scheindesseins

...Schein des Seins...

 

Autorin: Jade

 

Inhalt: Eine Frau/Mädchen redet über ihr Vergangenes Leben. Eine 'Freundin' die es nicht war, Drogen und Lebenweisheiten oder Philosophien die sie für ihr vergangenes Leben heraus gefunden hat.

 

Feedback: dark.hailie.jade@freenet.de

 

Disclaimer: All by myself.... wenn man an einem langweiligen Samstagabend Zuhause sitz! *g*

 

 

Chapter One ~ Die eigene Wahrheit

 

Ich erzähle euch von einem Mädchen das mein Leben verändert hat. Mein ganzes Leben. Ihr Name war Cat. Eigentlich Catherine Faith McEllington. Ich erinnere mich noch das sie mit ihren Eltern aus England kam. Aber sie war nicht diese typische Engländerin. Anfangs schon, aber sie veränderte sich! Die Sache mit dem 8 Uhr Tee, den Regeln und Normen, der Höflichkeit und was sonst noch für Engländer typisch ist, nahm sie dann nicht mehr so genau. Sie war dann einfach, nun ja, ich denke sie war einfach... anders.. Sie hielt nichts mehr davon zu tun was Eltern, Lehrer oder sonst wer ihr vorschrieb. Sie dachte nicht daran zu tun was für Mädchen ihres ... unseres Alters üblich war. Sie tat was Sie wollte und was sie konnte. Damals hielt ich es einfach für cool. Sie war so gegen alle Regeln! So heroisch. Wenn mir meine Mutter sagte ich solle den Müll wegbringen, maulte ich zwar rum, tat es aber letztendlich doch. Hätte Miss McEllington Cat gesagt sie solle den Müll raus bringen hätte Cat sie ignoriert. Sie keines Blickes gewürdigt und wäre dem was sie grade auch immer tat weiterhin nachgegangen. Ich fand es klasse wie sie sich durchsetzte und wie sie sich euphorisch gegen alles wehrte was als ‚normal’ erklärt wurde.

Doch heute empfinde ich nur noch tiefstes Mitleid für sie.

*

 

Immer benied ich sie um ihre langen goldenen Locken. Von allen wurde sie Engel genannt auf Grund ihrer Haare. Bevor sie sich so veränderte fand sie das auch gut so. Wollte jedermanns Engel sein und jedem gefallen. Doch eines Tages wartete ich wie so oft vor dem Schultor auf sie und bekam fast einen Herzstillstand! Nichts war mehr zu sehen von blonden Locken. Nichts! Ihre Haare waren glatt und pechschwarz! Gekürzt bis auf die Schultern. Klar, es sah gut aus, aber diese goldenen Locken, um die sie jedes Mädchen benieden hatte, sie waren einfach weg. Kein Wort bekam ich in der ersten Minute heraus und Cat grinste nur. Jetzt wollte sie nicht mehr ‚Engel’ genannt werden. Jetzt wollte sie die schockierten Gesichter der

Anderen sehen! Wenn sie jemand darauf ansprach wieso sie das getan hatte, antwortete sie meistens gar nicht. Ab diesem Tag hatte sie dieses Grinsen. Kein Lächeln. Ein Grinsen. Dieses herausfordernde Ich-bin-besser-als-du-und-das-wissen-wir-beide-Grinsen.

Ich weiß nicht mehr wann oder wie, aber ich tat es ihr gleich. Ein paar Tage später waren auch meine langen roten Haare kürzer und schwarz. Ich wollte so sein wie Cat. Ich wusste es damals noch nicht, aber ich hätte nie sein können wie sie. So sehr ich es probierte, ich hätte nie so sein können. Nie.

All diese Dinge kann ich nur noch schwer in einem richtigen zeitlichen Schema einordnen, also bitte verzeiht wenn Unstimmigkeiten auftreten.

Als Cat jedenfalls meine Haare sah kam nicht mal ihr berüchtigtes Grinsen. Sie blickte mich an und ihre Augen funkelten. Ob es Wut war? Ich weiß es nicht. Sie sagte nichts außer „Du machst auch nichts allein.“ Was ich damals, naiv wie ich war, nicht zu deuten wusste, bzw. es nicht deuten wollte. Ich weiß noch das ich sie danach leise zu sich selbst sagen hörte: „Nichts kannst du mir lassen!“ Aber ich ignorierte es. Wie so vieles was ich besser hätte wahrnehmen sollen. Doch es passte einfach nicht in das Bild das ich von Cat hatte. Dieser Satz klang so verletzt. So kleinlaut. Nie wieder hatte sie mir gegenüber so geklungen. Nie wieder.

Mein Bild von ihr war unerbittlich. In meinen Augen war sie eine Heldin. Stark und mutig. Angstfrei und unbesiegbar. Wie ein unumstößlicher Felsen.

*

 

Anfangs, als sie noch jedermanns Engel war und ich ihr darin nacheiferte, waren wir unzertrennlich. Wir waren auf das selbe Internat gekommen und wir wurden Freundinnen. Zusammen verbrachten wir unsere Nachmittage damit Hausaufgaben zu machen, Musik zu hören und über Jungs zu reden. Manchmal kam ich mit zu ihr Nachhause. Es war ihr nie so wirklich recht das ich mitkam, aber ich tat es. Mit ihren Eltern verstand ich mich wunderbar. Ich wünschte immer es wären meine. Sie waren fast immer Zuhause, trotz der Arbeit und kümmerten sich perfekt um Cat. Sie bekam ein sehr üppiges Taschengeld. Fast doppelt so viel wie ich. Wenn wir bei ihr waren setzten wir uns oft mit ihrer Mutter zusammen, aßen Kekse und tranken Tee. Wie in einer dieser Fernsehfamilien. Mit ihrer Mutter konnte ich über Jungen und die Schule reden. Viel mehr als mit meiner eigenen Mom. Miss McEllington war für mich wie eine Freundin. Damals fiel mir so gut wie gar nicht auf das Cat sich in diesen Gesprächen, an den ‚normalen’ Nachmittagen, sehr zurückhielt. Sie sagte eigentlich nichts. Fummelte nur an ihren Locken herum und wechselte alle 30 Sekunden sie Seite ihrer überschlagenen Beine. Auch ihr Vater war ein sehr freundlicher Mann. Immer liebevoll und verständnisvoll zu mir und Cat.

Meine Eltern liebten mich natürlich auch, keine Frage. Aber sie arbeiteten beide in einer angesehen Anwaltskanzlei und hatten selten Zeit für mich. Ich vermisste sie oft und fühlte mich so immer mehr zu den McEllingtons hingezogen.

Doch mit der Veränderung Cats Haarfarbe, veränderte sich auch das.

*

 

Wir gingen nicht mehr zu ihren Eltern. Nicht das ich es nicht mehr gewollt hätte, sie reagierte einfach nicht mehr wenn ich sie danach fragte. Oder sie schenkte mir ihr Grinsen. Wir waren nicht mehr dieselben Mädchen. Unser Alltag veränderte sich mit ihr... uns. Das Hausaufgaben machen viel weg. Wenn ich meine Bücher auspackte, ließ sie sich einfach aufs Sofa fallen und schaltete den Fernseher ein. So fasziniert wie ich von ihr und ihre Gleichgültigkeit war, packte ich die Bücher wieder ein. Wir lernten nicht mehr und machten keine Hausaufgaben mehr. Wenn wir Musik hörten, war es andere als sonst. Jetzt hörten wir nicht mehr die Charts, sondern Cats Punk, Metall und Rock CD’s. Ich weiß nicht wo sie die her hatte. Eines Tages waren sie einfach da. Und wenn wir mal redeten, dann redete eigentlich nur ich. Cat sagte nicht mehr viel. Sie hörte mir zwar zu, das sah ich, aber sie sagte so gut wie nichts. Es war so wie damals bei den Gesprächen mit ihrer Mutter. Ich weiß nicht so recht warum, aber obwohl wir nichts mit uns anzufangen wussten, trafen wir uns weiterhin jeden Nachmittag. Meistens bei mir. In unserer Gegend war nichts los und zu ihr gingen wir ja nicht mehr. Jegliche meiner Fragen nach ihren Eltern oder ihrem Haus wurde abgewiesen. Durch Schweigen. Oder ihr Grinsen. Irgendwann gab ich es eben auf. Fragte nicht mehr nach ihrer Mutter. Nicht mehr nach ihrem Vater. Nicht mehr nach den Nachmittagen mit den Keksen und dem Tee. Das alles verschwand aus meinem Leben. Aus meinem Gedächtnis.

*

 

Cat veränderte sich immer mehr. Als wir uns eines normalen Morgens wieder vor dem Schultor trafen, war ihre Schuluniform krass verändert. Der normalerweise knielange Rock verbarg nur noch knapp ihren Po und die Knöpfe ihrer Bluse waren weit geöffnet, so das sie einen großen, sehr großen Ausschnitt hatte, aus dem schon ihr Spitzen BH herausschaute. Ihre Haare waren immer noch schwarz wie die Nacht und unterstrichen ihren blassen Teint. Ihr auftreten in diesem Outfit war mehr als sexy. Nie habe ich jemanden so gehen sehen. Ihre Hüften kreisten in ihrem schwungvollen Gang und sie sah edel aus. Sehr edel. Wäre sie eine Porzellanfigur gewesen, hätte man sie für kein Geld der Welt bezahlen können.

So dachte ich damals über sie.

*

 

Gern wäre ich auch so angezogen in die Schule gekommen. Natürlich habe ich es auch versucht. Doch meine Beine waren zu kräftig für einen solch kurzen Rock und mein Dekolleté nicht groß genug. Außerdem hatte meine Mom beinahe einen Herzschlag bekommen als sie mich in diesem Aufzug sah. Nie hätte sie mich so in die Schule gelassen. Ich fragte mich wieso Cats Mom ihr das erlaubte, wo sie doch so englisch war!

So zog Cat die Augen der Männer weiterhin auf sich und ich benied sie so sehr!

Doch Cat ignorierte es. Natürlich war sie stolz und geschmeichelt von jedem der Blicke die sie förmlich auszogen, aber sie interessierte sich nicht für die Personen von denen die Blicke kamen! Für sie war es das Höchste so angeschaut zu werden. Sie brauchte es. Brauchte es so sehr wie sie die Luft brauchte. Wenn die Männer mit ihren Blicken an ihren endlosen Beinen herauffuhren und wenn sie ihr in den Ausschnitt starrten wie hungrige Tiere die auf das rohe Fleisch, fühlte sie sich gut. Mehr als gut. Sie fühlte sich besser als alles andere. Ab diesem Tag an hatte sie in der Schule ständig ihr Grinsen auf den sinnlichen, weinroten Lippen.

