- - - - - -
"Irgendwie muss es Iris da wohl richtig gefallen haben, obwohl doch das 20. Jahrhundert bis zum Dritten Weltkrieg irgendwie nicht so toll gewesen sein kann... aber was versteh ich schon davon, ich war ja noch nie auf der Erde." - "Nun, in der Avalon-Variante gab es keinen Dritten Weltkrieg auf der Erde. Irgendwie hat sich eben alles zum Guten gewendet oder ist zumindest besser geworden." - "Auch in anderen Varianten hat es keinen Dritten Weltkrieg gegeben und vieles ist irgendwann besser geworden, soviel ich weiss." - "Ja, sicher. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten!" erklärt All'Una und lässt sich zum wiederholten Male ihr Glas auffüllen. - "Die ganzen Spielchen müssen Iris wirklich ziemlich Spass gemacht haben. Ich habe noch nie von einer Amayra-Hexe gehört, die so lange in einer anderen Variante geblieben wäre..." - "Tja, Iris hat es ja auch nicht gerade an die Grosse Glocke gehängt. Also wer weiss..." - "Wie lange dauerte denn deine längste Reise jenseits der Spiegel?" - "Ich war mal ganze elf Monate weg. Und das war eben auch in der Avalon-Variante." - "Mir ist immer noch nicht so ganz klar, was abgesehen von Iris so besonders daran ist und warum man es die Avalon-Variante nennt." - "Das kommt schon noch, Jaella, noch etwas Geduld!"
- - - - - -
[PALACE-HOTEL IN WASHINGTON - MORGENS.]
"Dieser Tag bedeutet dir wohl wirklich was besonderes..." vermutet Alex und sieht sie aufmerksam an - und sie nickt. "Stimmt. So eine Art Jubiläum." Allerdings wird sie ihm wohl lieber nicht auf die Nase binden, dass dies der Tag ist, an dem sie in dieser Welt erschienen ist und es ihr damals für einen Moment im tosenden Sturm fast schon vorkam, als wäre sie als Prominente im Blitzlichtgewitter der Boulevardpresse gelandet. "Deshalb habe ich auch unseren Hochzeitstag auf dieses Datum gelegt!" - "Und wie wollen wir feiern?" erkundigt er sich und sieht sie dann hoffnungsvoll an: "Gehen wir tanzen?"
* * *
[EIN LOKAL IN WASHINGTON - ABENDS.]
Sie haben zur Feier ihres angeblich 3. Hochzeitstages also Mulder, Scully, Skinner und sogar noch ein paar Kollegen, die ihnen beim FBI gerade über den Weg gelaufen sind, nach Feierabend in ein nettes Lokal eingeladen, wo man nicht nur gut essen sondern auch tanzen kann. Und Iris trägt wieder ein rotes Kleid. Ein sexy Kleid, das wie dafür gemacht zu sein scheint, darin Tango zu tanzen. Alex ist ganz in schwarz gekleidet, mit engen Hosen, die seinen knackigen Hintern schön zur Geltung bringen, und dazu trägt er das Hemd halb offen. Letzteres zugegeben vor allem deshalb, weil Iris ihm einfach kurzerhand die obersten Knöpfe abgerissen hat...
Schon wenn Iris und Alex in ganz normaler grauer Bürokluft durch die Gänge des FBI laufen, bewegen sie sich mit der katzenhaften Geschmeidigkeit von Raubtieren. So kommt es zumindest Skinner vor, wenn er ihnen hinterhersieht. Die beiden jetzt auch noch zusammen Tango tanzen zu sehen, kommt ihm beinahe vor wie Sex auf offener Bühne und ist fast mehr, als er verkraften kann, weswegen er an diesem Abend sehr schweigsam ist.
Dafür sind Mulder und Scully ungewöhnlich guter Laune und überaus gesprächig. Mit den Sinclairs scheinen sie sich ja wirklich blendend zu verstehen. Sie entlocken Alexei schliesslich auch die Story...
... wie er mit Iris nach Las Vegas gefahren ist und dort unversehens in einer Hochzeitskapelle gelandet ist, noch eher er richtig wusste, wie ihm geschah. Dass später ihr Vater fast einen Herzinfarkt bekam, als er von der Hochzeit seiner Tochter hörte. Dass auch ihr Bruder ein ziemlich dummes Gesicht machte, als er hörte, seine Schwester hätte einen FBI-Agenten geheiratet. Und dass den Anwalt der Familie wohl auf der Stelle der Schlag getroffen hätte, wenn Alex dann nicht sofort einen Ehevertrag unterzeichnet hätte... So ganz im Vertrauen erzählt er auch, dass Iris eigentlich noch nie was von der Institution der Patriarchalen Ehe gehalten hätte und ihn wohl nur geheiratet hat, um ihren Vater zu ärgern und weil ihr der Name Sinclair gefiel - worauf Iris hinzufügt: "Und weil er der schnuckeligste Kerl ist, der mir in diesem Leben je über den Weg gelaufen ist!"
Verdammt, er liebt es, wenn sie solche Sachen sagt, auch wenn's nur Show ist! Sie lächelt dann auch immer so verschmitzt und gibt ihm einen Kuss, dass er am liebsten auf die Knie sinken und sie um mehr anbetteln würde. Manchmal fragt Alex sich, ob es ihr überhaupt Spass macht, mit ihm zusammenzusein, doch dann wird ihm immer wieder schlagartig klar, dass sie das alles wohl kaum tun würde, wenn es ihr nicht auch Spass machen würde, denn schliesslich könnte sie wohl so gut wie alles tun, wonach ihr jemals der Sinn steht. Und irgendwie scheint es ihr zuweilen durchaus richtig Spass zu machen, seine Ehefrau zu spielen. "Ich liebe dich!" sagt er grinsend vor allen Leuten - und sie lächelt. "Ich weiss!" Und sie gibt ihm in aller Öffentlichkeit einen Kuss, so einen richtigen, nicht nur so ein flüchtiges Küsschen wie sonst. Er vergisst alles ringsum, bis sie ihn wieder sanft daran erinnert, dass sie nicht allein sind, noch bevor es peinlich werden könnte.
"Sag mal Alexei..." meint Mulder im Laufe des Abends schliesslich im Vertrauen. "Wie hast du Iris eigentlich damals den Heiratsantrag gemacht? Bist du vor ihr auf die Knie gegangen mit allem drum und dran?" Und irgendwie geht es ihm bei dieser Frage nicht nur um die Befriedigung persönlicher Neugierde.
Alex kennt die Lebensgeschichte von Alexander Sinclair auswendig, denn schliesslich hat er die mit Iris zusammen erfunden. Im Safe des Hotelzimmers sind die entsprechenden Dokumente verwahrt: Geburtsurkunde, Schulzeugnisse, FBI-Akten, Heiratsurkunde und Ehevertrag, einfach alles was das Herz begehrt. Und solange er seinen Ehering trägt, wird er tatsächlich Alexander Sinclair sein. Wenn er den Ring ablegt, würde man ihn wieder als Alex Krycek erkennen können, hat Iris ihm erklärt. Und, bei Gott, er hat nicht vor, diesen Ring jemals wieder abzulegen. "Ääähm..." Mulder will also wissen, wie er Iris den Heiratsantrag gemacht hat? "Ich habe ihr gar keinen Antrag gemacht!" erklärt er schliesslich in doppeltem Sinne wahrheitsgemäss. - "Was?!" - "Iris hat den Vorschlag gemacht, wir könnten doch nach Las Vegas fahren, und ich hab mir nichts dabei gedacht. Und als wir dann nach ein paar Drinks im Casino plötzlich vor so einer Hochzeitskapelle standen, da sie einfach 'Na?' gemacht und ich hab nur noch genickt und vermutlich gelächelt wie ein Idiot. Es war so spontan, wir hatten noch nicht mal Ringe... die haben wir erst am nächsten Tag gekauft." Er sieht Mulder an und lächelt nun hinterhältig. "Aber warum willst du das denn so genau wissen, hä?" Sein Lächeln wird noch eine Spur hinterhältiger. "Willst du Dana vielleicht einen Antrag machen?"
Mulder macht ein Gesicht, als hätte man ihn gerade bei was verbotenem ertappt. "Ist das so offensichtlich?" Er sieht sich verschwörerisch um, doch Scully ist nicht in Hörweite. "Ich weiss nicht so recht, wie ich es anstellen soll..." - "Mann!" Alex verdreht theatralisch die Augen. "Sie wird mit ziemlicher Sicherheit Ja sagen, ganz egal, wie du es anstellst!" - "Bist du sicher?" Er klingt schüchtern wie ein junger Mann, der sich nicht traut, seinen Schwarm zum Abschlussball einzuladen. Warum bekommt er schon weiche Knie, wenn er sich nur vorstellt, Scully mit einem Ring gegenüberzutreten? - "Für einen Mann, der Psychologie in Oxford studiert hat und doch sonst immer so unheimlich klug ist, kannst du manchmal wirklich ein echter Blödmann sein, Mulder!" ächzt Alex. "Ihr liebt euch doch schon so lange... schon lange bevor ihr endlich mal, na ja... Iris hat das schon gemerkt, als sie euch zum ersten Mal gesehen hat." Und das wird den guten Mulder wohl kaum wundern, schliesslich ist er ja von Iris' paranormalen Talenten durchaus überzeugt. "Ihr gehört zusammen!" - "Aber ob Scully auch Mrs. Mulder werden will?" Er ist von Selbstzweifeln gequält. Wenn er eine Frau wäre, würde er sich dann selber heiraten wollen? Oder würde er nicht eher schreiend davonlaufen?
Iris! Alex wirft ihr einen hilfesuchenden Blick zu, denn er vermutet stark, dass sie dem Mann hier viel besser gut zureden kann - und sie kommt tatsächlich näher, mit einem Champagnerglas in der Hand. "Naaa, worüber unterhaltet ihr zwei Hübschen euch denn?" erkundigt sie sich in schon leicht angesäuseltem Ton und umarmt sogleich ihren Ehemann, um ihm an den Hintern zu grabschen.
Mulder schliesst für einen Moment die Augen. Iris hat ihm jetzt gerade noch gefehlt. Wieder sieht er sich kurz um, doch Scully tanzt gerade mit Skinner, also wird sie schon nicht gleich in der nächsten Minute hier auftauchen. "Alexei hat mir gerade erzählt, dass er dir damals gar keinen Heiratsantrag gemacht hat." versucht er sich in möglichst unverfänglichem Ton herauszureden. - "Und das hat dich so schockiert?" Sie sieht ihn amüsiert an. Ihre Pupillen weiten sich - und Mulder glaubt förmlich spüren zu können, wie sie gerade in seinen Gedanken zu lesen versucht. Allerdings kann er ja selbst kaum einen klaren Gedanken fassen! "Ich bin nicht schockiert!" windet er sich weiterhin, als ob es hier tatsächlich noch um die Anekdote von Iris' und Alex' spontaner Hochzeit in Las Vegas ginge. - "Wenn du sie nicht fragst, wirst du dich irgendwann ganz furchtbar in den Hintern beissen!" sagt sie ihm mitten ins Gesicht. "Trau dich ruhig!" - "Was... wie... woher..." fängt Mulder etwas irritiert an zu stottern und beginnt sich zu fragen, ob irgendwo auf seiner Stirn tätowiert steht: Zu doof für einen Heiratsantrag?!
"Mulder, Schätzchen, dazu braucht es keine hellseherischen Fähigkeiten!" grinst sie. "So nervös wie du plötzlich aussiehst, wenn von Hochzeit die Rede ist..." Sie deutet auf die linke Tasche seines Jacketts. "Was hast du da drin?" - "Hast du jetzt etwa auch noch Röntgenblick?" Automatisch klopft sich Mulder an die Tasche, um sich zu vergewissern, dass sein kleines Päckchen noch da ist. - "Nein, aber ich habe dich beobachtet. Ich kenne mich mit Körpersprache aus... und heute hast du dich schon mindestens zwanzig Mal auf genau diese Art vergewissert, dass was-auch-immer-es-ist noch da ist. Es kann nicht sehr gross sein, wenn es da drin Platz hat... Lass mich raten..." Sie sieht ihn eindringlich an. "Etwas rundes... na was könnte das wohl sein?" Sie lächelt verschwörerisch. "Vielleicht ein Verlobungsring?"
Scully tanzt mit Skinner, bemerkt dabei jedoch schliesslich aus den Augenwinkeln, wie sich Mulder mit den Sinclairs unterhält. Sieht verdächtig nach verschwörerischem Flüstern aus. Sie wird davon so abgelenkt, dass sie fast über Skinner's Füsse stolpert. Aber bald macht die Musik eine kleine Pause und sie beenden den Tanz.
Schnurstracks geht sie in Mulder's Richtung, worauf in der Verschwörer-Ecke schlagartig das Gespräch verstummt, was natürlich ihren Verdacht verstärkt, dass da irgendwas hinter ihrem Rücken läuft. Plant ihr Partner etwa irgendwelche mysteriöse Extra-Touren ohne sie, obwohl er ihr geschworen hat, sie nie wieder alleine zu lassen? Oder was ist sonst los? "Was geht hier vor?" erkundigt sie sich misstrauisch. - "Nichts!" antwortet Mulder automatisch, worauf er von Iris prompt einen Tritt ans Bein bekommt. "Au!" - Nun ist Scully erst recht misstrauisch und in ihrem Kopf beginnen sämtliche Alarmsirenen zu läuten. "Was geht hier vor?!" wiederholt sie ihre Frage nun in eindringlicherem Ton.
"Äääh..." Mulder weiss nicht, was er sagen soll - und Iris verdreht neben ihm die Augen. Himmel, warum ist das bei den beiden immer so kompliziert? Erneut verpasst sie ihm einen Tritt und sieht ihn auffordernd an, endlich was zu sagen. - "Mmmmh..." Irgendwie fehlen ihm die richtigen Worte und ihm schiesst der Gedanke durch den Kopf, dass er ja Taten sprechen lassen könnte, denn Scully sieht wirklich so aus, als müsste sie jetzt ganz dringend besänftigt werden. Vielleicht sollte er ja jetzt einfach gleich hier vor ihr auf die Knie gehen! Doch bevor er diesen Gedanken auch in die Tat umsetzen kann - bekommt er einen dritten Fusstritt zu spüren. Iris wirft ihm einen Blick zu, der deutlich besagt, dass der Gang vor dem Herrenklo wohl nicht unbedingt der romantischste Ort für einen Heiratsantrag ist. "Geht nach draussen auf die Terrasse an die frische Luft!" - Nun, das scheint Mulder doch eine sehr gute Idee zu sein. Er drängt die verwirrte Scully in Richtung Terrasse, indem er wie schon so oft seinen Arm auf ihren Rücken legt. "Komm, ich will dir was zeigen."
Scully ist immer noch verwirrt, nachdem sie mit Mulder auf der Terrasse ist. Irgendwas wichtiges liegt in der Luft, das kann sie förmlich spüren und braucht nicht mal Iris' Intuition dazu. Und überhaupt Iris, wieso hat sie vorhin so verdächtig gelächelt? Was in aller Welt hat Mulder mit den Sinclairs zu tuscheln und nicht mit ihr?
"Was geht hier vor?" fragt sie nun zum dritten Mal und sieht Mulder eindringlich an, der wirklich seltsam nervös scheint. "Nun sag schon!" - "Ich liebe dich und... äh... wollte dich fragen..." fängt Mulder an zu stammeln und fragt sich plötzlich, ob es nicht wirklich einfacher wäre, mit ihr nach Las Vegas durchzubrennen und vor einer Hochzeitskapelle 'Na?' zu sagen. Er nestelt das kleine Schächtelchen aus der Tasche seines Jacketts und überreicht es ihr, worauf er sie erwartungsvoll ansieht - während sie nun das kleine Schächtelchen anstarrt, als könnte es jeden Augenblick explodieren. Ist es etwa wirklich das, was sie hofft, das es ist?! Ihr Herz hat unwillkürlich einen Sprung gemacht, doch sie mahnt sich zur Ruhe. Vielleicht ist da nur der Zahn eines Vampirs drin, die Kralle eines Werwolfs oder sonst irgendwas verrücktes. Er sieht sie so erwartungsvoll an... Na ja, vielleicht sollte sie es einfach mal aufmachen?
Ein Ring. Ein sehr hübscher Ring mit Brillant. Ein Verlobungsring.
"Oh!" haucht sie und kann es kaum glauben - bis er nun tatsächlich vor ihr auf die Knie geht. "Willst du mich heiraten?" - Ist das sein Ernst? In seinem Blick erkennt sie seine Liebe und auch dass er es durchaus ernst meint... und seine Nervosität. Seine Angst, dass sie nein sagen könnte... weil er sich so sehr wünscht, dass sie ja sagt. Verdammt, nach so vielen Jahren kann sie ihn ruhig mal eine Minute zappeln lassen, denn sein Gesicht ist wirklich ein Bild für die Götter! "Ja!" antwortet sie schliesslich.
"Und?!" erkundigt sich Alex flüsternd. Mulder und Scully zu beobachten ist besser als jede Seifenoper. Alex Krycek hätte vermutlich gelacht, wenn ihm jemand gesagt hätte, dass er eine sehr romantische Ader hat, doch als Alexander Sinclair kann er es ruhig zugeben, auch dass er oft ein richtiger Schmusetiger ist... Er sieht Iris an, die lächelnd durch die geschlossenen Vorhänge hindurch auf die Terrasse starrt, und wünschte sich manchmal auch so scharfe Sinne. "Na?" - "Sie hat JA gesagt!" antwortet Iris in ebenso verschwörerischem Flüsterton, den sonst niemand verstehen würde. - "Und jetzt?" - "Sie küssen sich!" Iris ist zufrieden. Tja, manche Menschen scheinen wohl wirklich einfach ab und zu ein paar Tritte zu brauchen...
- - - - - -
"Iris hat getrickst! Ist das nicht gegen ihre Spielregeln?!" - "Sie hat nicht getrickst!" widerspricht All'Una. "Sie hat nur... äh... die Konditionen etwas aufgemischt. Und dann der Natur ihren Lauf gelassen." - "Aha. So sagt man dem jetzt..."
- - - - - -
[IRGENDWO IN WASHINGTON]
Es ist Brauch, dass es vor der Hochzeit analog dem Herren-Polterabend für den Bräutigam und seine Freunde, auch so eine Art 'Damenkränzchen' für die Braut gibt, wo für gewöhnlich kichernde Freundinnen zusammensitzen und die Braut mit so nützlichen Dingen wie Dessous und ähnlichem Kram beschenken... Scully hat nicht viele Freundinnen. Privatleben hatte sie ja kaum noch in den letzten Jahren und mit anderen FBI-Kolleginnen auch selten zu tun, weil sie ja im Ruf steht, etwas seltsam zu sein, was sie wohl nicht zuletzt ihrer Zusammenarbeit mit Mulder verdankt.
Im Grunde gibt es da nur Iris, deren Haschplätzchen, oder was immer das für ein Teufelszeug war, sie es wohl auch zu verdanken hat, dass ihre Beziehung mit Mulder endlich mal eine neue Dimension erreicht hatte... Also hat sie Iris gefragt, ob sie Brautjungfer sein will, worauf diese lächelnd gesagt hat, dass man es mit dem 'Jungfrau' wohl nicht so genau nimmt.
Ausserdem sind nun schon ihre Mutter und ihre Schwester Melissa zu Besuch gekommen... und Scully hat, eine Woche vor dem grossen Tag, immer noch kein Hochzeitskleid!
"Nur keine Panik!" meint Iris beruhigend, nachdem sie jetzt erst mal Mrs. Scully und Melissa begrüsst hat - wobei sie besonders Missy aufmerksam ansieht, die wirklich ganz reizend ist. Zum Glück wurde in dieser Realität hier niemals auf Scully's Schwester geschossen... - "Wir gehen jetzt einkaufen und wir finden für dich ganz bestimmt ein wunderschönes Kleid, Dana!"
Die vier Frauen machen zusammen einen ausgedehnten Einkaufsbummel und landen schliesslich in einem Geschäft, das auf Brautmoden spezialisiert ist, wo sie sich erst mal etwas umsehen. Dort gibt es nicht nur weisse Brautkleider, sondern auch Kleider für Brautjungfern, bei denen es sich in Iris' Augen zumeist um einen Ausbund an schlechtem Geschmack handelt. Weil die Braut umso schöner erscheint, je hässlicher die Brautjungfern aussehen? "Dana, Schätzchen, ich werde gerne mein Haar zu einem Knoten hochstecken und meinetwegen in Sack und Asche gehen... aber keine Puffärmel, ganz sicher nicht!" Und Melissa, die andere Brautjungfer, scheint mit ihr da einer Meinung zu sein, sehr beruhigend. "Na egal, such dir erst mal ein hübsches Hochzeitskleid aus! Geld spielt keine Rolle!" - "Aber Iris!" protestiert Dana, der es langsam peinlich ist, dass Iris schon fast die halbe Hochzeit ausrichtet, weil ihr das so grossen Spass macht. - "Dana... Bitte, das ist mein Hochzeitsgeschenk! Ich weiss doch sonst nicht, was ich dir schenken soll..." erklärt Iris und duldet keine Widerrede.
Während die Scully-Frauen nun also in den Hochzeitskleidern stöbern und dabei schon bald von zwei Angestellte umschwärmt werden - sieht sich Iris mal unter den anderen Kleidern um, wobei sie sich allfällige aufdringliche Angestellte mit einem giftigen Blick vom Hals hält, immerhin will sie selber eine Wahl treffen und sich nicht belabern lassen, und siehe da, sie findet in einer Ecke sogar doch noch was passendes. Na so ein Glück, denn selber schneidern ist nicht gerade eine Stärke!
"Na, schon was gefunden?" erkundigt sich Iris gutgelaunt und spaziert wieder zu den Scully-Frauen. Dana ist in eine überdimensionale Wolke aus Spitzenrüschen gehüllt und sieht sogar im Spiegelbild nicht sehr glücklich aus, während die Angestellten ihr einzureden versuchen, dass es ihr phantastisch stehen würde. Iris rümpft die Nase. "Das sieht ja grausig aus!" meint sie frei heraus und wendet sich dann an die ältere der Verkäuferinnen: "Hören Sie mal, gute Frau. Versuchen Sie bitte nicht, meiner Freundin hier so einen uralten Fummel anzudrehen, der schon unmodern war, als noch die Dinosaurier die Erde regierten..." Sie klingt geradezu theatralisch. "Also bringt mal was wirklich schönes, das ihr auch wirklich gut steht!" - "Aber..." Gerade will die Angestellte zu einer Erklärung ansetzen, dass dies wohl noch mit das beste wäre, was sie hier in der Preisklasse haben, die Dana genannt hat - doch Iris unterbricht sie mit einem Lächeln. "Der Preis spielt keine Rolle, für meine Freundin hier ist mir nichts zu teuer!"
Nach Iris' Worten entwickeln die beiden Angestellten ganz neue Energien - während es Scully's Mutter und Schwester fast schwindlig wird. Dana selbst ist einfach froh, dass Iris da ist, und das nicht nur, weil diese so hartnäckig darauf besteht, die Rechnungen zu bezahlen.
"Das hier ist doch hübsch!" meint Iris und deutet auf einen Traum aus weisser Seide. "Probier doch das mal an!" Und nachdem Dana wieder mal mit ihrer Mutter in der Umkleidekabine verschwunden ist, schnappt sie sich Melissa, um mit ihr die Kleider für die Brautjungfern anzusehen... wobei Missy mit ihrer Wahl auf Anhieb einverstanden ist: hochgeschlossen und silbergrau, aber wenigstens schlicht elegant und keine grässlichen Puffärmel oder sowas in der Art.
Nach dem ausgedehnten Einkaufsbummel werden die Scully-Frauen von Iris noch in ein Restaurant eingeladen und nach einem opulenten Abendessen schliesslich noch in eine besondere Bar geschleift, in der zur Abwechslung mal Männer strippen.
Dana Scully muss lachen, selbst ihre Mutter überwindet schnell ihr anfängliches Entsetzen - und Melissa amüsiert sich von Anfang an königlich.
]
Wie sich Mulder noch gut erinnert, mag Scully's Bruder Bill ihn nicht besonders, da er ihn für so ziemlich alles verantwortlich macht, was seiner Schwester im Laufe der Jahre schlimmes widerfahren ist. Als Bill nun anlässlich des 'Junggesellenabschieds' plötzlich doch noch vor ihm steht, glaubt er fast, das er nur gekommen ist, um ihn zu verprügeln...
