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  Living Tunes LT 125.602 - 2003

„Uuuups, die ist ja ganz anders als ‚Nightmares & Escapades’“, war die Reaktion eines der ersten Hörer von Frank Gingeleits neuer CD „Megalopolis“. Sein Debut hatte noch viele Hörer verwirrt, wenn nicht vor den Kopf gestoßen oder sogar in ihren Überzeugungen erschüttert, was denn überhaupt Musik sei oder sein dürfe. Begeisterung gab es natürlich auch, und einige Kritiker haben die Brillianz und die bilderzeugende Kraft der Musik gelobt. „Megalopolis”, die zweite CD, geht scheinbar einen völlig anderen Weg: Heiter beschwingte - nahezu „konventionelle” - Synthesizerklänge eröffnen die CD („Planets’ Spring Dance”), die später von elektronischen Geräusch-Rhythmen und getragenen „Melodien” gefolgt werden („Chinese Cosmology”), Lautmalereien, die Satellitenbilder vom Überflug eines Kontinents begleiten könnten („Terra Australis”), oder die Autofahrt durch eine nie enden wollende Großstadt („Megalopolis”). Es schließen sich zwei Stücke an, die eher Seelenzustände zu beschreiben versuchen („Bad State of Mind”, „Adjust Your Clock”), denen eine Art symphonische Dichtung folgt, die der Hörer wahlweise „wie gespielt” wahrnehmen oder in die Instrumentierung eines Orchesters „übersetzen” kann („Sacred Mountains Serenade”).

Die größere Zugänglichkeit gegenüber „Nightmares & Escapades” entsteht durch die ausschließliche Verwendung eines sogenannten virtuell analogen Synthesizers, dessen Klangspektrum von den klassischen Elektronik-Klängen der Siebziger bis zu den voluminösen Dance-Sounds der neuesten Zeit reicht. Diese werden auf „Megalopolis“ zwar nie so verwendet wie von den Sound-Designern des Instruments beabsichtigt, leugnen aber gleichfalls nicht ihre Bezogenheit auf die Formensprache des Elektronik-Genres, in das sie sich - im Gegensatz zu den vielen „unerhörten”, weil nie zuvor so gehörten Sounds von „Nightmares & Escapades” - nicht allzu schwer einordnen lassen. Bis auf die eher unbeabsichtige Gefälligkeit des Openers - die dennoch nicht auf dem Altar des partout Nicht-Kommerziellen geopfert werden sollte, denn das Stück ist auf unprätentiöse Weise einfach „schön” und daher auf der CD geblieben - ist auch „Megalopolis” in ihrer Gesamtheit eher dem experimentellen und avantgardistischen Bereich des Genres zuzurechnen.

Auch bei Gingeleits neuer CD ist zu erwarten, dass sie von den Hörern unterschiedlich wahrgenommen wird - als Filmmusik ohne Film von den einen, als starke innere Bilder erzeugend von den anderen. Die Musik von Klaus Schulze und Tangerine Dream liegt als Bezugspunkt nahe, aber sie wird weder kopiert noch nachgeahmt. „Megalopolis“ bietet eigenständige Musik für Erwachsene, deren Bewusstsein längst „erweitert“ ist - und für deren Kinder. Der Kommentar eines Dreijährigen (übrigens der Sohn des eingangs erwähnten Hörers), der in einem der Stücke „Zwerge“ gehört hat, ist in dieser Hinsicht sehr ermutigend... Frank Gingeleit versteht seine Musik als Auseinandersetzung, ähnlich wie es bildende Künstler für Farbe und Licht und Schriftsteller für Texte beschreiben. Ein Teil dieser Auseinandersetzungen bezieht sich auf die Reaktionen der Hörerinnen und Hörer, insbesondere derer, die ihrerseits das Musikhören auch als Auseinandersetzung mit tonalem Material begreifen. "Megalopolis" ist teilweise ein Gegenentwurf zu "Nightmares & Escapades", teilweise eine Weiterentwicklung und teilweise das Beschreiten eines neuen Weges. Gleichwohl entfernt von "harmlosem Wohlklang" stellt "Megalopolis" eine bewusste Brücke zu Bekannterem und Nachvollziehbarerem dar.

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