*

 

Anfangs stieß sie bei den Lehren mit ihrer neuen Interpretation der Schuluniform auf großen Wiederstand. Besonders bei Einem. Mr. Phillip. Er regte sich sehr auf. „Da kann sich doch kein Junge mehr konzentrieren!“ Er meinte wohl eher das er sich dabei nicht mehr konzentrieren kann! Seine Blicke auf ihre Oberschenkel und ihren Busen waren nicht zu übersehen.

Doch eines Morgens waren all seine ärgerlichen Kommentare, all seine Vorwürfe wie weggeblasen! Damals machte ich mir da nicht viele Gedanken drüber, ich dachte er hätte sich einfach wieder eingekriegt und würde sich jetzt darüber freuen im Unterricht einen solchen Anblick zu haben. Das tat er auch. Aber heute weiß ich, das Sie ihn beruhigt hat. Und zwar sehr aktiv!

Zu dieser Zeit war Cat schon lange keine Jungfrau mehr. Ich fand es früher, so wie alles was Cat tat, unheimlich beeindruckend! Ich tat zwar immer so überheblich und amte Cat in allem nach, doch in Wirklichkeit hätte ich zu der Zeit noch gekniffen wenn es soweit gekommen wäre. Ich fand Cat einfach perfekt! In dem Punkt zeigte sich bereits das ich nicht so hatte sein können wie sie. Sie hatte nichts zu verlieren. Sie hatte die Initiative und den Mut das alles durchzuziehen. Ich redete bloß immer danach. Ich hatte noch Angst vor der Reaktion meiner Mutter. So war ich feige und versteckte mich hinter Cat. Im Rücken hatte ich immer meine Mutter die mich von allem was ich tun wollte fernhielt. Dafür hasste ich sie damals. Doch in Wirklichkeit war ich es die mich davon fernhielt. In Wirklichkeit hasste ich nicht meine Mutter, ich liebte sie so wie ich sie immer geliebt habe und auch jetzt noch liebe. Gehasst habe ich nur mich. Mich allein! Denn innerlich wusste ich das ich es nie schaffen würde Cat voll und ganz zu kopieren. Was im Nachhinein besser für mich war oder ist.

Ich dachte damals wir wären Freundinnen. Würden uns zusammen entwickeln. Doch so war es nicht. Denn ich blieb. Blieb stehen. Blieb auf der Strecke. Wäre Cat meine Freundin gewesen, wäre sie auf dem langen Pfad der Entwicklung, der Veränderung, des Sex und einfach des Lebens zurück zu mir gekommen. Hätte gewartet. Oder hätte mir geholfen ihr hinterherzukommen. Doch sie lief und lief. Entwickelte sich immer weiter und wurde mir immer mehr zum Vorbild. Mein Idol.

Idole sind Dinge die weit, weit weg sind und die man nie erreichen wird. Ihnen aber trotzdem nacheifert. Das war Cat. Sie war in wahres Idol.

*

 

Wenn ich es damals tatsächlich geschafft hätte sie bis aufs Letzte zu kopieren und ihr in nichts mehr nachzustehen, wäre ich jetzt nicht hier und könnte das alles erzählen. Ich war nie so stark wie Cat. Ob ich es damals wusste oder nicht, ich hätte es gar nicht verstanden. Für mich war Cat nicht schlecht, so wie es die Erwachsenen und unsere Mitschüler sagten. Sie lebte von einen Tag auf den Anderen. Plante nichts, legte einfach los wenn sie Lust dazu hatte. Zog mich damit in ihren Bann. Ich war abhängig von ihr. Keine Ahnung warum. Sie sprach so gut wie nie mit mir, war keine wahre Freundin,... Ich lief ihr all die Zeit nur hinterher. Blind vor Stolz das ich Sie meine Freundin nennen konnte. Ich eiferte ihr so nach, weil ich nie zufrieden mit meinem eigentlichen Leben gewesen war. Ich dachte immer ‚mach das auch noch wie Cat und es wird besser’ dann tat ich es so und es war noch immer nicht so wie ich es wollte. Ich dachte ich könnte nur glücklich werden wenn ich so wäre wie sie. Bis aufs Letzte so wäre wie Cat. In jedem Detail. Vollkommen. Wenn ich nicht so dumm gewesen wäre, hätte ich gesehen das Cat nicht glücklich war! Es ging ihr schlecht und allein das war der Grund dafür das sie sich immer mehr veränderte. Bei ihr war es wie bei mir, sie dachte auch ‚nur wenn ich anders werde bin ich glücklich’. Wir wurden beide anders. Sie wurde Sie. Und ich wollte Sie werden. Wir rannten weg. Ich kann nicht sagen wovor, aber wir rannten. Allerdings rennt man, bei dieser Art zu rennen, nur im Kreis. Es gibt nur ein scheinbares Ziel. Das es aber eigentlich doch nicht gibt. Man macht sich das alles vor. Macht sich vor das es so und nicht anders sein muss. Steckt sich Ziele die man träumt. Doch nie verwirklicht. Weil man dieses Ziel nicht ist. Man will so sein wie jemand anders. Wie sein Idol. Für dieses Idol ist es vielleicht die Wahrheit. Aber nicht für den der dem Idol nachstrebt. Denn jeder hat seine eigene Wahrheit. Ich strebte eben nach Cat. Merkte dabei viel zu spät das es weder meine, noch ihre Wahrheit war.

Wenn uns klar geworden wäre das wir nur hätten glücklich sein können wenn wir mit dem ganzen Verändern und der Gegen-die-Regeln-verstoßen-Sache aufgehört hätten und uns einfach hätten treiben lassen, von dem Leben und unserer Wahrheit, dann wäre es nie so weit gekommen, wie es kam.

*

 

Chapter Two ~ Wahre Gefühle

 

Ich sagte bereits das wir meistens bei mir waren und eigentlich nichts mit uns anzufangen wussten außer uns anzuschweigen und extrem laute Musik zu hören. Bis zu einem Tag. Als Cat, wie üblich, bei mir klingelte sagte sie das sie heute etwas vorhatte. Ich nahm eben meine Jacke und wir gingen. Ich hatte keine Ahnung wohin wir gingen. Es war Januar und derbe kalt draußen. Es lag kein Schnee. Es war einfach einer dieser Tage an denen die eisige Luft einem die Nasenspitze betäubt und es in deinen Wangen zwickt. Jedenfalls schwiegen wir mal wieder. Ich fragte nicht wo wir hingingen und sie sagte es mir nicht. Es kam mir vor als liefen wir ewig, aber in Wahrheit waren es sicher nur 10 Minuten, denn wir stoppten auf einem Hinterhof. Nicht weit entfernt von Cats Haus. Es saßen bereits ein paar Jugendliche, hauptsächlich Jungs, auf einem Berg alter Pappkartons. Ohne ein Wort ging Cat zu ihnen und setzte sich dazu. Ich blieb vor den circa 7 oder 8 Leuten stehen und sah sie an. Ein Junge mit blonden Haaren gab Cat eine selbstgedrehte Zigarette und lehnte sich zurück an die dreckige Hinterhofwand. Niemand der Leute blickte den Anderen an. Alle saßen einfach nur da und rauchten ihre Zigaretten. Auch Cat. Nach ein paar Zügen fiel sie mit halbgeschlossenen Augen rücklings hin und döste vor sich hin. Da ich mir ziemlich blöde vorkam und immer noch ein Wenig abseits stand fragte ich auch nach einer Zigarette und setzte mich neben einen weiteren Jungen. Das einzige Mädchen, außer mir und Cat, reichte mir ihre angefangene Kippe. Widmete mich aber keines Blickes. Ich saß da mit dem glühendem Ding in der Hand. Hatte vorher noch nie geraucht. Als ich mich umblickte sah ich die Typen zwischen der Pappe liegen. Alle halb bewusstlos. Unter ihnen Cat. Mit lehren Augen blickte sie mich an. Blickte durch mich hindurch. Sie lächelte. Ich überlegte nicht weiter und zog kräftig an dem Ding. Ich dachte wenn Cat es tat kann es ja nicht weiter schlimm sein. Zuerst merkte ich rein gar nichts und fragte mich weshalb die Anderen so high waren. Ich zog noch einmal kräftig, ohne irgendwelche Hintergedanken. Und noch einmal. Dann überkam es mich. Wie eine gigantische Welle zog mich der Rausch mit. Vom einen auf den anderen Moment war ich in einer anderen Welt. Noch einmal zog ich um den Rausch nicht zu verlieren und das letzte was ich mitbekam war das auch ich nach hinten fiel. Mit dem Kopf auf einen der alten Pappkartons. Mein Herz pochte wie wild und meint Brustkorb fühlte sich an, als explodiere er gleich. Ich erinnere mich noch das ich viele Farben sah und laute Musik in den Ohren hatte.

*

 

Als ich irgendwann wieder einigermaßen ansprechbar war, war niemand mehr da der mich hätte ansprechen können. Ich lag allein auf dem Pappkartonhaufen, es war dunkel und noch viel kälter als vorher. Dieses Erwachen ist eine der wenigen Erinnerungen an diese Zeit die ich noch glasklar habe. Ich öffnete die Augen und sah trotzdem alles nur verschwommen. Blickte mich nach Cat um, doch ich war allein. Zuerst merkte ich nichts, doch mit der Erkenntnis das mich Cat allein in diesem beschissenen Hinterhof, in dieser beschissenen Verfassung gelassen hatte, wurde mir auch klar wie verdammt kalt es war und wie sehr mein Schädel brummte. Ich war so sauer auf Cat. Ich war in dieser ganzen Zeit selten sauer auf sie, aber da war ich es. Wäre sie mir in diesem Moment vor die Nase gehalten worden, hätte ich ihr am liebsten ihr hübsches Gesicht zerprügelt. Ich hatte eine solche Wut auf sie, wie vielleicht nicht noch mal. Ich rappelte mich in der klirrenden Kälte auf und stolperte Nachhause. Mein Kopf brummte so sehr, dass ich nicht mehr denken konnte. Das einzige was ich dachte war das ich das Cat nie verzeihen könnte. Nur die Erinnerung an den Rausch hielt mich noch wach. Es war das echteste und ehrlichste was ich seit langen, vielleicht in meinem ganzen Leben, erlebt hatte. Gott war ich naiv!

*

 

Am nächsten Morgen war meine Wut auf Cat allerdings wie weggeblasen, was wohl daran lag, das fast all meine Erinnerungen an den gestrigen Tag verblasst waren. Ich erinnerte mich kaum noch an die Jugendlichen, die Zigarette, den Rausch oder den Nachhauseweg. Geschweige denn an die Tatsache das Cat mich, mal wieder, im Stich gelassen hatte.

