Strategie bei Schachprogrammen 2


 

 

Wie schlecht spielen sie wirklich?

Was Schachprogramme vom »Minoritätsangriff« und anderen Strategien verstehen
Teil 2

Der erste Teil dieser Untersuchung Teil 1 hatte die positionellen bzw. strategischen Motive Rückständiger Bauer, Isolani, Hängende Bauern, Jürgen-Sturm und Minoritätsangriff zum Gegenstand - fünf elementare Strategeme, deren korrekte, oft gar technisch perfekte Behandlung heutzutage grundsätzlich programmierbar ist, wie wir gesehen haben. Und allein diese Tatsache ist bereits einer der Gründe, warum die aktuellen Spitzenprogramme dem Gros der menschlichen Amateure deutlich überlegen sind. Denn mögen diese fünf Motive auch »nur« als Verfahren bedeutungsvoll sein - sie beinhalten keinerlei »kreativen« Momente, sind als Techniken lehr- und lernbar -, so bedingt ihre effiziente Verwendung doch gleichermaßen positionelles Knowhow wie taktische Akkuratesse. In dieser Hinsicht hat also die Schachprogrammierung der letzten Jahre einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht - weg vom Rechnen, hin zum Wissen. Wer die Zeiten der sog. »Brettcomputer« noch in Erinnerung hat, weiß wovon die Rede ist...

Wenden wir uns nun fünf weiteren klassischen Themata der Schachstrategie zu - aber deutlich einen Schwierigkeitsgrad höher: Starke Felder, Offene Linien, Blockade, Prophylaxe,  und schließlich die Grundstellung seien diesmal die Stichworte. (Um die Voraussetzungen, Ergebnisse und Schlussfolgerungen des Folgenden richtig interpretieren zu können, verweise ich den Leser nachdrücklich auf Teil 1!) -

Der Schachgeschichte wohl einflussreichster Systematiker, der holländische Weltmeister Max Euwe (1901-1981) hat recht genau (und ganz in der Tradition von Wilhelm Steinitz) einen der wichtigsten Punkte des positionellen Mittelspiels definiert, nämlich:

6. Das starke Feld

Euwe nennt ein Feld »stark«, wenn es drei Voraussetzungen erfüllt:
a) Es befindet sich außerhalb des Bereiches der feindlichen Bauern
b) Es liegt in der Nähe der feindlichen Stellung
c) Man muss in der Lage sein, im Hinblick auf das fragliche Feld ein sicheres Übergewicht zur Geltung bringen zu können, das früher oder später zur wirkungsvollen Besetzung des Feldes führt

Sucht man in den Datenbanken nach entsprechenden Partien, wird man natürlich abertausendfach fündig - ein für unsere Zwecke besonders illustratives Beispiel findet sich in
Botwinnik-Flohr (Moskau 1936), wo nach den Zügen 1.e4 Sf6 2.e5 Sd5 3.d4 d6 4.Sf3 Lg4 5.Le2 c6 6.0-0 dxe5 7.Sxe5 Lxe2 8.Dxe2 Sd7 9.f4 e6 10.c4 S5b6 11.Le3 Le7 12.Sc3 0-0 13.Tf3 De8 14.Td1 Td8 15.b3 f5 16.Sd3 Lf6 17.Lf2 Df7 18.Se1 Tfe8 19.Tfd3 Sf8 20.Sf3 Dc7 21.Se5 Sbd7 22.Dd2 Le7 23.Sf3 Sf6 24.Dc1 Se4 25.Se5 Sxf2 26.Kxf2 Sd7 27.De3 Sxe5 28.fxe5 Da5 29.a4 Td7 30.g3 Dd8 31.Kg2 Lg5 32.Df3 De7 33.c5 a5 die folgende Stellung entstand:

 

4r1k1/1p1rq1pp/2p1p3/p1P1Ppb1/P2P4/1PNR1QP1/6KP/3R4 w - - 0 34

Der geniale Russe schickte nun sein Rössel auf eine lange Reise über b1, a3 und c4 nach d6, wo es auf dem starken Feld schließlich eine tödliche Macht entfaltete. Grossmeister Flohr erlag auf folgende Weise:  34.Sb1! Df8 35.Sa3 Ld8 36.Sc4 Lc7 37.Sd6 Tb8 38.Tb1 Dd8 39.b4 axb4 40.Txb4 Lxd6 41.exd6 Da5 42.Tdb3 Te8 43.De2 Da8 44.Te3 Kf7 45.Dc4 b5 46.Dc2 Txd6 47.cxd6 c5 48.Kh3 cxb4 49.Dc7 Kg8 50.d7 Tf8 51.Dd6 h6 52.Dxe6 Kh7 53.De8 b3 54.Dxa8 Txa8 55.axb5 Td8 56.Txb3 Txd7 57.b6 Tb7 58.Kg2 Kg6 59.Kf3 Kf6 60.Tb5 Ke6 61.Ke3 Kd6 62.Kd3 Kc6 63.Kc4 Kd6 64.Td5 Kc6 65.Tc5 Kd6 66.Kb5 1-0

Für ein Schachprogramm ist Botwinniks Plan nicht so »einleuchtend« wie für einen Menschen: Auf dem strategischen Weg mitten in des Gegners Herz liegen ein paar taktische Stolpersteine - neben dem schwachen d-Bauern ist als grösster Brocken der schwarze Gegenangriff auf dem Königsflügel zu beachten (die Engines spielen hier weitaus aggressiver als GM Salo Flohr...). Ausserdem muss berücksichtigt werden, dass die Programme auch »nur« deshalb einen Zug des Springers in Erwägung ziehen könnten (z.B. über b1 nach d2, um ihn abtauschen zu lassen, oder gar über e2 nach f4), weil er momentan keine guten »Zielfelder« hat, also eine simple Standort-Verbesserung bezweckt ist.

Chess Tiger 14.0 - Junior 7
34.Sb1! So weit, so richtig - und der Zug wird auch von fünf weiteren der zehn fraglichen Programme gespielt. Dies allerdings mit teils »falscher Begründung« oder dann wieder mit mangelnder Konsequenz. Nur der Tiger und sein größter Rivale Fritz7 holen aus ihren neun Weiß-Partien mehr als zwei Drittel der möglichen Punkte mit Sb1. (in diesem Zusammenhang sei erneut darauf hingewiesen, daß sämtliche 900 Turnier-Partien (Download am Ende von Teil 1) einsehbar sind; im Artikel selber interessieren weder Zug-Statistiken noch Gewinn-Prozente, können nicht mal die wichtigsten schachlichen Highlights besprochen werden...)  Tf8 Diese Vorbereitung oder gleich das überfreche f4 präferieren die meisten Schwarzen. Schachprogramme schauen langfristigen Kriegsvorkehrungen des Gegners nie einfach bloß zu... 35.Sa3 f4!? 35...De8 wäre eine ruhigere Alternative: 36.Sc4 Ld8 37.Sd6 Dg6 und der weisse (Raum-)Vorteil ist zwar offensichtlich, aber eine schwarze Niederlage noch in weiter Ferne. 36.Dg4 fxg3 37.hxg3 h6 Mittels 37...Tdd8 38.Sc4 Ta8 den a-Bauern zu halten, ist noch schlechter: 39.Sd6 Tab8 (Es drohte Sxb7) 40.Th1 ...wonach plötzlich Weiß zum Königsangriff bläst... 38.Sc4 De8 39.Tf3! Ein ChessTiger14 ist kein Bauerngrabscher - zumal nach 39.Sxa5 Tdf7 40.De2 Tf5 41.Sc4 Df7 42.Kh3 Tf2 43.Dg4 Dg6 nur noch auf ein Tor, nämlich das weisse geschossen würde. 39...Txf3 40.Dxf3 Dg6 Was sonst? 40...Tf7 41.De4 Df8 42.De2 ließe den »Israeli« genauso sich selbst im Wege stehen. 41.Dd3 Dxd3? Der Super-Angreifer (aber Endspiel-schwache) Junior verkennt völlig den Ernst der Lage, tauscht sein bestes Stück weg in der Hoffnung auf ein Remis-Endspiel. Doch da ist er beim Theron-Opus in den genau richtigen Händen... 42.Txd3 Ld8 43.Sd6 Die erste Phase des positionellen Ringes ist abgeschlossen, das starke Feld erobert, des Gegners Damenflügel-Bauern fixiert, seine Figuren in der Diaspora. 43...h5 Verzweiflung à la Junior: ein Randbauern-Zug... Doch wie geht's jetzt weiter mit dem weissen Angriff? 44.Td1! Nicht Christoph Theron, sondern Michael Botwinnik ist am Werk - die Analogie zur Flohr-Partie ist verblüffend, wie man sieht: 44...g5 Etwas besser, aber auch nicht genügend ist 44...b6 45.Tc1 g5 46.cxb6 Lxb6 47.Tc4 Kg7 48.b4 45.Tb1 b6 46.b4 bxc5 47.dxc5 axb4 48.Txb4 Ab sofort ist es egal, was Schwarz noch zieht. (Junior brauchte allerdings noch fast 30 Züge, um sich von dem Springer auf d6 zu erholen - und aufzugeben...) 1-0
Man beachte, dass die weissen Operationen ohne dieses Untier inmitten des Gegners nicht möglich gewesen wären - der Programmierer hat die Aufgabe »Starkes Feld« gelöst. Und das, wie ich finde, auf beeindruckende Weise.
Partien wie diese machen begreiflich, warum heutige Spitzenprogramme inzwischen in der Lage sind, Großmeister-Turniere zu gewinnen. Denn die weiße Engine brannte hier kein (für Menschen oft nicht mehr nachvollziehbares) taktisches Feuerwerk ab, sondern gewann ausschließlich mit ruhigem, aber äußerst »nachdrücklichem« Positionsspiel.

