Nachdenken

Im Wort "Nachdenken" liegt mehr, als es scheint: Viele Menschen denken - wenige denken nach. Das ist auch im Sprachgebrauch spürbar:

SIE: "Hast Du morgen Nachmittag Zeit?"

ER: "Ja, ich denke, dass ich morgen Zeit habe."

Im Sprachgebrauch ist das Denken zu einem "Glauben" geworden. ER sagt: "Ich glaube, dass ich morgen Zeit habe"- er vermutet es, spontan, auf den ersten Blick, unüberprüft. Hätte er tatsächlich nachgedacht, hätte er sich die etwaige entschuldigende Absage bei ihr am nächsten Tag ersparen können. Besonders einer Frau gegenüber sollte man nachdenken- soviel Aufmerksamkeit dem schönen Geschlecht gegenüber sollte schon drin sein

 

Genauso verhält es sich mit dem "Denken", wenn wir über Glaubensinhalte sprechen. Es gibt große christliche Denker aber beim Nachdenken sind sie meist schwächer, als ihre unabhängigeren Mitphilosophen außerhalb der Religion.

Viele Christen beispielsweise "glauben" an die Schöpfungsgeschichte und "denken", dass sie so, wie sie geschildert ist, realiter geschehen sein müsse, weil die Bibel im Ganzen- sollte die Schöpfungsgeschichte nicht in dieser Form stimmen- irrelvant wäre. Wenn Adam und Eva anfangs keinen wortwörtlichen Unfug getrieben oder aber ihn nur metaphorisch begangen hätten, dann wäre die Erlösungstat Christi unnötig gewesen bzw. hätte sich Christus wohl kaum für eine Metapher ans Kreuz nageln lassen.

Also denken diese Christen für ihren persönlichen Glaubenskontext durchaus schlüssig, lassen aber das Nachdenken sein. Dächten sie nach, müssten sie nämlich folgendes zur Kenntnis nehmen:

  1. Gott erschafft anfangs einzig Adam, ohne Gegenpart, während die Tiere offenbar je einen weiblichen Gegenpart hatten.
  2. Nachdem Adam irgendwie "unbefriedigt" wirkt (...), erschafft Gott ihm eine Frau: Eva.
  3. Gott verbietet beiden, vom Baum der Erkenntnis zu essen, mit dem Hinweis, dass das Essen zum Tode führe.
  4. Das Essen vom Erkenntnisbaum führte allerdings lediglich zur Erkenntnis, insoweit stimmte Gottes Aussage nicht.
  5. Die Schlange ist eine Schlange und nicht der Teufel (sie war ein Tier des Feldes, wie alle anderen Tiere- wenn auch besonders begabt).
  6. Die Schlange sagte die Wahrheit, als sie die Folge des essens der Frucht im Erkenntnisgewinn sah und nicht im Tod, wie es Gott schilderte.
  7. Da Adam und Eva mangels Konsum der Erkenntnisfrucht sowieso nicht zwischen Gut und Böse oder Richtig und Falsch  unterscheiden konnten, war für sie sowohl Gottes falsches Verbot als auch der korrekte Hinweis der Schlange "gleichgültig", gleichwertig, einerlei- Adam und Eva waren naiv.
  8. Naive Menschen lässt man in ungeschützten Umgebungen nicht ohne Aufsicht. Insofern müsste sich Gott eine Mitschuld anrechnen (lassen).
  9. Der Mensch als Ebenbild Gottes schien dümmer zu sein, als die kluge Schlange (ist Gott am Ende ebenfalls dümmer als die Schlange?)
  10. Der Mensch handelt neutral, isst von der Frucht, erkennt daraufhin erst den Verstoß als böse/ falsch und fürchtet sich (zu Recht; denn diese Erkenntnis dürfte Adam und Eva gezeigt haben, wie ungerecht dieser Gott ist).
  11. Gott straft ungerechterweise

Wir sehen: Ein Dilemma; so oder so betrachtet ist die Schöpfungsgeschichte, auf die sich die komplette christliche Heilsgeschichte gründet, kein Fundament. Es ist egal, ob man sie wörtlich versteht oder metaphorisch, sie führt in jedem Fall die Heilsgeschichte ad absurdum.

Sollte das wirklich so einfach sein, den Glauben abzutun?