... doch nach einer Flasche Bier klopft Bill ihm auf die Schulter und droht ihm nur ganz freundschaftlich damit, ihn ganz langsam und qualvoll umzubringen, wenn er seine Schwester unglücklich machen sollte.
Mulder ist froh, dass Alexei sich bald wieder zu ihm gesellt und damit Bill etwas ablenkt, der offenbar von seiner Mutter und seinen Schwestern nur gutes über Iris gehört hat. Allerdings findet es Bill Scully doch etwas seltsam, dass Iris und Alexei offensichtlich gerne Russisch miteinander sprechen, denn irgendwie gehört sich sowas für patriotische Amerikaner seiner Meinung nach nicht besonders...
]
Es ist schon seltsam, wie das Schicksal manchmal so spielt. In dieser Variante hier ist Mulder's Vater weder von Alex Krycek noch von sonst wem erschossen worden, sondern starb an einem Herzinfarkt, zumindest stand das auf dem Totenschein. Und seine Mutter ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, ohne dass sie jemals versucht hätte, sich mit ihrem Sohn auszusprechen. Fox Mulder hat keine Familie mehr. Dafür ist er reich, oder zumindest ziemlich wohlhabend, was er natürlich nicht nur seinem FBI-Gehalt verdankt, sondern den gemachten Erbschaften. Scully's Familie ist nicht so reich - aber ihr wird sicher niemand unterstellen wollen, sie würde ihren Partner des Geldes wegen heiraten.
Ihre Schwester Melissa kann zwar heute hier Brautjungfer sein - und sie sieht mit ihren langen roten Haaren wirklich hinreissend aus neben Iris mit hochgestecktem Haar - doch Dana Scully's Vater ist auch hier schon tot. Skinner führt die Braut zum Altar, wo der Bräutigam schon ganz nervös wartet, flankiert von Bill Scully und Alexander Sinclair. Als Mulder nun Dana endlich zu Gesicht bekommt, bleibt ihm im ersten Moment fast die Spucke weg und er fängt an zu strahlen, so wie sie auch strahlt.
Die Sonne scheint, die Luft in klar... Sogar die Lone Gunmen - Byers, Langly und Frohike - haben sich zu diesem festlichen Anlass in Schale geworfen, auch wenn sie erst nicht so von der Idee begeistert waren, an ein Fest zu gehen, wo es von FBI-Agenten nur so wimmelt. Aber immerhin ist Mulder ihr Freund. Und sie sind gewissermassen seine einzigen mehr oder weniger privaten Freunde von seiner Seite... immerhin etwas, wenn er schon keinerlei Familie mehr hat.
Iris findet, dass dies hier die schönste Hochzeit aller Varianten ist. Na logisch, wenn sie hier höchstpersönlich Brautjungfer ist! Sie hat irgendwenn schon andere Hochzeiten gesehen oder zumindest davon gehört. Oder auch Schwangerschaften ohne Hochzeit... Diese Scully hier wäre vermutlich ziemlich verblüfft, wenn Iris ihr sagen würde, dass sie (bzw. ein Alter Ego) auch schon Skinner geheiratet hat. Oder diesen John Doggett, der ihr hier noch nie begegnet ist. Oder irgendwelche andere Typen - weil Mulder einfach zu blöd/feige oder sonstwas war oder entführt wurde oder dann sonstwie verschwunden ist oder was es sonst noch irgendwenn für Irrwitz gegeben hat - oder sogar Alex Krycek! Aber hier ist Alex Krycek ja ziemlich bald im Untergrund verschwunden, womöglich würden sie ihn nicht mal mehr erkennen, selbst wenn Alexander Sinclair seinen Ehering ablegen und damit den Tarnzauber unterbrechen würde. Mulder hatte hier niemals auf Alex gezielt und wurde deshalb auch niemals von Scully angeschossen, um zu verhindern, dass er ihn umbringt... So viele Ähnlichkeiten und doch so viel anders!
Lächelnd betrachtet Iris dann Mulder und Scully, das glückliche Brautpaar, wie sie später die Torte anschneiden. So gefällt es Iris irgendwie doch am besten.
- - - - - -
"Also ich werde Irdische Hochzeitsbräuche wohl nie verstehen..." - "Es gab auch auf der Erde je nach Kultur sehr viele sehr unterschiedliche Hochzeitsbräuche!" - "Ja, schon... aber du weisst schon, was ich meine! Und Iris hat da auch noch mitgespielt? Als Brautjungfer?!" - "Ja." All'Una sieht, wie es um die Mundwinkel der Fürstin zuckt und sie nun endlich mal in schallendes Gelächter ausbricht.
- - - - - -

- - - - - -
"Also die gute alte Iris war ja offenbar ziemlich aktiv und hat mit Zaubereien nicht gegeizt. Ist sie denn eigentlich nie müde geworden?!" - "Hmmm... also wenn Ihr schon so direkt fragt, Jaella..."
- - - - - -
[PALACE-HOTEL IN WASHINGTON]
"Iris?" Schläfrig dreht er sich herum, doch sie liegt nicht neben ihm im Bett. Sofort durchzuckt ihn wieder Panik. Ist jetzt der Tag gekommen, den er so gefürchtet hat? "Iris?!" ruft er und in seiner Stimme schwingt die Furcht mit, dass sie nun wirklich spurlos verschwunden sein könnte, wovor sie ihn ja einst gewarnt hatte. Oder hat sie in der Nacht mal wieder einen Ausflug gemacht und ist einfach noch nicht zurück? Fast hofft er, dass sie vielleicht einfach bei Skinner ist, ohne ihm davon erzählt zu haben, weil sie dann wieder zurückkommen wird...
In der Küche bemerkt er die leere Zuckerdose und ausserdem sind die ganzen Süssigkeiten weg. Seltsam. Als er Iris jedoch schon nach einer Minute im Bad findet, ist es erst einmal ein Schock und keine Erleichterung. Sie liegt in der grossen Badewanne. Unter Wasser. "Iris!" ruft er, springt sofort in die Wanne und fischt sie heraus, hebt wenigstens ihren Kopf über Wasser. Sie atmet nicht. Er fühlt keinen Puls. "Bitte!" schreit er wie besessen, ohrfeigt sie und schüttelt sie durch, während ihm Tränen übers Gesicht laufen. Bislang hat er sie noch nie auch nur richtig schlafen gesehen. Sie jetzt als Leiche zu sehen, lässt ihn völlig durchdrehen.
Plötzlich schlägt sie die Augen auf und es kommt wieder ein wenig Leben in ihre Glieder. Sie legt schwach eine Hand an seinen Nacken und wischt ihm dann sanft die Tränen von der Wange.
"Um Himmels Willen, Iris, was ist los mit dir?" fragt er und drückt sie fest an sich, erleichtert über ihr Lebenszeichen, obwohl es ihn irgendwie auch zu Tode erschreckt. - 'Blöde Frage, ich bin krank!' lässt sie sich in seinen Gedanken vernehmen, da sie sprechen momentan zu anstrengend findet. - "Krank?!" Hat sie ihm nicht mal erzählt, sie könne gar nicht krank werden? - 'Keine menschliche Krankheit!' beruhigt sie ihn. 'Es ist ganz schön anstrengend, lange als Mensch unter Menschen zu leben, und ich hab auch sonst noch einiges gezaubert... Tja, Schätzchen, von nichts kommt nichts... Ich brauche mal wieder etwas Energie!' Sie starrt ihn an. Sie könnte sich ein Bisschen Energie von ihm abzapfen. Aber mit sowas will sie lieber erst gar nicht anfangen! - "Energie? Was für Energie? Wie kann ich dir helfen?" erkundigt er sich und wäre bereit, alles für sie zu tun. Denn was hat sie nicht schon alles für ihn getan! "Was soll ich tun?" - 'Ein paar Blitze wären nicht schlecht... Allerdings ist es unpraktisch, wenn du mich als Leiche durch die Gegend karrst. Besorg mir also erst mal ordentlich Kalorien. Zucker. Und du brauchst nicht zu hetzen. Ich sterbe schon nicht einfach so weg...' Sie blinzelt ihn aufmunternd an und weiss, dass er ihr helfen würde, denn er ist ein guter Junge... - "Okay... Also Zucker? Gut... dann hol ich mal welchen..." Er schwankt noch, ob er jetzt sofort zum Einkaufen davonstürzen oder Iris erst aus der Wanne holen soll. - 'Wie wär's denn, wenn du einfach beim Zimmerservice Zucker bestellst?' regt sie an. - "Gute Idee!" Er rennt zum Telefon.
Zehn Minuten später bringt ein Page eine grosse Tüte mit zehn Kilo Zucker drin vorbei. Alex achtet nicht auf den verdutzten Gesichtsausdruck, drückt ihm einfach ein Trinkgeld in die Hand und schlägt ihm die Tür wieder vor der Nase zu.
"Und jetzt?!" erkundigt sich Alex etwas ratlos, als er Iris den Zucker bringt. Während des Wartens hat er Iris aus der Wanne geholt und aufs Bett gelegt. Ihr sonst so verdammt lebendiger Körper ist so kalt und leblos, dass es ihn schmerzt, sie so kraftlos zu sehen. Er fragt sich plötzlich, ob ihr wohl etwas weh tut. - 'Mir tut nichts weh... ich bin nur schwach. Hol einen Löffel und dann füttere mich mit dem Zucker, das wird etwas helfen...' Sie bringt ein Lächeln zustande - und zwanzig Sekunden später ist Alex wieder an ihrer Seite, um ihr Zucker einzulöffeln. Es ist ihm rätselhaft, wie ihr Körper den Zucker absorbiert, denn er sieht sie nicht mal schlucken; allerdings wäre es auch schon seltsam genug, wenn sie den Zucker einfach so runterschlucken würde... Stundenlang, so kommt es ihm jedenfalls vor, hält er sie im Arm und löffelt ihr Zucker ein, als wäre er Lebenselixier. Bis der ganze Zucker weg ist. Und dabei sieht sie überhaupt nicht aus, als hätte sie gerade kiloweise Zucker verdrückt.
Er hat schon oft über ihre Essgewohnheiten gestaunt, das weiss sie wohl. Sie muss nichts essen, doch sie kann essen, was und soviel sie will; und wenn's nötig ist, kann sie durchaus auch was trinken und essen, das ihr eigentlich überhaupt nicht schmeckt, indem sie einfach für eine Weile ihre Geschmacksnerven ausschaltet. Doch Zucker schmeckt ihr... und sie spürt, wie ihr die Energie dadurch gut tut. "Danke, Schätzchen!" flüstert sie. - "Geht's dir jetzt besser?" fragt er hoffnungsvoll und sieht sie an. - "Besser. Aber noch lange nicht gut. Ich könnte wirklich ein paar gute Blitze brauchen, dann wäre ich wieder richtig gut drauf..." murmelt sie und sieht in sein verwirrtes Gesicht. "Schau mich nicht so an, als wäre ich irre! Ich mein es ernst! Wo gibt's hier gute Gewitter?" - Alex ist heute wirklich drastisch daran erinnert worden, dass Iris kein normaler Mensch, sondern eine *Hexe* ist. Aber inzwischen fühlt sich ihr Körper schon nicht mehr so kalt an, sondern ist auf Zimmertemperatur aufgewärmt. "Ich weiss nicht, wann wie wo es das nächste Gewitter geben wird!" meint er etwas hilflos und drückt sie an sich. "Gibt es nicht auch was anderes, das helfen könnte?" - Ja klar, sie könnte Menschen anzapfen oder sonstwie ihrer Umwelt etwas Energie absaugen. Aber womöglich überkommt es sie dann plötzlich und das würde er lieber nicht erleben wollen... "Elektrizität!" erklärt sie. "Ich könnte meine Finger in die Steckdose stecken, allerdings würde ich damit Stromausfall in der ganzen Stadt verursachen." - "Echt?" Er haucht ihre Hände an, um sie aufzuwärmen. Immer noch kein Puls. Er sieht sie auch nicht wieder atmen. Langsam wird ihm klar, dass sie wohl nur ihm zuliebe immer die ganze Zeit vorgetäuscht hat, in ihrer Brust würde ein Herz schlagen. Oder würde es anderen Leuten etwa auffallen, dass Special Agent Iris Sinclair gar keinen Puls hat? Na ja, Skinner vielleicht, manchmal... aber an den will er jetzt lieber nicht denken. Der würde vor Schreck tot umfallen, wenn er Iris jetzt hier so sähe, der blöde Kerl. "Na was macht denn schon so ein kleiner Stromausfall?" - "Ich weiss nicht, ob es so eine gute Idee wäre, Washington lahmzulegen..." Sie lächelt bei dem Gedanken an die Panik, die in dieser Stadt ausbrechen würde. "Fahren wir lieber aufs Land raus. Mit etwas Glück geraten wir sogar in ein Gewitter... und falls wir tatsächlich dieses Glück haben, dann bleibst du bitte schön brav im Auto sitzen!"
* * *
[UNTERWEGS, IRGENDWO IN DEN USA]
Alex hat Iris beim Anziehen geholfen, ihr die Handtasche gereicht, ohne die sie nie aus dem Haus geht, und sie dann nach unten in die Tiefgarage geleitet. Zum ersten Mal hat sie sich wirklich auf ihn gestützt.
Er ist losgefahren, raus aus der Stadt. Immer wieder sieht er zu Iris auf dem Beifahrersitz rüber, die schläfrig aber durchaus lebendig wirkt, auch wenn er immer noch keinen Puls bei ihr fühlen kann. Pfeif drauf, wer braucht schon einen Puls?
Er fährt den ganzen Tag durch, doch überall herrscht penetrant schönes Wetter. Erst gegen Abend entdeckt er am Horizont endlich hoffnungsvolle dunkle Wolken. Sie nickt. Und er tritt noch mehr aufs Gaspedal.
Nach einer knappen halben Stunde sind sie schon mal mitten im Regen. Schliesslich gibt Iris ihm auf offener Strasse das Zeichen zum anhalten. "Bleib im Wagen!" Sie beugt sich zu ihm rüber und haucht ihm einen sanften Kuss auf die Wange, bevor sie aussteigt und die Tür hinter sich zuschlägt.
Er beobachtet, wie sie langsam die Strasse verlässt und aufs Feld hinausgeht, den Hügel hinauf. Sie stellt sich aufrecht hin und streckt ihre Arme in die Höhe, als würde sie den Himmel bitten, ihr endlich ein paar Blitze zu schicken. Sie steht lange so da, jedenfalls kommt es Alex so vor. Eine Minute kann verdammt lang sein, wenn man auf etwas wartet! Dann endlich... Blitz und Donner! Und mit wenigen Sekunden Pause blitzt und donnert es noch mehr.
Iris steht nicht mehr da. Er ruft sie in seinen Gedanken und beginnt auch tatsächlich ihren Namen zu brüllen. Er will raus aus dem Wagen und zu ihr hin...
... doch er bekommt die Tür nicht auf. Verflucht, sie hat ihn hier tatsächlich eingesperrt in diesem verdammten Auto?! In diesem Auto, das keine Spuren hinterlässt, kein Benzin säuft und niemals in die Werkstatt muss; und das sich zuweilen auch in ein Motorrad verwandeln kann... Aber sie hat sogar ihre Tasche hier zurückgelassen, die sie sonst immer umhängt. Eine magische Tasche, die vielleicht aussieht wie eine legere Handtasche, die es jedoch buchstäblich in sich hat, denn er hat Iris daraus schon ihr Laptop und Tausend andere Sachen herausholen sehen, die auch ebenso wieder in dieser Tasche verschwinden können, als wäre darin ein gottverdammtes schwarzes Loch... Keine Fragen, keine Fragen, keine Fragen! ruft er sich in Erinnerung. "Iris!" beginnt er stattdessen erneut zu brüllen, wobei er schon versucht, das Fenster des Wagens einzutreten. Allerdings vergeblich.
Er schaut wieder zum Hügel hoch und sieht gerade, wie Iris sich endlich hochrappelt. Sie streckt sich und er kann förmlich hören, wie sie wieder mal ihre Finger knacken lässt. Fasziniert sieht er zu, wie sie sich schüttelt und die Regentropfen nach allen Richtungen spritzen. Ein wunderbarer Anblick, der ihm das Herz aufgehen lässt. Es scheint ihr jedenfalls wieder gut zu gehen! "Iris!" Er versucht seinen gedanklichen Ruf möglichst klar zu formulieren - und diesmal reagiert sie endlich. 'Alex, Schätzchen, alles in Ordnung!' Sie schlendert den Hügel runter und dann weiter aufs Auto zu und strotzt wieder nur so vor Energie. Sie sollte öfters mal Gewitter geniessen und es niemals so weit kommen lassen, dass sie völlig kraftlos irgendwo liegen bleibt. Wer weiss, was wohl passiert wäre, wenn jemand anders sie gefunden hätte... Aber eben. Auf ein Fingerschnippen von ihr öffnet sich die Fahrertür - und Alex stürzt sofort heraus, um sie in die Arme zu schliessen. "Himmel, ich hab mir solche Sorgen gemacht!" Er drückt sie an sich und spürt ihre Hände auf seinem Hintern. Offenbar geht's ihr wirklich wieder gut. "Ich liebe dich!" flüstert er und vergräbt sich in ihrem Hals. Immer noch kein Puls. Auch egal. Aber sie fühlt sich wieder warm und lebendig an. Und sie küsst ihn wieder... das ist die Hauptsache!
"Danke, Alexei!" murmelt sie und drückt ihm noch einen Kuss auf die Lippen. "Du hast mich gerettet!" - "Gerettet? Ich hab dich doch nur mit Zucker gefüttert und dann in der Gegend rumgefahren... und das war ja wohl das mindeste!" Vor lauter Erleichterung laufen Tränen seine Wangen runter und vermischen sich mit den Regentropfen. - "Alex, Schätzchen, du bist lieb." Er sieht so durchnässt wirklich schnuckelig aus, so richtig zum reinbeissen... "Und du musst hungrig sein, du hast ja noch den ganzen Tag nichts gegessen..." Sie streichelt kurz seinen Bauch - der nun prompt zu knurren anfängt. "Jetzt, wo du's erwähnst... ich könnte wirklich langsam was zu beissen vertragen!" - "Na dann schauen wir mal, wo wir was zu Futtern finden..." Wieder schüttelt sie sich auf diese seltsame Weise, wie ein nasser Hund, und ist daraufhin augenblicklich trocken; ihre Haare hängen nicht mehr pitschnass herunter, sondern kringeln sich in schönen Locken. Und obwohl es weiterregnet, wird sie auch nicht mehr nass. Sie setzt sich wieder auf den Beifahrersitz.
Alex bleibt nass, auch als er sich wieder hinters Steuer setzt, aber das macht ihm nichts aus. Er fährt weiter geradeaus, denn irgendwo muss doch bald wieder mal irgendeine Ortschaft kommen oder wenigstens ein Motel oder sowas in der Art. Tatsächlich taucht nach wenigen Meilen ein Ortsschild auf. Sunnydale. Klingt doch nett.
Iris dagegen sieht plötzlich aus, als hätte sie Zahnschmerzen. Sunnydale? Wie zum Teufel sind sie denn ausgerechnet nach Sunnydale geraten?! Sie hätte wirklich besser aufpassen sollen, wo Alex überhaupt hinfährt, aber... na ja, c'est la vie!
[SUNNYDALE]
Zum Glück hat ein Supermarkt noch offen, so dass sie sich mit allerhand Fressalien eindecken können, um dann gemütlich in ihrem Motelzimmer zu picknicken. Alex lässt sich von Iris gerne aus seinen nassen Klamotten schälen und dann unter der heissen Dusche von oben bis unten einseifen und abschrubben, bevor sie sich danach dann aufs Bett werfen und Iris nun Alex mit allerhand Leckereien füttert, so wie er sie heute Morgen mit Zucker gefüttert hat.
Verdammt, so gefällt es ihm. "Wollen wir eine Weile hier Urlaub machen?" - "Nein!" erklärt Iris kategorisch. "Jedenfalls nicht hier!" fügt sie sanft aber bestimmt hinzu. "Gleich morgen früh fahren wir hier weg, egal wohin!" - "Warum so eilig?" - "Glaub mir, es ist besser so. Wenn ich länger an diesem Ort bleibe, werden wir vermutlich innert kürzester Zeit eine Horde Vampire am Hals haben oder noch schlimmeres." Ach, ist es nicht süss, wie er sie aus grossen Augen ansieht! "Das meine ich durchaus ernst." Und Iris weiss dabei nicht so recht, ob ihr die unfreundlichen Vampire und Dämonen hier in Sunnydale mehr Sorgen machen sollen oder die Jägerin, die wohl ziemlich nervig sein kann. - "Okay."
Falls Alex geglaubt haben sollte, Iris wolle ihn mit dem Gerede über Vampire 'oder noch schlimmeres' veralbern, so wird er nach etwa einer Stunde Schlaf eines besseren belehrt. Fast schneller, als er gucken kann, rammt Iris irgendwelchen plötzlich aufgetauchten seltsamen Typen einen Pflock ins Herz, die daraufhin blitzartig zu Staub zerfallen. Ärgerlich, dass manche Vampire zu glauben scheinen, Motelzimmer seien gewissermassen öffentlich und deshalb müssten sie nicht erst hereingebeten werden.
"Was war das denn?!" Alex hat ja nun wirklich schon viel zu sehen bekommen, aber sowas hat er noch nie mit eigenen Augen gesehen. - "Das da..." Sie öffnet das Fenster und pustet den Staub raus. "Nur ein paar hungrige Vampire. Ganz und gar irdisch. Nicht dass ich prinzipiell was gegen Vampire hätte. Aber ich will die einzige sein, die dich beisst!" Lächelnd streicht sie ihm durchs Haar, knabbert flüchtig an seinem Hals und drückt ihn dann an sich. "Wollen wir gleich losfahren?" - Er nickt, denn er glaubt kaum, dass er in dieser Nacht hier noch Schlaf finden würde.
Diesmal setzt sich Iris ans Steuer, während Alex dann auf der Beifahrerseite schliesslich schon nach kurzer Zeit erschöpft eindöst. Er hat den ganzen Tag unter Hochspannung gestanden und war fast krank vor Sorge, richtig rührend.
Viele Leute wären wohl spätestens nach dem heutigen Tag an ihrer Seite völlig übergeschnappt; doch viele Leute hätten an der Stelle von Alex Krycek wohl schon längst den Verstand verloren, noch lange bevor sie Iris überhaupt je getroffen hätten. Sie hat im Laufe der Zeit schon mit Leuten zu tun bekommen, die plötzlich schreiend davongelaufen sind, wenn Iris bloss mal was harmloses gezaubert hat. Oder die ihr dann in Panik am liebsten mit einem Holzpflock, Silberkugeln oder sonst was zu Leibe gerückt wären, oder sie an die Inquisition verraten wollten. Alex würde sie nie verraten.
- - - - - -
"Ist ja wieder mal typisch, dass sie dann gleich in so einem Höllenschlund gelandet sind... Warum war er denn eigentlich so überrascht, Vampire zu sehen?" - "Na vermutlich, weil es das erste Mal war, dass er welche gesehen hat." - "Aber er hat doch wohl schon vorher gewusst, dass es welche gibt, oder?" - "Na ja... die meisten Menschen haben sowas als Märchen abgetan. Er vermutlich auch. Und Iris hat ihm ja zwar von Dämonen und all dem erzählt, doch selbst gesehen hatte er bislang noch nichts davon." - "Aha."
- - - - - -
[UNTERWEGS, IRGENDWO IN DEN USA]
Das Handy klingelt. Ein nervtötendes Klingeln. "Willst du nicht rangehen?" erkundigt sich Alex, der es geniesst, heute mit Iris auf einer Picknickdecke im Gras zu liegen, irgendwo auf dem offenen Land. Er hat nicht danach gefragt, wo sie in der Nacht hingefahren ist, er will nur mit ihr hier rumliegen und den Sonnenschein geniessen. Warum in aller Welt hat er bloss die Handys in die Mäntel gepackt, als er mit Iris zu ihrer Gewitterjagd aufgebrochen ist?
Widerstrebend fasst Iris zu ihrem Mantel rüber und fischt das klingelnde Handy raus. "Was?" bellt sie rein. "Oh, Walter..." - Verdammt, Skinner, was will der denn schon wieder? - "Tut mir leid, aber wir sind nicht in Washington." flötet sie ins Telefon und grinst Alex dabei an. "So, was denn?" Ihre Pupillen weiten sich etwas, während ihr Skinner irgendwas von einem Fall erzählt. Ein klarer Fall. "Ferndiagnosen sind ja immer so eine Sache, aber nehmt lieber diesen Doktor unter die Lupe!" rät sie grosszügig. "Okay, schönen Tag noch!" Sie klappt das Handy zu, wirft es zurück und kuschelt sich wieder an Alexei.