Ein zweites Beispiel, die Partie von Morsch's Fritz7 gegen Meyer-Kahlen's Shredder6.02 unterstreiche das hohe Niveau, welches die neueste Schachprogrammierung in positioneller Hinsicht bereits erreicht hat:
Fritz 7 - Shredder 6.02
34.Sb1! f4? Diesmal also sofort f4 - Shredder hat's eilig mit dem Gegenspiel. Doch die Folgen sind noch schneller fatal als in der Tiger-Partie. 35.Sc3! Fritz disponiert um: »Mitten durch die Mitte geht's erst recht...« 35...Tf8 Wenn zwei dasselbe tun... (s.o.) 36.Dg4 fxg3 37.hxg3 Tdd8 Bereits Verlegenheit, aber 37...h6 38.Se4 Df7 39.Tf3 oder 37...g6 38.Se4 h6 39.Tf1 hinterläßt dasselbe Asthma beim Schwarzen. 38.Se4 Lh6 39.Th1 Kh8 40.Sd6 Lg5?! 41.b4! Kein schwer zu findendes Bauernopfer, aber hübsch! Jedenfalls wieder auf Botwinniks Spuren: der »starke« Springer verdammt den Gegner zum Zuschauen dabei, wie die Schluß-Attacke in der b-Linie geritten wird. 41...g6 (auf 41...axb4 folgt 42.Tb1) 42.bxa5 Td7 »Sitzen und weinen...« 43.Tb1 Tc7 44.Tdb3 Dd8 45.Txb7 Aus die Maus. Noch selten wurde der dreimalige Weltmeister so geohrfeigt wie in diesem Mini-Game. 1-0

Bliebe noch kurz das Paradoxon zu klären, warum Programme wie Yace oder Nimzo durchaus Sb1-a3-c4 hinkriegten, aber im Turnier nicht reüssieren konnten. Wie so oft im Computerschach ist die Antwort schnell gefunden: »Richtiger Zug aus falschem Grunde«. Schaut man sich nämlich die entsprechenden Partien an, wird klar dass es den betr. Engines nicht um das »starke Feld« d6 ging, sondern um vulgären Materialismus: Derweil sie vorne am Damenflügel das leckere a-Bäuerchen kosteten, wurden sie hinten am Königsflügel in den Backofen geschoben... Kleine Degustation gefällig?
Yace 0.99.56 - Junior 7
34.Sb1 Tf8 35.Sa3 f4 36.Dg4 fxg3 37.hxg3 h6 38.Sc4 De8 39.Sxa5 Tdf7 40.Kh3 Kh8 41.Sc4 Tf2 42.Sd6 (Zu spät...) Dg6 43.a5 T8f5 etc. 0-1

Nachstehend die Schlußrangliste dieses Turniers - allerdings ist sie »falsch«! Nicht Sieger Junior gehörte aufs Podest, sondern Fritz oder ChessTiger. Denn die Engine aus Israel verstand weder als Weißer die strategische Anforderung, noch handhabte sie etwa als Schwarzer die Verteidigung besonders einfallsreich. Der Grund für Amir Ban's »NumberOne« ist simpel: gegen die vier Letztplatzierten (die drei Amateure & Nimzo) wurden fulminante acht Punkte aus acht Partien eingefahren! Etwas, was die beiden Riesen Fritz und ChessTiger noch lernen müssen: gegen klar Schwächere nicht zu verlieren...

Turnier »Das starke Feld«

1   Junior 7           12.5/18
2   Fritz 7            11.5/18
3   Chess Tiger 14.0   10.5/18  92.75
4   Shredder 6.02      10.5/18  88.50
5   Hiarcs 8            9.5/18
6   CM8000 Pillen       9.0/18  81.25
7   Nimzo 8             9.0/18  77.75
8   Crafty 18.14        6.5/18
9   Yace 0.99.56        5.5/18  49.50
10  SOS.2 for Arena     5.5/18  48.00

 

7. Die offene Linie

Wie wichtig offene Linien für die schwere Artillerie sind, weiß heutzutage das hinterletzte Dummerle von Amateurprogramm. Thema dieses Abschnitts ist also nicht: »a) Türme verdoppeln, b) 2./7. Reihe okkupieren c) mattsetzen«. Sondern vielmehr: Wie ist überhaupt erst eine (Turm-)Linienöffnung zu forcieren - und das so, daß sie einem mehr nützt als dem Gegner. Also auch dies ein Problem, welches die Programme auf ihr strategischen Vorgehen hin befragt.
Hierzu konfrontierte ich die zehn Turnier-Engines mit einer Stellung, welche Aljechin (1916 in einem Schaukampf gegen Ewenson) als Schwarzer erreichte (und 34 Züge später gewann):

 

r1br2k1/ppq1bppp/2p2n2/4p3/P1BnP3/2NNB3/1PP2PPP/R2Q1RK1 b - - 0 14

Die Herausforderung in derartigen Mittelspielen besteht meist darin, den Haupt-Blockeur des Gegners (hier ist's der Springer d3) vom Brett zu kriegen, wonach der kombinierte Türme-Figuren-Druck auf der offenen Linie (bzw. auf einer halboffenen mit rückständigem Bauern) entscheidet. Abgesehen von dieser grundsätzlichen Zielsetzung ist aber ein »Lehrbuch«- oder sonstwie »technisch reproduzierbares« Vorgehen unmöglich: Zu sehr vermischen sich dabei Strategie und Taktik.

