadt, bei dem Kinder in
palästinensischer Tracht nationa listische Lieder sangen, wie
«Wir werden euch in Blut und Feuer erlösen». Die Konferenz
ging mit einem Aufruf zur Schaffung eines selbständigen
palästinensischen Staates zu Ende.
56 Im folgenden Mai sprangen
die Unruhen aus dem Westjordanland nach Jerusalem über:
Zwischen arabischen Jugendlichen kam es zu Zusammenstößen,
eine palästinensische Flagge wurde in der Altstadt gehisst und
Ostjerusalemer Ladenbesitzer schlossen sich dem Streik der
Kaufleute im Westjordanland an.
57 Ein ehemaliger jordanischer
Gouverneur von Jerusalem, Anwar al-Khatib, der inzwischen als
Rechtsanwalt in Ostjerusalem praktizierte, erklärte, dass
dreizehn Jahre israelische Herrschaft die Stadt nicht geeint
hätten.
58
Im November 1986 kam es nach der Ermordung eines Juden,
Eliahu Emadi, durch vier Fatah-Mitglieder in Jerusalem zu
schweren Zusammenstößen zwischen Juden und Arabern.
Arabische und jüdische Jugendliche fielen mit Steinen
übereinander her, arabische Autos und Häuser wurden in Brand
gesetzt. Emadis Beisetzung artete in einen Krawall aus. Ein paar
Tage später verwandelte sich die Beerdigung des örtlichen
Notabein und ehemaligen jordanischen Ministers Anwar
Nusseibeh in eine Gegendemonstration palästinensischer
Nationalisten. Erst nach einer Woche gingen die Unruhen zu
Ende, gefolgt von einer düsteren, bedrohlichen Ruhe. Die
Analyse der Motive der Gewalttäter und der Ziele ihrer Attacken
-358-
ergab, dass dies mehr war als ein simpler ethnischer Konflikt
zwischen Arabern und Juden. Nach Meinung des hebräischen
Massenblatts Yediot Aharonot hatten die Unruhen drei
Konfliktebenen aufgewiesen: zwischen Arabern und Juden,
zwischen religiösen und säkularen Juden und zwischen reichen
und armen Juden - wobei letztere oft parallel zu dem Konflikt
zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden verliefen.
59
Die Animositäten zwischen diesen Gruppen saßen laut dem
Zeitungsbericht tief und konnten nicht leicht beseitigt werden. In
dem, was nun folgte, bewahrheitete sich der von Hobbes
vorausgesehene Kampf aller gegen alle.
Im Verlauf des folgenden Jahres zeigten mehrfache
Bekundungen des palästinensischen Selbstbehauptungswillens,
dass ein allgemeiner Aufstand drohte. Im Juni 1987 kündigte
Hanna Siniora, ein christlicher Araber, Fatah-Anhänger und
Chefredakteur der Zeitung al-Fajr an, dass er bei den
kommenden Stadtratswahlen für ein Amt kandidieren werde.
«Ich möchte zeigen, dass Jerusalem von realen Menschen
bewohnt wird, nicht von Gespenstern», sagte er. Al-Fajr hatte
seit den frühen siebziger Jahren aus seiner Unterstützung für die
PLO und die palästinensische Selbstbestimmung keinen Hehl
gemacht. Als Christ hätte Siniora womöglich einige
Schwierigkeiten gehabt, Rückhalt bei den Wählern zu finden,
selbst wenn der Wahlboykott nicht mehr bestanden hätte. Der
Bürgermeister von Bethlehem, Elias Frei] (ebenfalls ein Christ),
bezeichnete seine Kandidatur als «eine glänzende Idee»; aber
von der PLO kam Kritik, und so zog er sie am Ende doch wieder
zurück.
60 Dennoch war diese Episode etwas wie ein Grashalm
im Wind, nur einer von vielen, der eine gesteigerte Be reitschaft
bei den unter israelischer Besatzung lebenden Palästinensern
zeigte, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.
Später in diesem Sommer beschloss die israelische Regierung,
der Jerusalem District Electric Company das Recht zu entziehen,
jüdische Bezirke in Ostjerusalem mit Strom zu versorgen. Die
-359-
Gesellschaft gehörte Arabern; unter Palästinensern hatte sie den
Ruf erworben, ein Bestandteil des palästinensischen nationalen
Besitzstandes zu sein. Ihre Anfänge gingen auf eine osmanische
Konzession zurück, die einem griechischen Bürger namens
Euripides Mavromatis gewährt worden war und ihm erlaubte, in
einem Radius von zwanzig Kilometern rund um die Spitze der
Rotunde der Grabeskirche als alleiniger Stromlieferant
aufzutreten. Unter der britischen Mandatsverwaltung wurde um
die Konzession eine sich über Jahre hinziehende und mit
endlosen Rechtsmitteln ausgefochtene gerichtliche
Auseinandersetzung geführt. Dennoch wurde sie von den Briten
und Jordanien erneuert, und für das jordanische Jerusalem blieb
die Gesellschaft der primäre Energieversorger. Nach dem Juni
1967 kam die Frage auf, ob die Konzession der Gesellschaft
auch das Recht gebe, die neuen jüdischen Vororte innerhalb
ihres Konzessionsgebiets mit Strom zu versorgen. «Die
Vorstellung, dass Juden ‹arabische Elektrizität› verbrauchten,
erschien fantastisch», meinte der stellvertretende Bürgermeister
Meron Benvenisti dazu.
61 Da aber die Regierung juristische
Komplikationen befürchtete, beschloss sie, das Fortbestehen der
Konzessionsrechte anzuerkennen. Das am 31. Dezember 1987
bevorstehende Ende der sechzigjährigen Konzessionszeit
verschaffte den Israelis eine Gelegenheit zum Handeln. Die
Israel Electric Corporation, eine Elektrizitätsgesellschaft, die im
eigentlichen Israel über ein Monopol verfügte, hatte seit Jahren
versucht, ihren kleinen Konkurrenten zu übernehmen. Jetzt
wurden ihre Wünsche partiell erfüllt - sie wurde autorisiert,
sämtliche jüdischen Bezirke der Stadt mit Strom zu versorgen.
Die arabische Gesellschaft wurde auf die von Arabern
bewohnten Teile von Ostjerusalem beschränkt. Diese
Anweisung der Regierung nötigte die Gesellschaft, die Hälfte
ihrer Beschäftigten zu entlassen. Paradoxerweise hatte die
Entscheidung der Regierung jedoch die unbeabsichtigte
Wirkung, die Tendenz in Richtung einer palästinensischen
-360-
Autonomie in einer geteilten Stadt zu stärken, da die
Elektrizitätsversorgung für die arabischen und jüdischen Gebiete
der Stadt sich von nun an strikt nach ethnischen Grenzen
richtete. Die mit einer aus der Mandatszeit stammenden
Notstandsregelung legitimierte Anweisung an die arabische
Gesellschaft, die Versorgung jüdischer Gebiete einzustellen, trat
am 8. Dezember in Kraft. Tausend Polizisten standen bereit, als
diese Bezirke an das nationale Stromnetz der israelischen
Gesellschaft angeschlossen wurden. Der «arabische Strom»
wurde abgestellt, und damit war die Teilung der Stadt auf dem
Gebiet der Elektrizitätsversorgung vollzogen.
62 Wären die
israelischen Behörden sich dessen bewusst gewesen, sie hätten
schwerlich auf ein passenderes Symbol für die Teilung der Stadt
und den unmittelbar bevorstehenden Aufruhr verfallen können.
-361-
Die Intifada und danach
Schlüssige Beweise dafür, dass Israels Annexion von
Jerusalem gescheitert war, stellten sich im Verlauf der Intifada
ein, jener Serie von weiträumigen Unruhen, die im Dezember
1987 in Gaza ausbrachen. Während der ersten Tage hoffte die
Regierung, die Ausbreitung der Gewalt in die Hauptstadt
verhindern zu können. Am 19. Dezember kam es jedoch auch in
Jerusalem zum Aufruhr. Die arabischen Läden blieben
geschlossen. Überall wurden Flugblätter der PLO verteilt,
israelische und amerikanische Flaggen verbrannt,
palästinensische gehisst und nationalistische Parolen an die
Wände geschrieben. Beerdigungen der von israelischen
Sicherheitskräften Getöteten verwandelten sich in
Demonstrationen und gingen schließlich in Straßenschlachten
über. Nach einem am «Tag der Opfer» gehaltenen Gottesdienst
zum Gedächtnis für getötete Demonstranten kam es im Januar
auf dem Haram al-Scharif zu einer gewalttätigen
Auseinandersetzung zwischen der israelischen Polizei und
Palästinensern. Soldaten drangen in die Al-Aqsa-Moschee ein,
feuerten Tränengasgranaten ab und prügelten auf arabische
Beter ein.
63
Die israelischen Behörden, die vom Ausmaß der Gewalt
zunächst völlig überrascht waren, schienen nicht zu wissen, was
zu tun sei. Sie schwankten zwischen Repressionsmaßnahmen
und Versuchen, die Aufständischen zu beschwichtigen. Wegen
der Anwesenheit ausländischer Journalisten und weil man
zwischen den besetzten Gebieten einerseits und der angeblich
vereinigten jüdischen Hauptstadt andererseits differenzieren
wollte, zögerte man zunächst, in Jerusalem die gleichen
harschen Methoden wie im Gazastreifen und Westjordanland
anzuwenden. Sehr rasch entdeckten die Israelis dann aber, dass
-362-
eine solche Unterscheidung sinnlos war. Das sich daraus
ergebende Dilemma zu lösen gelang ihnen allerdings nie
wirklich: Harte Gegenmaßnahmen konnten die sich durch die
Stadt ziehenden Trennungslinien nur noch mehr vertiefen;
andererseits hätte Passivität den palästinensischen Nationalisten
freie Hand geben, die Stärke ihres Rückhalts in der Hauptstadt
Israels zu demonstrieren.
Umgekehrt ergaben sich aus palästinensischer Sicht aus dem
Sonderstatus von Ostjerusalem gewisse taktische Vorzüge. Da
es Teil von Israel war, waren seine palästinensischen Bewohner
weniger rechtlichen Einschränkungen ausgesetzt als die der
besetzten Gebiete. Sie konnten sich etwas freier bewegen, und
die Zensur war weniger streng. Die Folge war, dass Jerusalems
Rolle als politischkulturelles Zentrum des arabischen Palästina
durch die Intifada weiter gestärkt wurde.
Am 13. Januar 1988 wurden mehrere prominente Jerusalemer
Araber verhaftet, darunter auch mehrere Menschen, die als
gemäßigt galten. In einem notorisch gewordenen Ausspruch
erklärte Verteidigungsminister Jitzhak Rabin, er werde die
Unruhen «mit Gewalt, Macht und Schlägen»
64 unterdrücken.
Am 19. Januar wurden auf einem Treffen von Polizei- und
Armeeoffizieren und Vertretern der Stadtverwaltung
Abmachungen getroffen für den Fall, dass erstmals seit 1967
polizeiliche Notstandsrechte für Ostjerusalem in Anspruch
genommen würden. Drei Tage danach berief man sich
tatsächlich auf diese Rechte, als im Umkreis von a-Tur auf dem
Ölberg eine vierundzwanzigstündige Ausgangssperre verhängt
wurde. Die Zeitung al-Quds wurde für fünfundvierzig Tage
verboten und Hanna Siniora wegen des Abdrucks eines
Interviews mit Jassir Arafat in a-Fajr angeklagt. Aber die
Tumulte, das Steinewerfen, Errichten von Straßensperren,
Verbrennen von Reifen, Bestreiken von Läden und Schulen und
die offene Herausforderung der israelischen Behörden gingen
unvermindert weiter.
-363-
Als die Unruhen nicht nachließen, kamen israelische Politiker
nach und nach zu der Einsicht, dass sie mit einem tief
verwurzelten nationalen Aufstand gegen die israelische
Besatzung konfrontiert waren. Sie lernten begreifen, dass
Jerusalem sich von der Intifada (wörtlich: «dem Abschütteln»),
wie der Aufstand genannt wurde, nicht trennen ließ. Teddy
Kollek, realistischer als die meisten, gestand Anfang Februar
1988 ein, dass «sich die Lage in Jerusalem fundamental
geändert hat».
65 Die Intifada markierte den Zusammenbruch
seines zwei Jahrzehnte währenden Bemühens, die Stadt unter
israelischer Herrschaft zu einigen, obwohl er sich nicht ganz
dazu durchringen konnte, dies einzusehen.
Die Teilung der Stadt zwischen arabischen und jüdischen
Gebieten wurde zu einer fast undurchdringlichen psychischen
Mauer. Es herrschte eine «Geographie der Angst».
66 Schon in
den achtziger Jahren hatten sich viele Juden nicht mehr in
arabische Stadtteile gewagt. Nun tat es kaum noch jemand.
Jüdische Taxifahrer weigerten sich, dorthin zu fahren.
Israelische Autofahrer, die zu jüdischen Gegenden innerhalb
Ostjerusalems unterwegs waren, machten lange Umwege. Die
bereits geringe Zahl von in Westjerusalem lebenden Arabern
ging auf eine Hand voll zurück; dies galt sogar für israelische
Araber (also Palästinenser, die israelische Staatsbürger waren,
meistens aus der Zeit vor 1967), von denen viele in
palästinensische Wohngegenden wie etwa Bet Hanina umzogen.
Andere verließen Jerusalem.
67 Ähnliches galt für Juden, die,
soweit es sich nicht um ideologisch motivierte Siedler handelte,
es für angebracht hielten, aus arabischen Gebieten wegzuziehen.
Die Trennung der Einwohner, die schon immer ein
Charakteristikum von Jerusalem gewesen war, wurde dadurch
immer schärfer.
Bis Ende 1988 war es zu über 2000 Festnahmen durch die
Jerusalemer Polizei gekommen. Dennoch gingen die Unruhen
weiter, zuweilen in neuen Formen - Attacken mit Benzinbomben
-364-
oder gelegentlich auch mit dem Messer - neben dem
allgegenwärtigen Steinewerfen. Obwohl der Aufstand in
Jerusalem nicht so blutig niedergeschlagen wurde wie im
Westjordanland, nahmen die arabische Verbitterung und die
gegenseitige Entfremdung weiter zu. Im August 1990 hatte die
Ermordung zweier jüdischer Teenager Vergeltungsschläge von
Juden gegen Araber zur Folge. Als im Herbst 1990 die
innerstädtischen Beziehungen durch die stetig zunehmende
Gewalt und Gegengewalt immer mehr vergiftet wurden,
errichteten israelische Sicherheitskräfte rund um die Stadt
Straßensperren, um Palästinenser aus dem Westjordanland zu
hindern, die Stadt zu betreten. Auch Tausende von
Grenzpolizisten tauchten an den Kreuzungen entlang der
durchaus nicht mehr unsichtbaren Grenze zwischen den
arabischen und den jüdischen Teilen der «vereinigten» Stadt auf.
Das Vorgehen mancher Israelis trug zu der gespannten und
verbitterten Atmosphäre in der Stadt bei. Am 15. Dezember
1987 zog der dem rechten Flügel angehörende Politiker Ariel
Scharon in eine umgebaute Wohnung im moslemischen Viertel
um. Ihm folgten mehrere Dutzend Talmudschüler. Ähnlich
provozierende Schritte taten religiös-nationalistische Gruppen in
anderen arabischen Stadtteilen. Bei einem typischen Vorfall
machte sich im Oktober eine von Scharon angeführte Gruppe
ultranationalistischer religiöser Juden - mit der Rückendeckung
des Wohnungsbauministeriums - in einem Haus in Silwan breit,
einer arabischen Siedlung innerhalb der Jerusalemer
Stadtgrenzen. «Wir haben uns zum Ziel gesetzt, keine einzige
Gegend in Ostjerusalem ohne Juden zu lassen, keine einzige»,
verkündete Scharon im Mai 1992. Teddy Kollek verurteilte
Scharons Ansichten und Verhalten als «eine Art Messianismus,
der für uns in der Geschichte immer sehr schädlich gewesen
ist». Aber die Ermahnungen des Bürgermeisters zur Vernunft
standen nicht mehr im Gleichklang mit der Zeit, und politisch
war er inzwischen machtlos.
68
-365-
Die Verfestigung der Sektorengrenzen innerhalb der Stadt galt
nicht nur für Juden und Araber, sondern auch für säkulare und
ultraorthodoxe Juden (Haredim). Der rasche Zuwachs an
orthodoxen Juden in der Bevölkerung Jerusalems in den letzten
Jahren von Kolleks Amtszeit als Bürgermeister führte zu
heftigen Konflikten, die sich daraus ergaben, dass die orthodoxe
Bevölkerung neue Wohngebiete benötigte und sich folglich in
bislang säkulare Bezirke ausbreitete. In den Forderungen der
Orthodoxen, dass Straßen, auf denen bisher am Sabbat Verkehr
geherrscht hatte, künftig an diesem Tag geschlossen werden
müssten, trat eine verschärfte Militanz zutage. Gelegentlich kam
es wegen anderer Streitpunkte zu Gewaltausbrüchen und
Tumulten, etwa wegen des Verkaufs von nicht koscherem
Fleisch, wegen «unzüchtiger» Plakate an Bushaltestellen und
der Öffnung von Cafés am Sabbat. Kritiker der israelischen
Regierung stellten fest, dass orthodoxe jüdische Randalierer
zwar mit Steinen nach Leuten, die sich gegen den Sabbat
vergingen, und nach der Polizei warfen, dass sie aber, im
Unterschied zu den palästinensischen Aufrührern, von den
Sicherheitskräften nie mit echter Munition beschossen wurden.
Die Verbitterung zwischen säkularen und religiösen Juden war
in Jerusalem größer als anderswo in Israel und führte zu einer
Fluchtbewegung der Säkularjuden hinaus aus Jerusalem in
benachbarte, aber außerhalb der Stadtgrenzen liegende Gebiete
wie beispielsweise in den rasch expandierenden Vorort
Mevasseret Zion im Westen der Stadt.
Im Winter 1992/93 brachen Unruhen unter den
ultraorthodoxen Aktivisten aus. Wieder einmal schien es um
unwichtige Streitfragen zu gehen: Einwände dagegen, dass
Archäologen an angeblich alten jüdischen Begräbnisstätten
Ausgrabungen machten, Forderungen nach der Schließung von
Straßen in der Nähe orthodoxer Wohngebiete am Sabbat und
dergleichen mehr. In der Tat handelte es sich aber um den
symbolischen Hilfeschrei einer unterdrückten und verarmten
-366-
Gruppe der israelischen Gesellschaft, die sich gegen die
Säkularisierungswelle zu wehren versuchte. In diesen
Empfindungen (wenn auch nicht bei den Krawallen) standen
den aschkenasischen Haredim zahlreiche Juden
nordafrikanischer (besonders marokkanischer) Herkunft zur
Seite, die sich hinsichtlich der religiösen Observanz eher
traditionell als hypergenau verhielten und in ihrer politischen
Ausrichtung im Gegensatz zu den Haredim ultranationalistisch
eingestellt waren. Das Zusammenwachsen dieser beiden
Gruppen sollte in den folgenden Jahren nachhaltige
Auswirkungen auf die städtische und staatliche Politik in Israel
haben.
Auf diplomatischer Ebene bewirkte die Intifada eine
Intensivierung der amerikanischen Anstrengungen, die
eingefrorenen Gespräche über eine palästinensische Autonomie
zu neuem Leben zu erwecken. Nun vollzog sich in der
amerikanischen Politik eine historische Wende in Richtung einer
Öffnung zu einem Dialog mit der politischen Führung der
Palästinenser. Als der amerikanische Außenminister George
Shultz im Februar 1988 nach Israel fuhr, lud er arabische
Vertreter aus Ostjerusalem zu einem Gespräch ein. Genauso wie
bei seinem vorigen Besuch im Oktober 1987 weigerten sie sich,
der Einladung zu folgen. Diesmal richtete Shultz im Jerusalemer
American Colony Hotel ein Statement ausdrücklich «an
Ostjerusalem». Er unterstrich, dass «die palästinensische
Beteiligung für den Erfolg des Friedensprozesses von
grundlegender Bedeutung» sei, und erklärte, dass «die
Palästinenser aktiv an den Verhandlungen teilnehmen müssen,
die über ihre Zukunft bestimmen». «Gesetzlich garantierte
palästinensische Rechte», sagte er, «können auf eine Weise
erlangt werden, welche die israelische Sic herheit wahrt.»
69 Der
Wandel in der Haltung der Vereinigten Staaten war eindeutig:
Zwar waren die von der Intensität und Größenordnung der
Erhebung schockierten Amerikaner noch nicht bereit, auf
-367-
offizieller Ebene mit der PLO Kontakte zu unterhalten, wohl
aber dazu, palästinensische Vertreter aus den besetzten Gebieten
einzuladen, für das palästinensische Volk zu sprechen.
Einen nicht weniger dramatischen Wandel ihrer Politik
verkündete eine andere interessierte Partei ein paar Monate
später. Am 31. Juli 1988 hielt König Hussein in Amman eine
Rede, die eine Kehrtwende in seiner langjährigen Feindseligkeit
gegenüber der PLO bedeutete. Hussein erklärte nämlich, dass er
damit einverstanden sei, dass im Westjordanland und im
Gazastreifen ein unabhängiger Staat ge gründet werde. Als Folge
würden «die administrativen Verbindungen zwischen den
beiden Ufern» des Jordan abgebaut. Dieses Kappen der
Nabelschnur, die viele Angehörige der palästinensischen
Oberschicht im Westjordanland und in Ostjerusalem mit
Amman verband, beschleunigte die politische und
psychologische Bereitschaft der Palästinenser zur Autonomie.
Über Jerusalem wurde jedoch nichts gesagt. Darum blieb es
fraglich, ob Hussein beabsichtigte, sich ganz von der Stadt
zurückzuziehen, die so eng mit seiner eigenen Geschichte und
der seiner Familie verbunden war.
70
Sollte es Husseins Absicht gewesen sein, in diesem Punkt
eine gewisse Uneindeutigkeit bestehen zu lassen, so hatten
andere ein solches Interesse nicht. In der
Unabhängigkeitserklärung, die die PLO am 15. November 1988
aus ihrem Exil in Algier abgab, wurde Jerusalem nun doch
erwähnt - zum erstenmal in einem wichtigen Dokument der
PLO: «Der Kongress des palästinensischen Nationalrats ruft
hiermit im Namen Gottes und für das palästinensisch-arabische
Volk den Staat Palästina im Lande Palästina mit Jerusalem als
Hauptstadt aus.»
71 Der Staatsgründungserklärung folgte eine
Reihe öffentlicher Erklärungen von Jassir Arafat, in denen er
allen Formen des Terrorismus abschwor und ausdrücklich das
Recht Israels bestätigte, «in Frieden und Sicherheit zu
existieren».
72 Anfangs klangen sie zögerlich und unaufrichtig,
-368-
aber letzten Endes mussten selbst viele Kritiker der PLO
zugeben, dass ein Wandel in der Rhetorik und vielleicht ein
noch tiefergehender in der Einstellung eingetreten war - und
wäre es auch nur aus Gründen der Taktik. Dieser PLO-Wende in
Richtung auf eine neue pro-amerikanisch Orientierung kam die
Regierung der USA auf halbem Weg entgegen. Präsident
Reagan verkündete, dass jetzt ein «Dialog» mit der PLO in
Gang gesetzt werde.
In den frühen neunziger Jahren änderten der Untergang der
Sowjetunion, der Golfkrieg und die fortdauernde Intifada die
Jerusalem-Frage von Grund auf. Obwohl führende Israelis
beider großer Parteien weiterhin lautstark an der Beibehaltung
der israelischen Souveränität über die vereinigte Stadt
festhielten, befanden sie sich in Wirklichkeit in der Klemme -
eingezwängt zwischen den demographischen Realitäten, der
kollektiven Identität der Ostjerusalemer Araber und dem sich
rasch verschiebenden diplomatischen Umfeld.
Mit James Baker im State Department legten die Amerikaner
bei ihrem Bemühen um eine Wiederaufnahme der israelischarabischen
Verhandlungen einen hohen Gang ein. Ein weiteres
Mal erwies sich jedoch das Jerusalem-Problem als Stolperstein.
Der Likud-Block in Israels Regierung der nationalen Einheit
weigerte sich, mit einer Palästinenserdelegation zu verhandeln,
der auch ein Jerusalemer Araber angehörte, da sie meinten, dies
könne Israels Anspruch schwächen, Jerusalem ein für allemal
unter israelischer Hoheitsgewalt geeint zu haben. Aus ähnlichen
Gründen bestand die palästinensische Führung im
Westjordanland in Abstimmung mit der PLO darauf, dass ein
Jerusalemer Araber an den Gesprächen teilnehmen müsse.
Regierungsmitglieder des Arbeiterblocks waren bereit, in dieser
Frage einen Kompromiss einzugehen, was mit dazu beitrug,
dass die Regierung der nationalen Einheit 1990 zerbrach und
unter Führung von Itzhak Schamir eine rechte, vom Likudblock
beherrschte Regierung gebildet wurde. Baker ließ sich von
-369-
seinem Bemühen nicht abbringen. Im März 1991 veranstaltete er
ein Treffen mit führenden Palästinensern, allesamt glühenden
Anhängern der PLO aus Jerusalem; es war das erste dieser Art.
Als er im Juli 1991 Jerusalem besuchte, verbrachte er im
amerikanischen Konsulat in Ostjerusalem vier Stunden mit
arabischen Führern aus den besetzten Gebieten, darunter auch
Faisal Husayni.
Der Sohn von Abd al-Qader Husayni, des arabischen
Militärkommandeurs, der 1948 in der Schlacht um Jerusalem
getötet worden war, war ein entfernter Gefolgsmann des Mufti
und bezog einen Teil seiner Autorität und Popularität von seiner
Herkunft. Er hatte sich von der anwachsenden Militanz der
Intifada davontragen lassen und war nach dem Tod von Anwar
Nusseibeh 1986 zum politische n Führer der Ostjerusalemer
Palästinenser geworden. Im Gegensatz zu Nusseibeh war
Husayni als ehemaliger Fatah-Aktivist ein offener Anhänger der
PLO. 1987 führte er zusammen mit Nusseibehs Sohn Sari
Gespräche mit dem israelischen Politiker Mosche Amirav,
einem Abtrünnigen des Likudblocks. Kurz darauf wurde er für
neun Monate in Verwaltungshaft genommen; später wurde er
ein weiteres Mal inhaftiert. Nach seiner Freilassung pflegte er
weiterhin Kontakte mit israelischen Politikern, darunter Yael
Dayan, der Tochter des Generals, die als Mitglied der
Arbeiterpartei in der Knesset saß. Er beherrschte Hebräisch gut
genug, um im israelischen Fernsehen Interviews zu geben. Dass
Husayni bereit war, politische Verbindungen mit Israelis
anzuknüpfen, woraus sich dann auc h eine Reihe gemeinsamer
Erklärungen, Demonstrationen und öffentlicher Begegnungen
ergaben, war für Jerusalem etwas Neues und ließ die
Amerikaner die Hoffnung schöpfen, mit ihm könnten sie und die
Israelis etwas zustandebringen.
Im Gegenzug für Außenminister Bakers Versprechen, dass
ein Palästinenser aus Jerusalem in der gemeinsamen
palästinensisch-jordanischen Delegation an den
-370-
Friedensgesprächen würde teilnehmen dürfen, willigten die
Palästinenser ein, die Jerusalem-Frage nicht bereits zu Beginn
der Verhandlungen anzusprechen. Der israelische
Außenminister David Levy deutete seinerseits an, dass die
Israelis diese semifiktive Abmachung akzeptieren würden. «Wir
werden den Lebenslauf der von König Hussein nominierten
Persönlichkeiten nicht näher untersuchen», sagte er.
73 Später
machten die Israelis jedoch einen Rückzieher. Nach vielem Hin
und Her wurde endlich ein Kompromiss über die
Voraussetzungen der Verhandlungen gefunden. Die
Palästinenser sollten ihre eigene, aus führenden Leuten aus dem
Westjordanland und dem Gazastreifen zusammengesetzte
Delegation haben. Diese sollte nominell Teil einer gemeinsamen
jordanisch-palästinensischen Delegation sein. Sie würde weder
die PLO repräsentieren noch jemanden aus Jerusalem
einschließen. Sie sollte jedoch von einem von der PLO
genehmigten «Berater»-Ausschuss unterstützt werden, dem
Faisal Husayni angehören würde.
Im Oktober 1991 begann in Madrid die internationale Nahost-
Friedenskonferenz. Jerusalem stand nicht auf der Tagesordnung.
Die Eröffnungssitzung war nicht gerade vielversprechend:
Sämtliche Teilnehmer aus dem Nahen Osten hielten Reden, in
denen sich eine völlige Unbeweglichkeit abzeichnete. Jedoch
war immerhin ein Rahmen geschaffen, der diplomatische
Fortschritte erleichtern würde, wenn die Zeit dafür reif wäre.
Die Wahl Jitzhak Rabins zum israelischen Ministerpräsidenten
im Juni 1992 an der Spitze einer vom Arbeiterblock dominierten
Koalition brachte einen radikalen Wandel in der israelischen
Haltung mit sich. Im April 1993 gab Außenminister Schimon
Peres eine Änderung in Israels Haltung zu den Grundregeln der
Friedensgespräche zu erkennen: Faisal Husayni werde von jetzt
an als Vorsitzender einer palästinensischen Delegation
akzeptiert werden. Dieses Angebot zu formellen Kontakten war
eine merkliche Abkehr vom israelischen Kurs zu Beginn der
-371-
Madrider Konferenz, wonach niemand aus Jerusalem zur
palästinensischen Delegation gehören dürfe. Zugleich erklärte
Peres, dass es in der Substanz der israelischen Jerusalempolitik
keine Veränderung gebe, «dass Jerusalem als die Hauptstadt
Israels unter israelischer Souveränität vereint bleiben» werde.
Was in dieser Formulierung unverkennbar fehlte, war irgendeine
Festlegung hinsichtlich der spezifischen Grenzen eines
israelischen Jerusalem.
74 Eliahu Ben-Elissar, ein Likudmitglied
der Knesset, erhob Einwände dagegen: «Wir haben hier an
diesem Tag damit begonnen, über Jerusalem zu verhandeln.»
75
Kurz danach machten die Israelis eine weitere Geste in
Richtung Verständigung, als sie die Rückkehr von elf
palästinensischen Deportierten erlaubten, zu denen auch Rawhi
al-Khatib gehörte, ein ehemaliger Bürgermeister des
jordanischen Jerusalem, der inzwischen in den Achtzigern war.
Als er in die Stadt zurückkehrte, die er zuletzt 1968 gesehen
hatte, bereitete man ihm einen triumphalen Empfang. Noch
überraschender war, dass die Israelis dem früheren katholischen
Bischof von Jerusalem Hilarion Capucci, einem Griechen, der
1974 wegen Waffenschmuggels verhaftet und 1977 ausgewiesen
worden war, anboten, in die Stadt zurückzukehren. Capucci, der
eine Art palästinensischer Held geworden war, lehnte das
Angebot ab und behauptete, es sei daran «gebunden gewesen,
dass ich, wenn ich zurückkehre, weder etwas zur Sache der
Palästinenser sage noch meine Meinung äußere». Er sagte, er
werde nicht zurückgehen, bis Jerusalem befreit und die
Hauptstadt des Staates Palästina sei.
76
Mittlerweile hatten in Oslo unter norwegischer
Schirmherrschaft geheime Gespräche zwischen den Israelis und
palästinensischen Vertretern begonnen - ein Unterfangen, das
erfolgreiche r war als die parallel stattfindenden öffentlichen
Verhandlungen. Ihr Ergebnis war die israelisch-palästinensische
«Grundsatzerklärung», die am 13. September 1993 auf dem
Rasen des Weißen Hauses unterzeichnet wurde (später wurde
-372-
sie ihres Ursprungs wegen unter dem Namen «Oslo-
Abkommen» bekannt). Über Jerusalem stand wenig in dem
Dokument. Für die «palästinensische Interims-
Selbstverwaltungsbehörde», die nach dem Abkommen
geschaffen werden sollte, war keine Zuständigkeit für
Ostjerusalem vorgesehen. Dennoch machten die Israelis ein
wichtiges Zugeständnis, indem sie den dort wohnhaften
Palästinensern das Stimmrecht bei den Wahlen zu einem
palästinensischen Rat einräumten, auch wenn die Frage, ob
Jerusalemer bei solchen Wahlen auch für ein Mandat
kandidieren dürften, offen blieb. Das Abkommen vertagte das
Schicksal Jerusalems. Wie andere unlösbare Fragen, wie etwa
das Problem der arabischen Flüchtlinge und der jüdischen
Siedlungen in den besetzten Gebieten, sollte sie in den sog.
«endgültigen Statusverhandlungen» behandelt werden, die «so
bald wie möglich, aber nicht später als zu Beginn des dritten
Jahres der Interimsperiode» beginnen sollten. Ein optimistischer
Jassir Arafat sagte damals, das Abkommen sei «bloß der erste
Schritt» in Richtung auf «den völligen Rückzug aus unserem
Land, unseren Heiligen Stätten und unserem heiligen
Jerusalem».
77 Ein israelischer Sprecher hielt jedoch fest:
«Jerusalem ist kein Teil der Vereinbarung, und diesbezüglich ist
es zu keiner Abschwächung unseres Standpunkts gekommen.»
78
Trotz der verbesserten diplomatischen Atmosphäre ging die
Intifada stoßweise weiter. Auf innerstädtischer Ebene
verschlechterten sich nach Teddy Kolleks Niederlage bei den
Bürgermeisterwahlen im November 1993 die Beziehungen
zwischen Arabern und Juden. Obwohl er international eine gute
Figur machte und bei säkularen und sogar bei manchen
religiösen Juden beliebt war, sprach sein Alter (er war
inzwischen zweiundachtzig) gegen ihn. Die meisten orthodoxen
Juden der Stadt stimmten für seinen Gegner. Kollek hatte
gehofft, in der durch das Osloer Abkommen geschaffenen
entspannteren Atmosphäre eine große Anzahl von Arabern bei
-373-
der innerstädtischen Wahl für sich gewinnen zu können. Aber
nur 8000 Araber beteiligten sich an der Wahl. Es waren zwar
doppelt so viele wie in der vorangegangenen Wahl, und die
meisten stimmten für Kollek, aber er erreichte bei weitem nicht
die erforderliche Stimmzahl. Ehud Olmert, der Kandidat des
Likudblocks, sicherte sich 60 Prozent der Stimmen gegenüber
Kolleks 34 Prozent. Zum Teil wurde Olmerts Sieg durch
unterschiedliche Wahlbeteiligungen erklärt: Bei den
Ultraorthodoxen schätzte man die Wahlbeteiligung auf etwa 90
Prozent, während gerade mal ein Drittel der säkularen Wähler
zur Urne gegangen war. Viele seiner ehemaligen Anhänger
hatten sich allem Anschein nach nicht an der Wahl beteiligt,
weil sie wohl spürten, dass die Zeit für einen Wechsel
gekommen war, sich aber nicht dazu durchringen konnten, für
seinen Gegner zu stimmen.
Kollek hatte achtundzwanzig Jahre lang das Amt des
Jerusalemer Bürgermeisters inne. Die längste Amtszeit in der
Geschichte der Stadt fand auf diese Weise ihr betrübliches Ende.
Trotz seines unleugbaren Anstands, seines Realitätssinns, seiner
Popularität und seines internationalen Ansehens muss Kolleks
Verwaltung der Stadt als Fehlschlag gewertet werden, wenn
man als entscheidendes Kriterium jenes zugrunde legt, das er
sich selbst im Augenblick des Sieges im Juni 1967 gesetzt hatte:
die Einigung der Stadt. Als er aus dem Amt schied, war
Jerusalem stärker geteilt als unmittelbar nach dem
Sechstagekrieg. Welche Mängel und weiße Flecken es in seiner
Politik auch gegeben haben mochte - Kollek konnte man
jedenfalls nicht vorwerfen, sich nicht redlich und voller Energie
für den Zusammenhalt der geteilten Stadt eingesetzt zu haben.
Wenn er das nicht erreicht hatte, war fraglich, ob es ein anderer
vermochte.
-374-
8. DAS SCHWINDEN DES
CHRISTLICHEN JERUSALEM
Aus historischer Sicht war die vielleicht wesentlichste
Veränderung Jerusalems in den letzten hundert Jahren der
Rückgang an Einwohnerzahl und Einfluss der Christen in der
Stadt. Am Ende der Osmanenzeit gab es mehr Christen als
Muslime in Jerusalem. 1946 hatte die Stadt immer noch fast
genauso viele christliche wie muslimische Einwohner (siehe
Tabelle 1). Als aber 1948 die Herrschaft einer christlichen
Macht zu Ende ging, ging die Zahl der christlichen Einwohner
abrupt zurück, sowohl absolut gesehen als auch im Verhältnis zu
Muslimen und Juden. Waren 1946 noch 31400 Christen in
Jerusalem, so zählte man 1995 nur noch 14100 (wovon nur
10800 als Palästinenser gezählt wurden; die übrigen waren
Ausländer).
1 Gemessen an der Gesamtbevölkerung war der
Rückgang sogar noch größer: Machten die Christen 1946 noch
19 Prozent aus, so sanken sie 1995 auf 2 Prozent.
Zugleich kam es zu wesentlichen Verschiebungen in der
Gewichtung zwischen den verschiedenen christlichen
Bekenntnissen. In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts
drohte zum erstenmal in der Neuzeit die griechisch-orthodoxe
Glaubensgemeinschaft zahlenmäßig von den Katholiken
übertroffen zu werden.
2 Gegen Ende des Jahrtausends schätzte
man, dass etwa 4000 Katholiken und 4000 Griechisch-
Orthodoxe in der Stadt wohnten. Auch die andere wichtige
orthodoxe Gemeinde, die der Armenier, erlitt Einbußen. Ihre
Mitglieder schrumpften von 5000 bis 7000 im Jahre 1945 auf
etwa 1500 bis 1990.
3 Ein kleines, aber stetiges Rinnsal von
Emigranten in die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion und
nach 1991 in die unabhängige Armenische Republik führte zu
einem weiteren Rückgang der armenischen Bevölkerung, die
-375-
nun nicht mehr als 1000 Seelen zählte. Die meisten lebten noch
im armenischen Viertel der Altstadt, obwohl selbst da die
Armenier in den neunziger Jahren zur Minderheit zu werden
drohten.
«Ich habe die Befürchtung», sagte der Erzbischof von
Canterbury, George Carey, 1992. bei einem Besuch, «dass
Jerusalem und Bethlehem - einst Zentren einer starken
christlichen Präsenz - zu einer Art christlichem Walt Disney-
Park werden könnten.»
4 Seine Worte schienen eine
Prophezeiung zu sein. 1996 waren alle Läden, die im
christlichen Viertel Devotionalien verkauften, bis auf fünf an
Muslime verpachtet.
5 Der demographische Rückgang machte
sich besonders in Bethlehem bemerkbar, wo es hieß, im
chilenischen Santiago gäbe es mehr Bethlehemer als in
Bethlehem selbst. Am Ende des Jahrtausends gab es am
Geburtsort Christi zum erstenmal in der Geschichte mehr
Muslime als Christen.
Im demographischen Rückgang spiegelte sich ein
Zusammenbruch der Macht wider. Die britische
Mandatsverwaltung hatte Frankreichs Rolle als Schutzmacht der
katholischen Christenheit jäh ein Ende gesetzt; Russlands
Schirmherrschaft über die Orthodoxen war durch die Revolution
empfindlich geschwächt worden. Als Folge davon wurde Mitte
des 20. Jahrhunderts der christliche Triumphalismus der Zeit
nach dem Ersten Weltkrieg durch die realistische Einsicht
seitens der Kirchen verdrängt, dass die Christen in Jerusalem
allenfalls hoffen durften, noch etwas von den Brotkrumen
abzubekommen. Deshalb zogen sich der Vatikan und die
protestantischen Kirchen auch auf Plädoyers zugunsten einer
Internationalisierung zurück. Am Ende des Jahrhunderts war die
Stellung der Christen noch schwächer geworden. Christliche
Institutionen und «christliche Staaten» traten für sich genommen
im Ringen um Jerusalem nur noch in Nebenrollen in
Erscheinung. Muslime und Juden, in demographischer Hinsicht
-376-
überwältigend dominant, würden künftig über das Schicksal der
Stadt bestimmen. Was die Kirchen sich erhoffen durften, war im
besten Fall die weitere Kontrolle über ihre Einrichtungen und
Heiligen Stätten in Jerusalem, während ihre Zahl weiter
zurückging. Einige kleine Ostkirchen drohen ganz
unterzugehen.
-377-
Christen unter jüdischer Herrschaft
Das christliche Jerusalem, das seit 1967 unter israelischer
Herrschaft steht, wies widersprüchliche und sogar paradoxe
Aspekte auf. Auf der einen Seite war es nur natürlich, dass sich
viele Christen - eine gut ausgebildete, westlich orientierte und
politisch hochentwickelte Oberschicht unter den Palästinensern -
vom Nationalismus hingezogen fühlten und einige der
sprachgewaltigsten und wirkungsvollsten Führer und Sachwalter
der palästinensischen Nationalbewegung stellten. Andererseits
empfanden sie als eine immer kleiner werdende Minderheit
unter den Muslimen ein gewisses Unbehagen, das sie vom Gros
der Bevölkerung absonderte.
Israel begann seine neue Beziehung zu den Jerusalemer
Christen mit einigen vorgegebenen Vorteilen. In den
christlichen Gemeinden bestand kein Grund, der Herrschaft der
Jordanier nachzutrauern. Verschiedene restriktive Gesetze und
Reglementierungen hatten den christlichen Einrichtungen in
Ostjerusalem zwischen 1949 und 1967 das Leben schwer
gemacht. In den folgenden Jahren machte die israelische
Propaganda viel Aufhebens davon, die Ostjerusalemer Christen
von diesen Fesseln befreit zu haben.
6 Allein schon der Umstand,
dass die Stadt nun vereinigt war, verringerte die Probleme von
Gemeinschaften, die bislang von ihren Glaubensbrüdern in
Westjerusalem und allgemein in Israel getrennt gewesen waren.
In vielerlei Hinsicht fanden christliche Einrichtungen die
israelische Bürokratie weniger beschwerlich als die jordanische.
Aus all diesen Gründen waren zu Beginn der israelischen
Herrschaft die Christen meistens nicht bereit, sich an antiisraelischen
Aktivitäten zu beteiligen. Im Juli und August 1967
gaben führende Christen dem von Israel in Form einer
Anordnung des Distriktsbevollmächtigten für Jerusalem
-378-
ausgeübten Druck nach und weigerten sich, öffentliche Proteste
gegen die israelische Herrschaft zu unterzeichnen.
7 Im
Dezember konnte der für Jerusalem-Fragen zuständige Beamte
im israelischen Außenministerium mit Genugtuung vermerken,
dass die Oberhäupter der Kirchen «im Privaten dankbar dafür
sind, dass sich die Dinge seit der Vereinigung der Stadt
verändert haben, in der nun Religionsfreiheit und religiöse
Erziehung sichergestellt sind».
8 Am Jahresende wurden auch die
Oberhäupter aller Ostjerusalemer Kirchen zum jährlichen
Empfang des israelischen Staatspräsidenten für die Spitze der
christlichen Gemeinschaften in Israel eingeladen. Der
griechische und der armenische Patriarch nahmen die Einladung
an; der katholische lehnte sie ab, obwohl er sich mit israelischen
Staatsrepräsentanten durchaus freundlich unterhielt.
In Bethlehem, das die Vereinten Nationen 1947 dem
Großjerusalemer Corpus separatum zugesprochen hatten,
wurden im Juli 1967 Stimmen christlicher (und einiger
muslimischer) Notabein laut, die die Eingliederung der Stadt in
ein erweitertes Jerusalem - und somit in Israel - forderten.
Nachdem dieses Ansinnen publik geworden war, wurde jedoch
erklärt, Hauptziel der Bethlehemer sei nicht die Annexion durch
Israel, sondern vielmehr «ihr Wunsch, nicht von Jerusalern
getrennt zu werden, mit dem das Leben Bethlehems eng
verbunden sei».
9 Die Israelis lehnten dies jedoch ab in
Anbetracht des großen Zuwachses an arabischer Bevölkerung
(und an Muslimen), den diese Maßnahme für Israels Hauptstadt
mit sich gebracht hätte; allerdings unternahm später Schimon
Peres einen halbherzigen Versuch, die Idee der Eingliederung zu
neuem Leben zu erwecken.
10
Wie zwischen 1949 und 1967 hatte Israel anfangs ein besseres
Verhältnis zum Griechischen als zum Lateinischen Patriarchat.
Beschwerden der Griechen über die israelische Politik ließen
nach, als sich herausstellte, dass die neuen Herren nicht die
Absicht hatten, sich am Status quo an den Heiligen Stätten zu
-379-
vergreifen." Im November 1967 legte Patriarch Benediktos nach
einem Treffen mit Ministerpräsident Eschkol ein langes
Memorandum vor, das die Geschichte der griechischen Rechte
an den Heiligen Stätten rekapitulierte und beteuerte, dass Israels
«absoluter Respekt vor den heiligen Grabmälern und deren
Bewahrung» sowie seine «Bereitschaft, die Rechte und
Privilegien der Religionsgemeinschaften zu erweitern, wie etwa
die diplomatische Immunität, die Verwendung ausländischer
Währung für Auslandsgeschäfte etc.... dem Staat Israel große
Ehre eingetragen» hätten.
12 Die Hellenistische Bruderschaft
wurde wieder in ihre beherrschende Stellung innerhalb der
Kirche eingesetzt und die während der jordanischen Zeit
unternommenen begrenzten Schritte in Richtung einer
Arabisierung wieder rückgängig gemacht.
13 Als 1980 ein neuer
Patriarch gewählt werden musste, fiel die Wahl auf einen
arabisch sprechenden Griechen, ein Übereinkommen, bei dem
Israel und Jordanien gerne mitwirkten. Forderungen nach einer
Vertretung der arabische Laien blieben ein weiteres Mal
unbeachtet.
14
Die Beziehungen zum Armenischen Patriarchat zu pflegen,
ließen sich die Israelis ganz besonders angelegen sein. Anfang
der achtziger Jahre wurden sie jedoch, so wie schon früher die
Jordanier, in die komplizierten internen politischen
Auseinandersetzungen der armenischen Glaubensgemeinschaft
verwickelt.
15 Ein erbitterter Disput zwischen dem armenischen
Patriarchen, Jeghische Derderian, und dem Erzbischof von
Jerusalem, Schahe Ajamian, spaltete die armenische Gemeinde.
Ajamian, von dem es hieß, dass er den Israelis besonders nahe
stehe, wurde vom Patriarchen abgesetzt. Seinem Nachfolger,
einem Australier, drohten die Israelis mit Ausweisung. 1985
wurde Ajamians Haus in Brand gesetzt und einer seiner
Anhänger erstochen.
16 Auf der anderen Seite erleichterten der
wirtschaftliche Aufschwung und große Spenden aus der
armenischen Diaspora die Renovierung der historischen Bauten
-380-
des Stadtviertels. Als 1990 Torkom Manookian, der lange in den
Vereinigten Staaten gelebt hatte, zum neuen Patriarchen gewählt
wurde, wurde das Patriarchat im amerikanischen Stil
modernisiert. Israel wünschte gute Beziehungen zu den
Armeniern, weil sie ein nichtarabisches christliches Element in
der Altstadt waren und auch wegen ihrer Verbindungen zu ihrer
armenischen Heimat. Aber die Israelis verirrten sich im
Labyrinth der armenischen Politik und mussten erkennen, dass
das, was sie in die Pflege der armenischen Freundschaft
investiert hatten, nicht gleich Erträge abwarf.
Noch größere Schwierigkeiten hatte Israel in seinen
Beziehungen zur römisch-katholischen Kirche und zu den
anderen Kirchen (wie der griechisch-katholischen), die die
Autorität des Papstes anerkannten. Der israelische
Außenminister hatte zunächs t gehofft, dass der Vatikan sich mit
dem Gedanken anfreunden werde, dass nur die Heiligen Stätten
und nicht die Stadt als Ganzes internationalisiert werden
sollten.
17 Diese Hoffnung wurde gleich zu Anfang enttäuscht.
Eine vom Beobachter des Vatikans bei den Vereinten Nationen
am 24. Juni 1967 in Umlauf gebrachte Note erläuterte: «Der
Heilige Stuhl ist nach wie vor... überzeugt, dass die einzige
Lösung, die eine ausreichende Garantie für den Schutz
Jerusalems und seiner Heiligen Stätten bietet, darin besteht,
diese Stadt und ihre Umgebung einem internationalen Regime
zu unterstellen.» Ein israelischer Vertreter hatte kurz zuvor Rom
besucht, um den Vatikan von den Vorzügen des israelischen
Plans einer «funktionalen Internationalisierung» nur der
Heiligen Stätten zu überzeugen, aber die Note des Vatikans
stellte klar, dass dies für ihn nicht akzeptabel war: «In Jerusalem
sind die Heiligen Stätten in der ganzen Stadt derart zahlreich,
dass es nicht möglich ist, die beiden Fragen zu trennen, nämlich
die Jerusalems und die der Heiligen Stätten.»
18
Wohl aber machte der Vatikan verschiedenerlei Andeutungen,
dass er mit der Internationalisierung eines sehr viel begrenzteren
-381-
Areals zufrieden wäre als desjenigen, das mit dem Corpus
separatum von 1948 dafür vorgesehen war. Am 16. Juni erklärte
Papst Paul VI. vor einer Kardinalsversammlung, dass Jerusalem
«seine eigene, international garantierte Verfassung» haben
müsse.