Er lehnt seinen Kopf an ihre Brust und ein Teil von ihm findet es immer noch erschreckend, kein pochendes Herz zu spüren, während ein anderer Teil von ihm geradezu seltsam fasziniert davon ist. Bis vor kurzem hat er noch gedacht, das faszinierendste an ihrem wunderschönen Körper wäre Iris' Fähigkeit, in Sekundenschnelle ihre Augenfarbe zu verändern. Er könnte ihr stundenlang nur in die Augen schauen. So wie jetzt. Sie sieht ihn an mit ihren Augen, die derzeit himmelblau glänzen, und er sieht sogar sein Spiegelbild darin. 'Wäre es dir lieber, wenn ich wieder einen Herzschlag hätte?' hört er ihre Gedanken hinter seiner Stirn. Er weiss es nicht. "Hin und wieder wäre ein wenig Herzklopfen schon ganz nett!" flüstert er dann und beginnt damit, sie abzuküssen. Und irgendwann wird ihm bewusst, dass er wieder spüren kann, wie Iris' Herz pocht. "Du bist wirklich fabelhaft!" murmelt er. "Mein Engel!" - "Ich bin kein Engel..." korrigiert sie ihn flüsternd, wie sie es manchmal tut, um ihn zu necken. "Arragon Amayra hat nichts mit Himmel und Hölle zu tun!"
Öfters mal wenn er sie wegen irgendwas mit einem staunenden Blick ansah, sich jedoch das Fragen stellen verkneifen wollte, erklärte sie ihm lächelnd oder auch schulterzuckend ARRAGON AMAYRA und tat so, als würde das alles erklären. In Alex' Kopf ist deswegen dieses Wort gewissermassen zu einem Synonym für Magie geworden. Zauberei. Hexerei. Lauter Dämonisches Zeugs eben. Allerdings klang es manchmal auch danach, als würde es sich bei Arragon Amayra um so eine Art Geheimgesellschaft handeln, die alles mögliche zu wissen scheint... aber eben, keine Fragen! "Für mich bist du ein Engel!" Er sieht in ihre Augen, die nun wieder mal violett flackern. "Meine süsse Hexe!" Süss ist sie wirklich. In jeder Beziehung. Sogar ihr Schweiss, wenn sie denn überhaupt mal ins Schwitzen kommt, schmeckt süss nach Vanille und nicht etwa salzig. Und nachdem er sie gestern mit Zucker gefüttert hat, wundert ihn das jetzt gar nicht mehr. - "Hättest du mich lieber mit Salz gefüttert?" - "Oh, nein!" Er leckt sie an ihrer Kehle, als wolle er jetzt auch mal ein Bisschen Vampir spielen. "Ich mag es, dass du süss bist..." Und wie süss! Süss in jeder Beziehung. "Ich liebe dich!"
Obwohl Iris tiefergehende Freundschaften oder gar Beziehungen zu Menschen stets zu ihrer aller Wohl vermied, hatte sie doch im Laufe der Jahrhunderte die eine oder andere Affaire. ONS, wie es ja jetzt modern heisst. Jedenfalls pflegten die meisten Männer schon schreiend davonzulaufen, sobald sie irgendwie zu ahnen begannen, dass Iris keine normale Frau war. Manche Männer fanden es schon suspekt, dass Iris auch selbst mal Initiative ergriff; ganz besonders zu solchen Zeiten, als von Frauen gemeinhin erwartet wurde, keusch oder zumindest prüde zu sein... Aber Alex macht es nicht nur nichts aus, er scheint es regelrecht zu geniessen. Und es macht ihn an, wenn sie ihm gelegentlich mal buchstäblich die Kleider vom Leib reisst. Aber er ist nicht nur heiss auf sie, er liebt sie wohl wirklich. Irgendwie ein seltsames Gefühl, aber sie will lieber nicht zuviel darüber nachdenken, sondern diese lange Affaire einfach weiterhin geniessen. "Ich weiss!" Sie drückt ihm einen Kuss auf den Mund, was wieder mal ein wenig ausartet, und sie lässt währenddessen ihre Hand unter sein Hemd gleiten.
"Magst du es eigentlich wirklich?" fragt er sie plötzlich, etwas ausser Atem - und sie sieht etwas verwirrt in seine Augen. Er fragt sie allen Ernstes, ob sie es überhaupt mag? Denkt er etwa, sie würde irgendetwas tun, wenn es ihr keinen Spass machen würde? Na ja, sie hat schon einiges getan, was ihr keinen Spass gemacht hat. Aber doch nicht immer und immer wieder und mit einem Lächeln auf den Lippen! Also grinst sie ihn an: "Nein, ich hasse es wie die Pest, aber ein böser Dämon zwingt mich, immer und immer wieder über dich herzufallen!" - "Süsse! Ich mein es ernst!" Er zieht sie etwas von sich weg und sieht sie an, beobachtet fasziniert, wie sich wieder die Farbe ihrer Augen ändert, als sie nun seinen Blick ernst erwidert. Verdammt, er wollte wirklich nicht die Stimmung zerstören, aber das will er nun wirklich wissen, da er den plötzlich aufgetauchten Gedanken nicht ertragen kann, sie könnte das alles womöglich nur tun, weil er in irgendeiner kosmischen Lotterie per puren Zufall das grosse Los gezogen hat. "Magst du mich überhaupt?"
Heiliger Bimbam, was für eine dämliche Frage! Die Ernsthaftigkeit, mit er sie stellt, rührt sie jedoch irgendwie, und so unterdrückt sie ihren ersten Impuls, erst mal lauthals loszulachen. Todernst erklärt sie geradezu feierlich: "Ich mag es. Ich mag dich. Sehr sogar." Und dann erlaubt sie sich wieder ein breites Lächeln. "Ich hatte schon lange nicht mehr soviel Spass wie mit dir!" flüstert sie dann so nahe, dass ihre Worte auf seinen Lippen kitzeln.
Er könnte sich keine schönere Liebeserklärung vorstellen, zumal von einer Hexe, die sich lieber die Zunge abbeissen würde, als das Wort LIEBE in den Mund zu nehmen... Es tut so gut, diese Worte von ihr zu hören, dass ihm Freudentränen in die Augen treten. Verdammt, wenn jemand vor einem Jahr Alex Krycek erzählt hätte, dass er mal wegen einer Frau in Tränen ausbrechen würde, dann hätte er ihn wohl für verrückt erklärt. Doch Iris hat ihm schon viele Tränen entlockt. Tränen der Freude, aber auch Tränen der Angst, wenn er befürchtete, sie wäre plötzlich spurlos verschwunden oder gar tot. "Ich liebe dich! Und ich bin verrückt nach dir!" flüstert er mit vor Verlangen heiserer Stimme - worauf sie ihre Hände in seinen Haaren vergräbt und ihn kurz spielerisch in den Hals beisst. "Na so ein Zufall... das trifft sich ja hervorragend!" Sie beginnt an seinem Hals zu saugen. Das wird ein mordsmässiger Knutschfleck werden!
"Was machen Sie denn da?!" durchschneidet auf einmal eine krächzende Altmännerstimme die Stille. Obwohl: Stille kann man es wohl auch nicht direkt nennen - dazu rauscht das Blut viel zu laut in Alex' Körper. "Wa...?!" stöhnt er benommen, als er plötzlich kaltes Metall an seiner Schläfe spürt. Der Lauf einer Flinte. - "Na wonach sieht's denn aus?!" ertönt nun Iris Stimme und sie kichert. "Oder ist es bei Ihnen schon so lange her, dass Sie's vergessen haben?!" spöttelt sie und schert sich kein Bisschen darum, dass die Flinte nun auf sie gerichtet wird.
Gott, wie peinlich! Alex kommt sich vor wie ein ertappter Teenager, doch Iris bleibt ganz cool. Allerdings hat sie im Gegensatz zu ihm ja auch noch ein Hemd an. Hektisch schlüpft er in seine Jeans, während der alte Mann darüber zu lamentieren beginnt, dass dies sein Land wäre und die Leute heutzutage wohl keinen Respekt mehr vor Privateigentum hätten und überhaupt diese zügellosen Sitten heutzutage blablabla etc.pp. Immerhin ist seine Flinte inzwischen nach unten gerichtet.
"Ja, ja, schon gut, Alter!" erklärt Iris, nachdem sie zu guter Letzt noch die Picknickdecke zusammengefaltet hat. "Reg dich ab, wir verschwinden ja schon!"
Als sie schliesslich wieder im Auto sitzen und davonfahren, bricht sie in schallendes Gelächter aus, in das er bald mit einstimmt. Hui, wurde ja auch mal wieder Zeit, dass ihn jemand mit einer Waffe bedroht, sonst hätte er womöglich noch Entzugserscheinungen bekommen...
- - - - - -
"Ach ja... das war ja noch so eine Zeit, wo in dem Land jeder mit einer Waffe rumgelaufen ist und sich alle gegenseitig abgeballert haben..." - "Na ja, ganz so schlimm war's nicht... nur manchmal." - "Damals herrschten wirklich komische Sitten und Gebräuche. Allerdings herrschen unter den Menschen ja auch heute noch komische Sitten und Gebräuche."
- - - - - -
Iris und Alex liessen sich Zeit und hatten es überhaupt nicht eilig, nach Washington zurückzukommen, schliesslich wurden sie ja auch nicht unbedingt im Büro erwartet. Tja, es hat schon seine Vorteile, wenn einem vom FBI Extrawürste gebraten werden...
Irgendwie artete es zu einer Fahrt kreuz und quer durchs Land aus.
[
Alex wollte unbedingt nach Las Vegas, um sich mit eigenen Augen die Hochzeitskapelle anzusehen, wo er und Iris angeblich geheiratet hatten - und sie stockte bei der Gelegenheit in diversen Casinos ihre Bargeldvorräte wieder mal auf. Und er wundert sich kein Bisschen darüber, dass sie so viel Glück beim Glücksspiel hat...
[
In Los Angeles dann zeigte sie ihm die Villa, die ihnen angeblich gehörte bzw. gehört hatte, denn inzwischen wurde die Villa aus dem Nachlass des Vorbesitzers verkauft. Und eben jener Vorbesitzer war ein Typ, der im Verdacht stand, mit der Mafia zu tun zu haben, ohne dass man ihm jemals etwas nachweisen konnte - und Iris hat ihn hier kurzerhand zu ihrem Vater umfunktioniert, da niemand mehr das Gegenteil beweisen könnte. Jawohl, Iris als Tochter eines Mafioso. Kein Wunder, dass sie das nicht gerade an die Grosse Glocke hängt, oder?!
In dieser Variante bzw. an diesem Leben, das sie hier führt, ist vieles anders, als sie es von zuhause oder anderswo gewohnt ist. Als Phantom brauchte Special Agent Iris Sinclair beispielsweise nicht viel Background-Informationen. Bislang war sie auch immer ledig. Hier hat sie den Namen Sinclair plötzlich von ihrem Ehemann. Und das, obwohl Iris sich selbst zu Lebzeiten immer geweigert hatte, zu heiraten, da sie schon damals nichts von der Ehe hielt und von der Unsitte, dass Kinder den Familiennamen des Ehemannes der Mutter tragen sollen. Hätte sie Alex vielleicht doch lieber als ihren Bruder ausgeben sollen? Uiuiui, dann würden die Leute aber noch viel blöder schauen, wenn sie sich am helllichten Tag küssen... Na egal, hat sie sich eben einen verkappten Mafioso als Vater erfunden, wenn schon denn schon, nicht kleckern, sondern klotzen!
[
Zwischendurch wiesen sie sich als Special Agents vom FBI aus und halfen bei der Aufklärung diverser Verbrechen, wenn man sie um Hilfe bat. Dafür, dass sie eigentlich Urlaub hatten, waren sie recht produktiv.
Na ja, sowas passiert schon mal, wenn eine Amayra-Hexe irgendwelche Zufälle förmlich magnetisch anzuziehen scheint, ob sie nun will oder nicht...
Wie schon öfters zuvor, grübelte Alex darüber nach, dass Iris mit ihren vielen Talenten doch so viel mehr tun könnte, wenn sie ihre Zeit nicht mit ihm verschwenden würde - doch nun beliess sie es nicht damit, einfach zu sagen, dass sie nun mal kein Engel wäre und Arragon Amayra nichts mit Himmel oder Hölle zu tun hätte. Selbst wenn sie ein Engel wäre oder sonstwie unter dem Zwang stünde, ständig Gutes zu tun... wo bitteschön sollte sie denn damit anfangen? Zum Glück war es Ziel von Iris' Mission, die Welt besser zu machen, und nicht die Menschen!
Selbst wenn sie allen Menschen helfen wollte, so könnte sie es ja doch nicht... und würde wohl dabei vor lauter Frustration früher oder später durchdrehen "... und überhaupt: Die Menschen sollten ihre Probleme ja eigentlich selbst lösen!" - "Und warum hilfst du mir dann?" Womit hat er das alles überhaupt verdient?! - "Weil du mir über den Weg gelaufen bist und ich deinen Hintern so niedlich finde!"
[
In L.A. bestand Iris übrigens auch noch darauf, mit Alex einen Nachtclub zu besuchen. Eine Karaoke-Bar. Sehr bizarr. Mit sehr bizarren Gestalten, die sich dort herumtrieben.
"Bitte sag mir, dass das hier ein Kostümfest oder ne Halloween-Party ist..." raunte Alex seinem Engel zu, während er mit einer Gänsehaut und aufgestellten Nackenhärchen irritiert die obskuren Dämonen oder-was-auch-immer betrachtete. - "Hier läuft ganzjährig eine Halloween-Party!" versicherte Iris ihm prompt, ohne rot zu werden.
Danach bestand sie darauf, dass Alex ein Lied singen sollte, während sie sich mit dem Host unterhielt und sich dabei dessen Visionen ansah, die er bei Alexei's Gesang empfing... - Gewalt, Tod und Zerstörung. Schwarzes Öl in Alex' Augen. Das grinsende Gesicht des Rauchers, der zusah, wie man Alex folterte. Mulder prügelte auf ihn ein. Mit rostigen Klingen schnitt man einem schreienden Alex, der auf den Boden gedrückt wurde, einfach den linken Arm ab. Alien-Experimente. Erschossen, erstochen, stranguliert, vergiftet und ins Meer geworfen etc.pp. Skinner, der Alex schliesslich ein Loch in den Kopf schoss! - Bilder aus anderen Varianten, wie Iris erkannte, während der Host, der ihrem Freund Argon ein bisschen ähnlich sah, ein verwirrtes Gesicht machte. "Dieser Mann hat keine Zukunft!" meinte er dann und machte ein Gesicht, als hätte er plötzlich Zahnschmerzen.
Nach dem Lied bestand Iris darauf, mit Alex diesen Laden schleunigst wieder zu verlassen, weshalb er sich fragte, ob er denn so schlimm gesungen hätte, dass sie die Flucht ergreifen müssten. "Aber nicht doch, du warst fabelhaft!" versicherte sie und gab ihm einen Kuss.
"Ihr könnt eure Vergangenheit nicht ändern.
Nur eure Zukunft.
Oder eine neue Variante."
(Alte Amayra-Weisheit)
Alex wagte nicht zu fragen, weshalb Iris ihn zu dieser seltsamen Bar schleppte, nur um ihn dort ein Lied trällern zu lassen - und sie war froh, dass er keine Erklärung erbat, weil es wohl sehr schwer zu erklären wäre.
Keine Zukunft, so so. Na ja, was soll's, die Zukunft ist nun mal ungewiss.
- - - - - -
"Also dieser Host in der Karaoke-Bar in Los Angeles, an den sich Iris gewandt hat... irgendwie kommt mir das bekannt vor. Das war doch wohl nicht ganz zufälligerweise etwa der selbe grünhäutige Typ, der jetzt diese komische Bar namens 'L.A.' in Rigellia führt, oder?" - "Der selbe Typ!" bestätigt All'Una lächelnd. "Na ja, andere Variante eben." - "Wirklich lustig, dass er jetzt von den Menschen, die in seine Bar kommen, einfach für ein exotisches Alien gehalten wird... wenn die wüssten, dass er mal auf der Erde war und seine Heimatwelt eigentlich eine andere Dimension ist!"
- - - - - -

[FBI-Gebäude in Washington: Büro von Director Skinner]
"Haben Sie nicht erzählt, dass Sie Urlaub machen wollten?" Skinner sieht sie beiden Agenten, die vor ihm sitzen, mit hochgezogenen Brauen an, doch Iris und Alexander Sinclair verziehen keine Miene. "Aus allen Ecken des Landes sind Dankesschreiben bei mir eingetroffen, dass Sie beide zuweilen eine unschätzbare Hilfe bei irgendwelchen Problemen gewesen seien." Hat er daraufhin etwa eine Erklärung erwartet? Iris zuckt nur die Schultern, als würde sie sich dafür entschuldigen, dass sie sich während des Urlaubs nicht nur dem süssen Nichtstun hingegeben haben. Na ja, er kann ja wohl kaum böse sein.
Auch wenn es ihm durchaus lieb gewesen wäre, Iris in den vergangenen Wochen öfters mal zu sehen... Gott im Himmel, früher ist er doch schliesslich auch ohne sie ausgekommen, weshalb in aller Welt vermisst er sie dann immer so schrecklich? Es ist wie verhext, aber sie geht ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf.
"Hmmm..." meint Alex grüblerisch und leicht besorgt, nachdem sie Skinner's Büro mit einer Akte verlassen haben. Und er ist nicht wegen des Falles besorgt, der ihnen von AD Skinner gerade übergeben worden ist. "Langsam wird es mir schon fast unheimlich, wie er dich ansieht!" - "Stimmt." - "Was?!" Er ist überrascht, dass sie ihm zustimmt. Er hätte viel eher gedacht, dass sie ihn nur wieder irgendwie beruhigen würde. "Dann bilde ich mir das also nicht nur ein?" - "Jedenfalls scheint Walter Skinner fast mehr von mir angetan zu sein, als eigentlich gut für ihn sein kann!" flüstert sie in verschwörerischem Ton.
Und dabei hat sie doch gar keinen Liebeszauber spielen lassen. Überhaupt nicht. Jedenfalls nicht dass sie wüsste. Ist dieser Skinner hier vielleicht ein ganz klein wenig psychotisch veranlagt, dass er so von ihr besessen ist? Oder kann es wirklich sein, dass sie hier so umwerfend ist, dass sie schon mit einem Lächeln einen Mann in den Wahnsinn treiben kann? Schwitzt sie vielleicht zu viele Pheromone aus? Mumpitz! Skinner's Träume von ihr und erst recht die Eifersucht, das alles kann doch wohl nicht normal sein. Irgendwas in seinem Hirn muss doch wohl hier irgendwie verkehrt gepolt sein... oder was auch immer... Und es behagt ihr gar nicht, dass ihr wieder das Bild in den Sinn kommt, wie Skinner mal irgendwenn (irgendwie, irgendwo, irgendwann, in irgendeiner anderen Variante) Alex Krycek erschossen hat. Wäre es nicht eine furchtbare Ironie des Schicksals, wenn Skinner hier Alexander Sinclair erschiessen würde, weil er auf Iris scharf ist und sie für sich alleine haben will?!
Sobald sich die Tür hinter den Sinclairs geschlossen hat, überfallen Skinner wieder Schuldgefühle. Verdammt, er ist wirklich ein Schwein! Es erschreckt ihn, dass ihm manchmal Ideen kommen, wie Special Agent Alexander Sinclair vielleicht im Dienst getötet werden könnte; dann wäre Iris eine Witwe und er könnte sie ja vielleicht ein wenig trösten... Er versucht, solche Gedanken immer möglichst schnell wieder beiseite zu schieben, doch irgendwie kommen die dunklen Gedanken immer wieder, obwohl er sich deswegen schuldig fühlt. Dabei war er doch eigentlich so glücklich gewesen, mit Iris nur eine kleine heimliche Affaire zu haben oder sie hin und wieder im Büro ansehen zu können. Jetzt ertappt er sich immer öfter dabei, dass er Iris wirklich gerne als Mrs. Skinner sehen würde... Verdammt, wo soll das alles nur hinführen?!
M
Spät in der Nacht sitzt Skinner immer noch im Büro, weil er keine Lust hat, nach Hause zu gehen. Zu Hause wartet ja sowieso niemand auf ihn und ebenso wenig würde ihn jemand besuchen.
Die Tür wird geöffnet - und Skinner greift geistesgegenwärtig nach seiner Waffe. "Sie!" Was will denn dieser Kerl schon wieder? Und kann dieser verdammte alte Bastard nicht mal ne Minute auf seine stinkenden Zigaretten verzichten? Und warum halten es plötzlich beide für nötig, mit einer Waffe rumzufuchteln, als wären sie bei einer Strassengang und wollten sich um ein heisses Mädchen prügeln?
"Special Agent Iris Sinclair ist wieder in Washington?" Eine rein rhetorische Frage, denn sonst wäre er ja nicht hier. "Ich wünsche, dass Sie ein Treffen arrangieren!" - "Was?!" In Skinner's Gesicht spiegeln sich alle möglichen Emotionen, auch wenn er sich redlich um ein Pokerface bemüht. "Was für eine Art von Treffen denn?" - "Sorgen Sie einfach dafür, dass Special Agent Alexander Sinclair anderweitig beschäftigt ist und Iris mal alleine ist..." Der Raucher verzieht seine Lippen zu einem fast schwärmerischen Lächeln - und Skinner würde ihm am liebsten sofort dieses verdammte Lächeln aus dem Gesicht prügeln. Was denkt dieser verdammte Bastard eigentlich, wer er ist?!
M
"Komm schon, Walter, Klartext!" verlangt Iris am nächsten Tag, nachdem Alexei mit Mulder fortgeschickt worden ist. Sie sieht ihm in die Augen. "Was ist los?" Natürlich kann er es nicht vor ihr verbergen, aber er soll es auch sagen!
Schliesslich erzählt er ihr freiheraus vom Besuch des Rauchers gestern und was dieser verlangt hat... - "Na sowas!" spöttelt sie. "Welch unerwartete Ehre!" Sie sieht ihn durchdringend an. "Du scheinst ja nicht sehr glücklich darüber zu sein! Glaubst du, er will mich erschiessen oder sowas in der Art?" In seinen Augen sieht sie, dass er wohl eher befürchtet, dass der Raucher ihr einen unsittlichen Antrag machen könnte. Als ob sie jemals auf die Idee kommen würde, diesen ollen Aschenbecher zu küssen! - "Ich fürchte, er könnte dir noch viel mehr antun, als dich nur zu erschiessen!" - "Denkst du vielleicht, er könnte mich entführen lassen, um dann irgendwelche Experimente mit mir anzustellen?" stellt sich Iris dumm, obwohl das durchaus mal im Bereich des Möglichen gelegen hätte, wenn das Konsortium noch so mächtig wie früher wäre. - "Vielleicht... jedenfalls ist ihm nicht zu trauen!" - "Was du nicht sagst!" Sie grinst und streichelt dabei flüchtig seine Wange, die daraufhin wie Feuer brennt, wie sie wohl weiss. "Glaub mir, ich habe nicht vor, ihm zu trauen. Und ich kann mich durchaus meiner Haut wehren."
[PALACE-HOTEL IN WASHINGTON]
Alex unterstützt also heute Mulder und Scully (Auch wenn Dana *hier* jetzt Mrs. Mulder ist, nennt man sie doch weiterhin Scully und sie würde in Iris' Gedanken auch immer Scully bleiben!) bei irgendwas möglichst langweiligem...
... und so nimmt Iris jetzt einfach mal ein Schaumbad und dreht dabei die Musik laut auf, irgendwas klassisches. Richtig kitschig verzichtet sie im fensterlosen Badezimmer auf künstliches Licht, sondern hat stattdessen ein paar Kerzen angezündet.
Selbstverständlich hat sie ihn schon längst bemerkt, noch bevor die Musik leiser gestellt wird und ihr kalter Zigarettenqualm in die Nase sticht. "Hallo!" flüstert sie, ohne sich nach ihm umzudrehen. "So früh hab ich Sie noch gar nicht erwartet!"
Sie braucht ihm nicht einmal direkt in die Augen zu schauen, denn sie können sich im Spiegel sehen. Vielleicht eine seltsame Situation, sie in der Badewanne, er auf einem Hocker hinter ihr sitzend... und sie sehen sich im Spiegel an, während sie sich unterhalten.
