Strategie bei Schachprogrammen 1


 

 

Wie schlecht spielen sie wirklich?

Was Schachprogramme vom »Minoritätsangriff« und anderen Strategien verstehen
Teil 1

Der Begriff des »Schachwissens« wurde und wird in der Computerschach-Szene ebenso häufig wie nebulös verwendet. Denn zwar ordnen sowohl Anwender wie Programmierer dieser oder jener Engine allzu gerne das (menschliche) Attribut »wissend« bei, doch selten erfährt das auch eine schachlich begründete Konkretisierung. Die nachfolgende Studie will ein erstes Licht in diesem Dunkeln anzünden: Anhand zehn wichtiger »klassischer« Motive der Strategie soll mit zehn der besten aktuellen Engines die Frage beleuchtet werden, in welchem Masse moderne Schachprogramme zu systematischem Spiel fähig sind.

Kein Zweifel: geht's um die taktischen Fähigkeiten des Computerschachs, hat heutzutage der Mensch deprimiert zu akzeptieren, dass »Fritz&Co« grundsätzlich jeden Grossmeister in Grund und Boden zu kombinieren vermögen. Und bekanntlich häuften sich in den letzten Jahren beängstigend die Prominenten-Skalps, welche sich die Ply-Monster bereits ans Blechgehäuse heften konnten. Rechnen können die Rechner...
Diskutiert man jedoch über das positionelle und damit über das strategische Mittelspiel der Engines, dann wird ebenso deutlich: der planvollen Intelligenz des homo sapiens hat bisher noch keine Software Analoges entgegenzusetzen - so zumindest der bisherige Tenor aller »Experten«.
Doch stimmt das wirklich in dieser Unbedingtheit? Hier das tumb rechnende Byte-Ding, das sich von Zug zu Zug evaluiert - dort der planende, weit vorausschauende Mensch, der stringente Partie-Konzepte realisiert? Hier die Grossmeister, die »Urteil und Plan« (Euwe) im Einklang organisieren - dort die Programme, für die jede Position bloss ein je frisches »Auswahlverfahren« darstellt? Oder trifft gar das Dritte zu: »Fritz&Co« hier und »Nimzowitsch&Co« da handhaben das Schach dermassen inkompatibel, dass die Jahrhunderte lang erarbeiteten Denk-Muster des Menschen im Zusammenhang mit den Software-Techniken ins Leere laufen müssen?

Um das im praktischen Engine-Spiel zu verifizieren, suchte ich in der theoretischen Schachliteratur nach verschiedenen »archetypischen«, je eine spezifische strategische Idee beinhaltenden Stellungen, welche die zehn Programme jeweils in einem doppelrundigen Turnier mit 120minütiger Bedenkzeit auszuspielen hatten. (Um die Kämpfe einigermassen repräsentativ für zurzeit weiteste Kreise der Computeranwender zu halten, wählte ich folgende Konditionen: P3/866Mhz; 64Mb Hashtables; Pondern off; 4-5steinige Nalimov-Tablebase). Als GUI kam Fritz 7 zum Einsatz, wobei sowohl keine Opening-Books zugelassen als auch alle Learning-Funktionen abgeschaltet wurden.

Die Intention dieser Untersuchung ist nicht nachvollziehbar ohne ein paar Vorbemerkungen:
a) Die zehn verwendeten Strategeme decken selbstverständlich nicht das ganze Arsenal des Positionsspiels ab; Dutzende weiterer Motive wären noch einzubeziehen (Guter/schlechter Läufer, Transformation, 7./8. Reihe, Zentrum-Sprengung, Überdeckung, Positionelles Qualitätsopfer, etc.). Andererseits gilt definitiv: ohne die Kenntnis gerade dieser 10 unverzichtbaren Elemente ist erfolgreiches Schachspielen (zumindest für den Menschen...) undenkbar.
b) Die Wahl der eingesetzten Programme hatte sich erst mal mit meinen persönlichen Vorlieben zu decken; diese zehn »Motoren« dürften aber auch objektiv die momentane Crème de la Crème der Schach-Programmierung darstellen.
c) Die folgende Studie ist kein Stellungstest: Es sind nicht irgendwelche »einzig wahren« Ausnahme-Züge zu finden, und einige Positionen schliessen ein (im Gewinn-Sinne) anderes strategisches Herangehen als das gefragte keineswegs aus. Pointiert ausgedrückt: Nicht das Was interessierte mich, sondern das Wie. Gleichwohl beinhaltet jede Stellung einen grossmeisterlichen, in der Praxis effizientesten »Königsweg«.
d) Beim Beurteilen von Computerschach-Partien ist grundsätzlich die Gefahr der Vermenschlichung gegeben. Werden in diesem Artikel also Begriffe wie »Plan«, »Idee«, »Strategie«, »Wissen«, »Urteil«, »Verständnis« o.ä. verwendet, so sind sie immer cum grano salis zu nehmen - auch einfach in Ermangelung einer besseren Terminologie. Denn meines Wissens existiert diesbezüglich (noch) kein exakt definierter Wortschatz als Computerschach-Analogon zum menschlichen Katalog von Fachausdrücken. (Bereits dieses sprachliche Defizit weist ja überdeutlich auf den grundsätzlichen Unterschied von Human- und Software-Schach hin.)
e) Gespielt wurden zehn thematische Turniere (mit insgesamt 900 Partien), verteilt auf einen Zeitraum von ca. sechs Monaten - doch ich war nicht auf der Suche nach einem »besten Programm«! Denn abgesehen davon, dass die allgemeine Turnier-Performance einer Engine natürlich von vielen weiteren Faktoren abhängt: Die 10 Ranglisten wollen nur sehr grob über das Vermögen einer Engine in gegebener Stellung orientieren. Wen Computerschach wirklich interessiert, der muss sich einige Dutzend Partien aus dieser Sammlung schon genauer antun...(siehe "Downloads") Im Artikel selber kann aus Platzgründen nur ein winziger Bruchteil der notwendigen Analysen und Partie-Beispiele Aufnahme finden. -