In medias res also - mit zwei Kuriositäten als Ouvertüre:

Nimzo 8 - SOS.2 for Arena
14...Le6 15.Lxe6 Sxe6 16.f3 Td7 17.De1 Bis jetzt eine 1:1-Kopie von Evenson-Aljechin(!) - doch nun: 17...Sd4?! Gewiss: »Computer spielen anders als Menschen«, aber eine gute Antwort auf die Frage, warum erst goldrichtig mit Td7 die Verdoppelung auf der offenen Linie eingeleitet, aber dann doch eben die »Offene« durch Abtauscherei wieder zugemüllt wird, könnte SOS-Programmierer Rudolf Huber möglicherweise weiterbringen... 18.Lxd4 exd4 19.Se2 (Die Analyse sei hier abgebrochen - die Partie ging remis aus) ½-½

Yace 0.99.56 - CM8000 Pillen
14...Lg4 15.f3 Le6 16.Lxe6 Sxe6 17.De1 Sh5! 18.Td1 Shf4 19.Sxf4 exf4 20.Lf2 Txd1 21.Dxd1 Td8 22.De2 Da5 23.Dc4 Da hat sich nun der Chessmaster mit feinem Druckspiel das Einbruchsfeld d2 freigeschaufelt - aber den Lohn seiner Arbeit will er nicht ernten: 23...Sd4?! Dabei hätte das natürliche und logische, gewissermaßen »menschliche« 23...Td2! fast zwangsläufig zu einem für Schwarz höchst chancenreichen Endspiel geführt: 24.Sb1 Txf2! 25.Kxf2 Db6 26.Ke2 Sd4 27.Kd3 Sf5 28.Ke2 Se3. -  (Im 66. Zug einigte man sich auf unentschieden)  ½-½

Nach diesen zwei müden Beispielen (einer Form Computerschach, wie sie zurecht in weiten Kreisen als »willkürlich und synthetisch«, als »Zug um Zug von Bewertung zu Bewertung hüpfend« apostrophiert wird), nun ein Stück Schachprogrammierung, das Respekt abnötigt:

Crafty 18.14 - Hiarcs 8
14...Le6 15.Lxe6 Sxe6 16.f3 Sf4!? 17.Dd2 Zu sorglos! Um den wichtigen Blockeur auf d3 halten zu können, musste sein direkter Kontrahent auf f4 weg: 17.Lxf4 exf4 18.De1 17...Sxd3 Das erste Etappenziel hat Hiarcs erreicht... 18.cxd3 Td7 19.Dc2 Tad8 ...und das zweite, die Turmverdoppelung auch 20.Tad1 Lb4 21.Sa2?! Ein wirkungsloser Springer-Tanz. Das einfache 21.Se2 hät's auch getan. 21...La5 22.Sc1 Lb6 23.Lxb6 Dxb6 24.Tf2 Db4 25.Sa2 Dd4 26.Sc1 Des amerikanischen Computer-Pioniers (»Deep Blue«) Robert Hyatt's Crafty zählt schon seit Jahren zu den Top-5 der Amateur-Szene. Die Engine bewertet recht exakt, hat taktischen Biß, ein gutes »Gefühl« fürs Figuren-Zusammenspiel, kann auch positionelle Mißgriffe sehr konsequent bestrafen, und ist vor allem in der Übergangsphase vom Mittel- ins Endspiel sehr verlässlich. Dies alles hat dazu geführt, daß Crafty (dessen Quellcode jedermann zugänglich ist) für zahllose Amateurprogrammierer zum eigentlichen »Übervater« avancierte - auch mit dessen negativen Seiten, und bis hin zu Clones unter anderem Namen...
Doch bei all seinen Vorzügen: Hyatt's Baby ist und bleibt ein Kind der »alten Schule«, hangelt sich von Evaluation zu Evaluation, besitzt relativ wenig Wissen - und hat sich m.E. mittlerweile selbst überlebt. Die jüngere Programmierer-Generation (auch unter den Amateuren) denkt anders, verwendet innovativere Techniken - die Ära Crafty scheint sich dem Ende zu nähern. -
Ein gutes Beispiel für den »Crafty-Stil« ist diese Partie eines »Alten« gegen einen »Neuen«. Und wie eh und je weiß Crafty nur selten, was zu tun ist, wenn es nichts zu tun gibt... 26...Td6 27.a5 b6 28.Sb3 Da4 29.Tfd2 c5 30.Dc3 Se8! Der Springer nimmt am Angriff auf den weissen Rückständigen noch nicht teil, also wird er nach f4 überführt. Mark Uniacke hat offensichtlich weiter am strategischen Vermögen seines ohnehin positionell überragenden Programms gefeilt... 31.Te1 Sc7 32.Ta1 Db5 33.Tad1 Se6 34.Dc4 Dd7 35.Dc3 f6 36.Dc4 Kf8 37.Dc2 Sf4 38.Sc1 Die dritte Etappe ist abgeschlossen: Maximaler Druck gegen maximale Verteidigung. Wie soll's nun weitergehen? Hiarcs findet einen Weg, Crafty's schwarzfeldrigen Löcher zu stopfen: 38...Db5 39.axb6 axb6 40.Dc3 T6d7 41.b3 Td4 42.g3 Se6 43.Se2 Tb4 44.Tb2 Ta8 45.Kg2 Ta3 Vierte Etappe: eine weitere Schwäche wird attackiert. Der alte Crafty ist schon sehr müde... 46.Tdb1 Dd7 47.Kg1 Sg5 48.Tf1 Db5 49.Sc1 Se6 50.Tff2 Dd7?! Schade! 50...Sd4 wäre nun der krönende Abschluß von Hiarcs Ballett auf Crafty's schwarzen Feldern gewesen. Der »Alte« darf kurz aufatmen... 51.Ta2 Tba4 52.Kg2 Txa2 53.Txa2 Txa2 54.Sxa2 Sg5 55.g4 Se6 56.Kg3 Sf4 Schon erstaunlich, wie konsequent ein Computerprogramm Löcher in einen Gegner-Käse stechen kann. Der eigentlich gute End-Spieler Crafty hat Hiarcs bohrendem Drängen nichts entgegenzusetzen. 57.Sc1 g5 58.Kf2 h5 59.b4 hxg4 60.bxc5 Dh7 Die fünfte und letzte Etappe ist eingeläutet, des Feindes Barrikaden sind sturmreif geschossen. 61.fxg4 Dxh2 62.Kf1 Dh1 63.Kf2 Dg2 64.Ke1 Dg1 65.Kd2 Df2 66.Kd1 bxc5 67.Da5 Df3 68.Kd2 Dxg4 69.Dxc5 Kf7 70.Dc7 Kg6 71.Dc4 Dg2 72.Kc3 Df2 73.Sb3 Se2 74.Kb2 g4 und ein paar Züge später war »der Amerikaner« von seinen Leiden erlöst. 0-1 - Keine interessante, aber eine aufregende Partie...

Turnier »Die offene Linie«

1  Chess Tiger 14.0  12.0/18
2  Shredder 6.02     11.0/18 99.75
3  Hiarcs 8          11.0/18 90.25
4  Fritz 7           10.0/18
5  SOS.2 for Arena    9.0/18
6  Yace 0.99.56       8.5/18
7  CM8000 Pillen      8.0/18 70.50
8  Junior 7           8.0/18 63.75
9  Nimzo 8            7.5/18
10 Crafty 18.14         5.0/18

 

8. Die Blockade

1925 brachte der Kagan-Verlag ein schmales, unscheinbares Bändchen heraus mit dem Titel »Die Blockade«. Verfasser: ein gewisser Aaron Nimzowitsch aus Riga. Es war das Präludium zu einem späteren Kult-Buch der Schachgeschichte: Nimzowitsch's »Mein System«.
Wir wollen im Zusammenhang mit Computerschach zwei der zentralen Begriffe des revolutionären Schachdenkers kurz streifen: Die Blockade und die Prophylaxe. Alle beide längst Bestandteil nicht nur unzähliger Partie-Analysen, sondern auch vieler Schachschul-Bücher und theoretischer Abhandlungen.

