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Einleitung  

Wie soll man heutzutage einen neuen Künstler vorstellen? Das Internet ist voller Namen von Leuten, die die Vorzüge computergestützen Homerecordings und von mp3 als bequeme Methode zum Verbreiten ihrer Musik im Welt-Weiten-Web entdeckt haben. Bei Frank Gingeleit ist das ein bisschen anders. Er war bereits jenseits der Vierzig, als er mit dem Musikmachen begonnen hatte, und natürlich gab es eine Phase heimwerkerischer Amateurhaftigkeit in seiner Karriere, als er sich eine Gitarre in Erle Natur zugelegt hatte, die zur Esssituation in seinem Wohnzimmer passte... Als nächstes kamen ein Vier-Spur-Cassettenrecorder, eine Bassgitarre und ein einfacher Drumcomputer (drauf los rockend mit Breaks in jedem zwölften Takt...). Aber das war Geschichte, als er im Juli 2002 seine erste CD „Nightmares & Escapades“ herausgebracht hat. Tatsächlich als intelligenter Witz gemeint - ein Danke Schön an jemanden, der ihm eine avantgardistische Untergrund-CD geschenkt hatte - stellte sich schnell heraus, dass „Nightmares & Escapades“ von Kennern der elektronischen und Avantgarde-Musik weltweit geschätzt und teilweise begeistert aufgenommen wurde. Da jeder scheinbar Schubladen braucht, in die Musik einsortiert werden kann, waren die ersten Namen, mit denen Frank Gingeleits Musik in Verbindung gebracht wurde, Brian Eno, Fred Frith, Robert Fripp, Manuel Göttsching, Klaus Schulze... ein paar mehr kamen bei seiner zweiten CD „Megalopolis“ hinzu, und noch mal mehr beim Erscheinen seiner dritten, „Toy Island“, was die Liste der Namen um Tangerine Dream, Kraftwerk, Neu!, Vangelis, Jean-Michel Jarre verlängert hat...

Glauben Sie mir - und ich bin es, Frank Gingeleit, der das sagt -, dass all diese Namen einerseits ein bisschen richtig und andererseits ein bisschen falsch sind. Je mehr ich die Musik dieser Leute heute höre, desto mehr bewundere ich ihre Musik zu ihrer Zeit, und desto weniger mag ich die Vergleiche mit meiner Musik. Um ein Beispiel zu geben: Nahezu jeder oberhalb eines bestimmten Altern brachte meine Musik auf „Megalopolis“ mit der mittleren Periode von Tangerine Dream in Verbindung, namentlich mit ihren Alben „Ricochet“, „Rubycon“ und „Stratosfear“. Weil ich diese Platten nicht kannte, als ich „Megalopolis“ aufgenommen habe (meine Kenntnis von Tangerine Dream hatte mit der „Reise durch ein brennendes Gehirn“ geendet), bin ich auf einen Flohmarkt gegangen um sie zu kaufen. Weder „enttäuscht“ noch „aufgebracht“ ist das richtige Wort, um mein Hörerlebnis zu beschreiben - diese Musik hat mit meiner einfach nichts zu tun - weder klanglich, noch in der Intrumentierung, dem harmonischen Gerüst oder den kompositorischen Strukturen, selbst die Synthesizer-Sequenzer sind völlig anders eingesetzt. Aber andererseits: All die Leute, die diese Musik mit meiner in Verbindung gebracht haben, können nicht völlig falsch liegen - also lag es bei mir, so etwas wie eine Antwort zu finden.