Beginnen wir mit dem Rückgrat jeder Schachpartie: ihrer Bauernstruktur. Bauernzüge sind irreversibel, entsprechende Schwächen also irreparabel. Eine der gravierendsten dieser Schwächen ist

1. Der rückständige Bauer

Die folgende Stellung (aus Capablancas instruktivem »Grundzüge der Schachstrategie«) zeigt das Problem dieser häufigen Schwäche:

r1bq1rk1/pp2bppp/2n2n2/2Pp4/8/2N2NP1/PP2PPBP/R1BQ1RK1 b - - 0 9

Der schwarze Bauer auf der halboffenen c-Linie ist hoffnungslos zurückgeblieben, wird zur Angriffsmarke der weissen Schwerfiguren. Capablanca lapidar über diese seine Lehr-Position: »Ein erstklassiger Meister wird sie als Weisser stets zum Gewinn führen.« Das Verfahren gegen den »Rückständigen« ist bekannt: 1. Blockieren 2. Belagern 3. Vernichten. Und wenn auch oft die Eroberung des Bauern allein (zumal in Turmendspielen) nicht zum Gewinn reicht, so zeitigt die Manövrierunfähigkeit des Verteidigers meist eine zweite, dann tödliche Schwäche.

Schauen wir uns an, wie eine starke Engine mit diesem positionellen Motiv umgeht.
ChessTiger 14 - Hiarcs 8
1.Tc5! f6 2.f4 c6 3.Tec1 Tac8 4.Dc3 Die gesamte Artillerie auf das festgezurrte Bäuerlein, und der entstehende weisse Freibauer auf d5 als die zweite schwarze »Schwäche« - es gibt kein Entrinnen. 4...fxe5 5.dxe5 Nicht gerade nach den Regeln der Kunst, die das Schlagen hinein, nicht hinaus gebietet. Immerhin wird so schwarzes Gegenspiel am Königsflügel erschwert, und Weiss kann sich in aller Ruhe an den Gegner heranarbeiten. Hiarcs windet sich noch ein paar Züge, doch der Tiger setzt schon zum finalen Biss an. 5...d4 6.Dd3 Tf8 7.g3 Tfd8 8.b4 De6 9.T1c2 Kf7 10.De4 Ke8 11.a3 d3 12.Td2 Td5 13.Txd3 Txc5 14.bxc5 Da2 15.Dd4 De6 16.Dd6 Kf7 17.Dd7 Dxd7 18.Txd7 etc. 1-0
Das Vorgehen des Programms macht hier einen zwingenden, weil systematischen Eindruck - das Strategem wurde offensichtlich verstanden.

Man mag einwenden, diese Stellung sei trivial - aber das ist sie nur auf den ersten Blick. Zieht nämlich der Weisse ohne jedes Konzept herum, droht die Position schnell ins Remis zu kippen. Oder der Schwarze gewinnt sogar(!), wie folgendes Negativ-Beispiel zeigt:
CM8000 Pillen* - Shredder 6.02
1.Dc3 Tac8 2.Df3 c6 3.Da3 a5 4.Tc5 a4 5.De3 f6 6.f4 Df5 7.e6 Kg7 8.b3 axb3 9.axb3 Tc7 10.Tcc1 b4 11.Te2 h5 12.Tee1 Dg4 13.Tc2 h4 14.Tcc1 h3 15.g3 Df5 16.De2 Kh8 17.Kf2 Kg7 18.De3 Dg4 19.Tc2 Df5 20.Tc5 g5 21.Kf3 g4 22.Kf2 Ta7 23.De2 Ta3 Das ziellos-taktische Tändeln des Chessmaster hat die weisse Stellung gründlich verdorben, bereits ist die Remis-Schwelle erreicht. Und der sonst so findige CM treibts noch bunter... 24.Txc6 Txb3 25.Tb6 Te7 26.Kf1 Kg6 27.Kg1 Tb1 28.Kf2 Txe1 29.Kxe1 Db1 30.Dd1 De4 31.De2 Dh1 32.Kd2 f5 33.Tc6 b3 34.Tc1 Dg2 35.Kd3 Ta7 Der Rest ist Schweigen... 0-1
(*The King spielte in allen Turnieren mit den Settings von Markus Pillen).