19 Nachfolgende quasioffizielle Erklärungen des Vatikans
hielten sich an dieses enger gefasste
Internationalisierungskonzept.
20 In einer privaten Unterhaltung
mit einem britischen Diplomaten erklärte Monsignore Casaroli,
der stellvertretende Staatssekretär des Vatikans:
sie sähen ein, dass die Israelis aller Wahrscheinlichkeit nach
ihre Kontrolle nicht aufgeben würden, zumindest nicht über die
Neustadt. Hinsichtlich der Altstadt denke man im Vatikan
gegenwärtig, dass auf lange Sicht etwas mehr nötig sein werde
als eine einfache israelische Garantie des freien Zugangs zu den
Heiligen Stätten. Die Altstadt sollte als eine Einheit behandelt
werden und ein internationales Regime erhalten. Hinsichtlich
der Form eines solchen Regimes sei man im Vatikan nicht
festgelegt, aber zu den Vereinten Nationen habe man nach der
jüngsten Vorführung ihrer Ohnmacht wenig Vertraue n.
Der Diplomat folgerte daraus, dass der Vatikan stattdessen an
eine direkte Verständigung mit Israel, Jordanien und
«Repräsentanten der verschiedenen, an der Stadt interessierten
religiösen Körperschaften» dachte."
Im Juli 1967 entsandte der Vatikan Monsignore Angelo
Felici, einen Unterstaatssekretär, als Sondergesandten nach
Israel, um mit den Israelis und der Führung der Ostkirchen in
Jerusalem Gespräche über die Heiligen Stätten und Jerusalem zu
führen. Die Israelis erörterten mit ihm ihre Vorstellungen; sie
erwogen die Übertragung der christlichen Heiligen Stätten an
einen Ausschuss, der sich aus Vertretern der verschiedenen
christlichen Gemeinschaften zusammensetzen sollte. Aus diesen
Gesprächen und aus anderen Kontakten, die sie mit dem Vatikan
aufnahmen, erfuhren die Israelis, dass die Haltung des Vatikans
-382-
Fortschritte gemacht hatte. Er bestand nicht mehr auf der
Internationalisierung von ganz Jerusalem oder auch nur von
einem Teil davon, sondern war mit einem internationalen Statut
zufrieden, das die christlichen Heiligen Stätten und die Rechte
der christlichen Gemeinschaften in der Stadt garantieren würde.
Bezeichnenderweise sprach Papst Paul VI. bei der
Kardinalversammlung am 22. Dezember 1967 über die Heiligen
Stätten und über religiöse und zivile Rechte, forderte aber keine
Internationalisierung der Stadt.
22
Felici versuchte erfolglos, sich des Rückhalts des
Armenischen und des Griechischen Patriarchats zu versichern.
Der armenische Patriarch Jeghische Derderian berichtete den
Israelis über sein Gespräch mit Monsignore Felici.
23 Der
griechische Patriarch Benediktos nahm Anstoß an Felicis
Mission und schickte dem israelischen Ministerpräsidenten Levi
Eschkol eine scharf formulierte Botschaft, die sich darauf
versteifte, dass «der Papst und der Vatikan nicht befugt seien,
sich über Fragen der Heiligen Stätten zu äußern».
24 Einem
israelischen Beamten teilte Benediktos mit, falls der Vatikan mit
Israel eine Abmachung über dieses Thema träfe, würde er sich
als Eigentümer von zwei Dritteln der Heiligen Stätten dem
widersetzen. Er sei gegen eine Internationalisierung sowohl der
Stadt als auch nur der Heiligen Stätten.
25 Darüber besorgt, dass
der Vatikan eine gesonderte Vereinbarung mit den Israelis
treffen könnte, überredeten die beiden Patriarchen den
anglikanischen Erzbischof, zum Erzbischof von Canterbury
nach London zu reisen, ihn um Unterstützung zu bitten und sich
über Felici zu beklagen, der nach Jerusalem gekommen sei, «um
zu nehmen und nicht um zu geben».
26 Der Generalsekretär des
Weltrats der Kirchen drückte ebenfalls seine Beunruhigung über
Felicis Mission aus und erklärte, dass seine Institution (der die
meisten protestantischen Kirchen angehörten), «nicht
stillschweigend eine Vereinbarung mit Rom hinnehmen könne,
die [die] Position [von] alten Kirchen als nachgeordnet
-383-
behandelt».
27
Israel traf weder mit dem Vatikan noch mit irgendeiner
anderen Kirche eine solche Abmachung. Stattdessen klammerte
es sich, wie schon seine Vorgänger, an den geheiligten
Grundsatz des Status quo, sowohl an den Heiligen Stätten als
auch allgemein in seinen Beziehungen zu christlichen
Einrichtungen in Jerusalem.
Unter israelischer Herrschaft schritt die Arabisierung der
Kirchen voran; eine Ausnahme bildete bezeichnenderweise
lediglich die griechisch-orthodoxe Kirche. 1976 wurde Faiq
Haddad zum ersten arabischen Bischof der anglikanischen
Kirche geweiht, und im Dezember 1984 wurde Michel Sabbah
der erste arabische (und auch erste nicht- italienische)
«lateinische» Patriarch von Jerusalem. Auf lange Sicht hatte
diese Arabisie rung politische Konsequenzen, die den Israelis
nicht genehm waren. Die Intifada war von einem ausgeprägten
Aufbranden islamischer Emotionen gekennzeichnet, die
christliche Araber, die sich in der Regel von der Gewalt
fernhielten, beunruhigte. Gleichwohl waren christliche Araber,
Laien und Geistliche, prominente Sprecher für die Sache der
Palästinenser - allen voran Hanan Aschrawi von der Bir Zeit-
Universität in der Nähe von Ramallah. Der in Nazareth
geborene Sabbah hatte die Nachfolge des Italieners Giacomo
Giuseppe Beltritti angetreten. Er unterstützte offen den Aufstand
und erklärte Ostern 1988: «Nach zwanzig Jahren Besatzung ist
es normal, dass sich die Menschen auflehnen und ‹es ist genug›
sagen.»
28 Die Israelis versuchten, Sabbahs Predigten der Zensur
zu unterwerfen, und brachten heftige Beschwerden gegen den
Vatikan vor, weil er die Intifada guthieß. Dem israelischen
Ministerium für Religionsangelegenheiten zufolge handelte er
sich deswegen eine Rüge vom Vatikan ein. Dennoch nahm er
bei seinen öffentlichen Äußerungen auch danach kein Blatt vor
den Mund, was sich auf die israelisch-vatikanischen
Beziehungen nachteilig auswirkte. Ostern 1989 unterschrieb
-384-
sogar der armenische Patriarch Derderian zusammen mit den
Oberhäuptern der anderen Kirchen in Jerusalem eine
gemeinsame Protesterklärung.
29
Im April 1990 kam es zu einer weiteren Verschlechterung der
Beziehungen zwischen den Israelis und den Ostjerusalemer
christlichen Gemeinden, als bewaffnete rechtsextremistische
Israelis unter dem Schutz von 150 Polizisten das St. John-
Hospiz besetzten, ein Gebäude mit zweiundsiebzig Zimmern
unweit der Grabeskirche, und einen Davidsstern über das Kreuz
am Türrahmen hängten. Auf den entrüsteten Protest der Christen
antworteten sie mit der Behauptung, der armenische Pächter des
Gebäudes habe es ihnen gestattet. Später gab die israelische
Regierung zu, einer «Firma aus Panama», die das Gebäude
untervermietet hatte, 1,8 Millionen Dollar zur Verfügung
gestellt zu haben.
30 Ministerpräsident Jitzhak Schamir bekannte
sich öffentlich zu der Besetzung, und sein Sprecher bezeichnete
die Finanzhilfe seitens der Regierung als «ein gewöhnliches
Immobiliengeschäft».
31 Das Hospiz stand zwar nicht auf der
offiziellen Liste der Heiligen Stätten, aber bei den Christen
herrschte helle Empörung. Der griechisch-orthodoxe Patriarch
Diodoros I., der Eigentumsrechte an dem Gelände geltend
machte, ließ an seinem Dienstsitz schwarze Flaggen aushängen,
und andere Kirchenführer unterzeichneten eine gemeinsame
Solidaritätserklärung.
32 Als der Prälat an einer Demonstration
gegen die Besetzung des Hospizes teilnahm, setzte man
Tränengas ein. Teddy Kollek, linke Israelis und palästinensische
Muslime schlossen sich den Protesten an. Als auch noch der
Papst, das Washingtoner State Department, die New York
Times, jüdische Organisationen in Amerika, der irakische
Präsident Saddam Hussein, die griechisch-orthodoxe Erzdiözese
von Nord- und Südamerika und das Europäische Parlament sich
zu den Kritikern der israelischen Regierung in dieser Frage
gesellten, gewann die Angelegenheit schließlich internationalen
Charakter. Obwohl die meisten Hausbesetzer Anfang Mai nach
-385-
einer Anordnung des Obersten Gerichts aus dem Haus
hinausgewiesen wurden, wohnten noch im Februar 1991 zwölf
Besetzer weiterhin in dem Gebäude. In anderen arabischen
Bereichen der Stadt gingen ähnliche Hausbesetzungen und
Proteste dagegen die nächsten Jahre weiter.
Dennoch verbesserten sich die israelischen Beziehungen zum
Vatikan in den frühen neunziger Jahren. Hauptgrund waren die
Eröffnung der Madrider Friedenskonferenz und der Wunsch des
Vatikans, in der Jerusalem-Frage und bei den Heiligen Stätten
mitreden zu können. Ein weiterer Grund - historisch gesehen
vielleicht der signifikanteste - war die veränderte theologische
Einstellung gegenüber den Juden seit dem Zweiten
Vatikanischen Konzil.
33 Der dritte Grund war der Wunsch des
alten, kränkelnden Papstes Johannes Paul II., vor seinem Tod
noch eine Pilgerfahrt in das Heilige Land zu unternehmen.
(Papst Paul VI. hatte 1964 das Heilige Land besucht, aber da
damals die meisten Heiligen Stätten in jordanischer Hand waren,
hatte er nur vierundzwanzig Stunden in Israel verbracht, seine
israelischen Gastgeber kaum zur Kenntnis und das Wort
«Israel» nicht in den Mund genommen. Eine zweite derartige
Brüskierung wollten sich die Israelis nicht gefallen lassen.) Ein
vierter Grund war Druck seitens italienischer Politiker infolge
der in der Öffentlichkeit herrschenden Sympathie für Israels
Standhaftigkeit und Geduld angesichts irakischer
Raketenangriffe während des Golfkriegs Anfang 1991. Ein
fünfter Grund war schließlich, dass der Vatikan seine Abkehr
von der Befürwortung der Internationalisierung Jerusalems
formalisierte. Als der New Yorker Kardinal O'Connor im Januar
1992 Israel besuchte, bestätigte er, dass der Vatikan «kein
besonderes Interesse daran hat, wer die Kontrolle über
Jerusalem hat», sondern einfach nur freien Zugang zu den
Heiligen Stätten wünsche und «gleiche Rechte für alle»
fordere.
34
1991 begannen geheime Gespräche zwischen Israel und dem
-386-
Vatikan. Im Juli 1992 gaben beide Seiten die Bildung einer
gemeinsamen Kommission bekannt. Nach längeren,
freundlichen Verhandlungen kam man am 30. Dezember 1993
zu einem Vertrag, der erstmals die Aufnahme diplomatischer
Beziehungen zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl
vereinbarte. Als wolle er Ausgewogenheit demonstrieren,
verkündete der Vatikan, dass er auch mit Jordanien Gespräche
im Hinblick auf die Aufnahme diplomatischer Beziehungen
aufnehme. Jerusalem wurde in dem Vertragstext nicht erwähnt,
aber es bestand Einverständnis darüber, dass der Vatikan sich
mit dem bescheiden werde, was Monsignore Claudio Celli, der
Vertreter des Vatikans bei der feierlichen Unterzeichnung, als
«eine internationale Garantie» bezeichnete, «um die
Besonderheit der Stadt für die drei mo notheistischen Religionen
zu schützen, zu bewahren und anzuerkennen».
35 Bei den
katholischen Christen in Jerusalem erregte die Vereinbarung
einige Besorgnis. Der Patriarch betonte, dass der Vatikan die
israelische Souveränität über die Stadt nicht anerkannt habe.
36
Der nach Israel zu entsendende Repräsentant des Vatikans
werde in Jaffa und nicht in Jerusalem residieren. Im Oktober
1994 gab der Vatikan bekannt, dass man mit der PLO über die
Aufnahme formeller Beziehungen einig geworden sei.
37 Bis es
zu einem Abkommen kam, dauerte es sogar noch länger, aber
im Februar 2000 unterzeichneten der Vatikan und die
palästinensischen Autonomie-Behörden einen Vertrag zur
«Normalisierung der Beziehungen». Mit der Etablierung
diplomatischer Beziehungen mit Israel und den Palästinensern
und in Anbetracht des Endes der Intifada und der darauf
folgenden diplomatischen Entspannung zwischen Israelis und
Palästinensern waren nun die Voraussetzungen für den
Papstbesuch im Heiligen Land gegeben.
Die Pilgerreise von Johannes Paul II. nach Jerusalem im
folgenden Monat war der Höhepunkt der Tausendjahrfeiern der
Katholiken in Palästina und weltweit. Sie bestärkte die zentrale
-387-
Stellung Jerusalems im spirituellen Leben der Christen in aller
Welt, bekundete aber vor allem, dass die Zeit des christlichen
Triumphalismus endgültig vorbei war. Zugleich besiegelte sie
die schwierige Aussöhnung zwischen der katholischen Kirche
und dem Judentum. Der Papst war sorgsam darauf bedacht, auf
die Anliegen von Juden wie Muslimen mit Fingerspitzengefühl
einzugehen. Bei einem Besuch in Jad Waschem, der
Gedenkstätte für die Erforschung und Dokumentation des
Holocaust, gestand er ein, dass die Kirche in ihrem Verhalten
gegenüber den Juden versagt habe. Gemäß der getroffenen
Absprache wurde er nicht von einem Repräsentanten der
israelischen Regierung begleitet, als er die Heiligen Stätten in
der Altstadt, einschließlich der muslimischen auf dem
Tempelberg, besuchte (allerdings demonstrierten mehrere
Hundert vorwiegend religiöse Juden gegen ihn). Zu einigen
Missklängen kam es bei einem Treffen mit führenden Vertretern
aller drei Religionen: Der aschkenasische Oberrabbiner von
Israel, Yisrael Meir Lau, dankte dem Papst für seine
«Anerkennung Jerusalems als Israels geeinter, ewiger
Hauptstadt». Der Vatikan hatte eine solche Anerkennung nicht
ausgesprochen. Der Mufti von Jerusalem, Scheich Akram Sabri,
boykottierte wiederum die Zeremonie, weil sie die Anerkennung
der israelischen Souveränität über Jerusalem impliziere. Der
statt seiner teilnehmende oberste Richter der muslimischen
Religionsgerichte unter palästinensischer Hoheitsgewalt,
Scheich Tatzir Tamimi, nutzte die Gelegenheit, um Israel wegen
«Völkermords» und der «Erdrosselung Jerusalems und der
Unterdrückung seiner Einwohner» anzuklagen.
38
Die neue Beziehung zwischen Israel und dem Vatikan erregte
die Besorgnis der orthodoxen Christen, die nun befürchteten,
dass ihre Interessen ignoriert würden. Der griechisch-orthodoxe
Patriarch Diodoros I. stellte 1994 klar: «Der Vatikan vertritt uns
nicht.»
39 Ein weiterer Bruch trat in der Erklärung des obersten
griechisch-orthodoxen Bischofs in Jerusalem, des Metropoliten
-388-
Timotheos, zutage. Offensichtlich beunruhigt durch den
neuerdings entspannten Ton zwischen Israel und Russland, sagte
er: «Nur die griechisc-horthodoxe Kirche ist die einheimische
Kirche und verwaltet sich selbst ohne irgendeine andere
Autorität außerhalb von Jerusalem.»
40 Der russische Botschafter
in Israel, Alexander Bowin, ließ freilich Töne aus alten Zeiten
vernehmen: «In diese Frage muss sich die russische Kirche
einmischen», sagte er in einem Zeitungsinterview.
41 Das alte
Protektorat der Orthodoxen war, wie es schien, noch nicht ganz
tot.
-389-
Die «Roten» und die «Weißen»
Obwohl die russischen Einrichtungen in Palästina seit dem
Ersten Weltkrieg, der Revolution und dem Bürgerkrieg von ihrer
Heimat abgeschnitten waren, hatten sie ohne Schaden überlebt
und sich ihre intensive, nach innen gerichtete Religiosität
ungeschmälert erhalten. Die letzte Schirmherrin der
Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft, die
Großherzogin Elisabeth Fjodorowna, hatte ein furchtbares
Schicksal erlitten. Zwei Tage nach der Ermordung des Zaren
wurde sie, von Schüssen verwundet, zusammen mit
Familienangehörigen in einen Minenschacht in Sibirien
geworfen und dem Tod überlassen. Ihre sterblichen Überreste
wurden von vorrückenden Truppen des konterrevolutionären
Admirals Koltschak gefunden, der sie nach China überführen
ließ. 1920-21 wurden sie auf einem Schiff der britischen Marine
nach Palästina gebracht und schließlich in der Nähe der
russisch-orthodoxen Gethsemane-Kirche in Jerusalem
beigesetzt, als Symbol der Mühen des russischen Imperialismus
in Palästina sowie der ungebrochenen spirituellen Macht der
russisch-orthodoxen Kirche. Etwa zur selben Zeit gestattete die
Regierung Palästinas mehreren Hundert Frauen, die nach der
Revolution geflohen waren, sich in Klöstern in Palästina
niederzulassen. Die in Jerusalem gestrandeten russischen
Geistlichen, Mönche und Nonnen betrachteten sich als Hüter
einer heiligen Sache. Wie so viele andere Exilanten - beginnend
mit der Französischen Revolution - blieben sie in den nächsten
fünfundsiebzig Jahren dem Lebensstil und Denken ihres ancien
régime verhaftet.
Seit 1927 war die russisch-orthodoxe Kirche in mehrere Lager
gespalten: eine von den Kommunisten kontrollierte und von
Moskau dirigierte «rote» Kirche sowie drei «weiße» orthodoxe
-390-
Gruppierungen, die von der Revolution feindlich gesinnten
Exilrussen getragen wurden. Eine dieser «weißen»
Gruppierungen, der Synod der Russischen Kirche im Exil, der
anfangs seinen Sitz in Sremski-Karlovci (Karlowitz) in
Jugoslawien hatte, gewann die Unterstützung der Russischen
Kirchlichen Mission in Palästina.
Nachdem 1924 die Briten die sowjetische Regierung
anerkannt hatten, war die Mandatsverwaltung in Palästina mit
der unumwundenen Forderung der Sowjets konfrontiert, ihre
Rechte als Besitztümer aller russischen Kirchen und dem
russischen Staat gehörenden Vermögenswerte in Palästina
anzuerkennen. Dazu gehörten unter anderem wichtige Gebäude
in der Jerusalemer Altstadt, die Maria-Magdalena-Kirche mit
ihren zwiebeiförmigen Kuppeln beim Garten Gethsemane sowie
die wunderschöne, in Weiß und Grün gehaltene orthodoxe
Kathedrale mit dem weiträumigen, sie umgebenden Gelände im
Herzen von Westjerusalem, von ausgedehntem Grundbesitz
andernorts in Palästina ganz zu schweigen. Die Regierung war
nicht bereit, dieser Forderung zu entsprechen, und suchte hinter
Artikel 13 des Mandats Deckung, der, wie es in einem späteren
Memorandum des Londoner Außenministeriums hieß, «der
Regierung Seiner Majestät eine klare Verpflichtung auferlegt,
diese kirchlichen Besitztümer vor einer Regierung zu schützen,
die nicht den Anspruch hatte, als ein Beschützer christlicher
Interessen betrachtet zu werden».
42 Weil man befürchtete, die
Russen würden vor Gericht gehen, um ihr Vermögen
zurückzuerlangen, wurde eine Verordnung erlassen, die
sämtliche mit Heiligen Stätten zusammenhängenden Streitfragen
der Zuständigkeit der Gerichte entzog. Die Folge war, dass die
Liegenschaften in den Händen der «Weißen» blieben.
In den nächsten zwei Jahrzehnten änderte sich die Lage nicht.
1943 kam jedoch erneut die Frage auf, als der Sowjetstaat einen
«Rat für die Angelegenheiten der Orthodoxen Kirche»
begründete. Inzwischen waren die Briten zu Verbündeten einer
-391-
Sowjetunion geworden, in der Stalin die orthodoxe Kirche für
den «Großen Vaterländischen Krieg» mobilisierte. Die britische
Regierung überdachte darum ihre Auffassung noch einmal.
Dann entschied Churchill, dass «im Lichte unserer
gegenwärtigen Beziehungen mit der sowjetischen Regierung
und des veränderten Status der orthodoxen Kirche» man sich
neuerlichen russischen Ansprüchen nur «schwer würde
widersetzen können».
43 Statt aber die Vermögenswerte
auszuhändigen, verfielen die britischen Behörden auf die
altehrwürdige Whitehall-Taktik, die Sache noch einmal prüfen
zu lassen. Die Untersuchungen zogen sich hin, und nach einer
Weile trat an die Stelle der Kriegsallianz der Kalte Krieg, womit
die Übergabe der Heiligen Stätten an ein gottloses Regime
wiederum nicht in Frage kam. Als die Russen im März 1945 ein
weiteres Mal ihre Forderungen geltend machten, wurden sie
nach einer dreizehnmonatigen weiteren Untersuchung vom
Foreign Office abschlägig beschieden.
44
Die Sowjets hatten allerdings in der Zwischenzeit einen
Teilsieg errungen, als sie im Mai 1944 die Loyalität einiger der
in Jerusalem übriggebliebenen russischen Geistlichen
gewannen. Ein Jahr später der Zweite Weltkrieg war zu Ende -
besuchte der Moskauer Patriarch Alexj Jerusalem, wo er mit
russischen und griechischen Geistlichen zusammentraf, obwohl
berichtet wurde, er sei bei letzteren «nicht gerade erfolgreich»
gewesen.
45 Anfang 1948, als das Ende des Mandats bereits in
Sicht war, beschloss die Regierung von Palästina, eine
gesetzliche Regelung zu verkünden, derzufolge die Kontrolle
über russische Besitztümer in Palästina von den Briten
eingesetzten Treuhändern übergeben würde. Die Wa'adat
Hamatzaw, der Lageausschuss der Jewish Agency, fand dies
heraus; kurz darauf jagte die Haganah die Regierungsdruckerei
in die Luft. Das Gesetz wurde folglich nie verkündet.
46 Es
scheint auch nie in Kraft getreten zu sein. Im Mai 1948,
unmittelbar vor dem Ende der Mandatsverwaltung, ersuchte die
-392-
sowjetische Regierung - erfolglos - London darum, ihrer
diplomatischen Vertretung in Ägypten das russische Vermögen
in Palästina zu überantworten.
47 In dem nun folgenden Chaos
versuchten die Sowjets, die Generalkonsuln der
Tschechoslowakei, Jugoslawiens und Polens dazu zu bewegen,
sich die «vorübergehende Verwaltung der beweglichen Güter,
Immobilien, Archive und Dokumente, die der Russisch-
Orthodoxen Gesellschaft gehörten» zu sichern - aber es war ein
vergebliches Unterfangen.
48
Das Ergebnis war nun eine geteilte russische Kirche in einer
geteilten Stadt. Im Gefolge der israelisch-jordanischen
Waffenstillstandsvereinbarung vom April 1949 waren die
russischen Liegenschaften in Jerusalem nun durch Stacheldraht
und Minenfelder getrennt. Diejenigen in der Altstadt und die
Gethsemanekirche auf dem Ölberg unterstanden Jordanien, das
keine diplomatischen Beziehungen mit der Sowjetunion
unterhielt. Mit Zustimmung der Briten entschied sich Jordanien
dafür, den Status quo beizubehalten, und erkannte die Rechte
der «Weißen» an. Das russische Gelände und die Kathedrale in
Westjerusalem befanden sich nun im Zentrum der künftigen
Hauptstadt Israels. Archimandrit Antonij, das Oberhaupt der
Russischen Kirchlichen Mission, wurde von den Israelis unter
Hausarrest gestellt. Auf Druck des Internationalen Roten
Kreuzes wieder freigelassen, zog er nach Ostjerusalem um.
49
Auch andere russische Geistliche und Mönche verließen die
Gebäude in Westjerusalem und flohen nach Ostjerusalem. Die
Israelis nahmen die leerstehenden Bauten in Besitz, um sie für
Dienststellen und das Oberste Gericht zu verwenden. Bereits im
August 1949 waren in diplomatischen Kreisen Gerüchte darüber
in Umlauf, dass der Grund für den Widerstand der Sowjets
gegen die Internationalisierung Jerusalems darin zu suchen sei,
dass «sie viel lieber direkt mit den Israelis über russische
Besitztümer in Jerusalem verhandeln würden als mit einer
internationalen Körperschaft».
50 In der Tat hatten die Israelis
-393-
sogar noch vor der Gründung ihres Staates informell
versprochen, die sowjetischen Rechte an russischen
Besitztümern in Palästina anzuerkennen. Schabtai Rosenne, der
spätere Rechtsexperte des israelischen Außenministeriums, war
im Dezember 1947 zu Gesprächen über dieses Thema in London
mit einem sowjetischen Vertreter zusammengetroffen, in denen
diese Zusage gegeben worden war. Die Verhandlungen über die
Einzelheiten zogen sich allerdings über viele Jahre hin.
Am 31. Mai 1950 beschloss der Ministerrat der UdSSR die
Gründung der Russischen Palästina-Gesellschaft. Diese arbeitete
unter dem Dach der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften
und beanspruchte, die rechtmäßige Erbin des Vermögens der
früheren Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft zu
sein. Um sich die Gunst der Sowjetunion nicht zu verscherzen,
erkannten die Israelis Anfang 1950 in Jerusalem die Vertreter
des von den Sowjets kontrollierten Moskauer Patriarchats in
aller Form als Träger der Verwaltungshoheit über die Russische
Kirchliche Mission in Jerusalem an. Nach langem Hin und Her,
das sich infolge einer kurzen Unterbrechung der diplomatischen
Beziehungen zwischen beiden Ländern 1953 noch verschärfte,
zahlte die israelische Regierung den Sowjets für die von Israelis
benutzten Gebäude in sowjetischem Besitz Miete.
51
Die Israelis boten an, den Großteil der Immobilien zu kaufen,
und im Prinzip waren die Sowjets denn auch einverstanden.
Allerlei Komplikationen verhinderten jedoch eine rasche
Einigung. Manche dieser Immobilien waren unter dem Namen
der zaristischen Regierung registriert, deren Rechtsnachfolge die
UdSSR für sich beanspruchte; andere waren unter dem Namen
der Romanows oder des Großherzogs Sergej als Repräsentanten
der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft eingetragen,
und die restlichen unter dem der russisch-orthodoxen Kirche. Im
Oktober 1964 wurde schließlich der Verkauf des Großteils des
russischen Geländes mit Ausnahme der Kathedrale in seinem
Zentrum sowie eines weiteren Gebäudes an Israel vereinbart.
-394-
Auch andere russische Liegenschaften wurden um diese Zeit
verkauft. Ein Teil des Kaufpreises war eine Schiffsladung
Orangen.
52 Der Rest wurde in Dollar bezahlt, aber die Sowjets
wünschten eine Garantie gegen die Abwertung der USWährung,
worauf Israel im Gegenzug eine Garantie gegen
Ansprüche Dritter haben wollte. Im Rahmen einer feierlichen
Zeremonie im israelischen Außenministerium unterzeichneten
der sowjetische Botschafter und die israelische Außenministerin
Golda Meir den Vertrag. Kurz darauf klingelte im Büro des
Rechtsberaters der Ministerin das Telefon. Eine Dame, die sich
als die Tochter Anastasias ausgab, der Romanow-Prinzessin, die
angeblich die Ermordung der Zarenfamilie im Jahre 1918
überlebt hatte, war am Apparat und verlangte ihre Besitztümer
zurück. Man sagte ihr, sie möge ihren Antrag in dreifacher
Ausfertigung einreichen, hörte aber nie wieder etwas von ihr,
obwohl 1966 Berichte auftauchten, dass diejenigen, die sich als
Erben des Großherzogs Sergej ausgaben, Ansprüche geltend zu
machen beabsichtigten.
53
Die Frage der Liegenschaften war nur Teil einer Reihe von
Problemen im Zusammenhang mit der orthodoxen Kirche, mit
der die Israelis zwischen 1949 und 1967 immer wieder
konfrontiert wurden. Fasziniert verfolgten sie die Beziehung
zwischen den Sowjets und der griechisch-orthodoxen Hierarchie
in Jerusalem. In einem an Reuven Schiloah, den Chef des
israelischen Geheimdienstes, gerichteten und als «top secret»
deklarierten Memorandum vom September 1949 verzeichnete
der israelische Diplomat Jacob Herzog eine bemerkenswerte
Annäherung von historischem Rang: Das Griechisch-orthodoxe
Patriarchat in der Altstadt rückte nah an die Vertreter der (prosowjetischen)
russisch-orthodoxen Kirche in Westjerusalem
heran, an deren Spitze seit November des vergangenen Jahres
der Archimandrit Leonid stand. Man hatte sich gegenseitig
Freundschaftsbesuche abgestattet und gemeinsam in
Westjerusalem in Gegenwart des sowjetischen und des
-395-
griechischen Konsuls einen Gottesdienst gefeiert. Trotz der
langen Feindschaft zwischen dem Patriarchat und den russischen
Kommunisten waren beiden Seiten wegen - so hieß es - ihres
gemeinsamen Widerstands gegen die Internationalisierung
Jerusalems zusammengerückt.
54
Ein wenige Monate später verfasster Bericht des britischen
Konsulats deutete allerdings an, dass das Patriarchat eine Art
Doppelspiel spielte: «Innerhalb des hiesigen Griechischen
Patriarchats hat es eine ziemliche Intrige in dieser
Angelegenheit gegeben. Der Patriarch selbst, der sehr
antirussisch eingestellt ist, will unbedingt, dass die Heiligen
Stätten unter König Abdullahs Schutz bleiben, und ist gegen die
Internationalisierung, weil diese unvermeidlich zu einer
russischen Vorherrschaft innerhalb der hiesigen orthodoxen
Kirche führen würde.»
55
Im Januar 1952 traf Archimandrit Ignatius Polykarp in
Begleitung von fünf Mitarbeitern ein, um die Führung der
Russischen Kirchlichen Mission in Jerusalem zu übernehmen.
Man sagte, er sei «einer der brillantesten Erzeugnisse der
sowjetisch kontrollierten theologischen Akademien» und
feinsinniger als sein Vorgänger in Jerusalem, der - vergeblich -
versucht hatte, den griechisch-orthodoxen Patriarchen
Timotheos mit einem großen Betrag in Gold zu bestechen. In
der fiebrigen Atmosphäre des Kalten Krieges konnte es nicht
ausbleiben, dass daraufhin in New York Spenden aus makellos
antikommunistischen Quellen für das verarmte Patriarchat
gesammelt wurden.
56 Trotz dieses Wettbewerbs um das beste
Angebot scheinen weder die «Roten» noch die «Weißen»
imstande gewesen zu sein, die ständigen finanziellen Probleme
des Patriarchats zu lösen.
Da berichtete der britische Generalkonsul im Juni 1952
plötzlich, aus einer neuen Richtung zeichne sich eine mögliche
Rettung ab:
-396-
Die sich den Russen durch die extreme Armut des orthodoxen
Patriarchats bietende Gelegenheit wird bald vergehen, falls
bestimmte Verhandlungen zwischen dem Patriarchat und den
Israelis erfolgreich verlaufen. Die Israelis bieten derzeit - so
unglaubhaft es auch sein mag - dem Patriarchat an die £ 300000
in Sterling bar auf die Hand für eine 99 Jahre dauernde Pacht
bestimmter Liegenschaften im israelisch regierten Jerusalem.
Mit anderen Liegenschaften könnte man auf dieselbe Weise
verfahren, und das Patriarchat profitiert bereits erheblich von
einem weiteren, früher unterzeichneten Pachtvertrag oder wird
es sehr bald tun: Ihm stehen daraus £ 50000 im Jahr für zwei
Jahre und £ 17000 im Jahr für die nächsten 13 Jahre zu. Die
Kosten, die sie begleichen werden müssen, belaufen sich auf
ungefähr £ 50000.
57
Von da an erkannte das Griechische Patriarchat in Jerusalem
nur noch die «rote» Kirche an und hatte mit ihren Konkurrenten
mit Sitz in New York nichts mehr zu tun.
58
Als Folge des Krieges von 1967 sah sich Israel neuen
Komplikationen hinsichtlich der russischen Liegenschaften in
Ostjerusalem gegenüber. Schon wenige Tage nach Kriegsende
entsandte die in New York ansässige «weiße» orthodoxe Kirche
zwei Geistliche nach Jerusalem, um Kontakt mit den Israelis
aufzunehmen und möglichst sicherzustellen, dass die von ihnen
kontrollierten Immobilien in Ostjerusalem nicht unter
sowjetische Kontrolle gelangten.
Der Logik nach hätten die Israelis die gleichen Regelungen
auf Ost- wie auf Westjerusalem anwenden und die dortigen
russischen Liegenschaften den Sowjets übergeben müssen -
insbesondere deshalb, weil die israelische Regierung
Ostjerusalem in Israel eingliederte und darauf bestand, dass es
kein besetztes Land sei und dass die normalen Regelungen
hinsichtlich der Beibehaltung des Status quo unter militärischer
Besatzung deshalb dort nicht galten.
-397-
Inzwischen hatte jedoch in den israelisch-sowjetischen
Beziehungen eine Revolution stattgefunden. Die UdSSR hatte
ihre diplomatischen Beziehungen zu Israel abgebrochen und als
einzige sowjetische Vertreter eine kleine Gruppe von Nonnen,
drei Popen, einen Verwaltungsbeamten und einen Fahrer
zurückgelassen. Sie alle behielt der israelische Sicherheitsdienst
im Auge, weil er einige von ihnen als Agenten verdächtigte. Die
UdSSR führte einen Propagandakrieg gegen Israel und
ermunterte ihre Verbündeten, das Gleiche zu tun. Überdies
versorgte Moskau Israels geschworene Feinde mit neuen
Waffen. Die israelische Regierung hatte demnach keinen Grund,
den Sowjets etwas Gutes anzutun und ihnen auch nur eine
einzige Immobilie in Ostjerusalem zu überantworten. Darum
beschloss sie, den Status quo unter der ausdrücklichen
Voraussetzung beizubehalten, dass die «Weißen» versprachen,
nicht die Vereinbarung anzufechten, die Israel mit den Sowjets
unterzeichnet hatte und die anerkannte, dass Vermögenswerte in
Westjerusalem und im übrigen Israel Eigentum der «Roten»
waren.
59
Entsprechend freundlich wurden die «weißen» Abgesandten
von den israelischen Behörden willkommen geheißen, und der
Minister für Religionsangelegenheiten brachte sie persönlich in
seinem Wagen zu ihren Heiligtümern auf dem Ölberg. Kurz
darauf reichte Metropolit Philaret, das Oberhaupt der «weißen»
Kirche, unter Berufung auf deren Eigenschaft als
Rechtsnachfolgerin der Russischen Palä stina-Gesellschaft ein
formelles Ersuchen um Bestätigung der «weißen»
Eigentümerschaft an den Heiligen Stätten ein, die seine Kirche
bislang unter jordanischer Herrschaft kontrolliert hatte.
60 In
seiner Antwort versicherte der israelische Botschafter in
Washington, Abraham Harman, dem Metropoliten, «dass die
Heiligen Stätten Ihrer Kirche außer Gefahr» seien.
61 Das war
zweifelsohne eine geschickte Formulierung: Auf der einen Seite
beinhaltete diese Aussage beinahe schon die Anerkennung der
-398-
Ansprüche der «Weißen». Und in der Tat änderten die Israelis
am Status quo der von den Weißen kontrollierten Heiligen
Stätten nichts. Auf der anderen Seite aber gaben die Israelis
keine ausdrückliche Bestätigung, dass die «Weißen» Eigentümer
seien - und konnten damit noch eine Karte aus dem Ärmel
schütteln, um sie eventuell in einem Geschäft mit den «Roten»
ins Spiel zu bringen, die schließlich potentiell den Israelis sehr
viel mehr zu bieten hatten.
Die Sowjetunion befand sich jedoch in einer unglücklichen
Lage, wenn sie auf Erfüllung der Ansprüche der «Roten»
drängte. Erstens erkannte sie die israelische Annexion
Ostjerusalems nicht an. Zweitens konnte sie, weil die Sowjets
ihre diplomatischen Repräsentanten aus Israel abgezogen hatten,
keine Ansprüche direkt erheben. Nachdem sie sich ungefähr ein
Jahr lang in diesem Dilemma befanden, schlugen sie den ihnen
einzig möglichen Kurs ein und gingen indirekt vor. 1968 machte
das Oberhaupt der «roten» kirchlichen Mission in Jerusalem
gegenüber dem israelischen Ministerium für
Religionsangelegenheiten den Anspruch geltend, die von den
«Weißen» kontrollierten Liegenschaften in Ostjerusalem seiner
Mission zu übertragen. Jetzt gaben sich die Israelis, die 1950
einen derartigen Eifer an den Tag gelegt hatten, die Sowjets
zufrieden zu stellen, reserviert. Saul Colbi, der Leiter der
Abteilung für christliche Gemeinschaften im
Religionsministerium, erklärte öffentlich: «Über die Ansprüche
und Gegenansprüche zwischen den beiden rivalisierenden
Kirchen zu entscheiden ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht
unsere Aufgabe.»
62 Nach dieser Zurückweisung gab die TASS
eine Erklärung heraus, in der bestritten wurde, dass ein solcher
Anspruch erhoben worden sei. Der Archimandrit habe, hieß es
dort, nichts anderes getan, als «die israelischen Behörden davon
zu informieren, dass die ‹Emigrantengruppe› [d. h. die
‹Weißen›] kein Recht dazu habe, Land oder Gebäude zu
verkaufen oder um einen Neubau zu verhandeln».
63
-399-
Die Israelis gaben aber nicht nach, woraus sich die seltsame
Konsequenz ergab, dass die Israelis in Ostjerusalem den Status
quo zugunsten der «Weißen», im Westteil der Stadt hingegen
zugunsten der «Roten» aufrechterhielten, wobei die Israelis
behaupteten, dass die Stadt vereinigt sei und zwischen ihren
Teilen kein rechtlicher Unterschied bestehe. Die Russische
Kirchliche Mission blieb eines der wenigen offiziellen
Verbindungsglieder zwischen Israel und der UdSSR, und man
munkelte, dass die russisch-orthodoxe Kathedrale in Jerusalem
in eine Spionagedependance des KGB verwandelt worden sei. In
den siebziger und achtziger Jahren benutzten die Sowjets von
Zeit zu Zeit diese dürftige Verbindung und schickten
Abgesandte der Kirche nach Israel - die einzigen offiziellen
Repräsentanten der Sowjets, die damals das Land besuchten.
Inzwischen nutzten die Russen auch weiterhin die Jerusalem-
Frage in anderer Weise als eine Art Köder, um die Israelis in
Versuchung zu führen. Wie in der Vergangenheit, erweckten sie
den Eindruck, als bezögen sie hinsichtlich Jerusalems eine
weniger rigide Position als die Westmächte. Als beispielsweise
die Israelis so ziemlich am Tiefpunkt angelangt waren, nutzte im
Dezember 1973 der sowjetische Außenminister Andrej
Gromyko die Gelegenheit einer Begegnung mit seinem
israelischen Kollegen bei den Vereinten Nationen, um zu
erwähnen, dass Jerusalem auf der sowjetischen Sorgenliste ganz
weit unten stehe; damit war impliziert, dass man bereit war, die
de facto-Position der israelischen Herrschaft über die ganze
Stadt zu akzeptieren.
64 Im September 1980 wurde eine vom
Großmufti von Mittelasien, Ziayutdin Babakhanow, nach
Taschkent einberufene internationale Islam-Konferenz plötzlich
beendet, als arabische Delegationen Resolutionsentwürfe zu
Jerusalem vorlegten, die von ihren sowjetischen Gastgebern als
zu extrem angesehen wurden.
65
In den späten 1980er Jahren drehte sich das Rad ein weiteres
Mal. Nachdem Michail Gorbatschow an die Macht gekommen
-400-
war, bemühte sich die UdSSR vorsichtig um eine
Wiederaufnahme der Beziehungen mit Israel. 1987 entsandte sie
eine Konsulardelegation nach Israel - die erste dieser Art seit
zwanzig Jahren -, die vorgeblich russische Vermögenswerte
registrieren und die Pässe sowjetischer Staatsbürger erneuern
sollte. Der Besuch führte schließlich zur Wiederaufnahme
diplomatischer Beziehungen, die am 18. Oktober 1991
verkündet wurde - zwei Monate vor dem Zusammenbruch der
Sowjetunion. In der kurzen ihr noch verbliebenen Zeit griff die
UdSSR ihre Ansprüche wegen russischer Liegenschaften in
Jerusalem, Hebron oder Jericho nicht wieder auf; sie wollte
nicht den Anschein erwecken, als erkenne sie die israelische
Besetzung Jerusalems und des Westjordanlandes an. Innerhalb
der «weißen» russischen Kirche kam es zum Aufruhr, als nach
dem Sturz der Sowjetunion Versuche unternommen wurden, sie
mit dem Moskauer Patriarchat zu vereinigen. Jetzt begann die
israelische Regierung durchblicken zu lassen, sie könnte durch
die Anerkennung der Rechte des Moskauer Patriarchats an allen
Vermögensteilen der russischen Kirche in Israel und den
besetzten Gebieten eventuell eine Lösung der Streitfrage
herbeiführen. Aber gegen die «Weißen» in Jerusalem und in den
besetzten Gebieten unternahm Israel nichts.
Nach dem Abkommen von 1993 zwischen den Israelis und
den Palästinensern und dem sich daraus ergebenden Rückzug
der israelischen Streitkräfte aus Teilen des Westjordanlandes
kam es in dieser Sache erneut zu einer Krise. Jetzt unterstanden
einige der «weißen» russischen Liegenschaften plötzlich
palästinensischer Hoheitsgewalt, wenn auch noch keine in
Ostjerusalem. Im Juni 1997 besuchte der russisch-orthodoxe
Patriarch Alexej II. Jassir Arafat und sicherte sich dessen
Versprechen, das Moskauer Patriarchat bei seinen Ansprüchen
auf Immobilien in Gebieten unter palästinensischer Kontrolle zu
unterstützen. Arafat schuldete der Sowjetunion eine Menge und
unterhielt nach 1991 gute Beziehungen zu Russland. Deshalb
-401-
entsprach er der Bitte. Um zu zeigen, dass er es ernst meinte,
ordnete er einen Polizeiüberfall auf das in «weißem» Besitz
befindliche Kloster an der Abrahamseiche in Hebron an, bei
dem mehrere Nonnen und Mönche geschlagen und vertrieben
wurden. Im Januar 2000 gab es einen ähnlichen Vorfall in einem
Kloster bei Jericho: Zwei «weiße» Nonnen aus dem Maria-
Magdalena-Kloster in Jerusalem leisteten der palästinensischen
Polizei Widerstand, die sie von dort vertreiben wollte. «Ich eilte
zum Kloster nach Jericho. Dort sah ich das Oberhaupt des
[‹roten›] Russischen Patriarchats mit einer Unmenge
palästinensischer Soldaten. Ich sah, wie man zwei Mönche
fortschaffte. Sie versuchten, mich zu ergreifen, aber ich wehrte
mich, und schließlich ließ mich die Polizei gehen», sagte
Schwester Maria Stephanopoulos (eine Schwester von Bill
Clintons ehemaligem Berater George Stephanopoulos). Aus
Protest begannen die Nonnen einen Hungerstreik. Schließlich
mischte sich der amerikanische Generalkonsul ein und erreichte
einen Kompromiss, wonach sie in einem leeren Schuppen in der
Nähe des Klosters bleiben durften, «bis das Problem gelöst
ist».
66
Das Schicksal der russischen Heiligen Stätten in Jerusalem
blieb offen. Ihre Zukunft hing davon ab, ob die russischorthodoxe
Kirche wieder vereinigt und ob die Hoheitsgewalt
über Jerusalem erneut geteilt werden würde. Wie bei allem
anderen in der Stadt hing alles davon ab, ob zwischen Israel und
den Palästinensern Einigkeit über Jerusalem würde erzielt
werden können.
-402-
9. DIE SCHLEICHENDE TEILUNG
Das Osloer Abkommen stellte die Jerusalem-Frage zur
Diskussion. Schon dies war eine einschneidende Veränderung
gegenüber früher. Seit 1967 hatten alle israelischen Regierungen
stets die Haltung eingenommen - jedenfalls stellte man es der
israelischen Öffentlichkeit gegenüber so dar -, dass die
Jerusalem-Frage entschieden sei: Jerusalem sei wieder «geeint»,
sei die «ewige Hauptstadt» von Israel und könne kein
Gegenstand von Verhandlungen sein. Plötzlich aber lag
Jerusalem wieder auf dem Verhandlungstisch. Während die
Entscheidung über seine Zukunft nominell um zwei Jahre bis
zum Beginn der Verhandlungen über eine umfassende
israelisch-palästinensische Regelung hinsichtlich des
«endgültigen Status» vertagt worden war, begannen in
Wirklichkeit beide Seiten sofort mit den Drängeleien um die
beste Position.
-403-
Die Vereinbarung zwischen Beilin und
Abu Mäzen
Von der Euphorie, die im September 1993 den Handschlag
zwischen Rabin und Arafat auf dem Rasen vor dem Weißen
Haus umgab, war schon bald nichts mehr zu spüren. In Israel
setzte die nationalistische Rechte eine schlimme Kampagne
gegen Rabin in Gang, die ihn bezichtigte, das nationale Interesse
verraten zu haben, und schwor, sich einem territorialen Rückzug
zu widersetzen. Einige Hitzköpfe riefen zu Gewalttaten auf;
andere, noch radikalere, begannen mit der Planung für ihre
Ausführung. Am 25. Februar 1994 drang ein mit einem M-16-
Gewehr bewaffneter israelischer Fanatiker, Baruch Goldstein, in
eine Moschee bei der Höhle der Patriarchen in Hebron ein, einen
für Muslime und Juden heiligen Ort, und erschoss
neunundzwanzig Menschen, die ihr Gebet verrichteten. Über
hundert weitere wurden verletzt, bevor er überwältigt und
umgebracht wurde. Seine Anhänger unter den jüdischen
Siedlern in Hebron machten aus seinem Grab einen Andachtsort,
der von Hunderten seiner Bewunderer besucht wurde, und
veröffentlichten ihm zum Gedenken ein Buch, das seine Tat
feierte. Das Massaker führte zu Protestdemonstrationen und
Unruhen auf dem Haram al-Scharif, der daraufhin von der
israelischen Polizei geräumt und für eine Weile gesperrt wurde.
Die Wut der Palästinenser wegen dieses Vorfalls wurde
sowohl durch die Politik der Jerusalemer Stadtverwaltung, der
jetzt der rechtsgerichtete Ehud Olmert vorstand, sowie durch das
Vorgehen der Regierung Rabins angestachelt. Hinsichtlich ihrer
Wohnungsbaupolitik in und um Jerusalem unterschied sich die
vom Arbeiterblock bestimmte Regierung nicht sehr von ihrem
rechten Vorgänger: Weiterhin wurden Land ent eignet und
Planungen für großangelegte jüdische Wohnungsbauprojekte im
-404-
«Großjerusalemer» Gebiet jenseits der Stadtgrenzen vorgelegt.
Als Olmert sich 1994 entschied, in der Stadtverwaltung die
Behörde für Arabische Angelegenheiten zu schließen, die
Kollek 1967 geschaffen hatte, um gewisse Verbindungen mit
führenden Ostjerusalemer Arabern aufrechtzuerhalten, hatte das
zwar wenig praktische Auswirkungen, wurde aber doch als
Symbol für die unterschiedliche Einstellung der beiden
Bürgermeister angesehen. Das galt auch für Olmerts
Ermutigung der Juden, sich in vornehmlich arabischen Gebieten
von Ostjerusalem anzusiedeln, einschließlich des
Moslemviertels der Altstadt, Silwan, Ras al-Amud und Wadi
Joz.
1995/96 wurde die Position der Israelis in Jerusalem
geschwächt. Um den Tourismus zu steigern und Israels
internationale Position in Jerusalem zu stärken, hatte einige
Jahre zuvor der damalige Bürgermeister Teddy Kollek
Planungen für ein durchdachtes Programm zur Feier des
vermeintlichen dreitausendsten Jahrestags der Gründung der
Stadt durch König David entwickelt. Sein Nachfolger griff
dieses Vorhaben begeistert auf und gab ihm einen politischen
Akzent. Die Feierlichkeiten sorgten für Spott und Opposition.
Man machte darauf aufmerksam, dass die Datierung eher
politisch opportun denn historisch korrekt sei. Die ältere
Bevölkerung entsann sich, dass die Stadt bereits vor vierzig
Jahren ihren dreitausendsten Geburtstag gefeiert hatte.