So ging ich also zur Schule und wartete wie jeden Tag am Schultor. Als Cat ankam sah sie mies aus. Richtig mies! Dunkel umrandete Augen, umgekämmte Haare, blasse aufgesprungene Lippen. Wenn ich mich noch an den gestrigen Nachmittag ... Abend erinnert hätte, hätte ich es vielleicht damit in Verbindung gebracht, aber so fragte ich sie hysterisch was mit ihr los sei und sie meinte nur ich solle nicht so schreien, sie habe Kopfschmerzen.

So waren die Drogen vergessen. Zumindest für diesen Moment, denn am Nachmittag schleppte mich Cat wieder in diesen Hinterhof.

Würde mich jetzt jemand fragen wo der war und wie man dahin kommt, ich könnte es nicht sagen. Auf dem Hinweg habe ich vielleicht nie richtig aufgepasst, oder war in Ekstase und Vorfreude auf den Rausch... keine Ahnung. Auf dem Rückweg war ich jedenfalls immer halb bewusstlos und bekifft, so das es kein großes Wunder ist das ich keine genaue Erinnerung mehr habe.

Ich kann mich nicht mehr gut an das zweite Mal erinnern, genauso wenig wie an das dritte oder vierte.... denn im Grunde verlief es immer gleich wir kamen, schwiegen, rauchte, dösten, gingen. Jeder ging für sich. Denke ich jedenfalls. Ich bin immer allein gegangen. Fast immer. Manchmal war noch jemand da wenn ich ging. Manchmal sogar alle. Manchmal niemand. Wenn ich aus dem Rausch erwachte, war mir sogar Cat egal. Sie war für mich nicht mehr als jeder Andere wert der da lag.

Das waren die wahren Gefühle denke ich.

*

 

Eines Tages waren wir wie immer im Hinterhof und rauchten dieses Zeug, von dem ich wohl nie so recht wusste was es eigentlich war. Immer wenn du dachtest du hättest herausgefunden was du eigentlich geraucht hast, war es wieder etwas anderes. Wahrscheinlich Haschisch. Vermischt mit etwas. Kleber, Lack, Farbe, ... keine Ahnung. Es machte high und das war das einzige was zählte.

Es ließ uns etwas spüren. Nicht immer das was man spüren wollte, aber immerhin. Es machte Gefühle intensiver. Mal ein gutes Gefühle, aber auch mal den Ärger die Wut und Hass. Erst mit dem Zeug fühlte man sich wirklich lebendig. Danach warst du tot. Fühltest noch weniger als vorher. Nichts mehr. Irgendwann kam dann der Punkt an dem das vorher auch das nachher war. Immer fühltest du gleich. Immer fühltest du nichts. Nur wenn du dieses scheiß Zeug intus hattest, dann gab es was. Da war was. Man war nicht mehr so einsam. Man war... mehr! Mehr als man im ‚unbekifftem’ Zustand je hätte zu träumen gewagt. Ich kann es nicht beschreiben, aber man fühlte sich wichtig, komplett, perfekt, gut, ... einfach alles auf einmal!

Du rauchtest und warst in deiner Welt. In der Welt in der du glücklich warst. In der Welt ohne Vorschriften und Einschränkungen. In Cats Welt. Ich dachte immer so wie meine Welt nach der Zigarette war, war Cats Welt ohne Rauch. Dachte ich.

Wenn du irgendwann aus deinem ‚Koma’ erwachtest und wieder in der grauen Welt warst, die nicht dir gehörte war dir schlecht. Dein Kopf brummte und deine Glieder waren schwer. Du konntest nicht gleich wieder rauchen, weil es dir zu mies ging. Am liebsten wärst du tot umgefallen. Jedes mal wieder. Aber das nahm man auf sich. Für die zwei – drei Stunden des Lebens! Du durchliefst die Schule, das Gerede deiner Eltern, einfach alles. Nur um am Nachmittag wieder bei den Typen zu sein von denen ich in der Zeit nicht mal alle Namen wusste, dein Leben zu leben und danach wieder sterben zu wollen.

So war es und so sollte es anscheinend sein.

*

 

Immer wenn wir in diesen ekelhaft dreckigen Hinterhof kamen, in dem jeden Tag mehr zusammengefaltete Pappkartons lagen, immer wenn wir durch die Straßen liefen, im Winter bei eisiger Kälte und haarsträubendem Wind, im Sommer bei schweißtreibender Hitze die einem fast den Atem raubte, immer lächelte Cat. Sie lächelte selten in meiner Gegenwart, fast nie. Aber auf dem Weg tat sie es. Und wenn sie erst mal inmitten der Anderen saß und ihren Joint anzündete breitete sich dieses Lächeln noch mehr aus. Die ganze Zeit die sie da lag. Sie lächelte. Wenn ich sie so sah, dann hatte ich ein merkwürdiges Gefühl. War das die wahre Cat? Waren das ihre wahren Gefühle, zeigte sie diese in den Momenten? So wie meine wahren Gefühle zum Vorschein kamen? Ich wusste es weder damals, noch weiß ich es heute. Manchmal lachte sie sogar richtig. Sie bekam regelrechte Lachanfälle! So habe ich sie selten gesehen. Für jemand anderen, der nie bei uns im Hinterhof gewesen ist, wäre es wahrscheinlich unvorstellbar gewesen Cat, die Cat mit dem ausdruckslosen Gesicht, dem Grinsen und dem kurzen Rock, lächeln – geschweige denn lachen – zu sehen! Vor dieser Zeit war es das auch für mich. Cat die allen Regeln widersprach, auf niemanden hörte und zu allen gemein war.

Mein Idol.

*

 

Eines Tages war jemand neues im Hinterhof. Einer der wenigen Tage an dem etwas passierte. Eigentlich passierte so direkt doch nichts. Erst im Nachhinein war dieser Tag etwas besonderes. Denn jemand neues, jemand wichtiges trat in Cats Leben und somit auch in meins.

 

 

Chapter Three ~ Ewigkeiten

 

Er hieß Sasha. Und eines Tages als Cat und ich wieder lächelnd zum Hinterhof liefen und um die Ecke bogen saßen nur zwei Jungs da. Peer, der blonde Kerl der schon am ersten Tag da war, und er. Er war noch nicht bekifft sondern unterhielt sich mit Peer. Das war das erste mal, dass ich in diesem Hinterhof gehört habe wie sich jemand unterhielt.

Ich bemerkte sofort wie Cats Blick an Sasha haftete. Selten sah man einen solch intensiven Ausdruck in ihren Augen. Zu gern wüsste ich genau was sie in diesem Moment empfand.

Doch auch wenn Cat so fasziniert wirkte, schenkte ich ihm keine besondere Aufmerksamkeit, sondern war viel mehr damit beschäftigt mir meine Kippe zu drehen, aus dem klebrigen Zeug aus Peers Blechdose. War viel zu sehr in Ekstase und Vorfreude auf den mir bevorstehende Rausch. Bemerkte aber doch noch wie Cat abgelenkt von diesem Sasha war. Sie ließ den Blick nicht von ihm. Setzte sich hin und drehte sich ihre Zigarette ganz langsam ohne nur einmal den Blick abzuwenden. Er schenkte jedoch weder mir noch ihr großartige Beachtung. Ein kurzes ‚Hallo’ und ein gleichgültiger Blick und dann war er schon wieder vertieft in sein Gespräch mit Peer. Ich hörte ihnen nicht zu, denn mein Interesse an den beiden war so gut wie Keines und so kann ich auch nicht sagen worüber sie so angeregt diskutierten. Doch ich bin sicher, wenn Cat jetzt hier wäre, sie könnte uns sagen was sie beredeten. Schon bald war ich in meiner Welt und sah die beiden nur noch wie hinter starkem Nebel und mit verzögerten Bewegungen. Irgendwann gar nicht mehr. Dann war ich vollends abgetaucht. Dann war ich wieder da, wo ich war.

*

 

Als ich wieder aufwachte und mein Kopf dröhnte als läge ein Amboss darauf, war ich nicht allein. Sasha lag da. Er war bekifft. Vollkommen zu und doch bei Bewusstsein. Cat war weg und Peer auch. Vielleicht waren in der Zwischenzeit noch Andere da gewesen, dass wusste man nie so genau. Ich wollte schon gehen, als Sasha meine Hand packte. Ich sah ihn an. Sah ihm in die Augen. Sie strahlten Angst aus. Extreme Angst. Panik. Wer weiß was ihm der Rausch gerade antat und er umklammerte meine Hand immer fester. Es tat mir irgendwann weh und meine Schläfen pochten tierisch. Ich sagte jedoch nichts. Er wirkte zerbrechlich und vollkommen hilflos. Sah mich nur an, mit der puren, funkelnden Panik in den Augen. Jeden Moment hätte ich damit gerechnet das er schreit. Das er laut losschreit. Zumindest etwas sagt. Ich schaute ihm die ganze Zeit in die Augen ... wartete. Doch es geschah nichts. Er drückte meine Hand die ganze Zeit fest. Sah mich an, hatte sogar Tränen in den Augen, atmete schwer und es bildeten sich in der Zeit die er mich so anstarrte Schweißperlen auf seiner Stirn. Er öffnete seinen Mund und seine Lippen zitterten. Er wollte etwas sagen, doch genau in diesem Moment lies er meine Hand los, wandte den Blick ab und fiel zur Seite. Stille. Es ist merkwürdig wie genau ich mich noch an diese erste Begegnung mit Sasha erinnern kann. Er lag dann da auf dem Pappkartonhaufen. Mit dem Rücken zu mir und ich ging. Sagte nichts, wand mich ab und ging. Den Schmerz in den Gliedern und dem pulsierenden Schläfen, mit dem verschwommenen Blick und dem wankenden Gang. Ließ ihn allein mit seiner Angst. Mit seinem Rausch. Dachte nicht darüber nach. Es würde enden. So wie jeder Rausch irgendwann endete.

