Das gibt es wirklich? 2. Teil


Der Trick an der Fleischtheke

 

Eine Kaufhausdetektivin erzählt:

Wie das so ist, wechselt in so einem großen Kaufhaus in dem ich seit einiger Zeit Hauptdetektivin bin, des Öfteren das Personal. Das ist nicht ungewöhnlich. Aber warum das Personal so oft wechselt, das hat verschiedene Gründe. Warum Bernadette Hagenbuttner ihren guten Job aufgegeben hat und jetzt hier im Kaufhaus arbeitet, das war mir anfangs nicht klar. Man lernt zwar das Personal schnell etwas oberflächlich kennen, aber nicht immer die Gründe, warum sie ihren bisherigen Job aufgegeben haben und jetzt hier arbeiten. Doch bei Bernadette kam ich ganz allmählich dahinter, warum Bernadette zu uns ins Kaufhaus gewechselt hat.

Die 32-jährige Bernadette Hagebuttner, hatte zuvor in einer Metzgerei in der Stadt, nicht weit von unserem Kaufhaus, gearbeitet. Warum sie jetzt unbedingt in einem Kaufhaus arbeiten will, war mir schleierhaft. In der Stadtmetzgerei arbeitete sie täglich von morgens 7 Uhr bis abends 18 Uhr und eine Stunde Mittagspause und zwischendurch einmal eine Viertelstunde Frühstückspause. Samstags arbeitete sie von morgens halb 7- bis Mittags etwa 14 Uhr. Dagegen hier im Kaufhaus muss sie länger arbeiten, und bekommt auch noch weniger Geld. Und vor halb 9 Uhr abends kommt sie nicht nach Hause. Ich beobachtete Bernadette ein paar Tage um herauszufinden warum sie sich arbeitsmäßig zum Nachteil verändert hat. Es war mir dabei nichts Besonders an ihr aufgefallen, nur dass sie sich ab und zu bückte um ein Stückchen vom Besten aus der Fleischtheke schnell fast ohne Kauen herunter zu schlucken. Das ist so alltäglich, das machen die Verkäuferinnen mehr oder weniger alle, sie dürfen sich nur nicht vom Personalchef erwischen lassen. Dabei ist die Kamera immer auf sie gerichtet, aber deshalb bücken sich die Wurstverkäuferinnen immer so oft, damit sie der Kamera und dem Personalchef entgehen. Bisher ist es dem Personalchef sicher noch nicht aufgefallen, dass die Wurstverkäuferinnen und auch die in der Backwarenabteilung sich des Öfteren bücken. Oder er hat es bemerkt und denkt sich, sie würden sich die offenen Schuhsenkel binden.

Nebenbei bemerkt, hatte eine Wurstverkäuferin - das war vor meiner Zeit - innerhalb einem halben Jahr, dank ihrer fetten Lieblingswurst, die Salami, die sie ständig in gebückter Haltung verschlungen hat, 25 Kg zugenommen. Und das auf Kosten unseres Kaufhauses. Wobei sie vorher schon fast 25 Kg Übergewicht hatte. Sie musste ja – damit es nicht auffällt - die Salami fast ungekaut herunterschlucken und das in gebückter Haltung. Doch dann wurde sie von einer Kundin verraten, weil diese sich geärgert hatte, dass die Bedienung sie mit vollem Mund bedient hätte. Ja, ja, man sollte den Mund nie zu voll nehmen, besonders wenn man fremdes Eigentum im Mund hat…

Sie wurde dann wegen Mundraub gefeuert. Den Mund hat sie zwar nicht geraubt, sondern die fette Salami. Warum es dann Mundraub heißt? Es hätte auch noch gefehlt, dass ihr das Kaufhaus ihre Fettabsaugung in der Kur bezahlt hätte. So erzählte man mir von einer Bäckereiverkäuferin, die sich hier im Kaufhaus kurz bevor sie Mittagspause machte, jedes Mal unter ihre Schürze einige Stückchen Kuchen in eine Plastiktüte steckte und sie dann vor unserem Kaufhaus hinter einer Hecke verschlang. Da sie sehr füllig war, fiel dass nicht auf, dass sie was unter der Schürze versteckt hatte. Eines Tages hatte sie es übertrieben und es fielen ihr zwei Stückchen Kuchen aus der überfüllten Tasche unter ihrer Schürze, direkt dem Abteilungsleiter vor die Füße. Das war ihr letzter Arbeitstag in unserem Kaufhaus…und bekam danach eine saftige Strafe, wegen Mundraub und Diebstahl. Danach war sie erst einmal arbeitslos. Jetzt arbeitet sie in einer Imbisstube. Ob sie da auch klaut? Kann sie auch, denn es ist ihre eigene Imbissbude. Wenn man von morgens früh bis abends spät fast auf einem Platz hinter der Theke steht, wie eine Kuh im Stall, dann kann die Zeit lang werden. Die Verkäuferinnen machen da schon was mit. Die Kunden sind oft nicht gerade freundlich, was auch aufs Personal abfärbt, oder auch umgekehrt. „Nein das ist mir zu fett, das ist mir zu groß, das ist zu klein“, und so weiter. Verkäufer/innen können davon ein Lied singen, egal ob sie Wurst, Brot oder Obst verkaufen. Und manche Kunden haben die dumme Angewohnheit, alles anzutatschen und draufdrücken.