Arabische Jerusalemer wollten mit einem in ihren Augen
zionistischen Propagandaunternehmen nichts zu tun haben, und
auch ultraorthodoxe Juden waren gegen das Vorhaben. Sie
nahmen Anstoß an der geplanten Show über König David, die
von Tim Rice, dem Librettisten von Jesus Christ Superstar,
geschrieben worden war und im Zusammenhang mit den
Feierlichkeiten aufgeführt werden sollte. Ein Stadtrat der
ultraorthodoxen Jahadut ha-Thora-Partei äußerte die
Befürchtung, dass Davids Verhältnis zu Jonathan «auf verzerrte
-405-
Weise» dargestellt werden könnte, und der stellvertretende
Bürgermeister Chaim Miller, der dieser Partei angehörte,
beklagte, dass Jerusalem «in einen Dschungel verwandelt»
werde, und verlangte, dass die Show aus dem Programm
genommen werde.
1 Die sich ein Jahr lang hinziehenden
Feierlichkeiten waren eher eine Peinlichkeit und letztendlich ein
Flop.
Auch die neuerlichen Terroristenangriffe, die wilde
antiisraelische Propaganda seitens der muslimischen Hamas-
Bewegung und die provozierenden antiisraelischen
Demonstrationen im Gazastreifen und Westjordanland waren für
die Israelis alles andere als beruhigend. Im Mai 1994
verschlechterte sich die Atmosphäre, nachdem Jassir Arafat in
einer Moschee in Südafrika zum Djihad für die Befreiung
Ostjerusalems aufgerufen hatte. Arafats Äußerungen wurden auf
Band aufgenommen und in Radio Israel ausgestrahlt, was, wie
nicht anders zu erwarten, zu empörten israelischen Reaktionen
führte. Vor diesem Hintergrund schienen die Aussichten für
weitere Fortschritte in Richtung Einigung düster.
Dass man Jerusalem zu einer «abschließenden Status »-Frage
machte, verhinderte jedoch nicht die informellen Diskussionen
unter israelischen und palästinensischen Intellektuellen und
Politikern, die versuchten, die Grundlage für ein solches
Abkommen zu schaffen. Dabei stellten sich einige Bereiche
heraus, in denen man sich überraschenderweise einig war.
Solche Gespräche gingen auch dem Osloer Abkommen voraus
und begannen damals in ähnlich informeller Weise. Eine Reihe
derartiger informeller Gespräche fand im Sommer 1992 in
London statt. Zu den israelischen Teilnehmern gehörte Mosche
Amirav, ein Angehöriger der Jerusalemer Stadtverwaltung und
politischer Irrläufer, der vom rechten Likud in die linke
Meretzpartei übergewechselt war. Die Palästinenser vertrat in
diesem Gremium Hanna Siniora, der Journalist, der 1987
erwogen hatte, für die Stadtverwaltung zu kandidieren.
-406-
Kurz nach Unterzeichnung des Osloer Abkommens ließ der
stellvertretende israelische Außenminister Jossi Beilin öffentlich
einen interessanten Versuchsballon steigen. Beilin, ein
Vertrauter von Außenminister Schimon Peres, der auch sein
wichtigster politischer Förderer war, hatte schon bei früheren
Gelegenheiten die öffentliche Meinung getestet, als er die
Grenzen des Aussprechbaren über die üblichen Einengungen
regierungsamtlicher Politik und gängigen Denkens hinaus
ausdehnte. Diesmal dachte er öffentlich über die Möglichkeit
nach, dass Israel in die administrative Kontrolle von Teilen
Ostjerusalems durch die Palästinenser einwilligen könnte.
Obwohl dies nicht sehr anders als der seit langem in der
Versenkung verschwundene «Stadtbezirks» -Vorschlag klang,
wurde Beilin sofort von dessen Urheber Teddy Kollek zur
Ordnung gerufen; der schrieb ihm: «Deine Vorstellungen sind
völlig unbegreiflich. Wir haben die Wiedervereinigung der Stadt
im Jahre 1967 als die praktische Verwirklichung der Ziele der
zionistischen Bewegung betrachtet. Werden wir jetzt ein
vereinigtes Jerusalem mit solcher Leichtigkeit aufgeben?»
2
Später stellte sich heraus, dass Beilins Bemerkungen keine
rein akademischen Spekulationen gewesen waren. Vielmehr
schlugen sich darin geheime Gespräche nieder, die er mit dem
Palästinenser Mahmud Abbas (besser bekannt unter seinem
Decknamen Abu Mäzen) aufgenommen hatte, einem engen
Berater Arafats, der, wie Beilin, in den zum Osloer Abkommen
führenden Gesprächen eine wichtige Rolle gespielt hatte. Beilin
und Abu Mäzen trafen zwischen Herbst 1993 und Frühjahr 1995
etwa zwanzigmal in Jerusalem, auf Zypern und an
verschiedenen Orten in Europa zusammen. Die Unterredungen
drehten sich um alle Aspekte einer möglichen Vereinbarung
über den «endgültigen Status», aber das größte Interesse - und
die schärfste Kritik - erregten die Schlussfolgerungen, zu denen
man im Hinblick auf Jerusalem kam. Am 31. Oktober 1995
einigten sich die beiden in Tel Aviv auf den Text «eines
-407-
Rahmens für den Abschluss eines endgültigen Status-
Abkommens zwischen Israel und der Palästinensischen
Befreiungsorganisation».
Dieses bemerkenswerte Dokument war ein wagemutiger
Versuch, alle noch offenen Fragen zwischen Israel und den
Palästinensern zu lösen. Es sah die Schaffung eines
palästinensischen Staates innerhalb vereinbarter Grenzen vor.
Die israelischen Streitkräfte würden sich aus 94 Prozent des
Westjordanlandes zurückziehen, einschließlich des Jordantals
und des gesamten Gazastreifens. Zwischen Gazastreifen und
dem Westjordanland sollte eine Landbrücke geschaffen werden.
Der palästinensische Staat würde entmilitarisiert sein, und Israel
bis zum Abschluss von Friedensverträgen mit den benachbarten
arabischen Staaten drei Frühwarnstationen und eine zu
vereinbarende militärische Präsenz auf seinem Territorium
unterhalten. Die israelischen Siedlungen im Gebiet des
palästinensischen Staates würden aufgegeben werden. («Es wird
keine zivilen Wohngebiete ausschließlich für Israelis im Staat
Palästina geben.») Anerkannt werde durch Israel «das
moralische und physischen Leid, das dem palästinensischen
Volk als Folge des Krieges von 1947-49 zugefügt worden ist»,
und ebenso das Recht «der palästinensischen Flüchtlinge, in den
palästinensischen Staat zurückzukehren sowie ihr Anspruch auf
Entschädigung und Rehabilitation für moralische und materielle
Verluste». Zum erstenmal hatten sich, seitdem der Konflikt
schwelte, führende und verantwortliche Israelis und
Palästinenser auf eine solche Aussage geeinigt.
Der Vertragsentwurf Beilins und Abu Mäzens kam einem
Plan für eine Lösung der Jerusalem-Frage sehr nahe. Beide
stimmten darin überein, dass Jerusalem «eine offene und
ungeteilte Stadt mit freiem und ungehindertem Zugang für
Menschen aller Glaubensbekenntnisse und Nationalitäten
bleiben» solle. Die Grenzen der Stadt sollten erweitert werden
und Abu Dis (wovon ungefähr 10 Prozent bereits zum
-408-
Stadtgebiet gehörten), al-Azarija, a-Ram, a-Zaim, Ma'alej
Adummim, Givat Ze'ev, Givon sowie einige angrenzende
Gebiete umfassen. Innerhalb dieses erweiterten Gebiets sollten
von Israelis bewohnte Gegenden zu «israelischen
Stadtbezirken» und von Palästinensern bewohnte Gegenden zu
«palästinensischen Stadtbezirken» werden. Die Anzahl der
israelischen und der palästinensischen Stadtbezirke würde das
demographische Verhältnis von 2:1 zwischen Juden und
Arabern widerspiegeln. Eine einheitliche und übergreifende
Stadtverwaltung würde für die ganze Stadt gebildet und unter
der Bezeichnung Vereinigter Hoher Stadtrat aus Vertretern der
Stadtbezirke bestehen. Diese Vertreter der Bezirke würden den
Bürgermeister der Stadt wählen. In Anbetracht der größeren
Anzahl israelischer Bezirke (entsprechend dem
demographischen Anteil) würde dies vermutlich den Juden für
die voraussehbare Zukunft das Bürgermeisteramt gesichert
haben.
In dem Dokument hieß es dann, dass der Vereinigte Hohe
Stadtrat in allen Sachverhalten, die sich auf Gebiete der «Stadt
Jerusalem» unter palästinensischer Souveränität beziehen, die
Zustimmung der Regierung von Palästina einholen wird. In allen
Sachverhalten, die mit den Gebieten der «Stadt Jerusalem» unter
israelischer Souveränität in Zusammenhang stehen, wird der
Vereinigte Hohe Stadtrat die Zustimmung der Regierung von
Israel einholen.
Dies hätte sichergestellt, dass die gegebene israelische
Mehrheit im Stadtrat nicht zum Gesetzgeber für die arabischen
Gebiete der Stadt würde. Als weitere Sicherung in derselben
Richtung war die Schaffung von zwei untergeordneten
Stadtverwaltungen vorgesehen, einer israelischen und einer
palästinensischen. Diesen würden starke lokale Befugnisse
eingeräumt, einschließlich der lokalen Besteuerung, der
öffentlichen Versorgungsdienste, «eines selbständigen
Bildungssystems», «separater Religionsbehörden» sowie der
-409-
«Wohnungsbau- und Nutzungsplanung».
Der westliche (israelische) Teil Jerusalems sollte mit seinem
hebräischen Namen Yerushalayim bezeichnet werden, und der
«arabische östliche Teil der Stadt unter palästinensischer
Souveränität» den arabischen Namen al-Quds tragen. Israel
würde al-Quds als Hauptstadt Palästinas anerkennen, Palästina
Yerushalayim als Hauptstadt Israels.
Nun kam ein entscheidender Passus, der erkennen ließ, dass in
einem kritischem Punkt weiterhin keine Einigkeit bestand:
Die letztendliche Souveränität über das Gebiet außerhalb von
Yerushalayim und al-Quds, jedoch innerhalb der gegenwärtigen
Stadtgrenzen von Jerusalem, soll von den Parteien so bald wie
möglich festgelegt werden. Jede Partei behält ihre Position
hinsichtlich des souveränen Status dieses Gebiets bei.
Dieser Passus bezog sich auf die neue arabische Stadt
außerhalb der Mauern, jedoch innerhalb des Stadtgebiets in
seiner seit 1967 von Israel erweiterten Fläche. Beilin befand,
dass er in Anbetracht des Versprechens der israelischen
Regierung, die «Einheit» der Stadt unter israelischer
Souveränität zu wahren, nicht zustimmen könne, dass sie zu
einem Teil des palästinensischen Staats würde. Abu Mäzen
hingegen meinte, wegen der zentralen Bedeutung des arabischen
Jerusalem könne man nicht einwilligen, dass sie auf Dauer ein
Teil Israels bleiben werde. Das Problem, wer letzten Endes die
Souveränität über dieses Gebiet innehaben werde, wurde darum
auf spätere Gespräche vertagt, ohne dass dadurch die restliche
Vereinbarung beeinträchtigt wurde.
Selbstverständlich musste auch über die Heiligen Stätten
befunden werden, wenn man zu einem Abkommen über
Jerusalem kommen wollte:
Die Parteien erkennen Jerusalems einzigartige spirituelle und
religiöse Rolle für alle drei großen monotheistischen Religionen
-410-
an. In dem Wunsch, die ökumenischen Beziehungen und die
Harmonie zwischen den drei großen Religionen zu fördern, sind
sich die Parteien darüber einig, die Freiheit der
Religionsausübung und des Zugangs zu allen Heiligen Stätten
für die Angehörigen aller Glaubensrichtungen und Religionen
ohne Behinderung oder Einschränkung zu garantieren.
Insoweit war es eine Standardformulierung, denen alle
zustimmen konnten. Schwieriger zu lösen waren die
Einzelheiten, insbesondere hinsichtlich der Altstadt:
In Anerkennung des besonderen Status und der besonderen
Bedeutung des Gebiets der Altstadt... für Angehörige des
christlichen, jüdischen und muslimischen Glaubens kommen die
Parteien überein, diesem Gebiet einen Sonderstatus
einzuräumen.
Wie aber sollte dieser «Sonderstatus» beschaffen sein? Das
war leider nicht in der Vereinbarung festgelegt; auch die Frage
der Souveränität in der Altstadt war nicht geklärt. Beides würde
Thema weiterer Gespräche sein. Über einige leitende
Grundsätze für diese Gespräche wurde man sich jedoch einig:
Die palästinensische «Unterverwaltung» der Stadt sollte für die
städtischen Belange der in der Altstadt wohnhaften
palästinensischen Staatsbürger und deren dortige Immobilien
zuständig sein, die israelische für die Belange der in der Altstadt
wohnhaften Israelis sowie für ihre dortigen Immobilien
zuständig sein. Ein «Vereinigter Paritätischer Ausschuss» solle
eingesetzt werden, «um alle mit der Wahrung des einzigartigen
Charakters des Altstadtareals in Zusammenhang stehenden
Angelegenheiten» zu verwalten und Streitigkeiten beizulegen. In
bezug auf die Heiligen Stätten im Herzen Jerusalems und das
Jerusalem-Problem hieß es:
-411-
Dem Staat Palästina soll extraterritoriale Souveränität über
den Haram al-Scharif unter der Verwaltung der al-Quds Awaqf
gewährt werden. Der gegenwärtige Status quo hinsichtlich des
Rechts auf Zugang und Gebet für alle wird gewährleistet.
Die Grabeskirche soll der palästinensischen Unterverwaltung
der Stadt unterstehen. Der Vereinigte Paritätische Ausschuss
soll die Möglichkeit prüfen, der Grabeskirche einen
extraterritorialen Status einzuräumen.
Dass die Westmauer nicht erwähnt wurde, mutet ein wenig
seltsam an. Vermutlich ging man stillschweigend davon aus,
dass sie weiterhin als souveränes Territorium von Israel
verwaltet würde.
Ein abschließender Passus des von Jerusalem handelnden
Abschnitts der Vereinbarung betraf Sicherheitsfragen: «Die
Überwachung von Personen und Gütern, die durch die ‹Stadt
Jerusalem› befördert werden, soll an den Ausreisestellen
stattfinden.»
3 Auch da gab es Unklarheiten. Sollte Jerusalem
eine offene Stadt sein oder eine geschlossene, mit Barrieren, die
sie umgaben? Hätten die Israelis noch das Recht, die Stadt für
Palästinenser, die zum Beten oder Arbeiten in die Stadt wollten,
zu «sperren», wie es oft seit Beginn der Intifada geschehen war?
Trotz der noch offenen Fragen und der Lücken in bestimmten,
sehr wichtigen Paragraphen war die Vereinbarung eine
überraschende Errungenschaft. Selbst in den Punkten, über die
man keine völlige Einigung erzielt hatte (in erster Linie war es
das Problem der arabischen Gebiete von Ostjerusalem und in der
Altstadt), schuf sie eine Grundlage für eine mögliche Lösung.
Für Leute, die sich den Rückhalt breiter Wählerschaften erhalten
wollten, der nötig wäre, um die Vereinbarung aus einem
Entwurf in einen Vertrag zu überführen, der von Jassir Arafat
-412-
für die PLO und von Jitzhak Rabin für die israelische Regierung
würde unterzeichnet werden können, war zu diesem Zeitpunkt
wahrscheinlich keine klarer formulierte Einigung über das
Jerusalem-Problem erreichbar. Ob diese Übereinkunft in einen
endgültigen Friedensvertrag hätte verwandelt werden können,
lässt sich nicht sagen. Aber die Erfahrungen ihrer Unterhändler
mit dem Osloer Abkommen, das ebenfalls von einer solchen
«backchannel»-Vereinbarung ausgegangen war, berechtigten sie
durchaus zu einem gewissen Optimismus.
Am 4. November 1995, vier Tage nach dem Übereinkommen
zwischen Beilin und Abu-Mazen, wurde Jitzhak Rabin in Tel
Aviv erschossen. Sein Nachfolger Schimon Peres war nicht
weniger entschlossen als er, den Konflikt zwischen
Palästinensern und Israelis endgültig beizulegen. Er war Beilins
politischer Förderer gewesen, und im Vertragsentwurf spiegelte
sich unzweifelhaft sein grundsätzlicher Ansatz hinsichtlich der
darin angesprochenen Fragen wider. Aber Peres war von den
Rechten als Beschwichtigungspolitiker gegenüber den Arabern
verteufelt worden. Als nicht gewählter Ministerpräsident wagte
er es nicht, den direkten Weg bis zur Unterzeichnung einer
solchen Vereinbarung weiterzugehen. Er hielt es für besser,
abzuwarten und sich ein eigenes Mandat von den israelischen
Wählern zu besorgen. Nach dem Mordanschlag hatte sich eine
gewaltige Welle des Abscheus gegen die schrille politische
Rhetorik der Rechten erhoben. Nie zuvor hatte sich etwas
Vergleichbares in Israel ereignet, und das Geschehene hatte
tiefgreifende Auswirkungen auf die gesamte Bevölkerung.
Damaligen Meinungsumfragen zufolge wäre Peres an die Spitze
einer beherrschenden parlamentarischen Mehrheit gewählt
worden, wenn er damals sofort Wahlen angesetzt hätte. Aber es
schien ihm gefährlich, den Eindruck zu erwecken, als wolle er
sich den Mord an Rabin zunutze machen oder sich an die
Rockschöße seines ehemaligen Rivalen im Arbeiterblock und
später keineswegs bequemen Partners in der Regierung
-413-
klammern. Er hielt es für anständiger und auf längere Sicht
gesehen auch für effektiver, eine Weile zu warten, um dann
später mit Überzeugungskraft beanspruchen zu können, die
Wahl aus eigener Kraft gewonnen zu haben. Es war eine der
schlimmsten politischen Fehleinschä tzungen in der Geschichte
Israels.
Als Gerüchte über die Vereinbarung zwischen Beilin und Abu
Mäzen zu zirkulieren begannen (anfangs glaubte man, sie
bezöge sich nur auf Jerusalem), benutzte die Rechte die
angebliche «Bedrohung Jerusalems» als Knüppel, mit dem sie
auf Beilin, seinen Beschützer Peres und den Arbeiterblock
eindreschen konnte. Ohne den Text der Übereinkunft zu
veröffentlichen, verteidigte Beilin dessen Vereinbarkeit mit der
Politik der Regierung:
Israel würde die Souveränität über das geeinte Jerusalem in
seinen gegenwärtigen Grenzen behalten und kann Ma'alej
Adummim, Givon und Givat Ze'ev der Stadt hinzufügen. Die
Palästinenser würden demgegenüber Dörfer außerhalb von
Jerusalem, wie etwa Abu Dis, al-Azarija oder sogar Ramallah
übernehmen und es al-Quds nennen können. Die Palästinenser
könnten womöglich ihr Recht behalten, über andere Teile
Jerusalems zu verhandeln, aber sie wissen, dass dies noch eine
ganze Generation dauern könnte.
4
Statt die Kritiker zu besänftigen, wurde die Opposition
dadurch erst richtig entflammt. Peres fühlte sich verpflichtet,
sich von Beilin zu distanzieren, aber der Likud kündigte
trotzdem an, er werde den Wahlkampf unter der Parole führen:
«Peres wird Jerusalem teilen.»
5 Schließlich wurde die Wahl auf
den 29. Mai 1996 angesetzt, aber das Vertrauen in Peres'
Führung war bereits im Schwinden begriffen.
Am 25. Februar 1996 wurden fünfundzwanzig Menschen in
-414-
Jerusalem getötet und fünfzig verletzt, als in einem Bus der
Linie 18 eine am Körper eines arabischen Selbstmordattentäters
befestigte Bombe explodierte. Am 3. März kamen durch die
Explosion der Bombe eines zweiten Selbstmordattentäters auf
derselben Buslinie weitere achtzehn Menschen ums Leben.
Andere Bombenanschläge von palästinensisch-muslimischen
Fanatikern verursachten in Jerusalem und andernorts neuerliches
Blutvergießen und hatten tiefgehende Auswirkungen auf die
politische Psychologie einer israelischen Bevölkerung, die
bereits durch die Ermordung Rabins bis ins Mark erschüttert
war. Die Rechte profitierte von den Bombenanschlägen und
behauptete, mit ihrer harten Linie und ihrer Verweigerung
weiterer territorialer Zugeständnisse weiteren Terroranschlägen
effektiver vorbeugen zu können.
Die Wahlen erbrachten einen Sieg für den Likud-Kandidaten
für das Amt des Ministerpräsidenten, Benjamin Netanjahu, der
sich an die Bildung einer Koalitionsregierung aus rechten und
religiösen Parteien machte. Obwohl sich die Netanjahu-
Regierung unter erheblichem amerikanischen Druck zum
Rückzug des israelischen Militärs aus dem größten Teil von
Hebron bereit fand, blieb der Friedensprozess von nun an
stecken. In den nächsten drei Jahren tat sich in der Jerusalem-
Frage auf diplomatischer Ebene nichts. Inzwischen hatten
andere Wahlen eine neue politische Dynamik in die Region
gebracht.
-415-
Palästinensische Wahlen
Die Wahlen zur Bildung der palästinensischen
Autonomiebehörde eine in der palästinensischen Geschichte
erstmalige Annäherung an eine landesweite Wahl - lösten den
Enthusiasmus der Palästinenser aus und lenkten das Interesse
der Weltöffentlichkeit auf sich. Die Frage, ob Jerusalemer
Araber an den Wahlen teilnehmen könnten, hatte die Israelis
sehr beschäftigt, und die Regierung Rabin fand sich nur
schrittweise und zögernd zu einem Rückzug von der exponierten
Position bereit, die Begin und Schamir in dieser Hinsicht
bezogen hatten. In der ersten Phase der Autonomiegespräche mit
der Regierung Begin hatte es einen Punkt gegeben, an dem die
Amerikaner den Vorschlag machten, den nichtisraelischen
Arabern in Jerusalem ein «Briefwahlrecht» einzuräumen, unter
dem Vorbehalt, dass das palästinensische Organ keinerlei
Autorität über Jerusalem habe und die Frage der Zukunft der
Stadt weiterhin offen bleibe.
6 In dem im September 1995 in
Washington von Rabin und Arafat unterzeichneten
Autonomieabkommen über die palästinensische
Selbstverwaltung im Westjordanland fanden sich Relikte dieser
Vorstellungen in den Bestimmungen für die Wahlen wieder, die
im Januar 1996 abgehalten werden sollten.
7 In Jerusalem
wohnhafte Palästinenser sollten das Wahlrecht haben und im
Autonomierat repräsentiert sein. Die Einwohner Jerusalems
durften sich jedoch nur dann als Kandidaten zur Wahl stellen,
wenn sie auch einen Wohnsitz außerhalb der Stadt nachweisen
konnten. Die Palästinenser entschieden sich dafür, dies
hinzunehmen, weil, wie Faisal Husayni betonte, die meisten in
der Stadt ansässigen Palästinenser eine Adresse eines anderswo
lebenden Familienmitglieds angeben konnten.
8 Weder der
Autonomierat noch die palästinensische Autonomiebehörde
-416-
sollten über Verwaltungszuständigkeiten für Jerusalem
verfügen. Dennoch stärkte die Teilnahme Jerusalemer Araber an
den Wahlen (trotz mehrerer israelischer Mittel und Wege, diese
zu verhindern) in den Augen der arabischen Einwohnerschaft
der Stadt die Legitimität der palästinensische n Autoritätsträger.
Jerusalem waren vier (später auf sechs, noch später auf sieben
erhöht) Sitze im Autonomierat zugeordnet, wovon zwei für
Christen reserviert waren.
Obwohl sich die Regierung Rabin hinsichtlich des Wahlrechts
für Jerusalemer Araber der amerikanischen Sicht gebeugt hatte,
war ihr weder klar, wohin das führen konnte, noch war sie
glücklich über die potentielle Munition, die dieses Zugeständnis
ihren Gegnern geben würde, besonders dem der Likud-Partei
angehörenden Bürgermeister der Stadt. Deshalb beschloss sie,
sowohl die Wahlbeteiligung als auch die Sichtbarkeit der
Teilnahme von Jerusalemer Palästinensern an der Wahl
einzuschränken, indem sie die Anzahl der Wahllokale auf ein
Minimum begrenzte. Auch ließ man die Nachricht verbreiten,
dass Jerusalemer, die sich als Wähler registrieren ließen, als
Folge davon ihre israelischen Kennkarten verlieren könnten (die
hoch geschätzte soziale Vergünstigungen und andere Rechte mit
sich brachten). Teilweise aus diesen Gründen ließ sich nur etwa
die Hälfte der wahlberechtigten Jerusalemer Araber für die
Wahlen registrieren. Die Israelis argumentierten zunächst, dass
sämtliche Wahllokale außerhalb der Stadtgrenzen eingerichtet
werden müssten, damit nicht der Eindruck entstünde, die
israelische Souveränität werde dadurch in Frage gestellt. Am
Schluss wurden fünf Wahllokale in Postämtern innerhalb der
Stadtgrenzen geschaffen. Als jedoch Hanan Aschrawi, eine
Kandidatin für einen der Christen vorbehaltenen Sitze, in einem
Wagen, auf dem Wahlplakate angebracht waren, nach Jerusalem
hineinzufahren versuchte, wurde sie von der israelischen Polizei
angehalten und an der Weiterfahrt gehindert. Diese
Auseinandersetzung wurde in der ganzen Welt im Fernsehen
-417-
übertragen und von Aschrawi geschickt zu ihren Gunsten
ausgenutzt.
9
Bürgermeister Olmert und einige andere Israelis vertraten die
Auffassung, die Wahlen demonstrierten, wie wenig
Unterstützung Arafat unter den Jerusalemer Arabern habe.
10 Das
war eine zweifelhafte Deutung. Von den in Jerusalem gewählten
Mitgliedern galten drei als Arafat-Anhänger: Ahmad Asim al-
Zghajar und Emile Jarjou waren Fatah-Mitglieder; Ahmad al-
Batsch wurde als Unabhängiger gewählt, war aber ebenfalls ein
Mitglied der Fatah. Zwei andere wurden als «kritische
Anhänger» eingestuft: Hatim Abd al-Qadar, ein Fatah-Mitglied,
das als Sprecher für Jerusalem auftrat, sowie Ahmad Khuri (Abu
Ala), einer der prominentesten palästinensischen Führer und
ebenfalls Fatah-Mitglied, der in Oslo als Verhandlungsführer
fungiert hatte. Hanan Aschrawi und Zijad Abu Zijad, die beide
als Unabhängige gewählt worden waren, gehörten zur
Opposition gegen Arafat.
11
Dass die Palästinenser mit der Eingliederung Jerusalems in
die Wahlen zum palästinensischen Autonomierat
vergleichsweise erfolgreich gewesen waren, steigerte noch die
Besorgnis der israelischen Rechten, dass Israel den Ostteil der
Stadt durch Nachlässigkeit verlieren könnte. Schon vor dem
Osloer Abkommen hatte die israelische Rechte das Aufkommen
einer palästinensischen Autonomie in Ostjerusalem
angeprangert. Im April 1993 sprach Ariel Scharon
beispielsweise mit Missbilligung von einem «in Ostjerusalem
operierenden palästinensischen Staat».
12 Obwohl die
Regierungen Rabin und Peres diesem Vorwurf widersprachen,
sprachen doch viele Fakten dafür.
Bis 1995 hatten sich die PLO und die noch nicht gewählte
palästinensische Autonomiebehörde die effektive Kontrolle über
weite Bereiche des Alltagslebens in den von Arabern bewohnten
Gebieten Jerusalems verschafft. Nach und nach erstreckte sich
die Überwachung auf nahezu das gesamte Alltagsleben,
-418-
einschließlich der muslimischen religiösen Amtsträger, der
Privatschulen (die von 40 Prozent der palästinensischen Schüler
in der Stadt besucht wurden), der arabischen Presse und sogar
(entsprechend einer geheimen Vereinbarung, die am 21. Juni
1995 zwischen dem israelischen Brigadegeneral David Scharif
und dem Finanzminister der palästinensischen Behörde Atef
Alawneh getroffen worden war) des Steuereinzugs. Die Al-Quds
Universität mit dem in Oxford ausgebildeten Wissenschaftler
und Politiker Sari Nusseibeh an der Spitze wurde vom
palästinensischen Hochschulminister zugelassen und betätigte
sich ganz offen sowohl in Abu Dis und Bet Hanina (außerhalb
der Stadtgrenzen) als auch in Gebäuden mitten in Jerusalem.
Erfolglos hatte die israelische Zivilverwaltung in den besetzten
Gebieten versucht, Studenten aus dem Westjordanland vom
Besuch dieser Universität auszuschließen. Die Universität fand
jedoch einflussreiche internationale Unterstützung und auch die
einiger israelischer Wissenschaftler, und die Regierung
entschloss sich, nicht noch mehr Kritik durch ihre Schließung
heraufzubeschwören. Einer israelischen «Sicherheitsquelle»
blieb es überlassen, den wehleidigen Kommentar abzugeben,
dass «die Universität für ihren Betrieb und die Verleihung
akademischer Grade nicht die entsprechende Bestätigung des
israelischen Rats für Hochschulbildung Grade habe, die von
Gesetzes wegen erforderlich ist».
13 Darüber hinaus wurde
Ostjerusalem weiterhin von der Jerusalemer
Bezirkselektrizitätsgesellschaft mit «arabischem Strom»
beliefert.
Das Wichtigste aber war, dass die Palästinensische
Autonomiebehörde mit einer großen Zahl allgegenwärtiger
Sicherheitsleute in Zivil die Straßen kontrollierte. Bei einer
Befragung in einem Ausschuss der Knesset bestritt der
israelische Polizeiminister im Januar 1995, dass palästinensische
Polizisten in Jerusalem tätig seien, gab aber gleichzeitig zu,
dass, wie er sie nannte, «Stoßtrupps gelegentlich gegen Zuhälter,
-419-
Prostituierte und Drogenringe» vorgingen.
14 In der Tat steckten
die Israelis in einem Dilemma, wenn sie derlei Aktivitäten
unterbanden, weil sie auf die verdeckte Polizeitätigkeit
palästinensischer Sicherheitsorgane angewiesen waren, um mit
deren Hilfe terroristische Gruppen in Jerusalem wie im
Westjordanland auszuschalten. Im Juli 1995 verhafteten die
Israelis angebliche Polizisten der palästinensischen
Autonomiebehörde, die in Jerusalem tätig geworden waren, aber
deren Sicherheitsdienst blieb in der Stadt weiterhin aktiv,
allerdings mit größerer Diskretion. Überdies hatten verschiedene
offizielle und halboffizielle palästinensische Institutionen ihren
Hauptsitz in Jerusalem, darunter das Ministerium für
Religionsangelegenheiten, das palästinensische Radio und, als
wichtigste von allen, das Orient House.
-420-
Die Belagerung des «Orient House»
Das «Orient House», ein ehemaliges Hotel im Jerusalemer
Bezirk Scheich Jarrah, hatte zunächst als ein Büro für den
«Beraterausschuss» der palästinensischen Delegation bei der
Madrider Friedenskonferenz von 1991 fungiert. Bald
entwickelte es sich zum politischen Büro von Faisal Husayni
und wurde zu einer Art Bürgermeisterei für das arabische
Ostjerusalem. Nach dem Osloer Abkommen richtete das von
Husayni geführte Ministerium für Jerusalemer Angelegenheiten
der Palästinensischen Autonomiebehörde hier seinen Amtssitz
ein.
Die Existenz dieses palästinensischen Ministeriums im
Herzen der Hauptstadt versetzte die israelische Rechte in
Aufruhr. Öffentlich prangerte Bürgermeister Olmert dessen
Präsenz als eine Provokation und einen Verstoß gegen
israelische Gesetze an und forderte seine Schließung. Als Rabin
zu äußern wagte, dass Arafat nach Jerusalem kommen könnte,
um in der Al-Aqsa-Moschee zu beten, drohte Olmert damit, eine
Million Juden in aller Welt zu mobilisieren, um ihn von dem
Besuch abzuhalten. Im August 1994 wurden im «Orient House»
Beschäftigte von der israelischen Polizei vernommen und
palästinensischen Einrichtungen in der Stadt eine Reihe
verwaltungstechnischer Hindernisse in den Weg gelegt.
15
Als mehrere offizielle Besucher Israels darauf bestanden, dem
«Orient House» einen Besuch abzustatten, spitzte sich die Sache
zu. Anfangs erhoben die Israelis keine Einwände und
erleichterten derartige Besuche sogar, aber als diese dann eine
solche politische Dimension annahmen, dass sich eine
Anerkennung der Präsenz der PLO in Jerusalem abzuzeichnen
schien, machten sie einen Rückzieher. Im November 1994
suchte die türkische Ministerpräsidentin Tansu Ciller, die zu
-421-
einem offiziellen Besuch in Israel weilte, Husayni in seinem
Amtssitz auf, ohne dieses Zusammentreffen zuvor mit den
israelischen Behörden abgesprochen zu haben. Rabin nannte die
Begegnung einen «Trick» und kommentierte ihn mit den
Worten: «Private Besuche, ja, aber hier haben sie versucht, das
Orient House zu einer unabhängigen palästinensischen
Vertretung für Treffen mit internationalen Politikern zu
machen.»
16 Kaum hatte er das geäußert, da sprach schon die
Israel besuchende französische Sozialministerin Simone Weil
(eine Jüdin, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebt
hatte) in dem Gebäude zu einem, wie es ausdrücklich hieß,
«offiziellen Besuch» vor.
17
Politiker der israelischen Rechten machten sich diese
Vorkommnisse zunutze und forderten die Schließung des
«Orient House». Der dem Likudblock nahe stehende Politiker
Jehoschua Matza beklagte sich, es sei zum palästinensischen
Außenministerium geworden, aber Husayni bestritt das und
behauptete kurioserweise, im «Orient House» seien keinerlei die
palästinensische Autonomiebehörde betreffenden Gespräche
geführt worden.
18 Eine Gruppe von rechtsgerichteten
Knessetabgeordneten demonstrierte vor dem Gebäude, und einer
von ihnen, Rafael Eitan, ein früherer israelischer Stabschef,
äußerte gegenüber Reportern: «Das ist traurig. Wir sehen hier
den palästinensischen Staat mitten in Jerusalem.»
19 Einige
Rechtsextremisten (darunter ein Offizier der israelischen Armee,
Oren Edri, sowie Ben Dawid, ehemals Ja'abari, der vom Islam
zum Judentum konvertiert war) erwogen sogar einen
gewaltsamen Angriff gegen das «Orient House».
20 Andererseits
besuchten linke Knessetabgeordnete, mit denen Husayni
herzliche Beziehungen unterhielt, das Gebäude, um zu
bekräftigen, dass es nicht geschlossen werden dürfe.
Die von diesen Vorgängen in Bedrängnis gebrachte
Regierung Rabin reagierte mit administrativen und legislativen
Maßnahmen. In der Nähe des Gebäudes wurden Straßensperren
-422-
errichtet, an denen die Identität der Personen überprüft wurde,
die es betreten wollten. Polizeiminister Mosche Schahal gab
bekannt, dass nicht vorher mit den Israelis abgesprochene
offizielle Besuche unterbunden werden würden.
21 Im Dezember
1994 verabschiedete die Knesset ein «Orient House »-Gesetz,
das Aktivitäten der PLO in Israel vermeintlich ausschließen
sollte. Nachdem es aber erst einmal verabschiedet war, wurde es
kaum je angewendet; obwohl die israelische Polizei
Ermittlungen über «illegale Aktivitäten» in dem Gebäude
aufnahm, wurde es nicht geschlossen. Die Opposition, die die
Regierung in die Lage manövriert hatte, das Gesetz
einzubringen, warf ihr nun vor, keinen Gebrauch davon zu
machen. Als im Februar 1995 eine Gruppe von Ministern der
Europäischen Union im «Orient House» vorsprechen wollten,
beantragten israelische Rechte eine einstweilige Anordnung des
Obersten Gerichtshofs, die den Besuch untersagen sollte -
jedoch ohne Erfolg. Zwischen Mai 1994 und August 1995 kam
es im «Orient House» zu fünfzig diplomatischen Begegnungen
mit Repräsentanten von neunundzwanzig Ländern. Dass es den
Palästinensern gelang, die Israelis an der Nase herumzuführen,
führte zum Zwist in der israelischen Regierung und im August
1995 zum offenen Krach im Kabinett zwischen Peres und
Schahal.
Der Mann, der im Zentrum dieser Kontroverse stand, Faisal
Husayni, meinte, dass es hier um eine ganz einfache Frage gehe:
«Wir können zwei Wege einschlagen: den Weg von ‹Orie nt
House› oder den Weg von Hamas.»
22 In den folgenden Monaten
drehte sich die Debatte unter anderem darum, ob das Gebäude
die PLO oder Institutionen der Palästinensischen
Autonomiebehörde beherberge (der Unterschied war kaum
merklich, aber die israelische Regierung hoffte, dahinter in
Deckung gehen zu können). Auch wurde die Frage aufgeworfen,
ob Husayni nun ein Minister der Palästinensischen
Autonomiebehörde sei oder nicht. In diesem Punkt gab es eine
-423-
gewisse Unklarheit. Er war kein Mitglied des ersten, im Mai
1994 gebildeten Kabinetts der palästinensischen
Autonomiebehörde; im zweiten Kabinett, gebildet im Mai 1996,
trat er als «Minister ohne Portefeuille» auf; im dritten, das im
August 1998 vereidigt wurde, firmierte er als Minister für
Jerusalem; in der offiziellen Ministerliste vom August 2000
stand sein Name, aber während bei allen anderen die
Bezeichnung «Minister» mit den entsprechenden Ressorts
verzeichnet war, standen bei dem Husaynis nur die Worte
«Jerusalem-Liste».
23 In Wirklichkeit galt Husayni in dieser
ganzen Zeit weitgehend als der führende palästinensische
Politiker in der Stadt.
Sein Aufstieg zu diesem Rang und sein Erfolg in der
Auseinandersetzung um das «Orient House» veranlasste gewisse
Reibungen mit Arafat, der darüber eifersüchtig gewesen sein
soll, dass viele hochrangige Besucher bei Husayni im «Orient
House» vorsprachen und nicht auch ihn in seinem Amtssitz in
Gaza aufsuchten.
24 Gerüchte, wonach sich Husayni -
unabhängig von der Palästinensischen Autonomiebehörde - um
die finanzielle Unterstützung arabischer Staaten bemühe, trübten
noch mehr die Beziehungen.
25 Als im Juni 1995 berichtet wurde,
dass das Kabinett der Palästinensischen Autonomiebehörde
beschlossen habe, in Ostjerusalem einen Stadtrat zu bilden,
spitzte sich die Missstimmung zwischen beiden zu.
26 Die
israelische Polizei erwog, sich auf jenen Militärbefehl vom 29.
Juni 1967 zu berufen, der den Stadtrat des jordanischen
Jerusalem aufgelöst hatte.
27 Im weiteren Verlauf stellte sich
dann heraus, dass Arafat auf diese glänzende Idee verfallen war,
die Faisal Husayni, der sie als Affront für seine eigene Autorität
in Jerusalem empfand, unverzüglich wieder aus dem Verkehr
zog.
28
Warum haben weder der Likud-Bürgermeister Ehud Olmert
noch die Regierung Netanjahu, die von 1996 bis 1999 amtierte,
das Gebäude zugemacht - zumal sie, als sie in der Opposition
-424-
waren, versprochen hatten, die dortigen Amtsstellen zu
schließen? Der Grund war ein Anhang zum Osloer Abkommen
von 1993: ein anfangs geheimes Begleitschreiben, das
Außenminister Peres an den norwegischen Außenminister Johan
Jürgen Holst gesandt hatte, datiert vom 11. Oktober 1993 - also
geschrieben etwa einen Monat nach der Unterzeichnung der
israelisch-palästinensischen Grundsatzerklärung in Washington.
In diesem Dokument, das in dem anschließenden
Positionsgerangel eine entscheidende Bedeutung erlangte, hatte
Peres geschrieben:
Ich möchte bestätigen, dass die palästinensischen Institutionen
von Ostjerusalem und die Interessen und das Wohlergehen der
Palästinenser in Ostjerusalem von großer Wichtigkeit sind und
gewahrt werden. Deshalb erfüllen all die palästinensischen
Institutionen in Ostjerusalem, einschließlich der die Wirtschaft,
das Sozial- und Bildungswesen und die kulturellen Belange
betreffenden Institutionen, sowie die Heiligen Stätten der
Christen und Muslime eine wesentliche Aufgabe für die
palästinensische Bevölkerung. Unnötig zu sagen, dass wir ihre
Tätigkeit nicht behindern werden; ganz im Gegenteil, die
Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe muss ermutigt werden.
29
Im Lichte dieses Dokuments mutete das Insistieren eines
israelischen Sprechers unglaubwürdig an, dass «Jerusalem kein
Teil der Vereinbarung ist und dass es insoweit zu keinem
Nachgeben gekommen ist» - wie manche israelische
Kommentatoren später dazu angemerkt haben.
30 In Anbetracht
der Attacken gegen Peres seitens der Rechten wegen der
Jerusalem-Frage überrascht es kaum, dass er den Brief so lange
wie möglich geheim hielt.
Die Entstehungs- und Nachgeschichte dieses Dokuments wird
in einer Publikation der Palästinensischen Akademischen
Gesellschaft zur Erforschung Internationaler Angelegenheiten
nacherzählt - einer Jerusalemer Forschungseinrichtung, die zu
-425-
den in Peres' Brief gemeinten Institutionen gehört und viel zur
Aufklärung des Friedensprozesses und der geheimen, bis 1993
zurückgehenden Bereitschaft der israelischen Regierung
beigetragen hat, zu einem Kompromiss in der Jerusalem-Frage
zu kommen. Dieser Darstellung zufolge war der Brief eines von
drei Begleitschreiben, die zwischen beiden Seiten auszutauschen
waren und von der PLO zur Bedingung für ihre Unterschrift des
Washingtoner Abkommens vom September 1993 erklärt worden
waren. Der eine war ein Brief von Arafat an Rabin mit dem
Versprechen, eine Revision oder Streichung bestimmter Artikel
im Palästina-Statut herbeizuführen, die Israel ganz und gar
zuwider waren. Nachdem Arafat diesen am 9. September
unterzeichnet hatte, unterschrieb Rabin einen Brief an Arafat,
mit dem die PLO als Repräsentant des palästinensischen Volkes
anerkannt wurde. Im Gegensatz zu den beiden anderen sollte
Peres' Brief geheim bleiben, obwohl er, genau so wie die beiden
anderen, einen Teil des Gesamtpakets ausmachte. Obwohl Peres'
Brief das Datum vom 11. Oktober trug, wurde er anscheinend
erst Mitte Oktober bei Holst abgeliefert und von ihm dann an die
Palästinenser weitergeleitet.
Infolge einer Erklärung, die Arafat in Südafrika abgab, wurde
der Brief im Mai 1994 bekannt. Rabin und Peres schienen seine
Existenz zunächst bestreiten zu wollen, worauf Faruq Qaddumi,
der Chef der Politischen Abteilung der PLO (der über das
Osloer Abkommen alles andere als begeistert gewesen war) an
den amerikanischen Außenminister Warren Christopher schrieb,
den kompletten Text des Briefes zitierte und äußerte: «Dieser
Brief ist ein integraler Bestandteil der Festlegungen seitens der
israelischen Regierung. Israel hat sich an diese Festlegung, die
eminent wichtig und heikel ist, nicht gehalten.» Die
Veröffentlichung des Briefes löste in Israel große Aufregung
aus. Führende Likud-Mitglieder fielen vehement darüber her.
Ariel Scharon nannte ihn «Irrsinn», und Benny Begin (der Sohn
von Menachem Begin und ein angesehener
-426-
Parlamentsabgeordneter des Likud) sagte, dass er «ernsthaft
Israels Souveränität über seine Hauptstadt» beeinträchtige. Peres
verteidigte sich mit der lahmen Ausrede, «ein Brief ist kein
Dokument», und bedauerte, dass das Schreiben an die
Öffentlichkeit gelangt war.
31 Und doch, ob nun geheim oder
öffentlich, integral oder separat, stellte der Brief eine formelle
Festlegung Israels gegenüber einer als befreundet geltenden
Regierung (Norwegen) dar, und nicht einmal die 1996 gewählte
rechte Regierung Netanjahu sah sich imstande, ihn für
unverbindlich zu erklären.
Abgesehen von dieser internationalen Verpflichtung mag es
jedoch einen nicht weniger wichtigen politischen Grund dafür
gegeben haben, dass die folgenden Regierungen das «Orient
House» und die anderen palästinensischen Dienststellen in
Jerusalem nicht schlossen. Ein solcher Schritt würde, worauf
Faisal Husayni bereits hingewiesen hatte, dem Einfluss radikaler
muslimischer Gruppen wie etwa der Hamas ein freies
Betätigungsfeld überlassen haben - eine Entwicklung, die die
Israelis, ob rechts oder links stehend, sich ganz bestimmt nicht
wünschten.
Die «Orient House »-Affäre war mehr als ein lebendiges
politisches Theater; es war ein wichtiger politischer und
publizistischer Sieg für die Palästinenser. Ihr Triumph lag nicht
nur darin, dass das Gebäude selbst unter Netanjahu und Olmert
offen blieb, die seine Schließung versprochen hatten; Faisal
Husaynis wahrer Erfolg lag anderswo - in der Arena der
israelischen öffentlichen Meinung. Allein schon der Umstand,
dass es sich praktisch um ein Organ der palästinensischen
Regierung handelte, das in Jerusalem seinen Sitz haben konnte,
ohne dass dadurch Israels Existenz in irgendeiner Weise
gefährdet erschien, ließ viele Israelis die ganze Frage eines
palästinensischen Staates und der palästinensischen Präsenz in
Jerusalem in neuem Licht sehen. Husayni kam ihnen wie das
menschliche Gesicht des palästinensischen Nationa lismus vor,
-427-
weit entfernt vom israelischen Bild von Arafat als einem die
Kufija tragenden Terroristen. Ab 1997 war klar, dass die
Belagerung des «Orient House» nun ein Ende hatte. Mit ihrer
Aufhebung wurde in den Köpfen vieler Israelis allerdings nur
die halb bewusste Grundlage für die Anerkennung einer
palästinensischen politischen Dimension in Ostjerusalem
geschaffen.
Zu dieser Zeit verfügte die Palästinensische
Autonomiebehörde bereits über die effektive Kontrolle über
viele staatliche Hebel in Ostjerusalem. Dies erhellte der Bericht
eines israelischen Sicherheitsdienstes, der im Februar 1997 an
die Öffentlichkeit durchsickerte. Der Bericht entwarf ein
bestürzendes Bild vom nahezu totalen Zusammenbruch der
israelischen Autorität in den von Arabern bewohnten Bereichen
der Stadt. Über zwanzig Institutionen operierten demnach in
Ostjerusalem unter der Ägide der Palästinensischen
Autonomiebehörde. Das von Hassan Tahboub geführte
palästinensische Ministerium für Religionsangelegenheiten, das
alle 180 Moscheen in und um Jerusalem beaufsichtigte, hatte
seine Amtsräume auf dem Haram al-Scharif. Die El-Mokassad-
und Augusta-Victoria-Krankenhäuser, die ausschließlich Araber
versorgten, wurden vom palästinensischen
Gesundheitsministerium finanziert; ihr Personal, so hieß es
darin, richte sich nach von Arafat verkündeten
«Präsidialanordnungen». Die meisten arabischen Privatschulen
in Ostjerusalem arbeiteten unter der Aufsicht des
palästinensischen Erziehungsministeriums: Inspektoren der
Palästinensischen Autonomiebehörde besuchten sie regelmäßig,
und die Zeugnisse der Schüler trugen den Stempel des
Ministeriums. Am bezeichnendsten aber war, dass, wie es in
dem Bericht hieß, «Männer in Zivil, die zum palästinensischen
Allgemeinen Sicherheitsdienst, zu Oberst Jibril Rajoubs
Vorbeugendem Sicherheitsdienst und zur Force 17 der
Präsidialgarde gehören, Kontroll-, Aufklärungs- und
-428-
Vollstreckungsmaßnahmen durchführen und auf den
Hauptverkehrsstraßen von Ostjerusalem operieren». Zu den
palästinensischen Polizeiaktivitäten gehörten Drohungen, um
Immobiliengeschäfte zwischen Juden und Arabern zu vereiteln;
Maßnahmen, um Streiks in Geschäften und Schulen
durchzusetzen; Einschüchterungen arabischer Journalisten, die
Arafat oder die palästinensischen Führungsorgane kritisierten;
«Festnahmen» und Entführungen verdächtiger Personen aus
Jerusalem und ihre Inhaftierung und Vernehmung auf dem
direkt von der Palästinensischen Autonomiebehörde
kontrollierten Territorium.
32
Falls es noch weiterer Beweise für die Durchsetzungsmacht
der Palästinensischen Autonomiebehörde bedurft hätte, wurden
diese im Mai 1997 geliefert: Eine Woche, nachdem Arafat
seinen Sicherheitskräften befohlen hatte, Landverkäufe an Juden
zu unterbinden, und drei Tage, nachdem der palästinensische
Justizminister öffentlich geäußert hatte, gegen solche Händler
müsse die Todesstrafe durchgesetzt werden, fand man einen
arabischen Immobilienhändler in Jerusalem, dem «delikate
Geschäfte» mit der israelischen Behörde für Grund und Boden
vorgeworfen wurden und der durch einen Schlag auf den
Hinterkopf zu Tode gekommen war.