Die »Rangliste« sah schliesslich so aus:

Turnier »Rückständige Bauern«

1  Chess Tiger 14   12.0/18
2  Shredder 6.02    11.5/18
3  Fritz 7          10.5/18  88.75
4  Hiarcs 8         10.5/18  83.75
5  CM8000 Pillen     9.0/18  77.75
6  Junior 7          9.0/18  75.00
7  Nimzo 8           8.0/18
8  Crafty 18.14      7.0/18
9  Yace 0.99.56      6.5/18
10 SOS.2 for Arena   6.0/18

 

2. Der Isolani

In einer Partie Kostic-Marshall (Karlsbad 1911) entstand nach den Zügen 1.d4 d5 2.Sf3 c5 3.c4 e6 4.cxd5 exd5 5.Sc3 Sc6 6.g3 Sf6 7.Lg2 Le7 8.0-0 0-0 9.dxc5 die folgende charakteristische Position:

r1bq1rk1/pp2bppp/2n2n2/2Pp4/8/2N2NP1/PP2PPBP/R1BQ1RK1 b - - 0 9

Der vereinzelte, von seinen Nachbarn nicht mehr unterstützte Bauer d5 muss hier das Leitmotiv sowohl der weissen wie der schwarzen Spielführung sein. Ein »Isolani« kann aus verschiedensten Eröffnung resultieren (hier ganz typisch aus der Tarrasch-Verteidigung des Damengambits) - und ist schon seit Generationen von Theoretikern ein positioneller Zankapfel erster Güte: ist er nun schwach oder stark?

Hier jedenfalls lassen sich die strategischen Notwendigkeiten klipp und klar zusammenfassen: Weiss wird diesen Bauern (insbesondere das schwache Feld vor ihm) mit aller Kraft unter Druck setzen, während der Schwarze aus der Schwäche eine Stärke machen will, indem er einerseits den Isolani als taktischen »Rammbock« und anderseits die Felder c4 und e4 als wirkungsvolle Figuren-Stützpunkte zu verwenden droht. Quasi prallen also zwei »Philosophien« aufeinander - und nimmt man noch hinzu, dass Schwarz am Zuge hier eigentlich nur zwei, dafür total verschiedene Züge zur Auswahl hat (nämlich Le7xc5 und d5-d4), so verspricht der Kampf zwischen zehn ganz unterschiedlich spielenden Schachprogrammen interessant zu werden. Denn aggressivere Engines werden den scharfen Gambit-Zug d4 anwenden, während die »Soliden« zum sicheren Lxc5 greifen.

Eine interessante Statistik dieses Turniers vorneweg: 35 Weiss-Siegen stehen bloss 15 Schwarz-Siege entgegen. Offensichtlich spielen  die Programme weitaus besser gegen als mit dem Isolani (ganz im Gegensatz zu seinem glühendsten Verehrer S. Tarrasch, der zeitlebens »sein« System durch alle Böden hindurch verfocht.) Von den 15 Schwarz-Gewinnen wiederum geht ein Drittel allein auf das Konto von Shredder! Dieses Programm handhabt den »Vereinzelten« geradezu virtuos - und dabei ausgerechnet mit der Taktik-Variante d5-d4! (Auch ein Hinweis darauf, dass der ehemals brav-gediegene Shredder inzwischen zum gefährlichen Aggressor mutiert ist).

Ein beinahe lehrreiches Exempel einer aktiven Isolani-Führung gegen zu passive Verteidigung ist die folgende Partie:
Crafty 18.14 - Shredder 6.02
9...d4 10.Sa4 Zwar eine theoretische Buch-Fortsetzung dieser Variante, doch in der ganzen Partie sieht dieser Hüpfer nur den Zaun, nie die Weide... 10...Lf5 11.Sh4 Le4 12.f3 Ld5 Dieselbe Stellung kam in einer Begegnung Bogoljubow-Maroczy (1932 in Bad Sliac) aufs Brett, wobei nun »Bogo« statt Craftys Sf5 das kräftigere 13.e4 spielte. Zieht nämlich der weisse Bauer nicht auf, wird er vom Isolani de facto als rückständig markiert und in der Folge das Feld e3 zur möglichen Drehscheibe des Schwarzen.   13.Sf5 Le6 14.Sxe7 Dxe7 15.Lf4 Tfd8 16.Dd2 Das ist zu passiv - und letztlich die Quelle aller kommenden Ärgernisse für Weiss. Besser: 16.e4 dxe3 17.Ld6 Nun demonstriert Shredder instruktiv, wie man den Isolani als Stützpunkt für Figurenangriffe einsetzt. 16...Sd5! 17.b3 Sxf4 18.Dxf4 Ld7 19.De4 Strebt dem Endspiel entgegen, wo der »Isolierte« wieder zur Schwäche und der weisse Mehrbauer sehr vielversprechend würde, aber... 19...Df6 ...Shredder erhält sich seinen Raumvorteil. 20.Tad1 Te8 21.Dd5 Tad8 22.Tfe1 Lh3! Kräftig. Der weisse Läufer als möglicher Verteidiger von e2 wird ausgeschaltet. Obwohl Crafty bis jetzt bestimmt keinen Riesenbock geschossen hat, ist er positionell bereits überspielt. 23.Dc4 Lxg2 24.Kxg2 Te3 Der Isolani macht`s möglich... 25.Kf2 Dh6 26.h4 Df6 27.Db5 De7 28.Dc4 Te8 29.Kf1 De5 30.Kg2 d3 Ausgerechnet der schwache Single wird zum starken Sargnagel! Nach einigen weiteren Zügen warf Hyatt`s Engine das Handtuch. 0-1

