Ein paar mildwarme Tage sind gewesen, da hat sich der Schnee gesetzt und man kann mit Fußleitern gehen, wohin man will. Es hat sich in dieser Zeit was zugetragen, drüben in den Karwässern. Der Bertold, dessen Familie von Jahr zu Jahr wächst und von Jahr zu Jahr weniger zu essen hat, ist ein Wilderer geworden. Das Holzen wirft viel zu wenig ab für eine Stube voll von Kindern. Für das kranke Weib eine kräftige Suppe, für die Kinder ein Stück Fleisch will er haben und schießt die Rehe nieder, die ihm des Weges kommen. Dazu tut die Leidenschaft das ihre, und so ist der Bertold, der vormaleinst als Hirt ein so guter, lustiger Busch gewesen, durch Armut, Trotz und Liebe zu den Seinigen recht sauber zum Wilddieb geworden. Einmal schon bin ich vor dem Förster bittend gelegen, dass er es dem armen Familienvater um Gotteswillen ein wenig, nur ein klein wenig nachsehen möge, er werde sich gewiss bessern und ich wolle mich für ihn zum Pfande stellen. Bis zu diesen Tagen hat er sich nicht gebessert; aber das Geschehnis dieser milden Wintertage hat ihn laut weinen gemacht; denn seine Waldlilie liebt er über alles. Ein trüber Winterabend ist es gewesen. Die Fensterchen sind mit Moos vermauert, draußen fallen frische Flocken auf alten Schnee. Bertold wartet bei den Kindern und bei der kranken Aga nur noch, bis das älteste Mädchen, die Lili, mit der Milch heimkehrt, die sie bei einem nachbarlichen Klausner im Hinterkar erbetteln muss. Denn die Ziegen im Hause sind geschlachtet und verzehrt, und kommt die Lili nur erst zurück, so will der Bertold mit dem Stutzen in den Wald hinauf. Bei solchem Wetter sind die Rehe nicht weit zu suchen. Aber es wird dunkel und die Lili kehrt nicht zurück. Der Schneefall wird dichter und schwerer, die nacht bricht herein und Lili kommt nicht. Die Kinder schreien schon nach der Milch, den Vater verlangt schon nach dem Wild, die Mutter richtet sich auf in ihrem Bette. „Lili!“ ruft sie, „Kind, wo trottest denn herum im stockfinsteren Wald? Geh heim!“ Wie kann die schwache Stimme de Kranken durch den wüsten Schneesturm das Ohr der Irrenden erreichen? Je finsterer und stürmischer die Nacht wird, desto tiefer sinkt in Bertold der Hang zum Wildern und desto höher steigt die Angst um seine Waldlilie. Es ist ein schwaches, zwölfjähriges Mädchen; es kennt zwar die Waldsteige und Abgründe; aber die Steige verdeckt der Schnee, den Abgrund die Finsternis. Endlich verlässt der Mann das Haus um sein Kind zu suchen. Stundenlang irrt und ruft er in der sturmbewegten Wildnis; der Wind bläst ihm Augen und Mund voll Schnee, seine ganze Kraft muss er anstrengen, um wieder zurück zur Hütte gelangen zu können. Und nun vergehen zwei Tage; der Schneefall hält an, die Hütte des Bertold wird fast verschneit. Sie trösten sich überlaut, die Lili werde wohl bei dem Klausner sein. Diese Hoffnung wird zunichte am dritten Tag, als der Bertold nach einem stundenlangen Ringen im verschneiten Gelände die Klaus zu erreichen vermag. Lili sei vor drei Tagen wohl bei dem Klausner gewesen und habe sich dann beizeiten mit dem Milchtopf auf den Heimweg gemacht. Am Abend desselben Tages haben sie die Waldlilie gefunden. Es ist ein sehr wunderbares Ereignis. Das Kind hat sich auf dem Rückweg in die Waldschlucht verirrt, und da es die Schneemassen nicht mehr hat überwinden können, sich zur Rast unter das trockene Dickicht verkrochen. Und da ist es nicht lange allein geblieben. Kaum ihm die Augen anheben zu sinken, kommt ein Rudel von Rehen an ihm zusammen, alte und junge, und sie schnuppern an dem Mädchen und sie blicken es mit milden Augen völlig verständig und mitleidig an und sie fürchten sich gar nicht vor diesem Menschenwesen und sie bleiben und lassen sich nieder und benagen die Bäumchen und belecken einander und sind ganz zahm; das Dickicht ist ihr Winterdaheim. Am andern Tage hat der Schnee alles eingehüllt. Waldlilie sitzt in der Finsternis, die nur durch einen Dämmerschein gemildert ist, und sie labt sich an der Milch, die sie den Ihren hat bringen wollen, und sie schmiegt sich an die guten Tiere, auf dass sie im Froste nicht ganz erstarre. So vergehen die bösen Stunden des Verlorenseins. Und da sich die Waldlilie schon hingelegt zum Sterben und in ihrer Einfalt die Tiere hat gebeten, dass sie getreulich bei ihr bleiben möchten in der letzten Sterbestunde, da fangen die Rehe jählings ganz seltsam zu schnuppern an und heben ihre Köpfe und spitzen die Ohren und in wilden Sätzen durchbrechen sie das Dickicht und mit gellendem Pfeifen stieben sie davon. Jetzt arbeiten sich die Männer durch Schnee und Gesträuche herein und sehen mit lautem Jubel das Mädchen. Peter Rosegger
„So liegt meine Waldlilie im Schnee begraben“, sagt der Bertold. Dann geht er zu anderen Holzern und bittet, wie diesen Mann kein Mensch noch so hat bitten gesehen, dass man komme und ihm das tote Kind suchen helfe.
Abseits in einer Waldschlucht, im finsteren, wildverflochtenen Dickichte junger Fichten und Gezirme, durch das keine Schneeflocke vermag zu dringen und über dem die Schneelasten sich wölben und staunen, dass das junge Gestämme darunter ächzt, in diesem Dickichte, auf den dürren Fichtennadeln des Bodens, inmitten einer Rehfamilie von sechs Köpfen ist die liebliche, blasse Waldlilie gesessen.
So hat es sich zugetragen. Und wie der Bertold gehört, die Tiere des Waldes hätten sein Kind gerettet, das es nicht erfroren, da schreit er wie närrisch: „Nimmermehr! Mein Lebtag nimmermehr!“ Und seinen Kugelstutzen, mit dem er seit manchem Jahr Tiere des Waldes getötet, hat er an einem Stein zerschmettert.