33 Kurz darauf wurden die
Leichen von zwei weiteren Immobilienhändlern entdeckt, ein
anderer wurde als «vermisst» gemeldet und wieder ein anderer
befreit, nachdem die israelische Polizei einen Konvoi
palästinensischer Polizeifahrzeuge abgefangen hatte, in dem er
zum Verhör nach Ramallah gebracht werden sollte.
34
Dass es zu einem solchen Autoritätsverlust der Israelis in
Ostjerusalem unter einer Regierung kommen konnte, die sich
geschworen hatte, Israels Souveränität aufrechtzuerhalten, war
für die israelische Rechte besonders bitter. Um ihre Anhänger zu
beruhigen, dass sich in der Jerusalem-Politik nichts geändert
habe, verstärkte die Regierung Netanjahu ihre rhetorischen
Bemühungen in dieser Angelegenheit und unternahm auch ein
-429-
paar neue Schritte. Im Februar 1997 fasste sie den Beschluss,
das seit langem geplante Wohnungsbauprojekt in Har Homa im
Süden Jerusalems voranzutreiben. Dabei ging es um die
Errichtung von 6500 Wohnungen für Israelis auf einem Areal
von knapp 190 Hektar Land, wovon etwa ein Drittel Arabern
enteignet worden war. Die Palästinenser demonstrierten gegen
das Vorhaben, das außerhalb Israels auf breite Kritik stieß - nur
das Veto der Vereinigten Staaten rettete Israel vor einer
neuerlichen Verurteilung durch den Sicherheitsrat der Vereinten
Nationen. Aber auch Präsident Clinton kritisierte dieses
Bauvorhaben.
Eine weitere politische Maßnahme der Regierung bestand im
Widerruf des Wohnrechts palästinensischer Araber, die früher in
der Stadt gelebt hatten und während eines bestimmten Zeitraums
nicht dorthin zurückgekehrt waren. Den Zahlen des israelischen
Innenministeriums zufolge war 1996 der Wohnsitzstatus von
689 Palästinensern widerrufen worden; 1997 waren es 606 Fälle
gewesen und 788 im Jahre 1998. Im Vergleich dazu war dies in
der Zeitspanne zwischen 1987 und 1995 nur insgesamt 327 Mal
geschehen.
35 Diese Politik, kombiniert mit der fortgesetzten
Verweigerung von Baugenehmigungen für Palästinenser und
anderen derartigen Verwaltungsvorgängen, zielte eindeutig
darauf ab, das Wachstum der palästinensisch-arabischen
Bevölkerung innerhalb der Stadt zu begrenzen. Aber ein stetes
Anwachsen des palästinensischen Anteils an der
Gesamtbevölkerung der Stadt wurde dadurch nicht verhindert.
Im April 1999 fasste das israelische Kabinett schließlich doch
den Beschluss, das «Orient House» zu schließen. Die
Entscheidung war offensichtlich ein Manöver, um bei der
nationalistischen Rechten mehr Popularität zu gewinnen (für den
17. Mai waren Wahlen angesetzt). Das Kabinett autorisierte den
Polizeiminister Awigdor Kahalani zum Einschreiten. Es erging
eine Anordnung zur Schließung, woraufhin ein palästinensischer
Anwalt sofort beim Obersten Gericht einen Antrag einreichte,
-430-
sie zu annullieren. Zu Netanjahus großem Missfallen verkündete
daraufhin der Minister - der damit sein eigenes Feld zu bestellen
gedachte -, die Ausführung der Anordnung bis nach der
Gerichtsentscheidung aufschieben zu wollen. Vor dem Gebäude
sammelten sich Palästinenser in einer Protestdemonstration
gegen die beabsichtigte Schließung. Am 11. Mai beschied das
Gericht eine vorläufige Aussetzung des Vollzugs. Die
Angelegenheit sollte bis nach den Wahlen aufgeschoben
werden. Als dann aber bei den Wahlen Netanjahus Regierung
gestürzt und eine von Ehud Barak, dem Vorsitzenden des
Arbeiterblocks, geführte Koalitionsregierung gebildet wurde,
war die Anordnung zur Schließung bald vergessen, während die
schwerfällige Karawane sich wieder vorwärts zu bewegen
begann.
-431-
Camp David und darüber hinaus
Trotz der Politik der Regierung Netanjahu und des
scheinbaren Stillstands hinsichtlich des endgültigen Status von
Jerusalem hatten sich in der israelischen Führungsschicht die
Vorstellungen zu diesem Fragenbereich auch zwischen 1996
und 1999 weiterentwickelt. Ein wichtiges Zeichen für dieses
neue Denken war ein Memorandum, das 1998 vom Jerusalem
Institute for Israel Studies dem israelischen Kabinett vorgelegt
wurde, einer «Denkfabrik», die sich gründlich mit der
Jerusalem-Frage befasst hatte. Der Bericht analysierte eine
Reihe möglicher Lösungen dieser Frage und skizzierte mehrere
Alternativen:
Die erste Alternative, bekannt als «funktionale Souveränität»,
würde den Großraum Jerusalem zwischen Israel und der
palästinensischen Autonomiebehörde aufteilen. Einem solchen
Plan zufolge würde Israel die Souveränität über jüdische
Örtlichkeiten im Großraum einschließlich Ma'alej Adummim,
Har Adar, Efrat, Betar Illit und der Etzion Bloc-Siedlungen
haben. Zwei «Dach-Stadtverwaltungen», eine israelische und
eine palästinensische, würden bei die sem Szenario geschaffen...
Die israelische Regierung und die Palästinensische
Autonomiebehörde würden ein oberstes Gremium zur
Koordinierung und Beaufsichtigung der den Großraum
Jerusalem betreffenden Angelegenheiten errichten. Dieses
Gremium würde in empfindlichen Fragen wie etwa der des
«demographischen Gleichgewichts» und des Wohnungsbaus
Autorität ausüben... Die israelische Souveränität bliebe
innerhalb der Stadt Jerusalem erhalten. Die palästinensische
Hauptstadt würde außerhalb der gegenwärtigen Stadtgrenzen
Jerusalems liegen.
-432-
Eine zweite Alternative beinhaltete eine Art geteilte
Souveränität mit, wie es hieß, «gleitender Souveränität in den
Nahtbereichen zwischen Israel und der palästinensischen
Autonomiebehörde». Eine dritte, die als «qualifizierte
Symmetrie» bezeichnet wurde, sah die palästinensische
Souveränität über den Großteil des Ostteils des Großraums
Jerusalem mit Ausnahme der jüdischen Gegenden vor, die zu
souveränen israelischen Enklaven würden. Umgekehrt würde
die palästinensische Gemeinde in Jerusalem (womit vermutlich
das muslimische und das christliche Viertel der Altstadt sowie
Bereiche außerhalb der Mauern wie Scheich Jarrah und Wadi
Joz gemeint waren) eine Enklave mit begrenzter Souveränität
innerhalb Israels bilden.
Im östlichen Großraum würde eine Dach-Stadtverwaltung
geschaffen, in welcher die palästinensischen und jüdischen
Gegenden repräsentiert sein würden. Der Palästinensischen
Autonomiebehörde würde eine qualifizierte Souveränität im
Gebiet des Tempelberges verliehen, einschließlich der
Verantwortung für die Aufrechterhaltung von Sicherheit und
Ordnung. Den christlichen Heiligen Stätten würde ein
exterritorialer Status unter der Hoheitsgewalt der Kirchen
eingeräumt.
36
Die Regierung Netanjahu war nicht bereit, solche
Überlegungen in Erwägung zu ziehen, in denen sich
unverkennbar der von Beilin und Abu Mäzen ausgearbeitete
Vertragsentwurf von 1995 abzeichnete. Dass aber Vorschläge
dieser Art zur Sprache kamen, die nur wenige Jahre früher für
Israelis fast undenkbar gewesen wären, deutete eine erhöhte
Flexibilität im israelischen Meinungsspektrum an.
Ehud Barak zeigte als Ministerpräsident ähnliche
-433-
Eigenschaften wie in seiner früheren Laufbahn als Offizier: Mut,
die Fähigkeit, einem Problem auf den Grund zu gehen und die
Bereitschaft zum kalkulierten Risiko. Allerdings legte er auch
ein bejammernswertes politisches Ungeschick an den Tag.
Barak stand einer lärmenden Koalition vor, die sich von der
Meretz-Partei weit auf der Linken bis zur Nationalreligiösen
Partei erstreckte. Obwohl der Arbeiterblock am Ruder war,
stellte er in der Knesset nicht einmal die Hälfte der
Abgeordneten.
Mit der erstmaligen Ernennung eines Ministers mit spezieller
Verantwortung für Jerusalem versuchte die neue Regierung zu
demonstrieren, dass ihr die Stadt am Herzen lag. In diesem Amt
vollzog Chaim Ramon keine vollständige Kehrtwende im
Vergleich zur Politik der vorigen Regierung. Das
Wohnungsbauprojekt von Har Homa ging weiter, auch wenn ein
anderes umstrittenes Vorhaben in Ras al-Amud in Ostjerusalem
gestoppt wurde. Wie ihre Vorgänger schlug auch die Regierung
Barak Lärm wegen des «Orient House» und einiger Aktivitäten
der Palästinensischen Autonomiebehörde in Jerusalem,
unternahm aber wenig dagegen: «Als ein souveräner Staat
werden wir gegen jeden vorgehen, der die Gesetze verletzt,
weshalb es zu diesen Verletzungen nicht kommen wird. Faisal
Husayni hat vom Minister für öffentliche Sicherheit, Shlomo
Ben-Ami, von dieser Politik gehört, und er wird auch von mir
davon hören», sagte Ramon im Juli 1999.
37
Unter ziemlichem Druck seitens der Presse und der
internationalen öffentlichen Meinung ergriff die Regierung
Maßnahmen, die das bürokratische Los der Palästinenser in
Ostjerusalem erleichtern sollten. Innenminister Natan
Scharansky kehrte die Politik, die darauf abzielte, Arabern ihren
Status als Einwohner von Jerusalem streitig zu machen,
teilweise in ihr Gegenteil um. Außerdem kündigte er an, dass
der Ostjerusalemer Amtsstelle des Ministeriums mehr Etatmittel
zugewiesen würden, nachdem man dort schockierende
-434-
Überfüllung und endloses Schlangestehen verzeichnet hatte.
«Wenn wir der Meinung sind, dass Jerusalem unter israelischer
Souveränität bleiben muss, müssen wir uns um die
Menschenrechte aller Bürger kümmern, einschließlich derer, die
in Ostjerusalem leben», sagte er.
38
Das löbliche Gefühl ging freilich an dem eigentlichen
Sachverhalt vorbei: an der Tatsache, dass die betroffenen
Personen keine «Bürger» waren, sondern Untertanen, die
hinsichtlich ihres Geschicks kein und selbst in manchen
Aspekten ihres Alltagslebens nur wenig Mitspracherecht hatten.
Es war kein bloßes Problem der staatsbürgerlichen Rechte, noch
war es nur ein politisches im engeren Sinne; es war vielmehr
auch ein Problem der Identität. «Der Mangel an Rückbindung
bei den palästinensischen Bewohnern Jerusalems ist einer der
schwierigsten Aspekte unseres Lebens», sagte Zakaria al-Quq,
ein Kodirektor des Israel Palestine Centre for Research and
Information in Jerusalem. «Weder sind wir ganz israelisch, noch
dürfen wir ganz palästinensisch sein, und so leben wir denn in
einer Art Niemandsland. Es ist unerträglich.»
39
Wichtiger als derlei administrative Maßnahmen waren die
neuen politischen Initiativen der Regierung. Im Bemühen, die
Fragen eines «endgültigen Status», auch in bezug auf Jerusalem,
zu lösen, nahm Barak erneut informelle und geheime Gespräche
mit führenden Palästinensern auf, darunter auch Faisal Husayni.
Wieder tauchten als Ausgangspunkt für Gespräche die von
Beilin und Abu Mäzen erarbeiteten Vorschläge aus der
Versenkung auf. Bei einigen Problemen gelangte man zu einer
zaghaften Übereinstimmung, beispielsweise hinsichtlich des
Standorts des palästinensischen Parlaments in Abu Dis, das in
das erweiterte Jerusalem als Teil des palästinensischen «al-
Quds» eingegliedert werden würde. Der Vorschlag erhielt
einigen öffentlichen Zuspruch in Israel, so vom Likud-
Abgeordneten Michael Eitan, der bereits 1997 mit Jossi Beilin
Gespräche geführt hatte, um einen Konsens zwischen den
-435-
Rechten und den Linken in der Jerusalem-Frage zu erzielen.
Bürgermeister Olmert sprach sich zunächst gegen die Idee aus:
Wir können der PA [palästinensischen Autonomiebehörde]
keine völlige Kontrolle über Abu Dis zugestehen, weil sie das
bis auf eine Meile an den hauptsächlichen jüdischen Teil von
Jerusalem, den Tempelberg [sic], heranbringen würde. Die
Kontrolle der PA über Abu Dis würde auch die Schaffung eines
Sprungbretts, eines Korridors bedeuten, durch den die
Palästinenser versuchen würden, die israelische Souveränität in
der Stadt zu Fall zu bringen.
40
Die meisten vertrackten Punkte, bei denen Beilin und Abu
Mäzen zu keiner Übereinstimmung gelangt waren, blieben
ungelöst. Im November 1999 begannen offizielle
Verhandlungen über eine dauerhafte Regelung, aber auch diese
machten in der Jerusalem-Frage keine großen Fortschritte. Die
Unterhändler zogen verschiedene einfallsreiche Lösungen in
Betracht - die aber immer wieder auf den harten Felsen der
Souveränität aufliefen. Eine «Geste guten Willens zu Ramadan»
der Israelis, als sie im Dezember 1999 palästinensische
Gefangene aus Ostjerusalem freiließen, verbesserte zwar die
Atmosphäre, aber die Verhandlungen schleppten sich weiterhin
ergebnislos dahin.
Während der Verhandlungen wurden aus den politischen
Kulissen rechtsgerichtete Stimmen immer lauter. Dass einige
führende Likud-Mitglieder sich dafür entschieden, sich mit
Extremisten wie etwa jenen zu identifizieren, die für Juden das
Recht anstrebten, auf dem Tempelberg zu beten, stieß im
Mittelfeld des israelischen Meinungsspektrums weitgehend auf
Ablehnung. Die bizarren Spinnereien der nationalistischen
Rechtsextremen isolierten diese eher, als dass sie neue Anhänger
anzogen - mindestens so lange, wie die Angriffe
-436-
palästinensischer Terroristen nicht wieder aufgenommen
wurden. Ein Beispiel war die Entdeckung einer neuen Heiligen
Stätte für Juden im April 2000: des vermeintlichen Grabes des
rabbinischen Gelehrten Nachmanides aus dem 13. Jahrhundert,
das in einer Höhle im arabischen Viertel Scheich Jarrah in
Ostjerusalem liegt. Angeführt von dem Knessetmitglied Benny
Elon, versuchte eine Gruppe von Fanatikern das Gelände zu
betreten und verwickelte sich in Handgreiflichkeiten mit
arabischen Anwohnern und palästinensischen Führern, allen
voran Faisal Husayni, die zum Schauplatz geeilt waren.
41 Mit
ihrer inzwischen vertrauten janusköpfigen Strategie von
körperlicher Gewalt und legalistischen Manövern führte die
Gruppe im folgenden Monat eine Entscheidung des
Distriktsgerichts herbei, wonach die Höhle eine Heilige Stätte
sei und es Juden gestattet sein müsse, sie zum Gebet zu
betreten.
42 Die Palästinenser kündeten daraufhin an, dagegen
Einspruch beim nächsthöheren Gericht einzulegen.
Die Israelis bemühten sich um subtile Unterscheidungen
zwischen unterschiedlichen Arten von Souveränität und
administrativer Kontrolle - teils um Kritikern von rechts keine
Angriffsfläche zu bieten, teils vielleicht auch, um sich
einzureden, dass sie im Grundlegenden nicht nachgäben. Dieses
Muster folgte dem der früheren Verhandlungen in der Zeit nach
dem Osloer Abkommen, bei denen Gebiete, die Israel aufgab, in
unterschiedliche Kategorien eingeteilt wurden: A (vollständig
unter palästinensischer Kontrolle) und B (sicherheitspolitisch
unter israelischer, verwaltungsmäßig unter palästinensischer
Kontrolle). Im Januar 2000 wies ein Artikel in der Zeitung
Haaretz darauf hin, dass diese Unterscheidungen im wirklichen
Leben weniger sinnvoll waren, als sie es auf dem Papier
erschienen:
Die einzige Schwierigkeit ist, dass in Abu Dis, wo den
Palästinensern nur «administrative» Vollmachten eingeräumt
-437-
worden sind, sämtliche Sicherheitsmechanismen der
Palästinensischen Autonomiebehörde bereits in Funktion sind
und es dort nichts gibt, das es wirklich vom Gebiet A
(vollständige palästinensische Kontrolle) unterscheidet. Von
Abu Dis aus strecken die palästinensischen Sicherheitseinheiten
[bereits] ihre Arme nach Jerusalem hinein aus, lange bevor
ihnen irgendjemand erlaubt hat, in der Stadt tätig zu werden.
43
Im Frühjahr 2000 versuchte Barak, die Zustimmung seines
Kabinetts zu einer frühen Übergabe des größeren Teils von Abu
Dis sowie der Dörfer al-Azarija und Suwarha der vollen
palästinensischen Kontrolle zu unterstellen. Aber in seiner
immer wackliger werdenden Koalition regte sich Widerspruch,
und er war genötigt, das Vorhaben aufzugeben. Wenig später
beschloss der von Parteigängern der rechten und religiösen
Parteien dominierte Planungsausschuss mit sieben gegen eine
Stimme, zweihundert neue Wohnungen für Juden auf jenen zehn
Prozent von Abu Dis zu bauen, die innerhalb der Jerusalemer
Stadtgrenzen lagen.
44
Im Juli 2000 trafen Arafat und Clinton in Camp David zu
einem Gipfeltreffen zusammen, von dem man sich erhoffte, es
werde eine Wiederholung des Erfolgs von jenem Treffen sein,
das Präsident Jimmy Carter veranstaltet hatte und das zu dem
israelisch-ägyptischen Abkommen von 1978 geführt hatte. Wie
damals schrieben die Amerikaner saloppe Kleidung und
Abgeschiedenheit vom Rest der Welt vor; sie hofften, damit
eine Dynamik zugunsten einer Einigung zu schaffen. Obwohl es
in den israelisch-palästinensischen Vorbereitungsgesprächen
nicht gelungen war, einige zentrale Fragen zu lösen, hofften die
Amerikaner, dass eine Vereinbarung getroffen werden könnte,
wenn der Präsident einbezogen und eine implizite zeitliche
Begrenzung gesetzt würde (die Präsidentenwahlen und das Ende
von Clintons Amtszeit standen bevor). Barak und Arafat waren
sich der Gefahr bewusst, dass weitere Teilabkommen
-438-
Gewalttaten von Terroristen auslösen könnten, denen es um die
Störung und Zerstörung des Friedensprozesses ging. Darum
waren beide entschlossen, sich zu bemühen, eine abschließende
Lösung für alle noch anstehenden Fragen zu finden. Beide sahen
sich inneren Schwierigkeiten gegenüber: Arafat stand unter
Druck, nicht von der palästinensischen Forderung nach dem
Rückzug der Israelis aus dem ganzen arabischen Ostjerusalem
abzurücken. Baraks Koalition war dabei zu zerbröckeln, und er
traf bei der Konferenz als Chef einer Regierung ein, die jeden
Augenblick zusammenbrechen konnte. Nur die zur rechten Zeit
gekommene Sommerpause der Knesset verschaffte ihm etwas
Luft bis Ende Oktober, wenn das Parlament seine Tätigkeit
wieder aufnehmen würde.
Jerusalem war die Kernfrage, über die man in Camp David
miteinander sprach, und Jerusalem verhinderte letzten Endes ein
Abkommen. Am siebten Tag der Gespräche, nachdem es bis
dahin Israelis und Palästinensern nicht gelungen war, sich zu
einigen, trugen die Amerikaner eigene Überlegungen vor. Sie
bewegten sich dabei weitgehend innerhalb der Bahnen des
Kompromisses zwischen Beilin und Abu Mäzen, mit gewissen
Modifikationen und Ergänzungen. Israel würde sich danach von
91 Prozent des Westjordanlandes zurückziehen; die restlichen 9
Prozent würden von Israel annektiert. Jerusalems Grenzen
würden so erweitert, dass sie die nach 1967 errichteten
jüdischen Siedlungen von Givat Ze'ev und Ma'alej Adummim
einschließen würden. Einige von Palästinensern bewohnte
Gebiete -Schuafat, Bet Hanina und das Flüchtlingslager
Qalandija - würden Teil des palästinensischen Staates werden.
Abu Dis würde die palästinensische Hauptstadt sein. Die
Altstadt würde unter israelischer Souveränität stehen: Das
jüdische und das armenische Viertel würden direkt Israel
unterstellt sein; die Palästinenser würden das muslimische und
das christliche Viertel verwalten. Der Haram al-Scharif würde
unter israelischer Souveränität bleiben, aber muslimischer
-439-
(palästinensischer) Kontrolle unterstehen; auch würde eine
palästinensische Flagge dort aufgezogen werden. Erstmals
würde Juden jedoch gestattet sein, dort zu beten,
möglicherweise in einem speziell dafür vorgesehenen Teil des
Geländes.
45
Der Vorschlag war in seiner Konkretheit ein Schritt nach
vorn, sofern er Ideen bezüglich der Altstadt ausformulierte, die
Beilin und Abu Mäzen späteren Verhandlungen vorbehalten
hatten. Die Palästinenser waren grundsätzlich zum Verzicht auf
das jüdische Viertel bereit. Es hieß, dass die Armenier darüber
unglücklich sein würden, Israel zugewiesen zu werden, obwohl
ihre Besorgnisse möglicherweise eher taktischer Natur waren.
Die Republik Armenien unterhielt nämlich zwar korrekte
Beziehungen mit Israel, war aber zweifellos durch das enge
sicherheitspolitische Verhältnis beunruhigt, das sich in den
neunziger Jahren zwischen Israel und der Türkei entwickelt
hatte.
Offen blieb die Frage, wie die administrativen
Zuständigkeiten beschaffen sein würden, die nach diesem Plan
den arabischen «Stadtbezirken» eingeräumt würden. Als im Mai
1997 in israelisch-palästinensischen Gesprächen in Stockholm
ein ähnlicher Plan von den Israelis vorgelegt worden war, hatten
sie versucht, Stadtplanung und Wohnungsbau in den arabischen
Bezirken sich selbst vorzubehalten - jedenfalls hatten die
Palästinenser es so ausgelegt. In dem von Beilin und Abu Mäzen
ausgearbeiteten Dokument war auch für die Palästinenser eine
lokale Zuständigkeit vorgesehen. Nun schien der Sachverhalt
nicht mehr so eindeutig zu sein.
Während sich der Abbruch der Gespräche abzeichnete,
wurden immer sonderbarere Ideen entwickelt, um die
Differenzen beizulegen: So schlug man beispielsweise vor, den
Palästinensern solle man eine «vertikale Souveränität» über den
Tempelberg einräumen - womit wohl die Souveränität über alles
oberhalb der Erde gemeint war -, während die Israelis die
-440-
Souveränität auf und unter der Erde behalten würden.
Barak ließ durchblicken, dass er sich im großen und ganzen
mit den amerikanischen Vorschlägen hinsichtlich Jerusalem
einverstanden erklären könne. Er stimmte auch dem Rückzug
aus 91 Prozent des Westjordanlandes zu und war bereit, die
Schaffung eines palästinensischen Staates anzuerkennen und
den palästinensischen Forderungen in der Flüchtlingsfrage ein
Stück weit entgegenzukommen. Diese Zugeständnisse
überraschten und beunruhigten viele Israelis, auch Mitglieder
seiner eigenen Partei, wie etwa Schimon Peres. Der Schlüssel zu
Baraks Positionsänderung war zweifellos das Beilin-Abu
Mäzen-Papier und die verschiedenen Pläne, die «Denkfabriken»
wie das Jerusalem Institute for Israel Studies und das Jaffee
Centre for Strategie Studies - dessen Direktor, Joseph Alpher, an
den Gesprächen in Camp David teilgenommen hatte - im Laufe
der Jahre zu Papier gebracht hatten. Alpher hatte schon seit
langem eine Verständigung befürwortet, bei der sich Israel aus
dem Großteil des Westjordanlandes zurückziehen, aber Bereiche
annektieren würde, in denen nach 1967 israelische Wohngebiete
in der Nähe Jerusalems und innerhalb des Westjordanlandes
entstanden waren, wie beispielsweise Ma'alej Adummim und
Givat Ze'ev. Die Zugeständnisse in Ostjerusalem sollten als eine
Art Ausgleich für diese Gebiete angeboten werden. Einige
Sprecher der Palästinenser hatten in den letzten Jahren diesen
Überlegungen gegenüber eine gewisse Offenheit gezeigt, und
die Israelis hatten ihre Reaktion zur Kenntnis genommen.
46
Arafat lehnte aber diese Vorschläge ab. Gegen Mitternacht
des letzten Abends der Gespräche machte Clinton seine letzten
Vorschläge in bezug auf Jerusalem. Einer späteren Darstellung
eines Arafat-Mitarbeiters, Akram Hanieh, zufolge, die durch
andere Gewährsleute erhärtet wurde, handelte es sich um
folgende Vorschläge:
- Ein Ausschuss, dem auch der Sicherheitsrat und Marokko
-441-
angehörten, würde Palästina die «souveräne Schutzherrschaft»
über den Haram zusprechen, während Israel die «residuale
Souveränität» darüber behielt.
- Das muslimische und das christliche Viertel der Altstadt
würden unter palästinensischer, das jüdische und das armenische
Viertel unter israelischer Souveränität stehen.
- Die Palästinenser sollten in den so genannten inneren
Wohngebieten einschließlich Musrara und Wadi Joz eine
funktionale Rechtsprechung haben.
- Die palästinensische Souveränität würde entweder für die
äußeren oder für die inneren Wohngebiete Jerusalems gelten,
wobei im letzteren Falle für die Altstadt eine gesonderte
Regelung getroffen würde, deren Einzelheiten noch vereinbart
werden müssten.
47
Arafat rückte jedoch von seiner Meinung nicht ab, dass dies
nicht akzeptabel sei. Unter anderem bestand er darauf, dass das
armenische Viertel palästinensischer Souveränität unterstehen
müsse. Er sagte, für eine Entscheidung von dieser
Größenordnung hinsichtlich Jerusalems und seiner für Muslime
Heiligen Stätten könne er nicht die Verantwortung auf sich
nehmen. Er müsse sich dazu erst «mit den Sunniten und den
Schiiten und allen arabischen Staaten» beraten.
Gegen Ende, als ein enttäuschter Clinton Arafat
Unnachgiebigkeit vorwarf, gab Arafat eine Antwort, die an
Saladins Erwiderung auf Richard Löwenherz' Forderung nach
der Übergabe Jerusalems im Jahre 1191 erinnerte. Haniehs
Bericht zufolge sagte Arafat: «Möchten Sie an meiner
Beerdigung teilnehmen? Ich werde Jerusalem und die Heiligen
Stätten nicht fallen lassen.»
48 Arafat verwarf auch drei
Alternativvorschläge von Clinton, nämlich, dass man eine
Vereinbarung unterzeichnen könnte, in der die gesamte
Jerusalem-Frage auf einen späteren Zeitpunkt aufgeschoben
-442-
würde, in der nur die Frage der Altstadt aufgeschoben würde
oder in der die Aufschiebung nur für den Tempelberg gelten
solle.
Nach zwei Wochen ging die Konferenz als Fehlschlag zu
Ende. Arafat wurde in Ramallah wie ein Sieger empfangen. Ein
niedergeschlagener Barak machte Arafat für das Scheitern der
Gespräche verantwortlich und sagte, alle vorgelegten Angebote
seien jetzt wieder vom Tisch. Ein enttäuschter Clinton meinte,
es sei wie eine Zahnbehandlung ohne örtliche Betäubung
gewesen.
49
-443-
10. ÄRGER AUF DEM
TEMPELBERG
Auch wenn der Tempelberg nicht das einzige Problem war,
das in Camp David eine Einigung verhinderte, war er doch der
Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Am 28.
September 2000, ein Monat nach dem Scheitern des
Gipfeltreffens, marschierte der israelische Oppositionsführer
Ariel Scharon, von einer Phalanx von israelischen Polizisten
umgeben, auf das Areal, um - wie er sagte - «eine
Friedensbotschaft» zu verkünden. Der Besuch löste auf dem
Haram al-Scharif Unruhen aus, die sich in arabische Gebiete
von Ostjerusalem, in das Westjordanland, nach Gaza und
erstmals auch nach Nazareth, Haifa, Jaffa und anderen Gebieten
mit arabischer Bevölkerung in Israel ausbreiteten. Binnen zehn
Tagen forderte diese «Al-Aqsa-Intifada», wie die Palästinenser
sie nannten, fast hundert Todesopfer. Die Aussichten auf eine
dauerhafte Friedensregelung waren plötzlich schlechter denn je
seit 1993.
Weshalb ist im Ringen zwischen Israelis und Arabern um das
Heilige Land dem Tempelberg eine so entscheidende Rolle
zugekommen? Welche besonderen religiösen Assoziationen
verbinden Islam oder Judentum mit diesem Areal? Wie hat sich
sein Status während des letzten Jahrhunderts verändert? Woran
liegt es, dass zwei säkulare, nationalistische politische
Bewegungen einer religiösen Andachtsstätte wegen wiederholt
übereinander hergefallen sind? Ist dieses Allerheiligste dazu
ausersehen, jegliche Lösung der Jerusalem-Frage
möglicherweise gar des größeren israelisch-arabischen Konflikts
- zu verhindern?
-444-
Ein Palimpsest
Der Tempelberg ist eine Art religiöses Palimpsest. Er
beherbergte nacheinander heidnische, jüdische, römische,
muslimische, christliche und wieder muslimische Heiligtümer.
Mit Ausnahme der byzantinischen Epoche, als man ihn
brachliegen ließ, galt er seit der Antike als religiöses Heiligtum
von hoher Bedeutung. In zwölf der vergangenen dreizehn
Jahrhunderte (d. h. mit Ausnahme der Kreuzfahrerzeit) war er
ein heiliger Ort für Muslime. Bis 1967 wurde dieser Sachverhalt
von keiner Seite mit irgendwelchen religiösen Ansprüchen in
Frage gestellt.
In seinen vielfältigen religiösen Ursprüngen war er nichts
Einzigartiges. Es war durchaus üblich, ein Heiligtum auf den
Ruinen eines Sakralbaus einer anderen Religion zu errichten. So
wurde beispielsweise die Grabeskirche auf dem Gelände von
Kaiser Hadrians Venusund Jupitertempeln gebaut, die
Geburtskirche in einem Wäldchen, das Adonis geweiht war.
1
In der muslimischen Tradition war der Haram nicht nur der
Zielort der wundersamen «nächtlichen Reise» des Propheten
von Mekka aus gewesen.
2 Man betrachtete ihn (und übernahm
damit eine jüdische und christliche Auffassung, die aus der
griechischen Gedankenwelt stammte) auch als den omphalos,
den Nabel der Welt. Überdies wird überliefert, dass alle
Propheten Gottes bis hin zu Mohammed zum Beten zu dem
Felsen kamen, der jeden Tag von einer Wache von 70000
Engeln umgeben ist.
Ein von Nichtmuslimen häufig missverstandener Aspekt des
Haram ist das nach muslimischer Überlieferung gerade für ihn
Eigentümliche. Es wird oft angenommen, dass die Al-Aqsa-
Moschee und der Felsendom auf dem Tempelberg gelegene
-445-
muslimische Heiligtümer seien. Da zum Tempelberg auch eine
große gepflasterte Freifläche gehört, wird zuweilen beanstandet,
es sei eigentlich unmäßig seitens der Muslime, ihn
ausschließlich für sich zu beanspruchen. Aber in der Tat ist der
gesamte Tempelberg eine Moschee. Das arabische Wort Masjid
bedeutet «Ort des Niederfaliens (im Gebet)». Es bezieht sich auf
das gesamte Areal des Haram. Westlichen Spezialisten war das
Ende des 19. Jahrhunderts bestens bekannt. Guy Le Strange
wies 1890 darauf hin, lange, bevor dieses Thema zur Streitfrage
zwischen Juden und Muslimen wurde.
3 Auch israelische
Orientalisten wussten das zu würdigen, als Israel 1967
Ostjerusalem eroberte. Bis zum heutigen Tag verteilen sich
Muslime, die an dem freitäglichen Morgengebet auf dem
Tempelberg teilnehmen, häufig außerhalb der Al-Aqsa-Moschee
in einer gewaltigen Menschenmenge unter freiem Himmel auf
dem Gelände.
Aus der Frühen Neuzeit gibt es viele Zeugnisse dafür, dass
Nichtmuslime - Christen wie Juden - auf den Haram stiegen.
Seit Anfang des 19. Jahrhunderts kamen Muslimen solche
Besuche jedoch suspekt vor, weshalb sie verboten wurden. In
der Zeit des Krimkriegs waren die Bestimmungen unter dem
Druck der europäischen Mächte dann aber wieder gelockert
worden. Der erste Ungläubige, dem in modernen Zeiten der
Aufstieg erlaubt wurde, war der Herzog von Brabant, der spätere
König der Belgier, der 1855 Jerusalem besuchte, bewaffnet mit
einem Ferman des Sultans, der ihm das Betreten des Harams
gestattete. Dass der örtliche Pascha es für ratsam hielt,
unmittelbar, bevor der Herzog den Berg betrat, eine List
anzuwenden, dank derer die gesamte Bewachungsmannschaft
des Haram, Afrikaner von zweifelhafter Reputation, im Haus
des Paschas festsaßen, bis der hohe Besucher wieder gegangen
war, ist ein Anzeichen dafür, welche Unruhe dieser Besuch
auslöste.
Es folgten noch eine Reihe weiterer namhafter Reisenden, zu
-446-
denen auch der damals führende englische Jude, Sir Moses
Montefiore, gehörte. Sein Besuch auf dem Tempelberg rief den
heftigen Protest orthodoxer Juden in Jerusalem hervor, die ihn
beschimpften, weil er über heiligen Boden schritte, und auf die
extreme Maßnahme verfielen, einen Cherem (eine
Exkommunikation) über ihn auszusprechen. Ein anderer
Zwischenfall, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts ereignete,
spiegelt muslimische und jüdische Einstellungen gegenüber dem
Tempelberg wider:
In Jerusalem erzählt man, dass vor nur einem oder zwei
Jahren einige muslimische Kinder, die in den Tempelhöfen
spielten, in eines der riesenhaften Becken fielen, die unter einem
großen Teil des Haram liegen, die Speicher von Millionen von
Gallonen Wasser. Das letzte Mal, als einer dieser Speicher für
die Wasserversorgung gereinigt worden war, hatte man
menschliche Gebeine entdeckt; auf diese Tatsache der
Verunreinigung reagierten die Muslime besonders empfindlich.
Ein Jude aus der Nachbarschaft erklärte sich bereit, nach den
Leichen zu suchen, unter der Bedingung, dass er von einem
Mann zur Zisterne und wieder zurück geschultert werde, damit
er seine Füße nicht auf den geheiligten Boden setze.
4
Zu diesen beiden Anlässen war es also den Juden gestattet,
den Haram zu betreten.
In spätosmanischer Zeit durften Christen sich zum Gebet auf
dem Berg versammeln, und Konsul Finn notierte, dass «weder
die muslimischen Wachen noch die Besucher des Heiligtums sie
dabei durch unhöfliche Worte oder Gesten behelligten».
5 Allem
Anschein nach wurden die osmanischen Behörden auffallend
nachlässig, nachdem erst einmal der Präzedenzfall geschaffen
war, dass Nichtmuslime das Areal betreten durften; jedenfalls
berichtete der Konsul, dass der Zutritt «in erster Linie eine Frage
-447-
der Zahlung von einem Pfund pro Person» wurde - was damals
ein großer Betrag war.
6
Allerdings hegte man zu der Zeit noch nicht den Verdacht,
dass Nichtmuslime irgendwelche Absichten auf dem
Tempelberg verfolgen könnten. Zur Sprache kam das Thema
jedoch im Mai 1896 während eines Gesprächs zwischen Sultan
Abdul Hamid und Philipp de Newlinski, dem Sprecher der
Zionisten. «Jerusalem könne er nie hergeben. Die Omar-
Moschee müsse immer im Besitz des Islam bleiben», soll der
Sultan ihm mitgeteilt haben. Als Newlinski dies dem
Zionistenführer Theodor Herzl berichtete, erwiderte dieser: «Da
könnten wir ja Rat schaffen; wir exterritorialisieren Jerusalem,
das niemandem und allen gehören wird, der heilige Ort, den alle
Gläubigen dann gemeinsam haben. Das Große Kondominium
der Kultur und der Sittlichkeit.»
7 Dieser Teil von Herzls Traum
blieb unerfüllt. Im 20. Jahrhundert wurde der Haram, wie andere
heilige Stätten in Palästina, jedoch in stärkerem Maße, zum
Blitzableiter für religiöse Gegensätze. Die Folge war, dass sich
die Frage des Zutritts in ein politisches Problem von größter
Wichtigkeit verwandelte - im Ringen um die Kontrolle über
Jerusalem, im arabisch- israelischen Konflikt und in den
Beziehungen zwischen der muslimischen und der jüdischen
Welt.
-448-
Aufruhr an der Klagemauer
Historisch gesehen ist dem Judentum nicht an der kultischen
Verehrung Heiliger Stätten gelegen. Während die beiden
jüngeren monotheistischen Re ligionen bestimmte Orte in und
um Jerusalem herum als Heilige Stätten verehrten, hatten die
Juden eine andere Einstellung dazu. Diesbezüglich schrieb 1974
Schemarjahu Talmon von der Hebräischen Universität: «In der
jüdischen Tradition... ist es der ganze Umkreis der Stadt, der als
heilig aufgefasst wird und werden wird. Im Unterschied zu
anderen Religionen, die ihre fromme Verehrung für Jerusalem
an ausgewählten Örtlichkeiten in der Stadt festgemacht haben,
an besonderen topoi, die mit bestimmten Ereignissen in ihrer
Heilsgeschichte verknüpft sind, hat das Judentum die Stadt als
solche geheiligt.
8 Eine augenfällige Ausnahme von dieser Lehre
jedoch hatte eine ganz besondere Bedeutung: die Westmauer.
Direkt neben dem Tempelberg, aber auf einer tieferen
Geländestufe gelegen, gilt die West- oder Klagemauer als der
letzte Überrest der Außenmauer des Tempels des Herodes.
Deswegen war sie den jüdischen Jerusalempilgern sehr teuer,
und in alter Zeit waren die Rabbis der Überzeugung, dass die
Schechina (der Geist oder die Gegenwart Gottes unter den
Menschen) nie von ihr gewichen sei. Bis 1967 war die Mauer
nur über einen schmalen Durchgang durch ein von Muslimen
bewohntes Gebiet der Altstadt zu erreichen. Die Mauer war aber
keine Heilige Stätte in dem Sinn, den dieser Ausdruck für das
Christentum oder den Islam beinhaltet, denn ihr fehlte, im
Gegensatz zu jenen christlichen Heiligen Stätten, die mit dem
Leben Jesu Christi in Zusammenhang standen, der
theophanische Bezug. Auch war es keine unabdingbare religiöse
Pflicht, dorthin zu pilgern - im Gegensatz zum islamischen
Hadsch nach Mekka. Andererseits nahm die Westmauer einen
-449-
einzigartigen Rang im Herzen der Juden ein, weil sie mit
Ausnahme einiger Gräber berühmter Rabbis in Osteuropa und
Nordafrika der einzige Ort der Pilgerschaft und Verehrung für
das Judentum war (es sei denn, man zählt auch die drei weniger
«Heiligen» Orte Hebron, Safed und Tiberias dazu).
Karte 12: Jerusalem - Die Altstadt
Obwohl sie den Juden heilig war, gehörte sie ihnen nicht.
Eigentümer sowohl der Westmauer als auch des Durchgangs
-450-
und der Häuser davor war die muslimische Abu Midjan-Stiftung
(Waqf). Awqaf können «öffentliche» (vom Staat verwaltete)
oder «private» Stiftungen sein - oder ein Gemisch von beidem.
Sie können zu einem religiösen oder zu einem weltlichen Zweck
gegründet werden. Der Umstand, dass die Mauer einer
derartigen, nach muslimischem Recht gegründeten Stiftung
gehörte, machte sie nicht zu einem heiligen Ort für Muslime.
Die Stiftung war 1320 ins Leben gerufen worden, um
nordafrikanische Jerusalempilger zu unterstützen. Das
Mauerareal war nur eine von mehreren ihr gehörenden
Liegenschaften in Jerusalem.
9 Abkömmlinge seiner
ursprünglichen Nutznießer lebten noch immer in den
slumartigen Häusern vor der Mauer - die zuweilen als
Maghrebi-Viertel bezeichnet wurden. Da der Gründer der
Stiftung ein Algerier war, übernahm die französische Regierung
den Schutz der Stiftungsrechte, eine Fürsorge, die bis in die
1960er Jahre fortbestand.
Vor dem Ersten Weltkrieg hatte Baron Edmond de Rothschild
vergeblich versucht, die Mauer den Eigentümern abzukaufen
(eine muslimische Stiftung ist theoretisch unveräußerlich, aber
das moderne muslimische Recht sah Wege vor, die
verhinderten, dass derartiger Grundbesitz völlig dem Handel
entzogen war, etwa durch das Mittel des «Austauschs», des
Istibdal). 1918 hatte der Zionistenführer Chaim Weizmann
mittels der guten Dienste des britischen Militärgouverneurs von
Jerusalem Ronald Storrs versucht, einen Kauf der Mauer durch
Juden zu arrangieren. Starker muslimischer Widerstand
verhinderte jedoch, dass das Geschäft zustande kam, obwohl
von einem Kaufpreis von £ 100000 die Rede war (was nach
heutigem Kurs etwa £ 5 Millionen entspräche). 1926 wurde ein
neuer, wiederum vergeblicher Anlauf gemacht; diesmal
versuchte man, an die Mauer angrenzendes Land zu kaufen, um
einen neuen Zugang zu schaffen. Oberst F. H. Kisch, der
Vorsitzende der Zionistischen Exekutive in Palästina, schrieb
-451-
damals in einem Privatbrief, dass seine «weiteren Pläne, die
selbstverständlich nicht sofort realisiert werden können» darauf
abzielten, sich «das ganze im Dunkeln liegende Areal vor der
Mauer zu sichern, damit es möglich wird, daraus einen offen
Raum mit Sitzplätzen zu machen, auf denen betagte Beter sitzen
können».
10
Trotz der Rückschläge bei ihrem Bemühen, sich das Eigentum
an der Mauer zu sichern, versuchten die Juden, sich dort mehr
Rechte zu verschaffen; dabei gingen sie in der altehrwürdigen
Weise vor, in der man derlei Dinge in Jerusalem tat - nämlich,
indem man Stückchen für Stückchen einen neuen Status quo
schuf. Sie brachten Bänke dorthin, Kultgegenstände und einen
Sichtschutz, der, wie in der Synagoge, Männer von Frauen
trennte. Im April 1922 beklagte sich der Mufti darüber, dass die
Juden Bänke zur Mauer brächten. Zwei Monate später ließ
Storrs die Bänke fortschaffen. Im Januar 1923 beschwerte sich
der Mufti erneut. Ein Ritual entstand: Die Bänke wurden
aufgestellt, die Muslime beschwerten sich, die Bänke wurden
entfernt, etwas Zeit verging, und die Bänke waren wieder da. Im
September 1925, am Versöhnungstag, dem höchsten Festtag im
jüdischen Kalender, wurden sie wieder einmal nach einer
Beschwerde des Mufti entfernt. Inzwischen hatten die Muslime
den Verdacht, dass die Juden etwas im Schilde führten. Al-
Sabah, die von den Husaynis finanzierte Jerusalemer arabische
Zeitung, schrieb, die Juden wären erst dann zufrieden, wenn die
Al-Aqsa-Moschee und der «Heilige Felsen... in ihrer Obhut
stünden».
11
Am 24. September 1928 - wieder war es der jüdische
Versöhnungstag - unterbrach ein weiterer ernster Zwischenfall
das Gebet an der Klagemauer. Am Tag zuvor hatten sich die
Muslime beim stellvertretenden Distriktskommissar, Edward
Keith-Roach, darüber beklagt, dass unrechtmäßigerweise ein
Sichtschutz an der Mauer aufgestellt worden sei, der beim Gebet
die Männer von den Frauen trennen sollte. Keith-Roach, ein mit
-452-
übermäßigem Selbstbewusstsein ausgestatteter Beamter, begab
sich zur Westmauer und ordnete die Entfernung des
Sichtschutzes an. Der an der Mauer diensttuende jüdische
Schammes (Aufseher), ein gewisser William Ewart Gladstone
Noah, versprach, dass dies am nächsten Morgen geschehen
werde. Als sich dann aber herausstellte, dass das Versprechen
nicht gehalten worden war, wurde der Sichtschutz von Polizisten
entfernt, wobei es zu Handgreiflichkeiten kam. Keith-Roach
meldete dem amtierenden Hochkommissar, dass man «von der
Sache nichts mehr hören» werde.
12 Eine weniger zutreffende
Vorhersage hätte er schwerlich machen können. Vielmehr setzte
ein Sturm der Empörung ein. Oberst Kisch beschwerte sich, die
Behörden hätten «das religiöse Mobiliar an der Westmauer
behandelt, als wäre es ein Gartenhäuschen in einer städtischen
Anlage».
13 Sogar aus den Vereinigten Staaten kam der
energische Protest der Juden.
Die jüdischen Neuerungen erregten bei den Muslimen Wut
und wurden in demagogischer Weise von Hadsch Amin al-
Husayni ausgenutzt. Es gelang dem Mufti, die Kräfte des
muslimischen Traditionalismus und des politischen
Antizionismus zusammenzuführen, begünstigt durch die
wachsenden muslimischen Befürchtungen hinsichtlich der
Mauer. Ungefähr um diese Zeit wurde die Behauptung
aufgestellt, dass die Mauer nicht nur eine jüdische, sondern auch
eine muslimische Heilige Stätte sei. Man identifizierte sie als die
Stelle, wo der Prophet Mohammed sein wundersames
geflügeltes Ross Buraq angebunden hatte, bevor er den
angrenzenden Hügel hinaufstieg und sich in den Siebten
Himmel erhob. Deshalb war die Mauer bei Muslimen unter dem
Eponym al-Buraq bekannt. Einigen Wissenschaftlern zufolge
soll diese behauptete Tradition eine vergleichsweise junge
Entdeckung sein. Raschid Khalidi hat dies bestritten und sie bis
ins 14. Jahrhundert zurückgeführt, was in der islamischen
Geschichte ein verhältnismäßig später Zeitpunkt ist.
14 Wie dem
-453-
auch sei, nicht weniger wichtig als die Frage der Datierung ist
die nach der Lokalisierung. In seiner sorgfältigen Untersuchung
vertritt Amikam Elad die Meinung, dass «gegen Ende des 17.
Jahrhunderts der Ort, an dem al-Buraq festgebunden war, noch
immer als die Stelle an der Außenseite der südwestlichen Ecke
der Mauer des Haram identifiziert wurde, so wie sie von Ibn al-
Faqih und Ibn Abd Rabbihi im 10. Jahrhundert beschrieben
worden war».
15 Dieser Ort ist jedoch nicht identisch mit der
Westmauer.
Die Kampagne des Mufti zur Verteidigung von al-Buraq
stand in engem Zusammenhang mit seinen Bemühungen
hinsichtlich des angrenzenden Haram al-Scharif. Das
internationale Interesse von Muslimen an der vermeintlichen
Bedrohung des Haram ging bis in die Frühzeit der englischen
Besatzung zurück. Damals wurden Befürchtungen geäußert, die
Juden hätten vor, sich des ganzen Gebiets zu bemächtigen und
den Tempel wieder aufzubauen. Das war weit hergeholt, obwohl
1914 Herbert Samuel in seiner ersten Unterredung mit Chaim
Weizmann vom Wiederaufbau des Tempels gesprochen hatte -
«selbstverständlich in einer modernisierten Form».
16 Aber kurz
darauf dachte er anders darüber. Bereits im Januar 1919 hatte
die All-India Muslim League ein Protesttelegramm in dieser
Angelegenheit an die britische Regierung gerichtet. Das Foreign
Office, das in Indien immer wieder Reizungen der Muslime zu
schlichten hatte, hielt die Sache für «sehr wichtig».
17 Die
muslimischen Besorgnisse ließen nicht nach, weshalb sich
Samuel, der inzwischen Hochkommissar für Palästina geworden
war, dazu verpflichtet fühlte, eine öffentliche Stellungnahme
abzugeben, die dem Gerücht widersprach, dass der Haram den
Juden übergeben werden solle.
18
Im Winter 1928/29 setzte der Mufti eine ehrgeizige
Kampagne in Gang, in deren Mittelpunkt die Westmauer stand.
Unter seiner Schirmherrschaft entstanden ein Verein zum Schutz
der Al-Aqsa-Moschee und der islamischen Heiligen Stätten
-454-
sowie eine Reihe feuriger Propaganda-Aussagen.