*

 

Ein paar Tage später lief ich durch die Stadt und war auf dem Weg von der Schule nach Hause um meine Sachen abzuladen und dann gleich in den Hof zu gehen. Als ich Sasha sah. Ich hatte noch nie jemanden, bis auf Cat, außerhalb der Zeit im Hof gesehen und so beobachtete ich ihn eine Weile. Er war nicht allein, sondern hatte einen kleinen Jungen an der Hand. Er war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt und sie liefen durch die Einkaufsstraße. Der Kleine sah Sasha ziemlich ähnlich. Die selben verwuschelten dunklen Haare und das gleiche Grinsen, wahrscheinlich sein kleiner Bruder. Mir fiel in diesem Moment gar nicht auf das ich immer langsamer lief und fast stehen blieb, aber irgendwann lief ich einem Mann in den Rücken, der mich dann verärgert anmotzte. Ich kann mich ja noch ziemlich genau an dieses Tag erinnern, aber von dem Mann weiß ich nichts mehr. Weder was er sagte, noch wie er aussah, was ja eigentlich auch nicht wichtig ist, aber es sorgte dafür, dass Sasha auf mich aufmerksam wurde und mich sah. Es war ein merkwürdiges Gefühl wie er mich so ansah. Ich sollte es noch öfter spüren, aber in diesem Moment lief mir ein kalter Schauer den Rücken entlang und ich fühlte mich als würde er mir mein Inneres, meine Gedanken und Gefühle mit diesem Blick aussaugen. Die Sekunden kamen mir mal wieder wie Stunden vor und endlich wendete er seinen Blick ab. Ich stand mitten auf der Einkaufsstraße dumm da und blickte zu ihm und dem kleinen Jungen an seiner Hand. War irgendwie völlig gelähmt und er kam auf mich zu. Ich wusste nicht so recht ob ich gehen sollte und ob er überhaupt wirklich zu mir rüber kam. Wir kannten uns ja gar nicht richtig. Hatten uns nur an diesem einen Nachmittag im Hof gesehen und nicht mal miteinander geredet. Doch er kam immer näher und der kleine Junge an seiner Hand lächelte mich an. In Sashas Gesicht war jedoch kein Anflug von einem Lächeln.

*

 

Als er, nach scheinenden Stunden, vor mir stand, funkelte er mich mit seinen fast schwarzen Augen an. Ich wusste nicht was los war und was ich sagen sollte. Er blickte in mich hinein, als ob wir uns ewig kennen würden. Eine ungewohnte Vertrautheit strahlten seine Augen in diesem Moment aus und ich wäre wahrscheinlich am liebsten ewig so in diesem Blick versunken, doch es sollte anders kommen, denn er wand den Blick ab. Er wand seinen Blick auf den kleinen Jungen an seiner Hand. Ich wusste nicht recht was ich tun sollte und es fiel mir auch nichts annährend ‚cooles’ ein was ich hätte sagen können, so wie es Cat sicherlich eingefallen wäre. Deshalb fragte ich ihn einfach nach dem Namen seines Bruders. Der Name seines Bruders. Er blickte schlagartig von dem Kleinen an seiner Hand auf und mir wieder in die Augen. Er sah mich an, so ehrlich wie es nie wieder jemand getan hatte. Nie wieder hatte jemand solch eine Aufrichtigkeit im Blick und ich werde es nie vergessen können. Auch wenn es sicher nur eine halbe Sekunde aus dem Schwarz seiner Augen aufblitzte. Noch heute durchfährt mich ein Schauer wenn ich daran denke.

Seine Lippen formten sich langsam, nur ganz langsam, zu einem Kreis. Als wenn er etwas sagen wollte. Es war fast der selbe Gesichtsausdruck mit dem er mich die Tage vorher ansah, als er im Hof seinem Rausch ausgeliefert war. Ich wartete das er etwas sagte. Auf meine Frage antwortete und auch wenn ich wusste, dass das was er sagen würde weit mehr sein würde als eine einfache Antwort auf eine noch einfachere Frage, stand ich da und war naiv. Wartete naiv auf einen Namen den er mir sagte, seinen Blick abwendete und gehen würde. Ich sah ihn an und es waren sicher nur Sekunden, aber so wie es immer war wenn ich in seiner Gegenwart war, schien es mir wie die Unendlichkeit. Ich denke mich erinnern zu können das seine Lippen zitterten. Es war beängstigend wie sehr es mich an den Abend im Hof erinnerte ihn in diesen Momenten zu sehen und endlich. Er sagte etwas. 

*

 

„Das ist mein Sohn ... Ryan.“

Ich habe diese Worte noch ganz genau im Ohr, obwohl er sie vor so langer Zeit aussprach und könnte, wenn ich wollte, den genauen Wortlaut wiedergeben, doch ich denke das ist unnötig. Diesmal waren es meine Lippen die sich zu einem leichten Kreis formten und zitterten. Ich weiß nicht weshalb mich das an diesem Tag so berührte, aber das tat es. Ich konnte da nicht ahnen wie viel dieser Satz noch bedeuten würde, wie sehr er zu dem großen Wendepunkt meines Denkens gehören würde.

*

 

Ich sah immer noch in Sashas Augen, doch eigentlich nicht. Eigentlich blickte ich ins Leere. Ins das Ungewisse, in welches der Blick schweift, wenn das Irdische unwichtig ist. Auch wenn mein Blick in seine Augen gerichtet war, so blickte ich in etwas geheimes, wovon wohl niemand weiß, was es verbirgt. Nach einer Weile wurde mir klar das ich ihn anstarrte und wand meinen Blick auf den Boden. Auf den Jungen an seiner Hand. Seinen Sohn. Der Kleine der mich nicht mehr anlächelte, weil er merkte das etwas nicht stimmte. Sasha strich ihm sanft über den schwarzen Wuschelkopf, so wie es ein Vater bei seinem geliebten Kind oft tat. Es war für mich etwas merkwürdig zu sehen, das ein Junge nicht viel älter als ich, mit 21 Jahren, einen Sohn haben konnte, der immerhin schon Fünf oder Sechs war. Natürlich gab es so was nicht selten, aber ich war bis dahin noch nie so damit in Kontakt gekommen. Es verunsicherte mich etwas, doch mir wurde nicht in diesem Moment bewusst das Sasha mir etwas besonderes gesagt hatte. Das ich somit etwas besonderes war. Vielleicht nicht für euch, aber für ihn. Er brachte mir ein unglaubliches Vertrauen entgegen, wie es sonst niemand tat. Wir kannten uns nicht richtig und doch lies er mich so tief blicken. In diesem Augenblick bemerkte ich nur das Ryans Augen genauso dunkel waren wie die seines Papas und war mir nicht bewusst darüber das es vie bedeutete hier mit den Beiden zu stehen. Das wurde mir, wie alles andere Wichtige auch, erst später klar.

Ryan blickte zu mir auf und streckte mir dann seine Hand hin. Er wollte mir guten Tag sagen und mir stiegen Tränen in die Augen, weil dieser Moment so unendlich innig war.

„Hallo, ich bin Ryan und wer bist du?“

*

 

Sooo, das vierte Kapitel ist schon begonnen, d.h. es kommt bald... ; )

--> übrigend hab ich in den ersten beide Kap.'s ein wenig was verändert. Vielleicht fällt euch die Veränderung gar nich auf wenn ihr es noch mal lest, aber im Zusammenhäng sie diese Kleinigkeiten wichtig. Wenn ihr wollt, lests noch mal... : )

 

Bye, Jade

 

Chapter Four ~ Wut

 

Der Nachmittag verlief dann wie gewohnt weiter, ich ging Heim, zog mich um und lief zum Hof. Ich weiß nicht mit was ich gerechnet hatte, aber Sasha war nicht da. Wir hatten auf der Straße vorhin nicht mehr weiter miteinander gesprochen. Ich sagte dann ich müsse weiter und wir verabschiedeten uns. Doch mich beschäftigte die Sache noch weiter. Noch immer ist es mir ein Rätsel, warum er mir das an diesem Tag, auf dieser Straße sagte und dann doch nie mehr darüber sprach. Der Kleine lebte bei seiner Mutter und Sasha verbrachte zwar so oft wie möglich Zeit mit ihm, aber wie ich das in all der Zeit mitbekam, war das seiner ehemaligen Freundin gar nicht so recht. Wer weiß warum. Ich war immer und bin noch der Meinung, das Sasha ein toller Papa war und seinen Sohn über alles liebte. Mehr als alles und jeden sonst.

Ich war mit Anny, einem anderen Mädchen, im Hof allein und es war wie sonst auch. Nichts passierte weiter, niemand kam mehr.

*

Ein paar Tage später, vielleicht auch Wochen, kam ich ziemlich spät in den Hof, ich weiß nicht mehr warum. Es war sicher schon dunkel und ich hoffte einfach, dass noch jemand da war, der mir etwas Stoff geben konnte. Zum ersten Mal nach der Sache auf der Straße sah ich dann Sasha wieder, doch es war nicht so wie ich vielleicht gedacht hatte. Er war mit Cat da.

Cat hatte, wie ich dachte, zu der Zeit mit ungefähr jedem Kerl aus dem Hinterhof mindestens einmal Spaß gehabt, wenn ihr wisst was ich meine und jetzt war wohl Sasha der Glückliche. Ich weiß noch wie ich mich fühlte als ich ihn da sah. Er lag da, ein Wenig an diese dreckige Wand gelehnt und Cat auf sich sitzend. Ihr kurzer Rock der Schuluniform war hochgeschoben und ihre Bluse offen. Dieser Moment gab meinem Herzen tausend Stiche, so wie in den schnulzigen Liebesromanen beschrieben, war es wirklich. Mein Herz zerfiel in tausend Scherben. Jedem hätte ich zugetraut das er bei Cats langen Beinen und ihren sinnlichen Lippen schwach wird. Außer Sasha. Ich weiß nicht warum, aber er war für mich anders. Ich hatte doch ein ganz anderes Bild von ihm, als von allen anderen Männern. An dem einen Nachmittag wirkte er so zerbrechlich und auf der Straße war er so ehrlich. So liebevoll war er zu seinem Sohn. Und jetzt lag er da bekifft und fickend mit Cat auf den Kartons. Mein ganzes Bild von ihm schien falsch gewesen zu sein. Keiner der Beiden bemerkte mich und so lief ich rückwärts, wie in Trance, wieder um die Ecke. Konnte kaum fassen was ich da sah und verzichtete somit sogar unbewusst auf die Reise in meine Welt.

*

Ich rannte nach Hause ohne überhaupt zu merken das ich rannte. Tür zugeknallt. Treppe hochgerannt. Eltern ignoriert. Aufs Bett geschmissen. Ich weiß noch, dass mir kalt war und ich zitterte. Ich konnte es gar nicht fassen. Einerseits wusste ich gar nicht warum mich das so aus der Fassung brachte und wieso ich so enttäuscht von Sasha war, aber ich war es.

Diese Begegnung mit ihm im Rausch und seine Ehrlichkeit auf der Straße hatten mich viel tiefer blicken lassen. Es war ihm sicher bewusst, denn er war nie dumm. Er wusste es. Ich war völlig außer mir und wollte schreien, doch ich konnte nicht. Nicht das es mich gestört hätte, das meine Eltern es hätten hören können, oder sogar irgendwelche Nachbarn, es ging einfach nicht. Es war so viel Wut in mir, dass sie mich vollkommen blockiert. Ich konnte kaum atmen und weinte auch nicht. Ich war nicht etwa traurig darüber. Ich war nur wütend, aus Neid. Aus purem Neid.

Aber um nicht vollkommen ohne mein Gras auskommen zu müssen opferte ich die letzten Vorräte aus meinem Nachttischchen, aber das war wohl ein Fehler. Denn ein Rausch verstärkt immer die Vorhandenen Gefühle. Macht sie nie besser oder schlechter.

