Der Heiligenschein des Engels Bert
Marco wachte auf und fühlte sich grässlich. Irgendetwas tat weh, eigentlich ziemlich viel und nichts fühlte sich so an wie morgens, wenn er in seinem Bett aufwachte. Mühsam öffnete er die Augen und langsam kam die Erinnerung zurück. Das blaue Auto, schreiende Menschen, ein entsetzlicher Schmerz, etwas Leuchtendes, sehr Helles - und dann nichts mehr.
"Ich muss im Krankenhaus sein", dachte er, und eine Stimme neben seinem Ohr sagte: "Stimmt Marco!"
Marco war noch so benommen, dass er sich nicht darüber wunderte, dass jemand seine Gedanken gelesen hatte.
"Ich fühl mich mies, einfach schrecklich", dachte er als Nächstes, nachdem er festgestellt hatte, dass sein rechter Arm, seine Rippen und der rechte Fuß verbunden waren und er so ziemlich überall Schrammen und Prellungen hatte.
"Entschuldige Marco, tut mir entsetzlich Leid, aber besser ging es nicht", sagte die Stimme neben ihm betrübt.
Diesmal machte sich Marco doch die Mühe, unter schweren Lidern zur Seite zu blinzeln. Da saß jemand, aber es war niemand, den er kannte. Ein Junge, vielleicht genauso groß wie er, aber ein Jungengesicht hatte er nicht.
"Wer bist du?", flüsterte Marco mit Anstrengung.
"Pscht, nicht sprechen, ich verstehe dich auch so."
"Der spinnt", dachte Marco und die Gestalt an seinem Bett sagte vernehmlich: "Aber nein, tue ich nicht. Du merkst doch, dass es klappt."
Nun ist es recht schwierig, seine Gedanken zum Schweigen zu bringen und schon dachte Marco wieder darüber nach, wer denn da an seinem Bett saß.
"Ich bin der Engel Bert, dein Schutzengel."
"Schutzengel? Ein schöner Schutzengel bist du!", dachte Marco empört. "Ich bin von einem Auto angefahren worden, vielleicht hätte ich in der Situation einen Schutzengel brauchen können!"
Marco bewegte seinen schmerzenden Kopf mühsam, um sich den Engel Bert etwas genauer anzusehen. Der saß mit sorgsam zusammengefalteten Flügeln und reichlich geknickter Miene auf der Bettkante.
"Und überhaupt, wo warst du, als ich mir vor zwei Monaten den Fuß verstaucht oder als ich mir die Finger verbrannt habe? Oder als mich beinahe dieser große Hund gebissen hätte?"
Diese Auflistung von Vorwürfen hatte eine verblüffende Wirkung auf Bert. Er richtete sich aus seiner zusammengesunkenen Haltung auf und funkelte Marco an.
"Ich bin dein Schutzengel, das heißt aber nicht, dass ich dich vor allen Folgen deiner vorsätzlichen Dummheiten beschütze. Du hast die Bremsen von deinen Scates abmontiert, deshalb bist du hingefallen und hast dir den Fuß verknackst. Du hast im Garten gezündelt und dir dabei die Finger verbrannt. Du hast den Hund mit Steinen beworfen, deswegen ist er auf dich losgegangen."
"Und heute bin ich vorsätzlich über die Straße gegangen und deshalb hat mich das Auto erwischt. Du bist mir ein Witzbold."
"Nein, so war das nicht gemeint. Dafür konntest du nichts."
"Aber beschützt hast du mich trotzdem nicht", schimpfte Marco in Gedanken und wieder sackte der Engel Bert in sich zusammmen.
"Mir tut alles weh und ich werde bestimmt nicht wieder Fußball spielen können und Rad fahren und mit meinem Hund herumtoben und alles."
Bert wurde womöglich noch kleiner und schniefte leise.
Beide versanken in Traurigkeit und eine Weile wechselten sie keinen Gedanken miteinander. Doch dann war es Marco, der merkte, dass irgendetwas mit seinem Besucher nicht stimmte.
"Was ist los, Berti, warum hängst du hier so traurig rum?"
"Weil ich dir so gerne helfen möchte und nicht kann."
"Ja, warum denn nicht?"
"Sieh mich doch an!"
Marco betrachtete den Engel etwas genauer. Helles, ein bisschen schimmerndes Gewand, hübsche, flaumigweiße Flügel, am rechten ein hässlicher Schmutzstreifen, goldene Kringellocken und sonst nichts.