19 Im Oktober
1928 rief al-Jamia al-Arabija, das Organ des Obersten
Moslemrats, «alle unsere moslemische n Brüder» auf, sich zur
Verteidigung von al-Buraq zu vereinen.
20 Im folgenden Februar
hieß es darin, die Muslime «würden keinen einzigen Moment
zögern, ihre Heiligen Stätten gewaltsam zurückzuholen, wie es
ihnen von der muslimischen Religion angetragen ist».
21 Die
Bemühungen, die Frage zu internationalisieren, wurden
intensiviert: Im Mai 1929 fing das Aufklärungsbüro des
Innenministeriums in Indien einen Brief des Mufti an Schawkat
Ali vom Zentralen Kalifatskomitee in Bombay ab, der um
Unterstützung für die Verteidigung des al-Buraq nachsuchte."
Der zum größten Teil säkularen Führung der Zionistischen
Organisation war die Sache ziemlich gleichgültig. Am ehesten
noch galt sie ihr als Symbol für alles Rückständige im «alten
Jischuw». Militantere Juden, die, wie der Mufti, Streit suchten
und dem Mufti in die Hände spielten, gingen jedoch ihre
eigenen Wege. Die nationalistische Zeitung Doar Hajom
verurteilte «den Raub der Heiligen Stätten», forderte zur
Zerstörung einer neuen Moschee direkt neben der Mauer auf
und schlug einen Wiederaufbau des Tempels vor.
23 Die
nationalistische Jugendbewegung Betar, die nicht religiös
ausgerichtet war, organisierte provozierende Demonstrationen,
um klarzustellen, dass die Juden Rechte an der Mauer hätten.
Ihre Führer äußerten ganz offen den Wunsch, den dortigen
Status quo zu ändern. Schließlich hatten die Juden den Status
quo nie gutgeheißen. Als man sich im 19. Jahrhundert erstmals
darauf berief, hatte man den Status quo ausschließlich auf die
Heiligen Stätten des Christentums bezogen. Die Muslime
mochten an die traditionellen islamischen rechtlichen Einwände
gegen die Neuerrichtung von Kirchen und Synagogen in
muslimischen Ländern appellieren, aber Palästina war nun kein
muslimisches Land mehr, und die Juden brauchten sich ohnehin
nicht an das muslimische Recht gebunden zu fühlen. Die
-455-
Hauptströmung innerhalb der zionistischen Führung versuchte,
dem aggressiven Auftreten der jungen Nationalisten
entgegenzuwirken, drang damit aber nicht durch.
Den jüdischen Demonstrationen folgten
Gegendemonstrationen von Muslimen, und eine Spirale von
Handgreiflichkeiten und Tumulten kulminierte schließlich in
einer Gewaltexplosion in der Stadt. In der Woche vom 18.
August 1929 hatte der Verein für den Schutz der Al-Aqsa-
Moschee und der Heiligen Städten des Islam in Jerusalem eine
in Arabisch verfasste Mitteilung herausgegeben, die sich heftig
über die jüdischen Demonstrationen und Übergriffe beklagte, in
denen ein «versteckter Hass» auf die Muslime offenbar werde.
«Muslimische Brüder in allen Ländern der Erde» wurden
aufgerufen, eine «undurchdringliche Barriere gegen die
entsetzlichen Bestrebungen der Juden in bezug auf die
muslimischen Heiligen Stätten» zu bilden.
24
Nach dem Freitagsgebet in der Al-Aqsa-Moschee strömten
am 23. August Tausende von Muslimen den Haram hinab und
griffen das jüdische Viertel an. Das Blutbad ging auch jenseits
der Stadtmauer weiter. Zu den Angriffszielen gehörten auch die
im Stadtteil Talpiot gelegenen Häuser der hebräischen
Schriftsteller S. Y. Agnon und Joseph Klausner, deren
Bibliotheken zerstört wurden. Die Gewalt erfasste das ganze
Land: 133 Juden und 116 Araber wurden getötet und Hunderte
verletzt. Wochenlang blieb die Atmosphäre in der Stadt
explosiv, und die Hälfte der jüdischen Einwohner der Altstadt
floh aus ihren Häusern. Der Aufruhr markierte einen
entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte Palästinas: das
Ende jeglicher realistischer Hoffnung auf Frieden zwischen
Arabern und Juden unter dem britischen Mandat.
Im Dezember 1930 erließ eine internationale Kommission, die
von der britischen Regierung eingesetzt worden war, einen
Schiedsspruch über die Klagemauer. In der Absicht,
Überparteilichkeit zu gewährleisten, hatte die britische
-456-
Regierung für eine Entscheidung in dem Disput zwischen
Muslimen und Juden drei Chr isten in die Kommission berufen:
einen ehemaligen schwedischen Außenminister, einen
Schweizer Juristen und einen ehemaligen holländischen
Gouverneur von Ostsumatra. Das Ergebnis war für die Juden
enttäuschend. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass die
Mauer und der Bürgersteig davor Eigentum der Muslime seien
und dass die Mauer Muslimen wie Juden heilig sei. Die
Kommission bestätigte, dass Juden das Recht des Zugangs zur
Mauer hätten, setzte aber den Kultgegenständen und sonstigen
Gerätschaften, die von diesen zur Westmauer mitgebracht
werden durften, enge Grenzen.
25
Man hat die Affäre mit der Mauer die «krönende
Errungenschaft» der Kampagne genannt, die der Mufti zur
Steigerung des Rangs des Haram al-Scharif in die Wege
leitete.
26 Der Mufti vermochte seine Position zu nutzen und
seinen Anspruch als ein Verteidiger muslimischer Rechte in
Jerusalem zu untermauern, indem er den Haram zu einer Art
Pantheon des internationalen Islam machte. König Hussein, der
während des Ersten Weltkriegs den Aufstand der
haschemitischen Araber angeführt hatte, sowie andere führende
Muslime bis aus Indien wurden dort bestattet.
27
Während der britischen Mandatsverwaltung achtete die
Regierung sorgsam darauf, nicht den Eindruck zu erwecken, als
vergehe man sich an der Heiligkeit des Haram. Dies war der
Grund dafür, dass man den Mufti nicht zu verhaften versuchte,
als er 1937 dort Zuflucht suchte. Nach seiner Flucht aus
Jerusalem im folgenden Jahr wurde dort erstmals ein
Polizeiposten eingerichtet.
28 Aber die Regierung nahm bis zum
Ende des Mandats Rücksicht auf die muslimischen
Empfindlichkeiten und gestattete es dem Obersten Moslemrat,
ihn ohne aufdringliche Einmischungen zu verwalten.
-457-
Der Tempelberg unter israelischer
Herrschaft
Als die israelische Armee den Tempelberg am 7. Juni 1967
eroberte, wurde auf dem Felsendom eine israelische Flagge
gehisst. Verteidigungsminister Mosche Dayan ordnete sofort an,
sie wieder zu entfernen. Am selben Tag stieg Schlomo Goren,
der Oberrabbiner der israelischen Streitkräfte, auf den
Tempelberg hinauf, wo es zu folgendem Wortwechsel mit
General Uzi Narkiss, einem der höchsten israelischen Offiziere,
kam:
GOREN: Uzi, jetzt ist es an der Zeit, hundert Kilo Sprengstoff
in die Omar-Moschee zu legen - und das war's dann, wir wären
sie ein für allemal los.
NARKISS: Rabbi, hören Sie auf damit!
GOREN: Sie werden durch diese Tat in die Geschichtsbücher
eingehen.
NARKISS: Ich habe meinen Namen bereits auf den Seiten der
Geschichte Jerusalems eingetragen.
Narkiss berichtete später, Goren sei daraufhin ohne ein
weiteres Wort davongegangen.
29 Kurz danach ordnete Dayan
den Abzug der israelischen Fallschirmjäger vom Haram an; das
Areal wurde abgesperrt und die Verantwortung für die
Sicherheit innerhalb des Geländes wieder den muslimischen
Wachen übertragen. Die Schlüssel von acht der neun Tore zu
dem Gelände gingen an die muslimischen Behörden zurück (die
Ausnahme war das Maghrebi-Tor in der Nähe der Westmauer),
und die israelische Präsenz wurde auf einen kleinen
Polizeiposten reduziert, der sich in der Regel aus ehemaligen
Angehörigen der jordanischen Polizei rekrutierte. Außerhalb des
-458-
Maghrebi-Tors wurde ein Anschlag in hebräischer, englischer
und französischer Sprache angebracht:
Hinweis und Warnung
Das Betreten des Geländes des Tempelberges ist wegen der
Heiligkeit des Ortes jedermann aufgrund jüdischen Rechts
untersagt.
Das Oberrabbinat von Israel
In den folgenden Wochen stritten sich die israelischen
Militärbehörden mit einem Teil der religiösen Führungsschicht
der Juden, der daran gelegen war, jüdische Recht e an dem Berg
durchzusetzen. Am 15. August, nach dem hebräischen Kalender
an den Fasten des neunten Av, der an die Zerstörung des
Tempels erinnert, stieg Oberrabbiner Goren erneut auf den Berg,
diesmal mit einer Gesetzesrolle, einem Thoraschrein und einem
Lesepult, um einen Gottesdienst abzuhalten. Die Armee
versuchte, ihn daran zu hindern, hatte aber keinen Erfolg
damit.
30 Am folgenden Tag stellte der israelische Minister für
Religionsangelegenheiten, Zerah Warhaftig, ein Mitglied der
Nationalreligiösen Partei, fest, dass der Tempelberg jüdisches
Eigentum sei: Er verwies darauf, dass König David ihn für
fünfzig Schekel dem Jebusitenkönig Araunah abgekauft habe.
31
Goren schrieb einen scharfen Brief an den Innerministeriellen
Ausschuss für den Schutz der Heiligen Stätten, in dem er sich
beschwerte, dass von allen Orten auf der Welt der Tempelberg
der einzige sei, für den ein ausdrückliches Verbot bestehe, dass
Juden dort beteten.
32 Er und seine Verbündeten versuchten, das
Recht für Juden zu erstreiten, sich auf dem Berg zum Gebet zu
versammeln, aber schließlich mussten sie sich einer
Entscheidung der Regierung fügen, die den Status quo aufrecht
erhielt, wonach Juden das Gebet dort verwehrt war.
In der Anfangsphase der israelischen Herrschaft hofften die
-459-
Verantwortlichen, die Kontrolle über den Haram einem
Ausschuss führender israelischer Muslime zu übertragen, dem
auch Muslime aus Ostjerusalem angehören sollten.
33 Aber nun
ergriff die Ostjerusalemer muslimische Führungsschicht die
Initiative, und die Israelis waren genötigt, sich damit
abzufinden. Die gesamte Verwaltung des Haram blieb folglich
fest in den Händen des Muslimrates. Die Wahrung der
öffentlichen Ordnung auf dem Areal wurde Wachen übertragen,
die bei diesem Rat angestellt waren, sowie einer kleinen Truppe
israelischer Polizisten.
Eine der ersten Taten der israelischen Behörden nach dem
Sechstagekrieg im Juni 1967 war das Niederreißen von 135
Häusern im Gebiet Maghrebi direkt vor der Westmauer. Es
begann am Abend des 10. Juni, einem Samstag, und war binnen
zwei Tagen vollzogen. Gerechtfertigt wurde das Vorgehen mit
der Notwendigkeit, Platz für Hunderttausende von Juden zu
schaffen, die seit dem Juni 1967 zur Mauer strömten, nachdem
ihnen die jordanische Regierung neunzehn Jahre lang den Zutritt
verwehrt hatte. Die 650 Bewohner der abgerissenen Häuser,
allesamt Muslime, wurden ohne viel Umstände auf die Straße
gesetzt. Mit der Räumung des Geländes erfüllte sich ein
Vorhaben, das bereits 1926 von führenden Zionisten verkündet
worden war.
34 Die Abrissarbeiten veränderten das Areal vor der
Mauer von einem schmalen Durchgang zu einem großen,
offenen Platz. Dieser wurde der Kontrolle des Ministeriums für
Religionsangelegenheiten überantwortet, das ihn als ein
jüdisches Heiligtum und als Synagoge behandelte. Rund um die
Uhr wurde dort gebetet. Männer und Frauen waren getrennt.
Zunehmend fanden auf dem Platz symbolische staatliche
Ereignisse von nationaler Bedeutung statt, wie beispielsweise
Vereidigungszeremonien für Militäreinheiten oder für
Pfadfinder - und dies, obwohl der Widerstand der
Ultraorthodoxen, denen solche Versammlungen missfielen,
wuchs.
-460-
Die Muslime waren empört über die Beschlagnahmung von
waqf-Eigentum; manche befürchteten, es könnte sich nur um
den Beginn weiterer Übergriffe auf den Haram selbst handeln.
Im November 1967 wurde folgende Erklärung abgegeben
(wobei unklar ist, ob sie aus Jerusalem kam oder von außerhalb
der von Israel besetzten Gebiete):
Erklärung, unterzeichnet «Ein Aufruf aus der Nähe der Al-
Aqsa-Moschee über die Verschmutzung der Heiligen Stätten
Die zionistischen Behörden, der Minister für
Religionsangelegenheiten eingeschlossen, haben verkündet, dass
das Gelände der Al-Agsa-Moschee ihr Besitztum ist.
Die Zionisten haben auch angekündigt, dass sie beabsichtigen,
den Tempel auf den Ruinen des Felsendoms wieder aufzubauen.
Gewaltsam haben sie sich eines der Tore des Haram al-
Scharif angeeignet, das Tor, das an die Wand des Buraq
angrenzt.
Muslime in aller Welt: Aus Jerusalem ertönt der Ruf an euch,
die Al-Aqsa-Moschee benötigt eure Hilfe... Wer wird
antworten? Wir haben uns zum Widerstand verpflichtet, wir
haben geschworen, dass wir uns nie ergeben werden... Wir
rufen, wie die moslemische Frau den Kalifen al-Mu'tasim
angerufen hat, und wir sagen, wie sie es sagte, ‹Hilf, O
Mu'tasim, O Mu'tasim›, und al-Mu'tasim antwortete auf ihren
Ruf und errettete sie vor ihren Feinden.
Werden die Könige, Präsidenten, Völker und Organisationen
der Muslime ebenso antworten und all ihre Kraft einsetzen, um
Jerusalem, die Al-Aqsa-Moschee und alle Heiligen Stätten zu
retten?»
35
In den ersten Jahren israelischer Herrschaft betrieb die
Regierung eine ganz eindeutige Politik: dass der Tempelberg in
seiner Gesamtheit als Heilige Stätte der Muslime zu erachten
sei, dass es keine jüdischen Ansprüche darauf gebe und dass er
-461-
unter muslimischer Aufsicht bleiben solle, so wie die Heiligen
Stätten des Christentums unter der Kontrolle der Christen. Im
September 1969 erklärte Außenminister Abba Eban vor der UNGeneralversammlung,
bis zu einer Vereinbarung über den
Status, die «in einer Weise ausgehandelt sei, dass dadurch der
Friede im Nahen Osten und die ökumenische Harmonie
befördert» werde, sei es Absicht der israelischen Politik, «dass
die moslemischen und christlichen Heiligen Stätten immer der
Verantwortung derjenigen unterstehen sollten, denen sie heilig
sind».
36 Israel betonte, dass es sich zur Gewährleistung des
freien Zugangs zu allen Heiligen Stätten verpflichtet habe, und
unter der von Moshe Dayan begonnenen Politik der «offenen
Brücken» besuchten in der Folgezeit Hunderttausende Muslime
den Haram, darunter viele Bürger von Ländern, die sich mit
Israel im Kriegszustand befanden.
Eine 1969 beginnende Reihe von Gewaltakten setzte jedoch
ein Fragezeichen hinter Israels Befähigung, als wirkungsvoller
Beschützer der muslimischen heiligen Stätten in Jerusalem
aufzutreten. Am 21. August 1969 legte ein geistesgestörter
australischer Christ in der Al-Aqsa-Moschee Feuer. Die
Brandstiftung verursachte große Schäden und zerstörte ein
kostbares muslimisches Kunstwerk - die Kanzel, auf der Saladin
im Jahre 1187 nach der Rückeroberung der Stadt von den
Kreuzrittern gestanden haben soll. Der Jerusalemer Muslimrat
beschwerte sich, dass «Israel in Heiligtümer eindringt und
geheiligte Glaubensinhalte schändet».
37 Ein ausländischer
Beobachter berichtete damals:
Ich traf unmittelbar, nachdem das Feuer ausgebrochen war, an
Ort und Stelle ein. Es war wie eine Szene aus Dantes Hölle. Als
ich den Haram betrat, eilten Araber auf mich zu, riefen, griffen
nach meinem Arm und weinten. «Die Juden haben es getan!»
schrien sie und schluchzten mit schmerzverzerrten Gesichtern.
«Sie wollen uns alle umbringen! Sogar unsere Heiligen Stätten
-462-
zerstören.»
38
Die Wut der gesamten muslimischen Welt richtete sich gegen
die Juden. Eine islamische Gipfelkonferenz wurde einberufen.
In Kaschmir kam es zu Unruhen, in Malaysia wurden Rufe nach
einem heiligen Krieg laut. Die führende pakistanische Zeitung
Dawn klagte: «Während Jerusalem brennt, vertrödeln die
Muslime die Zeit.»
39 Eine ägyptische Zeitung legte dar, die
Brandstiftung sei «erst möglich geworden, nachdem die
Besatzungsbehörden halbnackten Mädchen, Hippies und
gesellschaftlichem Ausschuss jedweder Art gestattet hatten, die
Höfe der Moschee zu ihrem Treffpunkt und die Al-Aqsa-
Moschee in eine Touristenattraktion zu verwandeln».
40 Selbst
die sowjetische Nachrichtenagentur TASS, die ansonsten nicht
gerade für ihre Fürsorglichkeit für die religiösen Empfindungen
von Muslimen bekannt war, meldete sich mit der Bemerkung zu
Wort, Israel könne «sich der Verantwortung für diesen
Aggressionsakt nicht entziehen».
41 Der UN-Sicherheitsrat
verabschiedete eine Resolution, in der Israel verurteilt wurde
(die Abstimmung ergab elf Stimmen dafür, darunter
Großbritannien, und vier Enthaltungen, darunter die USA). Der
israelische Vertreter bei den Vereinten Nationen bestritt am 12.
September 1969 vor dem Sicherheitsrat ausdrücklich, dass sein
Land «irgendwelche Pläne zur Wiedererrichtung des Tempels»
habe.
Während diese Aussage gewiss die Politik der Regierung
wiedergab, waren kleine Gruppen jüdischer religiösnationalistischer
Enthusiasten darauf aus, den Status quo zu
verändern und vor allem das Recht durchzusetzen, dass Juden
auf dem Tempelberg beten durften. Der Kopf dieser
Bestrebungen war Rabbi Goren, der 1972 in das aschkenasische
Oberrabbinat von Israel aufstieg. In dieser Eigenschaft führte er
einen scharfen Feldzug gegen sein sephardisches Pendant, den
Rischon Le-Zion, Rabbi Owadja Josef. Im Gegensatz zu Goren
-463-
gehörte Yosef zu jenem rabbinischen Lager, das gegen den
Zutritt von Juden zum Tempelberg war. In späteren Jahren
wurde Yosef zum charismatischen Anführer der
traditionalistischen religiösen Schas-Partei, die insbesondere bei
Juden marokkanischer Herkunft ihren Rückhalt hatte. Was er
sagte, galt bei seinen Anhängern als Dogma, weshalb seine
Haltung in dieser Frage viel dazu beitrug, dass die religiösen
Juden nicht massenhaft zu Gorens Auffassung überliefen.
Die Befürworter des Gebetsrechts von Juden auf dem
Tempelberg verfielen auf drei verschiedene Aktionsformen:
Begehung des Areals des Haram al-Scharif, die Anrufung von
Gerichten und die Planung bewaffneter Angriffe auf
muslimische Heiligtümer.
Ein frühes Beispiel für die Begehung des Haramal-Scharif
wurde von Rabbi Louis Rabinowitz beschrieben, einem
ehemaligen Oberrabbiner von Südafrika, der nach Jerusalem
umgezogen war. An den Fasten des zehnten Tewet des Jahres
1973 ging Rabinowitz auf den Tempelberg und führte, wie er
später erzählte, «einen Minjan [das jüdische Gebetsquorum von
zehn erwachsenen Männern] im Gebet zu einer Stelle, die, nach
gründlichster Untersuchung des halachischen Aspekts, nach
meiner Überzeugung außerhalb der Verbotszone lag».
42 Kurz
darauf kandidierte Rabinowitz für die nationalistische Cherut-
Partei bei den Bürgermeisterwahlen für Jerusalem, unterlag aber
Teddy Kollek.
Die israelischen Gerichte bestätigten in der Regel das Recht
der Regierung, aus Sicherheitsgründen jüdische Gebete in
diesem Areal zu unterbinden oder einzuschränken. In einem
Urteil von 1970 wies der Oberste Gerichtshof einen Antrag auf
den Erlass einer Anordnung gegen den Polizeiminister ab,
darzulegen, weshalb er jüdische Beter auf dem Tempelberg
nicht beschütze.
43 Am 28. Januar 1976 jedoch sprach die
Richterin Ruth Or im Verfahren gegen eine Gruppe jugendlicher
Betar-Mitglieder diese frei und erklärte: «Hätte ich es nicht mit
-464-
eigenen Ohren gehört, so hätte ich es nicht geglaubt, dass das
Verbot für Juden, auf dem Tempelberg zu beten, erst besteht,
seitdem die israelische Regierung ihn ihrer Kontrolle unterstellt
hat!»
44 Dies fasste man anfangs so auf, als hätten die Juden doch
das Recht, auf dem Areal zu beten. In der Folge kam es in den
nächsten drei Monaten im gesamten Westjordanland zu
Demonstrationen und Ausschreitungen. Schließlich hob das
Distriktsgericht die Entscheidung der Amtsrichterin auf, und am
Ende bestätigte der Oberste Gerichtshof, dass die Polizei
berechtigt sei, Juden am Gebet auf dem Tempelberg zu hindern.
In Anbetracht dieser juristischen Entscheidungen verschob
sich nun das Schlachtfeld auf außergesetzliches Gelände.
Gruppen von Jugendlichen - häufig, wie schon im Vorfeld der
Unruhen von 1929, Mitglieder der Betar-Jugendbewegung oder
ihrer Zweigorganisationen versuchten wiederholt, das Gelände
zu betreten und wurden immer wieder unter viel Geschrei und
Tritten von der israelischen Polizei daraus vertrieben. Zuweilen
gingen Juden mit Gebetbüchern hinein, setzten sich hin und
behaupteten, dass sie nur läsen. Einmal rannten zwei Männer am
Ende des Versöhnungstags hinein und bliesen auf dem Schofar
(Widderhorn).
In den 1970er Jahren bildeten sich mehrere radikale
Gruppierungen, die sich zum Ziel setzten, die jüdischen
Ansprüche auf den Tempelberg durchzusetzen. Die bekannteste
- mit etwa 1500 Mitgliedern - waren die Getreuen des
Tempelbergs, die von Gerschon Salomon angeführt wurden.
Seine Gefolgsleute provozierten wiederholt Schlägereien, bei
denen Juden versuchten, das Areal zum Beten zu betreten und
daran von der israelischen Polizei gehindert wurden.
Einer der Gründer der Getreuen des Tempelbergs, Stanley
Goldfoot, spaltete sich später davon ab und bildete seine eigene
Gruppe. Goldfoot, ein ehemaliger Südafrikaner, der 1948 zur
Lechi (Stern-Bande) gehört hatte, gründete mit finanzieller
Unterstützung fundamentalistischer Christen in den Vereinigten
-465-
Staaten die Jerusalemer Tempelstiftung. Man munkelte, er habe
geplant, in der Morgendämmerung in einem Hubschrauber über
dem Tempelberg zu schweben, um das Innere des Berges «zu
röntgen... und mit einem induzierten Polarisationsgerät,
Cäsiumstrahlmagnetometer, mit Bergab-Borescope-Fernsehen
und einer Hochleistungs-Dipol-Dipol-Resistivitätsanlage» zu
untersuchen. Es hieß auch, dass Goldfoot, eine Mischung aus
Fantast und Fanatiker, jüdische Terroristen mit Geld versorgt
habe, die auf dem Tempelberg die Heiligen Stätten der Muslime
in die Luft sprengen wollten.
45
Eine weitere Randgruppierung, die als Ateret Kohanim
(wörtlich: «Krone der Priester») bekannt war, traf
Vorbereitungen für eine Restaurierung des Tempels, wozu auch
das Weben feierlicher Gewänder gehörte. Ihre Mitglieder
erhoben den Anspruch, auf Gedanken des Oberrabbiners von
Palästina während der Mandatszeit, Avraham Kook,
zurückzugehen, auch wenn es fraglich ist, ob dieser wie ein
Heiliger auftretende, halbmystische, aber moderat gesinnte
spirituelle Führer ihre Ideen gutgeheißen hätte. Sein Sohn Rabbi
Zwi Jehuda Kook verschaffte der Gruppe jedoch Legitimität auf
der Seite der nationalreligiösen Rechten. Kook Junior war einer
der Gründer des Gusch Emunim («Block der Gläubigen»), einer
Bewegung, die sich damals als Speerspitze der jüdischen Siedler
im Westjordanland verstand. 1978 wurde die Ateret-Kohanim-
Jeschiwa im muslimischen Viertel der Altstadt gegründet. Sie
betrieb das Studium aller den Tempel betreffenden Aspekte des
jüdischen Rechts. Der Leiter dieser Jeschiwa, Rabbi Schlomo
Awiner, bekannte öffentlich seine Ablehnung gewaltsamer
Methoden, aber einige seiner Schüler nahmen es damit weniger
genau. Sie wurden wegen Brandstiftung, Übergriffen gegen
Araber und wegen des Versuchs festgenommen, einen Stollen in
den Tempelberg vorzutreiben, um dort vermeintlich versteckte
Schätze vom Ersten Tempel ausfindig zu machen.
Die Ateret Kohanim wurden von einer Reihe rechter
-466-
israelischer Politiker unterstützt, zu denen auch Benjamin
Netanjahu, Benny Begin und Ehud Olme rt gehörten, sowie von
militant nationalistischen Rabbis wie Nachum L. Rabinovich
und Avraham Schapira, dem aschkenasischen Oberrabbiner von
Israel.
46 Auch Ariel Scharon förderte sie. Als er 1993 bei einem
Essen zugunsten der Ateret Kohanim in New York sprach,
feierte ihn eine ganzseitige Anzeige in der New York Times als
«Einwohner des Westmauerviertels in der Altstadt» worin sich
das Bestreben dieser Gruppierung spiegelte, auch noch den
Namen des muslimischen Viertels auszulöschen.
47 Finanzielle
Unterstützung erhielten die Ateret Kohanim von reichen
amerikanischen, kanadischen und britischen Juden, darunter
dem Londoner Buchmacher Cyril Stein, dem kanadischen
Investmentbanker Marc Beizberg und Irving Moskowitz, einem
in Miami beheimateten Baulöwen.
48 Die Gruppe bediente sich
auch eines erprobten und bewährten Mittels rechtsgerichteter
amerikanischer Zionisten und benutzte in ihrer
Öffentlichkeitsarbeit unautorisiert die Namen führender
Persönlichkeiten wie etwa des Senators für Connecticut Joseph
Lieberman und des Nobelpreisträgers Elie Wiesel. 1988 erhielt
sie von der israelischen Regierung ein geheimes Darlehen über
5,6 Millionen Schekel (damals etwa 2,3 Millionen US-Dollar),
um Hypotheken zu finanzieren, mittels derer sie leichter
Grundstücke in arabische n Gebieten in Ostjerusalem kaufen
konnte.
Solche Gruppierungen boten den Nährboden für Extremisten.
Am 11. April 1982 verschaffte sich der in Amerika geborene
israelische Soldat Alan Harry Goodman Zugang zum Felsendom
und schoss aus seinem M-16-Schnellfeuergewehr um sich. Zwei
Araber wurden getötet und dreißig verletzt. Dann stieg
Goodman auf den Felsen in der Mitte des Heiligtums und
feuerte vier Schüsse in die Kuppel ab. Bei der Durchsuchung
von Goodmans Wohnung fand man Propagandaschriften der
von Rabbi Meir Kahane angeführten rechtsextremistisch-
-467-
nationalistischen Kach-Bewegung. Goodman erklärte später,
wegen der palästinensischen Terrorangriffe auf Juden habe er
«dies tun müssen ».
49 Wieder kam es in der ganzen
muslimischen Welt zu heftigen Protesten, und erneut brachen im
Westjordanland und in Gaza Unruhen aus. Soldaten wurden auf
den Tempelberg befohlen, um den Tumulten dort ein Ende zu
setzen. David Shipler von der New York Times berichtete
darüber:
Schließlich zogen die Soldaten ab, kehrten aber zurück, als
ein kleines Polizeikontingent mit Steinen beworfen wurde. Sie
schossen in die Luft und setzten Tränengas ein, womit sie die
Demonstranten zur Al-Aqsa-Moschee trieben. Die meisten von
ihnen verließen daraufhin den Berg, und die Soldaten erhielten
den Befehl, abzuziehen.
Unmittelbar bevor sie weggingen, warf einer von ihnen
lachend eine Tränengasgranate in die Nähe der Moschee, als der
Wind gegen den Haupteingang stand. Der Rauch aus dem
perfekt platzierten Behälter blies in die Moschee, worauf
hustende und ihre Augen reibende Beter herauskamen. Ein alter
Mann wurde zu einem Krankenwagen getragen. Einige der
Soldaten gingen lachend davon.
50
Wie bei dem Brandanschlag von 1969 versuchten israelische
Sprecher auch diesmal, das Ereignis als isolierte Tat eines
Wahnsinnigen darzustellen. Aber die Lage blieb äußerst
gespannt: In der auf die Schießerei folgenden Woche voller
Gewalttaten wurden in Jerusalem zwei Menschen getötet,
mindestens 184 verletzt und 200 verhaftet.
Weitere Zwischenfälle zwischen 1982 und 1984 ließen sich
nicht als das Werk von verrückten Einzeltätern abtun. Im
Oktober 1982 wurde Yoel Lerner, ein Aktivist von Kahanes
Kach-Bewegung, verurteilt, weil er die Sprengung des
-468-
Felsendoms geplant hatte. 1983 wurden achtunddreißig jüdische
Draufgänger, die von einem weiteren Anhänger Kahanes, dem
Rabbi Yisrael Ariel, angeführt wurden, unter der Beschuldigung
verhaftet und angeklagt, die Erstürmung und Besetzung des
Tempelbergs geplant zu haben. Im Januar 1984 erkletterten zwei
mit elf Kilo Sprengstoff und achtzehn Handgranaten bewaffnete
Männer die Ostmauer des Tempelbergs, wobei es sich eindeutig
um einen organisierten Angriff handelte. Sie entflohen, als der
Alarm losging. Aber das waren nicht die einzigen Fälle von
Verschwörungen zur Zerstörung der muslimischen
Heiligtümer.
51
Während es sich bei diesen terroristischen Gruppierungen um
nicht repräsentative extremistische Randerscheinungen handelte,
trat auch eine sehr viel größere Gruppe innerhalb des gesetzlich
anerkannten politischen Spektrums für die Durchsetzung des
Rechts von Juden ein, auf dem Tempelberg zu beten. Im Januar
1986 besuchte der innenpolitische Ausschuss der Knesset unter
seinem Vorsitzenden Dov Schilansky, einem Mitglied des
Likud, den Berg, «um den Vorwürfen auf den Grund zu gehe n,
dass illegale Bauarbeiten stattgefunden haben». Der Ausschuss
wurde von Knessetmitgliedern vom rechten Flügel und anderen
Nationalisten begleitet, zu denen auch Gerschon Salomon von
den Getreuen des Tempelbergs gehörte. Sie verwickelten sich in
ein Handgemenge mit Wachen der waqf und Arbeitern.
Schilansky beklagte sich darüber mit den Worten: «Es war wie
ein Pogrom. Sie hätten uns blitzschnell erledigen können.»
52
Was sich am 8. Oktober 1990 auf dem Höhepunkt der
palästinensischen Intifada ereignete, war sogar noch ernster.
Den Hintergrund dieser Episode bildete ein ganzes Bündel von
Provokationen und Hass. Einen Grund dafür lieferte die
vierzehn Tage zuvor erfolgte Ankündigung der Getreuen des
Tempelbergs, sie beabsichtigten, einen symbolischen Eckstein
für den Dritten Tempel zu legen. Muslime riefen zu
Gegendemonstrationen und Widerstand auf. Die Polizei hatte
-469-
der jüdischen Gruppe zu Anfang gesagt, sie dürften jeweils zu
zweit mit einer Polizeieskorte den Berg betreten, aber diese
Erlaubnis wurde später widerrufen. Als die Araber die Polizei
mit Steinen und Flaschen zu bewerfen begannen, die auch einige
an der Klagemauer betenden Juden trafen, kam es zu
Gewalttaten. Niemand wurde dabei ernsthaft verletzt, aber
Polizei und Soldaten reagierten nun mit unverhältnismäßiger
Gewaltanwendung. Einundzwanzig Araber wurden getötet,
davon mehrere hinterrücks erschossen, und über hundert bei den
Zusammenstößen mit israelischen Sicherheitskräften auf dem
Haram verletzt. Es war die größte Anzahl Toter an einem
einzigen Tag im gesamten Verlauf der Intifada, und der Ort, wo
dies geschah, war für alle Muslime eine gewaltige symbolische
Provokation.
Am 13. Oktober verabschiedete der UN-Sicherheitsrat
einstimmig eine Resolution, die «insbesondere die Gewaltakte»
verurteilte, «die von den israelischen Sicherheitskräften
begangen wurden und die Verletzungen und den Verlust von
Leben zur Folge hatten». Die Resolution wies Israel an, sich an
die Vierte Genfer Konvention zu halten, die, wie es darin hieß,
«auf alle von Israel seit 1967 besetzten Gebiete anzuwenden
ist». Des weiteren beschloss der Sicherheitsrat, UN-Beobachter
in den Nahen Osten zu entsenden, die über die Lage berichten
sollten.
53 Die Reaktion der israelischen Regierung auf diese
Ankündigung der Vereinten Nationen ließ keine Reue erkennen.
Kabinettssekretär Yossi Ahimeir verkündete: «Wir werden nicht
mit ihnen zusammenarbeiten.»
54 Diese Entscheidung wurde
zwei Tage später vom Kabinett bestätigt, trotz eines Briefes des
amerikanischen Außenministers James Baker, der davor gewarnt
hatte, Israel werde, wenn es die Zusammenarbeit verweigere,
den Vergleich mit «Saddam Hussein und seiner Ablehnung von
Entscheidungen des UN-Sicherheitsrats» riskieren.
Im Gefolge dieses Massakers eskalierte in Jerusalem der
gegenseitige Hass. In Baqa, im Westteil Jerusalems, wurden
-470-
eine Jüdin, ein Gärtner und ein Polizist von einem Palästinenser
erstochen, der dabei «Gott ist groß» ausrief. Bei der Beerdigung
eines der Toten sagte der israelische Polizeiminister Roni Milo:
«Tritt einer hinzu, um dich zu töten, so stehe auf und töte ihn
zuerst.»
55 Eine israelische Richterkommission, die eingesetzt
worden war, um die Ursachen der Ausschreitungen und den
Umgang mit ihnen zu untersuchen, kam neun Monate später zu
der Schlussfolgerung, dass die Polizei anfangs die Gewalt
provoziert hatte und einige der tödlichen Schüsse eindeutig nicht
gerechtfertigt waren.
56 Gegen keinen der beteiligten
Polizeibeamten wurde Anklage erhoben. Kurz nach der
Veröffentlichung der Kommissionsergebnisse wurde der damals
vor Ort tätige Polizeichef, dessen Vorgehen von der
Kommission nachdrücklich beanstandet worden war, vom
Kommandeur der nationalen Polizei befördert dessen Verhalten
ebenfalls kritisiert worden war.
57
-471-
Die Schlacht der Muftis
Eine der Folgen des Friedensvertrags von 1994 zwischen
Israel und Jordanien war, dass die Kontroverse über den
Tempelberg in die Sphäre der Diplomatie rückte. Der Vertrag
war von den Vereinigten Staaten gefördert worden, und seiner
Unterzeichnung ging eine gemeinsame Erklärung in Washington
voraus. Die Israelis verärgerten die Palästinensische
Autonomiebehörde, weil sie eine Klausel unterbrachten, die
erklärte: «Israel respektiert die gegenwärtige besondere Rolle
des haschemitischen Königreichs von Jordanien in
muslimischen Heiligtümern in Jerusalem. Wenn Verhandlungen
über den permanenten Status stattfinden werden, wird Israel der
historischen jordanischen Rolle in diesen Heiligtümern hohe
Priorität geben.»
58 Ministerpräsident Rabin soll sich für diesen
Artikel eingesetzt und Außenminister Peres, der ihn als einen
unnötigen «Stich in die Augen» für die Palästinenser
betrachtete, sich dagegen ausgesprochen haben.
59 Jassir Arafat
bezeichnete den Artikel als «eine skandalöse Verletzung» des
Abkommens zwischen Israel und der PLO.
60 Aber der
israelische Wohnungsbauminister Benjamin Ben Eliezer, ein
enger Gefolgsmann von Ministerpräsident Rabin, versicherte,
Arafat habe, im Gegensatz zu König Hussein, «keine Rechte
über die Heiligen Stätten in Jerusalem, die immer der alleinigen
Verantwortung der Jordanier unterstanden ».
6l Peres bestritt,
dass der Artikel ein Versuch seitens der Israelis sei, die
Feindseligkeit zwischen Jordanien und der PLO wieder zu
eröffnen oder der palästinensischen Position in Jerusalem den
Boden zu entziehen, aber es fiel schwer, ihn auf eine andere
Weise zu interpretieren. Falls es so war, dann war es ein böser
Rohrkrepierer.
Die PLO richtete zwei förmliche Schreiben an die Vereinten
-472-
Nationen, in denen sie Einspruch gegen den Artikel erhob.
62 Die
Palästinenser entsandten auch eine von Faisal Husayni
angeführte Delegation nach Amman, um dem Anspruch der
Jordanier zu widersprechen, sie verträten bloß das «höhere
islamische Interesse» in der Stadt - eine Funktion, die nach
Meinung der Palästinenser, auch von ihnen selbst hätte erfüllt
werden können. In der Zwischenzeit hatten die Palästinenser
direkte Schritte unternommen, um ihre Kontrolle vor Ort zu
behaupten. Der Minister für Information und Kultur der PLO,
Jassir Abed Rabbo, wurde nach Jerusalem entsandt, um die
waqf-Funktionäre anzuweisen, ihre Besoldung künftig nicht
mehr aus Jordanien entgegenzunehmen. König Husseins
Reaktion darauf war, oberflächlich betrachtet, keineswegs
kleinlaut: «Die Frage der islamischen waqf ist zu wichtig und
gefährlich, als dass man sie missbraucht und damit spielt...
Jordanien wird weiterhin seine Rolle erfüllen, bis es sich ganz
sicher ist, dass alle Rechte gewahrt werden.»
63 Aber diese
Aussage ließ sich, so wie viele andere Äußerungen des Königs,
auch zweideutiger auslegen: Sie bestand zwar, wie es sich
gehörte, auf den jordanischen Vorrechten, ließ sich aber so
interpretieren, als deute sie die Möglichkeit eines jordanischen
Rückzugs an, falls dies ohne Gesichtsverlust geschehen könnte.
Den Palästinensern war allerdings nicht danach zumute,
Jordanien einen eleganten Rückzugsweg zu liefern. Stattdessen
gab die Palästinensische Autonomiebehörde am 17. September
1994 eine Erklärung ab, wonach alle islamischen Heiligtümer,
Moscheen und Schulen in Ostjerusalem, im Westjordanland und
im Gazastreifen ihrer Oberhoheit unterstanden. Sie setzte den 1.
Oktober als Datum für den Übergang von der jordanischen zur
palästinensischen Oberhoheit fest und ernannte den seit langem
amtierenden waqf-Beamten Hassan Tahboub zum Minister für
islamische Angelegenheiten, der für sämtliche muslimische
Einrichtungen einschließlich des Haram al-Scharif zuständig
sein sollte.
64 Diese Reaktion der Palästinenser führte zu einer
-473-
Verhärtung der jordanischen Position und zu einer scharfen
Antwort von König Hussein. In einer offenkundigen Anspielung
auf die Ermordung seines Großvaters König Abdullah durch
einen Palästinenser im Jahre 1951, ein Vorfall, dessen Zeuge er
selbst war, sagte Hussein vor dem jordanischen Parlament:
Die Jordanier haben sich nie vor den Toren von Jerusalem
und seiner heiligen Al-Aqsa-Moschee verbeugt, es sei denn, um
vor Gott niederzuknien oder zu seinem Ruhm als Märtyrer zu
sterben. Jerusalem bleibt in der Treuhandverwaltung der
Haschemiten, die zu seiner Förderung und Wiederherstellung
und zur Beaufsichtigung ihrer Heiligen Stätten entschlossen
sind. Unsere religiösen Verantwortlichkeiten gegenüber den
heiligen Stätten werden wir niemals und unter keinen
Umständen aufgeben.
65
Auf dem Höhepunkt dieser Auseinandersetzung starb der
Mufti von Jerusalem, Suleiman Jaabari. Wie 1920 bei der
Ernennung von Hadsch Amin al-Husayni zum Mufti wurde die
Berufung eines Nachfolgers auch diesmal zum Brennpunkt eines
Wettbewerbs, der neue Machtverhältnisse im arabischen
Jerusalem ans Licht brachte. Der Vergleich mit 1920 ist auch in
anderer Hinsicht lehrreich. Damals hatten es die britischen
Mandatsbehörden sehr genau damit genommen, die äußere
Form einer Wahl gemäß dem aus der osmanischen Zeit ererbten
Recht zu wahren - während man insgeheim Maßnahmen ergriff,
um sicherzustellen, dass das Ergebnis den politischen
Bedürfnissen der Briten entsprach.
66 1994 lief die Prozedur ohne
den Anstrich einer Wahl ab. Jordanier wie Palästinenser
schritten sogleich zur direkten Ernennung eines neuen Mufti.
Die Jordanier beriefen Scheich Abd al-Qadder Abdin, die
Palästinenser Scheich Ikrima Sabri, einen ehemaligen waqf-
Funktionär.
-474-
Es folgte ein verbissen geführter Wettstreit um den Vorrang
zwischen den rivalisierenden Muftis. Sabri, der zuvor Prediger
in der Al-Aqsa-Moschee war, konnte sich die offiziellen
Amtsräume des Mufti sichern; Abdin hingegen musste sich mit
einem kleinen Zimmer neben der Moschee begnügen, wo, wie
es hieß, «ihn niemand aufsuchte».
67 Überall im Westjordanland
fanden Massendemonstrationen statt, wobei Fatah-Anhänger
Parolen wie «Jerusalem gehört uns» und «Hussein, du Feigling,
du Agent der Amerikaner» schrien.
68 Nach monatelangem
erbitterten Hin und Her kam eine zusammengestoppelte
Einigung zustande: Jordanien würde auch weiterhin eine Rolle
spielen, die vor allem darin bestand, dass es die Gehälter der
Jerusalemer waqf-Funktionäre bezahlte, aber die
Palästinensische Autonomiebehörde würde das Ganze
übernehmen, sobald eine permanente Regelung mit Israel
getroffen wäre.
69
Kaum war die Tinte auf dem Vertragspapier trocken, brach
die Kontroverse erneut aus. Der Beginn des Ramadan auf dem
Haram geschah an einem Tag, den Sabri, der von den
Palästinensern ernannte Mufti, gutgeheißen hatte; er hielt sich
dabei an eine Meldung saudi-arabischer Experten, dass man den
Neumond gesichtet habe, statt an die Beobachtungen des
jordanischen Wetterdienstes. Um keinerlei Zweifel an der
allgemeineren Bedeutung dieser Entdeckung aufkommen zu
lassen, verkündete er: «Die Palästinenser kontrollieren die Al-
Aqsa-Moschee und nehmen von den Jordaniern keine
Anweisungen mehr entgegen.»
70 Der «jordanische» Mufti wurde
ignoriert und gedemütigt - und verschwand bald darauf ganz von
der Bildfläche. Sabri gewann rasch an Autorität hinzu. Seine
feurigen Predigten verschafften ihm viel Zuspruch; er legte sich
die Bezeichnung «Mufti von Palästina» statt bloß «von
Jerusalem» zu - eine Position, die es bislang noch nie gegeben
hatte, die aber bei palästinensischen Islamisten wie
Nationalisten wohlgefällig aufgenommen wurde. Vor diesem
-475-
Hintergrund palästinensisch-nationalistischer Anmaßung
hinsichtlich des Haram und der muslimischen Institutionen in
Jerusalem taten die Israelis einen weiteren unvorsichtigen
Schritt.
Am 25. September 1996 öffnete Israel einen gut hundert
Meter langen archäologischen Tunnel unterhalb der Westecke
des Tempelbergs. Genehmigt worden war die Öffnung des
Tunnels von Premierminister Netanjahu und Bürgermeister
Olmert, der ihn «ein großes Geschenk für die Menschheit»
nannte. Die Palästinenser und ein Großteil der übrigen Welt
sahen darin viel eher eine Provokation. Wieder brachen in
Jerusalem, im Westjordanland und im Gazastreifen gewaltsame
Demonstrationen aus. Fünfundsiebzig Palästinenser wurden von
israelischen Soldaten getötet; auch fünfzehn Soldaten fanden
den Tod. Die Palästinensische Autonomiebehörde rief zur
Trauer um die «Märtyrer von Al-Aqsa» auf. In einem von Rache
motivierten Anfall ausgräberischer Geschäftigkeit gab die
Autonomiebehörde ein paar Wochen später ihre Absicht
bekannt, eine neue Gebetshalle unter der Al-Aqsa-Moschee
auszuheben.
Als 1997 palästinensische und israelische Websites im
Internet einander widersprechende Versionen der Kontroverse
veröffentlichten, hatten die Auseinandersetzungen um den
Tempelberg nun auch die Ebene der virtuellen Realität erreicht.
Für jüdische Gruppen blieb der Tempelberg sowohl Ziel
friedlicher Proteste, besonders von Versuchen, sich dort zum
Gebet zu versammeln, als auch terroristischer Attacken. Im
Februar 1999 berichtete die israelische Polizei, sie habe in den
beiden vergangenen Monaten fünf Angriffe auf den Tempelberg
vereitelt.
71 Im April dieses Jahres brachten die Getreuen des
Tempelbergs auf einem Hügel oberhalb des Tempelbergs ein
«Pessachopfer» mit einer jungen Ziege dar. Dass es am
Tempelberg und an der Westmauer immer wieder zu
Gewaltausbrüchen kam, zeigte an, welche tiefe symbolische
-476-
Bindung Islam und Judentum an diese Orte haben. Dass jegliche
dauerhafte Lösung der Jerusalem-Frage nicht nur das alte
Problem der christlichen Heiligen Stätten beizulegen hätte,
sondern auch das neuere und noch brennendere der
muslimischen und jüdischen, war unverkennbar.
-477-
Die Logik des Feilschens
Dies war der Grund, weshalb die Konferenz von Camp David
der Lösung dieses Problems so große Wichtigkeit beimaß.
Wirklich revolutionär war der israelisch-amerikanische
Vorschlag, wonach den Juden das Gebet auf dem Tempelberg
erlaubt und möglicherweise ein gesonderter Bereich des Areals
dafür vorgesehen werden sollte. Dies bedeutete einen
drastischen Bruch mit dem Status quo und eine radikale Abkehr
von der muslimischen wie von der jüdischen Tradition - und
überdies auch von der Politik aller israelischen Regierungen seit
1967 Ministerpräsident Baraks Beweggründe, dafür einzutreten,
sind nicht bekannt. Es steht zu vermuten, dass er diese
Forderung, wenn sie sich denn durchsetzen ließe, als eine
Errungenschaft betrachtet, die ihm helfen würde, die Opposition
der Nationalisten gegen seine Zugeständnisse in anderen,
wichtigeren Punkten - wie etwa dem territorialen Rückzug aus
dem Westjordanland, der Flüchtlingsfrage und Jerusalem - zu
mildern. In der Forderung, Juden ein Recht zum Gebet auf dem
Tempelberg zu gewähren, sahen die Muslime sofort den «Fuß in
der Tür», mit dem die Juden letztlich versuchen würden, sich die
Kontrolle über den gesamten Tempelberg zu verschaffen. Man
bemerkte auch, dass der Vorschlag eines jüdischen Betern
vorbehaltenen Geländeteils auf einer irrigen Vorstellung von der
Heiligkeit des Areals in den Augen der Muslime beruhte: Nicht
dieses oder jenes Bauwerk auf dem Haram, sondern die
Gesamtheit des umfriedeten Areals ist eine Moschee und eine
Heilige Stätte des Islam.
72
Im Nachgang der gescheiterten Konferenz von Camp David
versuchte Barak, sich bei seinen politischen Widersachern damit
beliebt zu machen, dass er sich darauf festlegte, er würde
«unsere heiligen Werte» niemals den Palästinensern ausliefern»
-478-
(später fiel auf, dass er nicht gesagt hatte, er würde sie auch
keinem anderen überlassen wie etwa dem UN-Sicherheitsrat).