Es klingt wie Small Talk. Und doch bringt ihn ihr lässiger Plauderton irgendwann so in Rage, dass er seine Pistole auf ihren Hinterkopf richtet. Ist er nicht schliesslich hergekommen, um zu erfahren, was sie weiss und sie gegebenenfalls zu eliminieren, wenn das Risiko zu gross ist?! Irgendwann lässt er das aber auch wieder sein, um sich mit zitternden Fingern eine neue Zigarette anzuzünden. Irgendwie hat er sich das wohl ein wenig anders vorgestellt. Irgendwie scheint sie alles über ihn und das Konsortium zu wissen... und er hat schon Leuten eine Kugel in den Kopf gejagt, die weniger wussten. Aber spielt das jetzt überhaupt noch eine Rolle? Würde wohl heutzutage wirklich noch irgendwas passieren, ausser vielleicht einem Talkshow-Auftritt, wenn nun jemand öffentlich die Wahrheit über das Konsortium erzählte, wo doch diese Aliens längst weg und die Beweise vernichtet sind? Und trotzdem. Eigentlich sollte er sie erschiessen. Aber irgendwie kann er es nicht. Obwohl sie kein Hehl daraus macht, dass sie ihn verachtet. Ja, sie scheint ihn nicht einmal zu hassen, sie verachtet ihn nur. Schon allein deswegen sollte er sie erschiessen... und wieder hält er die Pistole an ihren Kopf. Aber was geht nur in seinem kranken Hirn vor, dass ihm dies wie eine Liebkosung vorkommt? Er hat eine seltsame Angst davor, sie mit blossen Händen anzufassen, als könnte sie ihn womöglich mit irgendwas infizieren, womöglich noch mit Lebensfreude oder etwas ähnlich krankem... Doch er streichelt sie mit seiner Waffe. Na wenn das nicht pervers ist! Ihm kommt plötzlich der Gedanke, dass er die Waffe vielleicht besser an seine eigene Schläfe halten sollte.
M
"Himmel, er hat dir einfach so einen Besuch abgestattet? Was zum Teufel wollte er?!" Alex ist ausser sich, seit er bei seiner Rückkehr in der Suite den Zigarettenqualm gerochen hat. Er beginnt sogar auf Russisch zu fluchen.
Aber egal. Mulder und Scully, die Alexei nach Hause gebracht haben, sind ebenfalls schockiert und starren auf den Aschenbecher, der sonst immer leer ist, weil von ihnen niemand raucht.
"Alexei, reg dich nicht auf... Wir haben nur geredet." Iris erzählt aber lieber nicht, dass sie dabei in der Badewanne sass. "Irgendwie scheine ich ihn dabei ziemlich wütend gemacht zu haben... weil ihm wohl endlich klar geworden zu sein scheint, dass das Konsortium eigentlich am Ende ist, nun da die Aliens weg sind." Sie sieht nun besonders Fox und Dana eindringlich an. "Diese Leute sind sehr sauer. Irgendwie scheinen sie euch dafür verantwortlich zu machen... und es könnte deshalb sein, dass sie sich noch rächen wollen."
"Moooment mal..." Mulder schüttelt den Kopf, als müsste er Wasser aus den Ohren bekommen. "Die Aliens sind weg? Seit wann das denn?!" - "Offenbar schon seit Monaten. Darum ist auch so viel in Flammen aufgegangen... sie wollten ihre Spuren verwischen." Sie sieht Mulder an, der nun auf einmal kreidebleich geworden ist. "Deine Schwester Samantha ist tot." Nach all den Jahren sollte man meinen, dass dies keine grosse Überraschung mehr ist. Aber sie sieht den Schmerz in seinen Augen, jetzt wo er Gewissheit hat und alle Hoffnung dahin ist, Samantha jemals wiederzusehen. "Sie ist schon vor Jahren gestorben." Und sie fügt noch etwas hinzu, obwohl sie weiss, dass es eine Lüge ist: "Sie hat nicht gelitten. Ist einfach in der Kälte eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Du weisst schon: Gefrierschlaf."
Ja, sie weiss, dass ihr der Raucher einen ganz schönen Käse erzählt hat, doch sie gibt es mal so weiter. Was nutzt Mulder schon die Wahrheit, die ein wenig komplizierter ist, doch aufs gleiche rausläuft: Samantha ist tot. Jawohl, *hier* ist sie tot... Und bestimmt würde sie diesem Mulder hier auch nie auf die Nase binden, dass der Krebskandidat mit Namen Spender heisst und in manch anderen Varianten sogar behauptet, sein Vater zu sein... Ist vielleicht ganz gut so, dass Mulder von der komischen Affaire seiner Mutter nie etwas erfahren hat, denn das würde nur alles noch komplizierter machen... und Mulder ist doch wirklich schon kompliziert genug!
- - - - - -
"Und was war mit Samantha nun wirklich passiert?" - "Oh, das kommt auf die Variante an... in manchen hatte sie sogar überlebt. Aber jedenfalls war sie in der Avalon-Variante gestorben. Na ja, tot ist tot." - "Und was war mit dem Raucher?" - "Was soll mit ihm sein?" - "Normalerweise interessiert es uns ja nicht... aber wenn die Menschen dort schon so einen grossen Wert drauf legten... na ja... war er denn nun Mulder's Vater oder was?" - "Woher soll denn ich das wissen?!" meint All'Una etwas gereizt und nimmt lieber noch ein paar Schluck Wein, das beruhigt die Nerven. "Falls er in dieser Variante wirklich Mulder's Vater war, dann hatte er jedenfalls eine verdammt komische Art, das zu zeigen, aber er war ja auch ein Monster, dieser verdammte alte Bastard, und kaum ein Dämon könnte grausamer sein" - "Warum denn?" - "Darum!"
- - - - - -

[Der Tag des Überfalls. Abends.]
[PALACE-HOTEL IN WASHINGTON, TIEFGARAGE]
Plötzlich durchzuckt es Iris und sie macht auf dem Absatz wieder kehrt. Alex sieht sie leicht irritiert an. "Was ist denn?! Wir sind doch gerade erst gekommen, wo willst du denn schon wieder hin?" Allerdings jagt er ihr hinterher, ohne erst eine Antwort abzuwarten. Sie hat wieder so einen gewissen Blick drauf, diesen 'Stell-jetzt-keine-Fragen-sondern-komm-lieber-mit'-Blick, so dass er klaglos unten in der Tiefgarage wieder ins Auto steigt, mit dem sie vorhin erst angekommen sind. Dabei ist er nach dem Tag beim FBI heute hundemüde, als hätte er dort Steine klopfen müssen oder sowas in der Art. Lieber Mulder und Scully als der ganze andere Rest vom FBI, verdammt! Aber Mr. und Mrs. Mulder sind ja noch beurlaubt, um ihr neues Haus einzurichten...
... zu dem sie wohl gerade unterwegs ist, wie Alex gerade auffällt. "Was ist los?!" wagt er es schliesslich doch noch, sich zu erkundigen, doch sie gibt nur ein undefinierbares "Hm!" von sich, als hätte sie selbst auch nur eine vage Ahnung, und gibt weiter voll Gas. Vor Mulder's Haus tritt sie in die Bremsen und parkt den Wagen rückwärts in der Einfahrt.
[MULDER'S HAUS]
Nun kann sie deutlich spüren, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist, obwohl von aussen alles normal aussieht. Sie drückt die Klinke und öffnet die Tür. Nicht abgeschlossen. Laute Musik von einer Art, die einen taub werden lassen könnte. Und dieses Techno-Stück läuft schon seit Stunden in steter Wiederholung. Der CD-Player ist wohl das einzige im ganzen Haus, das nicht kaputtgeschlagen wurde, ansonsten sieht's hier aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Sie hört, wie Alex hinter ihr kurz nach Luft schnappt, doch sie dreht sich nicht nach ihm um.
Weiter ins Schlafzimmer. Ihr Blick fällt gleich auf Mulder. Nackt. Hände hinter dem Rücken gefesselt und an die Heizung angekettet, wobei sich die als Fesseln verwendeten Drahtseile tief in sein blutendes Fleisch eingeschnitten haben. Überall blaue Flecken, blutige Striemen und auch Brandwunden, als hätte man glühende Zigaretten auf seinem Körper ausgedrückt, von dem kein Quadratzentimeter von irgendeiner Folter verschont geblieben scheint. Er sieht sie aus zugequollenen Augen an, das Gesicht völlig zerschlagen und blutig; in seiner Miene spiegelt sich allerhand, zu guter Letzt, als er sie erkennt, auch Erleichterung darüber, ausgerechnet sie hier zu sehen. Vielleicht das zweitbeste nach 'einfach sterben'... Er will etwas sagen, doch seine Stimme ist schon heiser vom vielen Schreien heute. Seine Schneidezähne fehlen, sowohl die oberen wie auch die unteren. Ausgeschlagen und dann wohl als Trophäe mitgenommen, denn Iris kann sie nirgends entdecken. Blutspritzer. Erbrochenes. Spritzer von weissem Zeug... Man muss nicht einmal Hellseher sein, um ungefähr eine Ahnung zu bekommen, was hier geschehen sein mag. Und Iris sieht alles klar und deutlich vor ihrem geistigen Auge, sie sieht es in Mulder's wirren Gedanken.
Iris folgt seinem Blick zu Scully, die in der Ecke liegt und ähnlich übel zugerichtet ist wie er selbst. Oder weniger übel? Jedenfalls weniger blaue Flecken und keine Striemen und Brandwunden. Aber... noch schlimmer. Zwar hat sie noch alle Zähne, dafür sind ein paar Rippen gebrochen und eine davon bohrt sich nun in ihre Lunge... eine tödliche Verletzung. Iris kniet neben ihr nieder und legt ihre Hände auf. Keine inneren Blutungen mehr, Lunge und Rippen verheilen. "Sie ist nicht tot!" formt sie überdeutlich mit ihren Lippen, damit Mulder sie bei der lauten Musik überhaupt verstehen kann. "Sie lebt!"
Nun dreht sie sich endlich mal zu Alex um, der immer noch an der Schlafzimmertür steht und ziemlich fassungslos aussieht. Sie deutet auf ihn und auf Mulder und krümmt die Finger, als ob sie mit einer Pistole schiessen würde... und endlich löst sich ihr Ehemann aus seiner Erstarrung, zückt seine Waffe, geht zu Mulder und schiesst ihm vorsichtig die Fesseln durch. Das gleiche tut er auch mit Dana's Fesseln. Und danach erschiesst er auf einen Wink auch noch den nervenden CD-Player. Endlich!
Die plötzliche Stille ist regelrecht gespenstisch. Mulder kriecht zu Dana rüber, die immer noch bewusstlos ist, und versucht auf sie einzureden. Durch seine fehlenden Zähne hört sich allerdings alles etwas seltsam an... und unter anderen Umständen wäre das sogar recht komisch gewesen. Doch Iris Augen sind nur dunkel vor Zorn. Ihren ersten Impuls, sofort diese verdammten Mistkerle, die ihren Freunden das angetan haben, zu jagen und dann Hackfleisch aus ihnen zu machen, hat sie aber erst einmal niedergerungen, denn das würde Mulder und Scully jetzt auch nichts nützen.
"Ähm... sollten wir nicht vielleicht einen Krankenwagen rufen?" erkundigt sich Alex flüsternd - doch sie winkt ab. "Nein. Wir bringen sie zu uns und kümmern uns selbst um sie."
Iris verfällt plötzlich in hektische Betriebsamkeit und sammelt Spuren in Plastiktüten. Genug Zeug, um einen Genetischen Fingerabdruck von diesen verdammten Mistkerlen zu erhalten. Etliche Zigarettenkippen sind auch dabei... Verdammter alter Bastard, wie konnte er nur! Dafür wird er bezahlen, teuer bezahlen!
Danach sieht sie auch noch nach, ob sie im Haus noch irgendwas findet, was sich lohnen würde mitzunehmen. Aber die haben ganze Arbeit geleistet. Entweder haben die irgendwelche Sachen mitgehen lassen oder ansonsten alles so zerdeppert, dass es wirklich nicht mehr zu gebrauchen ist. Ausserdem haben sie ein Leck in die Gasleitung gemacht und das ist sicherlich kein Zufall...
Alex hatte währenddessen eigentlich nur die Aufgabe, Mulder seinen Mantel überzuziehen, doch das ist ziemlich misslungen, da der Mann einfach nicht von Dana wegzukriegen ist. Natürlich steht er unter Schock. Aber sie müssen hier weg. Jetzt. Iris reisst Mulder auf die Beine, so dass man ihm den Mantel anziehen kann. Wie wär's noch mit Schuhen? Ach, pfeif drauf! Dann wickelt sie Dana schnell in ihren eigenen Mantel und hebt sie hoch, um sie hinaus in ihren Wagen zu tragen. Alex kommt mit Mulder, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann, weniger schnell vorwärts und wirft ihn sich schliesslich über die Schulter.
Kaum sind sie endlich alle im Wagen, sieht man im Haus schon Flammen hochschiessen. Iris lässt es brennen. Nach dieser Sache heute hätten sich Mulder und Scully in diesem Haus ohnehin nie wieder wohl fühlen können... Also drückt sie aufs Gas und braust davon.
Kein Schwein in dieser feinen Gegend hat sich darum geschert, was heute hier vorgefallen ist; vermutlich hätten sie sich nicht mal getraut, irgendwas zu unternehmen, wenn sie's gewusst hätten. Doch die Feuerwehr wird sicher rechtzeitig eintreffen, bevor das Feuer in diesem Haus auf andere Häuser übergreifen könnte.
[PALACE-HOTEL IN WASHINGTON]
Iris achtet darauf, dass niemand sie sieht auf dem Weg zur Tiefgarage zu ihrer Suite. Nervende Fragen zu beantworten steht derzeit ganz tief unten auf ihrer Wunschliste.
Im Badezimmer beginnt sie damit, die beiden zu verarzten. Sie träufelt ein Elixier auf die Wunden; dass es sich dabei um ganz gewöhnliches Wasser handelt, bindet sie Mulder nicht auf die Nase. Der ist sowieso derart durch den Wind, dass sie vermutlich sogar vor seinen Augen einfach so zaubern könnte, ohne dass er es jetzt überhaupt registrieren würde; und Scully ist immer noch bewusstlos.
Iris schickt Alex raus, um etwas zu kochen und das Lager kuschelig zu machen - und er geht gerne, auch wenn er weiss, dass es nur ein Vorwand ist, damit er nicht dumm im Weg rumsteht, während Iris jetzt noch Abstriche oder sonst was macht, über das er lieber erst gar nicht nachdenken möchte. Er hat die Zigarettenkippen im Haus auch gesehen. Morley, *seine* Marke. Der Anzahl der Kippen nach zu urteilen, müssen es einige Stunden gewesen sein, die *er* dort verbracht hat. Verdammt, warum?! Einfach nur Rache, weil Mulder und Scully dem Konsortium mehr als einmal dicht auf der Spur waren?! Warum?! "Dieser verdammte Bastard!" beginnt er zu murmeln und dann auf Russisch zu fluchen, während er in der Stube den Couchtisch auf die Seite schiebt und den Platz zwischen den Couch und den Sesseln wieder mal mit Decken und Kissen aufzufüllen beginnt. Aber das hier wird nicht einfach wieder mal eine nette Pyjama-Party mit Spielen und Süssigkeiten und Alkohol und Alexei's Kochkünsten und Haschkeksen und Gruselgeschichten und was sonst noch alles Spass macht, wenn Freunde unter sich sind und einfach auch mal etwas albern sein wollen...
Er hört Iris rufen und hechtet sofort wieder ins Bad. - Sie empfängt ihn mit den Worten: "Zieh dich aus!" - "Was?!" Irritiert starrt er Iris an, die sich selbst inzwischen ihrer FBI-Klamotten entledigt hat und nur noch Slip und BH trägt. Nach einem Blick von Iris fängt er aber an zu verstehen. Die Kerle dort haben ihre Klamotten anbehalten. Nackte Haut ist verletzlicher und damit auch weniger furchteinflössend. Weniger gefährlich. Jedenfalls in dieser Situation jetzt. Also entledigt er sich rasch seiner Klamotten und ist dankbar, dass er Boxershorts trägt und nicht etwa einen Stringtanga. "Und jetzt?" - "Hilf mir, ihn unter die Dusche zu stellen!" erklärt sie sanft. Jetzt ist nicht die Zeit für Schamhaftigkeiten, nicht einem Menschen gegenüber, dessen Schamgefühle heute sowieso schon mit Fäusten und Füssen zertreten wurden.
Scully liegt immer noch bewusstlos in der grossen Badewanne, die Iris mit warmen Wasser gefüllt hat, nachdem sie Dana darin schon vorsichtig abgeduscht hat, um den Dreck wegzuwaschen. Nur wenig Wasser natürlich, und ihr Kopf ist so auf ein Luftkissen gebettet, dass sie unmöglich wegkippen und ertrinken kann.
Mulder ist noch wie in Trance und bekommt kaum mit, dass Alexei ihn unter der Dusche festhält, während Iris ihn vorsichtig wäscht. An manchen Stellen brennt es etwas, als sie mit Wasser in Berührung kommen, doch er ignoriert es. Oder vielmehr freut er sich darüber, denn solange er Schmerz fühlt, ist er noch am Leben. Da Dana noch lebt, ist es doch besser gewesen, dass Iris sie gefunden hat, als einfach zu sterben. Wenn Dana tot wäre, hätte er sich wohl Alexei's Pistole geschnappt und sich eine Kugel in den Kopf gejagt. Wenn er dazu noch imstande gewesen wäre. Die verdammten Kerle haben ihre Waffen einkassiert. Und die Ausweise. Und die Akten, die er im Haus hatte. Und sämtliche privaten Erinnerungsstücke. Und sie haben... sie haben Dana... verdammt! Bei der Erinnerung muss er würgen - und kotzt Iris genau auf die Füsse, wobei er allerdings schon kaum mehr was im Magen hatte. "Schon gut..." tröstet sie ihn, während das Wasser alles in den Abfluss spült. "Lass alles raus!" Sie umarmt ihn und streicht ihm durch die nassen Haare, während er nun von Weinkrämpfen geschüttelt wird und zittert wie Espenlaub. Über seine Schulter hinweg sieht sie Alex an, der so hilflos aussieht, wie sie sich fühlt.
Himmeldonnerwetter, sie hat Mulder und Scully schon in so manchen verfahrenen Situationen gesehen. Verdammt, *irgendwenn* hat sie die beiden sogar schon mehr als einmal sterben sehen und sie fand es immer himmeltraurig... und doch hat sie sich noch nie so gefühlt wie jetzt. Noch nie zuvor hat sie dermassen Anteil genommen, denn *hier* sind Mulder und Scully nicht einfach nur interessante Beobachtungsobjekte oder Kollegen/Bekannte, die nach ein paar Stunden sowieso schon wieder vergessen haben, dass es Special Agent Iris Sinclair überhaupt gibt... *hier* sind sie wirkliche Freunde. Verdammt, sie war sogar Brautjungfer auf ihrer Hochzeit! Und sie hat es nicht verhindert. Hat nicht mal gemerkt, was los war, weil sie sich auf irgendwelchen anderen Käse konzentriert hat. Verdammt!
Nach der Dusche hat sie Mulder noch mal an verschiedenen Stellen mit dem Elixier beträufelt, das angeblich wahre Wunder wirken soll. Einige der Wunden, besonders auch im Gesicht, müssten wohl eigentlich genäht werden, doch dank Iris' Hilfe wird es auch so gehen. Er hat jetzt wohl andere Sorgen, als sich um solche Medizinische Wunder noch grosse Gedanken zu machen.
Mit vereinten Kräften schaffen sie es, Mulder einen Schlafanzug anzuziehen und ihn zum Schlaflager zu bringen. Danach steckt Iris die immer noch bewusstlose Dana in ein Nachthemd und legt sie neben ihn. "Mach dir keine Sorgen!" flüstert sie ihm zu. "Sie wird schon wieder. Während sie schläft, kann ihr Körper sich erholen. Du solltest auch schlafen. Keine Angst, wir sind da und halten Wache!"
Unter anderen Umständen wäre es jetzt wirklich gemütlich gewesen. Wie eine Pyjama-Party eben. Ein paar Kerzen sorgen dafür, dass es dunkel genug aber eben nicht ganz dunkel ist. Alex bringt was zu essen, obwohl er selbst jetzt kaum noch Appetit hat, doch Mulder lehnt dankend ab, indem er den Kopf schüttelt.
In Mulder's Kopf drehen sich die Räder, das kann Iris deutlich sehen. Er macht sich Vorwürfe ohne Ende. Wieder mal. Wenn Scully ihn nie kennen gelernt hätte, wäre das alles nie passiert. Sie hätte es nie mit irgendwelchen widerlichen Monstern zu tun bekommen, irdisch oder ausserirdisch. Wäre nie entführt und dabei unfruchtbar gemacht worden. Hätte wahrscheinlich schon ein zwei Kinder und ausserdem eine richtige Karriere, anstatt in einem Kellerbüro zu versauern. Wäre nie Mrs. Spooky Mulder geworden... und wäre heute nicht überfallen, vergewaltigt und fast totgeprügelt worden, nur weil sie Mrs. Spooky Mulder war. Und er konnte ihr nicht helfen! Musste hilflos zusehen! Er hat gedroht, gebettelt und gefleht, sich die Seele aus dem Leib geschrieen, doch sie haben nur gelacht und gesagt, er solle nicht so ungeduldig sein, er käme ja auch noch dran...
Er schreckt hoch, als er eine Hand auf seiner Stirn fühlt. Nach einem kurzen Moment der Orientierungslosigkeit, weiss er wieder wo er ist. Und dass es Iris' Hand ist, während er selbst immer noch Dana's Hand umklammert. "Du hast geschrieen im Schlaf!" hört er Iris' Flüstern. "Es war nur ein Traum. Jetzt seid ihr in Sicherheit!" Sie liegt auf einmal hinter ihm, schenkt ihm Trost mit ihrer Körperwärme. Und hinter Dana sitzt nun Alexei, in eine Decke gehüllt und an die Couch gelehnt, seine Pistole in der Hand, wie ein Wächter. Es ist schön, solche Freunde zu haben, denkt er noch, bevor er wieder wegdämmert.
Über Mulder und Scully hinweg tauscht Iris mit Alex nun wieder Blicke aus... Es waren sechs Männer. Und der Raucher. Kamen einfach am helllichten Tag ins Haus. Haben Mulder und Scully überwältigt, bevor sie nach ihren Waffen greifen konnten, haben sie gefesselt und angefangen, alles kurz und klein zu schlagen, während sie die laute Musik laufen liessen. Dann haben sie angefangen, mit scharfen Messern Scully die Kleider vom Leib zu schneiden...
Verdammt, schon eine ganz normale Vergewaltigung ist ein traumatisches Erlebnis - auch wenn Iris es wirklich sehr hasst, in einer Gesellschaft zu leben, wo Vergewaltigungen gewissermassen zum normalen Alltag gehören, was sich aber dank ihrer MISSION ebenfalls früher oder später ändern sollte -, was richtet dann erst so eine stundenlange Gewaltorgie, von den körperlichen Schäden mal ganz abgesehen, in der Psyche an?!
Scully ist ein kleines zierliches Persönchen. Niemandem auf der Welt würde es in den Sinn kommen, ihr auch nur den leisesten Vorwurf daraus zu machen, dass sie sich nicht gegen ein halbes Dutzend Männer wehren konnte. Niemandem bis auf Scully selbst, wenn sie wieder aufwacht. Mulder ist grösser, schwerer, kräftiger, verdammt, er ist ein Mann! Und obwohl er ebenso wenig hätte ausrichten können, und er hat es weiss Gott versucht, macht er sich deswegen gnadenlos selbst fertig. Er war nicht in der Lage, seine Frau zu beschützen, sondern musste zusehen, wie sie misshandelt wurde und schliesslich wie am Spiess schrie... und dabei wäre es seine Aufgabe gewesen, sie zu beschützen, verdammt! Irgendwann rührte sie sich nicht mehr und sie liessen schliesslich von ihr ab, um ihre Aufmerksamkeit nun ihm zuzuwenden. Er hat getobt wie ein wildes Tier, dachte sie wäre tot, doch seine Fesseln und die Kerle liessen ihm nur wenig Spielraum. Aber er wollte es ihnen wenigstens so schwer wie möglich machen. Weigerte sich, den Mund aufzumachen. Bis einer so fest auf ihn einschlug, dass seine Zähne dran glauben mussten. Verdammt, jetzt war er ihnen wirklich hilflos ausgeliefert, konnte nicht mal mehr zubeissen...
