Der Ulmer Spatz

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So ein Spatz kann manches, was wir Menschen nochnicht können. Das muß wahr sein und die lieben Ulmer haben diese Tatsache schon vor vielen hundert Jahren einmal herausbekommen. Dabei ist es aber so zugegangen. Vor Zeiten, als man in ULm zu Ehren des lieben Gottes ein Münster bauen wollte, da sandte der Rat der Stadt viele Holzhacker au. Die mußten hingehen in den albecker Wald, mußten Eichen fällen und sie zurichten zu Balken, auf daß man baue das Haus des Herrn. Und die Holzhacker gingen hin und taten, was ihnen befohlen war. Eines Tages führten sie dann den ersten Balken zur Stadt hinab. Sie hatten ihn aber quer auf den Wagen geladen, so daß er auf beiden Seiten weit über den Wagen hinasu und in den Weg hineinragte. so kam das Fuhrwerk an das Tor am Gaisberg und, o weh, hier wollte nun der Wagen nicht durch das Tor gehen, weil der Balken hüben und drüben an die Mauer stieß. Als sich der Fuhrmann gar nimmer zu helfen wußte, da ließ er sein Fuhrwerk stehen, wie es stand, und lief spornstreichs aufs Rathaus, wo zum Glück gerade der Rat versammelt war. Und die Herren stunden alle eilends auf und liefen mit dem Fuhrmann nach dem Tor am Gaisberg. Sie besahen sich die Sachen von vorn und von hinten und von allen Seiten und hatten viel Sorge. Aber sie fanden keinen rat und keinen Weg, bis endlich einer sagte: "Ich schätz', da ist bald geholfen; der Balken ist eben zu lang und wir müssen ihn halt absägen." Da sprach aber Herr von Besserer, welcher zu dieser Zeit Ulmer Bürgermeister war: "Absägen? Wo denkt Ihr hin? Da würde der Balken ja für das Münster zu kurz." "Ja so!" gab der andere zu und schlug sich an den Kopf, "an das habe ich nicht gedaht." Und die andern Ratsherrn sagten: "'s währle wahr, da würde er zu kurz." Und wer ncihts agte, der nickte, also daß man es gleich sah, daß die Ratsherren in diesem Stück alle einig seien: abgesägt darf der Balken nicht werden. Nachdem sie sich wider eine Weile besonnen hatten, sagte ein Ratsherr: "Diesmal bleibt uns, meiner Seel, nicht übrig, als das Tor zu erweitern." Auf dies hin nickten wieder alle vom Rat und sagten nichts, bis auf einen, welcher meinte: "Wenn wir das Tor erweitern, dann fällt ja der Turm ein!" "Halt!" rief auf dies hin der Bürgermeister, "das darf nicht vorkommen. Da würde die Bürgerschaft nicht übel schelten. Aber ich weiß einen andern Rat. Wir lassen den Torturm einfach durch Maurer abtragen, dan kann er nicht einfallen. Hernach erweitern wir das Tor und dann fahren wir mit dem Balken in die Stadt hinein, richten ihn auf und bauen das Münster. Holet also fürs erste Maurer herbei!" Und etliche vom Rat gingen, die Maurer zu holen.

Indes die andern nun am Gaistor warteten, sah einer wehmütig an dem schönen Turm hinauf, der nun abgetragen werden sollte, und bemerkte zufällig unterm Torbogen ein ärmliches kleines Nest. Und wie er so hinsah, flog ein Spätzlein herzu, das trug einen ellenlangen Strohhalm im Schnabel. Es wollte damit sein kleines Haus bessern. Das Spätzlein trug den Strohhalm aber der Länge nach, nicht der Breite nach durch den Torbogen. Da stupfte der Ratsherr, der alles beobachtet hatte, seinen Nebenmann und dieser stupfte den seinigen und so fort bis zum Bürgermeister und alle sahen nun dem Spätzlein zu. "Sapperlot!" rief da auf einmal der Bürgermeister aus und patzschte in die Hände, "jetzt hab' ich etwas gelernt. So muß es gehen! Der Nase nach, nicht quer hinein!" Und sie drehten hnun eilends den Balken, also daß er hinten zum Wagen hinaussah. Dann riefen sie hist! und wollten gerne sehen, wie es ginge. Die Gäule zogen an und siehe da, das Fuhrwerk kam glücklich mitsamt dem Balken durchs Tor und hinterdrein jubenlen die Ulmer Ratsherren und sagten: "Das haben wir einmal fein fertig gebracht!" Und als sie dann den Maurern begegneten, die eben ans Tor eilen wollten, hießen sie die wieder umkehren. So blieb das Gaisbergtor stehen und auch der Turm wurde nicht abgetragen.

In der nächsten Ratssitzug aber erhob sich der Bürgermeister und hielt zu Ehren des rettendes Vogels eie ergreifende Rede. Und dieweil die Ulmer zu allen Zeiten dankbaren Gemüts waren und noch sind, so ließen sie den Spatzen i Stein aushauen und hernach stellten sie ihn, den Strohhalm im Schnabel, auf das Münsterdach, wo er noch heue zu sehen ist. Seit der Zeit aber, da die Geschichte mit dem Balken passiert ist, müssen sich die Ulmer "die Spatzen" heißen lassen bis auf den heutigen Tag.

C. Schnerring

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