Wa(h)re Lüge

 

Im Cyberspace kann man angeblich alles: einkaufen, reich werden, neue Freunde finden und das gesamte Wissen der Menschheit. Die neue Welt mag ein Dorf geworden - sein aber sie ist verlogener als die alte.

(Von Thomas Tuma)

                                              
 

Wahrheit??? Wer fragt nach der Wahrheit, wenn Cindy Crawford (der mit dem Leberfleck) zuhören kann, wie sie von ihrem Baby erzählt? Also, ich nicht. Anfangs!!! Es ist mitten in der Nach, aber das macht dem Mega-Model nichts aus. Zeitverschiebung eben. Sie sitzt irgendwo in der USA, ich an meinem Hamburger Schreibtisch. Egal. Es geht ihr gut. ,,Man muss lernen, sich selbst zu lieben", sagt sie. ,,Wer liebt dich nicht?,, lächle ich. Es ist 3.15 Uhr. Um diese Zeit liebe ich sogar den Instant-Kaffe, der durch meinen Schädel schwappt.

,,Ich fühle mich auch nicht immer gut", sagt sie. Ich nicke. Wir sind allein. Nur sie, ich und .. na ja ... rund 500 andere Zuschauer im Star-Chat von AOL, einer virtuellen Plauderrunde im Nichts des Netzes.

Babystyle.com hat coole Sachen", erzählt Cindy. Baby was? Sie antwortet nicht. Sie redet wie eine Verkäuferin. Sie ignoriert mich und meine nagenden Zweifel, was hier eigentlich echt ist. Dieses Gespräch? Der Star?

Vielleicht plaudert da gar nicht Cindy. Vielleicht bekam sie von AOL nur einen fünfstelligen Scheck und lässt dafür ihre Agentin tippen. Oder gleich die Pressetante von Babydingenssonstwas, das ihren Internet-Auftritt sponsert. Ich kann Cindy nicht sehen, nur lesen. Ich muss ihr glauben. Um 3.30 Uhr glaube ich nichts mehr. In jener Nacht verliere ich endgültig das Vertrauen in das, was die Internet-Industrie mir seit Jahren vorgaukelt.

Ich meine nicht die Illusion, ein Computerkauf sei heute einfach wie Bierholen. Wer je den Verkäufer eines Elektromarktes in seiner turnhallengroßen PC-Ausstellung mit der Bitte ,,Ich möchte einen Computer" überraschte, weiß Bescheid. Ich meine dieses ganze Die-Welt-wird-ein-Dorf-Geschrei, die ewigen Parolen vom Jeder-kann-jeden-treffen-Jederzeit.

Vor einiger Zeit gab es einen IBM-Werbespot, in dem ein grauhaariger Manager seinen Nachwuchs fragte: ,Wieso sollen wir ins Internet?" Der Junge sagte so was wie: ,,Weil wir dort aus einer Mark zwei machen." Das ist das ganze Geheimnis. Der Glaube versetzt Zwerge - in Euphorie. Dass alles im Wandel/Fluss/Rausch ist, am besten gleich explodiert: Umsätze, Nutzerzahlen, Prognosen. Komischerweise hat sich mein mickriges Aktiendepot auch nicht besser entwickelt, seit es bei comdirect.de herumliegt. Um ehrlich zu sein: Es hat sich gar nicht entwickelt.

Vielleicht ist mein Glaube an die Ausrufezeichen nicht stark genug? Gründe eine Garagenfirma! Geh an die Börse mit deinem Cyber-Traum! Mach Millionengewinne mit Millionenverlusten! Analysten werden dich lieben! So läuft das doch: Im Halbschlaf reich werden!

In den USA werden Hobby-Surfer bereits dafür bezahlt, dass sie Werbebanner anklicken, um die Reklamepreise hochzutreiben. Demnächst kauft sicher irgendeine Internet-Klitsche mit dem Phantasie-Vorschuss der Börse DaimlerChrysler oder wenigstens die Deutsche Telekom.