Und dieser Rausch war wohl einer der Schlimmsten die ich je hatte.

Sie sollten es büßen.

*

Vielleicht mal ein Wenig zu meinem Umfeld in dieser Zeit.

Meine Eltern waren ja immer sehr liebevoll gewesen, auch wenn sie durch den Beruf wenig Zeit hatten und so bekamen sie nach einer Weile natürlich auch mit, dass ich mich verändert hatte. Nicht mal so sehr die äußerliche Veränderung war das, was sie verängstigte, sondern sie merkten, dass sich mein Wesen veränderte. Sie merkten, dass ich keine Freunde mehr nach Hause brachte. Nicht mal mehr Cat. Ich war früher ein sehr aufgeschlossenes Mädchen gewesen und hatte immer viele Freundinnen, auch wenn Cat die wichtigste war.

Jetzt war ich kaum noch Zuhause. War immer im Hof und wenn ich kam, was manchmal auch mitten in der Nacht war, sah ich schrecklich aus, wollte mit niemandem sprechen und allein sein. Ich denke, sie ahnten was ich tat, dass ich kiffte, aber ich sprach nie mit ihnen darüber und wich aus. Es war ein Vorteil für mich, das sie beruflich noch immer sehr eingespannt waren.

Ich sah die verweinten Augen meiner Mom und den besorgten Gesichtsausdruck, aber das war mir völlig egal. Mein Vater schrie mich manchmal an, aber auch das war mir gleichgültig. Er hätte sich die Seele aus dem Leib schreien können, ich hätte ihn immer noch nur uninteressiert in die Augen geguckt. Ich konnte selten Menschen in die Augen gucken, aber da konnte ich es, denn es hat mich wirklich nicht berührt.

Mit Cat war es auch anders geworden. Die Joints hatten auch mein Bild auf sie verändert. Immer noch war ich fasziniert von ihrer Art, alles so leicht zu nehmen und sie faszinierte mich immer noch, aber der Rausch gab mir jetzt mehr. In meiner Welt fühlte ich mich besser. Besser als alles und jeder. Besser als Cat. Und das war selten. Das war gut.

Ich bemerkte auch gar nicht, dass ich schon so geworden war wie sie. Ich fand es früher in der Schule noch immer so fantastisch, wie egal ihr ihre Eltern waren und wie uninteressiert sie war. Jetzt war ich es ja auch. Ich konnte meinem Dad jetzt genauso in die Augen schauen wenn er mich aus Besorgnis anschrie.

In Wirklichkeit konnte das Cat ja nie. Sie wollte es können, aber sie empfand schon.

Es hatte sich auch mein Zimmer verändert. Früher hingen dort Poster von irgendwelchen Schauspielern oder Musikern und ich hatte Fotos von mir und Cat, von meinen Eltern und anderen Freunden eingerahmt. Jetzt war es unpersönlich geworden, was mich nicht störte, denn ich war ja fast nur noch zum Schlafen hier. Ich hatte ein oder zwei Poster von einer Punk Sängerin namens Exene Cervenca angehangen, aber auch nur, weil mir langweilig gewesen war. Meistens waren meine Vorhänge zugezogen und nur die blaue Neonröhre über meinem Bett warf Licht. Alles schien so in blau und schwarz. Das passte zu meiner Stimmung. Dunkel. Ich hörte laute Musik wenn ich mal Zuhause war und vor allem wenn ich Zuhause kiffte, denn so konnten meine Eltern meine eventuellen Schreie nicht hören.

*

Mir ging es so schlecht die nächsten Tage, das ich die Schule gänzlich ausfallen ließ und mich im Dunkeln in meinem Zimmer verkroch. Ich versteckte mich vor meinen Eltern, vor Cat und Sasha, vor der Schule, aber vor allem vor mir selbst. Ich beschloss einfach, dass es mich so berührte, weil ich mich in Sasha verliebt hatte, aber so war es nicht. Ich hasste es einfach, das Cat mir wieder einen Schritt voraus war. Ich dachte Sasha gehörte mir, nach der Ehrlichkeit. Ich dachte ich hätte Cat wenigstens einen Mann vorenthalten. Einen Vernünftigen, der mich der tollen, langbeinigen Cat vorzog. Ich war nicht in Sasha verliebt, ich wollte ihn nur besitzen um damit Cat zu zeigen, dass ich mindestens genauso gut sein konnte wie sie. Sie war vielleicht doch nicht mehr dieses Idol, was ich so verehrte, sondern Jemand, der mir mit seiner verdammten ‚Perfektion’, wie ich es damals fand, auf den Geist ging. Ich wollte immer noch so sein wie sie. Nur ich gestand es mir nicht ein. Ich redete mir ein, dass sie ihn verdient hatte, denn er war nicht besser als alle Anderen mit denen sie im Bett war. Er konnte ihr schließlich auch nicht wiederstehen.

Aber ich wollte es diesmal nicht so auf sich beruhen lassen. Diesmal sollte Cat es büßen, dass sie in diesem von mir erschaffenen Spiel wieder gewann.

Und ich wusste auch schon ungefähr wie. Es brauchte nur noch ein bisschen Vorbereitung.

*

 

Chapter Five ~ Wer war wer?

 

Ich war einige Zeit nicht im Hof gewesen. Eigentlich war es einige Zeit her, dass ich überhaupt irgendwo gewesen war, denn seit ich Sasha und Cat im Hof ‚ertappt’ hatte, war ich nur noch zum nötigsten aus der Dunkelheit meines Zimmers gegangen. Meine Mutter hatte mittlerweile wohl schon Depressionen, weil sie sich Vorwürfe machte bei meiner Erziehung Fehler begangen zu haben, aber das bekam ich damals nicht mit und es hätte mich ja auch nicht mehr interessiert als sonst.

Ich saß die ganze Zeit auf meinem Bett und war allein. Die Musik war wieder bis zum Anschlag aufgedreht und ich hatte nichts zu Kiffen. Ich hätte fast alles gegeben, nur für ein bisschen Stoff. Aber um wieder in den Hof zu gehen, war ich noch nicht bereit. Ich hätte ihnen begegnen können. So hielt ich mich vorerst mit Zigaretten und Kaugummis über Wasser. Es war natürlich kein Ersatz. Es lenkte mich auch nicht richtig von den Schmerzen, dem Zittern und dem Kotzen ab, welches durch den Entzug kam, aber es hielt mich wach. Ich war gerade mal eine Woche da oben und mir ging es so scheiße. Aber das ich total abhängig war und wahrscheinlich noch krepiert wäre, wenn ich das länger durchgezogen hätte war mir egal. Es machte mir nichts aus von Drogen zu leben, es hielt mich sozusagen wach. Mein Leben war so erbärmlich seit Cat sich auf diese Art von mir abwand und mit dem Kiffen ging es mir immer etwas besser. Ich fühlte mich wichtiger und nicht mehr so klein gegen die allgegenwärtige Cat.

Ich rauchte so um die zwei Schachteln am Tag. Eine Zigarette nach der Anderen und das war auch der einzige Grund weshalb ich mich aus dem Haus begab. Nachts machte ich mich auf den Weg zum Zigarettenautomaten der fast direkt neben dem Haus stand und gab alles an Geld was ich greifbar hatte aus. Ich beklaute auch meine Eltern dafür, was aber nicht das erste Mal war. Ich ging mit zerzausten Haaren, Klamotten die ich die ganze Woche lang anhatte und die vollgeschwitzt und vollgekotzt waren und völlig ungeschminkt. Es war eigentlich egal, denn wer hätte mich schon Nachts um Drei auf dem 50 Meter Weg sehen sollen? Aber es war ungewöhnlich für mich. Tagsüber wäre ich für nichts der Welt so unter Menschen gegangen, aber das war jetzt gleichgültig. Genau wie alles Andere. Ich versank die Tage und Nächte in der Düsternis meines Zimmers, in der lauten Musik und in meinem Neid und Hass auf Cat und die Welt.

Aber ich bereitete mich auch vor. Seelische Vorbereitung für Rache.

Wenn ich das jetzt so schreibe, dann denke ich wirklich wie dumm ich damals war. Natürlich nimmt jeder Mensch einmal Rache an einem Anderen. Größer, schlimmer, witziger oder süßer, aber Jeder tut es. Jeder denkt doch mindestens einmal in seinem Leben, das jemand für etwas einen Denkzettel verdient hat. Bei manchen, vielleicht den meisten, stimmt dies auch und sie geben es demjenigen im richtigen Maße zurück. Aber mein ‚Racheplan’ war völlig daneben. Er war vielleicht nicht sonderlich originell oder sonderlich klug, aber besonders überflüssig.

Cat schlief mit Sasha und das passte mir nicht, denn er sollte mir gehören. Ich hatte wieder dieses kleine Spielchen verloren, von dem Cat nicht mal wusste, dass es existierte. Ich war so naiv und dachte, dass Cat das alles tat um mich bloßzustellen und mich in ihren Schatten zu drängen. Um sich herauszuspielen. Aber für Cat war es das gar nicht. Cat fühlte sich doch genauso wie ich. Unwichtig. Ich hätte aufhören müssen mich an Cat zu messen, dann wäre es nicht so weit gekommen, aber ich sah das nicht. Sah nicht, dass ich alles kaputt machte. Hätte ich Cat von Anfang an ihren Weg gehen lassen, egal wie gut oder schlecht dieser war, egal wie sehr er mir missfiel oder was er für unsere damalige Freundschaft bedeutete und wäre ich meinen gegangen, dann wäre es nicht mal bis hier her gekommen, aber jetzt war es zu spät. Ich wollte damals nicht mehr ich sein, sondern sie und das ging ihr gewaltig auf den Geist. Sie wollte mich nie loswerden, sondern sich nur ein Wenig Freiheit verschaffen. Und mit den Versuchen ihr näher zu sein, stieß ich sie nur immer weiter weg und engte sie ein. Ich hatte sie von Anfang an nachgeahmt und ihr alles weggenommen, was ihr allein hätte gehören können und sollen und jetzt konnte ich ihr nicht mal mehr die Männer gönnen. Männer waren da das Einzige gewesen, was sie noch von mir unterschied. Der Erfolg bei Männern. Der Erfolg bei Sasha. Doch auch das würde ich ihr jetzt nehmen.