Auf einer Blitztour durch befreundete Staaten wurde Arafat von
Russland behutsam in Richtung auf einen Kompromiss
gedrängt. Falls er aber gehofft haben sollte, dass ihm die
arabischen Staaten dafür Rückendeckung geben würden, wurde
er enttäuscht. Der ägyptische Präsident Hosni Mubarak warnte:
«Jeder Kompromiss über Jerusalem wird bewirken, dass die
Region in einer Weise explodiert, die sich nicht kontrollieren
lässt, und der Terrorismus wird erneut ansteigen... Kein Einziger
in der arabischen oder islamischen Welt kann Ostjerusalem oder
die Al-Aqsa-Moschee verscherbeln.»
73 Von Saudi-Arabien hieß
es, es sei gegen jegliches Zugeständnis hinsichtlich Jerusalem.
Im Iran teilte Außenminister Kamal Karrazi Arafat mit: «Kein
Muslim kann erlauben, dass das heilige Jerusalem besetzt bleibt,
und die Organisation der Islamischen Konferenz wird niemals
zulassen, dass ein Handel über Jerusalem abgeschlossen wird.»
74
Und die syrische Zeitung al- Thawra vertrat die Meinung, es sei
gefährlich, «das besetzte al-Quds zum Gegenstand der Logik des
Feilschens zu machen».
75
Eine der Vorstellungen, die im Gefolge des Gipfeltreffens
herumgeisterten, war der Vorschlag des Lateinischen
Patriarchen von Jerusalem, Michel Sabbah, man solle Gott die
Souveränität über den Tempelberg übertragen. Bürgermeister
Olmert und der ägyptische Präsident Mubarak zeigten sich
interessiert, und der Gedanke erregte eine weitgespannte
internationale Debatte - bis Rechtsexperten auf gewisse
technische Schwierigkeiten hinwiesen. Ein weiterer Vorschlag,
der von den Amerikanern kam, sah vor, den Berg in vier
Bereiche zu teilen, von denen jeder der Kontrolle einer jeweils
anderen Behörde unterstellt werden solle. Die vier Areale waren
1. der Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee, 2. der Platz des
Haram al-Scharif, 3. die Außenmauer und 4. die «unterirdischen
Räume».
76 Einer anderen Idee zufolge, die wohl von den Israelis
-479-
stammte, hätte man einen Tunnel zwischen dem Haram und den
arabischen Wohngebieten in Ostjerusalem bauen sollen, um
Muslimen den Zugang zu erleichtern, ohne dass sie sich dabei
israelischen Sicherheitskontrollen unterziehen müssten. «Sind
wir denn Mäuse, dass wir durch unterirdische Schlupflöcher
krabbeln müssen, um zu unseren Heiligen Stätten zu gelangen?»
fragte ein palästinensischer Sprecher.
77
Je weiter hergeholt die unterbreiteten Vorschläge waren, in
desto weitere Ferne schien eine Beilegung dieses großen
symbolischen Disputs direkt im Herzen Jerusalems zu rücken.
Dann kam der 28. September 2000, und es begann die «Al-
Aqsa-Intifada».
-480-
EPILOG: DIE IRDISCHE STADT
Gibt es für die Jerusalem-Frage eine Lösung? Oder müssen
seine Einwohner und ihre Mitstreiter zwangsläufig einen
endlosen Krieg gegeneinander führen, der immer erbitterter
wird, je deutlicher es sich abzeichnet, dass keine der Seiten
einen totalen Sieg erringen kann? Lässt sich, auch wenn seit
September 2000 der kollektive Hass wie aus einem Vulkan
ausgebrochen ist, noch ein Weg zu einer friedlichen Einigung
finden?
-481-
Puzzlespiel-Lösungen
Können Rechtswissenschaft und Politologie zum Frieden
verhelfen? Die Debatte über die völkerrechtliche Stellung
Jerusalems ist zumeist in der Form parteiischer Plädoyers
geschehen. Es gibt eine ganze Menge Literatur, die israelische
oder arabische Interessen vertritt, aber sie ist deprimierend
engstirnig und unrealistisch.
1 Auf die mit dem Jerusalem-
Problem befassten politischen Hauptakteure hat sie wenig
Einfluss gehabt - es sei denn, dass diese, wie gelegentlich
geschehen, aus politischen Gründen auf legalistische Argumente
zurückgriffen. Der Völkerrechtler Rodman Bundy hat denn auch
die Ansicht vertreten, «zwar sollte jede Seite ihre rechtlichen
‹Hausaufgaben› machen, um ihre Ansprüche zu rechtfertigen...,
aber die Sache verlangt eher eine schöpferische diplomatische
Lösung, die von den strikten Zwängen des Rechts frei gehalten
wird».
2
Wie steht es mit solchen schöpferischen Lösungen? In fast
schwindelerregender Zahl und Vielfalt wurden sie in den letzten
Jahren von Politikwissenschaftlern und anderen Experten
vorgelegt. Eine 1995 veröffentlichte Untersuchung stellte
dreiundsechzig derartige Vorschläge zusammen.
3 Zu den in
diesem Buch noch nicht erörterten Konzepten gehören unter
anderem die folgenden:
- Jerusalem solle Hauptstadt einer arabisch- israelischen
Konföderation werden (Professor Joëlle Le Morzellec, 1979).
- Die dreifache Teilung: Westjerusalem an Israel;
Ostjerusalem als Hauptstadt von Palästina; die Altstadt unter
internationaler Kontrolle (Professor Gerald Draper, 1981).
- Das vereinigte Jerusalem bleibt die Hauptstadt Israels, wird
-482-
aber zum Sitz gemeinsamer Einrichtungen einer Israelisch-
Jordanisch-Palästinensischen Konföderation (Gideon Rafael,
israelischer Botschafter, 1983).
- Jerusalem als Kondominium Israels und Palästinas sowie als
gemeinsame und ungeteilte Hauptstadt beider Staaten (John V.
Whitbeck, Völkerrechtler, 1989).
- Jerusalem verbleibt unter israelischer Oberhoheit, aber mit
«Stadt-Kreis-Regelungen», «föderierten Stadtverwaltungen»,
und/oder «Wohnbezirksprogrammen» oder anderen
Maßnahmen, um die Bedürfnisse «unterschiedlicher ethnischer,
religiöser und/oder ideologischer Gruppen» zu befriedigen
(Professor Daniel Elazar, 1991).
- Die Stadt wird Hauptstadt von Israel und Palästina, unterteilt
durch «imaginäre Souveränitätslinien» mit zwei gesonderten
Stadträten sowie einer übergreifenden Stadtverwaltung (Sari
Nusseibeh und Mark Heller, palästinensischer bzw. israelischer
Intellektueller, 1991).
- Vervierfachung des Stadtgebiets durch Einbeziehung von
Bereichen Israels und des Westjordanlandes; Schaffung von
zwanzig Stadtverwaltungen sowie einer «Charta von Jerusalem»
als Verfassung; israelische, palästinensische und/oder
Jerusalemer Flaggen werden aufgezogen (Cecilia Albin,
Doktorandin; Moshe Amirav, Jerusalemer Stadtrat der Schinui-
Partei; Hanna Siniora, palästinensischer Christ und Redakteur
der Zeitung al-Fajr, 1992.).
Mit dieser Liste ist aber das schöpferische
Vorstellungsvermögen hinsichtlich der Jerusalem-Frage bei
weitem noch nicht erschöpft. Saul Cohen vom New Yorker
Queen's College schlug ein «fünfstöckiges Jerusalem» vor, in
welchem die unterschiedlichen ethnischen Gruppen Autonomie
unter israelischer Souveränität genießen sollten. König Hussein
wollte Jerusalem als eine «offene Stadt des Friedens». Walid
Khalidi bestand weiterhin auf seinem Plan einer ungeteilten
-483-
Stadt, die für Israelis wie für Palästinenser die Hauptstadt wäre.
Der prominente israelische Araber Ahmad Tibi, der eine Zeit
lang der Berater Arafats war, schlug 1998 vor, die Frage der
Souveränität zu vertagen, «jedoch als ersten Schritt eine
gesonderte palästinensische Stadtverwaltung in Ostjerusalem zu
etablieren».
4 Chaja Beckerman vom Truman Institute for Peace
an der Hebräischen Universität schlug als Vorbild die Stadt
Chandigarh in Indien vor, die zwei indischen Ländern, Haryana
und Punjab, als Hauptstadt dient, weil Lahore, die ursprüngliche
Hauptstadt von Punjab, 1947 an Pakistan fiel.
5 Andere
wiederum schlugen vor, Jerusalem zu einem gesonderten
Hauptstadtgebiet zu machen, so wie Washington DC und
Canberra.
Viele dieser Vorschläge haben zwar etwas für sich, aber
letztlich sind es doch wackelige Puzzlespiel-Lösungen, die ein
tiefgreifendes Problem zwischenmenschlicher Beziehungen
lösen sollen. Kein einziger Vorschlag ist von einer der am
Konflikt beteiligten Parteien aufgegriffen worden, geschweige
denn von beiden.
Tabelle 3: Die Bevölkerung der Altstadt Jerusalems (1914-2000)
Jahr Bevölkerung
1914 35000
1922 22247
1931 25183
1967 27675
2000 33700
Quellen: für 1914: Yehoshua Ben-Arieh, Jerusalem in the 19th
Century: Emergence of the New City, Jerusalem 1986, S. 448; für
1922 und 1931: Volkszählung der Mandatsverwaltung von Palästina;
für 1967: Gideon Weigert, Israel's Presence in East Jerusalem,
Jerusalem 1973, S. 18; für 2000: Zentrales Statistikamt Israel.
-484-
Clintons Erbe
Bei einem Treffen mit israelischen und palästinensischen
Vertretern im Weißen Haus trug Präsident Clinton am 23.
Dezember 2000 seine eigenen Ideen vor, um die Kluft zwischen
den beiden Seiten zu überbrücken. Grundlage seiner Vorschläge
war die Annahme, dass im Westjordanland und Gazastreifen ein
palästinensischer Staat gegründet werde und die Israelis sich
ganz aus dem Gazastreifen zurückziehen würden. Israel würde
sich aus 94 bis 96 Prozent des Westjordanlands zurückziehen.
Das restliche Westjordanland mit ungefähr 8o Prozent der
israelischen Siedler würde von Israel annektiert werden. Der
palästinensische Staat würde «als Ausgleich dafür Land
bekommen, und zwar 1 bis 3 Prozent zusätzlich zu den
territorialen Vereinbarungen, so etwa einen dauerhaft sicheren
Korridor» zwischen dem Westjordanland und dem Gazastreifen.
Der neue Staat wäre Rüstungsbeschränkungen unterworfen, und
im Westjordanland würde Israel drei Vorwarnstationen
unterhalten. Israel würde «die moralischen und materiellen
Beschädigungen anerkennen, die dem palästinensischen Volk
als Ergebnis des Krieges von 1948 zugefügt wurden», und das
Problem der palästinensischen Flüchtlinge würde gelöst werden
nach «dem Leitprinzip, dass der palästinensische Staat der
Brennpunkt derjenigen Palästinenser sein sollte, die sich für die
Rückkehr in das Gebiet entscheiden». Beide Seiten wären sich
einig, dass «die Vereinbarung eindeutig das Ende des Konflikts
markiere und ihre Verwirklichung sämtlichen Ansprüchen ein
Ende bereite». Zu Jerusalem schlug der Präsident vor:
Zugrunde gelegt wird das Prinzip, dass arabische Gebiete
palästinensisch und jüdische israelisch sind. Dies würde auch für
die Altstadt gelten. Ich fordere beide Seiten auf, Karten
-485-
auszuarbeiten, um für beide Seiten so viel zusammenhängende
Gebiete zu schaffen, wie maximal möglich ist.
Hinsichtlich des Haram/Tempelbergs glaube ich, dass die
Differenzen nicht mit der praktischen Verwaltung zu tun haben,
sondern mit symbolischen Souveränitätsfragen und mit dem
Problem, einen Weg zu finden, den religiösen Anschauungen
beider Seiten Respekt zu erweisen.
Ich weiß, dass sie eine Reihe von Formulierungen erörtert
haben... Ich füge diesen zwei weitere Formulierungen hinzu, die
den Palästinensern die effektive Kontrolle des Haram
garantieren und dabei doch die Überzeugungen des jüdischen
Volkes respektieren. Hinsichtlich beider Formulierungen sollen
internationale Beobachter postiert werden, die für gegenseitiges
Vertrauen sorgen:
1. Die palästinensische Souveränität über den Haram und die
israelische Souveränität über a) die Westmauer und den für das
Judentum heiligen Raum, dessen Teil sie ist, oder b) die
Westmauer und das Allerheiligste, dessen Teil sie ist.
Beide Parteien werden sich bindend verpflichten, keine
Ausgrabungen unterhalb des Haram oder hinter der Westmauer
durchzuführen.
2. Die palästinensische Souveränität über den Haram und
israelische Souveränität über die Westmauer sowie geteilte
funktionale Souveränität hinsichtlich der Frage von
Ausgrabungen unterhalb des Haram und hinter der Mauer, so
dass beidseitige Zustimmung erforderlich wäre, bevor eine
Ausgrabung stattfinden kann.
6
-486-
Palästinenser tragen auf dem Tempelberg in Jerusalem einen bei
Zusammenstößen mit der israelischen Polizei verletzten
Demonstranten fort, Oktober 2000.
Betende Muslime, während israelische Soldaten in der Zeit der «Al-
Aqsa-Intifada» Männern unter 45 Jahren den Zutritt zu den Heiligen
Stätten der Muslime verwehren, Jerusalem im Oktober 2000.
-487-
Clintons Vorschläge wurden nicht in einem formellen
Dokument festgehalten, sondern mündlich vorgetragen und
«nicht niedergeschrieben» (obwohl in Wirklichkeit wörtliche
Mitschriften angefertigt wurden). Man wollte damit andeuten,
dass die Vorschläge einen Rahmen für weitere, vertiefende
Gespräche abgeben sollten und keinen fix und fertigen Vertrag
darstellten. Viele untergeordnete Probleme blieben für weitere
Verhandlungen offen: Hinsichtlich Jerusalem ging der Präsident
beispielsweise nicht näher auf so schwierige Fragen wie den
Verlauf der Stadtgrenze oder die Form der städtischen
Verwaltung ein.
Die israelische Reaktion war insgesamt positiv - obwohl
Barak öffentlich feststellte, dass er die Souveränität über den
Tempelberg nicht den Palästinensern übertragen werde. Die
Palästinenser hatten grundsätzlichere Vorbehalte gegenüber dem
Plan. In der israelischen und (sogar mehr noch) in der
palästinensischen öffentlichen Meinung war die unmittelbare
Reaktion ablehnend - was die Frage aufwarf, ob die gegenseitige
Feindseligkeit inzwischen nicht derart tief verwurzelt war, dass
sie jegliche rasche Möglichkeit einer diplomatischen Lösung
ausschloss.
-488-
Die öffentliche Meinung der Israelis und
der Palästinenser
Israel und Palästina sind fürwahr keine makellosen
Demokratien. Dennoch hat für beide die öffentliche Meinung
ziemliches Gewicht. Trotz der Interessen von Außenstehenden -
darunter die Großmächte, die Vereinten Nationen, der Vatikan,
die orthodoxen und protestantischen Kirchen, die arabischen
und muslimischen Länder, das weltweite Judentum und viele
andere - liegt das Schicksal Jerusalems heute in erster Linie in
der Hand des israelischen und des palästinensischen Volkes oder
vielmehr, was das letztere anbetrifft, vornehmlich der in
Jerusalem, im Westjordanland und im Gazastreifen lebenden
Palästinenser. Was lässt sich über diese beiden öffentlichen
Meinungen sagen?
Erstens sind beide in hohem Maße unbeständig. Besonders die
Erfahrung der letzten beiden Jahrzehnte zeigt, dass beide
anfällig sind für maßlose, kollektive emotionale Pendelschläge -
vor allem als Reaktion auf Gewalt. Die enorme Verschiebung in
der israelischen öffentlichen Meinung zwischen November 1995
(der Ermordung Rabins) und Mai 1996 (der Wahl Benjamin
Netanjahus), die eindeutig hauptsächlich durch die
terroristischen Bombenattentate in der Zwischenzeit verursacht
war, veranschaulicht diesen Sachverhalt. Ein weiterer Beweis
dafür sind die gewaltigen Auswirkungen, die Vorgänge wie das
Massaker auf dem Tempelberg vom 8. Oktober 1990 und die
Al-Aqsa-Intifada auf die Gemüter der Palästinenser hatten.
Zweitens ist die öffentliche Meinung bei beiden in
unterschiedliche Sektoren unterteilt, die unterschiedlich auf
externe Reize reagieren. Im Fall von Israel muss man besonders
zwischen der säkularen und der religiösen öffentlichen Meinung
-489-
unterscheiden - oder, vielleicht noch spezifischer, zwischen der
säkularen, traditionellen und ultraorthodoxen Meinung. Bei den
Palästinensern zählt die alte Scheidegrenze zwischen Muslimen
und Christen kaum mehr: Christen machen nur noch knapp zwei
Prozent der arabischen Bevölkerung Jerusalems und des
Westjordanlandes aus. Die Barrieren zwischen israelischen
Arabern und den anderen Palästinensern bleiben bestehen -
obwohl die Al-Aqsa-Intifada dazu beitrug, beide
zusammenzuführen. Ausschlaggebender ist die tiefgehende
soziale und kulturelle Kluft zwischen den Bewohnern der
Flüchtlingslager und anderen Palästinensern, das psychologische
Schisma zwischen den Palästinensern in der Diaspora und jenen,
die noch im Lande leben, die geographische Spaltung zwischen
Gazastreifen und Westjordanland sowie die sozio-ökonomische
Kluft zwischen Stadtbewohnern und Fellachen (Bauern). Die
arabische Bevölkerung Jerusalems und der benachbarten Städte
Ramallah und Bethlehem repräsentiert eine Art Elite: Insgesamt
sind sie der am besten ausgebildete, am stärksten verwestlichte,
wirtschaftlich avancierteste und politisch kundigste Teil der
palästinensischen Bevölkerung. Aber sie allein können die
Jerusalem-Frage nicht entscheiden.
Tabelle 4: Die Bevölkerung der Altstadt Jerusalems nach
Stadtvierteln (2000)
Viertel Juden Muslime Christen Gesamt
Jüdisches 1 800 500 0 2300
Armenisches 700 500 1200 2400
Muslimisches 400 21 900 1400 23700
Christliches 200 1200 3900 5300
Gesamt 3 100 24 100 6500 33700
Quelle: Zentrales Statistikamt Israel
-490-
Seit die Jerusalem-Frage in den Verhandlungen zwischen
Israelis und Palästinensern an vorderste Stelle gerückt ist, lassen
sich in der palästinensischen öffentlichen Meinung mehrere
Strömungen erkennen:
1. Der vielleicht mächtigste Faktor ist der Islam - nicht jene
abnorme Abweichung einer extremistischen Minderheit, die als
Selbstmordattentäter Heiligkeit erlangen möchten, sondern die
feierliche Schlichtheit des Glaubens der Anhänger einer großen
Weltreligion. Jerusalem ist für muslimische Palästinenser
jeglicher Herkunft ein zentraler religiöser Bezugspunkt.
2. Jerusalem ist für palästinensische Araber in erster Linie die
Altstadt und der Haram al-Scharif. Dies hat zum Teil
historische, zum Teil demographische Gründe. Muslime machen
heute die überwältigende Mehrheit der Einwohner der Altstadt
aus (siehe Tabelle 4). Ein al-Quds, zu dem nicht der Haram und
zumindest jene Viertel der Altstadt gehörten, in denen die
Araber in der Mehrheit sind (d. h. das muslimische und das
christliche Viertel), wäre in palästinensischen Augen ein
verstümmeltes Zerrbild.
3. Die Besonderheiten der arabischen Bevölkerung von
Jerusalem, die sich sowohl in ihren politischen Führungsfiguren
als auch in dem Umstand widerspiegeln, dass sie, mehr als das
übrige palästinensische Volk, sogar mehr als die meisten
israelischen Araber, mit der kulturellen und politischen Elite
Israels auf Tuchfühlung lebt, ermöglichen ihre einzigartige
Rolle. Dies ist aber nur dann möglich, wenn sie nicht politisch
neutralisiert bleiben, wie sie es von 1967 bis in die frühen
neunziger Jahre waren.
Bei Meinungsumfragen unter Palästinensern haben sich scharf
ausgeprägte Abweichungen und Wendungen in den
Einstellungen gegenüber dem Friedensprozess gezeigt.
Besonders stark haben sich in dieser Wechselhaftigkeit
kollektive Reaktionen auf Gewalt niedergeschlagen. Als die
verlässlichsten Meinungsumfragen im Westjordanland und im
-491-
Gazastreifen gelten gemeinhin jene des Jerusalemer Zentrums
für Medien und Kommunikation. Eine im Juni 2000
durchgeführte Umfrage spiegelt die damalige allgemeine
Stimmung der Palästinenser wider. Es ergab sich folgendes
Meinungsbild:
- Geringes Vertrauen in die palästinensische Führung: Zwar
blieb Arafat der populärste Führer, aber nur 32 Prozent der
Befragten gaben an, dass sie ihm vertrauten.
- Neunzig Prozent meinten, dass innerhalb der
Palästinensischen Autonomiebehörde Korruption herrsche.
- Ein Drittel der Befragten meinte, dass die palästinensische
Führung «zu anderen Mitteln als zu Friedensverhandlungen, wie
etwa Konfrontationen und Widerstand, greifen solle, falls
Palästinenser und Israelis bis September 2000 nicht zu einem
endgültigen Abkommen gelangten».
7
In der Umfrage wurde auch die folgende Frage zu Jerusalem
gestellt:
Während der gegenwärtigen abschließenden
Statusverhandlungen über Jerusalem gibt es Vorschläge für
Kompromisslösungen einschließlich der folgenden: Die
Palästinensische Autonomiebehörde wird die völlige
Verantwortung über religiöse Stätten, die Al-Aqsa-Moschee und
das Heilige Grab sowie die administrative Verantwortung über
Ostjerusalem haben. Zur Hauptstadt Palästinas werden Teile
Jerusalemer Wohngebiete wie etwa Abu Dis, während die
endgültige Lösung der politischen Zukunft Ostjerusalems in die
Zukunft vertagt wird. Was halten Sie von diesem
Lösungsvorschlag?
Nur sechs Prozent der Befragten waren bereit, einem solchen
Vorschlag zuzustimmen. Weitere 26 Prozent räumten ein, dass
er «geprüft und eindringlich bedacht werden sollte, bevor man
-492-
darüber zu einer Meinung käme». Die überwältigende Mehrheit
jedoch, nämlich 62 Prozent, antwortete, der Vorschlag sei
«inakzeptabel».
Eine weitere Umfrage, die vom Programm für
Entwicklungsstudien der Bir Zeit Universität im November
2000 im Westjordanland und Gazastreifen veranstaltet wurde,
lieferte Belege für die Radikalisierung und Polarisierung der
palästinensischen Öffentlichkeit nach dem Ausbruch der Al-
Aqsa-Intifada. Drei Viertel der Befragten waren für die
Fortsetzung der Intifada - obwohl manche meinten, sie solle
«mit friedlichen Mitteln» geführt werden. Sechzig Prozent
waren der Ansicht, es gebe «keine Chance für eine friedliche
Koexistenz zwischen Palästinensern und Israelis», während nur
noch 33 Prozent an eine solche Chance glaubten. 92 Prozent
hielten einen Frieden ohne Ostjerusalem als Hauptstadt eines
palästinensischen Staates für unmöglich. Noch verblüffender ist,
dass 74 Prozent nicht bereit waren, die israelische Souveränität
über Westjerusalem anzuerkennen, selbst wenn Ostjerusalem
palästinensischer Souveränität unterstellt würde; nur 21 Prozent
sprachen sich für eine solche Teilung der Souveränität über die
Stadt aus. Aber selbst jetzt noch gab es für die
Friedensarchitekten einen gewissen Grund zum Optimismus: 58
Prozent sagten, sie seien für die Fortsetzung des
Friedensprozesses auf der Grundlage der UN-Resolutionen. Eine
im Juni 2001 durchgeführte Meinungsumfrage des Jerusalemer
Medienzentrums belegte eine weitere Radikalisierung. Während
noch 38 Prozent künftige Friedensvereinbarungen mit Israel
befürworteten, sprachen sich 54 Prozent gegen das Osloer
Abkommen aus.
Diese Ergebnisse zeigen die Grenzen und Zwänge auf,
innerhalb derer die palästinensische Führung agiert, und die
Enttäuschungen, die zu einem Wiederaufleben der
palästinensischen Rebellion führten. Man muss aber betonen,
dass solche Meinungsumfragen nur eine Momentaufnahme sind.
-493-
Seit 1993 hat die Mehrheit der Palästinenser die Bereitschaft
gezeigt, Vereinbarungen einzuha lten, vorausgesetzt, dass diese
von der Führung der Palästinensischen Autonomiebehörde
erfolgreich vorgetragen werden - und wenn die Emotionen nicht
durch Gewalttaten hochgepeitscht sind.
Die israelische öffentliche Meinung ist in fünf Teile geteilt:
die der säkularen Linken, der nationalistischen Rechten, der
Nationalreligiösen, der Ultraorthodoxen und der israelischen
Araber. Und doch gibt es in bezug auf Jerusalem eine
Minimalposition, die, grob gesprochen, die meisten Mitglieder
der beiden erstgenannten Gruppen eint, die Israels stärkste
politische Kräfte repräsentieren, und auch einige aus den
anderen drei Gruppen. Dieser Grundkonsens wurde im Januar
1997 von einer gemeinsamen Kommission von Likud- und
Arbeiterblock-Mitgliederader Knesset formuliert, der Jossi
Beilin vom Arbeiterblock und Michael Eitan, ein führender
Likud-Abgeordneter, vorstanden. In dem vereinbarten Papier,
das sich mit dem ganzen Spektrum der für den Frieden
entscheidenden Fragen befasste, war über Jerusalem zu lesen:
1. Jerusalem, die Hauptstadt Israels, wird mit seinen
bestehenden städtischen Grenzen eine einzige, vereinigte Stadt
im souveränen Israel sein.
2. Die Palästinenser werden Jerusalem als die Hauptstadt
Israels anerkennen, und Israel wird das regierende Zentrum der
palästinensischen Entität anerkennen, das sich innerhalb der
Grenzen der Entität und außerhalb der bestehenden Stadtgrenzen
von Jerusalem befinden wird.
3. Muslimischen und christlichen Heiligen Stätten in
Jerusalem wird ein Sonderstatus eingeräumt.
4. Im Rahmen der städtischen Verwaltung werden die
palästinensischen Einwohner arabischer Wohngegenden in
Jerusalem einen Status erhalten, der ihnen ermöglichen wird, an
-494-
der Verantwortung für die Gestaltung ihres Lebens in der Stadt
teilzuhaben.
8
Diese Formulierung wäre mit der Vereinbarung zwischen
Beilin und Abu Mäzen vereinbar, wenn auch in einem
eingeschränkten Sinn und mit Vorbehalten. Obwohl dieser Text
weder vom Likud noch vom Arbeiterblock formell bestätigt
wurde, galt er doch allgemein als eine Verständigungsbasis für
eine potentielle Regierung der nationalen Einheit.
Ungeachtet all dessen, was zur Zeit der Konferenz von Camp
David über Baraks Mut gesagt wurde, in bezug auf Jerusalem
sich über die öffentliche Meinung der Mehrheit hinauszuwagen,
gab es über mehrere Jahre hinweg Indizien für eine wachsende
diesbezügliche Flexibilität in Israel. Eine zwischen September
1995 und Januar 1996 von Elihu Katz von der Hebräischen
Universität und Schlomit Levy vom angesehenen, politisch
ungebundenen Guttman-Zentrum für angewandte
Sozialforschung durchgeführte Umfrage erbrachte in dieser
Hinsicht einige überraschende Zahlen. Die Umfrage förderte
zutage, dass zwar 80 Prozent der Israelis nicht bereit waren,
Verhandlungen mit den Palästinensern über die Zukunft
Jerusalems in Betracht zu ziehen, aber ihre Bindung an die Stadt
eher abstrakt als konkret war. Dazu aufgefordert, jene Bereiche
zu bezeichnen, die den Befragten «als Teil Jerusalems wichtig»
seien, brachte es die Westmauer auf über 90 Prozent, seit alters
her jüdische Bereiche der Stadt auf mehr als 80 Prozent und
neuere jüdische Gegenden auf über 70 Prozent. Die
nichtjüdischen Viertel der Altstadt brachten es aber nur auf 40
Prozent, das Zentrum des arabischen Ostjerusalem auf etwa 30
Prozent und die arabischen Außenbezirke sogar auf noch
weniger.
9 Mehrere nachfolgende Befragungen deuteten an, dass
ein beträchtlicher Teil der israelischen Juden, zwischen 45 und
54 Prozent schwankend, bereit war, eine palästinensische
Hauptstadt mit einem Parlament in Abu Dis und
-495-
palästinensischer Kontrolle über die islamischen Heiligen
Stätten auf dem Tempelberg in Erwägung zu ziehen.
Die Veränderung in der Stimmung wird deutlich, wenn man
über einen längeren Zeitraum zurückblickt. Im Dezember 1973
zeigte eine Meinungsumfrage, dass 99 Prozent der israelischen
Juden gegen eine Rückgabe Ostjerusalems an Jordanien
waren.
10 Im Januar 1997 ergab sich aus einer Umfrage, dass 45
Prozent sich dazu bereit erklärten, eine palästinensische
Souveränität über die «Peripherie» von Jerusalem in Betracht zu
ziehen. Nach derselben Befragung stimmten nicht weniger als
59 Prozent einer Revision der städtischen Grenzen zu, so dass
arabische Dörfer, die derzeit innerhalb der Jerusalemer
Stadtgrenzen liegen, aus dem Stadtgebiet ausgegliedert würden
falls dies erforderlich wäre, um eine jüdische Mehrheit in der
Stadt aufrechtzuerhalten.
11
-496-
Ein Diktat der Demographie?
Als Israel 1967 Ostjerusalem übernahm, hatte die Stadt 267
800 Einwohner; davon waren 74 Prozent Juden und 26 Prozent
Nichtjuden. Durch die Schaffung neuer Vororte auf den am
Stadtrand liegenden neu eingegliederten Arealen nach 1967
strebten die Israelis eine Steigerung des jüdischen
Bevölkerungsanteils an. Der jüdische Bevölkerungsanteil von
Ostjerusalem begann ab 1996 den arabischen zu überholen, denn
Ostjerusalem zählte nun etwa 160000 jüdische Einwohner.
Diese Politik war in einer ihrer zentralen Zielsetzungen
erfolgreich, nämlich darin, den Schwerpunkt der jüdischen
Bevölkerung nach Osten zu verlagern.
Trotz dieses geographischen Erfolgs scheiterte die israelische
Politik jedoch in dem Vorhaben, die Relation zwischen Juden
und Nichtjuden zugunsten des jüdischen Bevölkerungsanteils zu
verschieben oder auch nur - das war ein erklärtes Ziel der
Regierung - stabil zu halten. Im Dezember 2000 zählte
Jerusalem 658000 Einwohner, wovon 68 Prozent Juden und 32
Prozent Nichtjuden waren.
12 Nach drei Jahrzehnten israelischer
Herrschaft hatte sich die Einwohnerschaft der Stadt somit zwar
mehr als verdoppelt, aber der jüdische Anteil an der Gesamtzahl
war geschrumpft.
Hauptursache dafür ist, dass der arabische natürliche
Bevölkerungszuwachs im Allgemeinen viel höher gewesen ist
als der jüdische. Obwohl die Geburtenrate muslimischer Frauen
in Ostjerusalem in den letzten dreißig Jahren zurückgegangen
ist, ist sie immer noch entschieden höher als die der jüdischen
Frauen in der Stadt - trotz des großen ultraorthodoxen jüdischen
Bevölkerungsanteils. Einer Statistik aus dem Jahr 1999 zufolge
entfielen in Jerusalem auf 1000 Juden 24,8 und auf 1000 Araber
36,7 Lebendgeburten. In jedem der letzten zwanzig Jahre ist die
-497-
arabische Geburtenrate deutlich höher gewesen als die jüdische.
Was diese Zahlen noch überraschender macht, ist das
Scheitern der in großem Stil vom Staat geförderten
Einwanderung von Juden - wozu auch der Bau riesiger, mit
hohen politischen Kosten verbundener Wohnsiedlungen gehörte
-, um die Lücke zwischen der natürlichen Zuwachsrate von
Arabern und Juden auszugleichen. In den letzten Jahren war
eine merkliche Abwanderung der Juden aus Jerusalem in
außerhalb der Stadtgrenzen liegende Vororte oder in andere
Teile Israels zu verzeichnen, die in einigen Jahren zu einem
empfindliehen Rückgang des jüdischen Bevölkerungsanteils in
der Stadt führen wird.
Die Abwanderung lässt sich teilweise als «weiße Flucht»
säkularer Juden aus einer Stadt erklären, die sie als von
Ultraorthodoxen dominiert betrachten. Eine Umfrage von 1998
ergab, dass nur 40 Prozent von Jerusalems säkularer jüdischer
Bevölkerung auf jeden Fall in der Stadt zu bleiben vorhatte,
während etwa 80 Proze nt der Ultraorthodoxen beteuerten, da zu
bleiben, was auch immer geschehen möge. Die meisten der
säkularen Befragten, die ihre Absicht bekundeten, aus der Stadt
fortgehen zu wollen, gaben als Hauptgrund ihr gespanntes
Verhältnis zu den Ultraorthodoxen an. Man schätzte, dass sich
damals der jüdische Bevölkerungsanteil wie folgt
zusammensetzte: 29 Prozent Säkulare, 25 Prozent
«Traditionelle», 20 Prozent Orthodoxe und 26 Prozent
Ultraorthodoxe. Indessen veranlasst die wesentlich höhere
Geburtenrate der ultraorthodoxen Frauen manche Experten zu
der Voraussage, dass binnen einer Generation die
Ultraorthodoxen die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung
Jerusalems ausmachen könnten.
Eine in jüngster Zeit erstellte Hochrechnung für das
Bevölkerungswachstum in Jerusalem bis 2020 nennt eine
Gesamtzahl von 947000 Einwohnern, von denen 589000 in
jüdischen und 358000 in arabischen Stadtgebieten leben
-498-
würden. Dies ergäbe ein Bevölkerungsverhältnis von 62:3:8.
13
Diese Zahlen stützen sich auf die Annahme, dass weder der
Geburtenrückgang noch die interne und internationale
Abwanderung aufzuhalten sein werden. Bei anderen
Grundannahmen läge das Bevölkerungsverhältnis zwischen
65:35 und 57:43.
14 Beinahe bei allen plausiblen Annahmen ist
demnach ein kontinuierlicher Rückgang des jüdischen
Bevölkerungsanteils voraussehbar.
Diese Hochrechnungen beschränken sich auf das Stadtgebiet
von Jerusalem. Außerhalb der Stadtgrenzen gibt es eine weitere,
sich entwickelnde arabische wie auch jüdische Bevölkerung, die
in vielerlei sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht Teil von
Jerusalem ist. Eine realistische Betrachtungsweise muss das
Bevölkerungsgleichgewicht im Großraum Jerusalem, als
geographische und nicht als politische Einheit betrachtet,
berücksichtigen. In diesem Sinn erstreckt sich die Stadt von
Ramallah im Norden bis nach Bethlehem im Süden und von
Ma'alej Adummim im Osten bis nach Mevasseret Zion im
Westen. Schätzungen der Bevölkerung des Großraums
Jerusalem ergeben für 1967, dass damals 47 Prozent der
insgesamt 427000 Einwohner Ara-1990 kam eine weitere
Schätzung auf ein Verhältnis von 58 Prozent Juden zu 42
Prozent Arabern.
16 Dabei wurde die Mehrheit der Juden
vermutlich überschätzt. Im Jahr 2000 waren beide
Bevölkerungsanteile ungefähr gleich groß - wobei die Araber im
Großraum Jerusale m die Juden zahlenmäßig überholten und die
Mehrheit ausmachten. Infolge der unterschiedlichen natürlichen
Zuwachsraten ist also der arabische Bevölkerungsanteil auf dem
Vormarsch.
Es sind demnach vier zentrale demographische Tendenzen zu
verzeichnen: 1. großes Bevölkerungswachstum in absoluten
Zahlen; 2. größeres Bevölkerungswachstum bei den Arabern als
bei den Juden trotz starker jüdischer Einwanderung und
ungeachtet des großen Anteils ultraorthodoxer Juden mit ihrer
-499-
hohen Geburtenrate; 3. eine Verschiebung in der
geographischen Verteilung von Juden und Arabern, mit einer
großen Anzahl Juden, die jetzt in Ostjerusalem leben und einer
wachsenden Konzentration von Arabern in den nördlichen und
südlichen Randgebieten des Jerusalemer Großraums außerhalb
der Stadtgrenzen; 4. eine anwachsende arabische Mehrheit im
Großraum Jerusalem.
Aus diesen statistischen Daten ergibt sich eine klare
Schlussfolgerung: Der Traum vieler Israelis in der Zeit nach
1967 von einem Jerusalem als einer vorwiegend jüdischen Stadt
ist durch die demographische Realität zunichte gemacht worden.
-500-
Muss der Himmel warten?
Der verstorbene israelische Diplomat Gideon Rafael erzählte
gern die Geschichte von einer Reise, die er in den späten 1950er
Jahren nach Belgisch-Kongo unternahm. Eines Tages hielt er
dort in einem abgelegenen Dörfchen an und ging ins Postamt,
um ein paar Postkarten aufzugeben. Der Beamte nahm sie mit
freundlichem Lächeln entgegen, aber als er ihren
Bestimmungsort las, erstarrte sein Gesicht: «Monsieur, Sie
möchten diese Karten nach Jerusalem schicken?» fragte er. «Ja,
warum nicht?» erwiderte Rafael. «Aber mon cher Monsieur,
Jerusalem ist doch im Himmel.»
Selbst Jerusalem lässt sich noch nicht so weit verlegen. Aber
man ist sich heute allgemein einig darüber, dass Jerusalems
Stadtgrenzen der sozialen, wirtschaftlichen und
demographischen Realität nicht mehr entsprechen. Mehrere aus
den letzten Jahren stammende Pläne für ein künftiges Jerusalem
enthielten Vorschläge für eine Ausdehnung der Stadtgrenzen. In
dem von Beilin und Abu Mäzen vorgelegten Vertragsentwurf,
der eindeutig Präsident Clintons Vorschläge vom Dezember
2000 beeinflusst hat, war eine solche Ausdehnung als möglicher
Weg zu einer politischen Lösung vorgesehen. Im Wesentlichen
hieß das, dass die neuen jüdischen Vororte im Osten dem
israelischen Jerusalem zugesprochen würden und im Gegenzug
die von Arabern bewohnten Gebiete von Ostjerusalem und
dessen Umgebung an die Palästinenser gehen könnten. Einige
Palästinenser sehen darin das Angebot eines Räubers, der die
Hälfte seiner Beute dafür anbietet, dass er die andere Hälfte
behalten darf. Manche Juden betrachten es als Verrat an dem
Versprechen einer auf ewig vereinigten Stadt unter israelischer
Souveränität. Den Palästinensern wäre zu antworten, dass die
Gebiete von Großjerusalem, die ein Teil Israels werden sollen,
-501-
derzeit nicht von einer signifikanten Anzahl Araber bewohnt
werden (und es in weiten Teilen auch früher nie wurden). Den
Israelis wäre zu sagen, dass das Versprechen, das man ihnen
1967 gegeben hat, bereits vo n Kräften verraten worden ist, die,
wie die Erfahrung gezeigt hat, außerhalb der israelischen
Kontrolle liegen: Das heutige Jerusalem ist nicht vereinigt, und
Israel übt keine effektive Souveränität über die arabischen Teile
der Stadt aus noch kann es dies auf lange Sicht.
Der von Beilin und Abu Mäzen erarbeitete Lösungsvorschlag
ist die einzige Vereinbarung, die je zwischen hohen,
akkreditierten politischen Führern der Israelis und der
Palästinenser angenommen worden ist. Rabins Ermordung
verhinderte, dass sie 1995 in die Realität umgesetzt wurde. Zwar
ist sie nie von der israelischen Regierung oder der
Palästinensischen Autonomiebehörde bestätigt worden, aber ihre
Schöpfer haben sich nicht von ihr distanziert. In der auf einen
neueren Stand gebrachten Form von Clintons «Erbe» ist ihr
Vorschlag der einzige, der sich den gegenwärtigen sozialen,
ideologischen und demographischen Realitäten in Jerusalem
stellt - und der zugleich gewisse Züge des politisch Machbaren
aufweist. Er ist der einzige, der eine realistische Hoffnung auf
das Ende des langen qualvollen Kampfs um die Heilige Stadt
aufkommen lässt.
Der Ausbruch der Al-Aqsa-Intifada und die harte israelische
Reaktion haben den Friedensprozess abrupt zum Stillstand
gebracht. Die Wahl Ariel Scharons zum israelischen
Ministerpräsidenten im Februar 2001 war das Signal für den
Versuch, die israelische Souveränität in ganz Jerusalem
durchzusetzen. Aber in diesem Jahr war Jerusalem in vielerlei
Hinsicht mehr geteilt denn je. Zwischen jüdischen und
arabischen Wohngebieten tauchten nun Mauern und Zäune auf.
Jüdische Taxifahrer zögerten, Fahrgäste zu Zielen in arabischen
Gegenden zu befördern. Israelische Krankenwagen fuhren nur
noch in Begleitung von Sicherheitskräften in arabische Bezirke.
-502-
Innerhalb der arabischen Bevölkerung, hieß es, sei der von der
Palästinensischen Autonomiebehörde eingesetzte Gouverneur
des Bezirks Jerusalem die eigentliche Autorität.
17
Nach dem Tod Faisal Husaynis kam es bei seiner Beisetzung
zu einer großen Solidaritätsdemonstration. Die israelische
Regierung antwortete damit, dass sie im August das Orient
House unter ihre Kontrolle brachte. Es war ein Sieg, der nichts
einbrachte. Seit es Husayni nicht mehr gab, hatte sich die
politische Bedeutung des Gebäudes verflüchtigt. Sein
Nachfolger als anerkannter politischer Führer der Jerusalemer
Araber wurde Sari Nusseibeh, ein in Oxford und Harvard
ausgebildeter Philosoph, Sproß einer alten Jerusalemer
Notabeinfamilie und Präsident der Al-Quds-Universität. Stärker
noch als Husayni bemühte sich Nusseibeh um Verbindungen mit
israelischen Politikern und gab eine Reihe Äußerungen von sich,
mit denen er die Israelis beruhigen wollte. «Ich wäre ja blind,
wenn ich die jüdische Beziehung zu Jerusalem bestritte», sagte
er in Radio Israel. «Die existentielle Beziehung, die Juden zu
Jerusalem haben, muss anerkannt und respektiert werden, genau
so wie die islamische und arabische Beziehung zu Jerusalem.»
18
Einstweilen freilich vertritt Nusseibeh, nicht anders als Beilin,
nur eine Minderheit seines Volkes. Bis zum Januar 2002 waren
mehr als tausend Menschen, darunter über 800 Palästinenser,
getötet und Tausende verwundet worden.
Plötzlich sind die Aussichten für eine Einigung, sei es
hinsichtlich der Jerusalem-Frage oder des weiteren Konflikts,
dessen Herzstück die Jerusalem-Frage ist, düsterer denn je. Aber
Gewalt kann keine langfristige Lösung bringen; sie kann sie
auch nicht verhindern, sondern nur verzögern. Früher oder
später muss das geteilte Jerusalem irgendwie lernen, mit sich
selbst ins Reine zu kommen. Es dauerte zwei Generationen, bis
Italien und der Vatikan sich dazu durchringen konnten, den
Lateranvertrag zu unterzeichnen, der die römische Frage
endgültig beilegte. Jerusalem hat bereits so lange darauf
-503-
gewartet, dass die Diplomatie mit der Realität gleichzieht. Wie
viel länger muss es wohl noch warten?
-504-
ANHANG
ANMERKUNGEN
Abkürzungen
AMAEN Archives du Ministère des Affaires Etrangères,
Nantes
AMAEP Archives du Ministère des Affaires Etrangères, Paris
BN Bibliothèque Nationale, Paris
CZA Central Zionist Archives, Jeruasalem
FRUS Foreign Relations of the United States
IHT International Herald Tribune
ISA Israel State Archives, Jerusalem (FM = Foreign Ministry
papers;
RAM = Religious Affairs Ministry papers)
JP Jerusalem Post
NYT New York Times
PRO Public Record Office, Kew
UNGA United Nations General Assembly Official Records
UNSC United Nations Security Council Official Records
UNTC United Nations Trusteeship Council Official Records
UNTSO United Nations Truce Supervision Organization
UNSA United States National Archives
Vorwort
-505-
1 Arthur Koestler, Promise and Fulfilment: Palestine 1917-
1949, London 1949, S. 243.
2 Ronald Storrs, Orientations, London 1943, S. 304.
3 Zitiert in George Macaulay Trevelyan, Garibaldi's Defence
of the Roman Republic, London 1907, S. 112.
4 Memorandum von A. E. Saunders (Foreign Office), 24.
Oktober 1967, PRO FCO 17/251.
Prolog: Die Himmlische Stadt
1 Josephus Flavius, Geschichte des Judäischen Krieges, übers,
von Heinrich Clementz, Leipzig 61994, IV, S. 163.
2 Zitiert in Jonathan Frankel, Prophecy and Politics:
Socialism, Nationalism, and the Russian Jews, 1862-1917,
Cambridge 1981, S. 85.
3 Rede vom 1. Dezember 1948 in Barnett Litvinoff (Hg.), The
Letters and Papers of Chaim Weizmann, series B, vol. 2., New
Brunswick/NJ 1984, S. 700ff.
4 Moshe Gil, A History of Palestine, 634-1099, Cambridge
1992., S. 68 f.
5 Moshe Gil, «Dhimmi Donations and Foundations for
Jerusalem (638-1099)», in Journal of the Economic and Social
History of the Orient, 27, 2 (1984), S. 156-174.
6 Joshua Prawer, The History of the jews in the Latin
Kingdom of Jerusalem, Oxford 1988, S. 46 ff.
7 Jacob Barnai, The Jews in Palestine in the Eighteenth
Century, Tuscaloosa/Alabama 199:1, S. 47.
8 Ebenda, S. 5.
9 Theodor Herzl, Tagebücher, 3 Bde., Leipzig 1925, Bd. 2, S.
212.
-506-
10 Siehe Ron Aaronsohn, «Yerushalayim Be-'Einei Anshei
Ha-'Aliyah Ha-Rishonah», in Hagit Lavsky (Hg.), Yerushalayim
Ba-Toda'ah U-Va-'Asiyah Ha-Tsiyonit, Jerusalem 1989, S. 47-
65; und Margalit Shilo, «Mi-Yafo Lirushalayim: Yahasah shel
Ha-Histadrut Ha-Tsiyonit Lirushalayim Bi-Tkufat Ha-'Aliyah
Ha-Shniyah», ebenda, S. 91-106.
11 Siehe Dan Miron, «Depictions in Modern Hebrew
literature», in Nitza Rosovsky (Hg.), City of the Great King:
Jerusalem from David to the Present, Cambridge/Mass. 1996, S.
2.41-287.
12 Zitiert in Walter Zander, Israel and the Holy Places of
Christendom, London 1971, S. 7.
13 Zitiert ebenda, S. 6.
14 P. W. L. Walker, Holy City Holy Places? Christian
Attitudes to Jerusalem and the Holy Land in the Fourth Century,
Oxford 1980, S. XII.
15 Ze'ev Rubin, «The Church of the Holy Sepulchre and the
Conflict between the Sees of Caesarea and Jerusalem», in Lee I.
Levine (Hg.), The Jerusalem Cathedra, Bd. 2, Jerusalem 1982,
S. 79-105.
16 Walker, Holy City, S.351.
17 Ebenda, S. 314.
18 Amnon Linder, «Jerusalem as a Focus of Confrontation
between Judaism and Christianity», in Richard I. Cohen (Hg.),
Vision and Conflict in the Holy Land, Jerusalem 1985, S. 19.
19 Siehe Prawer, History of the Jews, Kap. 1 und 2.
20 Zu beiden Traditionen und ihrem Hintergrund siehe M. J.
Kister, «‹You Shall Set Out Only for Three Mosques›: A Study
of an Early Tradition», in M. J. Kister, Studies in Jahiliyya and
Early Islam, London 1980, S. 173-196.
21 Ebenda.
22 Richard Ettinghausen in Joseph Schacht und C. E.
-507-
Bosworth (Hg.), The Legacy of Islam, Oxford 21974, S. 279.
23 I. Goldziher, Muslim Studies, Bd. 2, London 1971, S. 44
ff. Siehe auch M. Gaudefroy-Demombynes, Mahomet, Paris
1969, S. 93.
24 S. D. Goitein, «Jerusalem in the Arab Period (638-1099)»,
in Lee I. Levine (Hg.), The Jerusalem Cathedra, Bd. 2, S. 168-
196. Eine dritte These dazu findet sich unter dem Stichwort «al-
Kuds» in der Encyclopaedia of Islam, Bd. V, Leiden 21980, S.
322ff. Siehe auch Amikam Elad, Medieval Jerusalem and
Islamic Worship: Ho ly Places, Ceremonies, Pilgrimage, Leiden
1995, S. 158-161.
25 Siehe Goitein, «Jerusalem», S. 187.
26 E. Sivan, «Le caractère sacré de Jérusalem dans l'Islam aux
XIFe-XIIFe siècles», in: Studia Islamica, 27 (1967), S. 149-182.