Das Blockieren marschlüsterner Bauern (zumal Freibauern) wird vorzugsweise mit einem Springer vorgenommen, wobei diesem neben der passiven Rolle als Blockeur wenn möglich auch noch die aktive als Förderer von Flanken-Bauernangriffen (hier: f7-f5) zuteil werden soll.
Konkret wird dieses Abstraktum zum Beispiel in einer Partie (Prag 1956) des Ex-DDR-Vorkämpfers Wolfgang Uhlmann gegen den tschechischen Meisterspieler Jaroslav Jezek:

J. Jezek - W. Uhlmann
Marianske Lazne, 1956
1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Le2 0-0 6.f4 e5 7.fxe5 dxe5 8.d5 c5 9.Sf3 Se8 10.0-0 Sd6 11.Le3 b6 12.Kh1 f5 13.exf5 gxf5 14.g3 Sd7 15.a3 De7 16.Dc2 Sf6 17.Se1 Ld7 18.Sg2 Tac8 19.Dd1 Kh8 20.Tb1 De8 21.b3 Sg4 22.Lg1 Dg6 23.Dc2 Dh6 24.Lxg4 fxg4 25.Se3 Tf3 26.Txf3 gxf3 27.Tf1 Tf8 28.b4 Lh3 29.Te1 Sxc4 30.bxc5 Sxe3 31.Lxe3 Dxe3 0-1

Obwohl das hier vorgeführte c5-Abspiel der e5-Variante im königsindischen Vierbauern-System keine besondere Attraktivität in der internationalen Turnierarena genießt (ich fand gerade mal knapp 30 entspr. Partien in meiner 2,5-Mio-Datenbank), und obwohl Uhlmann's Sieg in dieser Stamm-Partie nicht zuletzt auf der Passivität des Gegners gründet, ist die Stellung nach 9. Sf3 für unsere Zwecke gut geeignet:

 

rnbq1rk1/pp3pbp/5np1/2pPp3/2P1P3/2N2N2/PP2B1PP/R1BQK2R b KQ - 0 9

9.- Se8 10.0-0 Sd6 11.Le3 b6 12.Kh1 f5 - soweit das strategische Kernstück dieser Partie.
Die Frage also: Blockieren auch Schachprogramme?

Schaut man sich den neunten schwarzen Zug der zehn Engines an, entsteht beinahe so was wie eine Programm-Typologie (die ich allerdings nur sehr cum grano salis zu verstehen bitte...) :
Das stellungskonform-großmeisterliche 9.- Se8 spielen ChessTiger, Fritz und SOS, das taktische 9.- Sa6 (!?) Junior, Crafty und Hiarcs, das hyperaktive 9.- Lg4(?) Nimzo, das positionelle 9.- b6(!?) Shredder, das bizarre 9.- Dd6(?) Yace ? und das unorthodoxe 9.- Sh5(!) der Chessmaster.

Ob des CM8000's Springer-Manöver mein Ausrufezeichen in allen Konsequenzen verdient, ist hier zu beweisen leider nicht genug Platz; aber es ist nicht nur eine interessante Neuerung in der theoretischen Literatur, sondern auch eine amüsant-instruktive Variation des alten Themas »Sieg im Mittelspiel kontra Niederlage im Endspiel«. Denn die Erkenntnis, dass »die Götter vor das Endspiel das Mittelspiel gelegt haben« (Tarrasch), setzt kaum ein anderes heutiges Schachprogramm so gerissen-elegant um wie gerade diese Taktik-Furie des Holländers Johan de Koning. Im Gegensatz zu Nimzowitsch&Co. ist dem CM als Schwarz-Spieler dieser gefährliche gedeckte Freibauer auf d5 egal - mit seinem Sh5 erspielte er 50% der neun möglichen Punkte. (Als Weißer mit dem Freibauern war er erst recht unwiderstehlich: genau wie Fritz holte er hier »acht aus neun« - nur weitaus spektakulärer.)

(Am Rande sei erwähnt, daß von den insgesamt 90 gespielten Turnierpartien nur 17 mit einem Schwarz-Sieg endeten, und darunter wiederum Uhlmann's  9.- Se8 nur fünfmal (!) involviert war. Glaubt man also der Schachsoftware, müsste des Herrn Großmeisters gewagter königsindischer Plan 8...c5 9.Sf3 Se8 10.0-0 Sd6 als inkorrekt aus der Eröffnungstheorie getilgt werden. Doch die Widerlegung menschlichen Denkens durch modernste  Computertechnik ist wieder ein ganz anderes Thema...)

Nimzo 8 - CM8000 Pillen
9...Sh5 10.0-0 Sf4 11.Lxf4? Liegt auf der Hand, aber fiel nicht aus dem Kopf. Nimzo musste den Frechling wohl oder übel stehen lassen, bzw. durfte die Diagonale des Läufers nicht öffnen. Besser: 11.Le3 b6 12.Dd2 Sxe2 13.Dxe2 mit weissem Vorteil. 11...exf4 12.Dd2 g5! 13.Dc2 Die Luft beginnt schon dünn zu werden beim Anziehenden. 13.Tad1 g4 14.Se1 Ld4 15.Kh1 Le3 16.Dd3 wäre eine Alternative. 13...g4 14.Se1 Dg5 15.Dd2 Ld4 16.Kh1 Le3 17.Dd1 Dh4 18.Dc2 Fünf der letzten sieben Züge von Nimzo mit der Dame - Chrilly Donninger wird wohl nie ein Eröffnungslehrbuch schreiben... 18...Sd7 Mit ein paar wenigen Hammerschlägen zertrümmert nun der »fliegende Holländer« den »kriechenden Österreicher«: 19.Ld1 f5 20.exf5 Se5 21.g3 fxg3 22.Dg2 Lxf5 23.Le2 Lf2 24.a3 Sg6 25.Txf2 gxf2 0-1 Eine schreckliche Exekution.

Doch wieder zurück zum »seriösen« Blockade-Zug 9.- Se8. Einmal mehr ist es Fritz, welcher das »menschliche« Strategem überraschend analog zu reproduziert vermag. Es ist ohne alle Abstriche bewundernswert, in welchem Maße Frans Morsch das Chessbase-Flaggschiff vom einstigen »Schnell-und-dumm«-Programm zum zurzeit wohl komplettesten und balanciertesten Vorkämpfer der gesamten Computerschach-Szene getunt hat. Man sehe selbst - vor allem wie der oft so starke Angreifer SOS gleich an beiden Flügel-Fronten zermürbt wird:

SOS.2 for Arena - Fritz 7
9...Se8 10.0-0 Sd6 11.Le3 Sd7 12.Dd3 a6 13.a3 b6 14.Tae1 f5! Die eigentliche Pointe der Züge c5-Se8-Sd6. Uhlmann's Strategie geht diesmal voll auf, wie man sehen wird - Fritz hat das Thema gepackt. 15.Lg5 Lf6 16.Lh6 Tf7 17.b3 f4! Erstmal wird der Königsflügel abgeriegelt und die Verbindung des Lh6 zum Heimatland gekappt, wodurch später g6-g5 noch kräftiger ist. 18.Sd1 b5 19.Sf2 bxc4 20.bxc4 Sb6 Fritz beginnt sich zu entfalten: der weiße Freibauer (als gefährliche Endspiel-Hypothek) ist mit einem unvertreibbaren Springer festgezurrt, und der Blockeur unterstützt die schwarzen Unternehmungen beidseitig. SOS der Amateur muß nun sehr aktiv spielen, will er vom Profi nicht positionell langsam aber sicher erdrückt werden. 21.Dc2?! Mal wieder ein typisch konzeptloser Computer-Zug, der (fast) nichts verderben soll - im Human-Schach nennt man's Warten-was-der-Gegner-macht. Sofort  frischen Wind in die weißen Segel brächte z.B. 21.Dc3 Tb7 22.Sxe5 wonach das ausbräche, worin sich SOS meist ausgesprochen wohl fühlt: das taktische Chaos. 21...g5 22.Dc3 Aha... 22...Tb7 23.h4!? Frech, aber interessant... 23...g4 24.Sg5?! Bleibt auf halbem Wege stehen - statt: 24.Sxe5 De8 25.Lxf4 Sf7 26.Sfd3 Sd7 27.Lg3! 24...g3 25.Sg4 Sa4 26.Df3 Der weiße Angriff sieht nur optisch gut aus: auf dem Königsflügel hält der Schwarze, und auf der andern Seite zieht Fritz ruhig weiter seine Kreise. 26...Tab8 27.Sxf6 Dxf6 28.Dh5 Sc3 29.Ld3 Dg6! 30.Dxg6 hxg6 SOS hat das Läuferpaar, und er hat einen gedeckten Freibauern - aber beides von Fritz kaltgestellt. In solch geschlossenen Zentrums-Bauernstellungen zählt eine offene Linie doppelt - und dort dräut dem Weißen ein mächtig Turm-Gewitter. 31.Sf3 Sf7 32.Lg5 Lg4 33.Lf6 Lxf3 34.Txf3 Sa4 35.Lf1 Tb6 36.Le7 T8b7 37.Lg5 Sxg5 38.hxg5 Die einzige aktive Figur des Anziehenden ist beseitigt - es ist vorbei. 38...Tb1 39.Txb1 Txb1 40.Td3 Kf8 41.Tf3 Tc1 42.Tb3 Sc3 0-1

