Maß
Erwägung hat etwas mit "Maß" zu tun. Mit Gleichgewicht, mit Gerechtigkeit. Ich wiege verschiedene Dinge ab, um ein Verhältnis zwischen ihnen herstellen zu können.
Auch und insbesondere im Bezug auf den Glauben ist es sinnvoll, ihn mit den konkreten Lebensumständen abzuwiegen. Warum? Im Namen Gottes sind unzählig viele Greueltaten begangen worden und werden noch immer begangen, weil dieser Gott für die Gläubigen das Maß aller Dinge war und ist. Wenn ein Gott das allein Relevante ist, dann verlieren andere Dinge an Wert. Dann verlieren auch Menschen an Wert. Sei es das alttestamentarische jüdische Volk, das im Namen Gottes Städte und Völker ausrottete, seien es die muslimischen Fanatiker, die am 11. September in das World Trade Center flogen, sei es die amerikanische Regierung, die mittels Manipulation der eigenen Landsleute und anderer Regierungen einen Krieg gegen den Islamismus anzettelten- der Glaube, die Religion, kurz: Gott war schon immer ein Mittel zum Zweck, ein Grund zur Unmenschlichkeit und zur Verfolgung eigennütziger Ziele.
Religion ist eine Art "Guantanamo Bay": Ein rechts- und verstandesfreier Raum, in dem man mit den Insassen machen kann, wonach einem beliebt. Die nachvollziehbaren und über Jahrhunderte erkämpften Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Demokratie usw. sind dort nichts mehr wert; die wirklichen und tatsächlich rühmlichen Errungenschaften der Menschheit werden in den Staub getreten. In Guantanamo durch einen tatsächlichen geographischen Bereich umgrenzt, befinden wir uns im Fall der Religion in einem virtuellen, geistlichen Bereich, der alles menschliche in unmenschliches verwandelt (Jesaja 55,8 ff:"So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über Eure Wege"). Religiöses will sich nicht menschlich beurteilen lassen und genau darin liegt der größte Vorwurf gegen jede Religion: Sie entzieht sich jeder Beurteilung, fordert besonderen Schutz und besondere Förderung. Dort, wo sie durch den Staat zurückgedrängt ist, erscheint sie harmlos, dort, wo sie den Staat bildet, verachtet sie die Menschen- egal, von welcher Religion wir reden.
Natürlich bringt keiner von uns einen Menschen im Namen Gottes um oder foltert ihn. Die wenigsten haben die Möglichkeit, die im Kern entfaltbaren Unsäglichkeiten im größtmöglichen Umfang ausleben zu können. Aber das Potenzial ist vorhanden. Vielleicht nicht zwingend im jeweiligen Menschen als einzelnem, wohl aber im Glauben begründet. Denn wo es einem Menschen egal ist, ob sein Glaubenskonstrukt menschlich ist oder zutrifft, verliert er die Hemmungen. Die Realität ist egal, Maßstab ist alleine das Glaubenskonstrukt. Infolge ist auch der Mitmensch egal, das Ziel ist ein höheres, der Auftrag ein hochwertigeres, das Gebot ein unumstößliches.
Ein Glaube muss sich an objektiven Kriterien messen lassen. Lässt er dies nicht zu, ist jeglicher Willkür Tor und Tür offen und die Menschen, die willkürlich und unreflektiert ihr Glaubensrecht ausüben, sind gerechtfertigten Argumenten, Mitmenschlichkeit und Vernunft nicht mehr zugänglich.
Darum darf kein Mensch dasjenige Maß verlieren, das jedermann nachvollziehen kann. Jedermann muss seine Taten rechtfertigen können, anhand nachvollziehbarer Zusammenhänge und zutreffender Schlüsse daraus handeln. Keiner darf sich hinter Glaubenskonstrukten verstecken, die per se nicht nachvollziehbar sind. Nur, wenn jedermann sich selber verantwortet, sich einem rationalen Maßstab unterordnet, bleibt er ein Mitmensch (es ist bezeichnend, dass ein Christ sich als "Christ" bezeichnet: Er drückt damit aus, dass er Christus gleich ist- gottgleich könnte man sagen- und damit distanziert er sich schon von seinen Mitmenschen. Man teilt nicht mehr seine Menschlichkeit, sondern ist "übermenschlich" geworden, göttlich. Mit der Taufe ist der alte Mensch tot und die Gottessohnschaft angenommen. Wer ein Gottessohn ist, ist natürlich adeliger, edler, als die gewöhnlichen Mitmenschen. Und das ist der zarte Beginn einer elitären und arroganten Haltung).