Kauf mich, klick mich, fick mich! Staufreier Verkehr auf dem Daten-Highway Richtung totaler Demokratie. Alles Wissen der Welt für jeden! Jederzeit abrufbar! Revolution, wohin man blickt. Friedlich, ganz klar. Und gratis. Noch klarer. Atemlos geworden? Ich auch, denn meine Cyberspace-Realität war von Anfang an bescheidener.

Als ich mit dem Trüffelschwein einer Suchmaschine wie fireball.de zum ersten Mal eine Bibliothek suchte, fand ich mal 629422 Einträge im World Wide Web, mal gar keine und mal die richtige, die dann aber gleich Geld verlangte.

Dank Freetranslation.com konnte ich immerhin plötzlich Goethes ,,Über allen Gipfeln ist Ruh I In allen Wipfeln I Spürest du / Kaum einen Hauch" vom Deutschen ins Englische ins Französische und wieder zurück übersetzen, bis übrig blieb: ,,Über allem Gipfel / beruhigen Sie / in allem Baum / surpasses ist die Richtung Sie I kaum ein Atemzug".

Das ist in etwa so sinnvoll wie die Beobachtung des Wasserstandes in einer kalifornischen Kaffeemaschine, die Fernlenkung einer Universitäts-Modelleisenbahn oder der Abruf eines Live-Bildes vom Hamburger Hafen. Ich hätte genauso gut aus dem Fenster schauen können statt auf den Bildschirm.

Wieso habe ich es nicht getan? Weshalb glotzen täglich hunderttausende auf virtuelle Fräuleinwunder wie Tina ein ,,Webcam-Girl", das sich rund um die Uhr zu Hause und im Kölner Büro von Online-Spannern beobachten lässt? Warum zahlen sie dafür bei der Hamburger frauenwg.de rund 50 Pfennig pro Minute und bei Porno-Anbietern noch mehr? Weil es neu ist? Weil es gefahrlose Schlüssellochblicke verheißt? Weil es Realität verspricht, die uns "draußen" abhanden gekommen ist?

Wer surft, hat ein Brett - vorm Kopf Es heißt ,,Menüleiste". Dauernd werde ich gefragt: ,,Brauchen Sie den Real Player?" oder ,,Wollen Sie Shockwave installieren?" Ja, ich würde wollen, hieße es dann nicht oft: ,"Browser Alert" oder: ,"konnte nicht geladen werden". Wenn der Programmierer, der den Satz "Ein Systemfehler ist aufgetreten" erfand, bei jeder Neustart-Meldung nur einen Pfennig bekäme - er wäre längst Milliardär in der Bill-Gates-Region

Im gut sortierten Bahnhofskiosk überbieten sich prompt ein Dutzend Ratgeber Magazine mit Neuigkeiten zum Medium. Früher lagen Zeitschriften schlichte Prospekte bei. Heute sind es Gratis-CD-Roms mit denen man sicher die komplette Staatsverwaltung Albaniens in den Griff bekäme. Die Hefte heißen "Internet World", "Online today" oder besser gleich ,,Tomorrow". Die Zukunft ist die chronische Gegenwart ihres Geschäfts, das von den immer gleichen Fragen beherrscht wird: Wie bekomme ich im Netz die billigsten Gebrauchtwagen/Frauen/Pizzen?

Ich war nie so verrückt, virtuelle Lunchpakete zu ordern. Bis derlei bestellt ist, wäre es bei der Pommesbude um die Ecke dreimal gegessen. Aber der Cyberspace lebt von der Illusion, alles möglich zu machen, auch wenn Muttis Einkaufsnetz im Zweifel praktikabler ist als das Internet.

Douglas.de? "Für die korrekte Darstellung der folgenden Seiten wird ein Browser der 4. Generation oder besser benötigt." Lufthansa.com: "Bei der Sicherheitsbibliothek ist ein Fehler aufgetreten." Niveaformen.de: "Unable to locate host." Hätte ich "Flash 4" downloaden sollen? Unter durodont.de warten zwar nicht die versprochenen Zahnpasta-Proben, dafür kann ich dem Vorstand eine E-Mail schicken. Transparenz total.