*

Ich bereitete mich also vor. Ich bereitete mich vor, auf den ersten Tag den ich wieder im Hof sein würde. Den ersten Tag an dem ich Peer, wieder begegnen würde. Ich fand ihn schon seit dem ersten Tag an dem ich ihn sah recht gutaussehend und gutgebaut und so sollte er jetzt mein Mittel zum Zweck werden. Ich hatte die letzten Wochen und Monate, seit ich meine Zeit im Hinterhof verbrachte, nur noch selten gegessen und somit ziemlich abgespeckt. Also stand mir meine Figur nicht mehr im Wege wenn es darum ging knappe Kleidung zu tragen. Ich kürzte meine Röcke, kramte alte Jeans aus den Schränken die sehr eng waren und riss Schlitze hinein. Ich übte meinen Auftritt vor Peer wenn er mich das erste Mal wieder sehen würde. Ich übte meinen Hüftschwung á la Cat und versuchte so selbstsicher wie möglich zu wirken. Mein Zimmer und meine Wandspiegel wurden zum Hinterhof. Wurden zu meiner Bühne. Hätte man mich beobachtet, hätte man mich sicher ausgelacht, aber nach ein zwei Tagen zahlte sich das alberne rumstolzieren aus. Ich wurde gut. Ich wurde sexy. Und ich wurde immer mehr wie Cat. Ich schnitt mir sogar selbst das Haar kürzer um eine weitere Veränderung zu erzielen und ich weiß noch, dass es wirklich gut aussah.

Schließlich war es dann soweit. Acht Tage hatte ich nur in meinem Zimmer gehockt und haufenweise Zigaretten geraucht und jetzt machte ich mich bereit um wieder in den Hof zu gehen. Ich duschte zum ersten Mal wieder und zwängte mich in eine der engen Jeans die ich zerrissen hatte. Dazu ein enges weißes Shirt unter das ich keinen BH zog und einen Hauch Parfum. Selten hatte ich mir in den letzten Monaten solche Mühe mit meinem Aussehen gegeben und wenn, dann sicher nicht für diesen verdreckten scheiß Hinterhof. Aber heut war das etwas Anderes. Es musste klappen. Ich musste üben. Üben um schließlich gut genug zu sein, um den einen, den wahren Coup zu machen und damit Cat so sehr eins auszuwischen, das sie es nie mehr vergessen würde. Damit ihr klar würde, dass ich besser war als sie und das ich nie wieder in ihrem Schatten stehen würde. Sie sollte es zu spüren bekommen wie sehr ich sie dafür hasste, dass sie immer wieder gegen mich gewonnen hatte und das sie sogar Sasha bekommen hatte und nicht ich. Ich hatte mich doch bis jetzt in Bezug auf Männer nie richtig angestrengt um sie zu schlagen, aber jetzt war Sasha da. Sasha war ein Grund für mich, mich ins Zeug zu legen und ihn zu gewinnen. Ich musste um ihn spielen, um ihn kämpfen und wenn ich dazu üben musste und mich anzustrengen hatte, dann sollte das eben so sein.

Aber es sollte eh alles anders kommen als ich es geplant hatte.

Ich rauchte noch eine letzte Zigarette und mein Körper pulsierte wenn ich nur daran dachte endlich wieder einen Joint zu rauchen. Endlich wieder in meine Welt abzutauchen und mich richtig gehen lassen zu können. Aber ich sollte in all der Vorfreude und Ekstase nicht mein Ziel vor Augen zu verlieren, was mir schwer fiel.

*

Der Weg schien mir dieses Mal kürzer als sonst. Ich rannte fast und als ich nur noch einen Block entfernt war, ordnete ich ein letztes Mal mein Haar, zupfte das Shirt zurecht und zog die Jeans ein wenig herunter. Ich fühlte mich gut. Zwar war ich aufgeregt, aber es war gut. Wie erwartet war er da. Peer, wer sonst. Um ihn herum zwei bekiffte Mädchen, von denen ich nur eines flüchtig kannte. Jetzt kam mein langgeübter Hüftschwung zum Einsatz und es brauchte nicht lang bis ich spürte das Peer mich angierte. Das Erste was er sagte war „Bist du’s?“ Ich musste grinsen, denn mit dieser Reaktion hatte ich gerechnet. Ich hauchte ihm nur ein kleines „Wer sonst?“ zu und machte mich auch schon über die so lang vermisste Droge her. Es war wie bei Cat und Sasha. Er wand seinen Blick nicht eine Sekunde von mir ab. Weder während ich mir die Kippe drehte, noch als ich rauchte. So einfach waren Männer zu beeinflussen. Peer, Sasha, jeder. Ich guckte so verführerisch wie ich nur konnte und es zeigte seine Wirkung so schnell und deutlich, das ich schon beinahe erschrak. Er kam näher und beugte sich über mich. Der Tag war ziemlich heiß gewesen und Schweiß stand ihm auf der Stirn. Alles ergab sich schnell und wahrscheinlich bekamen die beiden Mädchen neben uns kaum etwas davon mit. Wie ich meine Beine langsam spreizte, er sich über mich beugte und wie sich alles einander anschloss, vom gierigen Kuss, bis zu seinem Orgasmus. Mein erstes Mal. Das war es. Nicht für mich. Nicht für Peer. Nur für Cat. Rache an ihr. An der Schlampe in deren Schatten ich ein Leben lang stand. Doch das sollte jetzt endgültig vorbei sein und sie würde schon sehen, was sie von all dem hatte. Peer drehte sich von mir ab und ich fasste mich. Zog die Jeans wieder hoch und widmete mich einem weiteren Joint. Und noch einem und noch einem. Ich lag bis zum nächsten Morgen bekifft da. Ich weiß es noch genau, es war das einzigste Mal, aber ich hatte ja auch eine Woche gar nichts gehabt. Peer und die Mädchen waren gegangen und als schon der Morgen dämmerte, ging auch ich. Immerhin zufrieden das ich erreicht hatte, was vorgenommen war und jetzt nur noch weitergeführt werden musste. So tat ich es, jedes Mal wenn Peer und ich jetzt allein waren, dass heißt ohne Sasha oder Cat, die ich übrigens kaum mehr zu Gesicht bekam, dann brachte ich ihn dazu mich zu ficken. Mal wollte er, mal nicht. Aber es klappte immer. Ich sag ja, so leicht sind Männer zu beeinflussen. Damals und heute. Diese Meinung entstand in dieser Zeit, doch im Gegensatz zu fast allem anderen was damals bei mir entstand, blieb diese Meinung bestehen. Es ist so und wird wahrscheinlich auch immer so sein. Männer sind sexuelle Wesen. Frauen sind emotional. Ich war früher das beste Beispiel dafür. Tat ich das alles nicht nur aus einem Gefühl heraus? Nur weil Cat mich auf einer emotionalen Ebene zu tiefst verletzt hatte. Doch es ist merkwürdig finde ich, wieso verletzt es mich, wenn meine eigentlich beste Freundin ihren Weg findet? Ich wusste nie das sie so fühlte wie ich. Das es ihr nicht gut ging so wie es war und das all das was ich für so perfekt fand, für sie die Hölle war. Macht mich das nicht zu einer schlechten Freundin? Wer war wer von uns? Immer hielt ich sie für ‚die Böse’ weil sie sich von mir weg entwickelte, aber war ich es nicht? Die Böse? Weil ich es ihr nicht gönnte? Ich war neidisch darauf das sie sich zuerst veränderte und das brachte mich dazu es zerstören zu wollen. Ich war mit der Zeit stärker geworden. Stärker als Cat. Denn eigentlich war immer ich es gewesen die stark war. Nur sie konnte ihre Schwäche verbergen. Sie war die bessere Schauspielerin denke ich. Auch diese Grinsen das ich ewig so fürchtete, dieses fiese Grinsen was einem auf eine spöttische Weise zu verstehen gab; Ich bin besser als du und das wissen wir beide.

Alles nur gespielt. Im Gegensatz zu mir, tat sie alles nur um endlich in Einklang mit sich zu kommen. Ich tat alles nur noch aus Rache. Nur weil ich es tat, sollte es dann bei Cat auch so sein? Deshalb besteht für mich die Frage: Wer war wer? Gab es überhaupt eine Cat so wie ich sie in meinem Kopf hatte? Und wenn ja, war ich sie oder war es die Catherine Faith McEllington mit der ich damals so gut befreundet war? Ich weiß es nicht. Vielleicht ihr?

*

 

 

Chapter Six ~ Vertrauen, Glauben, Treue, …

 

Jetzt, wo ich mich vor mir selbst sozusagen als Szeneschlampe durch und durch etabliert hatte, war mir doch um einiges wohler zu Mute wenn ich in den Hof kam. Seltsamer Weise sah ich weder Cat noch Sasha häufig. Ich machte mir Gedanken darüber ob sie wohl zusammen waren. Einerseits wäre es gut, denn dieser Umstand würde eine noch durchschlagendere Wirkung meines Vorhabens bedeuten. Bedingt vom Erfolg natürlich. Aber dessen war ich mir recht sicher. Andererseits würde mir diese Tatsache auch zeigen, dass ich zu langsam gewesen war und sich Cat Sasha schon vollständig bemächtigt hatte.

Nach langer Zeit und unzähligen unbedeutenden Tagen des Sommers, bestimmt drei Monaten, sah ich Sasha dann endlich wieder.

Nicht zum ersten Mal. Eines anderen Tages ging ich durch die Stadt und da sah ich die Beiden. Arm in Arm auf der Einkaufsstraße. Lachend. Glücklich. Ein kleiner Stich in meinem Herzen. Zuerst. Doch mit jeder Sekunde breitete sich dieser kleine Stich mehr und mehr zu einer großen pulsierenden Wunde aus. Wie sie so verliebt herumalberten brachte mich fast zum kotzen. Geschrieen hätte ich am liebsten beim Anblick ihrer. Dies entfachte meine Wut, ja; meinen Hass, nur noch mehr. Er loderte in mir wie ein riesiges Feuer. Heiß und gefährlich. Sie bemerkten mich nicht und das war auch gut so. Ich sah ihnen nach, wie sie die Straße herunter liefen und schließlich zwischen anderen Leuten verschwanden. Meine Augen funkelten, spiegelten mein inneres Feuer nach außen hin. Der Hass war so groß und das Verlangen ihn heraus zu schreien erdrückte mich fast. Doch ich hielt ihn zurück. Schob ihn in eine hintere Ecke meiner Seele. Denn ich dachte zu wissen, dass der Punkt bald da sein würde an dem ich all meine versteckte Wut, all meinen lodernden Hass gebündelt loslassen konnte und damit etwas erreichen würde, wovon ich nicht mal zu träumen wagte.

Und dieser Punkt kam tatsächlich immer näher. Denn schon dieses Mal war es anders. Ich sah Sasha allein. Ich saß im Hof, rauchte grad einen Joint und außer einem Kumpel von Peer war niemand weiter da. Als Sasha um die Ecke bog, ging mein Puls schneller. Denn allein sein Gesicht verriet mir das es passierte. Das er mir unwissend die Chance geben würde mich zu rächen. Er erblickte mich schließlich und lächelte kurz gequält. Ich wusste sofort das etwas nicht stimmte. Was für ein gutes Gefühl. Er lies sich neben mir auf den Kartons nieder. Den selben dreckigen Kartons die schon bei meinem ersten Besuch da waren.