Lässt sich hingegen die Isolani-Partei auf Vereinfachungen ein, bekommt sie für ihre Bauernschwäche (bzw. für den Minus-Bauern) zu wenig Kompensation und wird im Endspiel  oft zusammengeschoben - wie das Fritz in der nächsten Partie (gegen einen der momentan gefährlichsten Angreifer überhaupt) beweist:
Fritz 7 - Junior 7
9...Lxc5 10.Lg5 d4 11.Lxf6 Dxf6 12.Se4 De7 13.Sxc5 Dxc5 14.Tc1 Soweit die Eröffnungstheorie - und bereits nähert man sich dem Übergang ins Endspiel... 14...Db4 15.Dc2 Lg4 Schwarz hatte das Problem, ein vernünftiges Entwicklungsfeld für den Läufer zu finden. Trotzdem wäre 15...h6 16.Tfd1 Td8 17.a3 Db5 18.Td3 Le6 19.Dd2 Tac8 wohl solider gewesen. 16.Sg5! g6 17.Se4 De7 18.Tfe1 Tfe8 19.Dd2 Tad8 Nun folgt eine Abtausch-Orgie... 20.Sc5 Lc8 21.Sxb7 Lxb7 22.Lxc6 Lxc6 23.Txc6 d3 24.e3 ...wonach ein Endspiel-Typus entsteht, den jeder Isolani-Spieler zu fürchten hat wie der Teufel das Weihwasser! 24...De4 25.Tec1 h5 26.T6c3 Te7 27.Tc4 Df3 28.Te1 Df6 29.Dc3 Dxc3 30.bxc3 Tb7 31.Td1 Tb2 32.a4 Tb3 33.Kg2 g5 34.e4 g4 35.Td2 a5 36.h4 Kf8 37.f3 Ke7 38.fxg4 hxg4 39.Kf2 Tb1 40.Td4 Txd4 41.cxd4 Tb4 42.Txd3 Txa4 43.Ke3 Es dauerte noch eine Reihe von Zügen, bis auch Junior die Partie als aufgabereif einschätzte. 1-0

Hat hier der Gewinner plan-voll gespielt? Nun, zumindest systematisch auf Abtausch - das war der »Plan«! So oder ähnlich hätte sich das m.E. durchaus auch zwischen zwei menschlichen Meistern abspielen können - was kann man besseres über eine Computerschach-Partie sagen?!

Im dritten Beispiel illustriert der Turnier-Erste Hiarcs, wie man sich auf dem Feld vor dem Isolani häuslich einrichtet:
Hiarcs 8 - Nimzo 8
9...Lxc5 10.Lg5 Le6 11.Tc1 Le7 12.Sd4! Dd7 In Marshall(!)-Rubinstein (Carlsbad 1911) kam es hier zum Springertausch, doch nach 12...Sxd4 13.Dxd4 h6 14.Lxf6! Lxf6 15.Dd3 Da5?! ...und solcher Habgier... 16.Sxd5 Lxb2 17.Tb1 Tad8 18.Tfd1 Dxa2? ... sowie diesem Fingerfehler... 19.Dd2 Lxd5 20.Lxd5 ...war schon bald das Ende vom schwarzen Lied:1-0 13.Dd2 Tad8 14.Tfd1 Lh3! Listig: Wäre ein Isolani-Bedroher weniger... 15.e3? Übertölpelt. Ohne diesen schönen Läufer wird's langweilig. Nein, ein Angreifer war Hiarcs noch nie... Kräftiger wäre beispielsweise 15.Lh1 Tfe8 16.a3 Dg4 17.Lf3 Dxd4 18.Dxd4 Sxd4 19.Txd4 gewesen, und Nimzo hätte noch einen weiten Weg vor sich. Es reicht nicht, den Isolani zu stoppen, man muss ihn auch attackieren... 15...Lxg2 16.Kxg2 Dg4 17.Lxf6 Lxf6 18.f3 Dg6 19.Scb5 Sxd4 20.Sxd4 Hier gehört er auch hin, der Anti-Isolani-Springer. Solange Schwarz in solchen Positionen ruhig bleibt, kommt Weiss aber kaum weiter. 20...Tfe8 21.Te1 Le5 22.a4 Dd6 23.b4 g6 24.Ted1 De7 25.Kf2 Tc8 26.Txc8 Txc8 27.Se2 Td8 28.b5 b5 Ein letzter Versuch, etwas in Gang zu setzen - vergeblich. Der Schwarze hatte und hat ne Menge Remis-Züge. 28...Dd7 29.Da5 b6 30.Dd2 Dh3 31.Kg1 De6 32.Kg2 De7 33.Dd3 Db4 34.Sd4 Dxa4 35.Sc6 Te8 36.Dxd5 Nimzo ist seine einzige Sorge los, und der Rest ist noch langweiliger - also ½-½

Turnier »Isolani«

1  Hiarcs 8           12.0/18  102.25
2  Shredder 6.02      12.0/18  97.50
3  Chess Tiger 14.0   10.5/18
4  Fritz 7            10.0/18
5  Junior 7            9.0/18
6  SOS.2 for Arena     8.5/18  75.00
7  Crafty 18.14        8.5/18  70.25
8  CM8000 Pillen       7.5/18
9  Nimzo 8             6.5/18
10 Yace 0.99.56        5.5/18

 

3. Die Hängenden Bauern

Wie der Isolani gehören auch die sog. »Hängenden Bauern« zu jenen Bauernstrukturen, für deren Bekämpfung sich in der theoretischen Literatur (bzw. in der praktischen Turnier-Arena) schon früh eine wirksame Methode durchsetzte: Man nehme die beiden so lange unter Beschuss (v.a. mit den Türmen), bis einer von ihnen vorzurücken gezwungen ist, wonach das Feld vor seinem Kollegen unheilbar schwach ist und (vorzugsweise mit einem Springer) okkupiert werden kann. Dieser Plan funktioniert in 3 von 5 Fällen auch - aber sein Erfolg hängt (wie alles im Schach...) von der konkreten Situation ab.