Turnier »Die Blockade«

1  CM8000 Pillen     12.0/18
2  Junior 7          11.5/18  93.00
3  Fritz 7           11.5/18  92.00
4  Hiarcs 8          11.5/18  92.00
5  Chess Tiger 14.0  11.0/18
6  Crafty 18.14       8.5/18
7  Shredder 6.02      6.5/18  57.00
8  Nimzo 8            6.5/18  51.25
9  SOS.2 for Arena    6.0/18
10 Yace 0.99.56       5.0/18

 

9. Die Prophylaxe

Mit dem Strategem Prophylaxe betreten wir auf unserer Reise zu zehn der wichtigsten Partie-Motiven  nun endgültig ein meines Wissens völlig unerforschtes Terrain des Computerschachs. Neuland vor allem deswegen, weil prophylaktisch Schach zu spielen nun exakt das ist, was Schachprogramme sicher nicht wollen. Sie können fulminant angreifen, ebenso phänomenal verteidigen, sehen gar Dinge, »die kein Sterblicher noch gesehen hat« - aber vorbeugen?
(Wen dieser so komplexe wie wichtige Schach-Begriff in all seinen Facetten interessiert, dem sei neben der Lektüre von Nimzowitsch's zweitem Hauptwerk »Die Praxis meines Systems« in erster Linie John Watson's »Secrets of Modern Chess Strategy« ans Herz gelegt. Diese erst  vier Jahre alte Abhandlung hat m.E. das Zeug dazu, der »Nimzowitsch« des 21. Jahrhunderts zu werden! / Gambit Publications London, engl.)

 

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Die obenstehende Position ergab sich nach dem 16. Zug von Schwarz in der 7. Partie des Kandidatenmatches zwischen Kortschnoi und Geller (Moskau 1991). In ihrem Lehrbuch »Positionelles Schach« (Olms Verlag Zürich 1996) widmen Jussupow&Dworetski dem nächsten »feinen prophylaktischen Zug« von Kortschnoj 17.a3 gleich zwei Ausrufezeichen, und die beiden berühmten Meister leiten ihre (kurze) Analyse mit den Worten ein: »Schwarz steht aktiver. Weiß muß vor allem mit einem Vorgehen am Damenflügel rechnen - b7-b5-b4. Was kann man dagegen tun?«
Diese Frage reichte ich an »meine« zehn Programme weiter, gespannt darauf, ob eines mit 17.a3 der schwarzen Drohgebärde entgegentrete (weil dann b5 mit 18. Sa2 nebst Sb4 bestraft würde) und damit gleichzeitig die Vertreibung des schwarzen Springers (mittels Da2, Sce2 und b2-b3) plane.

Zwei Punkte waren nach dem Turnier also zu klären:
1.) Welche Programme ziehen a2-a3 warum? 2.) Können die Weißen sich auch ohne Prophylaxe halten (z.B. mit dem naheliegenden Entwicklungszug Ld2)?
Fritz, Junior, Nimzo und Yace waren jene Prophylaktiker, die Kortschnoi's a3 spielten - zwei eher »ruhige« (Fritz, Yace) und zwei eher »scharfe« (Junior, Nimzo) Engines also. Und was haben sie sich dabei »gedacht«?
Hierzu öffnet man ihnen das Gehirn, indem man sie im sog. Multivarianten-Modus (hier mit 2 Lines) berechnen lässt, wobei ich eine Bedenkzeit von 15 Min wählte (was in etwa der durchschnittlichen Turnier-BZ 120Min/Engine pro Zug - also ca. 5-10 Min - entsprach).

Was man damit für diese Stellung auf den Monitor bekommt, ist aufschlußreich.
Junior sieht sich in keinerlei Gefahr, erwägt a3 bloß zwecks Damentausch (was aber die weiße Stellung nicht entlasten würde). Seinem Naturell entsprechend möchte er (fast) ebenso gerne einen Königsangriff inszenieren - die schwarze Drohung b5-b4 ist jedenfalls kein Thema, wie der entspr. PV-Output zeigt:
1. = (-0.02): 1.a3 e5 2.dxe6 fxe6 3.Db4 d5 4.Dxa5 Sxa5 5.g4 Sc4 6.Sf3 b5
2. = (-0.03): 1.g4 h5 2.g5 Sh7 3.h4 Lg4 4.Te1 Le5 5.a3 Ld7 6.Sc6 bxc6 7.Dxc4
Fazit: Die Bewertungsfunktion des Programms hat also zwar dazu geführt, daß es den »richtigen« Zug ausspielt, doch die schachliche Herausforderung der Stellung ist nicht bewältigt.
Apropos: Hier zeigt sich nicht nur ein Grundproblem des Computerschachs überhaupt(!), sondern auch die (z.B. auch in den Computerschach-Internetforen sehr kontrovers diskutierte) Frage, in welchem Maße die Ergebnisse sogenannter »Stellungstests« für die Einschätzung der Turnier-Spielstärke herangezogen werden dürfen/sollen. In diesem Zusammenhang muß aber auch mal erwähnt sein, dass dieses Problem des »richtigen Zuges aus falschem Grunde« ja keineswegs aufs Software-Schach beschränkt ist, sondern schließlich genauso in der »humanen« Turnier-Praxis permanent für »falsche« Ergebnisse sorgt...

Fritz ist (in der gewählten Analyse-Zeit) nicht dazu zu bewegen, sein richtiges 17.a3 mit einer Hauptvariante zu begründen:
1. -/ (-0.37): 17.a3
2. -/ (-0.41): 17.e4 b5 18.Sc6 Lxc6 19.dxc6 Se5 20.Sd5 Sxc6 21.Ld2 Dd8 22.Tac1 Sxd5
Aber hier wird ersichtlich, daß die Engine zum einen ihre Stellung merklich schlechter einschätzt (was der Realität entspricht), zum andern den drohenden b-Bauern-Marsch tatsächlich ins Kalkül einbezieht - und darum den Zentrumsvorstoß (um die Entwicklung abzuschließen) noch aufschiebt. Das ist insofern auch interessant, als Schachprogramme gemeinhin der Mobilität ihrer Figuren eine weit höhere Bachtung einräumen als einem vagen Gegenspiel des Gegners. In solchen Stellungen zeigt sich natürlich auch die eher »zurückhaltende« oder eher »forsche« Programmphilosophie eines Autors.