Mit einem leisen Seufzen lehnte er sich zurück und bat mich mit einer kleinen Geste ihm die Blechdose mit dem Stoff zu geben, welche neben meinen Füßen stand. Mir fiel auf, das er meinem ‚Stilwechsel’ nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit schenkte. Wieder ein kleiner Stich, bei dem es diesmal aber blieb. Er sah mich mit seinen tiefen dunklen Augen an und ich schenkte im ein verführerisches Lächeln auf das er wieder nicht weiter reagierte. Stich. Er sagte nichts und sah mir einfach so in die Augen. Das lies mich ziemlich schaudern, denn ich fürchtete er könnte mein Feuer lodern sehen. Mittlerweile sah ich nämlich nicht mehr nur ihn. Jeder Augenblick in seiner Gegenwart wurde zu einem einzigen großen. Einem schrecklichen. In seinem Gesicht sah ich nichts anderes mehr als Cat. Den Grund für mein Feuer. Bei jedem Blinzeln durchschoss ein anders Bild meinen Kopf. Er und Cat. Cat und er. Ich sah nicht mehr diese wunderschönen Augen. Diese Augen die mich damals auf der Straße mit ihrer grundgütigen Ehrlichkeit zu Tränen gerührt hatten. Ich sah Cat. Diese verfickte Cat. Zutiefst gehasste Freundin. Ich begann ihn auch zu verabscheuen. Verabscheute ihn für seine Liebe zu Cat.

Schließlich fasste ich mich ihm gegenüber und versuchte meine unberührbare Fassade aufrecht zu erhalten. Er wand seinen Blick ab und ich atmete unhörbar auf.

Ich fragte ihn schließlich was los sein, er könne mir nicht vormachen, das alles stimmte.

Ich will versuchen euch unsere ungefähre Unterhaltung wiederzugeben;

„Wir haben uns doch immer gut verstanden, nicht wahr?“

„Natürlich Sasha! Du kannst mit mir reden!“

„Wir haben uns ja leider schon lang nicht mehr gesehen.“

„Du kommst ja nicht mehr her.“

„Ja. Du musst wissen, ich bin mittlerweile mit Faith zusammen...“

Stich. Tiefer Stich. Schmerzende Wunde.

Er nannte sie Faith? Niemand nannte sie Faith! Sie war nicht Faith! Nein, nicht mehr. Faith war früher, war der kleine Engel mit den blonden Locken. Jeder liebte Faith! Seit diesem Morgen an dem ich mit offenem Mund ihre schwarzen Haare begutachtete war sie nur noch Cat. Sie hörte einfach nicht mehr auf ihren zweiten Namen und wurde ausfallend wenn man ihn doch benutzte. Früher hatte sie jeder so genannt. Eltern, Lehrer und ihre unzähligen Freunde. Aber ab da war sie es einfach nicht mehr. Dieser Name, Faith, er wurde vergessen. Er gehörte genauso wenig noch zu ihr wie der Spitzname ‚Engel’.  Seine Bedeutung ging zusammen mit ihren blonden Locken einfach verloren. Jeder wusste es.

Meine Augen funkelten wieder. Es entfachte mein Feuer nur noch mehr. Der Druck zu Schreien baute sich wieder auf. Doch wieder verbannte ich ihn. Nur nicht ganz so weit nach hinten, denn es würde nicht mehr lange dauern. Ich denke, ich sah ihn mit offenem Mund einfach so an. Er dachte sicher es wäre, weil er mit ihr zusammen war, aber selbst wenn ich es noch nicht gewusste hätte, hätte es mich nicht so aus der Fassung gebracht wie dieser Name. Lang schon hatte ich ihn nicht mehr gehört. Lang nicht mehr an ihn gedacht.

Er holte mich irgendwann aus meiner Fassungslosigkeit zurück und diesmal fragte er was mit ihr los sein. Ich schüttelte, wohl noch immer etwas verwirrt, einfach so den Kopf und wollte wieder an das Gespräch anknüpfen. Ich fragte nur, weshalb er dann so gebrochen aussah, wenn er doch mit ihr zusammen war. Es wäre doch ein Grund sich zu freuen. Für ihn zumindest. Ich musste mich sehr zusammen reißen um nicht auszubrechen. Und schon kam der Satz, der mich schlagartig wieder zum Lächeln hätte bringen können.

„Wir haben uns gestern fürchterlich gestritten!“

Was hatte ich da gehört? Das war sie! Meine Chance! Er war deprimiert und ich, ich war da! Für ihn! Mit allem was er wollte, oder auch nicht wollte.

So tat ich sehrmitfühlend und sorgend und hörte mir die Geschichte an. Er schien sie sehr zu lieben! Stich. Er erzählte wie gut sie sich mit Ryan verstand! Stich. Er hatte Angst das jetzt, nach so wenig Zeit, schon alles vorbei sein konnte. Tiefe, pulsierende Wunde. Genau wie damals auf der Straße, brachte er mir so viel Vertrauen entgegen, wolle sich mir öffnen, sich mit seinen Gefühlen an mich wenden. Doch das Einzigste was er diesmal damit bei mir auslöste war noch mehr Hass. Ich wollte es nicht hören! Er hatte sie nicht zu lieben! Er gehörte mir. Auch wenn er es nicht wusste. Ich würde ihn nicht einfach Cat überlassen. Und auch nicht Faith. Sie sollte büßen! Ich wünschte ihr alles Mögliche an den Hals während ich mit mitfühlender Miene Sasha zuhörte und seicht mit dem Kopf nickte. Hinter dieser Miene, dieser Maske, brannte es. Von wegen ein Lagerfeuer loderte in mir. Es waren Tausende! Er hätte mir nicht in die Augen sehen dürfen, jedes Mal wich ich ihm aus. Denn dann wäre meine Maske aufgeflogen und mein Feuer hätte um sich gegriffen. Es hätte alles in sich gezogen. Alles wäre in seiner Hitze und Wildheit verloren gewesen.

Er verstummte und sah sehr verletzlich aus, wie er so auf den Boden starrte. Doch ich wollte ihn ja gar nicht verletzten. Nur Cat. Ich legte eine Hand auf sein Knie und redete mit Lügen auf ihn ein, bei denen ich das Verlangen hatte zu Spucken um den bitteren Geschmack ihrer Bedeutung zu verlieren. Ich sagte ihm ich wäre immer für ihn da und er könne immer zu mir kommen. Sätze dich ich nur aus schleimigen Liebesfilmen kannte. Währenddessen fuhr meine Hand von seinem Knie langsam an seinem Oberschenkel hoch. Er machte keine Anstalten das ich aufhören sollte und so tat ich es auch nicht. Er blickte langsam auf und bemerkte endlich mein Outfit. Sein Blick auf meinen Busen gerichtet. Es war so gut! Ich hatte ihn in der Hand! Hierfür hatte ich geübt. Darauf hatte ich gewartet und ich hatte gewusst es würde kommen! Alles würde jetzt zusammenführen. Wie verdammt gut das war! Nicht nur das er sich endlich mir hingab, sondern auch zu wissen, dass er es tat, obwohl er eine noch stärke Bindung zu Cat hatte, als ich, zur Geburtsstunde meines Planes, dachte. Das war es so wert! Unsere Gesichter näherten sich langsam einander und mit meiner Hand war ich dabei seine Hose zu öffnen. Endlich küssten wir uns. Die erste große Hürde war überwunden. Erst war er ganz zaghaft, aber je mehr meine Hand in seiner Jeans zum Einsatz kam, desto leidenschaftlicher und fordernder wurde unser Kuss auch. Schließlich fing er an mir die Bluse aufzuknöpfen und ich drückte ihn sanft nach hinten. Er lag auf dem Rücken und ich zog ihm die Hose ganz aus. Unter meinem Rock spreizte ich die Beine und das war es! Das war es worauf ich hingespielt hatte! Es war gut! Nicht nur der Sex, sondern noch mehr die Gewissheit es geschafft zu haben! Er betrog seine ach so geliebte Faith mit mir! Wenn sie es jemals erfahren würde, und das würde sie ganz gewiss, ob von ihm oder mir, wäre es meine perfekte wunderschöne Rache gewesen! Ich saß auf ihm und bewegte mich immer schneller auf und ab. Wir schwitzten beide und er stöhnte mit geschlossenen Augen erregt unter mir auf.

Als er seine Augen öffnete sah er mich an, doch dann, dann ging sein Blick an mir vorbei. Sein Atem stockte schlagartig und mit einer Hand wollte er mich erfolglos von sich runter schieben. Ich wusste ganz und gar nicht was plötzlich los war und weil er noch immer geschockt an mir vorbei sah, drehte auch ich mich um....

Cat....!

*

 

 

Chapter 7 ~ Ernten was man sät

 

“And now I’m flying - like an angel - to the sun …”

Meinen Körper durchflutete das animalische Gefühl von Macht. Ich saß immer noch auf ihm und sah in die von Tränen gefüllten Augen von Cat. Ich lächelte sie breit an. Konnte und wollte es mir nicht mehr verbieten. Ich nahm kaum wahr wie Sasha sich von mir wegdrehte und mit hektischen Worten versuchte Cat zu erklären was los sei. Irgendetwas von ‚es sei nicht so wie es aussehe’ und ‚bitte hör mir zu’. Das übliche eben. Ich zupfte meine Kleider zurecht und war sichtlich sehr unbeeindruckt von der Szene in welcher ich grad mitten drin steckte. Ich befand mich eigentlich sogar im pulsierenden Mittelpunkt dieser Szene. Denn Cats Augen verrieten mir, das sie Sasha nicht zuhörte, sondern mich nur ansah, als ob ich ihre kleine Welt ins große lodernde Feuer getreten hätte und zusähe wie sie verkohlt. Und zugegeben, das tat ich auch. Auf diesen Augenblick hatte ich gewartet. Ich wollte sie einmal verletzten, sie bis ins tiefste Mark erschüttern und es war mir gelungen. Jubelschreie hätte ich ausstoßen können als ich sie so sah. Wie sich die Tränen in ihren blauen Augen sammelten, sie aber versuchte sie zu verstecken und selbst in diesem Moment stark zu wirken. Doch egal wie sehr es ihr gelungen wäre die Tränen zu verbergen, mir war klar, dass sie nicht stark war, sondern dass ich sie vernichtet hatte. Sie starrte mich nur an und irgendwann, irgendwann erhob sie ihre Stimme und flüsterte doch kaum hörbar zu mir ‚Was willst du?’ Die Stimme tropfte nur so vor Verachtung und mich durchfuhr ein kalter Schauer. Ich kann nicht sagen wieso, aber ich rechnete glaube ich nicht damit, dass sie mich jetzt damit konfrontieren wollte. Ich hatte mehr mit einer Reaktion gerechnet wie wegrennen oder ähnlich. Eine Reaktion, die mich den Triumph noch mehr auskosten lies und mir deutlicher zeigte das ich sie zu Boden geschlagen hatte. Das sie mich damit konfrontierte drückte doch noch vorhandene Fassung und Stärke aus. Das was ich ihr nicht gönnte. Ich strich mir mein Haar hinters Ohr und fragte mit einem goldigen Augenaufschlag was sie denn meinte. Sie schritt näher zu dem alten Kartonhaufen auf dem ich noch immer saß. Ihre Augen funkelten böse, so wie meine als ich sie auf der Straße gesehen hatte. Wieder verlief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ihr Feuer brannte. Es loderte in ihrem Inneren genauso wie es in meinem gelodert hatte. Ich stand auf und sie stand nun direkt vor mir. Gott, sie stand fast so nah vor mir, dass ich ihren Atem spürte. Ich weiß noch wie mulmig mir zumute war. Ich zweifelte wohl einen Moment lang an dem was ich getan hatte. Nicht weil ich sie weniger hasste, oder doch? Sie machte mir Angst. Sie machte mir Angst mit ihrem Feuer, welches ich in ihren Augen erkannte. Ich sah sie weiterhin freundlich an und klimperte mit meinen langen Wimpern. Was dann passierte, entriss mir für diese Sekunden jeglichen Halt! Entzog mir den Boden unter den Füßen!

