Redlichkeit
 
Redlichkeit hat viel mit Verantwortung zu tun. Ich muss "Rede stehen" über das, was ich äußere und mache, ich bin verantwortlich, muss Dritten eine schlüssige Antwort geben können, wenn ich befragt werde. Zugleich hat Redlichkeit mit Wahrheit zu tun; denn eine verantwortliche Rede oder Antwort, eine Rechenschaft muss mit den ihr zugrundeliegenden Fakten übereinstimmen. Das Wort "Redlichkeit" findet im Sprachgebrauch kaum mehr Verwendung- für mich ein beklemmendes Zeichen der Zeit.
 
Wir sahen im Vorangegangenen, dass Intelligenz und das richtige Maß zu zweit nicht ausreichen, um folgerichtige Konsequenzen zu initiieren. Denn zu häufig steht den inhaltlich korrekt ermittelten Erkenntnissen ins korrekte Verhältnis gesetzt eine weit verbreitete Untugend entgegen: Die mangelnde Redlichkeit. 
 
Da es in Glaubensdingen um die "letzten Dinge" geht, die den Menschen seit jeher existenziell umtreiben, ist es nachvollziehbar, warum eine Tugend wie die Redlichkeit gerne hinten angestellt wird zugunsten einer errettenden, prächtigen Illusion. Es ist eine Ironie, dass gerade Glaubensgemeinschaften mit dem Begriff der "Wahrheit" hausieren gehen, dabei aber die Unredlichkeit in Reinstform betreiben. Denn ihre Wahrheit ist mit nichts zu belegen, mit nichts zu beweisen- sie ist zu glauben. Menschen, die ansonsten für alles und nichts Beweise verlangen und skeptisch sind, scheren in diesem Punkt aus der gewöhnlichen Verhaltensweise aus. Da, wo es für einen Menschen bedrohlich wird, verleugnet er gerne Wahrheiten. Schon die biblische Geschichte, in der Petrus während der Aburteilung Jesu gefragt wird, ob er ein Jünger dieses Jesus sei und seinen Christus daraufhin verleugnet, zeigt, dass selbst Gottes nächsten menschlichen Vertrauten Gott selber, sich und Dritten gegenüber unredlich sein können. An dieser "petrianischen" Haltung hat die selbsternannte Nachfolgerin Petri, die kath. Kirche, bis in die Gegenwart nichts geändert- diese älteste aller überkommenen christlichen Konfessionen ist unredlich, wo sie es nur sein kann. Darum hat der Papst auch die "Macht", ex cathedra zu sprechen und das Gesprochene damit als Wahr zu festigen und sei es noch so ein Unfug. Wo Petrus noch beim Gottessohn selbst laut neuem Testament um Vergebung bat und umkehrte, hat noch kein Papst Vergebung und Umkehr praktiziert. Wie gut, dass der Vatikan kein Bauernhof ist- die Hähne kämen aus dem Krähen nicht mehr heraus.
 
Übrigens musste Petrus auch danach noch laut Paulus und Apostelgeschichte eine andere Unredlichkeit bereuen, weil er regelmäßig nur dann mit den "Heidenchristen" zusammen aß, wenn keine "Judenchristen" anwesend waren, um sich gegenüber den "Judenchristen" nicht zu blamieren; denn diese "Judenchristen" waren jüdisch geprägt und etliche von ihnen dachten, man mache sich in Gesellschaft der "Heidenchristen" unrein. Feigheit, Heuchelei und Unredlichkeit zeichneten Petrus aus und sie zeichnen ebenso die Päpste und ihre Kirche aus. Auch die Tatsache, dass "kurz" nach Jesu Auftritt auf dieser Welt die Christen schon gespalten waren in "Heiden"- und "Judenchristen" zeigt den unerhörten Nonsens dieses Glaubens. Ähnlich mit den muslimischen Sunniten und Schiiten, ein gleichartiger Nonsens.
 
Viele regen sich über die Unredlichkeit der kath. Kirche auf, die meisten reflektieren diese Aufregung leider nicht und beziehen sich selbst und ihren Glauben erst recht nicht mit ein. Täten sie es, müssten sie feststellen, dass ihre eigene Haltung nicht besser ist und müssten auf die Suche nach einem adäquaten Ersatz gehen. Aber das will kaum einer- es geht um zuviel, es geht um den persönlichen Fortbestand nach dem Tod.
 
 Unredlichkeit beginnt schon bei der Tatsache, dass christliche Kirchen ihr Studium "Theologie" nennen. Aus den Silben "Theios" und "Logos" gebildet, meint es im Zusammenhang das "Studium des Gotteswesens". Es ist erstaunlich, dass kaum einer je diese offensichtliche Unwahrheit benannt hat- wer Theologie studiert, studiert mitnichten "Gott", er studiert bestenfalls "Bibliologie". Er studiert alte Schriften und dies mit mehr oder minder wissenschaftlichen Ansätzen und leitet daraus göttliches ab. Aber den eigentlichen Gegenstand seines Studiums, den "Theios", den Gott- den bekommt er nie unter seine akademische Lupe. Das wäre ungefähr so, als würde man von einem Mediziner operiert werden, der seine medizinischen Kenntnisse aus poetischen Beschreibungen über den menschlichen Organismus' heraus bezieht. Darum sollte hinsichtlich der Theologie auch nicht von einem wissenschaftlichen Studium gesprochen werden- Theologie ist nichts anderes, als die Vereinigung einiger Wissenschaften unter einem Dach zu Zwecken der Förderung des einen oder anderen Glaubens. Eine "Anxilla theologiae", eine Magd der Theologie. Ähnlich, wie damals die Philosophie durch die kath. Kirche dahingehend benutzt und manipuliert wurde, dass die Kirchenlehre gestützt wurde, wird heute die Theologie unter Zuhilfenahme anderer Wissenschaften betrieben. Im Ganzen ist die Theologie aber auch heute nichts weiter als ein großes Gebäude mit nichts drin. Wer die Türe einmal zu fest zuschlägt, riskiert, dass das Gebäude in sich zusammenfällt.
 
Es ist übrigens empfehlenswert, einen Theologen einmal daraufhin anzusprechen. Am besten den hiesigen Dorfpfarrer- je ländlicher, desto amüsanter die Empörung darüber, wie das mühsame Studium als "unwissenschaftlich" abgetan wird. Theologen sehen sich plötzlich mit einer Geringschätzung konfrontiert, die sie historisch gesehen nicht gewöhnt sind, die aber zutreffend ist. Es braucht noch viel mehr Leute, die diesen selbstgefälligen und entrückten (ver-rückten?) Gelehrten das rechte Maß beibringen und sie über ihren korrekten Stand in der gegenwärtigen Gesellschaft aufklären. Ein Dr. der Theologie ist in keinster Weise etwa mit einem Doktor der Medizin vergleichbar. Oder einem Doktor der Psychologie. Oder einem Doktor der Geschichtswissenschaften. Oder einem Doktor der Altphilologie. Oder einem Doktor der Literaturwissenschaften. Der "Dr. Theol." hat von der eben genannten Auswahl ( bis auf den Mediziner freilich) nur das für den theologischen Zweck notwendige Studiert und dabei lediglich das für seinen Glauben zielführende appliziert. Dennoch tritt dieser Doktor der Theologie häufig mit einer raumgreifenden Wichtigkeit auf, dass auch ein kräftiges Belüften der Räume den Geruch von Hochmut und aufgeblasener Wichtigtuerei nicht zu beseitigen vermag.