Iris blinzelt kurz, um diese Gedanken für eine Weile abzuschütteln. Mulder's Gedanken. Ach! "HIV, Hepatitis, Syphilis." murmelt sie leise - so leise, dass Mulder sie selbst dann nicht verstehen könnte, wenn er wach wäre - und sie kann sehen, wie Alex schon wieder ein schockiertes Gesicht macht. Dabei haben sie ihn selbst ja auch mal mit HIV infiziert gehabt. Allerdings geschah das durch einen Injektionsschuss und nicht auf solche Weise. - "Könntest du..." fängt er an zu flüstern. - "Ja." unterbricht sie ihn. "Ich könnte." - "Dann tu es, bitte! Wenn ich es verdient habe, gesund zu leben, dann diese beiden doch erst recht!" - "Danke." - "Danke wofür?" - "Dass du mir soeben den Glauben an die Menschheit zurückgegeben hast."

[1. Tag nach dem Überfall]
Iris spürt, dass Mulder kurz davor ist wieder aufzuwachen, und löst sich von ihm. Irgendwie hat sie das dumpfe Gefühl, dass es ihm wohl irgendwie peinlich wäre, in ihren Armen aufzuwachen, und sie will ja sein Gefühlschaos nicht noch vergrössern. Also weckt sie Alex und tauscht mit ihm die Plätze, so dass sie nun wieder an Dana's Seite ist.
Sie hat Alex eingeschärft, Dana möglichst nicht anzufassen, soweit es sich vermeiden lässt. Es wird sich erst noch zeigen müssen, ob sie überhaupt Mulder's Berührungen zulassen kann... Körperlich ist sie soweit in Ordnung und sollte ebenfalls bald aufwachen, doch natürlich sieht sie noch schlimm aus mit ihren blauen Flecken und Blessuren. Sie wird nie erfahren, wie schlimm sie wirklich dran war, und sich stattdessen, abgesehen von den Äusserlichkeiten, mit einer Rippenprellung und Gehirnerschütterung zufrieden geben müssen.
Mulder wacht auf und merkt, dass er immer noch Dana's Hand hält. Und er spürt Iris' Blick auf sich ruhen. Er bemüht sich eine Frage zu artikulieren - doch Iris ist mit ihrer Antwort schon schneller. "Sie ist bislang noch nicht aufgewacht. Doch sie atmet tief und gleichmässig. Sie sollte heute langsam zu sich kommen. Vertrau mir, ich habe zwar keinen Doktortitel, kenne mich aber mit sowas auch aus!"
Mulder weigert sich immer noch, etwas zu essen. Nicht, dass er momentan ohne Schneidezähne eine grosse Auswahl an knusprigen Leckereien hätte, aber trotzdem. Mit sanfter Gewalt zwingt Iris ihn dazu, wenigstens etwas zu trinken.
Er hat immer noch einen üblen Geschmack im Mund, den er einfach nicht loswird. Zumindest bildet er sich das ein... und Iris weiss, dass er am liebsten wieder unter die Dusche springen und sich die Haut so lange schrubben würde, bis sie in Fetzen hängt und abfällt, weil er sich auch immer noch so unsäglich schmutzig fühlt. Opfer brauchen manchmal ganz schön lange, bis sie darüber hinwegkommen...
Und Iris will sich alle Mühe geben, nicht nur den körperlichen Heilungsprozess etwas zu beschleunigen, sondern auch den Seelenschmerz zu lindern.
* * *
"Ja, wir haben davon gehört, dass Mulder's Haus abgefackelt wurde." Iris telefoniert mit Skinner, der sich Sorgen macht und sich gedacht hat, sie könnte vielleicht wissen, was los ist. Sie erklärt ihm, dass Mulder und Scully derzeit nicht sicher wären und deshalb von ihr versteckt würden. Der Urlaub wird sich wohl etwas verlängern müssen...
* * *
Dana ist aufgewacht. Nun umarmen sich beide und weinen sich dabei schliesslich die Seele aus dem Leib. Herzzerreissend. Jedes von ihnen hat mehr Mitleid mit dem anderen als mit sich selbst - eigentlich ganz drollig, wenn nicht alles so traurig wäre...
"Warum haben sie uns nicht einfach getötet?" flüstert Dana, nachdem ihr irgendwann vorläufig die Tränen ausgegangen sind - worauf Iris zum Schluss kommt, dass es mal wieder Zeit wäre, sich einzumischen. "Sie wollten euch nicht töten. Sie wollten euch zerstören!" Und dann fügt sie noch hinzu: "Aber wir lassen nicht zu, dass sie gewinnen. Diesen Gefallen tun wir ihnen nicht!" Mulder und Scully starren sie daraufhin lange an und sie kann sehen, dass sie wirklich gerne genug Kampfgeist hätten... aber sie sind noch zu kaputt.
Dana war zunächst etwas irritiert darüber, dass sie nicht in einem Krankenhaus aufgewacht ist, doch inzwischen scheint sie ganz froh darüber, dass Iris sie gefunden hat und nicht etwa irgendwelche Feuerwehrleute, die sie dann mit Blaulicht und Sirene ins Krankenhaus gefahren hätten. Vielleicht stünden sie dann jetzt schon in der Zeitung: FBI-Agenten im eigenen Haus überfallen! Blablablablabla... und auf die Sprüche irgendwelcher Kollegen kann sie auch gut verzichten. Es gäbe eine Menge Getratsche, eine Menge Fragen, eine Menge Papierkram... und letztlich würde es doch nichts bringen. Das waren ja nicht einfach irgendwelche Verbrecher, die man vielleicht erwischen könnte...
Um endlich etwas gegen Mulder's schrecklichen zahnlosen Anblick zu tun, bringt Iris ihn gegen Nachmittag schliesslich in die Praxis des Zahnarztes, der ein paar Stockwerke tiefer im Palace praktiziert. Nach Feierabend, so dass keine anderen Patienten mehr da sind, die neugierig schauen könnten.
Iris zeigt dem Zahnarzt ein paar Schnappschüsse von der Hochzeit, auf denen man Mulder's Zähne sieht, damit die neuen Zähne möglichst natürlich werden... Was, sowas soll eine Woche dauern? Sie bietet das Doppelte, wenn er es bis übermorgen schafft, und der Zahnarzt schlägt ein.
Mulder kann sich auf dem Patientenstuhl überhaupt nicht entspannen... seine Panikattacke lässt erst nach, als sich Iris direkt hinter ihn stellt und ihre Hand auf seine Stirn legt. Verschwörerisch flüstert sie ihm ins Ohr, dass der Zahnarzt ihm ganz bestimmt nichts tun würde, weil sie ihn nämlich sonst gleich erschiessen würde. Laut genug, dass der Herr Doktor es ebenfalls hört.
Als Iris und Mulder wieder in die Suite kommen, empfängt Alex sie mit einem Abendessen. Suppe. Die Frage, wo Dana steckt, erübrigt sich wohl, man hört im Badezimmer die Dusche rauschen. Niemand ist überrascht darüber.
Mulder würde gerne zu ihr gehen. Aber er weiss irgendwie nicht, ob es ihr wohl überhaupt recht wäre. Er fühlt sich immer noch so schuldig an allem. Eigentlich hat er kein Recht mehr, Dana überhaupt nur anzusehen... doch bevor ihn diese dunklen Gedanken wieder vollends überrollen können, bemerkt er Iris' auffordernden Blick. Ein Wink mit dem Zaunpfahl gewissermassen. Also geht er zu Dana. Seine Partnerin. Seine beste Freundin. Seine Geliebte. Seine Frau. Um mit ihr zusammen unter der Dusche zu weinen...
"Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich eine Hexe bin?" fragt Iris in freundlichstem Plauderton, während sie schön brav ihre Suppe löffelt. Zu Alex' Erleichterung scheinen Mulder und Scully jedoch über dieses Outing nicht sonderlich schockiert. "Schon in meiner Kindheit hatte ich ein Faible für Okkultismus und Hexerei... und später auf meinen Reisen habe ich ja auch so allerhand kennengelernt. Voodoo beispielsweise. Einer der Voodoo-Priester hat so einen Narren an mir gefressen, dass er mich am liebsten dabehalten hätte. Ich hätte das Talent zu einer Heilerin." Sie sieht Mulder's fragenden Blick und erklärt sogleich: "Ja, dieses tolle Elixier stammt auch von dort. Ich sage mir immer: Ist doch schnurz, wie es funktioniert, solange es nur funktioniert!"
Nach dem Abendessen, von dem Mulder und Scully kaum was angerührt haben, verspüren die beiden wieder den unwiderstehlichen Drang, sich unter die Dusche zu stellen.

[2. Tag nach dem Überfall]
Am nächsten Tag gibt Iris den beiden irgendwas Giftgrünes zu trinken, dessen durchdringendes Pfefferminzaroma die Geschmacksnerven geradezu betäubt. Und sie drückt ihnen auch grüne Zahnpasta sowie grünes Gel in die Hand, als sie wieder unter die Dusche gehen...
Ob es nun an Iris' Hokuspokus oder am betörenden Pfefferminzaroma liegt... jedenfalls sind Mulder und Scully danach fast schlagartig von dem Wahn geheilt, sich immer noch schmutzig zu fühlen und einen üblen Geschmack im Mund zu haben.
Hexerei oder Placebo-Effekt, selbst Dana ist das nun einfach egal. Iris ist wirklich eine gute Heilerin, weiss immer im richtigen Moment das richtige zu tun oder zu sagen... und sie bekommt davon langsam dunkle Ringe unter den Augen, weil sie sich so verausgabt. Hat sie überhaupt schon mal geschlafen, seit sie sie gefunden hat? Alexei sorgt wenigstens dafür, dass sie genug isst, was Scully irgendwie beruhigt. Andere zu heilen könnte gefährlich sein, wenn man dabei mit seinen eigenen Kräften zu verschwenderisch umgeht... Hach, irgendwie ist Dana froh, dass sie wieder einigermassen rational denken kann, und wenn sie nur aus ihrer Ärztlichen Sicht über Iris' Methoden nachdenkt, von denen sich die Schulmedizin durchaus ein paar Scheiben abschneiden könnte.
"Vor lauter Pfefferminze hier in der Wohnung rieche ich schon gar nichts mehr!" flüstert Alex leise und ist froh, endlich auch mal wieder in Iris' Armen liegen zu können. Mulder und Scully schlafen tief und fest. - "Nur keine Angst, das vergeht wieder..." murmelt sie und streicht ihm durchs Haar. Er hat ihre leidenschaftlichen Küsse vermisst, auch wenn er mit ihr übereinstimmt, dass es unter den gegebenen Umständen wohl angebracht ist, vor den Augen ihrer eher unfreiwilligen Gäste auf Knutschereien zu verzichten. - "Es ist alles so furchtbar. Auch so furchtbar sinnlos!" Er muss daran denken, dass er ja schon fast ausgerastet wäre, als damals der Terrorist im Kunstmuseum blöde Sprüche darüber gemacht hat, was wohl gerade mit Iris auf der Toilette passieren würde... und dabei wusste er ja sogar, dass Iris gar nichts passieren konnte! Er kann verstehen, dass Mulder sich grässlich fühlt.
Perverserweise wird Dana schneller darüber hinwegkommen, gerade auch weil sie eine Frau und damit in dieser bösen Welt ohnehin als potentielles Opfer angesehen wird, das eigentlich jederzeit mit sowas rechnen müsste. Eine Frau, die überdies schon vieles mitgemacht hat. Eine starke Frau! Mulder wird es da schwerer haben. Er hätte es selbst dann schwerer, wenn er nicht noch zu allem Überfluss unter einem überdimensionalem Schuldkomplex leiden würde, sich für alles verantwortlich zu fühlen.

[3. Tag nach dem Überfall]
Am Abend des nächsten Tages hat Mulder endlich wieder Zähne, als er mit Iris in die Suite zurückkommt. Sein Lächeln sieht allerdings noch ziemlich schief und gequält aus.
Sie fangen an zu reden. Darüber, ob wohl die Versicherung zahlt, weil das Haus abgefackelt wurde. Dass sie keine Klamotten, keine Möbel und buchstäblich nichts mehr haben. Dass Skinner sich wohl Gedanken darüber macht, was mit ihnen los ist... über alles mögliche reden sie, nur nicht darüber, was passiert ist, bevor sie von Iris und Alexei gefunden wurden.
Natürlich erklärt Iris, das wäre alles kein Problem, sie könnten so lange hier wohnen. Alles gar kein Problem, kommt alles wieder irgendwie in Ordnung.
Aber das schlimmste steht noch bevor... Mulder und Scully haben immer noch nicht erzählt, was genau passiert ist. Und sie müssen darüber reden, nicht nur, weil allgemein bekannt ist, dass darüber reden wichtig ist, sondern auch um danach einen Schlachtplan auszuarbeiten... oder so.
Und sie wissen das auch.
Mulder sieht aus, als würde er sich lieber noch mal alle Zähne ziehen lassen, als darüber zu reden... doch nach ein paar Gläsern von diesem Pfefferminzschnaps, oder was auch immer das für ein Teufelszeug ist, lockert sich auch seine Zunge langsam.
Er weiss, dass Iris die Spuren gesehen hat und sicher richtig zu deuten weiss, verdammt, Hexe oder nicht Hexe, sie ist irgendwie telepathisch begabt und hat vermutlich zumindest Bruchteile des Schreckens schon in seinen Gedanken gesehen. Und Dana weiss das auch. Also können sie es Iris und Alexei geradesogut erzählen. Lieber ihnen als irgendeinem wildfremden Psychiater.
"Es war kurz nach Drei... da hat es bei uns an der Haustür geklingelt. Wir dachten, es wären die bestellten Handwerker..." so beginnt Mulder zu erzählen, möglichst gefasst, Dana in seinen Armen. Doch wenig später kommen ihm die Tränen, so wie auch Dana, die ebenfalls erzählt.
Es dauert Stunden, doch Iris und Alex hören schweigend zu, reichen dazu Saft, Wasser, Pfefferminzschnaps und Schokolade, wenn die beiden vor lauter schlimmen Erinnerungen oder Tränen nicht mehr weiterreden können.
"Sie wollten euch nicht töten. Sie wollten euch zerstören!" wiederholt Iris, was sie schon einmal gesagt hat. Und wieder fügt sie hinzu: "Aber wir lassen nicht zu, dass sie gewinnen. Diesen Gefallen tun wir ihnen nicht!" Sie sieht ihren Freunden fest in die Augen. "Niemals!" - Und diesmal nicken Mulder und Scully, fest entschlossen. Irgendwie ist Iris' Kampfgeist wirklich ansteckend.
Aber Kampfgeist hin oder her, wenn Dana die Augen zumacht, kann sie immer noch die dreckigen Hände auf ihrem Körper spüren. Zwar fühlt sie sich körperlich nicht mehr schmutzig, weil die Pfefferminzkur wahre Wunder gewirkt hat und sie gewissermassen wieder rein wie frischgefallener Schnee ist, doch sie kann sich momentan nicht vorstellen, dass sie jemals wieder von irgendeinem Menschen angefasst werden will. Ausser vielleicht von Mulder. Doch der wagt es ja selbst kaum, sie anzufassen, weil er sich ja immer noch so unsäglich schuldig fühlt. Himmel, Mulder und seine Schuldkomplexe!
In ihre verwirrten Gedanken hinein platzt auf einmal Iris mit ihrer sanften Stimme und erzählt irgendwas von Yin/Yang und Balance für Körper und Seele und was sonst noch alles. Und ehe sie es sich noch recht versieht, liegt Dana nackt auf dem Bauch und Iris beginnt damit, ihre Schultern zu massieren.
Kein Mensch hätte sie so anfassen können, ohne dass sie schreiend zusammengezuckt wäre... Aber Iris schon. Heilende Hände! schiesst es noch durch Dana's Kopf, dann gibt sie sich einfach ihren Empfindungen hin. Eine Mischung aus sanfter Massage, Lymphdrainage und einfach beruhigenden Streicheleinheiten. Vielleicht so eine Art Tantra-Massage? Ach, ganz egal, was es auch ist, nur weiter so... Balsam für Körper und Seele. Vom Kopf bis zu den Zehenspitzen. Nun *weiss* sie nicht nur, dass sie sich nicht schuldig und besudelt fühlen muss, sie beginnt es endlich auch wirklich zu *glauben*... Als sie sich nach einer halben Stunde auf Iris' sanftes Drängen schliesslich umdreht, damit auch die Vorderseite drankommt, bemerkt sie nur am Rande, dass Alexei ihr respektvoll den Rücken zugekehrt hat, starrt stattdessen unverwandt in Mulder's Augen, während sie Iris' warme Hände mit dem Massageöl auf ihrem Gesicht und auf ihrem Körper fühlt, der nun ganz entspannt ist. Verdammt, es ist wirklich praktisch, eine Hexe zur Freundin zu haben! schiesst es ihr zwischendurch kurz durch den Kopf. Irgendwann bemerkt sie wieder Tränen in den Augen ihres Partners. Ihres besten Freundes. Ihres Geliebten. Ihres Ehemannes. Mulder's Schuldkomplex reicht von der Entführung seiner Schwester Samantha vor so vielen Jahren bis zu diesem unsäglichen Überfall vor drei Tagen.
"Hör endlich auf, dich schuldig zu fühlen! Du kannst nichts dafür!" flüstert sie ihm zu, während Iris noch mit ihren Füssen beschäftigt ist und auch dort noch wundervolle Dinge mit ihren magischen Fingerspitzen anstellt. - "Doch, ich hätte..." - "Mulder, halt den Mund!" unterbricht ihn Iris, bevor er wieder das endlose Mantra anstimmen kann, was er alles hätte tun und lassen sollen, damit es niemals soweit gekommen wäre.
Tatsächlich klappt sein Mund wieder zu. Ein wenig gekränkt. Oder erleichtert? Er schliesst die Augen und versucht, seine Gedanken zu sammeln. Verdammt, er weiss selbst nicht mehr, was er eigentlich fühlen soll...
... bis er eine Hand auf seinem Oberschenkel spürt. Nun fühlt er definitiv Panik. Gute alte Panik! Er zuckt zusammen, bekommt schlagartig eine Gänsehaut und rutscht fluchtartig weg. Dabei weiss er nicht mal, ob es Iris' oder Dana's Hand war.
"Siehst du!" meint Iris und wechselt mit Dana einen verschwörerischen Blick, die inzwischen nicht nur wieder ihr Nachthemd anhat, sondern auch an einer heissen Schokolade nippt.
Hatte er soeben ein Blackout?! "Was..." will er anfangen zu fragen, lässt es dann aber. Es war Iris, da ist er sich ziemlich sicher. Sie hat wieder diesen lauernden Blick drauf. Erweiterte Pupillen. Na ja, das könnte allerdings auch daran liegen, dass es hier recht dunkel ist... "Ich glaube, er könnte auch eine Massage vertragen!" hört er Dana sagen und traut seinen Ohren kaum. "Nein!" protestiert er heftig, obwohl er selbst nicht weiss, was ihn an dem Gedanken so entsetzt. Verdammt, Iris hat ihn nackt gefunden, hat ihn verarztet, ist sogar schon mit ihm unter die Dusche gestiegen, wobei sie nur Slip und BH trug, so wie jetzt auch... "Bitte nicht!" Er klingt dabei leicht gequält - und ist froh, dass Iris nun einfach so die Schultern zuckt. "Nur keine Panik. Wenn du's dir anders überlegst, weisst du ja, wo du mich findest!"
Dana ist eingeschlafen. Und sie sieht so friedlich aus! Mulder dagegen kann heute überhaupt nicht einschlafen. Und das liegt bestimmt nicht nur daran, dass sich die neuen Schneidezähne irgendwie noch etwas merkwürdig anfühlen. Inzwischen fühlt er sich nicht nur schuldig wegen allem möglichen, jetzt kommt er sich auch noch wie ein Vollidiot vor.
Iris liegt wieder neben Dana, doch heute in den Armen ihres Ehemannes. Wenigstens Alexei schien nicht besonders traurig darüber zu sein, dass er keine Massage wollte. Er ist sowieso etwas besorgt, dass Iris sich in ihrem Wunsch zu helfen und zu heilen, vielleicht etwas verausgaben könnte. Vielleicht hält er sie auch deshalb jetzt in seinen Armen, um ihr neue Kraft und Energie zu geben. Er ist ein guter Mann... Mulder seufzt kurz und grübelt dann weiter darüber nach, dass Alexander Sinclair nicht nur froh sein kann, dass Iris ihn sich geschnappt hat, so wie es die meisten Leute sehen, sobald sie erfahren, dass Iris reich und in gewissen Bereichen geradezu genial ist; sondern dass Iris auch froh sein kann, dass sie Alexei bekommen hat, der immer für sie da ist und irgendwie auch dafür sorgt, dass ihre Füsse nicht die Bodenhaftung verlieren, wenn sie mit ihrem Kopf in den Wolken ist, und sei es auch nur, indem er für sie kocht... Und Iris weiss Alexei durchaus zu schätzen, sie schert sich ja ohnehin nicht darum, was die Leute sagen.
Hach, ist es nicht schön, mal wieder über andere nachzudenken? Wenn er schon nicht über sich selbst nachdenken will, weil er dann wieder Kopfschmerzen bekommt...
Hexe oder nicht Hexe, jedenfalls kennt sie sich mit esoterischem oder auch nur exotischem Zeugs gut aus. Es würde ihn nicht mal sonderlich wundern, wenn sie plötzlich mit Nadeln auftauchen würde, um es mal mit Akupunktur zu versuchen. Oder mit Nadeln, um sie in Voodoo-Puppen zu stecken... Voodoo! Irgendjemand von den Kollegen beim FBI sagte mal, Special Agent Iris Sinclair wäre wohl mindestens genau so verrückt wie Spooky Mulder. Daraufhin malte er sich spasseshalber mal aus, wie es wohl wäre, wenn sie seine Partnerin geworden wäre. Was auf den ersten Blick nach Dream Team aussieht, wäre wohl schon bald zur Katastrophe ausgeartet. Und er hätte sich beim besten Willen nicht vorstellen können, einfach nach Las Vegas durchzubrennen...
Plötzlich wird Mulder sich bewusst, dass ihn jemand ansieht. Iris. Wie könnte es auch anders sein. Er ertappt sich dabei, wie er wieder eine Gänsehaut bekommt. - "Willst du vielleicht ein Schlafmittel?" flüstert sie hilfsbereit - doch er schüttelt den Kopf. "Nein, danke!" - "Okay." - "He, Iris..." - "Ja?" - "Danke für alles..." - "Schon gut. Schliesslich sind wir Freunde!" - Wie wahr. Zuweilen ist es noch ein wenig ungewohnt. Jahrelang hat es nur Scully und ihn gegen den Rest der Welt gegeben... "Iris?" - "Ja?" - "Tut mir leid, dass ich heute Abend plötzlich so abgeblockt habe..." - "Schon okay." murmelt sie schläfrig und schliesst ihre Augen. - "He, Iris, du bist wirklich eine gute Heilerin..." Er ringt nach den passenden Worten. - "Mmmh?" - "Hast du vielleicht was gegen Kopfschmerzen?" fragt er schliesslich...
... und sieht im flackernden Schein der letzten verbliebenen Kerze, wie sie lächelt. Vorsichtig schält sie sich aus Alexei's Umarmung und kriecht zu ihm rüber, schnappt sich unterwegs das Massageöl, das immer noch rumsteht, und positioniert sich dann oberhalb seines Kopfes. Und dann spürt er ihre magischen Finger an seinen pochenden Schläfen und es riecht wieder intensiv nach Pfefferminz. Sie streicht über sein immer noch übel zugerichtetes Gesicht wie ein Windhauch, knetet seinen verspannten Nacken, findet eine Stelle hinter seinen Ohren, deren Berührung ihn bis in die Zehenspitzen elektrisiert. Er weiss nicht genau, wie es passiert ist, doch seine Kopfschmerzen sind nach fünf Minuten Massage wie weggeblasen.
Er kann noch nicht mal mehr "Danke!" sagen, da ist er auch schon eingeschlafen. Na endlich! Iris kriecht wieder zu Alex rüber und kuschelt sich in seine Arme.

[4. Tag nach dem Überfall]
Mulder hat Kaffee gekocht. Er ist als erster wachgeworden und überdies der Meinung, dass Iris und Alexei wirklich etwas Schlaf verdient haben. Wie soll er den beiden überhaupt jemals dafür danken, was sie hier alles tun? Sie sind so gut zu ihm... womit hat er das bloss verdient?