Das ist allerdings nicht so lustig wie das Tagebuch einer Chat-Betreuerin bei beateuse.de: "14.15 Uhr Kundin verlangt nach neuesten Vibratoren. Ich empfehle ihr die Modelle Flippi, Fürst der Nacht und die kleine Raupe Nimmersatt." Gratis erhalte ich obendrauf Wegweiser zu Offerten wie dummficktgut.de. 30 Sekunden Vollgas sofort. Ohne Wartezeit. Trieb total.

Virtuelle Kaufhäuser wie amazon.de sind seriöser, aber auch langweiliger: "Die neue Eurythmics-CD ist erst in "1 bis 2 Wochen versandfertig". Dafür kann ich mir Fetzen von Mozarts Requiem (Bernstein dirgiert das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks) anhören. Aus dem Computer dröhnt es, als singe der Chor in eine Kloschüssel. Technik total.

Immerhin: Drei Tage später ist meine Buchbestellung da. Als Gratis-Dreingabe gibt‘s ein Maus-Pad - wie früher, als die Dörfer noch Dörfer waren und der Metzger einem lächelnd ein Stück Gratis-Wurst über die Theke schob. Im Netz lächelt einen niemand an.

Was die virtuellen Firmen als Segen verkaufen (weder Parkplatzsorgen noch schmallippige Verkäuferinnen oder Kassenschlangen), ist auch ihr Fluch: Man hört, sieht und riecht nur das gewisse - Nichts. Erlebnisfreies Einkaufen.

Wer durch die virtuellen Regale von alltoys.de schlendert, kann nichts anfassen. Am Ende vemisste ich alles - vom sonst so nervigen Kindergeschrei bis zur Lieferung: Das Teletubbie-Puzzle für 12,99 Mark ist seit vier Wochen überfällig. Vielleicht ist es irgendwo im Netz der kleinen Raupe Nimmersatt zum Opfer gefallen.

Der todschicke Modeversand boo.com hetzt mir deshalb gleich "Miss Boo" auf den Hals, eine optische Mischung aus Lara Croft und Yoko Ono, die sich sofort meine ,,virtuelle Freundin" nennt. Als ich nach einer halben Stunde noch das klein Gedruckte studiere, stützt meine neue Freundin ihr Kinn in die Hände und ... gähnt. Sie gähnt wirklich. Ich würde ihr gern sagen, dass ich mir das Angebot eines Online-Modeladens größer vorgestellt habe als die drei Paar sündteuren Turnschuhe, die ich in ihrer Herrenabteilung fand. Aber wie? Weit und breit kein Eingabefeld.

Vielleicht wüsste preiswaerter.de,Rat wo es heißt: "Nie wieder zuviel bezahlen"? Aber ist das wirklich die attraktivste Preis-Agentur im Netz? Das ist nämlich das nächste Problem: Wo jemand eine lustige Idee hatte wie der Online-Auktionator eBay.com, lauern morgen schon hunderte. Welchen nehmen?

Erlaubt ist, was auffällt: Bei offerto.de lassen sich neuerdings schon Singles versteigern. Bei den Live-Auktionen von ricardo.de scheint sich der Auktionator ständig heiser zu tippen: "Gratulation!!!" Als habe man gerade den Weltfrieden ersteigert statt eines schlichten Eierkochers.

Irgendwann entgleist mir vor lauter Euphorie der Zeigefinger und ich biete für einen elektrischen Mixer 99 Mark. Qualvolle Minuten später legt "Volker aus Bamberg" zehn Mark drauf. Das beruhigt auch deshalb, weil ich den Mixer ein paar Tage später auf dem Grabbeltisch eines sehr realen Großmarktes entdecke - für 79 Mark.