"Wo ist denn dein Heiligenschein geblieben? Haben Engel nicht immer so ein leuchtendes Dings um den Kopf?"
"Hab ich verloren. Deshalb kann ich mich ja auch nicht bei Raffa sehen lassen."
"Wer ist Raffa?", fragte Marco interessiert.
"Oh, Raphael, einer der Erzengel, unser Chef. Raffa ist der Arzt, wenn du so willst. Er ist prima, wenn es ums Heilen geht."
"Na toll, und ohne deinen Glitzerfrisbee kannst du nicht zu ihm gehen. Wird ja immer besser, du Schutzengel. Wo hast du das Teil denn verloren?"
Engel Bert druckste und plötzlich sah Marco wieder das leuchtende, helle Ding über die Straße rollen - das letzte, was er gesehen hatte, bevor er das Bewusstsein verloren hatte. Mühsam, aber systematisch wiederholte er in seinen Gedanken den Unfall. Ja, er war über den Zebrastreifen gegangen, als die Ampel für ihn grün war. Das blaue Auto war wie aus dem Nichts erschienen, fuhr viel zu schnell. Er wollte noch springen, doch da wurde er schon hochgeschleudert und wäre... und wäre mit dem Kopf vor dem Auto auf die Straße geschlagen, hätte ihn da nicht im letzten Moment eine Gestalt mit aller Kraft zur Seite gestoßen und seinen Kopf vor den Rädern gerettet. Dabei war diese leuchtende Scheibe an ihm vorbei in die Büsche geflogen.
Marco fühlte sich plötzlich ganz eigenartig, als er erkannte, dass der Engel Bert seinen Kopf für ihn hingehalten hatte. Eine Welle von Liebe und Vertrauen flutete aus seinem Herzen zu dem geknickt dreinblickenden Schutzengel hin und er flüsterte ihm zu:
"Berti!"
"Pscht, du sollst nicht sprechen!"
"Dann hör meinen Gedanken wieder zu, Bert. Ich denke, wenn du in der Hecke vor dem Schulhof nachschaust, findest du deinene Kopfputz."
Überrascht sah Bert auf: "Woher willst du das wissen?"
"Ich habe versucht, mich zu erinnern. Und Bert, danke. Ich meine, ich bin ziemlich knapp davongekommen, was?"
"Ich war nicht schnell genug, tut mir Leid. Ich hätte...!"
"Flatter los und hol deinen Heiligenschein."
"Versprich mir, dass du hier ganz ruhig liegen bleibst und keine Dummheiten machst!"
"Versprochen, obwohl du ja für meine Dummheiten sowieso nicht zuständig bist", gab ihm Marco mit einem winzigen Lächeln in den Augen zu verstehen. Dann atmete er einmal - so tief es seine geprellten Rippen erlaubten - ein und sank in einen traumlosen Schlaf.
Ärzte kamen und gingen, Besucher standen stumm an seinem Bett, Schwestern kümmerten sich vorsichtig um ihn, doch in seinem Schlummer bemerkte Marco diese ganze Betriebsamkeit nicht. Erst tief in der Nacht, als der Engel Bert wieder an seinem Bett saß, wachte er auf.
"Du hast ihn gefunden!", stellte er fest.
"Ja, und ich war auch bei Raffa. Er hat mir eine Medizin für dich mitgegeben. Bist du bereit, meine Behandlung über dich ergehen zu lassen?"
"Ja, Berti, ich vertraue dir. Auch wenn es weh tut."
"Das wird es nicht, mein Freund. Glaub mir."
Und Engel Bert hob die Hände über Marcos schmerzenden Körper. Von diesem Moment an fühlte er sich von wundersam blauem Licht umgeben. Es umhüllte ihn wie eine weiche, warme Decke, schützte ihn, nahm ihm die Schmerzen und hinterließ das wohlige Gefühl von Frieden und innerer Heilung.
"Ganz erstaunliche Fortschritte hat der Junge gemacht. Ich kann mir das medizinisch kaum erklären", sagte der Arzt am nächsten Tag zu den glücklichen Eltern, die sich darüber freuten, dass ihr Sohn trotz aller Schrammen auf dem Weg der Besserung war.
"Vielleicht sollten sie auch mal Kurse bei Dr. Raphael nehmen!", schlug Marco grinsend vor.
"Wer ist Dr. Raphael?"
"Oh, ein Freund von einem Freund!", sagte Marco und biss in einen Berliner.
© Andrea Schacht