Empfindungen im Alleinsein
- Wehmut -
Kahl
ist noch der große Baum am Ufer
Eine Krähe schreit
wie in närrischen Kindheitstagen
doch steif folgen die Schritte
einer trübgetretenen Spur
durch die nackte Landschaft
Am Horizont haust die Wehmut
und sie verschließt alle Fenster
vor den sterbenden Blicken
Der kleine Teich erleidet noch geduldig
die hartnäckigen Eiskrallen
nur ein wehrloser Fisch
fand mittendrin sein Grab
Und die Augen lehnen sich zurück
zu dem leidsamen Ort der Spürbarkeit
© Eduard Nemeth, 1982
- Verlorenheit -
Im Tag der Verlorenheit
zerrinnt die Sehnsucht zu Schmerz
aus den erwachten Träumen
und trostlos
wandern die ruhelosen Augen
durch die abendgraue Landschaft
hinter dem angehauchten Fenster
wo jemand gerade noch
die letzten Schneeglöckchen pflückt
aus dem verregneten Aprilduft
Doch ohne Zuwendung
weicht auch dieses letzte Gesicht
wie schon all die Lieben davor
Dann kommt die Nacht
die Kopf und Brust knickt
das Herz zerbricht
und einem die letzte Würde nimmt
© Eduard Nemeth, 1983
- Zu sich -
Ganz entschlossen
sich in den Sessel schmeißen
Die Füße strecken
die Hände ablegen
den Kopf knicken
Die Augen schließen
alle Gedanken loslassen
Den Körper ebnen
und die Weite aufspüren
Der Atem wird Pinsel
und das Selbst zeigt erste Umrisse
man weiß sich zu sich
und braucht nur einzutauchen
Jetzt eintauchen
in dieses Selbstgefühl
eindringen zur Freude
vorstoßen ins Herz
© Eduard Nemeth, 1983
- Vor dir -
Immer wieder dieses Bild:
Du
Der Friedvolle
Der Geduldige
Der Liebende
Der Suchende
Der Ergreifende
Das leben um mich
Ich
Der Angstvolle
Der Hetzende
Der Selbstsüchtige
Der Irrende
Der Erbärmliche
Und so auch heute
dass ich zu dir flüchte
Herr Jesus
Und doch
nimmst du mich wieder an
© Eduard Nemeth, 1985
- Unverzichtbar -
Dir zu begegnen
nicht zufällig
und nicht abgemacht
ohne jeden Druck
und ohne das Traumgefühl
nein nur so
wie ich um Dich weiß
Das ist das Besondere
und Tragfähige
denn da ist auch der Punkt
wo ich nach den vielen Zerreißproben
zu mir wiederfinde
Deine Bedingungslosigkeit
befreit mich
ihre Einzigartigkeit zu erkennen
und die Besonderheit darin zu spüren
Dann entdecke ich
dass ich erneuert werde
und wie das flaue Gefühl
der Eintönigkeit weicht
Herr Jesus
darum bleibst du für mich
so unverzichtbar
© Eduard Nemeth, 1984
- die verabredung -
diese verabredung muss nun sein
auch wenn sie im gletschereis stattfindet
eine lawine hat den rückweg zugeschüttet
während er noch zögerte
nun kann er endgültig nicht ausweichen
er weiß nun gut
was ihm blüht
und was ihm bevorsteht
wenn er ankommt
seine chance
besteht nun darin
dass er diesmal
das erste mal wirklich
sich selbst mitbringt
© Eduard Nemeth, 1994
- eine nacht im juli -
der see neben uns schweigt
während sich der mond hineinspiegelt
in mir aber regnet es bilder
und nostalgische gefühle
die Menschen um mich tragen fröhlichkeit
mit der sie um sich schmeißen
ich aber bin ernst
und in mich versunken
ich fühle mich geborgen
weil ich dich um mich weiß
nichts erschreckt mich
ich schreibe im dunkeln
und es fragt mich jemand verwundert
ob ich etwas sehe
ich antworte
dass ich nicht zu sehen brauche
dann stehe ich auf
und herzhaft weich
fühlt sich die ausgetretene erde an
unter meinen mondbeschienenen füßen
© Eduard Nemeth, 2003
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