Christine M. (21) aus Sillenbuch ist Katzenliebhaberin. Dass ihre beiden Streicheltiere einmal den Weg alles Lebendigen gehen werden, ist ihr klar. Wohin sie sie dann bringen soll, darüber hat sich Christine M. "noch keine Gedanken gemacht." Die Vorstellung, sie laut Vorschrift zu einer zentralen Stuttgarter Sammelstelle für Tierkadaver schaffen zu müssen, macht ihr jedoch zu schaffen. Ein Grab wäre die weitaus bessere Alternative.
Grabsteine, Blumen, zu Allerheiligen Grablämpchen - der Friedhof für verstorbene Zwei- und Vierbeiner in Hedelfingen, unweit der Markungsgrenze zu Heumaden, ähnelt der letzten Ruhestätte für Menschen sehr.
Hier gepflegt, dort von Gras überwuchert, so nimmt der Wanderer aus Sillenbuch, Riedenberg und Heumaden im Katzenbachtal die Grabstellen wahr, wenn er durch den Drahtgitterzaun späht. Es ist halt wie im richtigen Leben. Nur den Schlüssel für's Eingangstor, den bekommt nicht jeder, der ihn begehrt. Denn Ilse Mammoser, Leiterin des Landesverbandes des "Bundes gegen den Missbrauch der Tiere e.V." hat "nur Probleme" mit dem in Stuttgart einzigen Platz für Tierbestattungen.
Erst nach einem jahrelangen Rechtsstreit mit der Stadt, der bis vor dem Verwaltungsgerichtshof ausgetragen wurde, konnte der Hedelfinger "Hundefriedhof" eingerichtet werden. Bis zum heutigen Tag (und oft bis in die Nacht) rufen oft ziemlich verzweifelte Menschen, die von der Existenz des Hedelfinger Platzes wissen, auch aus dem Ausland an und wollen unbedingt ein Grab für ihren Waldi.
Hunde, Katzen, Wellensittiche, Kaninchen - sie alle ruhen auf dem privaten "Hundefriedhof", der deshalb so genannt wird, weil in der überwiegenden Zahl der 400 Grabstellen Hunde zur letzten Ruhe gebettet wurden. Und alle 400 Grabstellen werden ausschliesslich an Mitglieder des Vereines "Bund gegen den Missbrauch der Tiere" vergeben. Manche Gräber bleiben 5, manche 10 Jahre bestehen. Das sei "sehr unterschiedlich", sagt Ilse Mammoser, die sich am liebsten zum Thema Hundefriedhof nicht mehr öffentlich äussern will.
Dabei ist das Thema Tierbestattung auch ausserhalb von Stuttgart hochbrisant. Denn immer mehr Tierfreunde wollen sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass ihre tierischen Begleiter nach dem Ableben an die städtische Sammelstelle gebracht werden müssen. Dort wandern sie in eine Mulde, die mit einem Deckel verschlossen wird. Nur, wer einen Waldi oder eine Susi als Weggefährten hat, kann ermessen, was das bedeutet. Die städtische Sammelstelle ist zwar kostengünstig und hygienisch, da sie mehrfach in der Woche mit Dampfstrahl gereinigt wird. Doch die Vorstellung, dass "Susi" oder "Waldi" zu Fleischknochenmehl für die Hühner- oder Schweinefütterung zerkocht werden sollen, raubt vielen Herrchen oder Frauchen den Schlaf.
Deshalb pachten sie nach Möglichkeit eine Grabstelle, ehe ihr Liebling das Zeitliche gesegnet hat. Oder sie fragen nach einem Tierkrematorium. Doch das ist in Stuttgart kein Thema. Das heimliche "Beerdigen" im hauseigenen Garten ist zudem verboten.