Auch Dana ist besonders leise, um Iris nicht zu wecken, als sie ebenfalls aufsteht und scheinbar vom Kaffeeduft angezogen wird.
Schliesslich wird auch Alex wach. Er findet es nett, dass Iris noch in seinen Armen liegt, auch wenn er weiss, dass sie in Wirklichkeit keineswegs schläft, sondern hellwach ist. Aber sie sieht so verdammt süss aus, wenn sie tut, als ob sie friedlich schläft... Zärtlich haucht er aber schliesslich einen Kuss in ihren Nacken, worauf sie endlich verschlafen wach wird, eine wirklich oskarreife Vorstellung, so wie üblich...
Iris und Alexei können schon beim Kaffee beobachten, wie Mulder jedes Mal zusammenzuckt, wenn Dana ihn irgendwie plötzlich anfasst. Oder wenn ihn sonst jemand anfasst.
Auch Dana fällt das auf.
"Was ist bloss los?" Irgendwie kann sie es sich nicht so recht erklären und brütet in ihrer Verwirrung schon die wildesten Theorien darüber aus, dass Mulder sie nun nach dieser Sache abstossend findet oder irgendsowas in der Art, auch wenn das eigentlich gar nicht zu ihm passen würde. - "Es ist schwer für ihn." erklärt Iris scheinbar geistesabwesend, während sie vor dem Kleiderschrank steht und Klamotten heraussucht, die auch Dana passen könnten. "Seine verdammten Schuldkomplexe." Schulterzucken. "Er ist so damit beschäftigt, mit dir mit zu leiden, dass er sein eigenes Leid zu verleugnen sucht." Sie sieht Dana's verwirrten Gesichtsausdruck und sucht nach anderen Worten. "Weil er sich wegen dir schon so mies fühlt..." Hui, mies, die Untertreibung des Jahrhunderts! "... glaubt er wohl irgendwie, er hätte überhaupt kein Recht dazu, sich wegen sich selbst auch mies zu fühlen. Aber er fühlt sich mies!" - Dana zieht eine Braue in die Höhe. "Natürlich fühlt er sich mies, schliesslich haben sie ihn fast totgeprügelt!" - "Und nicht nur das..." fügt Iris hinzu, stoppt dann aber, als sie in Dana's Gesicht wieder deutlich Verwirrung lesen kann, wozu es beileibe keine hellseherischen Fähigkeiten braucht. Hach, ein Akt auf dem Drahtseil über einer kilometertiefen Schlucht ist dagegen das reinste Kinderspiel! "Sag mal..." beginnt Iris nun sanft. "Habt ihr eigentlich darüber geredet, was passiert ist, nachdem du gnädigerweise bewusstlos wurdest?"
Jetzt, wo Iris es erwähnt, fällt Dana auch auf, dass Mulder gestern beim Bericht der Geschehnisse darüber nur sehr ausweichend Auskunft gab. "Nein... eigentlich nicht. Was ist denn passiert?" - Iris macht ein Gesicht, das einerseits zum Ausdruck bringt, dass sie wohl über Dana's offensichtliche Unwissenheit ziemlich verblüfft ist, und das andererseits auch zeigt, dass sie jetzt wohl eigentlich schon viel zuviel erzählt hat. "Das sollte er dir wohl lieber selber erzählen, wenn er dazu bereit ist." - "Iris, bitte! Erzähl mir, was du weisst!" drängt Dana nun und sieht sie flehend an. - "Ich war nicht dabei, ich weiss es nicht. Anhand der Spuren kann ich es mir aber ungefähr vorstellen..." beginnt Iris und nötigt Dana dann dazu, sich neben sie aufs Bett zu setzen, bevor sie weiterspricht. "Hast du ihn dir eigentlich genau angesehen, als ihr zusammen unter der Dusche wart?" - Dana schüttelt den Kopf. Einen klaren Blick hatte sie da sowieso nicht, wer weiss, ob ihr überhaupt was aufgefallen wäre. "Was hast du denn gesehen?" Dunkle Ahnungen überkommen sie langsam, sie will es gar nicht wissen... doch, sie will es genau wissen... - "Striemen, als hätte man ihn mit einer Reitgerte geschlagen, hinten wie vorne... Brandwunden von ausgedrückten Zigaretten, besonders auch hier..." Iris deutet wage auf ihre Körpermitte. "Blut und... na ja." Sie klopft sich kurz auf den Hintern. Normalerweise ist sie ja wirklich nicht prüde und nennt die Dinge beim Namen, doch dass sie jetzt so verschämt darüber spricht, macht irgendwie noch viel mehr Eindruck, dass es sich wirklich um eine schlimme Sache handelt. "Dana, man hat ihm doch die Zähne ausgeschlagen, weil er den Mund nicht aufmachen wollte..." Sie atmet kurz durch. "Weshalb wollten sie wohl, dass er den Mund aufmacht? Nicht um zu reden..."
"Oh mein Gott..." Dana hat sich die Hand vor den Mund geschlagen und ihr kommen wieder Tränen. Wie konnte sie nur so blind sein?! Und wollte er das etwa alles für sich behalten? Weil er glaubt, sowas wie Mitleid nicht zu verdienen? Was in aller Welt geht nur in seinem Kopf vor?!
Mulder liegt wieder mal zusammengerollt auf der Couch, das reinste Häuflein Elend. Dana kniet neben ihm nieder und streicht ihm durchs Haar und sie wundert sich nun nicht, dass er auch bei dieser Berührung wieder zusammenzuckt. "Ach, Schatz..." seufzt sie - und er öffnet seine Augen und sieht sie an. Am Tonfall ihrer Stimme und in ihren Augen erkennt er, dass sie es inzwischen wohl weiss... "Iris hat es dir erzählt?" hört er sich sagen. Es ist eine Feststellung und keine Frage. - "Iris hat mir von den Spuren berichtet... verdammt, eigentlich hätte ich mir das auch denken können!" Warum ist sie nur nicht selbst darauf gekommen? Wollte sie es einfach nicht wahrhaben? - "Schon gut..." haucht er, richtet sich auf und schliesst sie in die Arme, so dass sie sich nun wieder gegenseitig Trost spenden können. "Ich wollte nicht... ach, ich weiss selbst nicht..." Er vergräbt sein Gesicht in ihren Haaren, die immer noch nach Pfefferminze duften. "Ich dachte, du wärst tot, Dana... ich habe sogar den alten Bastard angefleht, mich doch endlich zu erschiessen... aber sie haben alle nur gelacht. Ich höre jetzt noch sein dreckiges Lachen."
In dieser Nacht schlafen Mulder und Scully eng aneinandergekuschelt ein. Im Schlafzimmer. Zwar liegen sie nur da in unschuldiger Umarmung - doch Iris ist sich ziemlich sicher, dass die derzeitigen Blockaden sich auch wieder lösen werden. Weil es einfach so sein muss!
Alexei grübelt darüber nach, wie er sich wohl fühlen würde an Mulder's Stelle... Alex Krycek ist vom Raucher auch schon mal übel gefoltert worden. Na ja, mehr als einmal, aber das letzte Mal war es besonders übel... Elektroschocks. Man wollte Informationen. Wissen, was er wusste. Sie hätten ihn fast umgebracht... aber eben nur fast. Ihm gelang irgendwie die Flucht. Eine Flucht, die jahrelang dauerte und in einem eisigen See endete.
Iris presst sich von hinten an seine Rückseite und es tut gut, sie so nah bei sich zu spüren, ihren Atem an seinem Hals. "Du heckst doch irgendwas aus, oder?" flüstert er fast unhörbar. Er weiss, dass Iris' auf Rache sinnt, denn niemand vergreift sich ungestraft an ihren Freunden! Zu gerne würde er dem Raucher eigenhändig den Hals umdrehen... Mulder und Scully hatten nicht die geringste Chance zur Flucht. Mulder, das arme Schwein... - "Damals, als du auf ihn angesetzt warst, fandest du ihn ziemlich süss, nicht wahr?" flüstert sie ihm leise ins Ohr - worauf Alex sich überrascht zu ihr herumdreht. Er fühlt sich irgendwie ertappt. Aber eigentlich sollte er ja nicht sonderlich überrascht sein. "Ich... äh..." Na ja, stimmt schon, irgendwie. Scully fand er allerdings auch sehr süss... Und irgendwie hat er die beiden beneidet. Wer hätte gedacht, dass es erst Haschkekse und eine Hexe braucht, die mit ihnen Strippoker spielt, damit die beiden sich endlich mal privat etwas näher gekommen sind? Und er hat es ihnen wirklich von Herzen gegönnt, auch die schöne Hochzeit.
Heutzutage ist er ja selbst zu beneiden, wie er findet. Und seit er Iris kennt, ist er an anderen Frauen oder Männern überhaupt nicht mehr interessiert. Er scheint regelrecht vergessen zu haben, dass er jemals bisexuell war (War er das wirklich oder vielleicht nur aus beruflichen Gründen?) oder überhaupt jemals vor der Begegnung mit ihr schon irgendwelche sexuellen Erfahrungen hatte, denn das war ja sowieso in einem anderen Leben... "Du verwirrst mich!" schmollt er leise, als sich seine Gedanken irgendwie im Kreis zu drehen beginnen. - "Tu ich das nicht immer?" erwidert sie und lächelt diabolisch. - "Küss mich!" Er verlangt das Lebenselixier, nach dem er süchtig ist. "Bitte!"

[5. Tag nach dem Überfall]
Iris ist kurz einkaufen gegangen und schleppt nun unter anderem auch Klamotten für Mulder und Scully an. - "Willst du etwa mit uns campen gehen?!" erkundigt sich Dana beim Anblick der robusten Schuhe. - "Ja, so ungefähr. Zieht euch an, wir fahren gleich los!"
[IRGENDWO IN DER WILDNIS]
Ein paar Stunden später sind sie da. Eine Blockhütte mitten im Wald, ein paar Meter weiter ein idyllischer See, GARANTIERT OHNE MONSTER, wie Iris lächelnd versichert.
Mulder ergreift dankbar die Gelegenheit, endlich mal wieder joggen zu gehen; inzwischen fühlt er sich wieder stark genug dafür und vielleicht bekommt er dann ja wieder einen klaren Kopf. Um ihn nicht allein rumlaufen zu lassen, sprintet Alexei neben ihm her - weil Iris darauf bestanden hat, die es sich unterdessen mit Dana in der Hütte gemütlich macht.
"Hat Iris gesagt, dass du mit mir reden sollst?" erkundigt sich Mulder ein wenig misstrauisch, als sie mal eine Pause machen und auf den See starren. - "Sie hat nur gesagt, ich soll aufpassen, dass du dich nicht im Wald verläufst!" antwortet Alex wahrheitsgemäss. "Willst du denn reden?" - "Nein." - "Okay!" meint Alex schulterzuckend und lässt einen flachen Stein übers Wasser schippern, so dass er noch fünf Mal aufschlägt, eher er im See versinkt.
"Ist sie eigentlich immer so..." fängt Mulder nach einer Minute des Schweigens plötzlich wieder an und sucht ein passendes Wort. "Hilfsbereit?" - "Iris?!" Alex muss grinsen. "Sie will immer, dass es allen gut geht. Wenn schon nicht der ganzen Welt, dann wenigstens den Leuten, die sie kennt und gerne mag. Und da sie hier nicht allzu viele Freunde hat, bekommt ihr dann eben meist die volle Breitseite ab... Geht sie dir damit sehr auf die Nerven?" - "Nein!" Mulder schüttelt den Kopf. "Oh Gott, nein, das hab ich damit nicht gemeint! Ich bin wirklich glücklich darüber, dass wir uns kennen gelernt haben und befreundet sind." Er nagt an seiner Unterlippe herum. "Und dank Iris und ihrem ganzen..." Ihm fällt kein passendes Wort ein, um Iris' ganzen Talente in Sachen Esoterik, Massage und Heilkunst und was sonst noch alles zu umschreiben, davon abgesehen, dass er ja schon von ihren übersinnlichen Fähigkeiten überzeugt war, noch bevor sie sich selbst als Hexe bezeichnet hat. "... äh... *Hokuspokus* hat sich Dana wirklich erstaunlich schnell erholt." So erstaunlich schnell, dass es geradezu schon ein Wunder ist. Ein Wunder, das er noch nicht so ganz verstehen kann, auch wenn er dankbar dafür ist. Denkt er eigentlich, er würde so ein Wunder nicht auch verdienen? Ach, verdammt! Er starrt verbissen aufs Wasser, weiss aber genau, dass er von der Seite eindringlich angesehen wird. "Und ich habe ihr auch zu danken." - "Dabei hast du ja noch nicht mal ihre Massage probiert..." spöttelt Alex gutmütig. - "Ich hatte eine kurze Kopfweh-Massage..." widerspricht Mulder nun. Reife Leistung, er gibt immerhin zu, dass sie ihm Kopfschmerzen wegmassiert hat. Geht sowas wenigstens als klitzekleines Wunder durch? "Und ich glaube gerne, dass sie Heilende Hände hat. Aber..." - "Du glaubst nicht, dass es dir helfen könnte?" - "Nein, ja, ich meine... verdammt, ich weiss selbst nicht, was ich meine." Er klingt etwas frustriert. "Es ist alles so... verworren in meinem Kopf!"
Irgendwie fühlt er sich nicht mehr als richtiger Mann, auch wenn sein Verstand ihm natürlich sagt, dass das doch alles Unsinn wäre. Er kann sich auch nicht mehr als sexuelles Wesen sehen, kann sich momentan nicht vorstellen, jemals wieder Sex zu haben, weil... Dana wurde vergewaltigt. Wie könnte sie die Berührungen eines Mannes, selbst ihres Ehemannes, jemals wieder geniessen? Auch wenn Dana ja wie aus heiterem Himmel so plötzlich darüber hinweg zu sein scheint, wobei andere Frauen dafür fast ewig brauchen... Oder schiebt er seine Sorge um Dana nur vor? Kann er nicht darüber hinwegkommen, dass seine Frau geschändet wurde? Mumpitz! Warum versucht er eigentlich seine eigene Vergewaltigung ständig zu ignorieren?! Er ist schon Opfer so mancher Intrigen geworden, musste er unbedingt auch noch ein Opfer werden, dem alles genommen wurde, selbst der letzte Rest von Würde und Selbstachtung? Verdammt, warum bekommt er die Bilder nicht aus seinem Kopf?! Diesen perversen Schweinen hat es sichtlich Spass gemacht... wie könnte es ihm da jemals wieder Spass machen, so wie diesen perversen Schweinen?!
Alex hört aufmerksam zu, während Mulder ziemlich unzusammenhängendes und wirklich verworrenes Zeugs von Männlichkeit und Sexualität und was sonst noch alles labert; und er fragt sich dabei, ob selbst Iris daraus schlau werden könnte. Als dann aber auch noch ziemlich abstruse Vergleiche gezogen werden, platzt ihm der Kragen: "Mulder, hör auf, das ist ja nicht zum aushalten!" Er packt ihn tatsächlich an den Schultern und schüttelt ihn. "Bist du eigentlich komplett übergeschnappt, dich jetzt auch noch mit diesen verdammten Mistkerlen zu vergleichen?!" Er hört auf, ihn zu schütteln, Mulder sieht ihn ohnehin aus grossen Augen an, als wäre er noch total weggetreten. "Du fühlst dich also auch noch schuldig, weil du einen Schwanz hast, so wie diese Mistkerle auch?" Mister Schuldkomplex fühlt sich demnächst wohl auch noch dafür verantwortlich, wenn's regnet und stürmt, oder wie! "Ojeee, ich hab ja auch einen, bin ich jetzt deswegen etwa auch so ein ekelhaftes Monster? Gott, Mulder, es gibt wirklich keinen Grund, dass du dich vor dir selber ekeln müsstest, wenn dein Schwanz hart wird, nur weil irgendwelche perversen Vergewaltiger auch harte Schwänze haben!" Er atmet tief durch und fährt dann mit sanfter Stimme fort: "Aber wenn Iris und ich zusammen Spass haben - oder wenn du und Dana zusammen Spass habt - dann ist das doch wirklich etwas ganz anderes, weil es schliesslich allen Freude macht und alle es wollen. Und glaub mir: Dana will dich!"
"Wo bleiben die denn bloss?" Dana macht sich schon langsam Sorgen, dabei ist Mulder früher doch auch schon viel länger joggen gewesen. Aber hier kommt ihr die Zeit so schrecklich lang vor. Iris steht mit einem Fernglas am Fenster und grinst. "Hier, schau mal!" Sie drückt Dana das Glas in die Hand und deutet auf das gegenüberliegende Seeufer. Tatsächlich. Dort sitzen ja die beiden Männer, reden miteinander und lassen gelegentlich Steine übers Wasser schippern.
Nach einer Weile, als sie miteinander geredet, geschwiegen und Steine geworfen haben, fällt Alex eine Lichtreflexion am anderen Ende des Sees auf, wo sich auch die Blockhütte befindet. "O oh..." seufzt er kurz und fügt dann hinzu: "Würde mich nicht wundern, wenn Iris und Dana uns gerade durchs Fernglas beobachten." - Mulder starrt nun ebenfalls zum Blockhaus rüber, kann jedoch selbstverständlich keine Details erkennen. "Kann Iris eigentlich von den Lippen lesen?" - "Ja." - "Das hab ich mir gedacht. Und wird sie Dana erzählen, über was wir gesprochen haben?" - "Weiss nicht." Alex verzichtet auf den gutgemeinten Rat, dass er an Mulder's Stelle Dana lieber selbst mal alles erzählen sollte, was ihm so durch den Kopf geht, denn das weiss der gute Mann auch selbst. "Aber von wegen Solidarität unter Frauen etc.pp. schätze ich mal, dass sie Dana womöglich brühwarm alles übersetzt!" Den letzten Satz hat er hinter vorgehaltener Hand gesagt. "Vielleicht ist aber auch Dana am Fernglas. Kann eigentlich Dana von den Lippen ablesen?" - Mulder zuckt die Schultern. "Falls Iris uns doch nicht alles von den Lippen abgelesen hat... wirst du es ihr dann erzählen?" - "Wenn sie mich fragt..." Er seufzt kurz. "Ich kann nichts vor ihr verheimlichen."
"Hi, Schatz, wir waren am See!" Er drückt Iris einen Kuss auf den Mund, als käme er gerade von einer Weltreise zurück. - "Ich weiss!" erwidert sie lächelnd. "Ihr habt Steine ins Wasser geworfen!" - "Hast du uns etwa beobachtet?" erkundigt er sich in möglichst unverfänglichem Plauderton. - "Vielleicht?" Ihr Blick wandert von Alex zu Mulder und wieder zurück. "Was hätte ich denn beobachten können?" - "Ach, nichts!" - "So sooo..." Wieder sieht Iris von einem zum anderen und es ist offensichtlich, dass sie der Meinung zu sein scheint, dass es da wohl etwas zu beobachten gegeben hätte.
Währenddessen ist Dana schon mal mit Kochen beschäftigt, da sie langsam ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn sie sich die ganze Zeit von Alexei kulinarisch verwöhnen lässt.
"Und wie kann ich mich nützlich machen?" erkundigt sich Mulder, der sich wirklich ganz dringend nützlich machen möchte, wo er sich doch sowieso schon so unnütz vorkommt - und mit einem Blick von Iris geweiteten Pupillen wird ihm klar, dass sie diesen Gedanken wohl gerade aufgefangen hat. "Geh hinters Haus. Holz hacken!"
Und Mulder geht hinters Haus, Holz hacken. Himmel, das ist sogar eine ausgezeichnete Idee gewesen! Adrenalin in seinen Adern... und endlich kann er mal seine unterdrückten Aggressionen ausleben, indem er die Axt schwingt und sich mit jedem Schlag vorstellt, er spalte den Schädel des verdammten Rauchers und die seiner Schergen.
Dana, Iris und Alex beobachten schliesslich vom Fenster aus, wie Mulder Schweiss und Tränen übers Gesicht laufen, während er auch nach fast einer Stunde immer noch wie ein Berserker das Holz klein hackt, als hinge sein Leben davon ab. Er wird von der Axt wohl Blasen an den Händen bekommen und sowieso einen mordsmässigen Muskelkater... aber niemand denkt daran, ihn jetzt zu stören. Es ist wichtig, es ist gut. Vermutlich besser als so manche Therapie beim Psychiater. Das Essen kann man auch noch aufwärmen, schliesslich ist ja jetzt für genug Brennholz gesorgt.
Irgendwann lässt sich Mulder erschöpft auf den Boden sinken. Er hat jedes Zeitgefühl verloren, doch dem Stand der Sonne nach zu urteilen, muss inzwischen schon später Nachmittag sein. Tja, da hat er wohl das Mittagessen verpasst, aber auch egal. Er fühlt sich zwar körperlich erschöpft und dennoch überraschend gut.
Gut genug, um endlich mal wieder wirklich mit Dana zu reden, seiner Partnerin, seiner besten Freundin, seiner Geliebten, seiner Ehefrau. Sie sind ein Team und sollten wirklich keine Geheimnisse mehr voreinander haben.
"Und?" flüstert Alex leise in der Dunkelheit des einen Schlafzimmers, während er ziemlich sicher ist, dass die Frau in seinen Armen gerade lauscht, was in dem anderen Schlafzimmer vor sich geht. "Was ist nun? Küssen sie sich endlich wieder? Es wird Zeit, dass sie sich wieder küssen, sonst wird Mulder wirklich noch verrückt..." - "Ach ja?" schnurrt Iris und beisst ihn sanft in den Hals. "Ist er denn genau so süchtig danach wie du?" - "Bestimmt. Er scheint es nur noch nicht zu wissen..." erklärt Alex ziemlich überzeugt und geniesst dann den Knutschfleck, den sie ihm macht. "Und? Küssen sie sich nun oder müssen wir nachhelfen?" - "Ach..." Sie lächelt verschwörerisch. "Wie würden wir denn da nachhelfen?" - "Ich weiss auch nicht... Vielleicht gibt's ja ein Aphrodisiakum oder einen Voodoo-Zauber für so was?" mutmasst er mal drauflos und ist sich sicher, dass sie bestimmt Tausende von Zaubertränken oder sonstwas kennt. - Und sie lächelt. "Ich glaube, das ist gar nicht nötig... Ja, sie küssen sich. Immerhin. Und das übrige wird sich auch wieder finden."

[6. Tag nach dem Überfall]
Iris hat aus Gräsern und Blättern aus dem Wald sieben kleine Puppen gebastelt, die nur noch vage an menschliche Gestalten erinnern, was aber anscheinend keine grosse Rolle spielt. - "Ich dachte, für so einen Voodoo-Zauber bräuchte es persönliche Gegenstände oder so was in der Art?" erkundigt sich Mulder, der nun interessiert zusieht, wie Iris ihre Schöpfungen auf dem Verandatisch im Kreis drapiert hat. - "Ich schätze mal, ein Bisschen Genetisches Material wird es auch tun!" Sie verteilt winzige Tröpfchen der Proben, die sie vor sechs Tagen am Tatort und von den Körpern der Opfer genommen hat. Die siebte Puppe setzt sie einfach mitten in einen Aschenbecher voller Morley-Kippen.
"Und was hast du vor?" fragt nun Dana, die ebenfalls nähergekommen ist. Eigentlich glaubt sie ja nicht sonderlich an Voodoo-Zauber und solchen Kram; andererseits kennt die Wissenschaft durchaus gewisse Phänomene... auch wenn sich da nicht immer alles rational erklären lässt. Iris ist eine aussergewöhnliche Persönlichkeit, mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten. Sie besitzt irgendwie die Gabe zu Heilen, zumindest in gewissem Umfang. Besitzt sie womöglich auch die Gabe, Schaden zuzufügen, allein durch die Kraft ihres Geistes, weil sie irgendwie Energien manipulieren kann? Allerdings hatte sie beim Heilen Hautkontakt. Aber wie soll denn das mit diesen Voodoo-Puppen hier funktionieren?
"Ich weiss noch nicht..." Iris leert den Inhalt eines Beutels in der Mitte des Tisches aus. Etliche Stecknadeln. Zündhölzer. "Es sollte eure Rache sein. Tobt euch ruhig aus!"
Dana starrt die sieben Figürchen wie hypnotisiert an. Echter Voodoo-Zauber... oder vielleicht nur so eine Art Therapie, um die Wut rauszulassen? Iris wäre durchaus beides zuzutrauen. Was soll's. Sie nimmt eine Nadel in die Hand und überlegt, wohin sie die wohl zuerst stossen sollte...