Yacebeherrscht leider (auch als UCI-Engine!) den (mittlerweile doch Standard gewordenen) Multivarianten-Modus nicht, weshalb unter der Fritz-GUI die Option »Hauptvariante als Liste« verwendet wurde (Auszug):
1.Ld2 b5 2.Se4 b4 3.Sxf6 Lxf6 4.a4 Dc5 5.Le1 Se5 6.f4 Sc4 7.Tac1 Tc7 -/ (-0.35)
1.a3 Dd8 2.e4 Tc5 3.Da2 Tbc8 4.Lg5 e5 5.dxe6 fxe6 = (-0.21)
Nach längerem Ld2 (was der größere Teil der Engines in diesem Turnier zog) also schließlich der Schwenk zum präventiven a3. Und Yace' Einschätzung der schwarzen Möglichkeiten (b5-b4) kommt noch einen Deut näher ans Original heran als Fritzens. Bemerkenswert zudem, daß sogar Kortschnois Zug Da2 (um mit b3 den Springer vertreiben zu können) in der Zugfolge auftaucht. Eine vertrauenerweckende Analyse dieser Engine.
(Pointe am Rande: Das insgesamt verhaltene, zwar sehr korrekt-verläßliche, aber oft ohne wirklichen Biß spielende Programm von Dieter Bürssner kam ausgerechnet im Prophylaxe-Turnier aufs Podest. Yace gehört zu jenen Programmen, die zwar nicht den »finalen Punch« haben, aber relativ wenig Fehler produzieren - einer der Gründe, warum diese Engine so erfolgreich Turnierschach spielt.)

Nimzo'sMultivarianten-Analyse ist schlicht bravourös...
1. -/ (-0.65): 1.a3 Dc5 2.e4 Tc7 3.Sce2 Tbc8 4.Lf4 Sh5 5.Lg5 e6 6.dxe6
2. -/ (-0.68): 1.e4 b5 2.Sce2 b4 3.Df3 Se5 4.De3 Tc7 5.Sb3 Da4 6.f4
... und reproduziert Kortschnoi-Geller in verblüffend hohem Maße! Hier als direkten Vergleich deren Partiefortsetzung (ab Diagramm):  17.a3 Dc5 18.Da2 Tc7 19.Sce2 Tbc8 20.b3 Se5 21.Ld2 Le8 22.Tac1 (Kortschnoi gewann in 56 Zügen) 1-0
Doch »kein Schach ohne Matt«: Nimzo beendete dieses Turnier als - Letzter! In unserer Sache heißt das also einmal mehr: Operation gelungen, Patient gestorben! Eine besonders krasse Illustration der bekannten Tatsache, daß es im Computer-Turnierschach weniger darum geht, den einzelnen mega-coolen Treffer zu landen, als vielmehr darum möglichst selten daneben zu schießen. (Allerdings: wiederum etwas, das im Human-Schach eine mindestens ebenso häufige Parallele hat...)

Nachfolgend eine (unkommentierte, aber höchst spannende) Yace-Partie, in der diese »ewige Beta 0.99.56« - Dieter Bürssner will gar nicht die »Nummer 1« werden(?)... - auf der Höhe ihrer Kräfte spielt:

Yace 0.99.56 - CM8000 Pillen
17.a3 b5 18.Da2 e6 19.dxe6 fxe6 20.e4 b4 21.axb4 Dxb4 22.Dxa6 Sxb2 23.Lxb2 Dxb2 24.Sde2 Txc3 25.Sxc3 Dxc3 26.Dxd6 Db3 27.e5 Lf8 28.Dc7 Tc8 29.Da5 Tc5 30.Dd8 Txe5 31.Dxf6 Tf5 32.Dd8 Lb5 33.Td2 Dc3 34.Ta8 De5 35.Kh2 Dc5 36.Tc8 De5 37.Db6 g5 38.Tdd8 Kg7 39.Txf8 Txf8 40.Tc5 Df6 41.Txb5 Tf7 42.De3 h6 43.Kg1 Td7 44.Lf1 Tc7 45.Tb6 Kf7 46.De4 1-0

Kommen wir zu jenem Programm, das als Weißer keine Prophylaxe anwandte - aber das Turnier gewann! Shredder wurde darum überlegen Erster, weil er als Schwarzer sechsmal(!) siegte, und zwar gegen jene Engines, die ebenfalls das prophylaktische 17.a3 nicht spielten... Mit anderen Worten: Shredder wusste die sorglosen Anziehenden zu bestrafen, verlor hingegen als ebenso sorgloser Weißer nur dreimal, weil die Gegner den -Schluss-Dreh nicht fanden.
Wenn aber dann doch mal eine Engine kapierte, wie die Stellung des Anziehenden ohne (oder bei zu spätem) a3 zu knacken ist, dann geriet auch Ex-Weltmeister Shredder (als seit jeher der vielleicht zäheste Verteidiger im ganzen Engine-Zirkus) ins Wanken - beispielsweise gegen Hiarcs:

Shredder 6.02 - Hiarcs 8
17.Ld2 b5 18.Le1 Db6 19.Tdc1 e5!? Nach solchen Zentrums-Bauernzügen sind Computerprogramme grundsätzlich verrückt: Man kann entweder das Spiel öffnen (hier: nach dem en-passant-Abtausch) oder gewinnt Terrain im Zentrum (hier: (nach dem Springer-Wegzug). Doch im Falle dieser Partie ist der Vorstoß so schlecht nicht, denn 20.dxe6 ist praktisch erzwungen: 20.Sc6 geht nicht gut wegen 20...Lxc6 21.dxc6 e4 22.Sxe4 Sxe4 23.Lxe4 Lxb2; 20.Sde2 ist zu passiv; 20.Sc2 verliert wegen 20...Sa5 21.Db4 Tc4; und 20.Sf3 leistet auch nichts gegen den schwarzen Angriff. 20...fxe6 21.a3 Also über ein paar Umwege doch noch »vorbeugende Maßnahmen«... aber reichlich spät, denn... 21...d5! 22.Tc2 a5 23.Tac1 a4 ...sorgt für Gedränge in der linken weißen Ecke. 24.Da2 Nun hätte Uniacke mit 24...Dd6 und 25...e5 den Sack für Meyer-Kahlen ganz solide weiter zuschnüren können, aber der seit seiner letzten Version deutlich wilder gewordene Hiarcs kommt jetzt erst recht in Fahrt: 24...Lh6!? Eine regelrechte »Falle« a la Hiarcs, dessen Gegner (noch) nicht wissen können, daß die Version 8 einen oft durchschlagenden Narren an »exotischen« Materialverhältnissen gefressen hat. 25.Sde2 Was sonst? 25...Sxe3!? 26.fxe3 Lxe3 27.Kh2 Lxc1 28.Txc1 Tc4 Der Pulverdampf hat sich verzogen, doch der Kampf geht weiter - in der immer interessanten Form »Qualität gegen zwei Bauern«, oder wenn man will: Türme gegen Läufer. Wer sich mit Hiarcs näher beschäftigt, wird schnell herausfinden: Konstellationen, welche dieser Motor manchmal enorm einfallsreich handhaben kann. 29.Td1 Kg7 30.b3 axb3 31.Dxb3 Die Stellung verdient ein Diagramm...

 

1r6/3b2kp/1q2pnp1/1p1p4/2r5/PQN3PP/4N1BK/3RB3 b - - 0 31

...denn sie ist derart komplex, verrückt und variantenreich, wie das nur zwei Computerprogramme zustande bringen - so daß ich das Weitere der Bequemlichkeit halber gleich ganz unkommentiert lasse! Ich glaube, beide Engines stehen klar auf Verlust...! (Oder doch auf Gewinn? Viel Spaß bei der eigenen Analyse!)