Gehen wir zu zurück zu Bernadette an den Wurst- und Fleischstand. Ich wollte schon meine Beobachtungen gegenüber Bernadette einstellen, da fiel mir irgendwie auf, seit Bernadette hier an der Fleischtheke arbeitet, kommt ein junger Mann mindestens 4 Mal am Tag, der dann Fleischwaren bei Bernadette kauft, oft zwei große Tüten voll. Er ließ sich jedes Mal von Bernadette bedienen. Ich dachte zuerst der wäre in Bernadette verliebt, aber die ist bestimmt doppelt so alt wie er, aber das soll es ja auch geben, dass junge Männer doppelt so alte Frauen lieben. Vielleicht kauft er für seine Kollegen auf der ganzen Baustelle das Frühstück und das Mittagessen und noch das Abendessen und so. Es war mir nichts dabei aufgefallen, doch als ich den etwa 15- oder 16-Jährigen jetzt immer öfters sah, machte ich mir schon meine Gedanken, weil er sich immer nur von Bernadette bedienen ließ. Und wenn sie gerade einen anderen Kunden bediente, da wartete der junge Mann bis Bernadette frei war. Ich ging dann etwas näher an die Fleischtheke ran. Das fiel bei den vielen Menschen die hier im Kaufhaus sind nicht auf. Ich wunderte mich als Bernadette die besten Sachen in die Tüte steckte, und dabei den billigsten Preis eintippte. So bekam er zum Beispiel ein Kilo vom besten Schinken für 2 Euro 50. Da die Fleischware in Papierbeutel gesteckt wird, und der Preis auf einem Etikett von Außen fest getackert wird, fällt das niemand auf, dass anstatt der billigen Blutwurst, wie ja auf dem Preisetikett zu erkennen ist, der beste Schinken und Filets in der Tüte sind. Auch wechselte der junge Mann jedes Mal die Kassen am Ausgang zur Lebensmittelabteilung und steckte dann die Ware in ein, zwei Kaufhausplastiktüten. „Aha, so ist das?“, dachte ich mir, „die beiden arbeiten zusammen, aber so dass es niemand auffällt.“ Aber mir ist es aufgefallen. Ich ging jetzt dem jungen Mann nach, wo hin er mit seiner „billigen teuren Ware“ hingeht. Ich hatte schon einen Verdacht den ich 5 Minuten später bestätigt bekam. Der junge Mann ging schnurstracks in die Metzgerei, in der Bernadette zu vor gearbeitet hatte. Dort verschwand der junge Mann nach hinten in den Arbeitsraum. Ich blieb draußen am Metzgereifenster stehen und tat so als wenn ich auf jemand warten würde. Nach einer Minute kam die Chefin, wie ich vermutete und brachte unseren Schinken, Fillets… aus dem Kaufhaus, nach vorne zur Wursttheke. Ich musste unweigerlich an den Herrn denken, der sich in unserer Herrenabteilung die besten Sachen doppelt und dreifach in der Umkleidekabine anzog, und dann seine eigenen Sachen überstülpte und ohne was zu zahlen das Kaufhaus verließ und die Sachen in seiner Herrenboutique teuer verkaufte.  Eine Stunde später war der junge Mann schon wieder bei uns in der Fleischabteilung. „Die müssen ja bald mehr verkaufen wie wir“, dachte ich mir. Aber das soll für den jungen Mann der letzte Einkauf in der Fleischabteilung sein und für Bernadette wird gleich der „Hammer fallen“. So jetzt wusste ich warum der junge Mann so oft zu uns in die Lebensmittelabteilung kommt. Jetzt muss ich ihn nur noch auf frischer Tat ertappen. Seine Einkaufszeiten kannte ich ja inzwischen. Gerade hatte Bernadette wieder die besten Sachen in die Tüte gesteckt. Und wieder mit dem Preis für die billige Blutwurst mit einem Etikett auf der Papiertüte getackert, sagte ich zu dem jungen Mann an der Theke, als er gerade zur Kasse gehen wollte: „Ihre Chefin hat eben angerufen, Sie sollen noch ein Kilo Roastbeef, 2 Kilo Rinderfilets und noch 10 Rumpsteak mitbringen.“ Bernadette und der junge Mann waren mächtig erschrocken. Der junge Mann machte sich danach aus dem Staub und ließ die Tüte vor Schreck fallen. Ich ließ ihn laufen, ich weiß ja wo ich ihn finden kann und ging sofort zum Abteilungsleiter und sagte ihm was ich entdeckt habe. Sofort ging er zu Bernadette. „Kommen Sie bitte mal mit“, sagte er zu Bernadette. Zuerst wurde sie noch frech und raunzte wie wild. „So, das war Ihre letzte Stunde hier im Kaufhaus“, sagte der Kaufhauschef. Ich sagte ihr, dass ich sie und den jungen Mann schon eine Zeitlang beobacht habe und auch dass ich die Metzgerei kenne, die dann unsere Fleischware verkauft. Und hier das in der Tüte, die der junge Mann vorhin vor Schreck hat fallen lassen und das fest getackerte Etikett ist der beste Beweis… Sie sagte mit weinender Stimme: Sie und der Lehrbub wären von der Chefin und dem Chef erpresst worden. „Wieso denn dass?“, fragte ich. „Ja das war so, ich und Leo, der Lehrbub, haben einpaar mal Wurst und Fleisch heimlich mitgehen lassen und wir sind erwischt worden, da hat unsere Chefin und der Chef gesagt, wenn ihr nicht macht was wir wollen, kommt ihr ins Gefängnis. Sie sagten ich müsse ein paar Wochen im Kaufhaus in der Fleischabteilung arbeiten und ich solle dem Lehrbub die besten Stücke einpacken, aber nur wenig berechnen.“ „Auf Ihre ehemaligen Arbeitgeber wird eine saftige Strafe zu kommen, noch saftiger als unsere Schinken sind“, sagte ich, „auch auf Sie und den Lehrjungen wird ein Strafverfahren zukommen.“ O je, das war bitter für Bernadette und den Lehrbuben, aber Diebstahl ist Diebstahl und ob sie noch mal irgendwo eingestellt werden? Und ob, Bernadette arbeitet jetzt wieder in der Metzgerei, wo sie vorher gearbeitet hat. Da braucht sie keine Führungszeugnis von unserem Kaufhaus, wo vielleicht drin stehen würde: Bernadette Hagenbuttner war ehrlich bis auf die Knochen und hat ihre Arbeit immer zur Zufriedenheit getan.“ Für wen wohl? Doch wohl für die Stadtmetzgerei