Wer mag nach solchen Ausflügen glauben, dass Innenstädte in absehbarer Zeit zu rauchenden Ruinen verkommen, in denen nur noch hartgesottene Rentner ihren Klosterfrau Melissengeist kaufen? Wen macht das neue Einkaufs-Paradies reich? Die Garagenfirmen? Die Post, die den Krempel antiquiert offline verschicken muss? Oder die Optikerbranche, weil nicht nur die Allgemeinen Geschäftsbedingungen im Internet so klein gedruckt sind, dass man bald Brillengläser wie Glasbausteine braucht?

Alle wollen letzten Endes nur deine E-Mail-Adresse, dein Kundenprofil, deine Kreditkartennummer, dein Geld. So ist es kein Wunder, dass im Dauerfeuer multimedialer Bilderflut ausgerechnet ein karges Medium wie der Chat boomt. Die virtuellen Plauderrunden leben von nichts als Sprache. Sie verheißen ein Gegenüber. Eine Ahnung davon, dass es doch noch Leben gibt. Irgendwo da draußen im ,,drinnen".

Eines Nachts erzählte mir eine Unbekannte, dass sie ihren Mann beim Chatten erwischt habe. Sie merkte sich die Web-Adresse und seinen Spitznamen. Als er er nächsten Abend wieder vom Büro aus anrief, es werde später, ging sie in denselben Chat und begann unter fremdem Namen mit ihm zu flirten. Wochenlang. Irgendwann schlug sie ihm vor, sich mit ihr zu treffen. In einem Hotel. Nur um zu sehen, wie weit er gehen würde. Er sagte zu. Ihr Mann würde sie also betrügen - wenn auch mit ihr selbst.

An jenem Abend fragte sie sich und mich: ,,Soll ich hingehen? Oder soll ich mich gleich scheiden lassen?" Ich "sah" sie danach nie wieder, aber die Fragen blieben. Vielleicht hat sie ihn rausgeworfen. Vielleicht hat sie ihn in jener Hotelnacht geliebt wie nie zuvor.

Chatten ist Maskenball. Oft ein Aufbruch zu neuen Freundschaften. Manchmal Endstation. Ich traf im Netz Menschen, die nur noch eine Online-Familie besaßen und kaum wussten, wie sie am Monatsende ihre vierstellige Telefonrechnung zahlen sollten. Gläubige der eiligen Schrift, im Büro, zu Hause, im Cyber-Cafe, die ihr Leben nicht mehr lebten, sondern spielten. Als Hauptakteure einer täglich fortgesetzten Seifenoper ohne Anfassen. Ich war Zeuge von Eifersuchtsszenen und Liebesschwüren, Humoresken und Hasstiraden. Ich erlebte ,"Online-Hochzeiten" mit Web-Pfarrer, Trauzeugen - und Brautpaar, das zwar auch "draußen" verheiratet war, allerdings nicht miteinander.

Chat ist Suche, manchmal Sucht. Suche nach Esprit und Abwechslung. Nach Gleichgesinnten. Verständnis. Sucht nach ein wenig Wahrheit oder Cybersex-Illusionen wie die einer vermeintlichen "Lydia.lesb.". Nach einer Stunde ernsthafter Unterhaltung outete sie sich mir als Kölner Familienvater, der von Geschlechtsumwandlung und lesbischer Liebe träumte.ICH: Du musst doch immer damit rechnen, dass dein Chat-Gegenüber auch nur ein Mann mit Frauennamen ist.Lydia.lesb.: Sicher, es ist armselig. Aber wenn der Schein gewahrt bleibt, ertrage ich es. Hier kann ich‘s wenigstens ausleben.

Der Schein heiligt die Mittel. Anfangs nahm ich im Chat jeden Satz für bare Münze. Nach solchen Diskussionen glaubte ich kein Wort mehr. Heute bin ich sicher, dass der endlos-verwirrende Zeilenstrom in all seiner Verlogenheit wahrer ist als die Wirklichkeit: ein Parallel-Universum, das noch gefährlicher wird, wenn es im realen Leben nach Fortsetzung drängt.