31...Tf8 32.Sf4 Da6 33.Sce2 Da4 34.Dxa4 bxa4 35.Lc3 Kg8 36.Sd3 Lb5 37.Le5 Tcc8 38.Sc3 Lc4 39.Ld6 Tfe8 40.Sxa4 Lb3 41.Tf1 Se4 42.Lxe4 dxe4 43.Sdc5 Lxa4 44.Sxa4 Tc2 45.Kh1 Td8 46.Lb4 Td5 47.Te1 Td3 48.Tg1 e3 49.Sc5 Td4 50.h4 e5 51.Sb3 Td8 52.Te1 Td3 53.Sa1 Ta2 54.Kg1 Kf7 55.Tc1 Ke6 56.Le1 Tdxa3 57.Sc2 Tb3 58.Sb4 Te2 59.Sa6 Tbb2 etc. 0-1

Turnier »Die Prophylaxe«

1  Shredder 6.02     12.0/18
2  Chess Tiger 14.0  10.5/18
3  Yace 0.99.56      10.0/18  84.75
4  Fritz 7           10.0/18  84.50
5  SOS.2 for Arena    9.5/18
6  Junior 7           9.0/18  75.75
7  Crafty 18.14       9.0/18  73.75
8  CM8000 Pillen      8.0/18
9  Hiarcs 8           7.0/18
10 Nimzo 8            5.0/18

 

10. Die Grundstellung

Wie für den Maler die leere Staffelei, für den Komponisten das leere Notenblatt oder für den Literaten das leere Schreibpapier, so kann für den Schachspieler die Grundstellung sowohl Himmel wie Hölle bedeuten: himmlisch, wenn die Inspiration fließt, höllisch wenn alles leer bleibt... Computerprogramme kennen allerdings solche emotionalen Wechselbäder nicht - arme Teufel!
Weniger pathetisch: Wie geht moderne Schach-Software - natürlich ohne jedes »Book« - mit der ältesten und wichtigsten und schwierigsten aller Stellungen um: der Grundstellung?

 

rnbqkbnr/pppppppp/8/8/8/8/PPPPPPPP/RNBQKBNR w KQkq - 0 1

Als Einstieg sei ein kleiner Apéro serviert:
1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.d4 exd4 4.e5 Se4 5.Dxd4 d5 6.exd6 Sxd6 7.Sc3 Sc6 8.Df4 Sf5 9.Lb5 Ld6 10.De4 De7 - Wissen Sie, zwischen wem, wo und wann sich diese »Russische Verteidigung« ereignete? Kasparov gegen Karpov, New York 1990, meinen Sie? Nur die halbe Wahrheit: Exakt dasselbe spielte sich auch zwischen dem Schachprogramm Chessmaster8000 und dem Schachprogramm Fritz7 ab - in dem Schweizer Computer-Turnier »Grundstellung«, Frühjahr 2002... (Beide Partien endeten übrigens remis).

Noch ein Häppchen gefällig?
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.0-0 Lc5 5.c3 0-0 6.d4 Lb6 7.Lg5 h6 8.Lh4 g5 9.Sxg5 - Das sei GM B. Ivkov gegen IM M.Aaron gewesen, Tel Aviv 1964? Nicht doch, diesen »Spanier« legten die Engines Shredder6.02 und Yace 0.99.56 aufs Brett, Schweiz 2002. (Beide Anziehenden gewannen).

Wie meinen: noch mehr?
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.Lb5 Sd4 5.Lc4 c6 6.Sxe5 d5 7.exd5 Ld6 8.Sf3 Sxf3 9.Dxf3 0-0 - Vielleicht das »Vierspringerspiel« IM B. Bogdan vs. IM S.Polgar, Ljubliana 1994 (0-1)? Gewiß - aber auch Hiarcs8 vs. Chessmaster8000, Schweiz 2002 (1-0) etc.etc.
Notabene alles gespielt ohne einen einzigen dieser riesigen Variantenkoffer, welche moderne Großmeister in ihrem Kopf mitzuschleppen und am Turnierbrett aufzuklappen pflegen! - Soviel also mal grundsätzlich zu dem weitverbreiteten, aber dummen Gerücht, Computer-Software ohne Opening-Datenbank sei ausserstande, eine Schachpartie vernünftig zu beginnen... -

Dieser Artikel will auf jedwede Prozent- und-Score-Statistik (nicht nur aus Platzgründen...) verzichten; im »Download« sind alle 900 Partien dieser 10 Turniere verfügbar bzw. ist genug Material auch für Statistiker vorhanden.  Darum hier nur ein paar wenige Zahlen, denn:

a) Was spielen die Engines als ersten Zug am liebsten?
Man ahnt es schon: 8 der 10 beteiligten Programme bewegen auf Turnierstufe (hier: 120Min/Engine) den Königsbauern nach e4. Die weitere Recherche mit anderen Kommerziellen und Freeware's legt die Hochrechnung nahe: weit über 90% der knapp 200 zurzeit verfügbaren Engines (bzw. -Versionen) dürften e2-e4 bevorzugen.

b) Welche Eröffnungen werden gespielt?
Gemäß a) liegt auf der Hand, daß knapp 50% aller 90 Partien mit 1.e4 e5 begannen. Danach untergliedern sich die Offenen Eröffnungen vorwiegend in Russisch, Lettisches Gambit oder das Läuferspiel (je nach Farbe der Programme).
Die Halboffenen Spiele sind vor allem mit Skandinavisch und Französisch vertreten, und zwei Programme verfielen tatsächlich auf die »geschlossenen Ideen« Damenbauernspiel und Reti-Eröffnung.
In Sachen Eröffnung ist also konzeptionell die Software des Jahres 2002 noch tief in der Romantik der Schachgeschichte verwurzelt. Wie zu Zeiten eines Paul Morphy, da die Ablehnung eines Gambits noch einem persönlichen Faux-pas gleichkam, will man das Zentrum nicht beherrschen, sondern besetzen, um baldmöglichst mit mobilem Figurenspiel in die andere Bretthälfte zu gelangen, Linien zu öffnen und Königsangriffe anzuzetteln. Das hat mit modernem Schach zwar nichts zu tun, ist aber höchst amüsant zu beobachten. Vor allem aber: es ist das Spiel, das die Rechner wirklich beherrschen. Möglichst schnell die Voraussetzungen für Kombinationen schaffen, möglichst schnell angreifen und möglichst schnell mattsetzen - Schach könnte so einfach sein!
Wenn da nur die Eröffnungstheorie nicht wäre, und mit ihr die »Book-Cooker«, welche das überschäumende Temperament in geordnete (manchmal auch völlig falsche) Bahnen zu legen versuchen... Womit wir bei dem eigentlichen Grund dieses kleinen Experimentes wären, nämlich der Frage, ob ein Zusamenhang bestehe zwischen dem »Eröffnungskonzept« einer Engine und ihrer grundsätzlichen Mittelspiel-Ausrichtung:

c) Wie spielen sie ohne Buch?
Natürlich wurden nicht nur 90 Partien lang GM-Dubletten produziert, sondern es spielten sich (so ganz von jeder Leitplanke verlassen) auch wahre Tragödien ab - wiewohl das gesamte Turnier nun nicht ganz so ernst zu nehmen ist, wie das hier tönen mag...

Junior:Wenn ein Programm nicht d2-d4 spielen sollte, dann ist das diese Engine. Von ihrer Art her ganz auf Sturm und Drang hin angelegt, kommt es zwangsläufig zu solcherlei:
Junior 7 - Fritz 7
1.d4 d5 2.Sc3 Sf6 3.Lf4 e6 4.h4 etc. 0-1
...oder auch zu solchem:
Junior 7 - Shredder 6.02
1.d4 Sf6 2.Sf3 d5 3.Dd3 etc. 0-1

Nimzo:  Gewiß ist auch Nimzo das letzte Programm, dessen »Philosophie« irgendwas mit der oft schwerblütig-positionellen Französischen Verteidigung zu tun:
CM8000 Pillen - Nimzo 8
1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5 c5 4.Sf3 cxd4 5.Sxd4 Lc5 etc. 1-0

Crafty:Dieser Amateur pflegte gleich mehrere Eröffnungsgrundsätze gleichzeitig zu mißachten - beispielsweise in
Shredder 6.02 - Crafty 18.14
1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 De7 4.Sf3 Dxe4 5.Le2 Lb4 6.c3 Le7 7.0-0 0-0 8.Te1 Te8 9.d4 etc. 1-0

SOS.2 for Arena:Besonders exotisch auch der Letzte des Turniers
SOS.2 for Arena - Shredder 6.02
1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 De7 4.d4 Sc6 5.Sxc6 Dxe4 6.Le2 dxc6 7.0-0 Ld6 8.Lg5 Dg6 9.f4 0-0 10.Sc3 Lf5 11.g4 etc. 0-1

Angesichts solcher bizarrer Eröffnungsbilder wird das ganze Experiment einigermaßen fragwürdig. Andererseits bin ich überzeugt, daß die 90 Partien dieses Turniers die eine oder andere eröffnungstheoretisch hochinteressante Neuerung enthält - ohne das nun im einzelnen rechechiert zu haben.