So ergab sich 1914 in einem Moskauer Schaukampf zwischen Bernstein und Capablanca die nachstehende Position:

r4rk1/p3bppp/1q3n2/2pp4/8/2N1PN2/PP2QPPP/2R2RK1 b - - 0 15

Der Kubaner strafte hier die klassische Lehre (»Rücke nie einen Hängenden vor, es sei denn zum Zwecke des Angriffs«) Lügen und zog 1. ...c5-c4! Vordergründiges Resultat: Das Feld d4 kann weisser Umschlagplatz werden, und der rückständige Bd5 wird zur prächtigen Zielscheibe. Doch wie ein Genie wie Capablanca sieht, wiegen die Vorteile des Zuges seine Nachteile auf: Der schwarze Läufer wird als Verteidiger urplötzlich zum Angreifer, aber vor allem hat Schwarz nun seinerseits eine rückständige Schwäche im weissen Lager geschaffen, nämlich den Bb2!

Die ambivalente Dynamik dieser Stellung ist (vor bald 100 Jahren entstanden!) typisch eher für das moderne Schach: Strategische Grundsätze ja, aber nur gegebenenfalls... (Capablanca gewann übrigens die Partie - dank Bernsteins sehr gütiger Mithilfe -, doch trotz c5-c4 dürfte die obige Stellung für Schwarz nicht zu gewinnen sein; jedenfalls ist mir keine entspr. ausführliche Analyse bekannt).

In dieser Position sind Schachprogramme total konservativ: Keine einzige Engine verfiel auf die Idee c5-c4. Die Angst vor dem Loch d4 wurde offenbar stärker gewichtet als die Aktivierung des Läufers. Ohne den raumgreifenden Bauernzug wird jedoch das Spiel der Software schnell langweilig; fast die Hälfte der 90 Partien ging unentschieden aus.

Bemerkenswert ist aber, dass ausgerechnet die Freeware-Engine SOS mit »Hängenden« offensichtlich  prächtig umzugehen versteht - deutlich besser als die drei Riesen Fritz, Nimzo und Yace! Das scheint mir nicht einfach Turnier-Zufall zu sein; doch ob SOS tatsächlich entsprechende Implantate mit sich rumträgt, weiss nur sein Schöpfer Rudolf Huber...
Glaubt man allen einschlägigen, in Fachpresse und Internet publizierten Computer-Ranglisten, ist Fritz 7 das gegenwärtig weitaus erfolgreichste aller Schachprogramme. Umso erfrischender ist es, diesen Goliath mal gegen einen David so richtig leiden zu sehen... - wie in der folgenden Begegnung:

Fritz 7 - SOS.2 for Arena
15...Tab8 Der Lieblingszug der Programme in dieser Stellung. 16.b3 De6 17.Tfd1 h6 18.Dd2 Tfd8 19.Dc2 a6 20.Se2 Ld6 21.h3 Tb4 22.Td3 Tb6 23.Tcd1 Tb7 24.Kh1 Tbd7 Bis jetzt die üblichen Manöver in solchen Partien: Weiss greift die Hängenden an, Schwarz verteidigt sie. 25.Sc3 Le7 26.T3d2 Te8 27.Te1 g6 Das könnte noch ewig so weitergehen, doch nun reisst Fritz nicht nur der Geduld-, sondern auch der Partie-Faden. 28.e4? d4 Operation gelungen (einen Hängenden zum Vorrücken gezwungen, den anderen zum Rückständigen gestempelt) - aber Patient gestorben! Der schwarze gedeckte Freibauer bindet nun Fritzens Kräfte äusserst lästig. 29.Sa4 Tc8 30.Sb2 Sh5 31.e5 Sf4 32.Te4 g5 33.Sd3 Sxd3 34.Dxd3 Tc6 35.Kg1 Td5 36.Tde2 Td8 37.Sd2 Dg6 38.Sc4 Te6 39.Te1 Te8 Das selbe Spiel wie vor 15 Zügen, bloss eine Reihe weiter rechts. Doch diesmal ist Weiss unter Beschuss. 40.Df3 h5 41.a3 Lf8 42.Kh2 Lg7 43.b4 Lf8 44.Db3 Tb8 45.T1e2 Df5 46.Kg1 Fritz muss auf engstem Raum manövrieren, SOS bewegt sich weiträumig: sein Freibauer schneidet die weisse Armee exakt in zwei Hälften! 46...Tb5 47.Dd3 cxb4 48.a4 Tb8 49.Dxd4 b3 Der eine Freibauer ist endlich weg, doch der andere ist umso gefährlicher. 50.Db2 Lc5 51.Kh1? Ratlosigkeit. 51.Sd2 Tc6 52.Sf3 g4 53.hxg4 Lxf2 54.Kxf2 hxg4 55.T4e3 gxf3 56.gxf3 sähe doch etwas besser aus. 51...g4 52.h4 Td8 53.Dxb3 Lxf2 54.Dc2 Dem CB-Flaggschiff gehen allmählich die Züge aus. Aber auch 54.Db1 Lxh4 55.Sd6 Dg6 56.Db4 Lg3 57.Kg1 Lxe5 58.Txe5 Texd6 59.g3 Td1 60.Kf2 hilft nicht wirklich. Das Druckspiel des »Amateurs« gefällt sehr! 54...Lxh4 55.Se3 Dg6 56.Sf1? Vielleicht ein Zeitnot-Bock? Doch alles andere verliert genauso, z.B. 56.Kh2 g3 57.Kh3 Lf6 58.Tf4 Dxc2 59.Sxc2 Lxe5 56...Tc6 57.Tc4 Txc4 58.Dxc4 Td1und der Sack ist zu - die Kapitulation erfolgte bald: 0-1

