Tod auf b2


 

 

 

Tod auf b2

Schon seit den Zeiten des Praeceptor Germaniae Siegbert Tarrasch: Kaum ein Eröffnungs- und Mittelspiel-Lehrbuch, das nicht eindringlich warnte vor unmotiviertem Bauerngrabschen mit der Queen auf b2/b7. «Vor Abschluss der Entwicklung keine Damen-Ausfälle zwecks Bauerngewinn!» lautet/e die Devise.
Doch ewig lockt der Mammon (sprich Materialgewinn): Die Datenbanken sind voll von Partien, in denen dieser Leitsatz missachtet wird auf Kosten von Zeit, König oder Stellung - bis hinauf zum Super-GM! «Das Bauernopfer will ich bewiesen haben...» ist dabei eines der wesentlichen Motive dieser oft tödlichen Fress-Sucht.

Schachprogramme, so scheint's, sollten vor solchen psychologischen Fehlleistungen gefeit sein, trotz ihrer (vorläufig noch) prinzipiell «materialistischen Gesinnung». Denn immerhin vermögen sie die taktischen Konsequenzen solcher Queen-Alleingänge grundsätzlich weitaus genauer (teils auch viel weiter) zu berechnen als Menschen.
Doch dem ist nicht so: Auch ohne jede «Horizonteffekt-Not» steht ihre Grabsch-Lust jener des Menschen in nichts nach, wie einige Beispiele zeigen.

Vielleicht könnte man den Dxb2/b7-Fehler in drei Kategorien aufteilen:

 

A) Der taktische Patzer

Er ist sofort widerlegbar und wird nur von Menschen, aber (natürlich) nie von Programmen gespielt:

Topalov - Van Wely
Monaco 1999

2r1k2r/1p1n1p2/pq1p1np1/4p1B1/4P1bP/2N3R1/PPPQ1P2/R3KB2 b Qk - 0 15

15... Dxb2?? 16.Tb1 Da3 17.Lxf6 Txc3 18.Txc3 1-0

Die Frechheit Dxb2 erlaubt sich hier kein mir bekanntes Programm - genauso wenig wie in

 

Djurhuus - Johannessen
Jarleslaget 1997


r2r2k1/pp2bppp/1qb1pn2/3nN1B1/3P4/P1NQ4/1PB2PPP/R3R1K1 b - - 0 16

16... Dxb2?? 17.Sxd5 Txd5 18.Lxf6 Lxf6 19.Tab1 1-0

 

B) Der taktische Fehler

Er bedarf weiter Berechnung, um widerlegt werden zu können. Auch Schachprogramme haben an ihm oft etwas länger zu knabbern, um ihn zu vermeiden. Denn in diesem Falle scheinen sie gleich wie Menschen zu «denken»: «Bauer ist Bauer...»:

Comas - MartinezMartin
Barcelona 2000


r1b1n1k1/pp6/1qp1p1p1/2p1b1B1/4P3/2N2QPP/PP4B1/R5K1 b - - 0 18

18... Dxb2? 19.Tf1 Sg7 20.Df7 Kh7 21.Lf6 etc. 1-0

 

Volkov - Dmitriev
Smolensk 2000


rn2kb1r/5ppp/p2p1q2/2pP4/2P3b1/R3BN2/1P2BPPP/3QK2R b Kkq - 0 13

13... Dxb2? 14.Tb3 Da2 15.Sd2 Lf5 16.Lf4 Le7 17.Te3 Kd8 18.0-0 etc. 1-0

 

C) Der strategische Fehler

Hier kranken die Programme am heftigsten. Das Problem ist in den meisten Fällen, dass die negativen Konsequenzen teils weit hinter den sieben Bergen lauern:

Marciano (2505) - Roche (2065)
ClermontFerrand 2001

r1b1kbnr/p4p1p/1qpp2p1/4p3/4P3/3QBN2/PPP2PPP/RN3RK1 b kq - 0 9

Schwarz ist so fatal unterenwickelt, dass hier ein IM oder GM nie auf die Idee käme, mit Dxb2 noch mehr Zeit zu verlieren, statt endlich die Figuren ins Spiel zu bringen. Der Schwarze wurde in der Partie jedenfalls schnell bestraft für seinen Leichtsinn:
9... Dxb2? 10.Sbd2 Db5 11.Sc4 d5 12.exd5 etc. 1-0

Die Engines sehen das ganz anders, haben keinerlei Hemmungen die «Materialbilanz» zu ihren «Gunsten» zu verändern und damit alle Schleusen gegen die schwarze Stellung zu öffnen. Der guten Alternative 9... La6 geben die wenigsten den Vorzug bzw. die beiden Züge werden gleichwertig evaluiert.

Den selben Zeitverlust in Kauf nehmen zahlreiche modernen Programme (gleich wie Paoli) in der folgender Position:

Szabo (2600) - Paoli (2250)
AsztalosMem 1958

rnb1kbnr/pp3ppp/3p1q2/2pP4/4P3/6B1/PPP3PP/RN1QKBNR b KQkq - 0 6

6... Dxb2? 7.Sd2 Le7 8.Sgf3 Sd7 9.Ld3 und Schwarz gehen bereits die guten Züge aus. Weiss wird baldmöglichst rochieren und dann mit dem Vorstoss e4-e5 einen heftigen Angriff gegen den schwarzen König in der Mitte einleiten. (Die Partie ging nur noch 11 Züge weiter:
9...Se5(?) 10.Sxe5 dxe5 11.0-0 Dd4 12.Lf2 Dc3 13.Tb1 Sf6 14.Sb3 Db4 15.Sxc5 Lxc5 16.Txb4 Lxb4 17.Lb5 Ke7 18.Lh4 h5 19.Df3 Th6 20.Dg3 1-0) - -

Der gefährlichen Versuchung «Dxb2/b7» erlagen in der Schachgeschichte schon tausende Turnierspieler - und auch die zeitgenössischen Programmierer dürften durch diesen Sirenengesang noch ne ganze Weile beunruhigt werden...

(Rothenburg/CH, Jan.2003/April2006)

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