... und ein paar Minuten später sehen sich Mulder und Scully leicht keuchend an, als hätten sie tatsächlich gerade einen Blutrausch hinter sich und Leute abgeschlachtet, dabei haben sie doch bloss wie die Verrückten Nadeln in Laubfigürchen gebohrt und diese dann auch noch angezündet, weshalb es jetzt noch qualmt. Nur das Figürchen im Aschenbecher lebt noch, wenn auch mit vielen Nadeln gespickt.
Ob Voodoo-Zauber oder Placebo-Therapie, erstaunlicherweise fühlt sich Dana nun wirklich irgendwie besser. Und Mulder scheint es ebenso zu gehen, denn er grinst ein schadenfreudiges Lächeln bei dem Gedanken, dass ihre Peiniger wenigstens brutale Kopfschmerzen bekommen könnten. Er wünscht ihnen die Pest an den Hals. Sollen sie von Dämonen zerfleischt und ihre Knochen von Ameisen abgenagt werden und ihre Seelen in der Hölle schmoren!
"Soll ich vielleicht den Raucher beschwören, zu uns zu kommen?" fragt Iris schliesslich hilfsbereit. "Er könnte womöglich noch zu was gut sein, bevor er stirbt."
Dana weiss nicht, was sie mehr erschreckt: Die gnadenlose Kälte in Iris' Stimme? Dass sie so fest davon ausgeht, dass der Raucher stirbt, als wollte sie ihn selbst erschiessen? Oder dass sie tatsächlich zu glauben scheint, irgendwelche Beschwörungen durchführen zu können? "Wie willst du ihn denn beschwören?" - "Ich rufe einfach Skinner an. Dessen Büro wird garantiert abgehört... eh voilà, schon wird der Krebskandidat auch hier sein. Vermute ich mal." - "Ach so..." Dana klingt fast ein wenig enttäuscht, als hätte sie sich schon wahnsinnig auf ein wildes Voodoo-Ritual gefreut. Dann überlegt sie sich, zu was der Raucher eigentlich lebendig noch gut sein könnte. Schliesslich hat er ja Iris schon erzählt, dass das Konsortium offenbar am Ende ist, die Aliens weg und keine Beweise übrig geblieben sind. Samantha ist tot. Allerdings fällt ihr da doch noch etwas ein: "Unsere Sachen. Dieser verdammte alte Bastard muss noch unsere Sachen haben. Ich will sie wiederhaben!" Beispielsweise das Kreuz, das sie immer um den Hals trug. Ihr Verlobungsring. Ihr Ehering.
Mulder starrt Dana ein wenig überrascht an. Klingt ja fast so, als würde die sonst immer so rationale Scully wirklich glauben, Iris' Magie wäre so mächtig, dass sie den Raucher in die Knie zwingen würde. Aber wenn er es sich recht überlegt: Irgendwie scheint der verdammte alte Bastard ja einen totalen Narren an ihr gefressen zu haben, sonst hätte er sie wohl kaum mal persönlich aufgesucht... Iris' Wirkung auf Männer scheint wirklich magisch zu sein! "Könnte das funktionieren?" fragt er etwas skeptisch.
"Hi, Walter, ich bin's!" flötet Iris ins Telefon. - "Iris?! Wie geht's euch?" ertönt Skinner's besorgte Stimme. - "Den Umständen entsprechend. Morgen Abend komme ich wieder nach Washington." - "Das ist gut. Man hat schon nach dir gefragt..." - "Ach, wiiirklich... Sag dem verdammten alten Bastard, dass ich ausserordentlich wütend bin!" - "Iris..." - "Ich weiss, dass er zuhört!" Und sie weiss auch, dass Mulder soeben mit Interesse ihre erweiterten Pupillen betrachtet. "Ich will, dass das, was in Mulder's Haus gestohlen wurde, zurückgegeben wird. Packt alles in einen Koffer und lasst es im Palace für mich abgeben. Andernfalls wird du ebenfalls brennen... und in Rauch aufgehen wie deine verdammten Zigaretten!" Sie klappt das Handy zusammen.
Die Drohung ist wirklich lächerlich, er wird niemals darauf eingehen. Dann fällt Mulder's Blick auf die verkohlten Überreste der sechs nadelgespickten Laubfigürchen. Wenn der Voodoo-Zauber tatsächlich funktionieren würde, wäre das mit der Drohung natürlich was ganz anderes. Ach was, das kann doch gar nicht sein... oder doch?
Ihre Augen schimmern violett, als Alex sie abends in den Armen hält. Sie scheint sehr weit weg zu sein und er wagt kaum zu atmen, um ihre Konzentration nicht zu stören. Keine Atmung. Kein Puls. Nur das Flackern ihrer Augen. Gespenstisch... Eigentlich sollte er fast vor ihr Angst haben, aber er fühlt sich nur wie magnetisch zu ihr hingezogen, ganz egal, was sie tut, selbst wenn sie Schwarze Magie betreibt.
Als sie nach einer ganzen Weile endlich blinzelt, ist er froh, dass sie wieder bei ihm ist. "Und?" flüstert er verschwörerisch. "Hat der Voodoo-Zauber gewirkt?" - "Ja." antwortet sie schlicht. - Er will lieber keine weiteren Fragen stellen, so genau will er es gar nicht wissen und sie würde es ihm ohnehin nicht erzählen.

[7. Tag nach dem Überfall]
[PALACE-HOTEL IN WASHINGTON]
Iris betrachtet den Koffer, der heute im Verlauf des Tages im Palace für sie abgegeben worden ist. Keine Bombe drin, also kann sie ihn ruhig öffnen. Tatsächlich, nur Mulder's und Scully's Krempel. Einschliesslich ihrer FBI-Ausweise und Waffen.
Hat dem verdammten alten Bastard wohl doch etwas Angst gemacht, dass gestern ein Versteck des Konsortiums in Flammen aufgegangen ist, nachdem dort aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen die Leute gegenseitig aufeinander losgegangen sind. Fazit: Sechs tote Männer. Vielleicht haben ihm auch die Schmerzen in der Brust etwas Angst gemacht, die sich anfühlen wie Nadelstiche...
Es ist auch ein Couvert im Koffer, angeschrieben mit ihrem Namen. Während Mulder und Scully ihre Sachen auspacken, sieht sich Iris den Inhalt des Couverts an. Ein Polaroidfoto mit sechs verkohlten Leichen drauf. Auf der Rückseite steht: 'Das passiert also, wenn Sie ausserordentlich wütend sind?' Und dazu noch: 'Heute 22.00 Uhr beim FBI. Erschiessen Sie mich doch, wenn Sie können!'
Als Dana das Foto betrachtet, wird ihr ein wenig mulmig. Sie hat die Streichhölzer angezündet, um die Voodoo-Puppen zu verbrennen. War das etwa ihr Werk? Allerdings hat sie auch kein Mitleid mit diesen sechs Männern. Zufall, Schicksal, Voodoo... ach, egal! Auch Mulder scheint dieser Meinung zu sein, er sieht sogar regelrecht erleichtert aus, richtig befriedigt.
* * *
[Tiefgarage des FBI-Gebäudes]
Iris steigt aus dem Auto aus und sieht kurz auf ihre Uhr. 21.59 Uhr. Lässig zieht sie ihren langen Mantel aus, darunter kommt ein enges rotes Kleid zum Vorschein. Mit einer unnachahmlichen Geste löst sie dann auch noch den Knoten in ihrem Haar, worauf es sich über ihre Schultern kringelt. Innerhalb von wenigen Sekunden hat sie sich damit von einer Grauen Maus in eine Sex-Bombe verwandelt. Es ist Zeit. "Wo bleiben Sie?" flötet sie, während sie lässig-lasziv gegen die Kühlerhaube ihres Wagens gelehnt ist.
"Sie haben ja gar keine Waffe?" ertönt auf einmal die Stimme des Rauchers, der hinter einer der Säulen der Tiefgarage vortritt. - "Wer sagt denn, dass ich Sie erschiessen will?" erklärt Iris mit lasziver Stimme und Schlafzimmerblick, um ihn zu ärgern. - "Ich dachte, Sie wären ausserordentlich wütend?" - "Bin ich!" - "So sehen Sie aber gar nicht aus..." - "Ach, niiicht? Vielleicht trügt ja der Schein?" - "Wie zum Teufel haben Sie das gemacht?" - "Was gemacht?" - "Die Schiesserei und der Brand gestern. Wie haben Sie das gemacht?" - "Ach, die Rache? Ich habe nur das Schicksal ein klein wenig bestochen. Mit so eine Art Voodoo-Zauber." - "Was?!" Und der Mann, der schon Aliens gesehen und mit allem möglichen rumexperimentiert hat, das anderen Menschen die Haare zu Berge stehen lassen würde, fängt tatsächlich an zu lachen. Voodoo-Zauber?! Sein Lachen endet in einem Hustenanfall. - "Die Zigaretten werden noch mal Ihr Tod sein!" erklärt sie freundlich, als wäre sie besorgt um seine Gesundheit. - "Machen Sie sich lieber Sorgen um Ihren eigenen Tod!" droht er nun und richtet seine Waffe auf sie, obwohl er nicht weiss, ob er fähig sein wird, sie zu erschiessen. Er hatte es wirklich fest vor. Doch wenn er sie jetzt so ansieht...
Plötzlich durchschlägt ein Schuss die plötzliche Stille. Der Raucher lässt die Waffe fallen und hält sich die getroffene Schulter. Schmerz! Noch ehe er sich umsehen kann, woher der Schuss überhaupt gekommen ist, wird er wieder getroffen. Und nochmal.
Er liegt auf dem Boden und starrt Iris an, die nun zu ihm geht, aber definitiv keine Waffe in der Hand hält. Noch jemand kommt auf ihn zu und er wendet den Kopf, um zu sehen, wer es ist. Skinner!
"Er... er wollte dich erschiessen!" rechtfertigt sich Skinner - und Iris sieht ihn an. "Ich weiss." Sie wirft nur noch einen flüchtigen Blick auf den Mann am Boden und hängt sich dann bei dem Mann ein, der an ihrer Seite steht. "Gehen wir!" Sie nimmt den irgendwie geschockt aussehenden Skinner am Arm und schlendert davon, lässt den sterbenden Raucher einfach liegen.
Der greift jedoch mit letzter Kraft nach seiner Waffe, will Skinner erschiessen oder Iris oder am besten beide - doch Iris dreht sich kurz zu ihm herum, wirft ihm einen Blick zu wie der Zorn Gottes... und geblendet von der gleissenden Spiegelung in ihren Augen, richtet er die Waffe gegen sich selbst und schiesst sich in die Schläfe. Ein fast schon sanftes PLOPP ertönt, denn er seine Waffe hat einen Schalldämpfer.
Iris und Assistant Director Walter Skinner sind einfach weitergegangen, ohne sich noch mal zum Raucher umzudrehen. Sie hat sich ihren Mantel übergeworfen, ist dann zu Skinner ins Auto gestiegen... und sie sind weggefahren.
Endlich kann Alex aus ihrem Auto aussteigen, wo er wie auf glühenden Kohlen gesessen und gewartet hat. Er geht zur Leiche des Rauchers rüber und vergewissert sich, dass der auch wirklich tot ist. Zweifellos... Er weiss nicht genau, was Iris eigentlich gemacht hat, dass der Kerl sich zu guter Letzt noch selbst eine Kugel in den Kopf gejagt hat, doch es war wohl das, was sie SPIEGELUNG genannt hat. Zorn, Hass, Zerstörungswut, Mordlust oder was auch immer werden dabei wie in einem Spiegel reflektiert und auf einen selber zurückgeworfen, was mit Selbstzerstörung endet; aber Iris hätte ihn wohl niemals einfach eigenhändig erschossen.
Er fährt den Wagen näher ran und wuchtet die Leiche in den Kofferraum, der schon mal vorsorglich mit einer Plastikplane ausgelegt worden ist; jetzt weiss er auch warum. Rasch beseitigt er noch die Blutspuren am Boden mit Putzmittelspray, dann fährt er ebenfalls davon.
[Tiefgarage des Palace]
Mulder und Scully werfen einen Blick in den Kofferraum. Die Hand des Rauchers ist noch immer um seine Waffe gekrampft und Alex erklärt, dass er sich den letzten Schuss selbst verpasst hätte.
"Hat Iris...?!" erkundigt sich Mulder, doch Alexei schüttelt den Kopf. "Du?!" Wieder schüttelt Alexei den Kopf. "Wer hat denn dann auf ihn geschossen?" - "Skinner." Alexei atmet tief durch. "Er hat sich auch dort versteckt, muss wohl irgendwie von dem Treffen erfahren haben. Als der Raucher auf Iris schiessen wollte, hat Skinner auf ihn geschossen." - "Und wo ist Iris jetzt?" - "Mit Skinner mitgefahren." - Ach. Einfach so? "Hat er dich gesehen?" erkundigt sich Mulder - und wieder schüttelt Alex den Kopf. Erneut atmet er tief durch und weist dann darauf hin, dass Iris die Leiche morgen entsorgen wird; dank ihrer Mafia-Beziehungen hätte sie auch ein Krematorium in ihrem kleinen schwarzen Buch verzeichnet... Vorläufig ist der Raucher also im Kofferraum gut aufgehoben.
[Skinner's Wohnung in Washington]
Erst als Iris ihm unter der Dusche den Rücken schrubbt, entspannt er sich langsam. Wow, er hat es wirklich getan! Wie oft hat er sich vorgestellt, diesen verdammten alten Bastard zu erschiessen, und nun hat er es endlich getan! Plötzlich kommt ihm in den Sinn, dass sie ja die Leiche einfach haben liegen lassen. Himmel, wo war er nur mit seinen Gedanken?! "Die Leiche!" - "Entspann dich wieder... Die Leiche ist inzwischen weg." - "Wer...?!" - "Alexei." antwortet sie schlicht - während Skinner beim Klang dieses Namens kurz zusammenzuckt. Das schlechte Gewissen meldet sich wieder. Und überhaupt, ist es nicht verrückt? Dass er hier mit Iris unter der Dusche steht, während ihr Ehemann die Leiche des Kerls wegräumt, den er erschossen hat, weil der irgendwie ebenfalls auf sie scharf war und sie schliesslich erschiessen wollte? Komplett verrückt!
"Ich liebe dich..." murmelt er gegen ihren Hals. "Ich werde jeden erschiessen, der dich erschiessen will!" - "Na dann kannst du dich entspannen. Ich glaube nicht, dass mich so schnell wieder jemand erschiessen will!" flüstert sie mit betörender Stimme und gibt ihm dann einen Kuss, weil es das ist, was er sich wünscht. Jedenfalls jetzt für den Moment. Natürlich wünscht er sich noch viel mehr...
Später im Bett stöhnt und wimmert er dann mehrmals um mehr, rühmt ihre Schönheit, haucht ihr Liebeserklärungen ins Ohr und bettelt um mehr. Mehr Küsse, mehr Berührungen, mehr von allem.
Erst beim Aufwachen nach dem postorgasmischen Erschöpfungsschläfchen kann er wieder einigermassen klar denken und sinniert mit Iris darüber nach, dass wohl niemand den Raucher sonderlich vermissen wird. Also einfach so tun, als ob nichts gewesen wäre.

[PALACE-HOTEL IN WASHINGTON]
Noch vor dem Morgengrauen kehrt Iris leise in ihre Suite zurück - wo sie jedoch gleich von Mulder in Empfang genommen wird, der nicht schlafen konnte und sich deshalb was aus dem Kühlschrank geholt hat. "Wo zum Teufel warst du so lange?"
"Ich war bei Skinner." antwortet sie wahrheitsgemäss und sieht ihn lange an. "Was ist?!" - "Wir haben uns Sorgen gemacht!" druckst Mulder herum, möglichst leise, damit Alexei, der auf der Couch schläft, nicht geweckt wird. "Was hast du da so lange gemacht?" - "Na ja, er war noch etwas durch den Wind wegen der Schiesserei, da hab ich ihn etwas beruhigt. Oder wär's dir lieber, wenn Skinner durchdreht und man euch stattdessen beim FBI diesen Kersh vor die Nase setzt, dieses Arschloch?" - "Natürlich nicht... aber lenk nicht ab! Bei deinen Fähigkeiten brauchst du doch normalerweise einem Menschen nur die Hand auf die Stirn zu legen, um ihn zu beruhigen... also warum ist das so lange gegangen?" - "Sag mal, bei dir piept's wohl! Ich muss mich doch wohl hier nicht von dir verhören lassen?!" zischt sie und klingt wirklich verärgert. - "Alexei ist mein Freund." Mulder's Stimme klingt nun besänftigend. - "Und?!" - "Und es quält ihn, wenn du dich nachts irgendwo rumtreibst..." - "Ach." Sie legt den Kopf etwas schief und kommt zum Schluss, dass es wohl eher Mulder quält, wenn er nicht weiss, wo sie sich rumtreibt. "Bislang hatte ich aber nie den Eindruck, dass Alexei sehr gequält ist..." - "Natürlich nicht, schliesslich ist er dir hörig!" - "Himmel!" Iris verdreht die Augen...
... und schnappt sich dann die Autoschlüssel vom Tisch. "Ich geh dann mal die Leiche entsorgen." - "Moment!" hält Mulder sie zurück. "Warte eine Minute, ich begleite dich!" - "Wenn's sein muss..." Sie spielt mit dem Gedanken, Alex zu wecken, der immer noch friedlich auf der Couch schläft, doch dann lässt sie es bleiben.
Mulder hat sich schnell was angezogen, gewohnheitsmässig auch seine Waffe, streift sich zu guter Letzt den Mantel über und schliesst dann leise die Tür, während Iris schon draussen vor dem Fahrstuhl wartet. Er versucht sich auszumalen, was sie bei Skinner gemacht hat, zumal ihm ja nicht entgangen ist, wie sein Chef die Frau ständig ansieht. Und sie ist wohl die einzige Agentin, die sich bei Assistant Director Skinner mit 'Hi, Walter, ich bin's!' am Telefon meldet! Allerdings kann er an ihr nichts verdächtiges bemerken. Weder ist die Frisur zerzaust noch riecht sie nach Skinner's Rasierwasser. Nicht dass er Skinner's Rasierwasser überhaupt erkennen würde. Vielleicht hat sie ja noch gebadet und sich gestylt und darum hat es so lange gedauert? Himmel, wie krank ist er eigentlich, dass er momentan plötzlich keine andere Sorge hat, als dass Iris ihren Alexei mit Skinner betrügen könnte?! Himmeldonnerwetter, hat Iris nicht sogar selbst irgendwann mal erzählt, dass ihr die ganze Institution der Ehe eigentlich zuwider wäre und man dieses ganze Klimbim zu Gunsten der Freien Liebe ruhig sofort abschaffen könnte? Was sie jedoch nicht daran gehindert hat, bei seiner eigenen Hochzeit Dana als Brautjungfer mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Und Alexei war sein Trauzeuge.
[KREMATORIUM]
Bislang hat er nie gross darauf geachtet, wenn Iris gelegentlich ein paar Worte über die Mafia verloren hat. Doch langsam wird ihm klar, dass sie sich in diesen Kreisen wirklich gut auskennen muss. Sie wird respektvoll empfangen und es werden keine Fragen gestellt. Eine Stunde müsste man auf die Asche warten.
"Was denn?!" erkundigt sie sich argwöhnisch, als Mulder sie wieder so seltsam anstarrt - und ihm ist dieses Starren nun selber peinlich. "Sorry, Iris, aber du bist wirklich erstaunlich. Du wärst fast eine X-Akte wert!" - "Ach, nur fast?" spöttelt sie und nimmt einen Schluck von dem Kaffee, der ihnen angeboten wurde, um die Wartezeit zu verkürzen. - Er zuckt die Schultern. "Hast du eigentlich schon mal jemanden getötet?" - "Direkt? Nein." - "Aber indirekt?" - "Na gerade wird hier einer eingeäschert, weil er sich unbedingt mit mir treffen wollte, der verdammte alte Bastard." - "Er wollte dich erschiessen!" - "Er wollte, aber er konnte nicht. Und dann wurde er selbst erschossen." Sie zuckt die Schultern und nimmt noch einen Schluck Kaffee, obwohl das eine ganz scheussliche Brühe ist.
"Warum war Skinner eigentlich da?" fragt Mulder nach einer Weile. - "Ganz einfach: Er ist mir vom Palace aus gefolgt." - Ganz einfach?! "Warum ist er dir gefolgt?" - "Weil er geahnt hat, dass der Raucher ein Treffen wollte." - "Und da hat er sich Sorgen um dich gemacht?" - "Ja." - "Und warum macht sich Walter Skinner eigentlich so viele Sorgen um Iris Sinclair?" - "Weil er glaubt, er liebt mich." - "Ah..." Mit so einer offenen Antwort hat Mulder nun nicht gerechnet, deshalb weiss er gar nicht, was er sagen soll.
Nachdem sie eine Weile einträchtig geschwiegen haben, kann es Mulder doch nicht lassen. "Seit wann ist Skinner in dich verliebt?" - "Seit er mich das erste Mal gesehen hat." antwortet sie prompt. - "Und er hat es dir gesagt?" - "Er brauchte es nicht zu sagen, das war nicht zu übersehen..." Nun grinst sie breit. Ein anzügliches Lächeln, das klar macht, dass sie es nicht nur in seinen Gedanken gesehen hat. Und Mulder wird tatsächlich rot. Hach, wie süss! Er ist zwar zuweilen ein echter Idiot, aber süss.
"Und was ist mit Alexei?" - "Was soll mit Alexei sein?" Irgendwie ist es ja schon richtig rührend, wie Mulder sich um seinen Freund Gedanken macht. Lenkt ihn wohl von den Bildern ab, die er immer noch in seinem Kopf sieht, wenn er zu träumen beginnt. Auch wenn es doch ein wenig nervig ist, wie er sich gerade in die vermeintlichen Probleme anderer Leute einzumischen versucht. - "Er liebt dich." - "Ich weiss." Wieder nimmt sie einen grossen Schluck von dem schlechten Kaffee und sieht ihn dann an. "Worauf willst du eigentlich hinaus, Mulder? Du weisst, was ich von der Ehe an sich halte und von Ehelicher Treue. Alexei ist mein Partner, mein bester Freund, Geliebter und Ehemann. Aber nicht unbedingt mein einziger Liebhaber. So wie ich auch nicht unbedingt seine einzige Geliebte sein muss." - Oha, damit nimmt sie ihm gewissermassen den Wind aus den Segeln. "Aber du bist seine einzige Geliebte, er sieht doch andere Frauen nicht mal an!" - "Ja, kann ich denn was dafür?!" Für den Bruchteil einer Sekunde spielt sie mit dem Gedanken, ihm zu sagen, dass Alexei ja eigentlich bi wäre und deshalb nicht unbedingt nur andere *Frauen* ansehen müsste, nur um Mulder's Gesicht zu sehen, doch dann verzichtet sie lieber darauf. Die Freundschaft zwischen den beiden Männern könnte darunter leiden, denn vielleicht würde Mulder etwas komisch reagieren. Besonders jetzt. Andererseits... na ja, aber das war in anderen Varianten. "Glaub mir, Mulder, Alexei kommt ganz bestimmt nicht zu kurz, also zerbrich dir mal nicht seinen Kopf." Sie legt ihren Kopf ein wenig schief. "Und was macht dein Liebesleben?" - "Was?!" Er macht auf einmal ein entsetztes Gesicht. - "Na du hast doch damit angefangen!" stichelt sie, schüttelt jedoch bald darauf den Kopf. "Vergiss es. Ich glaube, mein Vorrat an Sensibilität ist nach dieser Nacht fürs erste aufgebraucht... und der Kaffee hier ist grottenschlecht!"
Danach ruft sie irgendwas auf Italienisch zu dem Mann, der in der Nähe des Ofens sitzt, worauf dieser kurz verschwindet und Iris dann eine Flasche Scotch und zwei Gläser bringt. "Mille grazie!" bedankt sie sich lächelnd, worauf der Mann wieder auf seinen Posten zurückgeht. Iris füllt sich ein Glas - doch Mulder lehnt dankend ab, als sie ihm auch was einschenken will. Wenigstens einer sollte nachher noch nüchtern sein, um nach Hause zu fahren.