Mit einem schallenden Knall prallte ihre Hand auf meine Wange. Sie hatte mich mit ganzer Kraft mitten ins Gesicht geschlagen. Der Schmerz durchfuhr mich und ich hielt mir die Wange. Noch immer blickte sie mir geradewegs in die Augen. Strikt, ohne zu zwinkern. Beängstigendes Funkeln in ihr.

Ich sah sie entrüstet an und meine Wange glühte. Welche Kraft hatte in diesem Schlag gesteckt!

Was willst du?’ Wiederholte sie immer noch flüsternd, aber diesmal mit mehr Nachdruck. Ich nahm langsam die Hand von meiner Wange, aber ich spürte, dass sie noch knallrot war. Ich presste meine Lippen aufeinander und schluckte. Noch immer sah ich ihr in die Augen und versuchte unbeeindruckt auszusehen. Sasha stand hinter uns in einer Ecke und hatte das ganze Geschehen still beobachtet. Ich denke er wusste nicht so recht was gerade geschah, da er unserer ganze Vorgeschichte nicht kannte. Schließlich wand ich den Blick ab und sagte ich wüsste nicht was sie meinte. Ich wollte einfach an ihr vorbeigehen und sie so stehen lassen. Doch sie hielt mich mit kräftigem Griff am Ellbogen zurück.

'Hast du es dir zum Ziel gemacht mir mein Leben zu zerstören?'

Ich zuckte zusammen. Was hatte ich da gerade gehört? Ich? Ihr Leben zerstören? Ich hatte doch nur mit Sasha Sex gehabt. Das konnte sie nicht meinen mit ‚Leben zerstören’! Ich wollte SIE zerstören. Ja sicher wollte ich das aus einer Lauen heraus, doch es tat mir schon wieder leid, als ich da mit ihr auf dem Hof stand. In ihrer Stimme lag die Wut. Ich hatte das Gefühl als würde Eis ganz langsam, von unten nach oben, meinen ganzen Körper einfrieren. Ich wagte nicht mich zu bewegen oder gar eine Antwort zu geben. Mein ganzer Hass auf sie war verschwunden. Oder nicht verschwunden, sondern gewandelt? Ich hatte Angst. Angst vor dem was sie sagen würde. Verspürte ich doch wieder das Gefühl, dass dieses Mädchen mal meine beste Freundin gewesen war und das ich eigentlich nie so recht wusste, wieso das jetzt nicht mehr so war. Wieso hatte sie sich damals so geändert? Wieso färbte sie sich einfach so die Haare schwarz, ohne es mir vorher zu erzählen? Wieso sprachen wir immer weniger? War ich an all dem wirklich so unbeteiligt gewesen?

All diese Fragen gingen mir in einem Moment durch den Kopf und mir wurde klar, dass die Antworten, die ich mir bis jetzt immer allein gegeben hatte nicht stimmen konnten. Wieso hatte ich sie nie gefragt? Sie, meine beste Freundin? Wieso war ich so geworden? Wieso wollte ich sie bestrafen, für etwas, was ich mir eingeredet hatte? Nur weil ich mich nie getraut hatte, sie zu fragen wieso sie sich damals verändert hatte. Alles wäre anders gelaufen. Vielleicht besser! Bestimmt sogar.

Ich wand mich langsam um und sah sie an. Ihr Griff an meinem Arm wurde weicher und in ihren Augen lagen wieder Tränen. Doch nach einem Zwinkern waren sie wie verschwunden. Hatte ich sie mir nur eingebildet?

‚Nur weil ich mit deinem Freund gefickt habe?’ fragte ich ganz ehrlich und sie runzelte kurz die Stirn, als ob sie etwas überrascht von meiner Antwort wäre.

'Glaubst du wirklich es wäre nur das?'

‚Was denn sonst? Wer stand denn hier immer im Schatten der anderen? Ich hab allen Grund dir dein schönes Märchenbuchleben zerstören zu wollen!’

Wieder legte sich ihre sonst so glatte Stirn in kleine Falten und sie lies sanft von meinem Arm ab.

'Du hast wohl keinen Schimmer was du mir all die Jahre angetan hast?!'

‚Was soll ich dir schon angetan haben? Du warst doch immer jedermann Engel. Jeder hat dich geliebt! Gegen dich war ich doch nur ein Nichts.’

‚Kannst du dir vorstellen wie schwer es war immer jedermann Engel zu sein? Jeder wollte alles perfekt haben! Wie oft habe ich es mir gewünscht zu sein können wie du! Einmal nicht im Mittelpunkt zu stehen! Für mich warst du nie ein Nichts, aber das hat dir nicht gereicht, nicht wahr?’

Cat zitterte am ganzen Körper. Nicht doll, aber sie zitterte. Mir wurde klar wie sehr sie das mitnahm. 

‚Was meinst du mit ‚für mich warst du nie ein Nichts’? Du hattest doch immer alles! Deine Eltern! Deine Noten! Dein Aussehen!’

‚Meine Eltern? Die, die sich immer gestritten haben? Die, die mich jedes Mal wenn auf dem Zeugnis nicht nur Einser waren auf die Mädchenschule schicken wollten. Und mein Aussehen? Das Aussehen, wegen dem mich jeder Kerl angegrabscht hat? Weshalb ich Angst hatte Abends allein durch die Stadt zu gehen? Das Aussehen, von dem jeder erwartet hat, dass es perfekt ist? Du hast wirklich keine Ahnung wie es war!’

Mir wurde langsam klar, was der Grund für ihre Veränderung damals gewesen war. War das alles so schlimm für sie gewesen? Hatte sie es so gehasst? Das, was ich immer haben wollte, wurde für sie zur unerträglichen Last. Ich verstand es kaum.

‚Deshalb die schwarzen Haare?’

‚Ja, deshalb die schwarzen Haare! Ich wollte nicht mehr das perfekte Aussehen haben um das mich jeder benied. Ich wollte nicht mehr jedermann kleiner Engel sein und ich wollte nicht mehr von der Liebe meiner Eltern abhängig sein. Sollten sie sich doch streiten. Ich wollte etwas eigenes haben, etwas an das keiner rankam und etwas was mich endlich vom gewöhnlichen abhob!’

‚Du warst nie gewöhnlich!’

‚Ich war es immer! Ich bin es noch! Dank dir! Denn du konntest mir ja nie etwas lassen! Alles musstest du mir nachmachen! Hättest du doch meine Rolle des Engels übernommen, als ich mich entschied ihnen nicht mehr das perfekte Spielzeug zu sein! Es wäre mir gleichgültig gewesen! Warum nahmst du mir das, was mich besonders machen sollte? Warum liest du mich nicht allein? Warum??? Du hast keine Vorstellung wie ich dich dafür gehasst habe! Wie ich dich noch immer dafür hasse! Musstest mir mein Leben nehmen, nur weil dir dein eigenes nicht gut genug war! Und selbst jetzt tust du es noch! Jetzt willst du mir Sasha nehmen! Der einzige der mich je so liebte wie ich wirklich bin! Und nicht den kleinen blonden Engel mit den Einsen und den tollen reichen Eltern! Verschwinde endlich! Lass mich einmal in Ruhe! Ich will dich nie wieder sehen! NIE –WIEDER!’

Eh ich etwas sagen konnte war sie weggerannt und mein Blick zu Sasha, sah ein fassungsloses Gesicht, in dem man lesen konnte, das er jetzt verstand was los war. Und dann rannte er ihr hinterher. Ich hörte ihre schnellen Schritte noch hinter der Ecke. Bis sie immer weiter weg waren und immer leiser auf dem dreckigen Asphalt der Stadt. Irgendwann war es still. Kein Geräusch mehr. Ich war allein. Wieder allein. Weil ich die einzigste Freundin verloren hatte. Schon vor langer Zeit. Weil ich einfach zu blind war um zu sehen, das es ihr nicht so gut ging wie ich dachte. Und das ich daran Schuld war. Ich, ihre Freundin, hatte sie dahin getrieben mich zu hassen. Und ich war nicht mal klug genug um es zu verstehen. Stattdessen hatte ich den Spieß nur umgedreht und mich als betrogene und verlassene Freundin hingestellt um mir einen Grund zum Neid zu schaffen und sie hassen zu dürfen.

~

Heute wohne ich in einer anderen Stadt, habe einen Mann denn ich liebe und zwei kleine Kinder. Die Erinnerung an Faith fällt mir schwer, weil sie mich auch an meine Vergangenheit erinnert. An vergeudete Zeit, in der ich geliebte Menschen zutiefst verletzt habe und die ich immer noch aufarbeite.

Ich sah Faith nur einmal in meinem Leben wieder. Es war ein Zufall. Ich und mein damals noch Verlobter, holten am Flughafen Bekannte ab und da lief sie mit einer anderen Frau an uns vorbei. Ich erkannte sie sofort. Ihre Haare waren wieder blond, doch ihr Gesicht war schön wie Jäh. Mir stockte den Moment der Atem und ein Körper erstarrte. Sie sah mich allerdings nicht und schließlich verlor ich sie in der Menge aus den Augen.

Sie war weg. Sie ist es noch. Sie wird es immer bleiben.

Und mein Leben geht doch weiter.

*

 

~*~*~

So, dass war jetzt auch das letzte Kapitel!

Ich hoffe es hat euch gefallen!

*Kndl*

Jade!

 

~zurück~



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