27 Ebenda, S. 161.
28 Isaac Hasson, «Muslim Literature in Praise of Jerusalem:
Fada'il Bayt al-Maqdis», in Lee I. Levine (Hg.), The Jerusalem
Cathedra, Bd. 1, Jerusalem 1981, S. 168-184.
29 Zitiert ebenda, S. 171.
30 Siehe M. H. Burgoyne und D. S. Richards, Mamluk
Jerusalem: An Architectural Study, London 1987.
Die Kriege der Konsuln
1 Dror Ze'evi, An Ottoman Century: The District of Jerusalem
in the 1600S, Albany/NY 1996, S. 20.
2 Amy Singer, Palestinian Peasants and Ottoman Officials:
Rural Administration Around Sixteenthcentury Jerusalem,
Cambridge 1994, S.330f.
3 Ze'evi, Ottoman Century, S. 23.
4 Benjamin Braude, «Foundation Myths of the Millet
-508-
System», in Benjamin Braude und Bernard Lewis (Hg.),
Christians and Jews in the Ottoman Empire: The functioning of
a Plural Society, z Bde., New York 1982, Bd. 1, S. 69-88;
Amnon Cohen (Hg.), A World Within: Jewish Life as Reflected
in Muslim Court Documents from the Sijill of Jerusalem (XVIth
Century), 2 Bde., Philadelphia 1994, Bd. 1, S. 18f.
5 Fermans Ottomans émanés pour les Lieux-Saints de la
Palestine, 3 Bde., Jerusalem 1934, Bd. 1, S. 1 f.
6 Ebenda, S. 3- 11.
7 Zitiert in Zander, Israel and the Holy Places, S. 24.
8 Ludwig XIII. an den Botschafter in Konstantinopel, 14. Juli
1621, in P. A. Arce OFM (Hg.), Documentos y Textos para la
Historia de Tierra Santa y sus Santuarios 1600-1700, Bd. 1,
Jerusalem 1970, S. 327.
9 Jean Lempereur an C. Balthazar, 20. September 1620,
ebenda, S. 327 ff. 10 Ebenda.
11 Zitiert in Pater La Bretesche an Balthazar, 21. September
1621, ebenda, S. 329 ff.
12 «Noticias del ‹voyage de Levant› del embajador Louis des
Hayes, 1621, en Jerusalem del 1 al 22 de octubre», ebenda, S.
340-346.
13 Louis des Hayes an General des Jesuitenordens, undatiert
[1621/2], ebenda, S. 351 ff.
14 Nach der englischen Übersetzung des Ferman, datiert 17.
Mai 1622, ebenda, S. 362 f.
15 Siehe René Neuville, «Heurs et Malheurs des Consuls de
France à Jérusalem aux XVIIe, XVIIIe et XIXe Siècles», in:
Journal of the Middle East Society, 1: 2 (1947), S. 3-34. Siehe
auch Ze'evi, Ottoman Century, S. 21 f.
16 H. C. Luke, Prophets, Priests and Patriarchs: Sketches of
the Sects of Palestine and Syria, London 1927, S. 46.
17 Siehe Ze'evi, Ottoman Century, S. 166f.
-509-
18 François Charles-Roux, Les Echelles de Syrie et de
Palestine au XVIIIe Siècle, Paris 1928, S. 10f.
19 Ebenda; siehe auch Neuville, «Heurs et Malheurs», S. 20-
24.
20 Mordechai Abir, «Local Leadership and Early Reforms in
Palestine, 1800-1834», in Moshe Ma'oz (Hg.), Studies on
Palestine during the Ottoman Period, Jerusalem 1975, S. 293.
21 Zander, Holy Places, S. 46 f.
22 Paschal Baldi, The Question of the Holy Places, Rom
1919, S. 62 f.
23 Ebenda, S. 64 f.
24 Zitiert in Zander, Holy Places, S. 47.
25 Zitiert in H. W. V. Temperley, England and the Near East,
Bd. 1: The Crimea, London 1936, S. 284.
26 Abir, «Local Leadership», in Ma'oz (Hg.), Studies, S. 297-
310.
27 Siehe Baruch Kimmerling und Joel S. Migdal,
Palestinians: The Making of a People, Cambridge/Mass. 1993,
S. 3-35.
28 Siehe A. J. Rustum, The Royal Archives of Egypt and the
Disturbances in Palestine, 1834, Beirut 1938.
29 Rachel Simon, «The Struggle over the Christian Holy
Places during the Ottoman Period», in Richard I. Cohen (Hg.),
Vision and Conflict, S. 33.
30 Moshe Ma'oz, «Changes in the Position of the Jewish
Communities of Palestine and Syria in Mid-Nineteenth
Century», in Ma'oz (Hg.), Studies, S. 146 f.
31 Mayir Vereté, «Why was a British Consulate Established
in Jerusalem?», in English Historical Review 85 (1970), S. 316-
345.
32 James Finn, Stirring Times or Records from Jerusalem
-510-
Consular Chronicles of 1853 to 1856, London 1878, Bd. 1, S.
98.
33 Mayir Vereté, «A Plan for the Internationalisation of
Jerusalem, 1840-41», in From Palmerston to Balfour: Collected
Essays of Mayir Vereté, London 1992, S. 143 f.
34 Zitiert ebenda, S. 145.
35 Ebenda.
36 William H. Hechler, The Jerusalem Bishopric: Documents,
London 1883, S.27.
37 Zitiert in R. W. Greaves, «The Jerusalem Bishopric», in
English Historical Review 64 (1949), S. 328-352.
38 Zitiert ebenda.
39 Zitiert in Barnai, Jews in Palestine, S. 14.
40 Zitiert in The Jerusalem Bishopric and Its Connection with
the London Society for Promoting Christianity amongst the
Jews, London 1887, S.7 ff.
41 Eintragung in Lord Shaftesburys Tagebuch, zitiert in G. E.
A. Best, Shaftesbury, London 1975, S. 29 f.
42 John Henry Newman, Apologia Pro Vita Sua, Erstdruck
1864 (London 1949) S. 143.
43 Geoffrey Faber, Oxford Apostles: A Character Study of
the Oxford Movement, Harmondsworth 1954, S. 292.
44 A. H. Grant, «Michael Solomon Alexander», in Dic tionary
of National Biography, London 1885, Bd. I, S. 274.
45 W. T. Young (Jerusalem) an Earl of Aberdeen, 22. Mai
1843, PRO FO 618/2.
46 Zitiert in A. L. Tibawi, British Interests in Palestine 1800-
1901: A Study of Religious and Educational Enterprise, Oxford
1961, S. 60.
47 Young (Jerusalem) an Aberdeen, 13. [Januar?] 1843, PRO
FO 618/2.
-511-
48 Zitiert in Greaves, «Jerusalem Bishopric», S. 351.
49 Young (Jerusalem) an Sir Stratford Canning
(Konstantinopel), 8. Januar 1844 (Kopie), PRO FO 617/1. /
50 Theofanis George Stavrou, Russian Interests in Palestine
1882-1914: A Study of Religious and Educational Enterprise,
Thessaloniki 1963, S. 29 f.
51 Memoranden von Young vom 19. und 20 Juli 1844, PRO
617/1.
52 Außenminister an James Finn, 8. Juni 1852, PRO FO
78/913.
53 Karl Marx, «Die Kriegserklärung - Zur Geschichte der
orientalischen Frage» (New York Daily Tribüne vom 15. April
1854), in Karl Marx und Friedrich Engels, Werke, Bd. 10,
Berlin/DDR 1961, S. 168-176, 173.
54 Zitiert in Norman Rich, Why the Crimean War? A
Cautionary Tale, Hanover/NH 1985, S. 214.
55 Zitiert ebenda, S. 20 f.
56 Siehe Earl Cowley (Paris) an Earl Malmesbury, 8. März
1852, in Correspondence Respecting the Rights and Privileges
of the Latin and Greek Churches in Turkey, Bd. 1, London
1854, S. 35.
57 Text in Bernardin Colin (Hg.), Recueil de Documents
concernant Jérusalem et les Lieux Saints, Jérusalem 1982, S. 91
ff.
58 Canning an Earl Granville, 8. Februar 1852, in
Correspondence, Bd. 1, S.33.
59 Sir G. H. Seymour an Lord John Russell, 11. Januar 1853,
in Correspondence, Bd. 1, S. 875-878.
60 Seymour an Russell, 13. Januar 1853, in Correspondence,
Bd. 1, S. 61.
61 Memorandum von M. E. Pisani, 25. März 1853, in
Correspondence, Bd. 1, S. 119; «Project of Secret Treaty
-512-
proposed to the Porte by Prince Menschikoff», als Anlage in
Lord Stratford de Redcliffe an Earl of Clarendon, 11. April
1853, ebenda, S. 146-149.
62 Russell an Cowley, 28. Januar 1853, in Correspondence,
Bd. 1, S. 69 f.
63 De Redcliffe an Clarendon, 22. April 1853, sowie Cowley
an Clarendon, 8. Mai 1853, in Correspondence, Bd. 1, S. 171 f.
und 175 f.
64 Texte der Fermane als Anlagen in: de Redcliffe an
Clarendon, 25. Mai 1853, in Correspondence, Bd. 1, S. 267-270.
65 Memorandum der Direction Politique, Paris, 1. März 1856,
AMAEN, Consulat Jérusalem, série B, carton 37.
66 Siehe David Kushner, «Intercommunal Strife in Palestine
during the Late Ottoman Period», in Asian and African Studies
8 (1984), S. 187-204.
Alte Stadt, neue Stadt
1 Yehoshua Ben-Arieh, Jerusalem in the 19th Century:
Emergence of the New City, Jerusalem 1986, S. 448.
2 Manchmal werden frühere Daten genannt, aber diese
basieren im allgemeinen auf impressionistischen Belegen wie
etwa Berichten von Konsuln. Eine sorgfältige Untersuchung von
Adar Arnon, «The Quarters of Jerusalem in the Ottoman
Period», in Middle Eastern Studies, 28: 1 (Januar 1992), S. 1-65,
die von osmanischen Volkszählungsunterlagen ausgeht und die
Zahlen um die nichtosmanischen Einwohner korrigiert (die nicht
im Zensus mitgezählt wurden), kommt zu dieser
Schlussfolgerung.
3 Barnai, Jews in Palestine, S. 21.
4 Siehe S. 21.
-513-
5 Siehe U. O. Schmelz, «Some Demographic Peculiarities of
the Jews of Jerusalem in the Nineteenth Century», in Ma'oz
(Hg.), Studies, S. 119-141.
6 Yehoshua Ben-Arieh, Jerusalem in the 19th Century: The
Old City, Jerusalem 1984, S. 131, 194 und 279, und New City,
S. 466.
7 Arnon, «Quarters of Jerusalem», S. 48.
8 Einen umfassenden Überblick über das Wachstum der
Neustadt bietet Ben-Arieh, New City.
9 Ben-Arieh, Old City, S. 378 ff.
10 Herzl, Tagebücher, Bd. 2, S. 215.
11 Ben-Arieh, New City, S. 241.
12 Ebenda, S. 354 f.
13 Siehe Robert Blake, Disraeli's Grand Tour: Benjamin
Disraeli and the Holy Land 1830-1831, London 1982.
14 Mordechai Eliav, «German Interests and the Jewish
Community in Nineteenthcentury Palestine», in Ma'oz (Hg.),
Studies, S. 438.
15 Clarendon an de Redcliffe, 24. Juni 1853, in
Correspondence, Bd. 1, S. 316ff.
16 Text in George Young, Corps de Droit Ottoman, Bd. 2,
Oxford 1905, S. 3-9.
17 Ebenda, S. 11 f.
18 Hechler, Jerusalem Bishopric, S. 43 ff.
19 Baldi, Holy Places, S. 73.
20 Französischer Botschafter (Konstantinopel) an Konsul
(Jerusalem), 20. Juni 1862, AMAEN, Consulat Jérusalem, série
B, carton 32, dossier 1862.
21 Depesche vom 30. Januar 1872, AMAEN, Consulat
Jérusalem, série B, carton 32, dossier 1872.
22 Text in Michael Hurst (Hg.), Key Treaties for the Great
-514-
Powers 1814-1914, Newton Abbot 1972, Bd. 2, S. 551-577.
23 Depesche vom 9. September 1891, AMAEN, Consulat
Jérusalem, série B, carton 32, dossier 1891.
24 Les Pyramides, 4. November 1902.
25 Consul Wiet an Pater Giannini, 13. Januar 1902, AMAEN,
Consulat Jérusalem, série B, carton 33, dossier 1902.
26 Il Giornale d'italia, 21. Oktober 1902.
27 Siehe L'Orient, 8.November 1902, Débats, 15. November
1902.
28 Les Pyramides, 4. November 1902.
29 Memorandum von Jules Cambon, 28. Juni 1909, AMAEN,
Consulat Jérusalem, série B, carton 27, dossier 1906-7, 1909-10.
30 Mordechai Eliav, Die Juden Palästinas in der Deutschen
Politik: Dokumente aus dem Archiv des deutschen Konsulats in
Jerusalem 1842-1914, Tel Aviv 1973, S. XIV und XVI-XVIII.
31 Französischer Konsul (Jerusalem) an Botschafter
(Konstantinopel), 24. Juni 1874, AMAEN, Consulat Jérusalem,
série B, carton 27, dossier 1874.
32 Norddeutsche Zeitung, 18. August 1887.
33 Französischer Botschafter (Konstantinopel) an Konsul
(Jerusalem), 23. Oktober 1898, AMAEN, Consulat Jérusalem,
série B, carton 27, dossier «Voyage de l'Empereur de
l'Allemagne 1898».
34 Zitiert in Derek Hopwood, The Russian Presence in Syria
and Palestine 1843-1914: Church and Politics in the Near East,
Oxford 1969, S. 50 f.
35 Baudin (St. Petersburg) an Graf Walewski, 3. Dezember
1857, AMAEN, Consulat Jérusalem, série B, carton 44, dossier
jaune.
36 Memorandum unter dem Titel «La Société Impériale
Orthodoxe de Palestine», Anlage zu einer Depesche des
-515-
französischen Außenministeriums an Konsul Ledouly in
Jerusalem, 30. Januar 1894, AMAEN, Consulat Jérusalem, série
B, carton 44, dossier jaune.
37 Zitiert in Hopwood, Russian Presence, S. 63.
38 Jacob C. Hurewitz, «Britain and Ottoman Palestine: An
Impressionistic Retrospect», in Ma'oz (Hg.), Studies, S. 410.
39 Außenminister an Ledouly, 30. Januar 1894, AMAEN,
Consulat Jérusalem, série B, carton, 44, dossier jaune.
40 Les Pyramides, 4. November 1902.
41 Etienne Flandin an Aristide Briand, 18. April 1916,
AMAEP Guerre 1914-18, Turquie Bd. 17, Nr. 44.
42 Zitiert in John James Moscrop, Measuring Jerusalem: The
Palestine Exploration Fund and British Interests in the Holy
Land, London 2000, S. 70.
43 Foreign Office an Palestine Exploration Fund, PEF
Archive, PEF/JER/WAR/I7, 26. August 1869.
44 Moscrop, Measuring Jerusalem, S. 110f.
45 Claude Conder (Konstantinopel) an Walter Besant (PEF),
10. Februar 1882., PEF Archive, PEF/ES/CON/42.
46 Konsul Langlais an Außenministerium (Paris), 26. Januar
1883, AMAEN, Consulat Jérusalem, série B, carton 28.
47 Konsul in Jerusalem an französischen Botschafter
(Konstantinopel), 4. Mai 1884, AMAEN, Consulat Jérusalem,
série B, carton 7.
48 'Aref al-'Aref, «The Ciosing Phase of Ottoman Rule in
Jerusalem», in Ma'oz (Hg.), Studies, S. 337.
49 Daniel Rubinstein, «The Jerusalem Municipality under the
Ottomans, British, and Jordanians» in Joel L. Kraemer (Hg.),
Jerusalem: Problems and Prospects, New York 1980, S. 72-99;
siehe auch Haim Gerber, Ottoman Rule in Jerusalem 1890-1914,
Berlin 1985, S. 114ff.
-516-
50 Zitiert in Ruth Kark, «The Jerusalem Municipality at the
End of Ottoman Rule», in Asian and African Studies 4: 2 (Juli
1980), S. 140.
51 Zum Hintergrund siehe Albert Hourani, «Ottoman Reform
and the Politics of Notables», in W. R. Polk und R. L. Chambers
(Hg.), The Beginnings of Modernization in the Middle East: The
Nineteenth Century, Chicago 1968, S. 41-68.
52 Zitiert in Neville J. Mandel, The Arabs and Zionism before
World War I, Berkeley 1976, S. 47 f.
53 David Kushner (Hg.), Moshel Hayiti Birushalayim: Ha-'Ir
Ve-Ha-Mahoz be- 'Einav shel 'Ali Ekrem Bey 1906-1908,
Jerusalem 1995.
54 Siehe Eliezer Tauber, The Emergence of the Arab
Movements, London 1993, S. 61 f., 102, 125 und 29off.
55 Ebenda, S. 280.
56 Text der Entscheidung des Osmanischen Ministerrats vom
20. Juni 1909, in David Farhi, «Documents on the Attitude of
the Ottoman Government Towards the Jewish Settlement in
Palestine after the Revolution of the Young Turks», in Ma'oz
(Hg.), Studies, S. 190-210.
57 Rashid Khalidi, Palestinian Identity: The Construction of
Modern National Consciousness, New York 1997, S. 31.
58 Zitiert in Mandel, Arabs and Zionism, S. 185.
59 Siehe N. T. Moore (Jerusalem) an Sir A. White
(Konstantinopel), 1. März 1890, in Albert M. Hyamson (Hg.),
The British Consulate in Jerusalem in Relation to the Jews of
Palestine 1838-1914, Bd. 2, London 1941, S. 451 ff.
60 W. Hough, «History of the British Consulate in
Jerusalem», in Journal of the Middle East Socie ty (Jerusalem) 1
(1946), S. 11.
61 P. J. C. McGregor (Jerusalem) an Sir Gerard Lowther
(Konstantinopel), 23. November 1912., und Home Office an
-517-
Foreign Office, 19. Mai 1913, in Hyamson (Hg.), British
Consulate, S. 579f. und 582.
62 McGregor an Lowther, 29. Januar 1913, in Hyamson
(Hg.), British Consulate, S. 580f.
63 George Antonius, The Arab Awakening, New York 1965,
S. 147 f.
64 Hough, «British Consulate».
65 Siehe Mordechai Eliav, «Po'olam shel Netsigei Germanyah
Ve-Austriyah Lema'an Ha-Yishuv Ha-Yehudi Be-Eretz
Yisrael», in Mordechai Eliav (Hg.), Be-Matzor U-Ve-Matzok:
Eretz-Yisrael Be Milhemet Ha-'Olarn Ha-Rishonah, Jerusalem
1991, S. 157-167; und Nathan Efrati, Mi-Mashber Le-Tiqvah:
Ha-Yishuv Ha-Yehudi Be-Eretz Yisrael Be-Milhetnet Ha-Olam
Ha-Rishonah, Jerusalem 1991.
66 Michael Brown, The Israeli-American Connection: Its
Roots in the Yishuv 1914-1945, Detroit 1996, S. 27 f.
67 Text in J. C. Hurewitz (Hg.), Diplomacy in the Near and
Middle East: A Documentary Record, Princeton/NJ 1956, Bd. 2,
S. 2f.
68 Briand an François Georges-Picot, 2. November 1915,
AMAEP Guerre 1914-18, Bd. 871, 32-36.
69 Briand an Paul Cambon (London), 5. Januar 1916,
AMAEP Guerre 1914-18, Bd. 871.
70 Text in J. A. S. Grenville, The Major International Treaties
1914-1973, London 1974, S. 30ff.
71 Sir George Macdonogh an Sir Arthur Nicolson, 6. Januar
1916, PRO FO 371/2767.
72 Paul Cambon an Paris, 9. Dezember 1916, AMAEP Guerre
1914-18, Turquie Bd. 20 (Syrie et Palestine IX), Nr. 22.
73 P. de Margerie an Président du Conseil, 14. Dezember
1916, AMAEP Guerre 1914-18, Turquie Bd. 20 (Syrie et
Palestine IX), Nr. 42.
-518-
74 Stephan Pichon an den französischen Botschafter
(London), 21. November 1917, AMAEP Guerre 1914-18,
Turquie Bd. 25, Nr. 15.
75 Sergio Minerbi, The Vatican and Zionism: Conflict in the
Holy Land 1895-1925, New York 1990, S. 22.
76 Ebenda, S. 23 und 187 f.
77 Zitiert in C. Ernest Dawn, From Ottomanism to Arabism:
Essays on the Origins of Arab Nationalism, Urbana 1973 S. 30.
78 Djemal Pasha, Memoirs of a Turkish Statesman 1913-
1919, London 1922, S. 165 und 201.
79 Leonard Stein, The Balfour Declaration, London 1961, S.
538 f.
80 Siehe Isaiah Friedman, Germany, Turkey and Zionism
1897-1918, Oxford 1977.
81 Zitiert in Stein, Balfour Declaration, S. 628.
82 Kress von Kressenstein an das Yilderim-Hauptquartier, 29.
September 1917, Text in W. T. Massey, How Jerusalem Was
Won: Being the Record of Allenby's Campaign in Palestine,
London 1919, Appendix IV, S. 273 f.
83 Zitiert in Friedman, Germany, Turkey, and Zionism, S.
352.
84 Ebenda, S. 377.
85 Siehe Bernard Wasserstein, The British in Palestine: The
Mandatory Government and the Arab-Jewish Conflict 1917-
1929, Oxford 21991, S. 1.
86 Douglas Duff, Palestine Picture, London 1936, S. 56.
87 Massey, How Jerusalem Was Won, S. 33.
88 Text ebenda, S. 286.
89 Sir Mark Sykes an Brigadier G. F. Clayton, 16. Januar
1918, PRO FO 371/3383/13.
90 Aktennotiz von Sykes, 16. Januar 1918, PRO FO
-519-
371/3383/18.
91 Massey, How Jerusalem Was Won, S. 19 5 f.
92 Ebenda, S. 254.
93 David Lloyd George, War Memoirs, London 1936, Bd. 2,
S. 1092.
94 Laut Mitteilung von Sir Martin Gilbert.
Jerusalem unter britischer Mandatsverwaltung
1 «Note pour le Ministre» von P. de Margerie vom 14.
Dezember 1917 und begleitender Vermerk von Pichon vom 15.
Dezember 1917, AMAEP Guerre 1914-18, Turquie, Bd. 25, Nr.
223 f.
2 Paul Cambon an das französische Außenministerium, Paris,
21. Dezember 1917, AMAEP Guerre 1914-18, Turquie, Bd. 26,
Nr. 99.
3 Lord Bertie of Thame an Pichon, 21. Dezember 1917,
AMAEP Guerre 1914-18, Turquie, Bd. 26, Nr. 103.
4 Gilbert Clayton an Sykes, 26. Januar 1918, PRO FO
371/3398/605.
5 Picot an das französische Außenministerium, 26. Januar
1918, PRO FO 371/3383/336.
6 Austausch von Fernschreiben vom 26. Januar 1918 und
später, AMAEP, Guerre 1914-18, Turquie, Bd. 27, Nr. 229-233.
7 «Projet de Sir Mark Sykes», 31. Januar 1918, AMAEP
Guerre 1914-18, Turquie, Bd. 27, Nr. 295-296.
8 P. de Margerie an Picot, 4. Februar 1918, AMAEP Guerre
1914-18, Turquie, Bd. 28, Nr. 33 f.; Picot an das französische
Außenministerium, [?] Februar 1918, AMAEP Guerre 1914-18,
Turquie Bd. 28, Nr. 113-114.
9 Sykes an Clayton, [3. März?] 1918, PRO 800/221/106-112.
-520-
10 Foreign Office an Clayton, 6. April 1918, PRO FO
371/3383/373.
11 Siehe Jean-Dominique Montoisy, Le Vatican et le
Problème des Lieux Saints, Jerusalem 1984, S. 46.
12 Siehe Sergio Minerbi, L'Italie et la Palestine 1914-1920,
Paris 1970, S. 141 ff.
13 Tuozzi an Carlo Sforza (Ministerialdirektor im
italienischen Außenministerium), 19. Dezember 1919, zitiert
ebenda, S. 149.
14 «Extract from memorandum enclosed with Foreign Office
letter to Colonial Office of 31 May 1944», PRO CO 733/461/14.
15 Norman und Helen Bentwich, Mandate Memories 1914-
1948, London 1965, S. 37.
16 Chaim Weizmann an Vera Weizmann, 18. April 1918,
zitiert in David Vital, Zionism: The Crucial Phase, Oxford 1987,
S. 321.
17 Clayton an Foreign Office, 7. Mai 1918, PRO FO
371/3391/351.
18 Clayton an Foreign Office, mit einem Bericht von William
Ormsby-Gore vom 19. April 1918 als Anlage, PRO FO
371/3395/2 ff.
19 Clayton an Foreign Office, 22.. Juli 1918, PRO FO
371/3391/418.
20 A. Albina an Sykes, [Juni 1918], «Secret Report no. 15»,
PRO FO 800/221/62 ff.
21 J. N. Camp an Chief Administrator, 12. August 1918, PRO
FO 371/4182/352.
22 Protestbrief vom 20. August 1918, PRO FO 371/4183/302.
23 A. J. P. Taylor (Hg.), Lloyd George: A Diary by Frances
Stevenson, New York 1971, S. 202.
24 Text der Depesche vom 11. Dezember 1917, in Massey,
-521-
How Jerusalem Was Won, S. 209.
25 Zitiert in Vital, Zionism: The Crucial Phase, S. 299.
26 Zitiert in H. Eugene Bovis, The Jerusalem Question 1917-
1948, Stanford 1971, S. 6 f.
27 Text des lateinischen Memorandums, datiert Weihnachten
1918, in Colin (Hg.), Recueil, S. 52-61; Text des
griechischorthodoxen Memorandums vom 29. Juni 1919,
ebenda, S. 217-225.
28 Text ebenda, S. 18.
29 L. G. A. Cust, The Status Quo in the Holy Places,
Jerusalem 1929.
30 Siehe Finn, Stirring Times, Bd. i, S. 29; und Storrs,
Orientations, S. 402.
31 H. C. Luke, Cities and Men, 3 Bde., London 1953-56, Bd.
2, S. 208.
32 Minerbi, Vatican and Zionism, S. 142.
33 Aktennotiz von Sykes, 1. September 1918, PRO FO
371/3393.
34 Siehe die Dokumente zu den Beziehungen zwischen
Regierung und Patriarchat in ISA 2/215.
35 Southard (Jerusalem) an State Department Washington, 6.
September 1921, USNA State Department records, microcopy 3
53, roll 79, frame 109.
36 Minerbi, Vatican and Zionism, S. 35.
37 Bulletin de Renseignements, Nr. 23, französisches
Generalkonsulat Jerusalem, 4. Januar 1923, AMAEN, Consulat
Jérusalem, série B, carton 101, dossier 1923. Siehe auch die
Aufzeichnung des französischen Generalkonsulats in Jerusalem
vom 29. Januar 1922, AMAEN, Consulat Jérusalem, série B,
carton 20.
38 Ronald Storrs an Generalkonsul, 15. April 1925, AMAEN,
-522-
Consulat Jérusalem, série B, carton 153, dossier 1925.
39 Sir Anton Bertram und Harry Charles Luke, Report of the
Commission Appointed by the Government of Palestine to
Inquire into the Affairs of the Orthodox Patriarchate of
Jerusalem, London 1921, S. 38.
40 Ebenda, S. 20.
41 Sir R. Wingate an A. J. Balfour, 13. Februar 1918, PRO
FO 371/3400; siehe auch Captain A. Abramson an GHQ,
Intelligence, 1. Februar 1918, ebenda.
42. Bertram und Luke, Report, S. 219 f.
43 Storrs, Orientations, S. 405.
44 Stavrou, Russian Interests, S. 210f.
45 J. H. H. Pollock (Colonial Office) an J. G. T. Sheringham
(Foreign Office), 23. Februar 1950, PRO FO 371/82233.
46 Storrs an Occupied Enemy Territory Administration
headquarters, 24. November 1918, PRO FO 371/3386/267.
47 Uri Kupferschmidt, The Supreme Muslim Council: Islam
under the British Mandate for Palestine, Leiden 1987, S. 231.
48 Siehe L. A. Meyer, «Two Inscriptions of Baybars», in
Quarterly of the Department of Antiquities of Palestine, 2
(1932); Yosef Sadan, «Ha-Maqam Nabi Musa bein Yeriho
levein Damesek: Le-Toldoteha shel Taharut Bein Shnei Atarei
Kodesh», in Ha-Mizrah He-Hadash, 28: 1-2. (1979), S. 22-38,
und «Ha-Mahloket Be-Sugiyat Maqam Nabi Musa Be-Einei Ha-
Mekorot Ha-Muslemiyin», in Ha-Mizrah He-Hadash, 28: 3-4
(1979), S. 220-238; G. E. von Grünebaum, Muhammadan
Festivals, London 1976, S. 81ff.
49 Palestine Weekly, 25. Juni 1920.
50 Siehe David Wasserstein, The Rise and Fall of the Party
Kings, Princeton 1985, Seite 243 f.; auch Spyros Vryonis, The
Decline of Medieval Hellenism in Asia Minor and the Process
of Islamisation from the Eleventh through the Fifteenth Century,
-523-
Berkeley 1971; und E. W. Hasluck, Christianity and Islam under
the Sultans, Oxford, 1929.
51 Storrs, Orientations, S. 329.
52 Zwischenbericht der Untersuchungskommission unter
Generalmajor Palin, 7. Mai 1920, PRO FO 371/5119/181 ff.
53 Siehe Bernard Wasserstein, British in Palestine, S. 64 f.
54 Bentwich, Mandate Memories, S. 195.
55 Siehe Kupferschmidt, Supreme Muslim Council, S. 22.
56 Siehe Zvi Elpeleg, The Grand Mufti: Haj Amin al-
Hussaini, Founder of the Palestinian National Movement,
London 1993, S. 2.
57 Norman Bentwich, My Seventyseven Years, London 1962,
S. 74.
58 Siehe Kupferschmidt, Supreme Muslim Council, S. 159-
167.
59 Siehe die Liste ebenda, S. 69 f.
60 Ebenda, S. 193 ff.
61 Ebenda, S. 202.
62 Ebenda, S. 207 f.
63 Ebenda, S. 209.
64 Rubinstein, «Jerusalem Municipality», S. 79; siehe auch
Neil Caplan, Futile Diplomacy, Bd. 1, London 1983, S. 74ff.
65 Yehoshua Porath, The Palestinian Arab National
Movement: From Riots to Rebellion 1929-1939, London 1977,
S. 63 f.
66 Zitiert in Moshe Hirsch, Deborah Housen-Couriel und
Ruth Lapidoth, Whither Jerusalem? Proposals and Positions
Concerning the Future of Jerusalem, Den Haag 1995, S. 27;
siehe auch Chaim Arlosoroff, Yoman Yerushalayim, Tel Aviv
[1949], S. 170f. (Arlosoroffs Tagebucheintragungen vom 6. und
7. Januar 1932.).
-524-
67 Porath, Palestinian Arab National Movement, S. 188.
68 Aufzeichnung einer Diskussion vom 17. Februar 1934 in
Litvinoff (Hg.), Letters and Papers of Chaim Weizmann, Serie
B, Bd. 2, S. 38 ff.
69 Siehe Michael Romann, «Maavaro shel Ha-Merkaz Ha-
Demografi Ve-Ha-Kalkali Miyrushalayim Le-Tel Aviv Bi-
Tkufat Ha-Mandat», in Lavsky (Hg.), Yerushalayim, S. 217-
2.34.
70 Diese Zahlen beziehen sich auf 1939: D. Gurevich u. a.,
Statistical Handbook of Jewish Palestine 1947, Jerusalem 1947,
S. 48.
71 Zitiert in Yossi Katz, «The Political Status of Jerusalem in
Historical Context: Zionist Plans for the Partition of Jerusalem
in the Years 1937-1938», in Shofar 11: 3 (1993), S. 45.
72 Porath, Palestinian Arab National Movement 1929-1939,
S. 219.
73 Katz, «Political Status», S. 46-50. Siehe auch Motti
Golani, «Jerusalem's Hope Lies Only in Partition: Israeli Policy
on the Jerusalem Question 1948-67», in International Journal of
Middle East Studies 31: 4 (1999), S. 577-604.
74 Palestine Partition Commission Report, Cmd 5854,
London 1938, S.75.
75 Siehe Bernard Wasserstein, Secret War in Shanghai,
London 1998, S. 7.
76 Palestine Partition Commission Report, S. 76-79.
77 Der am 29. Juli 1937 veröffentlichte Bericht wird zitiert in
Yehuda Taggar, The Mufti of Jerusalem and Palestine Arab
Politics 1930-1937, New York 1986, S. 446.
78 Ebenda, S. 451.
79 Porath, Palestinian Arab National Movement 1929-1939,
S. 240.
80 W. Battershill, Officer Administering the Government of
-525-
Palestine, Jerusalem, an Colonial Secretary, 2. November 1937,
PRO CO 733/337/17.
81 Siehe Aktenvermerk von Ormsby-Gore, 22. November
1937, ebenda.
82 Memorandum des Middle East Department des Colonial
Office über «The Mayoralty of Jerusalem», 31. August 1944,
PRO CO 733/458/4.
83 Siehe Gavriel Cohen, «Harold MacMichael and Palestine's
Future», in Zionism 3 (April 1981), S. 133-155.
84 Olympische Oden, VI: 3-4, übers. von W. Schadewaldt,
Frankfurt 1972.
85 Memorandum des Hochkommissars über «The Nature and
Constitution of the Succession States», Februar 1944, PRO CO
733/461/13.
86 Aktenvermerk von E. B. Boyd, 8. März 1944, PRO CO
733/461/13.
87 «Extract from Report of Cairo Conference held on 6th-7th
April 1944, enclosed with Resident Minister's letter to Secretary
of State of 9th May 1944», PRO CO 733/461/14.
88 Aktenvermerk von Boyd, 28. Juni 1944, PRO CO
733/461/14.
89 Memorandum von A. Eden, 15. September 1944, PRO
CAB 95/14.
90 Auszug aus einem Memorandum des Foreign Office vom
6. Oktober 1944, PRO CO 733/461/14.
91 Sitzungsprotokolle und Karten mit den Vorschlägen in
PRO CAB 121/51.
92 Zitiert in Yossi Katz, «The Marginal Role of Jerusalem in
Zionist Settlement Activity Prior to the Founding of the State of
Israel», Middle Eastern Studies, 34: 3 (Juli 1998), S. 121-145.
93 Rubinstein, «Jerusalem Municipality», S. 86.
-526-
94 Jewish Chronicle, 8. September 1944; siehe auch R. M.
Graves, Experiment in Anarchy, London 1949, S. 12.
95 George Kirk, The Middle East in the War [Royal Institute
of International Affairs, Survey of International Affairs 1939-
1946], London 1952, S. 319f.
96 Lord Gort an Colonial Secretary, 20. April 1945, PRO CO
733/458/4.
97 The Times, 13. Juli 1945.
98 Palestine Royal Commission Report, Cmd 5479, London
1937, S.368.
99 Yossi Feintuch, US Policy on Jerusalem, Westport/Conn.
1987, S. 6.
100 Motti Golani, «Zionism without Zion: The Jerusalem
Question 19471949», in Journal of Israeli History 6:1 (1995), S.
39-52.
101 Zitiert in Michael Brecher, Decisions in Israel's Foreign
Policy, London 1974, S. 14.
102 Siehe die vergleichenden Tabellen der offiziellen Zahlen
in Supplementary Memorandum by the Government of
Palestine, including Notes on Evidence given to the UN Special
Committee on Palestine up to 12. Juli 1947, Jerusalem 1947, S.
56.
103 Haim Levenberg, Military Preparations of the Arab
Community in Palestine 1945-1948, London 1993, S. 80.
104 Silvio Ferrari, «The Holy See and the Postwar Palestine
Issue: The Internationalization of Jerusalem and the Protection
of the Holy Places», in International Affairs 60:2 (1984), S. 264.
105 Golani, «Zionism without Zion», S. 41.
106 Report to the General Assembly by the United Nations
Special Committee on Palestine, London 1947.
107 Loy Henderson an John H. Hillering (Te legramm), 10.
November 1947, USNA, RG 59, Palestine Reference Files of
-527-
Dean Rusk and Robert McClintock 1947-1949, Dean Rusk
Reference «Book», 1. Oktober 1947-15. Februar 1948.
108 Warren Austin (New York) an Secretary of State
(Telegramm), 11. November 1947, ebenda.
109 Resolution der UN-Vollversammlung 18I/II vom 29.
November 1947.
Die Teilung
1 Graves, Experiment, S. 104 f.
2 Ebenda, S. 106.
3 Ebenda, S. 116.
4 Ebenda, S. 122.
5 Levenberg, Military Preparations, S. 187.
6 Siehe Benny Morris, Righteous Victims: A History of the
Zionist-Arab Conflict 1881-1999, New York 1999, S. 201; und
Elpeleg, Grand Mufti, S. 87.
7 UNSC, Third Session, New York 1948, 253. Sitzung, 24.
Februar 1948, S. 255-273.
8 Pablo de Azcárate, Mission in Palestine 1948-1952,
Washington 1966, S. 6.
9 UNTC, Second Session, New York 1947-8, Zweiter Teil,
19. Sitzung, 18. Februar 1948, S. 1-5.
10 UNTC, Second Session, New York 1947-8, Zweiter Teil,
29. Sitzung, 4. März 1948, S. 122-130.
11 Trafford Smith (New York) an W. A. C. Mathieson
(Colonial Office), 23. Januar 1948, PRO CO 537/3892A.
12 «Statute for Jerusalem: Report on the Second Part of the
Second Session of the Trusteeship Council» [März 1948], PRO
CO 537/ 38926.
-528-
13 G. B. Shannon (Commonwealth Relations Office) an
Mathieson (Colonial Office), 17. Januar 1948, PRO CO
537/3892A.
14 Unidentifizierter britischer Diplomat an A. N. Galsworthy
(Colonial Office), 30. Januar 1948, PRO CO 537/38926.
15 Aktenvermerk von J. M. Martin, 16. Februar 1948, PRO
CO 5 3 7/3 8 9 2 A.
16 Britische Delegation der UN an das Foreign Office, 18.
Februar 1948, PRO CO 537/389ZA.
17 Memorandum über ein Telefonat zwischen Robert
McClintock und Benjamin Gerig, 11. Dezember 1947, USNA,
RG 59, Palestine Reference Files of Dean Rusk and Robert
McClintock 1947-1949, Dean Rusk Reference «Book» , 1.
Oktober 1947-15. Februar 1948.
18 Azcárate, Mission in Palestine, S. 22.
19 UNSC, Third Year. Special Supplement No. 2, Document
A/AC 21/7 (United Nations Palestine Commission: first monthly
progress report to the Security Council, 29. Januar 1948), S. 6.
20 Sir Alan Cunningham an Sir Thomas Lloyd, 15. Januar
1948, PRO CO 537/3892A.
21 Menahem Kaufman, America's Jerusalem Policy 1947-
1948, Jerusalem
1982, S. I2f.
22 UNSC, Third Session, New York 1948, 271. Sitzung, 19.
März 1948, S. 154-172.
23 UNSC, Third Session, New York 1948, 275. Sitzung, 30.
März 1948, S: 245-254.
24 Siehe Michael Brecher, «Jerusalem: Israel's Political
Decisions 1947-1977») in Middle East Journal 32: 1 (1978), S.
13-34.
25 Teil der Erklärung in Meron Medzini (Hg.), Israel's
Foreign Relations: Selected Documents 1947-1974, Jerusalem
-529-
1976, S. 217 ff.
26 Tagebucheintrag vom 28. September 1947, in Graves,
Experiment, S. 88.
27 UNSC, Second Session, New York 1947-48, zweiter Teil,
32. Sitzung, 8. März 1948, S. 156.
28 Feintuch, US Policy, S. 23 ff.
29 Manchester Guardian, 6. März 1948.
30 Memorandum von J. H. H. Pollock, 20. März 1948, PRO
CO 5377 3893.
31 Überlegungen zu den Umständen seines Todes finden sich
bei Danny Rubinstein, «Unsolved Mystery: The Death of Abd
al-Kader al-Husseini», in Haaretz, 6. November 1998.
32 Graves, Experiment, S. 185.
33 Memorandum des israelischen Außenministeriums vom
13. Oktober 1948, ISA FM 1814/1I.
34 Meron Benvenisti, Jerusalem: The Torn City, Minneapolis
1976, S. 41 f.
35 Graves, Experiment, S. 191.
36 Siehe Leo Kohn (Jewish Agency) an Lt.-Gen. G. H. A.
MacMillan (den kommandierenden General der britischen
Truppen in Palästina), 16. April 1948, PRO CO 733/484/4;
Cunningham an Colonial Office, 21. April 1948, ebenda; sowie
die Korrespondenz zwischen J. L. Magnes und MacMillan vom
April 1948, ebenda.
37 Vermerk von Mathieson, 28. Juli 1948, PRO CO
733/484/4.
38 Cunningham (Jerusalem) an britische Delegation bei den
UN, 25. April 1948, PRO CO 537/3893.
39 UNSC, Third Session, 283. Sitzung, 16. April 1948.
40 Cunningham (Jerusalem) an Colonial Office, 16. April
1948, PRO CO
-530-
537/3893.
41 Ebenda.
42 Cunningham (Jerusalem) an britische Delegation bei den
UN, 25. April 1948, PRO CO 537/3893.
43 Siehe Kaufman, America's Jerusalem Policy, S. 139 ff.
44 UNTC, Second Session, New York 1947-48, Dritter Teil,
38. Sitzung, 27. April 1948, S. 117-130; 39. Sitzung, 28. April
1948, S. 30-42, 40. Sitzung, 29. April 1948, S. 43-52.
45 UNTC, Second Session, New York 1947-48, Dritter Teil,
37. Sitzung, 27. April 1948, S. 10-17. Britische Delegation bei
den UN an Foreign Office, 29. April 1948, PRO CO 537/3893.
46 UNTC, Second Session, New York 1947-48, Dritter Teil,
41. Sitzung, 30. April 1948, S. 52-63.
47 UNTC, Second Session, New York 1947-48, Dritter Teil,
42. Sitzung, 30. April 1948, S. 63-75.
48 Siehe Cunningham an Colonial Office, 11.Mai 1948, PRO
CO
537/3893.
49 Cunningham (an Bord von HMS Euryalus) an Colonial
Office, 16. Mai 1948, PRO CO 537/3893.
50 Foreign Office an Britische Delegation bei den UN (New
York), 17. Mai 1948, PRO CO 537/3893; Mathieson an D.
Balfour, 19. Mai 1948, PRO CO 537/3893
51 Zitiert in Amitzur Han, Bernadotte in Palestine 1948, A
Study in Contemporary Humanitarian Knight-Errantry, London
1989, S. 77; The Times, 22. Juni 1948.
52 Truce Commission an President, Security Council, 10. Mai
1948 (verlesen durch den Präsidenten in UNSC, 291. Sitzung,
12. Mai 1948).
53 UNSC, 291. Sitzung, 12. Mai 1948.
54 Aktenvermerk des Foreign Office, zitiert in Ilan,
-531-
Bernadotte in Palestine, S. 267.
55 Memorandum des Foreign Office Research Dept., Middle
East Section, über «The Status of Jerusalem», 18. Dezember
1962, PRO FO 371/164323.
56 Nigel Clive, zitiert in A. J. Sherman, Mandate Days:
British Lives in Palestine 1918-1948, London 1997, S. 243.
57 Golani, «Zionism without Zion», S. 45 f.
58 Memorandum von Vivian (später Chaim) Herzog, 21. Mai
1948, ISA FM 2451/4.
59 Siehe Avi Shlaim, Collusion across the Jordan: King
Abdullah, the Zionist Movement, and the Partition of Palestine,
New York 1988, S. 134-138; vgl. Levenberg, Military
Preparations, S. 225 ff.
60 William Roger Louis, The British Empire in the Middle
East 1945-51, Oxford 1984, S. 366-372.
61 UNSC, Third Session, 283. Sitzung, 16. April 1948.
62 UNSC, Third Session, 287. Sitzung, 23. April 1948.
63 Shlaim, Collusion, S. 177 f.
64 Mosche Schertok (Jerusalem) an President, UN Security
Council, 13. Mai 1948 (im Rat durch den Präsidenten verlesen
am 15. Mai), UNSC, 292. Sitzung, 15. Mai 1948.
65 Ebenda.
66 George Kirk, The Middle East 1945-1950, London 1954,
S. 273.
67 Abdullah an Trygve Lie, 16. Mai 1948, UN Security
Council document S/748.
68 Ahmad Hilmi an die Regierung von Transjordanien, [ca.
16.] Mai 1948, zitiert in Shlaim, Collusion, S. 241.
69 Zitiert ebenda.
70 Feintuch, US Policy, S. 38.
71 Kirk, Middle East 1945-1950, S. 273 f.
-532-
72 Siehe Shlaim, Collusion, S. 248.
73 Feintuch, US Policy, S. 37 f.
74 Azcárate, Mission in Palestine, S. 58.
75 Memorandum von Herzog, 21. Mai 1948, ISA FM 2451/4.
76 UNSC, 295. Sitzung, 18.Mai 1948.
77 Dies und ein Großteil der folgenden Absätze basieren auf
dem Progress Report of the United Nations Mediator on
Palestine, Rhodes 16th September 1948, Cmd 7530, London
1948.
78 Text der Vereinbarung in Rosalyn Higgins, United Nations
Peacekeeping 1946-1967: Documents and Commentary, 1. The
Middle East, London 1969, S. 76.
79 Kaufman, America's Jerusalem Policy, S. 56f.
80 Joseph Heller, «Bernadette's Mission to Palestine (1948)»,
in Middle Eastern Studies, 20:4 (1984), S. 226; Gary David
Stanger, «A Haunting Legacy: The Assassination of Count
Bernadotte», in Middle East Journal 42:2 (1988), S. 261; Ilan,
Bernadotte in Palestine, S. 132-138.
81 Text des Briefes in Folke Bernadotte, To Jerusalem,
London 1951, S. 149-152.
82 Progress Report, S. 51 f.
83 Kaufman, America's Jerusalem Policy, S. 83 f.; Ilan,
Bernadotte in Palestine, S. 183-191; Feintuch, US Policy, S. 51-
54.
84 George C. Marshall an US Botschaft, London, 12. August
1948, zitiert in Shlomo Slonim, «The United States and the
Status of Jerusalem 1947-1984», in Israel Law Review 19:2
(1984), S. 186f. Siehe auch Shlomo Slonim, Jerusalem in
America's Foreign Policy 1947-1949, Den Haag 1998, S. 115.
85 Marshall an James G. McDonald, 1. September 1948,
zitiert in Ferrari, «Holy See», S. 275.
-533-
86 Zitiert in Slonim, Jerusalem, S. 117.
87 Ebenda.
88 Text in Medzini (Hg.), Documents, S. 219 f.
89 Zitiert in Golani, «Zionism without Zion», S. 49 f.
90 Gabriel Sheffer, Moshe Sharett: Biography of a Political
Moderate, Oxford 1996, S. 389; siehe auch Heller, «Bernadotte's
Mission», S. 230.
91 Shlaim, Collusion, S. 357f.
92 Zitiert in Mary C. Wilson, King Abdullah, Britain and the
Making of Jordan, Cambridge 1988, S. 180.
93 Joseph Nevo, King Abdullah and Palestine: A Territorial
Ambition, London 1996, S. 166.
94 Haggai Eshed, Reuven Shiloah: The Man behind the
Mossad, London 1997, S. 143.
95 Ebenda, S. 144; und Shlaim, Collusion, S. 375-377.
96 Text der Proklamation vom 4. Februar 1949 in Medzini
(Hg.), Documents, S. 222.
97 Feintuch, US Policy, S. 61 f.
98 Text der Vereinbarung in John Norton Moore (Hg.), The
Arab-Israeli Conflict, Bd. 3, Princeton 1974, S. 397-406.
99 Resolution 194 der UN-Generalversammlung vom 11.
Dezember 1948.
100 Azcárate, Mission in Palestine, S. 141.
101 Zitiert in James G. McDonald, My Mission in Israel
1948-1951, London 1951, S. 1841.
102 Zitiert in Feintuch, US Policy, S. 74.
103 Zitiert in Kirk, Middle East, S. 305.
104 Ferrari, «Holy See», S. 266.
105 Acta Apostolicae sedis 16:5 (25. April 1949), S. 161-164.
106 Ferrari, «Holy See», S. 269.
-534-
107 Text der Rede vom 12. September 1949 in Litvinoff
(Hg.), Letters and Papers of Chaim Weizmann, Serie B, Bd. 2,
S. 715 ff.
108 Ferrari, «Holy See», S. 281.
109 Siehe Kaufman, America's Jerusalem Policy, S. 52.
10 Memorandum von Avraham Biran, Oktober 1948, ISA FM
1814/1 II. 111 Memorandum von Herzog, 7. September 1949,
ISA FM 2451/4.
112 Memorandum, undatiert [Oktober 1949], das Mordechai
Eliash dem Erzbischof von Canterbury überließ, ISA 100/27.
113 Memorandum, 31. Oktober 1949, gedruckt in UNGA,
Fifth Session, Supplement Nr. 18 (A/1367/Rev. 1), General
Progress Report and Supplementary Report of the United
Nations Conciliation Commission for Palestine, New York
1951, S. 9ff.