Im vergangenen Sommer gab es in Niedersachsen den wohl ersten Fall von Chat-Kriminalität. Ein Mann hatte sich mit seiner virtuellen Bekannten verabredet. Danach wurde er mit Bildern erpresst, die im Verborgenen geschossen worden waren. Der Erpresser wurde verhaftet. Von der Frau - wahrscheinlich eine schnell angeheuerte Prostituierte - fehlt jede Spur

Chatten ist eine Mischung aus "E-Mail für Dich" und "Eyes Wide Shut" - Eheanbahnung und Exzess, Romantik und Rudelbumsen. Egal ob im World Wide Web oder in den tausenden von Plauderrunden,

die sich wie Nervenbahnen durch T-Online oder die AOL-Welt ziehen.

AOL ist mit über 22 Millionen virtuellen Mitgliedern mehr als doppelt so groß wie New York und wächst angeblich schneller als Kalkutta. Ich könnte jetzt behaupten, dass ich dort zunächst die Finanzservice-Angebote studierte, dann die Sport-Nachrichten und später ... Alles Quatsch.

Zielstrebig rannte ich in die ,,Mitglieder Galerie", um mir Fotos anzusehen, die wildfremde Menschen von sich dort aufgehängt haben. Die Bilder von Chattertreffen zeigten, hinter Bierflaschen-Batterien, müde Menschen mit glasigen Augen, die nie aussahen wie die adretten Twens auf dem AOL-Wegweiser oder die Schnappschüsse einer gewissen Eve, die sich als Münchner Vorstandssekretärin vorstellte (,,Hobbys: sex, immer und ueberall").

Wer ihr mailt, bekommt Antwort von - wem auch immer - mit Hinweis zu einer Web-Seite, auf der man Eve-Devotionalien bestellen kann Zum Beispiel "Höschen mit meinem Muschisaft 30.-DM". Vakuum-verpackter Versand garantiert, "damit Dir nichts von meinem geilen Duft entgeht". So viel zu "Eve".

Angeblich werden solche Artikel in Asien industriell mit Thunfisch-Extrakt auf "second hand" getrimmt. Was mag sich ein Thailänder denken, der seine Familie damit ernährt, den ganzen Tag Fischsaft auf Dessous zu träufeln? So viel zum globalen Dorf.

Nach nur einem Tag war meine AOL-Mailbox randvoll mit "Grüßen" von Eves Schwestern, die "Manu" heißen oder "Chrissy" oder "Ulrike". Alle wollten mich in irgendeine düstere BTX- oder T-Online-Ecken locken oder erzählten, dass sie ihr Studium mit Nacktvideos finanzierten. Ich solle doch mal vorbeischauen. "Ich zeige alles."

Seither ist mir zumindest klar, weshalb Boris Becker immer so debil grinst, wenn er in der AOL-Reklame fragt: "Bin ich schon drin oder was?" Woher hatten all die vermeintlichen Damen überhaupt meine Adresse? So viel zu AOL.

Um meine Ruhe zu haben, begann ich zurückzulügen und legte mir bei gmx.de eine anonyme Mailbox an. Das geht ganz schnell, wenn man wahrheitsgemäß seine persönlichen Daten angibt. Seither hat ein gewisser Donald Duck (Wohnort: Entenhausen) einen Briefkasten, von dem niemand außer mir etwas weiß.

Calvin Klein hat die virtuelle Lüge gleich zur Kunst erhoben und munitionierte seine autistischen Litfaßsäulen-Models mit E-Mail-Adressen auf. Wer hinschreibt bekommt Antwort irgendwelcher Tinas und Dannys, die von ihrem Glamour-Alltag erzählen. Das ist zwar auch eine Lüge, aber immerhin eine unterhaltsame. In Asien werden den Slips garniert, in New Yorker Werbeagenturen eben Muster-E-Mails verfasst.

