Das gedämpfte Licht des Raumes lässt nur Schatten von dir erahnen.
Zurückgelehnt sitzt du in deinem Korbsessel, das eine Bein über das andere geschlagen.
Es scheint so normal dass deine Socke, heruntergerutscht und grau, unter deinem Hosenbein zu sehen ist.
Leicht fängst du an mit deinem Bein zu wippen und siehst mit diesem etwas überheblichen Blick zu mir herüber, hebst deine linke Augenbraue.
Deine Arroganz ist spürbar, ansehen muss ich dich noch nicht einmal dafür.
Du siehst alt aus in diesem Licht, unvorteilhaft kommt es von unten,
der kleinen Bodenleuchte, und lässt jedes Fältchen in einer grotesken Vielfältigkeit neu erstrahlen.
Deine Augenringe sind durch die hängenden Tränensäcke schon nicht mehr so stark erkennbar wie bei unserem letzten Treffen, doch dein Gesicht ist eingefallen, grau.
Die Falten scheinen dein Gesicht in verschieden Parts zu teilen, ich konzentriere mich auf einen von ihnen und kann mir plötzlich kein Bild mehr denken dass das Puzzleteil für das Ganze ist.
Durch Konzentration auf diesen einen Teil deines Selbst versuche ich meine Gefühle zu kompensieren, doch dieser Teil lässt sich nicht mehr logisch in das einfügen was ich einst glaubte gekannt zu haben.
Interessant ist, dass die zynischen kleinen Fältchen noch immer die Gleiche Anziehungskraft auf mich ausüben.
Ich weiß was du mir mit deinem Räuspern sagen willst, es ist Zeit zu erklären, doch die Düsternis deines Zimmers engt mich ein, die Dunkelheit ist schon längst in mich hineingekrochen.

Und einmal mehr finde ich keine Wörter die es möglich machen könnten zu schildern was mein Gedankenkarussell an Früchten getragen hat.
Meine Konzentration auf dich als menschliches Objekt lässt es nicht zu andere Gedanken formen zu können. Dieser scheinbar nicht enden wollende Gedankenzyklus der nun heraufbeschworen wurde, wie Kopfkino auf "Repeat", ähnelt einer kompletten Gedankenleere, obwohl mein Kopf doch so voll ist.
Von dir. Oder bin das doch nur ich?
Das es kein "wir" mehr sein kann steht außer Frage.
Der Film in meinem Kopf spult langsam zurück um herauszufinden wie es zu all dem kam, diesem Chaos zwischen dir und mir, hier und jetzt, gleich und gestern und dem morgen der nicht mehr der unsrige sein wird…

Alles fing an als die Welt gerade stillstand.
Als ich aufstand und die Nacht gerade kämpfend versuchte aus meinem Kopf und Körper zu verschwinden, spürte ich dass dieser Tag unendlich sein wird.
Wenn ich Schuhe angezogen hätte wäre die Perfektion verschwunden gewesen, also bin ich barfuss in den Regen gelaufen.
Menschenleere, nasse Strassen, nur das Plätschern des Regens - beruhigend realistisch.
Ich hatte das Gefühl, dass ich mit dem nächsten Lebewesen das ich treffen würde ohne zögern eine Weltreise beginnen würde, jetzt sofort, um intensiver spüren zu können.
Das erste Lebewesen das mein Gefühl anscheinend teilen konnte war Herr Ferdinand, ein kleiner Marienkäfer der unbeirrt der Regentropfen versuchte zu fliegen.
Ich habe ihn sofort verstanden.
Und während ich auf dem Bauch lag um ihn besser beobachten zu können musst du mich entdeckt haben.
Fraglich ist, wie lange du mich schon angesehen hast bis ich dich bemerkte und sich unsere Blicke trafen.


Du hast nur spöttisch die linke Augenbraue gehoben, eine Geste die mich wohl immer an dich erinnern wird, und sagtest dass der schönste Regen nur im eigenen Herzen entstehen kann.
Ich bin aufgestanden, Herr Ferdinand ist weggeflogen und hat ein Stück Sehnsucht hinterlassen.
Und dann hast du angefangen vom Regen zu sprechen, der in deinem Inneren immer wieder zu Überschwemmungen führt.
Von der Wolke die in deinem Brustkorb wohnt und die du erst nach langer Suche gefunden hast.
Wir haben uns auf den Rücken gelegt und die Regentropfen gezählt die Gedanken zu Worten und Worte zu Sätzen formen können.

Es war das erste mal dass ich die Schönheit des Regens mit jemand teilen konnte ohne mich eingeengt zu fühlen.
Deine Gedanken haben den Dreck von meinen Füßen abgespült und in einen Gully fließen lassen.
Irgendwann später kam Herr Ferdinand vorbei geflogen und hat sich auf meinen großen Zeh gesetzt.
Die Perfektion des Fliegens war in diesem Moment so präsent wie noch nie zuvor.
Doch das Perfekte ist dazu da vergänglich zu sein, die Reise die wir in dem Moment begannen war von Anfang an zeitlich begrenzt.
Plötzlich war der Regen nur noch ein Nieseln und die Kälte kam in mein Ich zurück, die Angst dass das Gefühl jemals enden könnte führte zu exakt dieser Situation.
Man soll aufhören wenn es am schönsten ist, aber vorher wollte ich das aus dir saugen was mich weiterleben lassen kann, es weckte sich in mir die Hoffnung dass du mir einen Teil deines Regens abgeben kannst…

Und nun, Jahre später, hat dein Regen mein Ich schon fast komplett überspült.
Das Problem war dass das Bewusstsein, die Erkenntnis nicht in Taten umgewandelt wurde und wir jetzt an einem Punkt sind an dem die Unendlichkeit zu Einengung wird.
Es ist nicht mehr unser Film, aber das wollte ich nie begreifen, du warst der erste Mensch der mir den Regen erklärt hat und bist auch der Erste der mich dadurch hat Skepsis erwerben lassen.
Es liegt nicht an uns, sondern an Herrn Ferdinand.
Indem er die Freiheit für einen Moment aufgab um sich auf meinen Zeh zu setzen, hatte ich das Gefühl das auch zu können.
Doch fliegen kann ich nur alleine.

Endlich weiß ich was passiert ist.
Wortlos reiche ich dir die Streichholzschachtel in der Herr Ferdinand liegt
- viel zu lange schon reglos, und ich brauche dich noch nicht einmal ansehen um zu wissen dass du weißt was ich meine.


 

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