114 Entwurf von Shabtai Rosenne, 29. September 1949, ISA
FM 1885/4.
115 Memorandum von Rosenne, 30. September 1949, ISA
FM 1885/4.
116 Walter Eytan an den israelischen Botschafter (Brüssel),
14. November 1949, zitiert in Uri Bialer, «The Road to the
Capital - The Establishment of Jerusalem as the Official Seat of
the Israeli Government in 1949», in Studies in Zionism, 5:2
(1984), S. 278.
117 Zitiert in Zander, Israel and the Holy Places, S. 80.
118 Sir H. Dow (Tel Aviv) an Foreign Office, 7. Oktober
1949, PRO FO 371/75352.
119 Kabinettsprotokoll, 5. Dezember 1949, ISA.
120 Text der Erklärung in der Knesset vom 5. Dezember
1949, in Medzini (Hg.), Documents, S. 223 f.
121 Resolution 303 (IV) der UN-Generalversammlung, 9.
Dezember 1949.
-535-
122 Brecher, Decisions, S. 28-32.
123 Siehe Golani, «Zionism without Zion», S. 51f.; Bialer,
«Road to the Capital», S. 294 ff.; Sheffer, Sharett, S. 507 f.
124 Zitiert in Tom Segev, 1949: The New Israelis, New York
1986, S. 41 f.
125 Text der Äußerung in Medzini (Hg.), Documents, S. 226.
126 Secretary of State an Botschaft in Israel, 4. Januar 1950,
FRUS 1950, Bd. V, Washington 1978, S. 667 f.
127 Zitiert in Shlaim, Collusion, S. 537.
128 Sheffer, Sharett, S. 510.
129 Shlaim, Collusion, S. 527 f.
Zweimal Jerusalem
1 Bevölkerungsanteile laut ISA FM 4032/17.
2 NYT, 30. Mai 1950.
3 Le Monde, 31. Mai 1950; The Times, Juni 1950.
4 Britische Delegation bei den UN an Foreign Office, 19.
Januar 1950, PRO FO 371/82183.
5 Foreign Office an britische Delegation (Genf), 9. Februar
1950, ebenda.
6 US-Geschäftsträger in Amman an Secretary of State
(Washington), 25. Januar 1950, FRUS 1950, Bd. V (Washington
1978), S. 703 f.
7 US Geschäftsträger in Amman an Secretary of State
(Washington), 13. Februar 1950, ebenda, S. 741 f.
8 Bericht in der arabischen, in Jerusalem erscheinenden
Zeitung Filastin, 21. April 1950, zitiert in US Generalkonsul in
Jerusalem an State Department, 24. April 1950, ebenda, S. 872.
9 Kopie in ISA FM 1814/4.
-536-
10 Avi Plascov, The Palestinian Refugees in Jordan 1948-
1967, London 1981, S. 177; Wilson, King Abdullah, S. 209.
11 Shlaim, Collusion, S. 395 f.
12 Ebenda, S. 607 f.; sowie Naim Sofer, «The Political Status
of Jerusalem in the Hashemite Kingdom of Jordan 1948-1967»,
in E. Kedourie und S. G. Haim (Hg.), Palestine and Israel in the
19th and 20th Centuries, London 1982, S. 255-276.
13 Siehe Michael Comay (Tel Aviv) an Aubrey (Abba) Eban
(Washington), 13. November 1951, ISA FM 2451/5.
14 Britische Gesandtschaft (Tel Aviv) an Foreign Office, 5.
August 1952, PRO FO 371/98488.
15 Memorandum von Stuart W. Rockwell über ein Treffen
mit Eban und Eliahu Elath, 19. April 1950, FRUS 1950, Bd. V,
Washington 1978, S.861-864.
16 Dean Acheson an US-Botschaft (London), 22. August
1950, ebenda, S. 977.
17 Memorandum, 29. Juli 1952, Text in Caplan, Futile
Diplomacy, Bd. 4, London 1997, S. 291 f.
18 Zitiert ebenda, S. 64.
19 Memorandum von Evelyn Shuckburgh, 15. Dezember
1954, Text ebenda, S. 294 f.
20 Memorandum, 10. März 1955, Text ebenda, S. 296-303.
21 UNRWA-Tabelle der «Monthly Distribution Return of
Refugee Population, Jordan District, June 1953» in Stewart
Perowne, The One Remains: A Report from Jerusalem, London
1954, Appendix 1.
22 Roderick Parkes (Amman) an R. S. Crawford (Foreign
Office), 7. Dezember 1961, PRO FO 371/164323.
23 Aktennotiz von P. H. Lawrence (Levant Dept., Foreign
Office), 15. März 1956, PRO FO 371/121851.
24 Thomas Wikeley (Jerusalem) an E. M. Rose (Foreign
-537-
Office), 5. Juni 1956, PRO FO 371/121851.
25 Perowne, The One Remains, S. 61.
26 Wikeley (Jerusalem) an Rose (Foreign Office), 7. April
1955, PRO FO 371/115663.
27 Zitiert in Avi Plascov, «The Palestinians of Jordan's
Border», in Roger Owen (Hg.), Studies in the Economic and
Social History of Palestine in the Nineteenth and Twentieth
Centuries, London 1982, S.233.
28 Moshe Ma'oz, Palestinian Leadership on the West Bank:
The Changing Role of the Arab Mayors under Jordan and Israel,
London 1984, S. 54 f.
29 Plascov, «Palestinians of Jordan's Border», S. 237.
30 C. B. Duke (Amman) an Rose (Levant Dept., Foreign
Office), 24. September 1956, PRO FO 371/121850.
31 Wikeley (Jerusalem) an Foreign Office, 29. September
1956, Nr. 352, PRO FO 371/121850.
32 Britisches Generalkonsulat, Jerusalem (Ost) an Foreign
Office, 19. Januar 1967, PRO FCO 17/563.
33 Wikeley (Jerusalem) an Foreign Office, 29. September
1956, Nr. 353, ebenda.
34 Wikeley (Jerusalem) an Foreign Office, r. Oktober 1956,
PRO FO 371/121850.
35 Sir G.Jebb (Paris) an Foreign Office, 9. Oktober 1956,
PRO FO 371/121850.
36 Wikeley (Jerusalem) an Foreign Office, 8. Oktober 1956,
PRO FO 371/121850; Aidemémoire des Foreign Office
(anscheinend zur Präsentation gegenüber der jordanischen
Regierung), n. Oktober 1956, ebenda; Wikeley (Jerusalem) an
Foreign Office, 23. Oktober 1956, ebenda; und Memorandum
des Foreign Office Research Dept, Middle East Section, über
den «Status von Jerusalem», 18. Dezember 1962, PRO FO
371/164323.
-538-
37 Aktennotiz von R. K. Hadow, 5. November 1956, PRO FO
3717 121767; siehe auch Aktennotiz von P. H. Lawrence, 3.
November 1956, ebenda.
38 Barry Rubin, Revolution Until Victory: The Politics and
History of the PLO, Cambridge/Mass. 1994, S. 2; Uriel Dann,
King Hussein and the Challenge of Arab Radicalism: Jordan
1955-1967, New York 1989, S. 196.
39 Israel Kimhi und Benjamin Hyman, «Demographic and
Economic Developments in Jerusalem since 1967», in Kraemer
(Hg.), Jerusalem, S. 137. Das Gebiet, das diesen Zahlen
zugrunde liegt, ist Jerusalem in den Stadtgrenzen nach 1967.
40 Daphne Tsimhoni, Christian Communities in Jerusalem
and the West Bank since 1948: An Historical, Social, and
Political Study, Westport/Conn. 1993, S. 1-9.
41 Wikeley (Jerusalem) an Rose (Foreign Office), 30.
November 1955, PROFO 371/115663.
42 Rose (Jerusalem) an Sir Charles Peake (britischer
Botschafter, Athen), 5. Dezember 1955, PRO FO 371/115614.
43 John Nicholls (Tel Aviv) an Rose (Levant Dept., Foreign
Office), 6. Februar 1956, PRO FO 371/121442.
44 Aktennotiz von B. Miller, 31. Oktober 1955, PRO FO
371/115617.
45 Tsimhoni, Christian Communities, S. 36-43.
46 Eytan und Herzog (Tel Aviv) an Scharen (New York), 10.
November 1950, ISA FM 1814/5; und Herzog an Scharett, 29.
November 1950, ebenda.
47 Tsimhoni, Christian Communities, S. 68 f.; siehe auch
Victor Azarya, The Armenian Quarter of Jerusalem: Urban Life
Behind Monastery Walls, Berkeley 1984, S. 114 f.
48 Ebenda, S. 116.
49 Siehe Bovis, Jerusalem Question, S. 97 f.
50 A. R. Walmsley (Jerusalem) an G. H. Baker (Levant Dept.,
-539-
Foreign Office), 11. Januar 1954, PRO FO 371/110853.
51 Memorandum von J. E. Brewis, 18. März 1954, PRO FO
371/110583.
52 Secretary of State (Washington) an US-Botschaft in Israel,
4. Januar 1950, FRUS 1950, Bd. V, Washington 1978, S. 667 f.
53 Siehe Notiz des Herausgebers in FRUS 1961-1963, Bd.
XVII, Washington 1994, S. 738.
54 Walmsley (Jerusalem) an Eastern Department, Foreign
Office, 31. August 1953, mit der Anlage eines Berichts über
«heads of career consular posts in Jerusalem, August 1953»,
PRO FO 371/104484.
55 Note des israelischen Außenministeriums, undatiert
[Dezember 1950], ISA FM 1814/5.
56 Protokoll der außerordentlichen Zusammenkunft des
Konsularischen Korps, Jerusalem, 13. Januar 1951, ISA FM
1814/5; A. Biran an den Generaldirektor des israelischen
Außenministeriums, 17. Januar 1951, ebenda; Foreign Ministry
Research Department an Foreign Minister, 29. Januar 1951,
ebenda.
57 Ebenda.
58 Text der Note des sowjetischen Vertreters bei den
Vereinten Nationen, Y. A. Malik, an UN-Generalsekretär
Trygve Lie, 17. April 1950, PRO FO 371/82186.
59 Knox Helm (Tel Aviv) an Foreign Office, 25. April 1950,
PRO FO 371/82186.
60 Siehe Memorandum von Y. Ilsar, undatiert [Januar 1966],
ISA FM 4032/17.
61 Siehe Scharett an John Foster Dulles, 27. Juli 1953, ISA
FM 1817/3.
62 Auszug aus einem britischen Dokument über
britischamerikanische Gespräche im State Department, 14. Juli
1953, PRO FO 371/104738; siehe auch die Presseerklärung des
-540-
Department of State vom 28. Juli 1953, FRUS 1953, Bd. IX,
Washington 1986, S. 1163 f.
63 M. T. Walker (Amman) an Foreign Office, 30. Juli 1953,
PRO FO 371/104739.
64 A. R. Moore (Tel Aviv) an P. S. Falla (Levant Dept.,
Foreign Office), 22. Dezember 1953, PRO FO 371/104842.
65 US-Botschafter (London) an Eden (in Übermittlung einer
Botschaft von Dulles), 9. Oktober 1954, PRO FO 371/111132.
66 Nicholls (Tel Aviv) an Rose (Levant Dept., Foreign
Office), 1. und 8. August 1955, PRO FO 371/115938.
67 Siehe State Department an President's Special Assistant for
National Security Affairs, 31. Mai 1962, FRUS 1961-63, Bd.
XVII, Washington 1994, S. 688-691.
68 Memorandum über eine Unterredung im State Department
mit Faiz al-Khouri, 28. August 1950, FRUS 1950, Bd. V,
Washington 1978, S. 981.
69 Caplan, Futile Diplomacy, Bd. 4, S. 185.
70 Britisches Generalkonsulat (Jerusalem), an Levant Dept.,
Foreign Office, 27. Januar 1955, PRO FO 371/115615.
71 J. G. S. Beith (Foreign Office) an P. F. Hancock (Tel
Aviv), 12. Februar 1960, PRO FO 371/164322.
72 Memorandum der Westeuropaabteilung des israelischen
Außenministeriums über «Frankreich und das Problem
Jerusalem» vom 16. April 1966, ISA FM 4032/17.
73 Text der Vereinbarung in Moore, Arab-Israeli Conflict,
Bd. 3, S. 397-406.
74 «Top secret» -Bericht von Baruch Neumark, 8. Oktober
1948, ISA FM 2451/4.
75 Shlaim, Collusion, S. 460.
76 Bericht des Stabschefs von UNTSO, zitiert in Higgins,
United Nations Peacekeeping, S. 164.
-541-
77 Text der Erklärung von General Vagn Bennike, des
Stabschefs der UNTSO, gegenüber dem UN-Sicherheitsrat,
ebenda, S. 120 f.
78 Siehe Baruch Gil'ad (Hg.), Te'udot Li-Mediniut Ha-Hutz
shel Medinat Yisrael, Bd. 14 1960, Jerusalem 1997, S. 11.
Die Annexion
1 Text der Erklärung in Medzini (Hg.), Documents, S. 343.
2 Siehe z. B. Israel Ministry of Foreign Affairs, Jerusalem:
Issues and Perspectives, Jerusalem 1972.
3 Zitiert in Dann, King Hussein, S. 200.
4 Zitiert in Brecher, «Jerusalem», S. 23.
5 Aufgrund von Auszügen der wörtlichen Protokolle in
Brecher, «Jerusalem», S. 23 f.
6 Zitiert in Morris, Righteous Victims, S. 324.
7 Interview Abraham Rabinovichs mit Motta Gur,JP, 21. Juli
1995.
8 Golani, «Jerusalem's Hope», S. 594 ff.
9 Zitiert in Randolph S. und Winston S. Churchill, The Six
Day War, London 1967, S. 141.
10 Martin Van Creveld, The Sword and the Olive: A Critical
History of the Israeli Defense Force, New York 1998, S. 188-
191. 11 Benvenisti, Jerusalem, S. 86.
12 Richard H. Pfaff, Jerusalem: Keystone of an Arab-Israeli
Settlement, Washington 1969, S. 35.
13 Memorandum von Comay, 9. Juni 1967, ISA FM 4089/15.
14 Memorandum über Jerusalem von A. Levontin, 10. Juni
1967, ISA FM 4089/15.
15 Michael Hadow (Tel Aviv) an Foreign Office, 14. Juni
-542-
1967, PRO FCO 17/251.
16 IHT, 23. Juni 1967.
17 Feintuch, US Policy, S. 125ff.
18 R. Ze'evi an Justizminister Y.S.Shapiro, 22. Juni 1967,
ISA FM 4089/14. Bevölkerungsdaten aus Maya Choshen und
Naama Shahar, Statistical Yearbook of Jerusalem 1997,
Jerusalem 1998, S. 25-29.
19 Niederschrift der bei der Sitzung vom 23. Juni 1967
gefassten Beschlüsse, ISA RAM 6306/1115, Spalte 1.
20 Texte der Beschlüsse ebenda.
21 Text des Gesetzes in Medzini (Hg.), Documents, S. 245.
22 Ebenda, S. 245 f.
23 Ebenda, S. 247.
24 Siehe Benvenisti, Jerusalem, S. 95-104.
25 Memorandum von I. C. Alexander (britisches
Generalkonsulat, Jerusalem), 29. Juni 1967.
26 Übersetzte Kopie des Befehls, PRO FCO 17/253.
27 NYT, 30. Juni 1967.
28 Eban, Leserbrief im Daily Telegraph, 8. September 1980.
29 Benvenisti, Jerusalem, S. VIII.
30 John Lewen (Jerusalem) an Foreign Office, 26. Januar
1968, PRO FCO 17/640.
31 Siehe Bericht über diesen Rechtsfall in Israel Law Review,
5: 1 (Januar 1970), S. 120ff.
32 Ruth Lapidoth, «Jerusalem and the Peace Process», in
Israel Law Review, 28: 2/3 (1994), S. 416.
33 Zerah Warhaftig an Lewi Eschkol, 1. Oktober 1967, ISA
RAM 6304/1067.
34 Arthur Kutcher, The New Jérusalem: Planning and
Politics, London 1973, S. 54.
-543-
35 NYT, 12. Januar 1968.
36 NYT, 3. Juli 1968.
37 David Ben Gurions Gespräch mit Eric Rouleau von Le
Monde, zitiert in Pfaff, Jerusalem, S. 41.
38 Haaretz, 9. und 29. August 1968.
39 Zitiert in B'Tselem (Israel Information Center for Human
Rights in the Occupied Territories), A Policy of Discrimination:
Land Expropriation, Planning and Building in East Jerusalem,
Jerusalem 1995, S. 36.
40 Ebenda, S. 19.
41 Ebenda, S. 49.
42 Meron Benvenisti, City of Stone: The Hidden History of
Jerusalem, Berkeley 1996; sowie Amir S. Cheshin, Bill Hutman
und Avi Melamed, Separate and Unequal: The Inside Story of
Israeli Rule in East Jerusalem, Cambridge/Mass. 1999; auch JP,
11.Juli 1995 und Haaretz, 25. März 1999.
43 Lewen (Jerusalem) an W. Morris (Foreign Office), 6. Juli
1967, PRO FCO 17/153.
44 Rawhi al-Khatib u. a. an R. Levy, Assistant Administrative
Officer for Jerusalem, 23. Juli 1967, Kopie in PRO FCO
177/251.
45 Lewen (Jerusalem) an Morris (Foreign Office), 12. Juli
1967, PRO FCO 17/2.51.
46 Zu Arefs Karriere zu Mandatszeiten siehe Bernard
Wasserstein, British in Palestine, S. 179-182.
47 JP, 25. und 26. Juli 1967; NYT, 26. Juli 1967.
48 UN Sicherheitsrat-Dokument S/8109 und UNGeneralversammlung-
Dokument A/6782, 3. August 1967; vgl.
die als Artikel C des Anhangs 1 zu UN-Sicherheitsrat-
Dokument S/8146 (Report of Secretary-General, datiert vom 12.
September 1967) repr. Fassung der Erklärung, S. 266 ff.
-544-
49 Hadow (Tel Aviv) an Foreign Office, 1. August 1967,
PRO FCO 17/253.
50 Hebräische Übersetzung in ISA FM 4089/13.
51 NYT, 26. Juli 1967.
52 Das Folgende basiert in weiten Teilen auf David Farhi,
«Ha-Moatza Ha-Muslemit Be-Mizrah Yerushalayim U-Vihuda
Ve-Shomron Meaz Milhemet Sheshet Ha-Yamim [Der
Muslimrat in Ostjerusalem und in Judea und Samaria seit dem
Sechstagekrieg]», in Hamizrah Hehadash, 28 (1979), S. 3-21.
Siehe auch Aharon Layish, «The Status of the Shari'a in a Non-
Muslim State: The Case of Israel», in Asian and African
Studies, 27: 1/2 (1993), S. 171-188.
53 Ebenda.
54 Meron Benvenisti, «Status and Law», in JP, 22. Februar
1980; siehe auch Lapidoth, «Jerusalem and the Peace Process»,
S. 408.
55 JP, 12. März 1980.
56 Romann und Weingrod, Living Together Separately, S. 66.
57 Direktor der Westeuropaabteilung des israelischen
Außenministeriums an Geschäftsträger (Paris), 6. August 1967,
ISA FM 4089/12.
58 Elpeleg, Grand Mufti, S. 154.
59 NYT, 9. März 1968.
60 NYT, 8. März 1968.
61 Resolution 2253 der UN-Generalversammlung vom 4. Juli
1967.
62 Text in Medzini (Hg.), Documents, S. 248.
63 UN-Sicherheitsrat-Dokument S/8146 und UNGeneralversammlung-
Dokument A/6793 (Report of Secretary-
General, datiert vom 12. September 1967).
64 Resolution 252 der UN-Generalversammlung vom 21. Mai
-545-
1968.
65 Beispielsweise die Sicherheitsratsresolutionen 267 vom 3.
Juli 1969 und 298 vom 29. September 1971.
66 H. N. Pullar (Jerusalem) an Foreign Office, 13. Juni 1967,
PRO FCO 17/213.
67 United States Information Service paper, 29. Juni 1967.
68 Resolution 267 des UN-Sicherheitsrats vom 3. Juli 1969.
69 Siehe Yosts Äußerung im Sicherheitsrat vom 1.Juli 1969;
Text in Moore (Hg.), Arab-Israeli Conflict, Bd. 3, S. 992-995.
70 Zitiert in Slonim, «United States and the Status of
Jerusalem», S. 218.
71 Zitiert ebenda, S. 216.
72 Interview des Autors mit Lord Caradon, New York, 6.
April 1970; The Times, 14. Juni 1974; NYT, 24. November
1974; Guardian, 27. August 1979.
73 The Times, 13. September 1974.
74 Zitiert in Edward R. F. Sheehan, The Arabs, Israelis, and
Kissinger. A Secret History of American Diplomacy in the
Middle East, New York 1976, S. 74 f.
75 NYT, 15. März 1974; Le Figaro, 20. Februar 1975;
Egyptian Gazette, 22. Februar 1977.
76 NYT, 3. April 1975.
77 Brookings Institution, Towards Peace in the Middle East,
Washington 1975; siehe auch William Quandt, Decade of
Decisions: American Policy TowardtheArab-Israeli Conflict
1967-1976, Berkeley 1977, S. 291.
78 IHT, 31. Dezember 1973.
79 The Times, 12. Februar 1974, Guardian, 14. Februar 1974.
80 Interview mit Teddy Kollek, Radio Israel, 17. Mai 1980.
81 JP, 9. und 14. Mai 1980.
82 The Times, 27. April 1977.
-546-
83 Ya'akov Hazan, «Peace and the Future of Jerusalem», in
Progressive Israel, 6: 8 (Juni 1980).
84 NYT, 12. August 1977.
85 The Times, 21. November 1977.
86 Mosche Dayan, Breakthrough. A Personal Account of the
Egypt-Israel Peace Negotiations, London 1981, S. 85.
87 Mohamed Ibrahim Kamel, The Camp David Accords: A
Testimony, London 1986, S. 218.
88 Ebenda, S. 297.
89 Interview mit Harold Saunders, Washington, 14. Juni
1982. Siehe auch Kamel, Camp David Accords, S. 346.
90 Texte in J. A. S. Grenville und Bernard Wasserstein (Hg.),
The Major International Treaties since 1945, London 1987, S.
379.
91 Dayan, Breakthrough, S. 179.
92 Kamel, Camp David Accords, S. 374.
Auf dem Weg zur palästinensischen Autonomie
1 Nachrichten von Radio Israel, 17. Juli 1979.
2 Nachrichten von Radio Israel, 22. Juli 1979; siehe auch JP,
22. Dezember 1979.
3 Nachrichten von Radio Israel, 19. Januar 1980.
4 JP, 11., 23. und 25. April 1980; The Times, 3. April 1980.
5 JP, 16. Juli 1980.
6 Zitiert in Slonim, «United States and the Status of
Jerusalem», S. 236.
7 JP, 18. Januar 1980.
8 NYT, 24. Oktober 1980.
9 Dawn, 26. Februar 1979.
-547-
10 Dawn, 13. Mai 1979; IHT, 14. Mai 1979; Observer,
Foreign News Service Report, 29. Juni 1979.
11 Siehe Comité al Qods sous la présidence de Sa Majesté le
Roi Hassan II: Réalisations et Perspectives, Rabat 1984.
12 Dawn, 28. März 1979.
13 JP, 1. August 1980.
14 JP, 24., 25. und 27. Juli 1980.
15 JP, 29. Juli 1980.
16 Text des «Basic Law: Jerusalem the Capital of Israel», hg.
von der israelischen Botschaft in London, 30. Juli 1980.
17 JP, 1.August 1980.
18 Ma'ariv, 15.Juni 1979.
19 Siehe Hirsch, Housen-Couriel und Lapidoth, Whither
Jerusalem?
20 JP, 15. September 1980.
21 Israel Army Radio, 29. Juli 1980.
22 KP, 1. August 1980.
23 NYT, 3. August 1980.
24 JP, 17. August 1980.
25 Daily Telegraph, 6. Februar 1979.
26 JP, 12. August 1980.
27 JP, 29. Juli 1980.
28 JP, 21. Juli 1980; siehe auch JP, 25. Juli 1980.
29 JP, 13.Juli 1980.
30 JP, 14. Juli 1980.
31 Rede Weizmanns vor der Central Asian Society, London,
12. November 1929, in Litvinoff (Hg.), The Letters and Papers
of Chaim Weizmann, Serie B, Bd. 1, S. 570-581.
32 JP, 24. Juli 1980.
-548-
33 JP, 29., 30. und 31. Juli, 1. September 1980.
34 JP, 13. August 1980.
35 JP, 12. August 1980.
36 Text der Rede und der «Gesprächspunkte» in Moore (Hg.),
Arab-Israeli Conflict, Bd. 4, Teil 2, Princeton 1991, S. 1131-
1141.
37 Ebenda, S. 1142-1145.
38 The Times, 5. Januar 1973.
39 JP, 4. Juli 1980.
40 JP, 25. März 1980.
41 JP, 11., 13. und 21. Juli, 8.August 1980.
42 JP, 16. September 1980.
43 JP, 22. Juni 1980.
44 NYT, 11. März 1984.
45 NYT, 27. März 1984.
46 «Big 50 Survey», unveröffentlichtes Memorandum der
Anti-Defamation League der B'nai B'rith, 15. Mai 1984.
47 NYT, 29. März 1984.
48 JP, 9. Oktober 1980.
49 Texte des Office of Permanent Observer Mission of
Palestine to the United Nations.
50 Guardian, 2. August 1977.
51 Colin Legum (Hg.), Middle East Contemporary Survey,
Bd. 1 (1976-77), New York 1978, S. 581.
52 Christian Science Monitor, 25. Juli 1977.
53 »Reflections on the Political Future of Jerusalem» von
Walter Eytan, 5. Juni 1979.
54 Walid Khalidi, «Thinking the Unthinkable: A Sovereign
Palestinian State», in foreign Affairs, 56:4 (1978), S. 695-713.
55 Text in Colin (Hg.), Recueil, S. 273-301.
-549-
56 Bericht von Ian Black, New Statesman, 27. Juli 1979.
57 JP, 9. Mai 1980.
58 Al-Fajr, 18. Mai 1980.
59 Yedi'ot Aharonot, 28. November 1986.
60 NYT, 18.Juni 1987.
61 Benvenisti, Jerusalem, S. 192.
62 Guardian, 10. August 1987; JP, 8. und 11. Dezember 1987.
63 NYT, 16. Januar 1988; Guardian Weekly, 24. Januar 1988
(mit dem Nachdruck eines Berichts in der Washington Post).
64 NYT, 20. Januar 1988.
65 NYT, 12. Februar 1988.
66 Romann und Weingrod, Living Together Separately, S.
240.
67 Siehe Ahmad Tibi, «The Other Side of Jerusalem», in
Jerusalem Report, 4. Juli 1991; siehe auch Alex Weingrod und
'Adel Manna, «Living along the Seam: Israeli Palestinians in
Jerusalem», in International Journal of Middle East Studies, 30
(1998), S. 369-386.
68 NYT, 1. Juni 1992.
69 Text der Erklärung von Shultz vom 26. Februar 1988, in
Moore (Hg.), Arab-Israeli Conflict, Bd. 4, Teil 2, S. 1883 ff.
70 Text der Rede ebenda, S. 1889-1894.
71 Text des Office of Permanent Observer Mission of
Palestine to the United Nations.
72 Text von Jassir Arafats Rede vor der UNGeneralversammlung
am 14. Dezember 1988, in Moore (Hg.),
Arab-Israeli Conflict, Bd. 4, Teil 2, S. 1913-1916; Erklärung
Arafats vom 14. Dezember 1988, ebenda, S. 1917 f.
73 Le Monde, 4.-5. Juli 1991.
74 NYT, 11. April 1993.
-550-
75 Ebenda.
76 NYT, 10. April 1994.
77 NYT, 20. September 1993.
78 NYT, 7. Oktober 1993.
Das Schwinden des christlichen Jerusalem
1 JP, 17. September 1997.
2 Siehe Tabelle 2.5 in Tsimhoni, Christian Communities, S.
26.
3 Ebenda, S. 65.
4 NYT, 12. Februar 1992.
5 Bericht von Patrick Cockburn im Independent on Sunday,
14. Mai
1995.
6 Siehe z. B. Jerusalem: Issues and Perspectives.
7 Siehe R. Levy, 23. Juli 1967, ISA FM 4089/14; sowie Levy
an den Generaldirektor des Innenministeriums, 6. August 1967,
ISA FM 4089/12.
8 Memorandum von Y. Ilsar, 8. Dezember 1967, ISA FM
4089/13.
9 Hadow (Tel Aviv) an Foreign Office, 5. Juli 1967, PRO
FCO 17/253; sowie Hadow an Foreign Office, 2. August 1967,
PRO FCO 17/255.
10 Siehe The Times, 23. Oktober 1974.
11 Siehe E. Ben-Horin (Vertreter des Außenministeriums im
Westjordanland) an Generaldirektor des israelischen
Außenministeriums, 19. Juni 1967, ISA FM 4089/15.
12 Patriarch Benediktos an Eschkol, 17/20. November 1967,
ISA FM 4089/13.
-551-
13 Tsimhoni, Christian Communities, S. 44.
14 Ebenda, S. 44 f.
15 Ebenda, S. 70 f.; Azarya, Armenian Quarter, S. 218.
16 Siehe Naomi Shepherd, Teddy Kollek, Mayor of
Jerusalem, New York 1988, S. 76f.
17 Ilsar an Generaldirektor des israelischen
Außenministeriums, 15. Juni 1967, ISA FM 4089/15.
18 NYT, 24. Juni 1967.
19 M. S. Williams (Britischer Gesandter am Heiligen Stuhl)
an Foreign Office, 27. Juni 1967, PRO FCO 17/252.
20 Siehe Osservatore Romano, 22.-23. März 1971, 30. Juni-I.
Juli 1980; The Times, 11. April 1974; IHT, 8. März 1976 (siehe
aber auch IHT, 10. März 1976); NYT, 13. Januar 1978; Le
Monde, 8. Februar 1978; JP, 22. Juni,1.Juli 1980.
21 Williams an Foreign Office, 6. Juli 1967, PRO FCO
17/252.
22 Joëlle Le Morzellec, La Question de Jérusalem devant
l'Organisation des Nations Unies, Brüssel 1979, S. 400 f.
23 Ben-Horin an Außenminister, 9. Juli 1967, ISA FM
4089/12.
24 Benediktos an Eschkol, 12. Juli 1967, ISA FM 4089/12.
25 Ilsar an den stellvertretenden Generaldirektor des
israelischen Außenministeriums, 14. Juli 1967, ISA FM
4089/12.
26 Note des Foreign Office, 13. Juli 1967, PRO FCO 17/252.
27 Zitiert in Israelisches Außenministerium an Botschaft in
Rom, 16. Juli 1967, ISA FM 4089/12.
28 NYT, 4. April 1988.
29 Tsimhoni, Christian Communities, S. 168f.
30 NYT, 13., 16., 19., 23. und 24. April 1990. Siehe auch
Robert I. Friedman, «Making Way for the Messiah», in New
-552-
York Review of Books, 11. Oktober 1990.
31 Time, 7. Mai 1990.
32 Tsimhoni, Christian Communities, S. 177.
33 Siehe Bernard Wasserstein, Europa ohne Juden. Das
europäische Judentum seit 1945, Köln 1999, Kap. 6.
34 NYT, 7. und 8.Januar 1992.
35 NYT, 31. Dezember 1993.
36 NYT, 1.Januar 1994.
37 Haaretz, 26. Oktober 1994.
38 JP, 25. März 2000.
39 JP, 20. Juli 1994.
40 Ebenda.
41 JP, 11. November 1994.
42 C. W. Baxter (Foreign Office) an Unterstaatssekretär,
Colonial Office, 3. November 1943, PRO CO 733/444/30.
43 Ebenda.
44 Siehe Documents on Israeli-Soviet Relations 1941-1953.
Teil 1: 1941-May 1949, London 2000, S. 112-117.
45 Harry J. Psomiades, «Soviet Russia and the Orthodox
Church in the Middle East,», in Middle East Journal, 11: 4
(Herbst 1957), S. 371-381.
46 Interview mit Schabtai Rosenne, Jerusalem, 27. Mai 2000.
47 Sowjetische Botschaft (London) an Foreign Office, 4. Mai
1948, PRO FO 1040/3.
48 Siehe Documents on Israeli-Soviet Relations, Bd. I, S.
282., Anm. 2.
49 V. A. Zorin (Stellvertretender sowjetischer Außenminister)
an G. G. Karpov (Tel Aviv), 10. September 1948, ebenda, S.
337f.
50 Britischer Gesandter (Tel Aviv) an Foreign Office, 4.
-553-
August 1949, PRO FO 371/75343.
51 Eine detaillierte Dokumentation des langwierigen
diplomatischen Gerangels über diese Frage findet sich in
Documents on Israeli-Soviet Relations, 1941-1953, London
2000, Bd. 2.
52 Le Monde, 15. Juli 1987.
53 Interview mit Schabtai Rosenne, Jerusalem, 27. Mai 2000;
Yaakov Doron an Eliezer Doron, 13. Januar 1966, ISA FM
4049/14.
54 Herzog an Reuven Schiloah, 28. September 1949, ISA FM
2451/4.
55 Generalkonsulat, Jerusalem, an Foreign Office, 8. Februar
1950, PRO FO 371/82183.
56 Psomiades, «Soviet Russia», S. 379.
57 Britisches Generalkonsulat, Jerusalem, an Eastern Dept.,
Foreign Office, 23. Juni 1952, PRO FO 371/98503.
58 Siehe Bericht von S. P. Colbi, dem Leiter der Abteilung
für christliche Angelegenheiten im israelischen
Religionsministerium, ISA Gimel 5805/3.
59 Ilsar an A. Eshel, 11. Juli 1967, ISA FM 4089/12.
60 Metropolit Philaret, Präses des Synods der Bischöfe der
russischorthodoxen Kirche außerhalb Russlands, an Abraham
Harman (israelischer Botschafter in Washington), 24. Juni 1967,
ISA FM 4089/13.
61 Harman an Philaret, 28. Juni 1967, ISA FM 4089/13.
62 Christian Science Monitor, 18. Oktober 1968.
63 Bericht der TASS vom 29. Oktober 1968.
64 Interview mit Gideon Rafael, Jerusalem, 19. Juli 1982.
65 JP, 14. September 1980.
66 The Times, 21. Januar 2000. Siehe auch Bernard
Wasserstein, «Red Alert for White Nuns», in JP, 31. Januar
-554-
2000.
Die schleichende Teilung
1 Haaretz, 11. Dezember 1994.
2 Zitiert in Edward Norden, «Jerusalem: What Next?», in
Commentary, 97:1 (1994), S. 44-49; siehe auch NYT, 14.
Februar 1991.
3 Der vollständige Text der Vereinbarung zwischen Beilin
und Abu Mäzen ist nie im Druck erschienen.
Zusammenfassungen und bearbeitete Fassungen gelangten
erstmals 1996 an die Öffentlichkeit (siehe z. B. Haaretz, 22.
Februar 1996, JP, 23. Februar 1996 sowie Haaretz, 5. August
1996). Vorliegende Zusammenfassung und Zitate basieren auf
dem Text des Hauptteils der Vereinbarung, der (ohne die
dazugehörigen Anhänge und Karten) am 18. September 2000
auf der Website der Zeitschrift Newsweek erschien. Die recht
ähnlichen Vorschläge, die der Autor dieses Buches im Juni 1995
in einem Vortrag in London unterbreitete (veröffentlicht im
Oktober 1995 als Institute of Jewish Affairs Report Nr. 3:
«Jerusalem: Past, Present, and Future» - später auch auf
Norwegisch in Helge Aarflot (Hg.), Fred for Jerusalem:
Historisk, religiös og politisk bakgrunn [Oslo 1996], S. 2.51-
270), wurden ohne Kenntnis der gleichzeitig laufenden
Verhandlungen zwischen Beilin und Abu Mäzen formuliert.
4 JP, 23. Februar 1990.
5 Ebenda.
6 Interview mit Harold Saunders, Washington, 14. Juni 1982.
7 Israelischpalästinensisches Interimsabkommen über das
Westjordanland und den Gazastreifen, 28. September 1995:
Anhang II: Protokoll über Wahlen, Text des israelischen
Außenministeriums.
-555-
8 JP, 18.Juli 1995.
9 NYT, 19. Januar 1996.
10 Ehud Olmert im Gespräch mit dem Autor in Königswinter,
Januar 1997.
11 Diese Aussagen basieren auf der sorgfältigen Analyse von
Barry Rubin in seinem Buch The Transformation of Palestinian
Politics: From Revolution to State-Building, Cambridge/Mass.
1999, S. 206212.
12 Zitiert in einer ganzseitigen Anzeige der American Friends
of Ateret Cohanim in der NYT, 6. Juni 1993.
13 Siehe Haaretz, 12. Juli 1995.
14 JP, 17. Januar 1995.
15 Le Monde, 21.-22. August 1994.
16 JP, 8. November 1994.
17 Le Monde, 9. November 1994.
18 JP, 10. und 11. November 1994.
19 JP, 15. November 1994.
20 JP, 30. September 1994.
21 Le Monde, 8. November 1994.
22 JP, 8. November 1994.
23 Siehe die palästinensischen Kabinettslisten für die Jahre
1994-1999, in Rubin, Transformation, S. 203 ff.; die Liste für
2000 stammt vom Büro des palästinensischen Beobachters bei
den Vereinten Natione n.
24 Haaretz, 16. November 1994.
25 Haaretz, 3. Februar 1995; JP, 3. Februar 1995; Rubin,
Transformation, S. 224.
26 Rubin, Transformation, S. 224. 17 JP, 7-Juli 1995.
28 JP, 21. Juli 1995.
29 Text des israelischen Außenministeriums.
-556-
30 NYT, 7. Oktober 1993.
31 «The Jerusalem Letter», Memorandum der Palestinian
Academic Society for the Study of International Affairs. Siehe
auch Marshall J. Breger, «The New Battle for Jerusalem», in
Middle East Quarterly, 1: 4 (1994), S. 30.
32 Haaretz, 12. Februar 1997; siehe auch Haaretz, 1. Februar
1998.
33 JP, 11. Mai 1997.
34 Jerusalem Report, 26. Juni 1997.
35 Die Zahlen stammen von B'Tselem; siehe auch Haaretz, 8.
und 16. April 1999, sowie JP, 23. April 1999.
36 Haaretz, 5. April 1998.
37 Haaretz, 1. August 1999.
38 IHT, 19. Oktober 1999.
39 JP (internationale Ausgabe), 26. November 1999.
40 Jewish Chronicle, 10. März 2000.
41 JP, 28. April 2.000.
42 Haaretz, 23. Mai 2000.
43 Haaretz, 2. Januar 2000.
44 Haaretz, 23. Mai 2000.
45 Guardian, 22. August 2000; sowie weitere Presseberichte
in Haaretz, JP, NYT, IHT, The Times.
46 Siehe z. B. Menahem Klein, Yerushalayim Be-Masa UMatan
Le-Shalom: 'Amadot 'Araviyot, Jerusalem 1995.
47 NYT, 17. September 2000.
48 NYT, 17. September 2000.
49 The Times, 26. Juli 2000.
-557-
Ärger auf dem Tempelberg
1 Siehe Linder, «Jerusalem as a Focus of Confrontation», S.
2.
2 Ebenda, S. 10.
3 Siehe Guy Le Strange, Palestine under the Muslims, Beirut
1965 (Reprint), S. 96.
4 A. Goodrich Freer, Inner Jerusalem, London 1904, S. 364.
5 Finn, Stirring Times, Bd. 2, S. 423.
6 Finn (Jerusalem) an Clarendon, 1. Januar 1857, in Hyamson
(Hg.), British Consulate, Bd. 1, S. 245.
7 Herzl, Tagebücher, Bd. 1, S. 395 f.
8 Shemaryahu Talmon,«The Biblical Concept of Jerusalem»,
in John M. Oesterreicher und Anne Sinai (Hg.), Jerusalem, New
York 1974, S. 202.
9 Siehe Yitzhak Reiter, Islamic Institutions in Jerusalem:
Palestinian Muslim Organization under Jordanian and Israeli
Rule, Den Haag 1997, S.41.
10 F. H. Kisch an Nathan Strauss, 4. November 1926, CZA
825/748.
11 Al-Sabah, 12. Juli 1922.
12 Siehe Wasserstein, British in Palestine, S. 222.
13 Zusammenkunft einer jüdischen Delegation mit
Regierungsbeauftragten, Jerusalem, 25. September 1928, CZA
S25/2939.
14 Khalidi, Palestinian Identity, S. 216.
15 Amikam Elad, Medieval Jerusalem and Islamic Worship:
Holy Places, Ceremonies, Pilgrimage, Leiden 1995, S. 102.
16 Siehe Bernard Wasserstein, Herbert Samuel: A Political
Life, Oxford 1992, S. 199.
-558-
17 Siehe PRO FO 371/4164/124-126.
18 The Times, 24. Juli 1922.
19 Siehe etwa ISA 2/01182.
20 Al-Jami'a al-'Arabiyya, 1. Oktober 1928.
21 Al-Jami'a al-'Arabiyya, 11. Februar 1929.
22 Kopie eines von Sir John Chancellor an Sir John
Shuckburgh weitergeleiteten Schreibens, Colonial Office, 15.
Mai 1929, PRO CO 733/ 173 (67314/26).
23 Doar Hayom, 23. und 30. Juli, 1. August 1929.
24 Kopie der Erklärung in CZA S25/2948.
25 Report of the Wailing Wall Commission, London 1931.
26 Yehoshua Porath, The Emergence of the Palestinian-Arab
National Movement 1918-1929, London 1974, S. 272.
27 Kupferschmidt, Supreme Muslim Council, S. 133.
28 Ebenda, S. 55.
29 Avi Shlaim, The Iron Wall: Israel and the Arab World,
New York 2000, S. 245 (der auf Erinnerungen von Narkiss
zurückgreift, die am 31. Dezember 1997 in Haaretz
veröffentlicht wurden).
30 Mosche Dayan, Die Geschichte meines Lebens, übers, v.
George T. Czuczka, Wien/München 1978.
31 Bovis, Jerusalem Question, S. 108.
32 Shlomo Goren an den Ministerausschuss für den Schutz
der Heiligen Stätten, 31. August 1967, ISA FM 4089/13.
33 Siehe S. Bar-Hayyim, Direktor der Mittelostabteilung des
israelischen Außenministeriums, an den Generaldirektor des
Ministeriums, 14. Juli 1967, ISA FM 4089/12.
34 Siehe auch das Memorandum von M. Eliash, 28. Oktober
1929, CZA S25/3077.
35 Der vollständige (englische Text) des Dokuments findet
sich im Institute for Palestine Studies (Hg.), The Resistance of
-559-
the Western Bank of Jordan to Israeli Occupation 1967, Beirut
1967.
36 Zitiert in Yehuda Zvi Blum, The juridical Status of
Jerusalem (Jerusalem Papers on Peace Problems, 2, Leonard
Davis Institute for International Relations, Hebrew University of
Jerusalem, 1974).
37 Zander, Israel and the Holy Places, S. 2f.
38 Bericht von Gavin Young im Observer Foreign News
Service, Jerusalem, 21. August 1969.
39 Daily Telegraph, 23. August 1969, Straits Times
(malaysische Ausgabe), 28. August 1969, Dawn, 21. August
1970.
40 Egyptian Gazette, 1. Januar 1970.
41 Soviet News, 2. September 1969.
42 JP (internationale Ausgabe), 6. April 1973.
43 Siehe Esther Cohen, Human Rights in the Israeli-Occupied
Territories 1967-1982, Manchester 1982, S. 213 f.
44 JP (internationale Ausgabe), 3. Februar 1976.
45 JP (internationale Ausgabe), 17. Juni 1984.
46 Artikel von Robert I. Friedman in Guardian Weekly, 24.
Januar 1988; siehe auch JP, 21. Oktober 1994.
47 NYT, 6. Juni 1993.
48 Artikel von Robert I. Friedman in New York Review of
Books, 11. Oktober 1990.
49 NYT, 13. April 1982.
50 NYT, 12. April 1982.
51 Siehe Ehud Sprinzak, Brother against Brother. Violence
and Extremism in Israeli Politics from Altalena to the Rabin
Assassination, New York 1999, S. 146, 156-161 und 164f.
52 JP (internationale Ausgabe), 18. Januar 1986.
53 Text der Resolution in NYT, 14. Oktober 1990.
-560-
54 NYT, 14. Oktober 1990.
55 NYT, 25. Oktober 1990.
56 NYT, 19. Juli 1991.
57 Ebenda.
58 Der Text der vom 26. Oktober 1994 datierten
Vereinbarung stammt vom israelischen Außenministerium.
59 Haaretz, 5. August 1996.
60 JP, 19. Oktober 1994.
61 IHT, 26. Juli 1994.
62 Nasser al-Kidwa, der ständige Beobachter Palästinas bei
den Vereinten Nationen, an den Generalsekretär und Präsidenten
des Sicherheitsrats, 29. Juli und 19. Oktober 1994 (Texte zur
Verfügung gestellt vom Büro des palästinensischen Beobachters
bei den Vereinten Nationen).
63 JP, 18. September 1994.
64 JP, 30. September 1994.
65 JP, 23. Oktober 1994.
66 Siehe Wasserstein, British in Palestine, S. 98 ff.
67 JP, 28. Oktober 1994.
68 JP, 30. Oktober 1994.
69 Haaretz, 16. und 25. Januar 1995.
70 JP, 1. und 3. Februar 1995.
71 JP, 17. Februar 1999.
72 Siehe S. 333.
73 JP, 13,. August 2000.
74 NYT, 12. August 2000.
75 Nach der englischen Übersetzung, die am 18. August 2000
auf der Website von al-Thawra erschien.
76 Haaretz, 30. August 2000.
-561-
77 Haaretz, 1. September 2000.
Epilog: Die irdische Stadt
1 Zu nennen wären u. a. Henry Cattan, Palestine and
International Law. The legal aspects of the Arab-Israeli conflict,
Harlow 1973, sowie Y. Z. Blum, The Juridical Status of
Jerusalem, Jerusalem 1974.
2 Rodman Bundy, «Legal Approaches to the Question of
Jerusalem», in Ghada Karmi (Hg.), Jerusalem Today. What
future for the peace process?, Reading 1996, S. 45-50.
3 Moshe Hirsch, Deborah Housen-Couriel und Ruth Lapidoth,
Whither Jerusalem? Proposals and Positions Concerning the
future of Jerusalem, Den Haag 1995, S. 25-136.
4 Ahmad Tibi, «The Other Side of Jerusalem», in Jerusalem
Report, 4. Juli 1991.
5 JP, 30. Oktober 1994.
6 Nach dem «Protokoll» des Treffens, das am 31. Dezember
2000 in der englischen Ausgabe von Haaretz veröffentlicht
wurde. Diese Aufzeichnungen enthalten möglicherweise nicht
den exakten englischen Wortlaut dessen, was Präsident Clinton
gesagt hat.
7 JMCC Meinungsumfrage Nr. 37 vom Juni 2000: Die
Ergebnisse stammen vom Jerusalem Media and Communication
Center.
8 Text in der von der Knesset herausgegebenen Fassung.
9 Haaretz, 6. Januar 1997; IHT, 8.Jan. 1997; JP, 10. Januar
1997. 10 IHT, 31. Dezember 1973.
11 Haaretz, 6. Januar 1997; IHT, 8.Januar 1997; JP, 10.
Januar 1997.
12 Die in diesem Abschnitt angeführten Zahlen sind zumeist
-562-
israelische Zensus-Daten und/oder nachfolgenden Ausgaben des
Jerusalemer Statistischen Jahrbuchs entnommen, das seit 1984
jährlich vom Jerusalem Institute for Israel Studies veröffentlicht
wird.
13 Jerusalem Statistical Year Book 1999, S. 53.
14 Siehe Sergio DellaPergola, «Jerusalem's Population 1995-
2020: Demography, Multiculturalism and Urban Policies», in
European Journal of Population, 17:2 (2001), S. 165-199.
15 Saul B. Cohen, Jerusalem: Bridging the Four Walls: A
Geopolitical Perspective, New York 1977, S. 78 f.
16 Siehe Ira Sharkansky, Governing Jerusalem: Again on the
World's Agenda, Detroit 1996, S. 122 f.
17 Danny Rubinstein, « Losing East Jerusalem», in Haaretz,
18. Mai 2001.
18 JP, 16. November 2001.
-563-
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Central Zionist Archives, Jerusalem
Archiv des französischen Außenministeriums, Paris und
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Israelisches Staatsarchiv, Jerusalem
Stadtarchiv, Jerusalem
Archiv des osmanischen Außenministeriums, Istanbul
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Public Record Office, London
United States National Archives, College Park, Maryland
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BIRAN (Jerusalem, 9. Januar 1970) - Dr. KHALIL BUDEIRI
(Jerusalem, 1. April 1974) - Dr. MUSA BUDEIRI (Jerusalem,
29. Mai 2000) - Lord CARADON (New York, 6. April 1970) -
Sir WILLIAM FITZGERALD (London, 1970) - Herr und Frau
HENRY KENDALL (Weybridge, 6. September 1970) -
ANWAR NUSSEIBEH (Jerusalem, 9. September 1969) - J.H.H.
POLLOCK (Bath, 2. März 1970) - GIDEON RAFAEL
(Jerusalem, 19. Juli 1982) - SCHABTAI ROSENNE (Jerusalem,
27. Mai 2000) - HAROLD SAUNDERS (Washington, 14. Juni
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