In München zum Beispiel betreibt der dortige Tierschutzverein ein Krematorium in der Nähe des alten Flughafengeländes in Riem, das einzige in der ganzen Bundesrepublik. Wer sich von seinem treuen Freund nicht trennen kann, geht dahin, lässt das Tier verbrennen, die Asche in eine Urne füllen und nimmt sie mit nach Hause. Das Krematorium in München liegt relativ weit von der Wohnstadt entfernt, und Verbrennungsgegner mit dem Argument der Luftverschmutzung hatten bisher keine Chance. In Zeiten der wirtschaftlichen Rezession stellt sich eher die Frage, ob es sich die Stadt München leisten kann, wie bisher mehr als hunderttausend Mark für die Tierkörperbeseitigung auszugeben.
In Stuttgart ist der Bau eines Krematoriums kein Thema. Und wenn es kein Krematorium gibt, bleibt das Thema Friedhof aktuell. Doch aus Gründen des Grundwasserschutzes würde die Stadt Stuttgart einer Vergrösserung des Hedelfinger Hundefriedhofes nie zustimmen, ist aus dem Amt für Öffentliche Ordnung zu hören. Doch der Druck der Tierhalter, Gedenkstätten zu installieren, wird stärker. Nicht nur in Stuttgart und Umgebung. Etwa 20 Tierfriedhöfe gibt es bundesweit. So wissen auch die Krefelder Tierfreunde, wohin sie ihre Liebsten bringen können, wenn sie den letzten Schnaufer getan haben. 700 Gräber stehen zur Verfügung. 1200 Grabstellen sind es in Karlsruhe, 1.000 in Berlin. "Bei uns kommt aber niemand im schwarzen Anzug mit dem Gebetbuch in der Hand anmarschiert", sagt Carola Ruff vom Tierschutzverein Berlin.
Selbst Weihrauch über dem Grab ist auch dort selten zu finden, wo katholische Seelsorger Tiersegnungen vornehmen. Die Tiere werden in der Regel in Jute oder Leinentücher gewickelt oder aber in einem stabilen Pappkarton auf die letzte Reise geschickt. Der Tierfriedhof Hamburg-Norderstedt bietet sogar Sperrholzkisten an. Ist das Grab dann zugeschaufelt und die Rechnung über 130 bis 600 Mark Bestattungskosten bezahlt, bleiben etwaige Zeremonien dem Tierbesitzer überlassen. Sei es nun ein Kauknochen, der den Weg in den Hundehimmel mitgeht oder der einst heissgeliebte Gummiball.
Gerade ältere Menschen oder kinderlose Ehepaare suchen das Grab ihres verstorbenen Lieblings häufig auf. Selbst dann noch, wenn sie sich für einen lebenden Nachfolger entschieden haben. Es ist, als wollten sie dem Nachfolger sagen: "Sieh, auch du kommst eines Tages hierher. Und dann werden wir dich auch so oft besuchen." Pfarrer Wörner, Seelsorger der Gemeinde Alt-Heumaden und als solcher am nächsten am Hedelfinger Hundefriedhof im Katzenbachtal, hat "ganz grosses Verständnis" für den Wunsch, einen verstorbenen Liebling nicht einfach zur Tierkadaverstelle am Löwentor zu bringen. "Die Menschen haben mit dem Tier gelebt, und sie sagen, es war doch schön mit dem Bello, er war ein guter Kerle." Wörner hat zwar selbst keinen Hund, ist aber "mit Nachbars Hund aufgewachsen" und hat ihm so manchen Kinderkummer anvertraut. Auch theologisch sieht Pfarrer Wörner keine Bedenken gegenüber Hunde-Beerdigung und Katzengrab. Selbst in der Bibel (1. Buch Mose) sei im Schöpfungsbericht darauf hingewiesen, dass Mensch und Landtiere an einem Tag, dem sechsten, erschaffen wurden. Warum also, so der Pfarrer, soll ein Mensch nicht den Wunsch haben, an eine Stelle gehen zu dürfen, wo er intensiv an seinen langjährigen Begleiter denken kann ?
Brigitte Jähnigen
Der Beitrag ist erschienen in der "Sillenbucher Rundschau" Woche 35/1993 und wurde (weil immer noch aktuell) am 04. Februar 2001 in diese SILLFORUM-Website eingestellt.