Insofern sind Religionen im Allgemeinen und das Christentum im Speziellen anmaßend. Alleine das Wort "Religion", aus dem Lateinischen "religere" oder "religare" meint einen Rückbezug auf Gott. Dieser Gottesbezug führt regelmäßig zum Bezugsverlust zu seinen Mitmenschen und zu einer Realitätsverschönerung nach eigenem Gusto. Wer aber mehr auf sich und seine Lehre hält, als er und seine Lehre bieten, der ist anmaßend. Er maßt sich an, selbst über die Realität und über Fakten hinweg derjenige zu sein, der es besser weiß. Sei es ein Kreationist, der die Erschaffung der Erde zu einem Zeitpunkt festlegt, an dem die Sumerer bereits in der Kunst der Bierbrauerei einen Namen hatten, sei es, dass der Papst erst im letzten Jahrhundert anerkannte, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Und: Dass der Vatikanstaat bis heute die UN Menschenrechtskonvention nicht ratifiziert hat- um es einmal ganz aktuell zu halten.
So, wie mein besagter schwuler und katholischer Freund: Natürlich glaubt er an Gott und dass er in den Himmel kommt und dort ein ewiges Leben hat- dass die Kirche dabei etwas anderes lehrt- nämlich das genau Gegenteil- spielt hierbei für ihn keine Rolle. Nicht nur, dass er die Realität als solche außer Acht lässt, nein, er lässt zudem die Pseudorealität der offiziellen Kirchenlehre, die alleine ihn zum Katholiken macht, außer Acht und bastelt sich noch seine persönlichen "Apps" hinzu. Gespaltener kann ein Mensch kaum sein.
Im Grunde macht er es vielleicht intuitiv dann doch richtig: Um als Mensch überleben zu können, gibt er unhaltbare, mit seiner Persönlichkeit unvereinbare Glaubenslehren, auf. Da er aus seiner Haut als Schwuler nicht hinaus kann, ist er genötigt, diesen Teil der Realität auf Kosten der Glaubensrealität anzuerkennen. Wäre er nicht schwul, wüsste ich nicht, ob er nicht vielleicht als Mitarbeiter der kath. Kirche gegen Homosexualität und Homosexuelle wettern würde.
Und auf diese Weise "glauben" die meisten Menschen: Sie nehmen sich das für sich Angenehme aus dem Glauben heraus und fristen ein ansonsten religiös unbedeutsames Leben. Sonntags nicht in die Kirche, verstaubt die Bibel im Regal; Weihnachten gehts um Geschenke, Ostern um den Hasen und Himmelfahrt um den Papi. Hauptsache, kirchlich geheiratet, die Kinder getauft und auf einem ordentlichen Friedhof begraben. Das reicht, mehr muss nicht sein, um sich wohlzufühlen.
Das Erstaunliche nun: Diese ihrer eigenen Religion gegenüber mehr oder minder indifferenten Menschen reagieren allergisch auf die deutschen Muselmanen. Sie wissen nicht, was sie an ihnen stört, spüren nur, dass da etwas nicht stimmt. In den Medien wird von "Ausländerfeindlichkeit" gesprochen- aber die Medien hatten noch selten recht mit ihren Einschätzungen.
Guter Journalismus recherchiert, schaut tiefer. Alleine die Tatsache, dass die halbwegs guten Sendungen sich mit "investigativem Journalismus" titulieren, zeigt, dass jeder andere Journalismus nichts mehr aufspürt und genau untersucht (nichts anderes heißt "investigativ"). Man grenzt sich vom Journalismus ab und betont, dass man selber den richtigen, gründlichen, ordentlichen Journalismus betreibe. Aber das ist ein anderes Fass ohne Boden (eine bodenlose Frechheit).