Turnier »Hängende Bauern«

1  Hiarcs 8           12.0/18
2  Shredder 6.02      11.0/18  92.75
3  SOS.2 for Arena    11.0/18  92.75
4  Junior 7           10.5/18
5  Chess Tiger 14.0   10.0/18
6  CM8000 Pillen       9.5/18
7  Nimzo 8             8.5/18
8  Fritz 7             8.0/18
9  Crafty 18.14        5.5/18
10 Yace 0.99.56        4.0/18

 

4. Der Jürgen-Sturm

Wenden wir uns nun zwei standardisierten Angriffsverfahren zu, deren Technik auf dem Prinzip des »Bauernhebels« beruht, und die in der Turnierpraxis (des Menschen...) bereits tausendfach bewährt sind: dem Jürgen-Sturm und dem Minoritätsangriff. Beides sind Flanken-Attacken, der erste am Königs-, der andere am Damenflügel.
Die poetische Umschreibung »Jürgen-Sturm« - der heilige St.Georg/Jürgen streitet wider den Drachen - führte Hans Kmoch (»Die Kunst der Bauernführung«) in die Literatur ein. Gemeint ist die Bekämpfung einer ganz bestimmten Bauern-, nämlich der sog. »Drachen-Formation« (Bauern h7/g6/f7), wie sie nicht nur im Sizilianer, sondern auch in diversen Indischen Systemen zu finden ist:

6k1/5p1p/6p1/8/8/5P2/6PP/2K5 w - - 0 1

Das technische Verfahren ist so einfach wie schwierig (...): Der weisse h-Bauer wird nach h5 vorgestossen, wo er als Abtausch-Hebel auf g6 wirkt. Die so geöffnete h-Linie wird anschliessend mit weisser Artillerie in Beschlag genommen.
Ein paradigmatisches Beispiel für diesen gefährlichen Angriff findet sich in der Partie Byrne-Ciocaltea/Hastings 1971, wo sich nach dem einleitenden »Modernen Drachen«1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 g6 6.Le3 Lg7 7.f3 0-0 8.Dd2 Sc6 9.Lc4 Ld7 10.Lb3 Tc8 11.0-0-0 Se5 die nachstehende Ausgangslage ergab:

2rq1rk1/pp1bppbp/3p1np1/4n3/3NP3/1BN1BP2/PPPQ2PP/2KR3R w - - 0 12

Byrne fackelte hier nicht lange (wie hunderte andere Meisterspieler auch, die den uralt-heiligen Kampf gegen den Drachen kämpfen müssen...) und zog sofort mit 12. h4! vom Leder; er gewann die Partie sehr anschaulich nach oben erwähntem Muster: 12... Sc4 13.Lxc4 Txc414.g4 b5 15.h5 b4 16.Sd5 Sxd5 17.exd5 Da5 18.Kb1 Tfc8 19.hxg6 fxg6 20.Dh2 h6 21.Td2 Dxd522.Sf5 De6 23.Lxh6 gxf5 24.Lxg7 Kxg7 25.Te2 Df6 26.g5 Dxg5 27.Tg2 Tg4 28.fxg4 Lc629.Dh7 Kf8 30.Th5 De3 31.Dxf5 1-0

Etwas vorsichtiger agieren hier die Schachprogramme: keines spielt sofort h2-h4, erst wird mit g2-g4 (allerdings auch thematisch), oft zuerst noch mit a2-a3(?!) sondiert - was dann wiederum nicht einfach Zugumstellung bedeutet, sondern völlig neue Stellungsbilder ergeben kann. Auf welcher Seite des Brettes ihre Zukunft liegt, weiss hingegen (fast) jede moderne Engine: Die f-, g- und h-Bauern sitzen hier (bei lang rochiertem König) locker.
Crafty ist eine Negativ-Ausnahme: er liess sich regelmässig von den Schwarzen mit taktischem Geplänkel im Zentrum und an seinem Königsflügel ablenken - und vermochte dementsprechend nur eine einzige Partie zu gewinnen (diese aber ausgerechnet gegen Super-Angreifer Chessmaster!).

Der unumstrittene Software-König des Flankenangriffs dürfte zurzeit Junior sein. Das Programm liebte die Randbauern schon in früheren Versionen sehr, doch mit der Version 7 bekamen die entspr. Angriffe nun Hand und Fuss... Fulminante Attacken wie die folgende reitet der »Israeli« nicht selten:


Junior 7 - Crafty 1.14
12.a3 Sc4 13.Lxc4 Txc4 14.g4 Db8 15.h4 b5 Das alte sizilianische Lied: Wer ist schneller? 16.h5 b4 17.axb4 Dxb4 18.Sb3 Se8? Eine vermeintlich angriffige Öffnung der Läufer-Diagonale. Der Drache faucht, aber St.Jürgen ist schneller... 18. - Tfc8 kam in Betracht. 19.hxg6 fxg6 20.Dh2 Kf7 21.Kb1 Vorsichtig - und gut, denn Bauerngrabschen auf h7 würde zum Bumerang: 21.Dxh7 Th8 22.Dxh8 Lxh8 23.Txh8 Txc3 (Da wäre es wieder, das berühmt-berüchtigte Sizilianische Qualitätsopfer) 24.bxc3 Dxc3 25.Th7 Kg8 und Schwarz hält noch gegen. 21...Lc6 22.Ld2 Th8 23.Df4 Kg8 24.Dg5 Lf6 25.Da5 Db6 26.Sd5 Db7 27.Sxf6 exf6 28.Lh6! So kann man einen gegnerischen Turm natürlich auch dingfest machen. Der Raumvorteil des Weissen ist offensichtlich. 28...La4 29.Sd4 Dc7 oder 29...Kf7 ist bereits egal. 30.Dd5 Df7 31.b3 Dxd5 32.exd5 Tb4 33.Kb2 Ld7 34.Se6 Tb8 35.Ta1 Ta8 36.Ta6 Lb5? Ein Fehler in schlechter Stellung - hier ist der Läufer nicht zu halten. Allerdings ist guter Rat schon teuer, z.B. 36...Lc8 37.Ta2 Lxe6 38.dxe6 mit deutlichem weissem Vorteil. 37.Ta5 a6 38.Tha1 Tb8 39.Sd4 Sc7 40.Sxb5 Txb5 41.Txb5 Sxb5 42.Txa6 Kurios ist nicht nur der schwarze Turm, sondern auch die allmähliche Verlagerung des Kampfes von »rechts nach links«: Was mal als gefährliches Untier begann, endete als verschrecktes Pony... 1-0

Eine Kurz-Lektion in Sachen »St.Georg gegen Drachen« erhielt der brandneue Hiarcs vom anderen Raubtier, dem Tiger:
Chess Tiger 14 - Hiarcs 8
12.g4 a6?! Verliert ein wichtiges Tempo. Sofort b5 (oder Sc4) war angezeigt. Nun kommt des Tigers Grollen schnell näher. 13.h4 b5 14.h5 Sc4 15.Lxc4 Txc4 16.hxg6 fxg6 17.e5 Sxg4? Holla! Hiarcs als Meistertaktiker?! Wohl eher erste Panik. Wenn schon opfern, dann die Qualität auf c3 - oder (solider) mit 17...b4 18.exf6 bxc3 19.Dd3 cxb2 20.Kb1 Txd4 Gegenspiel suchen. 18.fxg4 Lxg4? Ein Fehler ruft den nächsten: der Bauer e5 wär's gewesen - was am Partieausgang jedoch schlussendlich nichts geändert hätte. 19.Tdg1 dxe5 20.Txg4 exd4 21.Dh2 Der »Jürgen-Bauer« lässt grüssen... 21...Tf1 22.Txf1 dxc3 23.Th1 1-0

Halten wir (ganz trivial) fest - und wer die restlichen 88 Partien dieses Jürgen-Turnieres analysiert, sieht das bestätigt -:
Wo der Gegner auch nur kleinste Anhaltspunkte für einen Königsangriff hergibt, greifen moderne Engines kompromisslos an, und zumindest die Top-Ten der Programme wissen inzwischen (fast) immer, in welchem Bereich des Brettes die taktische Musik spielt.

Turnier »Jürgen-Sturm«

1  Junior 7           14.5/18
2  Chess Tiger 14.0   13.0/18
3  Fritz 7            11.0/18  91.25
4  CM8000 Pillen      11.0/18  91.25
5  Shredder 6.02       9.0/18
6  Hiarcs 8            7.5/18
7  Nimzo 8             7.0/18  69.75
8  SOS.2 for Arena     7.0/18  50.00
9  Yace 0.99.56        6.5/18
10 Crafty 18.14        3.5/18

Weitaus schwieriger wird es, wenn die Software nicht gegen den König, sondern gegen bestimmte Punkte planen muss - wie beispielsweise im sog. Minoritätsangriff:

 

5. Der Minoritätsangriff

Grundsätzlich ist dieses Motiv immer dort zu finden, wo eine Bauern-Minorität gegen eine Bauern-Majorität antritt. Eingebürgert hat sich der Begriff aber für das Verfahren in einer spezifischen Bauern-Struktur (mit Weiss häufig aus dem Damengambit, mit Schwarz entsprechend aus gewissen sizilianischen Abspielen resultierend):

6k1/pp3ppp/2p5/3p4/3P4/4P2P/PP3PP1/6K1 w - - 0 1

Rein technisch ist diese Form des Flanken-Angreifens ein Hebel-Analogon zum Jürgen-Sturm: der b-Bauer stösst bis b5 vor, wo Schwarz entweder schlagen kann (was dem Weissen die c-Linie für die Türme öffnet), oder schlagen lassen kann, was den Bauer c6 als angreifbaren »Rückständigen« deklariert. Im Gegensatz zum »Jürgen« winken aber dem Minoritätsangriff keine (Königs-)taktischen Früchte, sondern oft »nur« positionelle Lorbeeren.