Zunächst bin ich sicher, dass diese Hörer die genannten Platten nicht noch einmal aufgelegt, sondern aus ihrer Erinnerung geurteilt haben. Und, dies vorausgesetzt, funktioniert der Vergleich: Nicht nur Tangerine Dream, sondern fast alle der oben genannten Musiker haben ein gemeinsames Thema in ihrer Musik: Suche (im Sinne der „quest“ in der angelsächsischen Literatur)! Es ist offensichtlich, dass es bei den meisten von ihnen nicht klar war, was auf den Platten sein würde, als sie das Studio betreten haben (oder die Bühne bei Live-Aufnahmen). Und in den meisten Fällen gibt es ein gemeinsames Kompositionsprinzip: die assoziative Methode und der Bewusstseinsstrom als Richtschnur der Musik, eher als aufgeschriebene Noten. So zu arbeiten war die Methode der „Progressiven Musik“ der Siebziger des letzten Jahrhundert, nicht nur im Bereich der elektronischen Musik sondern auch im Jazz und Rock (und es war eine Zeit, in der Musik noch nicht in so viele Kategorien zersplittert war). Wenn ich mit dieser Hypothese richtig liege, ist es offensichtlich, warum so viele Leute eine Verbindung zwischen meiner Musik und den Elektronika der Siebziger herstellen, obwohl diese Ähnlichkeit sofort verschwindet, wenn man sich die alten Stücke erneut anhört. Und dies könnte auch erklären, warum so viele jüngere Hörer meine Musik als etwas völlig Neues und innerhalb des Elektronik-Genres Einzigartiges beschreiben. Ich denke, dass beide Recht haben, und obwohl der Brückenschlag zwischen den Generationen nicht mein Hauptziel war als ich mich entschlossen habe, meine Musik zu veröffentlichen, bin ich doch recht stolz darauf... Um zum Ende dieser Einleitung zu kommen: Frank Gingeleits Musik liegt nicht die Absicht zu Grunde, der elektronischen Musik der Siebziger nachzufolgen (insbesondere nicht der „Kosmischen Musik“, die damals in Berlin und anderenorts in Deutschland gespielt wurde), aber sie will das Element der geistigen Offenheit jener Zeit bewahren und sie in dieses „Neue Millenium“ hinüber tragen. Wie ein Rezensent es ausgedrückt hat: „Frank doesn’t try to sound like anyone else, creating his own unique music“ („Frank versucht nicht wie irgendjemand anderes zu klingen, sondern erschafft seine eigene einzigartige Musik“). Und diese Haltung - eher als das Klangmaterial - ist es, was Frank mit seinen „Vorfahren“ aus den Siebzigern teilt...

Biografie

Frank Gingeleit, Jahrgang 1956, aufgewachsen in Mannheim, wo er seit 1999 wieder lebt (aus beruflichen Gründen hat er inzwischen einen Zweitwohnsitz in Schwerin). Studium der Allgemeinen Sprachwissenschaft, Volkskunde und Publizistik in Mainz. Forschungs- und Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten, von 1996 bis Mitte 2004 hauptberuflich Journalist für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. 1998 Spontankauf einer elektrischen Gitarre; kurz danach Home Recording als systematisch betriebenes Hobby, hin und wieder private Cassetten- und CD-Zuammenstellungen - vorwiegend Blues, Rock, Funk und Ambience - unter dem Band-Pseudonym "Living Room". Seit dieser Zeit gelegentliche musikjournalistische Arbeiten mit dem Schwerpunkt Deutschrock der Siebziger, überwiegend für das US-Internet-Magazin "Aural Innovations". "Nightmares & Escapes" war seine erste CD unter eigenem Namen und wurde von ihm in der Tradition des Cassetten-Undergrounds der achtziger und neunziger Jahre gesehen: Musik-, Geräusch- und Sprachaufzeichnungen jenseits kommerzieller Verwertungsabsichten - experimentell, avantgardistisch, eigenwillig und bisweilen ein wenig schräg. Nachdem er gemerkt hatte, dass seine Musik von einigen Hörern weltweit geschätzt wird, machte er mit dem Aufnehmen und Veröffentlichen von Musik weiter, wobei er verschiedene Ausdrucksformen im Bereich der elektronischen und semi-elektronischen Musik erforscht und ausprobiert.

Hier klicken, um ein ausführliches Interview mit Frank Gingeleit im E-Zine "Aural Innovations" zu lesen, das auch das meiste aus seiner musikalischen Biogrphie berührt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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