Amateur-Programme


 

Blunder Check
bei Amateur-Programmen

Warum spielen Amateur-Schachprogramme deutlich schwächer als die «Kommerziellen»? Wo liegen die taktischen und positionellen Schwierigkeiten der «Freebies» hauptsächlich? Wo haben sie im Vergleich mit den «Profis» ihre größten Verbesserungspotentiale? 

Die Gründe, warum die Gratis-Engines schon seit vielen Jahren immer bloß die zweite Geige spielen, sind vielfältig. Rein «äußerlich» betrachtet liegt eine Antwort auf der Hand: Amateur-Programmierer investieren (natürlich) sehr viel weniger Zeit bzw. Tests in die Entwicklung ihrer Engines als ihre professionell arbeitenden Kollegen.

Doch diese Antwort kann so recht nicht befriedigen (und hat in vielen Fällen den Touch einer Ausrede.)
Denn es sind, wie sich zeigen lässt, vielmehr die schachlichen Patzereien, ja regelrechten «Schach-Bug's», welche in den Engine-Matches immer wieder zu abrupten Niederlagen der «Freeware» führen.
Diese regelmäßigen «Aussetzer» (Blackouts) widerfahren kommerziellen Profi-Programmen sehr viel seltener, und das wiederum hat auch mit der langen Programmier-Erfahrung, der technischen Fertigkeit und der hohen Kreativität zu tun, welche die Vertreter der Profi-Gilde mobilisieren können; das ist in der Schachprogrammierung nicht anders als in anderen wissenschaftlichen oder künstlerischen Disziplinen.

Ich habe zahlreiche aktuellsten Partien von 20 der gegenwärtig besten Amateur-Engines im Hinblick auf solche «Schach-Bug's» untersucht, nämlich Games von:

AnMon, Anaconda, Aristarch, Baron, Crafty, DanChess, Frenzee, Fruit, Glaurung, Jonny, Movei, Naum, Pharaon, ProDeo, Quark, SOS, SmarThink, Spike, Yace, Zappa.

(Detaillierte technische Hinweise zu den verwendeten Freeware-Programmen hält die Homepage von Leo Dijksman bereit:
WBEC Ridderkerk. Die Partie-Stellungen selbst stammen zumeist aus dem riesigen Turnier-Fundus, den hunderte von fleissigen Engine-Tester aus aller Welt täglich von neuem mit ihren vielen im Netz publizierten Privat-Matches generieren: Datenbank mit über 500'000 Computerschach-Partien.

Dabei ließen sich drei typische Fehler-Kategorien ausmachen:

A) Die Königssicherheit - B) Das Endspiel -  C) Die Verteidigung in schlechter Stellung

(Für Programmierer dürften also die insgesamt 80 Stellungen besonders instruktiv sein.)

Die folgenden Beispiele sind beinahe paradigmatisch für diese drei wichtigsten Formen von «Schachblindheit» bei Freeware-Programmen.

 

A) Die Königssicherheit

Ein besonders illustratives Exempel einer sträflichen Missachtung der Königssicherheit findet sich nachfolgend, wo AnMon (Christian Barreteau) eigenhändig und ohne Not seinen Bauernschild vor dem Monarchen öffnet:

 

AnMon Blunder Nr.02
31.gxh5?

AnMon 5.51 - Movei 0.08.295
31.gxh5? [Besser: 31.f3 oder 31.g5] 31...gxh5 32.Se2 [32.Se4 Lxd2 33.Sxd2 (33.Sxf6 Dxf6 34.Txd2 Tg8 35.f4 (35.f3 Ld7-+) 35...Ld7-+; 33...Tg8 34.Sf1 h4-+] 32...Lc7-+ und Schwarz drang später auf der offenen g-Linie siegreich mit Türmen und Läufern durch.

Viele andere «Freebies» würden sich AnMon hier mit dem kariösen 31.gxh5? anschliessen - ein Muster-Fall von Rochade- bzw. Königs-Schwächung bei Amateur-Programmen.

Eine bereits geschädigte Rochade hat man im nächsten Beispiel vor sich. Anstatt sich um den bedrängten König zu kümmern bzw. aus der Not eine Tugend zu machen und mit 21.Tg1 einen Gegenangriff anzuzetteln, will Fruit (Fabian Letouzey) auf dem anderen Flügel Material erobern, was den Weißen gehörig in die Bredouille bringt:

 

Fruit Blunder Nr.04
21.a5?

Fruit 2.0 - Crafty 19.15
21.a5? Lc7 22.Dxb7 [22.Se5 Lxe5 23.dxe5 Sd7 24.d4 Txf4 25.exf4 Sf5‚] 22...Lxf4 23.Dxa8 [23.exf4 Sd7-+] 23...Ld6 24.Se5 [24.Sh4 g5 25.Tg1 Dh5-+] 24...Lxe5 25.dxe5 [25.Dxa7 Ld6 26.f4 Sf5-+] 25...Df7-+ und die Lage des Anziehenden ist hoffnungslos.

Solcher Materialismus in Kombination mit Berechnungsschwächen (bzw. «Horizont»-Effekten) findet unter der Freeware immer noch weit mehr Opfer als bei den «Kommerziellen».

