Diejenigen, die vielleicht in Finchley, dem möchtegern-noblen Vorort von London wohnen, haben Busted wohl schon kennengelernt. Ja, es sind diese drei jungen Burschen, die im März unten in der Straße eingezogen sind! Genau die, die für die Rund-um-die-Uhr-Partys verantwortlich sind; für die entfernten, dumpfen Schläge laut aufgerissener Musik; für den milden Duft nicht abgewaschenen Geschirrs, der leicht durch die Frühlingsluft schwebt... Diejenigen, die Charlie, Mattie und James allerdings noch nicht kennen, sollten tunlichst ihre Hüte festhalten: Denn Busted sind jetzt am Start, die Charts zu sprengen - mit ihrem ganz eigenen, mitreißenden, gnadenlosen und von Gitarren getriebenen Pop. Angereichert mit knackigen Zutaten à la Blink 182 und einer würzigen Beimischung überzeugenden Pop-Intellekts im Sinne von Max Martin. Dazu die großartigsten Haarschnitte, seit Kelis kürzlich mit Lily Savage zum Essen ging...Aber vielleicht ist es doch besser, erstmal ein paar einleitende, erklärende Worte zu verlieren. Also, zunächst wäre da einmal James Bourne - ein 18-Jähriger aus Southend-On-Sea, der zusammen mit zwei Brüdern und einer Schwester aufgewachsen ist. Ein hübscher Bengel mit feinen Gesichtszügen, von denen man sich allerdings nicht zu sehr täuschen lassen sollte. Denn wenn es darum geht, Party zu machen, dann kann sich James locker mit den Besten messen! Er ist ebenso eingefleischter Fan von *N'SYNC wie von Blink 182 und - fast furchteinflößend athletisch - verbringt er seine Freizeit damit zu surfen und Tennis oder Pool zu spielen. Sein großer Traum ist es, sich mit Michael Jackson irgendwo zusammen zu setzen und gemeinsam einen Song zu schreiben. Dann ist da dieser Junge aus Ipswich, Charlie Simpson, der jüngste dreier Brüder. Ausgestattet mit diesem unverschämt guten Aussehen eines Models, das man normalerweise nur auf den großen Plakatwänden der Werbung findet. Er hört am liebsten Sachen wie die Deftones und Jimmy Eat World. Charlie ist erst 16 Jahre alt und ist der Busted-Vorzeige-Schönling. Nur schemenhaft erinnert er sich daran, wegen Rauchens ge-"busted" worden zu sein. Die Folge: Jugendarrest... Wenn man den etwas härteren Burschen sucht, dann ist Mattie Jay die exakt richtige Adresse. Der 18-jährige Boy aus Kingston hat bereits mit einer Garage-Single ("Sunshine Lover", eine Gemeinschaftsarbeit mit Miles Slater auf Genius Crus Label) auf sich aufmerksam gemacht. Mattie, irgendwie schon ein "komischer Kauz", ist genau dieser Typ, von dem die Pop-Szene mehr gebrauchen könnte - frei nach der Devise: The Streets treffen auf Jamie Oliver treffen auf (ein bisschen) Johnny Rotten. Er kann schon gar nicht mehr genau sagen, wie oft er ge-"busted" wurde - einer Sache kann man sich aber sicher sein: Für jede Strafe, die er bekam, gibt's einen ganzen Katalog von Sachen, mit denen der besessene West Ham-Fan durchgekommen ist und die für immer unentdeckt bleiben werden.Wie sich die drei Freunde schließlich trafen, ist schnell erzählt: Mattie lernte James bei einem Gig in Southend kennen. Sie bemerkten sofort, wie gut sie zusammenpassen und entschlossen sich aus dem Stand, eine eigene Band zu gründen. Da der Dritte im Bunde fehlte, schalteten sie eine Anzeige in der Musikpresse. Hier kam dann also Charlie ins Spiel - er meldete sich auf die Anzeige und ist seitdem mit von der Partie. Sie schmierten sich ordentlich Gel in die Haare, hingen nur noch zusammen ab, schrieben unentwegt Songs, machten ihre ersten Aufnahmen..., und schließlich, im März 2002 unterschrieben sie ihren Deal mit Universal. Und Busted brennen darauf, jetzt endlich loszulegen, sie sind entschlossen und startbereit. So kann man nun erleben, was Busted wirklich sind - drei Jungs mit einem großartigen Gespür für einen Killer-Tune ausgestattet. Und damit erst gar keine Missverständnisse aufkommen - wer großartige Tracks sucht, Busted hat wahre Wagenladungen voll davon. Wer allerdings auf anderes Zeug steht, auf minimalistischen Krach oder so, der sollte sich einer Sache bewusst sein: Ignoriert diese Jungs ruhig, hört einfach nicht hin... Sie werden kommen und euch einfach platt walzen. Euch überrollen mit filigranen und durchdachten Träumereien und Fantasien, die direkt den quälenden, peinigenden Lenden dieser jungen Kerle