Nein. Natürlich nicht. Allerdings resultiert die Schwierigkeit nicht aus der Beweisführung oder der Argumentation gegen diesen Glauben, sondern aus der Tatsache, dass der Glaube ein Bedürfnis bedient: Das Bedürfnis nach Sicherheit. Auch darüber sollte nachgedacht werden; sich nur an den Inhalten zu orientieren und nicht zu reflektieren, wie und warum man diese Inhalte hinnimmt oder sie ungerne umdenkt oder eben nicht hinnehmen mag, wäre nur halb nachgedacht.

Das Hindernis eines gläubigen Menschen, seinen Glauben zu ändern oder gar gänzlich aufzugeben, ist psychischer und sozialer Natur. 

  • Wer verliert schon gerne den Boden unter seinen Füßen? 
  • Wer schält sich schon gerne aus allgemein akzeptierten Ansichten heraus und riskiert es, schief angeschaut zu werden? 
  • Wer gibt schon gerne eine Tradition auf, die den Eltern und Großeltern wichtig ist und war?
  • Wer verzichtet schon gerne auf die Garantie eines ewigen Lebens im Himmel bzw. riskiert eine drohende Hölle?
  • Wer verzichtet schon gerne auf die Aussicht, seine Lieben nach dem Tod im Himmel wiederzusehen? Auf die Vorstellung von "Schutzengeln"?

Das sind die tatsächlichen Gründe, die das Hindernis zum Nachdenken bilden. Die meisten "ahnen", dass ihr Glaube nicht so ganz "das Wahre" ist und schauen lieber nicht genauer hin. 

Ein Freund von mir beispielsweise lebt schwul und ist katholisch. Oder genauer gesagt: Er lebt schwul und bildet sich ein, katholisch zu sein. Denn beides geht laut katholischer Lehre nicht; denn ein homosexueller Mensch (egal, ob Mann oder Frau), der seine Sexualität auslebt, landet zwar mit dem Tod in der katholischen  Hölle, hat aber in der kath. Kirche zu Lebzeiten nichts zu suchen. Aber wie sehr ich ihn auch immer mal wieder auf diese Inkonsequenz hinweise, er scheut sich davor, auszuscheren. Es sollte niemanden wundern, wieviele Katholiken tatsächlich gar nicht katholisch sind.

Oder noch amüsanter: Zum Weltjugendtag der Katholiken in Köln wurde die schwule Kontaktseite "Gayromeo" von Profilen junger Männer überschwemmt, die zum Zeitraum des Jugendtages in Köln und Umgebung "Schlafmöglichkeiten" suchten. Männertypisch natürlich nicht ohne Hinweis auf optionalen und unverbindlichen Sex miteinander. Vor diesem Hintergrund musste ich auch angesichts der vielen Jugendlichen in Köln schmunzeln, die dem Papst zujubelten. Dieser Jubel war am Ende nämlich genausoviel wert, wie der Jubel, der laut Bibel Jesus zuteil wurde, als er auf einem Esel in Jerusalem eintraf und als Erlöser gefeiert wurde. Dieselben Menschen sollen anschließend schreiend Christi Kreuzigung gefordert haben.

Johannes 8, 12 ("Jesus sagt"): "... die Wahrheit wird Euch frei machen."

In der Bibel stehen viele zutreffende Worte- das eben zitierte, das Jesus selber gesagt haben soll (es gibt vernünftige Gründe, genau dies zu bezweifeln), gehört dazu. Natürlich wäre die Erkenntnis, dass das zuvor geglaubte Unfug ist, eine arge Enttäuschung- aber sich täuschen zu lassen kann keine vernünftige Option sein. Eine Ent-täuschung ist grundsätzlich etwas positives, nur die Tatsache, zuvor getäuscht worden zu sein, ist bitter.

Hier wäre die Frage, wieviel Wert wir der "Wahrheit" beimessen. Wieviel Wert wir unserem Wohlbefinden beimessen- in all seinem Trug. Wieviel Wert wir der Intelligenz beimessen, wenn wir ahnen, dass der Glaube herzlich wenig mit Intelligenz zu tun hat, dass er das Denken und Nachdenken zu unterbinden verlangt.

Es stellt sich also die Frage nach dem korrekten Maß.