 

B) Das Endspiel

war schon immer die ganz besonders anfällige Achilles-Ferse der Amateur-Engines: Es ließen sich wohl zig-tausende von Turnierpartien finden, in denen das Gratis-Programm im Mittelspiel noch mit seinem Profi-Kontrahenten mithalten konnte, aber dann im Endspiel (bzw. in der Übergangsphase) urplötzlich einbrach.

Nachstehend verschenkt Pharaon (Franck Zibi) ein wertvolles Tempo, anstatt sich mit 33...Te8 in der offenen e-Linie entgegenzustemmen:

 

Pharaon Blunder Nr.03
33... Kd8?

Aristarch 4.5 - Pharaon 3.2
33...Kd8? 34.Tc1 Te8 [34...Tg6 35.Dd2 Db6 (35...De7 36.Ld3+-; 35...a2+ 36.Ka1+-) 36.Tc5+-]
35.Dd2 Db6 [35...Te6 36.Lg4 Tg6 37.Lh5+-; 35...Dd7 36.Ld3+-] 36.Lf3 f6 [36...Te7 37.Ka2 Lb7 38.Tc5+-; 36...Te6 37.Ka2 Tf6 38.Lg2+-] 37.Ka2 Te6 [37...Ld7 38.Tc5+-] 38.h4+-

Im Endspiel sind bekanntlich neben einem gewissen schachlichen Knowhow v.a. präzises Rechnen sowie aktives Gegenspiel gefragt. Gerade gegenüber diesen drei Forderungen tun sich aber die «NonKommerziellen» deutlich schwerer als die Profis, wie beispielsweise Zappa (Anthony Cozzie) «demonstriert»:

 

Zappa Blunder Nr.04
61... Kf6?

DanChess CCT7 - Zappa 1.0
61...Kf6? [Richtig war 61...Kd4] 62.Tf3+ Ke7 [62...Ke5 63.Td3 Th1+ (63...a4 64.g7+-) 64.Kg8 Tc1 (64...Th4 65.Td5+ Kf6 (65...Ke6 66.Tb5+-) 66.Td6+ Kg5 67.g7+-; 65.Td5+ Kf6 (65...Ke4 66.Tg5 Kf4 67.Kf7+-) 66.Td6+ Kg5 67.Tc6+-] 63.g7+-

Hinkt eine Engine auf den obigen drei Beinen, helfen grundsätzlich auch keine Nalimov-Tablebases weiter (so diese überhaupt von der Amateur-Engine unterstützt werden).

 

C) Die Verteidigung in schlechter Stellung

beherrschen Profi-Schachprogramme mittlerweile geradezu virtuos. Wer diesbezüglich die Games von Shredder&Co. abklopft, wird über den verblüffenden «Einfallsreichtum» der «Kommerzis» gerade in scheinbar hoffnungsloser Lage staunen. (Übrigens eine Zähigkeit, die den Menschen im Kampf gegen die Silikanten regelmäßig zur Verzweiflung treibt; Man muss ein Profi-Schachprogramm hundertmal totschlagen, bis es wirklich tot ist - und auch dann ist man noch nicht ganz sicher...)

Amateur-Engines steht diese Cleverness im Aufspüren versteckter Verteidigungsressourcen offenbar nicht in gleichem Maße zur Verfügung, sie brechen auch hier deutlich schneller ein:

 

Frenzee Blunder Nr.03
15...Td8?

Spike 09 - Frenzee 159
Unter Preisgabe eines Bauern könnte Frenzee (Sune Fischer) hier mit 15...a6 16.Txd5 Sd7 noch ein Gegenspiel organisieren -
stattdessen: 15...Td8? 16.Lg5 Td7 [16...Tc8 17.Dxd5 h6 18.Lh4+-] 17.Te1 Sa6 [17...g6 18.f4 Lf8 19.f5 h6 20.Ld2 g5 21.Te5+-] 18.Lf5 Tc7 19.Txd5+- und die Show ist vorbei.

Auch im letzten Beispiel kann dem Verteidiger nur noch die berühmte Flucht nach vorne (=Materialopfer) helfen, doch Yace (Dieter Bürssner) sieht das rettende 22.Sd6 nicht, sondern zieht desaströs:

 

Yace Blunder Nr.01
22.Sa3?

Yace 0.99.87 - Thinker 4.7a
22.Sa3? De8 23.Sb1 [23.Te1 c4 24.Sc2 (24.bxc4 bxc4-+) 24...cxb3 25.axb3 Sc3-+] 23...c4 24.bxc4 bxc4-+

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Alle 80 Positionen/Analysen finden sich hier:

Amateure-BlunderCheck (CBH&EPD - ZIP/24kb)

 


PostScriptum: Der Autor arbeitet zurzeit an einer Test-Sammlung,
welche ausschliesslich gravierende «Schachblindheiten"
von kommerziellen Engines beinhaltet. Auch hier ist
das Ziel eine Art Typologie der hauptsächlichen Defizite.

(Rothenburg/CH, April 2005)

 

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