entspringen... Das erste überzeugende Beispiel dafür liefert die Debüt-Single "What I Go To School For" - ein Song mit hinreißend-knarzigen Gitarren-Riffs und dynamischem Pop-Refrain, der diversen anderen Bands zeigt, was eine Harke ist... Dabei ist thematisch nicht gemeint, wie etwa die Zeugnisse ausgefallen sind, oder wie man das Fundament für seine gesellschaftliche Zukunft legt, oder welchen Reiz nachmittägliche Bastelkurse besitzen. Nein, hier geht es um Lehrer. Um genau zu sein, um eine einzige Lehrerin. Um Miss Mackenzie. "I fight my way to front of class, to get the best view of her ass / I drop a pencil on the floor, she bends down and shows me more". Alles klar? Nun, die drei Freunde sind grundsätzlich eigentlich eher zurückhaltend, wenn es darum geht, ihre persönlichen "Miss Mackenzies" mit echten Namen zu belegen - sie beharren darauf, dass sie eine Art Melange aller anderen "Lehrerinnen" (in welcher Beziehung auch immer) ist, die sie jemals getroffen haben. Na ja, Mattie schmeißt natürlich kurzerhand alles über den Haufen und schreit förmlich hinaus: "Es war Michelle! Wir duzten uns ... und dann... Ach, sie war einfach großartig!" "What I Go To School For" passt exakt zu Busteds Selbstverständnis. Sie präsentieren authentische Schnappschüsse direkt aus dem Leben - im Sound junger, fröhlicher, Gitarren-liebender Briten des Jahres 2002. "Manchmal hörst du dir nach einigen Monaten einen Song wieder an, den du geschrieben hast, und denkst nur: 'Was zum Teufel habe ich denn da gemacht?'", lacht James. "Bei vielen meiner alten Songs war ich noch nicht einmal im Stimmbruch! Und dann grübelst du: 'Verdammt, was ging mir damals bloß durch den Kopf?'" Was allerdings nicht bedeutet, dass den Jungs jetzt im Nachhinein irgendetwas peinlich wäre oder sie nicht mehr hinter ihren Songs stehen. Im Gegenteil: Hier ist kommt ein Album, das spezielle Momente, Gefühle, Erlebnisse und Träume eingefangen hat.Auch der Rest des Busted-Materials ist von dieser herausragenden Klasse gekennzeichnet. Sei es "Year 3000", in dem Busted 998 Jahre in die Zukunft springen ("...and your great great great granddaughter's pretty fine..."); oder "All The Way", das, wie Charlie erklärt, "über Mädchen erzählt, hinter denen du her bist." Oder aber "Losing You" ("eine Ballade, in der es darum geht, jemanden zu verlieren, deshalb der Titel..."), oder "Psycho Girl" ... na ja, der Titel erklärt sich wohl von selbst. Die Songs von Busted erzählen von Teenager-Traumata und den Ängsten Heranwachsender - so, als ob man "Hollyoaks", "Dawson's Creek" und "Dirty Dancing" durch den Wolf drehen und dann als dreieinhalb-Minuten Pop-Burger verfüttern würde. Reichhaltig, fettig und triefend - aber mit viel Witz, Stil und Charme bereitet und serviert... Sollte irgendwann die Busted-Story verfilmt werden - und da sind sich die Jungs sicher - wäre die Idealbesetzung: Jason Biggs (James), James Dean (Charlie) und Billy von den EastEnders (Matt). Eine durchaus stimmige Überlegung. Schmeißt man alles in einen Topf, das Land, die fröhliche Pubertät eines Biggs, die lässige Coolness eines James Dean und die freche, fröhlich-offene Verrücktheit eines Billy Mitchell, dann beschreibt das Resultat die Band Busted schon recht treffend. Wobei die Ambitionen der Band eigentlich recht einfach zu beschreiben sind: Busted wollen ihre Musik hinaus in die Welt tragen; ihre freche Auffassung davon, was und wie Pop sein soll, präsentieren und damit unterhalten - und einfach eine ganze Menge Spaß haben. Schon das erste Hören von "What I Go To School For" beweist mit Nachdruck, dass sie zweifelsohne den richtigen Weg eingeschlagen haben! Gibt es noch etwas, was sie der Welt mitteilen wollen? "Yeah", meldet sich Mattie zu Wort. Seine Bandkollegen verstummen erwartungsvoll. Rechnen damit, dass er das Busted-Selbstverständnis nochmal mit flammenden Worten über vertrackte, bissige, kultige Sound-Strukturen abrundet. Matt legt eine kurze Pause ein. Dann sagt er schlicht und ergreifend: "Übrigens, ich steh auf Meg Ryan..." Boys will be boys. Und im Fall von Busted will man es auch gar nicht anders haben... Und was die Charts angeht - die stehen gerade kurz davor, ge-"busted" zu werden! Hamburg, Juli 2002 |
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