Ein reines Vergnügen ist es, dem Weltklassespieler Paul Keres beim Minoritätsangriff zuzuschauen:

Keres,P - Najdorf,M
Margate 1939
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 d5 4.Lg5 Le7 5.e3 0-0 6.Sf3 Sbd7 7.cxd5 exd5 8.Ld3 c6 9.Dc2 Te8 10.h3 Sf8 11.0-0 Sh5 12.Lxe7 Dxe7 13.Tab1 Sf6 14.b4 Le6 15.Sa4 Se4 16.Sc5 Sd6 17.a4 f6 18.Tfc1 Lf7 19.Sd2 g6 20.b5 cxb5 21.axb5 Tec8 22.Db3 Sd7 23.Db4 Se4 24.Sdxe4 dxe4 25.Lxe4 b6 26.Lxa8 bxc5 27.Txc5 Sxc5 28.Lc6 a6 29.dxc5 axb5 30.Dxb5 1-0

Können so etwas auch Schachprogramme? Nehmen wir mal die Stellung nach Najdorfs 12. Zug...:

r1b1rnk1/pp2qppp/2p5/3p3n/3P4/2NBPN1P/PPQ2PP1/R4RK1 w - - 0 13

... und lassen sie 90 Turnier-Runden lang von 10 der besten »Motoren« ausspielen...

Das Ergebnis (um es vorwegzunehmen) überraschte mich (als Nicht-Programmierer): Es hat den Anschein, als liesse sich ein derartiges (verhältnismässig abstraktes) Strategem tatsächlich in Bits und Bytes ummünzen. Jedenfalls legt diesen Schluss z.B. die folgende Partie nahe:
Fritz 7 - SOS.2 for Arena
13.Tab1! Ein solcher Turmzug macht nur dann Sinn, wenn die Absicht b2-b4 dahinter steckt. Der Bauernzug wiederum kann für das Programm nicht allein das Verhindern von c6-c5 bezwecken, sondern impliziert weiteres Vorgehen (wie der Partieverlauf zeigt). Fritz will gegen c6 hebeln - verblüffend! 13...g6 14.b4 a6 15.Sa4 Tb8 16.Sc5 Sg7 17.a4 Lf5 18.b5 Ein Minoritätsangriff, wie er jedem Lehrbuch gut anstünde. 18...cxb5 19.axb5 a5 20.b6 Sfe6 21.Tb5 Sxc5 22.Txc5 Tec8 23.Lxf5 Txc5 24.dxc5 Sxf5 25.Ta1 Ta8 26.Dc3 a4 27.g4 Der intakten weissen Bauernstruktur stehen drei zerrüttete Inseln des Schwarzen auf dem Damenflügel gegenüber - die Minderheit hat die Mehrheit kräftig überstimmt... 27...Sh4? Für Königsflügel-Mätzchen hat SOS längst keine Zeit mehr; der Springer wird dringend auf der anderen Seite gebraucht - allerdings auch nicht mehr lange... 28.Sxh4 Dxh4 29.c6 bxc6 30.Dxc6 Tb8 31.Txa4 Dxh3 32.Dc7 Txb6 33.Dxb6 1-0
Ob die Spielweise von Fritz nun jemand »Zug um Zug« oder dann »nach Plan« titulieren will, ist in praktischer Hinsicht unwichtig: auf dem Brett erschien ein reinrassiger Minoritätsangriff - das Programm hat ihn intus.

Nichts am Hut mit Minderheiten will hingegen (u.a.) der Chessmaster haben, immerhin Zweiter des Turniers: Blockierte Bauernstellungen waren und sind dieser Engine ein Greuel - weshalb selten am Rande, sondern fast immer im Zentrum attackiert wird. Ich kenne kein Programm, das einem offenen Zentrum (und damit verbunden der Figurenmobilität) solche Priorität einräumt wie der CM - bis hin zu selbsterfundenen Gambits. Diese Einstellung ist nur einem  kombinatorischen Monster wie dem Chessmaster zu empfehlen - andere Programme wären dabei taktisch überfordert...
Ein abschliessendes (unkommentiertes) Beispiel, wie Keres vielleicht auch ohne Minoritätsangriff zum Erfolg hätte kommen können, will ich hier nicht unterschlagen:
CM8000 Pillen - Nimzo 8
13.Tfe1 Le6 14.Sa4 Lc8 15.e4 dxe4 16.Lxe4 Le6 17.Sc5 Sf6 18.Tac1 Tad8 19.Da4 a5 20.Lf5 Dc7 21.Sxe6 Sxe6 22.Lxe6 fxe6 23.Dc2 Td5 24.Db3 Te7 25.Te2 Dd6 26.Tce1 Tb5 27.Dc2 Te8 28.Te5 Td5 29.De2 c5 30.dxc5 Txc5 31.Txe6 Dxe6 32.Dxe6 Txe6 33.Txe6 b5 34.Te5 Td5 35.Kf1 Kf8 36.Ke2 b4 37.g3 h5 38.Ke3 Kg8 39.Txd5 Sxd5 40.Kd4 Sf6 41.Se5 g5 42.Sc6 h4 43.gxh4 gxh4 44.Ke3 Kf7 45.Sxa5 1-0

Turnier »Minoritätsangriff« 

1  Fritz 7             12.5/18
2  CM8000 Pillen       11.5/18
3  Chess Tiger 14.0    10.5/18  93.25
4  Nimzo 8             10.5/18  83.00
5  Hiarcs 8             9.5/18  75.75
6  Junior 7             9.5/18  75.25
7  Shredder 6.02        9.0/18
8  Yace 0.99.56         7.5/18
9  SOS.2 for Arena      5.0/18
10 Crafty 18.14         4.5/18

 

_______________________________________________________ 

Teil 2 behandelt die strategischen Motive Das starke Feld, die offene Linie, die Blockade, die Prophylaxe und die Grundstellung und zieht ein abschliessendes Resumée.
Dieser Artikel wurde erstmals in dem Computerschach-Magazin "CSS"/2002 publiziert.

(Rothenburg/CH, Februar 2002)

 

Kostenlose Homepage erstellen bei Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!