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Man hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass zeitgenössische elektronische Musik aus dem Computer kommt. Dies war nicht immer so und muss auch heute nicht zwangsläufig so sein. Alle elektronischen Instrumente haben auch Audio-Ausgänge, mit denen man sie mit analogen Mischpulten verbinden und in Echtzeit - gewissermaßen Spur für Spur "live" - aufnehmen kann. Auf diese Weise lassen sich elektronische Instrumente genauso "authentisch" spielen wie herkömmliche akustische oder elektrisch verstärkte. Neu ist an vielen modernen elektronischen Instrumenten allerdings, dass sie bisweilen gar nicht mehr "elektronisch" klingen, sondern sehr überzeugende natürliche Grundsounds liefern - z. B. Saxophon, Klavier, Hammondorgel, Schlagzeug -, die dann ihrerseits elektronisch und elektroakustisch verändert und verfremdet werden können. Neu ist weiterhin, dass elektronische Instrumente nicht mehr ausschließlich über Keyboard-Tastaturen bedient werden müssen. Nahezu jedes herkömmliche Instrument kann, mit einem entsprechenden Tonabnehmer versehen, das Eingangsignal für einen Synthesizer liefern. Mit Frank Gingeleits "Nightmares & Escapades" liegt eine CD mit moderner elektronischer Musik vor, die völlig auf Loops, Samples und Computerbearbeitung verzichtet: Gitarre, Gitarrensythesizer, Effekte, analoges Mischpult mit digitaler Aufzeichnung - und sonst nichts. Thematisch geht es bei dem Debut um kleine Fluchten vor den eigenen Albträumen ("Nightmares & Escapades"), die ins Himalaya ("Everest! - And Then?"), in den Dschungel ("Going Native"), die abstrakte Geometrie ("Abstract Jazz", "Fractals") aber auch in den Weltraum führen können - am Ende gibts eine Art "Space-Corner" mit einem surrealen "Werbejingle" für Weltraum-Tourismus ("Go Space, Young Man"), nahezu "rappenden" Außerirdischen ("X-Tra-Terrestial Language Studies") und einer Mischung aus Industrial und Space Noise ("The Industrialization of Mars"). Die musikalische Basis ist zugänglicher Ambience und Rock mit experimentellen und avantgardistischen Elementen. Die Kompositionen sind streng und frei zugleich. Die Strenge zeigt sich zunächst in der klaren harmonischen Struktur. Auch scheinbare Disharmonien oder Soundeffekte erweisen sich beim genauen Hinhören als enharmonisch und komponiert. Selbst Windgeräusche und die Percussion sind in den jeweiligen Tonarten "gestimmt". Einige Stücke folgen der klassische Sonatensatzform mit mehreren Themen, klaren Durchführungen und ausgestalteten Schluß-sequenzen. In anderen kaschiert nur die ungewöhliche Instrumentierung spätromantische und neoklassische Figuren. Die Freiheiten liegen in der Instrumentierung und Colorierung. Die Synthesizer-Sounds in Verbindung mit rockigen und jazzigen Gitarrenklängen sind in der Mischung bisweilen kaum auseinanderzuhalten. Zusammen erzeugen sie beispielsweise klavierähnliche oder orchestrale Färbungen, ohne dass ein Syn-Klavier oder künstliche Streicher im Spiel wären. Zur strukturellen Freiheit gehört auch das unangestrengten Fließen selbst anstrengender Klangmuster und durchkomponierter Passagen. Andere Stücke zitieren Jazzelemente. In "Fractals" könnte man meinen, dass jeden Moment ein jazziges Gitarrensolo beginnen müsste, das aber immer nur in einzelnen Tönen angedeutet wird. Wieder andere Stücke erfordern eine quasi-kompositorische assoziative Eigenleistung des Hörers, beispielsweise um im Schlussstück "The Industrialization of Mars" das moderne Äquivalent eines Working Man's Blues zu erkennen. Das Zusammensetzen der gespielten Noten und verwendeten Effekte durch den Hörer ist insgesamt ein konstitutives Element der Musik. Darin geht "Nightmares & Escapades" deutlich weiter als andere moderne elektronische Kompositionen, die den "akustischen Tastsinn" des Hörers zur emotionalen Fertigstellung der kompositorischen "Texturen" einfordern. Und darin liegt auch das Risiko - oder, wenn man so will, die vom Komponisten in Kauf genommene "Schwachstelle" - der CD: Sie wird von jedem Hörer anders wahrgenommen, wobei sich als Hörerlebnis die gesamte Bandbreite vom akustischen Hochgenuss über mehr oder weniger belangvolle Hintergrundgeräusche bis hin zum disharmonischen Durcheinander einstellen kann. Gingeleits Musik füllt weder intellektuelle noch emotionale Leerstellen, sondern erzeugt je nach Dispostion und Hörerfahrung den Eindruck von Fülle oder Leere, lässt vielschichtige Bilder entstehen oder hinterlässt ein Gefühl von Beliebigkeit und Langeweile. Eine ernsthafte Empfehlung sich die CD zuzulegen, kann daher nur denjenigen gegeben werden, die mit Musik das gleiche Risiko eingehen, das bei anspruchsvoller Literatur gelegentlich entsteht: man kann daran scheitern. In diesem Sinne ist "Nightmares & Escapades" auch keine Unterhaltungsmusik. In ihrem Gestus knüpft die CD an die frühen Siebziger Jahre an, in denen es ein kleines Zeitfenster gab, in dem eine Musik entstanden ist, die auf etwas ganz anderes verwies als das, was später zum bis heute vorherrschenden Mainstream der Popularmusik wurde. Es geht Gingeleit in "Nightmares & Escapades" darum, existenzielle Themen jenseits fixierter Genres künstlerisch zu bearbeiten, auch mit der möglichen Konsequenz, dies nicht in der Wahrnehmung aller Hörer einlösen zu können. Weiter zu Hörbeispielen Weiter zu Rezensionen Zurück zur "Nightmares & Escapdes" Startseite Zurück zu Musik
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