Nachdenken
Im Wort "Nachdenken" liegt mehr, als es scheint: Viele Menschen denken - wenige denken nach. Das ist auch im Sprachgebrauch spürbar:
SIE: "Hast Du morgen Nachmittag Zeit?"
ER: "Ja, ich denke, dass ich morgen Zeit habe."
Im Sprachgebrauch ist das Denken zu einem "Glauben" geworden. ER sagt: "Ich glaube, dass ich morgen Zeit habe"- er vermutet es, spontan, auf den ersten Blick, unüberprüft. Hätte er tatsächlich nachgedacht, hätte er sich die etwaige entschuldigende Absage bei ihr am nächsten Tag ersparen können. Besonders einer Frau gegenüber sollte man nachdenken- soviel Aufmerksamkeit dem schönen Geschlecht gegenüber sollte schon drin sein
Genauso verhält es sich mit dem "Denken", wenn wir über Glaubensinhalte sprechen. Es gibt große christliche Denker aber beim Nachdenken sind sie meist schwächer, als ihre unabhängigeren Mitphilosophen außerhalb der Religion.
Viele Christen beispielsweise "glauben" an die Schöpfungsgeschichte und "denken", dass sie so, wie sie geschildert ist, realiter geschehen sein müsse, weil die Bibel im Ganzen- sollte die Schöpfungsgeschichte nicht in dieser Form stimmen- irrelvant wäre. Wenn Adam und Eva anfangs keinen wortwörtlichen Unfug getrieben oder aber ihn nur metaphorisch begangen hätten, dann wäre die Erlösungstat Christi unnötig gewesen bzw. hätte sich Christus wohl kaum für eine Metapher ans Kreuz nageln lassen.
Also denken diese Christen für ihren persönlichen Glaubenskontext durchaus schlüssig, lassen aber das Nachdenken sein. Dächten sie nach, müssten sie nämlich folgendes zur Kenntnis nehmen:
Wir sehen: Ein Dilemma; so oder so betrachtet ist die Schöpfungsgeschichte, auf die sich die komplette christliche Heilsgeschichte gründet, kein Fundament. Es ist egal, ob man sie wörtlich versteht oder metaphorisch, sie führt in jedem Fall die Heilsgeschichte ad absurdum.
Sollte das wirklich so einfach sein, den Glauben abzutun?
Nein. Natürlich nicht. Allerdings resultiert die Schwierigkeit nicht aus der Beweisführung oder der Argumentation gegen diesen Glauben, sondern aus der Tatsache, dass der Glaube ein Bedürfnis bedient: Das Bedürfnis nach Sicherheit. Auch darüber sollte nachgedacht werden; sich nur an den Inhalten zu orientieren und nicht zu reflektieren, wie und warum man diese Inhalte hinnimmt oder sie ungerne umdenkt oder eben nicht hinnehmen mag, wäre nur halb nachgedacht.
Das Hindernis eines gläubigen Menschen, seinen Glauben zu ändern oder gar gänzlich aufzugeben, ist psychischer und sozialer Natur.
Das sind die tatsächlichen Gründe, die das Hindernis zum Nachdenken bilden. Die meisten "ahnen", dass ihr Glaube nicht so ganz "das Wahre" ist und schauen lieber nicht genauer hin.
Ein Freund von mir beispielsweise lebt schwul und ist katholisch. Oder genauer gesagt: Er lebt schwul und bildet sich ein, katholisch zu sein. Denn beides geht laut katholischer Lehre nicht; denn ein homosexueller Mensch (egal, ob Mann oder Frau), der seine Sexualität auslebt, landet zwar mit dem Tod in der katholischen Hölle, hat aber in der kath. Kirche zu Lebzeiten nichts zu suchen. Aber wie sehr ich ihn auch immer mal wieder auf diese Inkonsequenz hinweise, er scheut sich davor, auszuscheren. Es sollte niemanden wundern, wieviele Katholiken tatsächlich gar nicht katholisch sind.
Oder noch amüsanter: Zum Weltjugendtag der Katholiken in Köln wurde die schwule Kontaktseite "Gayromeo" von Profilen junger Männer überschwemmt, die zum Zeitraum des Jugendtages in Köln und Umgebung "Schlafmöglichkeiten" suchten. Männertypisch natürlich nicht ohne Hinweis auf optionalen und unverbindlichen Sex miteinander. Vor diesem Hintergrund musste ich auch angesichts der vielen Jugendlichen in Köln schmunzeln, die dem Papst zujubelten. Dieser Jubel war am Ende nämlich genausoviel wert, wie der Jubel, der laut Bibel Jesus zuteil wurde, als er auf einem Esel in Jerusalem eintraf und als Erlöser gefeiert wurde. Dieselben Menschen sollen anschließend schreiend Christi Kreuzigung gefordert haben.
Johannes 8, 12 ("Jesus sagt"): "... die Wahrheit wird Euch frei machen."
In der Bibel stehen viele zutreffende Worte- das eben zitierte, das Jesus selber gesagt haben soll (es gibt vernünftige Gründe, genau dies zu bezweifeln), gehört dazu. Natürlich wäre die Erkenntnis, dass das zuvor geglaubte Unfug ist, eine arge Enttäuschung- aber sich täuschen zu lassen kann keine vernünftige Option sein. Eine Ent-täuschung ist grundsätzlich etwas positives, nur die Tatsache, zuvor getäuscht worden zu sein, ist bitter.
Hier wäre die Frage, wieviel Wert wir der "Wahrheit" beimessen. Wieviel Wert wir unserem Wohlbefinden beimessen- in all seinem Trug. Wieviel Wert wir der Intelligenz beimessen, wenn wir ahnen, dass der Glaube herzlich wenig mit Intelligenz zu tun hat, dass er das Denken und Nachdenken zu unterbinden verlangt.
Es stellt sich also die Frage nach dem korrekten Maß.