"Blair Witch Project" wurde nicht zu letzt deshalb der profitabelste Film alle Zeiten, weil er sich seinen Mythos vorher im Netz selber schuf. Monatelang geisterten die vermeintlichen Original-Dokumente über den Tod dreier Hexenjäger durch den Cyberspace. Der Film war an Ende nur Schluss- und Höhepunkt des langgeschürten Aberglaubens.

Und wenn ein Wesen im Netz doch mal echt ist, kann es wie Mahir Cagri aus Izmir zur "Kultfigur" ("Bild") am Straßenrand der Datenautobahn mutieren. Die Homepage-Adresse des schnauzbärtigen Muster-Türken mit der fröhlichen Begrüßung "I kiss you" sprach sich derart schnell rum, dass seine Seite mit Urlaubsfotos und radebrechenden Englisch-Grüßen innerhalb weniger Wochen knapp zwei Millionen Besucher zählte.

Demnächst bekommt "die Internet-Antwort auf Forrest Gump" ("The Guardian") sicher ihre eigene TV-Show. Sind die Filmrechte gesichert? Oder muss die Show ohne den Hauptakteur weitergehen? Dem Vernehmen nach ist Herr Cagri schwer genervt vom globalen Echo. Er hat seine Authentizität längst verloren, wenn er sie je hatte. Er war fast zu gut, um wahr zu sein. Seine Cyber-Heimat xoom.com bietet nun Mahir-Merchandising und -Touren an. Es gibt einen "Offiziellen Mahir Webring" und Fanclubs ("We kiss you too") überall auf der Welt.

Xoom ist wie AOL eine jener virtuellen Großstädte, die sich auch oft so nennen. In metropolis.de oder fortunecity.com gibt es alles, was der Surfer noch zum Leben braucht: Einkaufsmöglichkeiten, Bank, Post, Mailbox und die Möglichkeit, sich nicht nur die eigene Homepage wie einen virtuellen Zweitwohnsitz einzurichten.

"Erfinde dich neu", lockt cycosmos.de. Aus einem Baukasten menschlicher Ersatzteile schuf ich mein zweites Ich, das schließlich aussah wie eine pittoreske Mischung aus Cher und Brad Pitt, auf den Namen, "True Lie" (Wahre Lüge) hörte, die Ware Lüge kannte und durch dreidimensionale Chat-Welten flanierte.

Meine Mailboxen quollen da längst über vom Werbeschrott des Cyberspace. Dauernd vergaß ich Passwörter und Zugangscodes. Noch ein Klick, noch mehr Müll. Verheddert im Netz. Umspült von nie versiegenden Datenfluten.

Ich war vollgefressen mit Geschichten und Schicksalen und dabei immer leerer geworden. Angeblich kann man auf einer US-Web-Seite für fünf Dollar pro Gebet direkt Gott ansteuern, in einer Richtung, von der "wir wissen, dass Gott dort wohnt". Wäre das eine Hilfe?

Oder der Münchner Mediziner Oliver Seemann, der Internet-Junkies via E-Mail zu therapieren versucht? Am Ende lande ich bei charlie.de, einer Art Maschinen-Hirn, das auf jede Frage eine passend-gestanzte Antwort parat hat.

 

 

Charlie: Guten Tag, ich bin Charlie. Ich bin hier, um mit Ihnen über Gott und die Welt zu plaudern.

ICH: Gott wäre nicht schlecht.

Charlie: Ich glaube eigentlich nicht wirklich an Gott. Aber an den "Großen Programmierer glaube ich erst recht nicht!

ICH: Ist das Internet ein Ersatz für Gott?

Charlie: Ein Segen, dass es das Internet gibt. Sonst müsste ich mein Dasein auf CDs fristen.

ICH: Ist der Cyberspace ein Ort der Wahrheit oder Lüge?

Charile: Wer kennt schon die Wahrheit?

 

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