Besser würde es im Führungszeugnis von Bernadette heißen: Bernadette Hagenbuttner war ehrlich, bis auf die Schinken, Rumpsteaks, Rinderfilets…, die sie als Blutwurst verkauft hat.

Der Lehrling Leo Bindfader, macht noch seine Lehre in der Stadtmetzgerei fertig, ob er in dieser Metzgerei danach bleibt, weiß er noch nicht. Auch der Lehrbub bekommte ein Zeugnis, sollte er den Betrieb wechseln. Was wird da wohl drin stehen? Vielleicht: „Leo Bindfader hat in unserer Metzgerei seine Lehre gemacht. Er war steht’s fleißig und hat immer im Interesse unserer Metzgerei gearbeitet. Wir wünschen ihm auf allen seinen Wegen Erfolg und Glück.“

Ja, ja, die Stadtmetzgerei wünscht ihrem ehemaligen Lehrjungen auf allen Wegen Erfolg. Die Wege von der Metzgerei bis zu unserem Kaufhaus haben ihm keinen Erfolg und auch kein Glück gebracht. Hoffentlich sind die neuen Wege die er begehen wird, für ihn von Erfolg gekrönt, aber hoffentlich nicht nach dem Motto: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Oder auch: Das Fleisch ist billig, aber der Geist ist schwach.                                                     Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei…

Alle Namen sind frei erfunden oder geändert. Übereinstimmungen sind rein zufällig und sind nicht gewollt und wären also rein zufällig!

 

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