Wir haben es nicht mit "Ausländerfeindlichkeit" zu tun, sondern mit der Tatsache, dass unsere Gesellschaft aus "Christen" besteht, die größtenteils keine Christen sind und auch keine werden würden, wenn die Religionsdebatte nicht für eine Neubildung der Fronten sorgte. Diese "Christen" meinen nun etwas verteidigen zu müssen, was sie bislang nie interessiert hat und besser auch zukünftig nicht interessieren sollte: Ihr Christsein. Plötzlich sind den "Christen" ihre Kirchtürme so heilig, dass sie gegen einen Moscheebau protestieren. Plötzlich ist die Rede vom "christlichen Abendland", von der "christlichen Kultur". Die Kirchenvertreter sind wahrscheinlich in gewisser Hinsicht froh über die Muslime, erwecken sie doch die Schäfchen vom kirchendistanzierten Religionsschlaf. Man könnte fast sagen: Der Großteil der deutschen Einwohner sind christliche "Schläfer". Natürlich nicht mit dem Auftrag, mittels Bombengürtel auf Befehl ein Attentat zu begehen- aber mit dem Antrieb, bei zuviel Islam mit Schildern auf die Straße zu gehen und zu protestieren. Die Bomben kommen vielleicht einige Jahrzehnte später (immerhin werden in den USA immer noch Ärzte von Christen erschossen, weil diese Ärzte Abtreibungen vornehmen- man unterschätze das Gewaltpotenzial des Christentums nicht!).
Um aber wieder auf das Thema "Maß" zurückzukommen: Die "Pseudochristen" reagieren maßlos auf die Muslime in Deutschland. Dies geschieht, weil sie ihr eigenes Verhältnis zu religiösen Dingen verloren haben. Deutlichstes Indiz für die Richtigkeit dieser meiner Vermutung ist mir die Tatsache, dass weniger Menschen auf die Straße gehen, wenn es um politische Unsäglichkeiten geht (wie Hartz IV oder das neuerliche Sparpaket), als wenn es um einen Moscheebau geht. Kurioserweise ist der deutsche Bundesbürger offenbar weniger politisch als vielmehr religiös. Pseudoreligiös. Die Muslime kennen sich in der Bibel besser aus, als das Gros der "Anti-Moschee-Protestanten". Das sollte diese Pseudochristen beschämen. Mich wundert es offengestanden nicht, das die Muslime kaum Respekt gegenüber dem Gros der Christen dieses Landes haben. Sie haben im Kern recht, wenn sie sagen, dass diese "Christen" selber nicht glauben, was in der Bibel steht. Welche andere Sicht sollten Muslime auch gegenüber dem "typischen" Christen in Deutschland entwickeln? Die Muslime sind ein recht realistischer Spiegel auf den "Unglauben" der deutschen "Christen".
Dass die Christen in unserem Land zum größten Teil keine Christen sind, ist das Resultat einer selbstkritischen Theologie, die sich nach der Reformation entwickelte und etablierte. Die landestypisch liberalen Protestanten haben die Bibel "entzaubert": Adam und Eva gab es nie, Jesus vollbrachte keine Wunder, Maria war keine Jungfrau, das Grab Jesu war nicht leer, die Evangelien sind keine Zeugenberichte, die Epistel stammen meist nicht von den Autoren, die in den Überschriften abgedruckt sind. Die Wissenschaft hat in die protestantische Theologie Einzug gehalten und sie damit irrelevant gemacht. An sich ist das für meine Begriffe eine gute Entwicklung. Die protestantische Theologie hat die Protestanten behutsam aus dem Glauben geführt und Gott mitsamt dem Geist und dem Sohn verdrängt. Das ist durchaus ein Fortschritt- wären die protestantischen Theologen nicht so unsäglich dumm, sich irgendwie an den lächerlichen theologischen Resten festzuklammern und irgendwo darin noch einen Grund zu finden, an den christlichen Gott zu glauben. Damit erhalten sie ein Flämmchen am Brennen, das konsequenterweise besser ausgelöscht sein sollte.
Der latente christliche Glaube ist also unter den Theologen recht akademisch irgendwie und irgendwo noch gerechtfertigt- aber leider keinem Christen durchschnittlicher Bildung in Deutschland vermittelbar. Auf den Kanzeln wird auch nichts konkretes mehr vermittelt- es wird nur noch belanglos dahergepredigt. Das ist zwar akademisch hochwertig, reißt aber natürlich niemanden mehr vom Hocker, geschweige denn sonntags in der Frühe aus dem Bett. Und es gibt ja auch- wie auf der Startseite dieser Homepage beschrieben- nichts, was zu predigen wäre. Aber auch das mag keiner von den Sonntagsschläfern sich bewusst machen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Bezeichnung für einen Christen als "Schaf" so nahe dran ist an dem Wort "Schlaf".