Jedenfalls aber ist erstaunlich, daß zum Beispiel ein Hiarcs ein absolut sauberes Französisch hinkriegt (eine Eröffnung bislang völlig contre coeur von Schachprogrammen)...
Chess Tiger 14.0 - Hiarcs 8
1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5 c5 4.c3 Sc6 5.Sf3 Db6 6.a3 c4 7.Le2 Ld7 etc. ½-½

... oder ein Fritz (auch ohne Eröffnungsdatenbank) keine 10 Züge braucht, um den Unsinn in Nimzo's Reti-Eröffnung zu widerlegen:
Nimzo 8 - Fritz 7
1.Sf3 d5 2.c4 d4 3.d3 Sc6 4.Lf4 e5 5.Sxe5 Df6 6.Sxc6 Dxf4 7.Sa5 Sf6 8.h3 De5 9.Sb3 a5 etc. 0-1

Ein besonderes Vergnügen ist es aber, dem Chessmaster beim Improvisieren zuzusehen; das Programm scheint grundsätzlich den Adrenalin-Kick eines geopferten Bauern zu brauchen, bevor es voll aufdrehen kann - wirklich ein Gambit-Spieler der dritten Dimension:
CM8000 Pillen - Chess Tiger 14.0
1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sf3 De4 4.Le2 Dg6 5.d4 Dxg2 etc. 1-0
Nimzo 8 - CM8000 Pillen
1.Sf3 d5 2.c4 Sf6 3.cxd5 e6 4.dxe6 Lxe6 etc. 0-1

Kurzum: Ich glaube nicht, daß die 2x5-Unterteilung der nachstehenden Rangliste Zufall ist: Die Top-Five-Programme in der internationalen Turnierarena sind auch jene, welche die wesentlichsten Eröffnungsprinzipien intus haben - und umgekehrt.

Turnier »Die Grundstellung«

1   Hiarcs 8           13.0/18
2   Fritz 7            12.5/18 100.50
3   Chess Tiger 14.0   12.5/18  94.25
4   CM8000 Pillen      12.0/18
5   Shredder 6.02      10.5/18
6   Yace 0.99.56        8.0/18
7   Junior 7            7.0/18
8   Nimzo 8             5.5/18
9   Crafty 18.4         5.0/18
10  SOS.2 for Arena     4.0/18

 

Quo vadis, Computerschach?

Damit wären wir am Ende unseres tour d'horizon durch den riesigen und wilden, aber schönen und bis dato kaum erschlossenen Dschungel des strategischen Computerschachs angelangt. Der Autor ist sich natürlich des grundsätzlichen Defizits eines solchen Unterfangens bewußt: Auch Dutzende Seiten lang über 900 Partien mit zehn der weltbesten Programmen zu reden wird einem solchen Thema nicht mal ansatzweise gerecht.
Kommt hinzu, daß Facts Facts sind, Interpretation aber Interpretation - ohne Subjektivität ist auch über das Schachspiel kaum zu diskutieren.
So versteht sich denn diese kleine Arbeit als ein Stein des Anstoßes, der andere, hoffentlich differenziertere Untersuchungen ins Rollen bringen möge.

Denn jahrelang haben wir uns (leider zu recht) angewöhnt, Computerschach nicht in einem Atemzug mit Schachstrategie zu nennen. Nach dieser meiner vielstündigen Beschäftigung mit dem Thema bin ich überzeugt, daß wir diesbezüglich schleunigst umdenken sollten.
Was man heutzutage von den Engines auf den Monitor gestellt kriegt, nötigt nicht nur dem Technik-Freak, sondern inzwischen auch dem Schachspieler grössten Respekt vor moderner Programmierkunst ab. Sogar die internationale Großmeister-Riege beginnt davon je länger je lauter ein Lied zu singen - und Schachkultur-Pessimisten zittern schon lange dem Tag entgegen, da es ganz verstummen könnte.

Auch ohne moderne Schlagwörter wie »Künstliche Intelligenz« oder »Neuronale Technik«  wird also der von den kreativsten Köpfen unter den Engine-Autoren längst eingeschlagene Weg des Weg-vom-Rechnen-hin-zum-Wissen zu neuen Erfolgen führen. Zwar dürfte sich der bisher ca. jährliche Neuheiten-Zyklus (wohl zum Leidwesen der kommerziellen Anbieter) verlangsamen, aber ein »Ende der Fahnenstange« (wie oft zu hören und zu lesen) sehe ich weder bei der Soft- noch bei der Hardware. Schach ist zwar hochkomplex, aber berechenbar, und es wäre das erste Mal, daß der Mensch irgendwo stehenbliebe. Schlimmstenfalls ist das eine Frage des Generationen-Wechsels.

Weniger euphorisch bin ich im Hinblick auf die Amateur-Szene im Computerschach. In diesen zehn Turnieren spielten die drei gegenwärtig seit langem erfolgreichsten Freeware-Programme mit, doch schaut man sich nicht nur ihre Ergebnisse, sondern vor allem ihre Spielkultur an, so hat sich der qualitative Abstand zwischen der Profi- und der Amateur-Szene eher noch vergrössert. Zwar dürften sich in fünf Jahren wohl 300 statt »nur« 150 dieser Freeware's im Internet feilbieten - die Knowhow-Differenz zum »Profi-Lager« wird keiner dieser ebenso schöpferischen wie strebsamen »Einzelkämpfer« dauerhaft überwinden.
Das ist auch anders gar nicht denk-, ja nicht mal wünschbar. Denn Schachprogrammierung auf höchstem Niveau setzt heute ganz bestimmte monetäre, strukturelle und mediale Rahmenbedingungen voraus - Voraussetzungen, die das Amateur-Computerschach allenfalls in Zusammenschlüssen zu einzelnen kleinen Teams bieten könnte. Doch eine solche »Kommerzialisierung« des Amateurbereichs wäre erst recht fatal  - vor allem für den Computerschach-Freund und -Anwender, der sich an einer möglichst großen Anzahl unterschiedlichster Programme delektieren will.

Seien nun die »guten« Engines teuer und die »schlechten« gratis (oder umgekehrt) - dem Traum, den eigenen Großmeister ins Wohnzimmer zu kriegen, sind wir Anwender mit der neuesten Software-Generation wieder ein Stück weit nähergekommen. Bleibt trotzdem sehr zu hoffen, daß darob kein Schachspieler vergißt, wo der PowerOff-Knopf des Computers - und wo eigentlich das eigene, doch einst so schöne Schachbrett liegt!

Ganz zum Schluss sei noch kurz die Titel-Frage (»Wie schlecht spielen sie wirklich?«) geklärt, klipp und klar in aller Deutlichkeit beantwortet:
Sie spielen wirklich nicht schlecht...
 

Schlussrangliste

    Programm           Pkt.    Games

 1  Chess Tiger 14.0   112.5 / 180
 2  Fritz 7            107.5 / 180
 3  Hiarcs 8           103.5 / 180
 4  Shredder 6.02      103.0 / 180
 5  Junior 7           100.5 / 180
 6  CM8000 Pillen       97.5 / 180
 7  Nimzo 8             74.0 / 180
 8  SOS.2 for Arena     71.5 / 180
 9  Yace 0.99.56        67.0 / 180
10  Crafty 18.14        63.0 / 180

(Rothenburg/CH, Februar 2002)

 

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