Es gilt also, das richtige Maß in dieser Sache zu entdecken. Dass eine Religion nicht mit einer anderen Religion friedlich zu vereinen ist, wenn die Anhänger mit religiösen Wahrheiten argumentieren, sollte hinreichend klar geworden sein. Religion ist per se "maßlos" bzw. "anmaßend" und führt uns als Menschen nicht aus Konflikten heraus, sondern zusehends hinein. George W. Bush legt seinem Krieg gegen die "Achse des Bösen" (der Teufel) seine fundamentalistisch christliche Überzeugung zugrunde. Das ist nichts neues: Um 2.600 vor Christus bereits gab es Stadtgötter, durch die die Herrscher der jeweiligen Stadt verkünden ließen:
" Ich, Gott A habe den König meiner Stadt eingesetzt und bin vom Rang höher als Du, Gott B. Ich fordere Dich darum auf, Gott B, dich mir mitsamt deinem König zu unterwerfen"
Auf diese Weise sprachen die Könige sich gegenseitig die Herrschaft ab, indem sie die Götterhierarchien benutzten und durch die eigenen Stadtgötter verkünden ließen, dass es nur recht und billig sei, wenn der gegnerische König sich unterwerfe. Natürlich erwiderte der gegnerische König, dass der andere Gott minderwertiger und an Unterwerfung nicht zu denken sei. (Helmut Uhlig, "Die Sumerer", Finnland 1993, Verlag Gustav Lübbe)
Man kann hieran erkennen, dass uns die Religionen 4000 Jahre später um keinen Deut vorangebracht haben. Noch immer behauptet König Bush, sein Gott sei der gute und mächtigere und Allah sei der Böse und müsse unterworfen werden und reißt sowohl sein Land sowie die Bündnisstaaten in einen lächerlichen Krieg. Natürlich etwas realpolitischer ausgedrückt aber die Motivation tritt klar ans Licht und entspricht dem Verhalten von "Enmerkar" aus der Erzählung "Enmerkar und der Herr von Aratta" ~ 3000 vor Christus.
Darum muss ein anderes Maß her und das kann alleine nur durch bedachte Betrachtung der Fakten ermittelt werden. Wie unter dem Punkt "Nachdenken" beschrieben, ist es erforderlich, dass die alten "Märchen" überdacht werden, dass die Fakten zur Kenntnis genommen und die folgerichtigen Schlüsse daraus gezogen werden. Wer ein überzeugter Christ ist, mag nicht gänzlich dumm sein, aber er ist es hinsichtlich seines Glaubens. Er ignoriert dumm, was ihm dumpf zu Ohren und zu Hirn dringt und widersprüchlich, unschlüssig und unauflösbar erscheint. Er verdrängt zugunsten der Hoffnung auf ein ewiges Leben die Tatsache, dass das Konzept nicht stimmig ist und Gefahren provoziert. In allen anderen Lebensbereichen mag er ein brillanter Kopf sein- hinsichtlich des Glaubens ist er dumm.
Darum hat das Nachdenken etwas mit Intelligenz zu tun. Kein Mensch kann hinreichend erklären, was Intelligenz genau sein soll, manchen fehlt die emotionale Intelligenz während sie ansonsten Nobelpreise sammeln. Die Möglichkeit, intelligent und dumm zugleich sein zu können, liegt darin begründet, dass Intelligenz, Nachdenken und der korrekte Maßstab nicht ausreichen, um gute Früchte tragen zu können. Es fehlt ein wichtiger Punkt. Während das Nachdenken (die Intelligenz) die Qualität umschreibt und das "Maß" die Quantitäten, das Verhältnis der intelligent ermittelten Fakten zueinander, fehlt ein, wenn nicht sogar DER Punkt: Die Redlichkeit. In allem, was ich noch so intelligent ermittel muss ich doch am Ende so ehrlich sein, es mir und anderen einzugestehen, sobald diese Erkenntnisse meinen oder den üblichen Ansichten widersprechen.
Darum nun also zum folgenden Punkt: Der Redlichkeit