Und so sieht er zu, wie sie ein Glas nach dem anderen leert und sich ihre Zunge dabei auch immer mehr löst. Sie schwärmt von Alexei, was er doch für ein lieber Kerl wäre und ausserdem hätte er so einen süssen knackigen Hintern und wäre überhaupt der allerbeste etc.pp. Sie erzählt ihm auch brühwarm, dass Skinner wohl schon ewig keine Frau mehr gehabt hätte, bevor er sie kennenlernte, und wie einsam er doch manchmal wäre...
... und plötzlich, nachdem die Flasche schon fast leer ist, fängt sie an, Mulder auf fast die selbe Art anzustarren, wie sie manchmal Alexei anstarrt. Dieser hungrige Blick, wenn sie kurz davor ist, über ihn herzufallen oder ihn zumindest abzuküssen. Irgendwie erregt es ihn, verursacht eine Gänsehaut, doch es macht es ihm auch Angst; nicht nur sie macht ihm Angst, es macht ihm auch Angst, wie er möglicherweise darauf reagieren könnte, und sofort fühlt er sich wieder schuldig. Plötzlich findet er die Idee gar nicht mehr so gut, dass er sie unbedingt zum Krematorium begleiten wollte. "Weischu eigennlich dassu ganz schnuchlich biss?" nuschelt sie und kommt zu seinem Entsetzen mit ihrer rechten Hand immer näher an sein Gesicht. Aber er bringt es nicht fertig, sie davon abzuhalten. Weil ihr Blick so hypnotisch ist oder weil er einfach starr vor Schreck ist, er weiss es nicht. - Es hat aber *irgendwenn* auch schon so gewisse Momente gegeben, da hat er ihre Berührung freudig begrüsst und liess sie seine Lippen schmecken, weil er es sowieso für einen Traum hielt... - Einen Moment lang befürchtet er, sie könnte ihm mit ihren gepflegten und heute rot lackierten Fingernägeln aus Versehen ein Auge ausstechen, doch ihr Mittelfinger landet genau in der Mitte seiner Stirn, direkt beim Haaransatz. Langsam fährt sie mit dem Finger in der Mitte nach unten, über seine Nase, ganz langsam über seine leicht zitternden Lippen und dann auch noch das Kinn runter bis zum Hals. "Wenn Dana nich wär dann würd ich dich auch nich vonner Bettkante schubsen!" Sofort legt sie verschwörerisch einen Finger auf ihre Lippen. "Psssssch, aber nich Mulder sagen, der iss nämlich n Sensibelchen!" Ach! Was denkt sie denn, wer er ist? Vielleicht sein Zwillingsbruder? So betrunken hat er sie ja noch nie erlebt! Gerade als er zum Schluss kommt, dass sie wohl besser nichts mehr trinken sollte, fällt ihm auf, dass die Flasche jetzt ohnehin leer ist.
Glücklicherweise kommt nun auch der Mann, der wohl fertig mit der Arbeit ist, und drückt Mulder die Urne mit der Asche des Rauchers in die Hände. Mit der Urne unter den linken Arm geklemmt und die schwankende Iris am rechten Arm macht er sich auf den Weg nach draussen zum Auto.
"Iris, wo hast du die Autoschlüssel?" - "Hä?!" - "Die Autoschlüssel!" wiederholt er, sieht dann aber selbst in Iris' Manteltasche nach, wo er nebst den Autoschlüsseln noch einen ganzen Schlüsselbund entdeckt. Wozu braucht Iris eigentlich so viele Schlüssel? Sie stehen direkt unter der Aussenbeleuchtung des Krematoriums und da ihn nun die Neugier gepackt hat, fängt er an die Beschriftungen zu lesen, während sich Iris wie ein Pinup-Girl auf die Kühlerhaube drapiert und eine Melodie summt. Etliche Schlüssel gehören zum Palace, wo Iris als Penthouse-Mieterin (und wohl auch deshalb, weil sie nun mal die unwiderstehliche Iris ist, der man einfach nichts abschlagen kann!) freien Zugang zu sämtlichen Räumlichkeiten hat, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ein weiterer Schlüssel sieht verdächtig nach Bankschliessfach aus. Schlüssel vom FBI. Und der Schlüssel zu Skinner's Wohnung. Oha, einfach so an ihrem Schlüsselbund, sogar angeschrieben. - "Warum fahrn wir nich?" erkundigt sie sich und wirkt irritiert darüber, dass sich das Auto nicht vorwärts bewegt, obwohl sie doch draufsitzt und ihm die Sporen gibt. - "Wir müssen erst einsteigen!" Mulder verstaut die Urne im Kofferraum und holt Iris als lebende Kühlerfigur vom Auto runter, um sie auf den Beifahrersitz zu bugsieren. - "Wo iss's Lenkrad geblieben?!" - "Hier!" Er lässt sich auf dem Fahrersitz nieder und dreht den Zündschlüssel. "Siehst du, alles in Ordnung, Iris!" - "Hä?! Wer biss du denn?" murmelt sie mit zusammengekniffenen Augen... und ist drei Sekunden später eingeschlafen.
[PALACE-HOTEL IN WASHINGTON]
Da er Iris nicht aufwecken kann, hat Mulder sie schliesslich wie einen nassen Sack über die Schulter geworfen und trägt sie so hoch. Zum Glück begegnen ihnen auf dem Weg von der Tiefgarage bis zur Suite keine Leute.
Während er vor der Tür noch nach dem richtigen Schlüssel für die Wohnung sucht - macht Alexei auf. Ohne Mulder auch nur eines Blickes zu würdigen, hebt er Iris hoch, die einfach am Boden abgesetzt und an die Wand gelehnt worden ist, um sie nun vorsichtig auf die Couch zu legen. Erst als er ihr die Schuhe ausgezogen und sie zugedeckt hat, wendet er sich wieder um. "Was zum Teufel hast du mit ihr gemacht?" - "Gar nichts hab ich mit ihr gemacht!" verteidigt sich Mulder sogleich, obwohl er sich durchaus schuldig fühlt. "Wir waren im Krematorium. Übrigens liegt die Urne mit der Asche unseres Rauchers noch im Kofferraum... Na ja, und dort hat ihr der Kaffee nicht geschmeckt, also hat sie dann Scotch getrunken. Und dann war sie ruck-zuck sturzbesoffen." Eigentlich seltsam, denn normalerweise kann Iris jeden Mann unter den Tisch trinken, wenn sie denn mal trinkt. - "Na kein Wunder, sie ist ja auch fix und fertig nach dem ganzen Stress der letzten Zeit. Ihre Batterien sind leer, wenn du verstehst, was ich meine, da wird sie schon von einem Glas Champagner high!" Alex streicht ihr ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. "Hexereien, seien sie nun echt oder eingebildet, können nämlich ganz schön anstrengend sein..." murmelt er und küsst sie zärtlich auf die Stirn. - "Tut mir wirklich leid... wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich sie natürlich vom Trinken abgehalten!" Mulder ist wirklich ziemlich zerknirscht. Womöglich hat sie ja nur deshalb angefangen zu trinken, weil er sie zuerst mit seiner blöden Fragerei so genervt hat. Was hat ihn da nur geritten? Sonst ist er doch auch nicht so ein Moralapostel und sowieso was geht ihn das eigentlich an, zumal ja Iris und Alexei ganz offensichtlich glücklich zusammen sind, wie auch immer ihre Ehe gestaltet sein mag. Iris hat eben ein grosses Herz und Alexei ist sehr tolerant und umgekehrt könnte es genau so sein... - "Glaubst du wirklich, irgendjemand könnte Iris von irgendetwas abhalten?" Nun muss Alexei doch lächeln.
Inzwischen tappst auch Dana zu ihnen, eingewickelt in einen Morgenmantel, geweckt vom Öffnen der Wohnungstür. Sie sieht nach Iris, die offensichtlich tief und fest schläft, und gibt den guten Ratschlag, sie einfach schlafen zu lassen. Danach tappst sie selbst wieder ins Schlafzimmer zurück, um weiterzuschlafen. Sie ist auch immer noch erschöpft von den letzten Tagen. Schlaf ist gut! - Und Mulder hält es für eine gute Idee, Dana wieder Gesellschaft zu leisten. Nach dem Ausflug mit Iris ist er jetzt ohnehin wieder müde, nachdem er ja mitten in der Nacht schon nicht schlafen konnte.
Natürlich weiss Alex, dass Iris in Wirklichkeit weder betrunken ist noch schläft, und so wundert er sich nicht, dass sie die Augen aufschlägt, sobald Mulder die Schlafzimmertür geschlossen hat und sie wieder unter sich sind. Sie legt eine Hand um seinen Nacken, zieht ihn sanft zu sich runter und küsst ihn. Und das ist genau das, was er jetzt dringend gebraucht hat.
Alex hat gestern Nacht lange nicht einschlafen können und sich mit vielerlei Gedanken herumgequält. Aber nicht etwa, weil Iris mit Skinner mitgegangen ist - na ja, vielleicht auch ein ganz kleines Bisschen - sondern weil er sich Sorgen um die Zukunft macht und fürchtet, Iris könnte ihn jetzt womöglich verlassen oder sich sonstwie in Luft auflösen, wo die MISSION gewissermassen erfüllt ist. Sie wollten ja einmal die Erde retten. Irgendwie. Eh voilà, diese Aliens sind inzwischen ja längst weg, das Konsortium ist am Ende und jetzt ist auch endlich dieser verdammte rauchende Bastard tot und eingeäschert. Und nun?!
"Ich liebe dich!" haucht er und schmeckt noch den Geschmack des Scotch in ihrem Mund. Er fühlt ihre Hände in seinen Haaren und kuschelt sich an sie. "Du bist die schönste Betrunkene, die man sich vorstellen kann!" flüstert er neckend - worauf sie leise zu kichern beginnt und ihn dann telepathisch auch wissen lässt, was sie mit Mulder geredet hat. - "Hach, wie niedlich, Mulder macht sich also Sorgen um mich, weil ich dir hörig bin und du so eine verruchte Hexe bist?" Nun muss Alex wirklich grinsen. Doch dann wird er schlagartig wieder ernst. "Und nun?!" fragt er nur, doch er weiss, dass sie in seinen Gedanken lesen kann, was er alles damit meint. - "Und nun was?" Sie lächelt. Dieses steineschmelzende Lächeln. "Ich muss vorläufig sonst nirgendwo hin und hab alle Zeit der Welt." Wirklich wahr! Sie küsst ihn wieder. "Wobei es allerdings immer noch sein könnte, dass ich aus unerfindlichen Gründen spurlos verschwinden könnte. Wenn das passiert, vergisst du am besten alles über Arragon Amayra, das ist dann vorbei." Sie zuckt die Schultern. "Kein Leben ohne Risiko!" - "Keine Garantien, ich weiss schon... danke, dass du bleibst!"
- - - - - -
"Oh... Iris hat also gesagt, dass sie eine Hexe wäre, damit sie trotz der Spielregeln ihren Freunden helfen konnte bzw. damit sich diese nicht allzu sehr wundern... oder so ungefähr. Ist ja wirklich drollig, dass sie sich als Hexe geoutet hat!" - "Na ja, sie hat es ja nicht gerade an die Grosse Glocke gehängt. Es ist ja gewissermassen in ihrem kleinen Verschwörerkreis geblieben." - "Hmmm... Und sie hat diesen verdammten alten Bastard also gespiegelt. Also ich an ihrer Stelle hätte ihn wohl mit eigenen Händen umgebracht, wenn jemand meinen Freunden sowas antun würde!" Die Fürstin macht ein grimmiges Gesicht - und All'Una zuckt die Schultern. "Iris hat ihn nie angefasst." - "Codex?" - "Na ja... da sie sich ja auch sonst den Codex zurechtbog, wie es ihr gerade in den Kram passte, nehme ich an, dass sie sich einfach nicht die Finger schmutzig machen wollte." - "Also ich hätte ihn langsam und qualvoll sterben lassen." Die Fürstin ballt ihre rechte Hand langsam zu einer Faust - und All'Una nickt. "Ich auch. Nehme ich an. Aber wir sind nicht dabei gewesen, Jaella! Vielleicht wollte sie auch Skinner eine Freude machen, indem sie ihn den Kerl erschiessen liess." - "Na wenn schon, dann hätte ich aber lieber Mulder und Scully diese Freude gegönnt... wobei die ja aber gewissermassen schon die anderen sechs Typen abgefackelt haben. Hmmm. War dieser Voodoo-Zauber denn eigentlich mit den Spielregeln vereinbar?" - "Wie ich schon sagte, Jaella, auch unter den Menschen auf der Erde gab es Magie und man erzählt sich da also Geschichten, da... aber egal." - "Irgendwie hatten wohl die Menschen wohl schon immer eine besondere Schwäche für Schwarze Magie, nicht wahr? Man braucht nur einen Blick in die Terranische Geschichte der letzten paar Tausend Jahre zu werfen... so viel Gewalt. Zum Kotzen." Bei dem Gedanken daran, was Menschen sich gegenseitig und dazu anderen Lebewesen und ihrer Umwelt schon alles angetan hatten, verfinstert sich die Miene der Fürstin - und All'Una klingt nun geradezu beschwichtigend: "Na ja. Es war ja nicht immer und überall so..." - "Leider oft genug. Zu oft... Erzähl mir lieber was lustigeres!"
- - - - - -
Ein paar Stunden später kann sich Alex des Eindrucks nicht erwehren, dass es Iris irgendwie Vergnügen bereitet, ausgewachsene Katerstimmung zu spielen. Er mixt ihr einen vitaminreichen Cocktail aus frischgepressten Orangen und Zucker, massiert liebevoll ihre Schläfen und jetzt schliesslich auch noch ihre Füsse. Und sie schnurrt wohlig wie eine Katze oder wenigstens fast.
Mulder muss daran denken, dass er sich nur schwerlich vorstellen kann, wie Skinner einer verkaterten Iris die Füsse massieren würde. Er kann sich Skinner irgendwie überhaupt nicht mit Iris vorstellen, auch wenn er sie ja schon zusammen hat tanzen sehen. Na ja, eigentlich kann er sich seinen Chef überhaupt mit keiner Frau vorstellen, wenn er ehrlich ist. So wie manche Kinder sich kaum vorstellen können, dass ihre eigenen Eltern auch noch Sex haben... Gott, was für ein Gedanke!
Während Alex immer noch Iris' Füsse massiert, überlegen sie alle vier, was sie mit der Asche des Rauchers anfangen sollen. Ins Klo schütten oder sonstwie in die Kanalisation spülen? Ins Meer werfen? Irgendwo im Wald vergraben? Einfach in den Müll werfen? Bei Glatteis als Streumittel verwenden? Als Dünger unter Blumenerde mischen? In Sanduhren abfüllen? Oder gar die Urne offen in der Wohnung aufstellen und behaupten, das wäre der gute Onkel Joe, Gott hab ihn selig?
Das Klingeln von Iris' Handy bringt alle zum Verstummen. Alexei steht auf, fischt das Handy aus ihrer Manteltasche und wirft es ihr zu. Immerhin scheinen ihre Reflexe wieder gut genug zu sein, dass sie es geschickt auffängt.
"Ja?" meldet sie sich und runzelt kurz darauf die Stirn. "Was gibt's denn, Sir?" Mit ihren Lippen formt sie lautlos den Namen Skinner - und ihr offizieller Ton beunruhigt die anderen nun mehr, als wenn sie ihren Chef einfach Walter genannt hätte. Es lässt darauf schliessen, dass Skinner sie mit 'Agent Sinclair' angesprochen hat, was wiederum vermuten lässt, dass Skinner am anderen Ende der Leitung nicht alleine ist oder er vermutet, dass sein Telefon immer noch abgehört wird. - "Wer will das wissen?!" Sie klingt entrüstet - und die anderen würden wirklich zu gerne wissen, was gefragt worden ist. Geht es um die Schiesserei gestern in der FBI-Tiefgarage? - "Ach, Sie sind ja verrückt!" Iris klappt einfach das Handy zusammen, sieht aber so aus, als erwarte sie, dass es jeden Moment wieder zu klingeln anfängt. Und tatsächlich. "Was?!" bellt sie genervt in ihr Handy. "Nein, Sie Blödmann, ich werde Ihnen überhaupt keine Fragen beantworten, Sie können mich mal kreuzweise!" Wieder klappt sie das Handy einfach zusammen. Sie wirft Alex einen vielsagenden Blick zu - der daraufhin schon mal sein eigenes Handy holt...
... das tatsächlich ein paar Sekunden später auch schon zu klingeln anfängt. Er atmet tief durch und wartet noch einen Moment, bevor er rangeht. "Ja?" Er setzt sich neben Iris auf die Couch. "Ja, ich bin Alexander Sinclair!" muss er dem Anrufer bestätigen, bei dem es sich nun offenbar nicht um Skinner handelt, und er verdreht theatralisch die Augen, während Mulder und Dana inzwischen schon wie auf glühenden Kohlen sitzen. "Ja, ich weiss, meine Frau kann sehr temperamentvoll sein. Was in aller Welt wollen Sie denn von ihr?" Er lauscht und muss grinsen. "Ich weiss sehr wohl, dass manche Männer gerne Iris hinterher schauen. Aber seit wann ist das ein Verbrechen?" - Nun sind Mulder und Dana langsam verwirrt. Worum zum Teufel geht's hier eigentlich?! Klingt ja nicht gerade nach Schiesserei oder sowas... - "Nein, das glaube ich kaum." Er muss grinsen. "Erstens kann sich Iris sehr gut alleine ihrer Haut wehren und zweitens hätte sie mir bestimmt davon erzählt, wenn sie irgendwie belästigt worden wäre. Das einzige Mal, dass sie hier in Washington im Dienst von einem Mann belästigt worden ist, war damals, als wir uns zu Überwachungszwecken unter die Gäste einer Gala mischten und ein Betrunkener unbedingt mit ihr tanzen wollte. Und das war kein FBI-Agent." Wieder lauscht er angestrengt und es zuckt um seine Mundwinkel. Man kann ihm förmlich ansehen, wie er sich nun bemüht, möglichst wütend zu klingen: "So ein Unsinn! Ich würde wirklich zu gerne mal wissen, wer solche blöden Gerüchte verbreitet, das ist ja wirklich haarsträubend!" Wieder verdreht er die Augen. "Was Sie nicht sagen... Na wenn's unbedingt sein muss! Aber ich muss Sie warnen: Meine Frau hat heute ausgesprochen schlechte Laune!" Auch er klappt einfach das Handy zusammen, ohne sich noch höflich zu verabschieden. "So ein Mist! In einer Stunde müssen wir da antraben, Schatz!"
"Was zum Teufel geht hier vor?!" bringt es Dana schliesslich auf den Punkt. - "Etwas sehr merkwürdiges..." Iris scheint jedenfalls schlagartig wieder völlig nüchtern zu sein - und Alex erklärt nun: "Ein oder mehrere Trottel haben anscheinend irgendwelche Gerüchte aufgeschnappt, erfunden oder weitergetratscht oder was weiss ich und jetzt findet wohl gerade irgendeine komische Untersuchung statt über die Sitten beim FBI in Washington." - "Wie bitte?" Mulder hat selbst schon einige Anhörungen hinter sich. Dabei ging es allerdings um X-Akten und irgendwelche Extratouren und man hat mehr als einmal an seinem Geisteszustand gezweifelt. Aber von sowas hat er ja noch nie gehört. Zumal ja Iris garantiert keine Klage wegen sexueller Belästigung eingereicht hat! "Will jemand Skinner irgendwas anhängen, um ihn loszuwerden?" - "Oder ist das alles nur ein Ablenkungsmanöver?" fragt Iris düster und klingt dabei leicht paranoid. "Wenn jemand in die Wohnung will, dann erschiesst ihn!" Dieses Timing hier ist derart merkwürdig, dass es schon ein seltsamer Zufall ist... auch wenn es tatsächlich ein Zufall ist!
Wenig später ist Iris in ihre grauen FBI-Klamotten geschlüpft und steckt ihre Haare gerade zu einem Knoten hoch, als Alex ihr einen Kuss in den Nacken drückt. "Wenn du ein rotes Kleid anziehen würdest, fielen den Kerlen bestimmt die Augen aus dem Kopf!" Dann gäbe es wohl erst recht was zu tuscheln...
Später, in der Tiefgarage lässt Iris die Urne vorsichtshalber erst mal in ihrer Amayra-Tasche verschwinden, bevor sie mit Alex losfährt. Könnte ja noch jemand auf die Idee kommen, einen Blick in ihren Kofferraum zu werfen.
"Oh, Iris hat ihre Schlüssel vergessen!" meint Dana und es scheint fast, als wolle sie ihr hinterherlaufen - doch Mulder nimmt ihr den grossen Schlüsselbund aus der Hand. "Ich glaube, die Schlüssel hat sie absichtlich hier gelassen. Vielleicht wegen dem hier..." Er zeigt ihr den Schlüssel zu Skinner's Wohnung. Und zu seiner Verblüffung scheint Dana darüber nicht einmal sonderlich überrascht zu sein, als wäre es das normalste der Welt. - "Uuuups, wäre wirklich blöd, wenn die ausgerechnet während einer Anhörung, wo's um Sitte und Moral geht, den Schlüssel zur Privatwohnung des Chefs bei einer Agentin finden würden!" Sie lächelt versonnen. - "Sag mal, hast du etwa davon gewusst?" - "Du etwa nicht?" Sie sieht ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an und bemerkt, wie er leicht errötet. In gewissen Dingen scheint er manchmal wirklich ein kompletter Idiot zu sein! Aber süss...
- - - - - -
"Irgendwie scheint dieser Mulder trotz seiner angeblicher Klugheit aber nicht sehr helle gewesen zu sein. Ziemlich verkorkst... der hatte wohl nach diesem äh 'Überfall' einen Sprung in der Schüssel, oder?" - "Hmmm..." All'Una zuckt die Schultern. "Ich weiss auch nicht so recht, Jaella." - "Man hat ihn zerstören wollen, ihn seiner Seele beraubt, gewissermassen..." Damit kennt sich die Fürstin aus, denn es kursieren genügend Schauergeschichten darüber, wie es zuweilen auf Terra zugegangen war und zuweilen auch heute noch unter Terranern zugeht. Und offensichtlich muss man wirklich alles glauben. "Gewalt und insbesondere sexuelle Gewalt war doch auf der Erde schon immer ein beliebtes Mittel gewesen, um Terror zu sähen, denn schon allein die Drohung reichte doch oft genug, um Angst und Schrecken zu verbreiten, damit die Leute dann schon kuschen, nicht wahr?" - "Ja, schon. Allerdings war Mulder ja auch schon vorher etwas seltsam gewesen, denn Iris hat ihn wohl nicht umsonst einen Komplexhaufen genannt." - "Ein komplizierter Mensch."
- - - - - -

[FBI-Gebäude]
Iris gähnt erst einmal herzhaft, als sie in den Raum geführt werden, wo die angebliche Anhörung stattfindet. Die Runde besteht aus einem Dutzend Herren und zwei Alibi-Frauen, die allesamt todernst dreinblicken. Und Skinner sieht besonders unglücklich aus, auch wenn er natürlich ein sehr gefasstes Gesicht macht.
An der Stimme erkennt Iris unschwer den Kerl, der Skinner's Telefonat übernommen und mit komischen Fragen angefangen hat, worauf sie dann ja so theatralisch wütend geworden ist... und sie hat überhaupt nicht die Absicht, sich für ihre rüden Worte zu entschuldigen. "So ein Mumpitz!" sagt sie zum wiederholten Mal und reibt sich die Schläfen. - "Bitte entschuldigen Sie, sie meint es nicht so!" versucht Alex die Herrschaften zu besänftigen. "Wenn sie Kopfschmerzen hat, ist sie immer unausstehlich..." Diese Indiskretion trägt ihm sofort einen Tritt von seiner Frau ein - die sich überhaupt keine Mühe gibt, ihre schlechte Laune zu verbergen. "Hör bloss auf! Wenn man hört, dass ich ab und zu mal Kopfweh habe, geht womöglich demnächst das Gerücht um, ich hätte einen Hirntumor oder sonst was in der Art!" brummt sie und sieht die Leute finster an. "Also was zum Teufel wollen Sie eigentlich von uns?!"
Tja, das ist wirklich eine gute Frage! Und irgendwie scheinen die Leute bald selbst nicht mehr zu wissen, was sie sich eigentlich davon versprochen haben, Iris und Alexander Sinclair vorzuladen. Entweder sind die Gerüchte über Iris' Charme wirklich erstunken und erlogen, oder es hat sie bislang nur noch niemand schlecht gelaunt erlebt. Ihr Mann dagegen bemüht sich sehr, höflich zu bleiben, auch wenn ihm ebenfalls deutlich anzumerken ist, dass er den ganzen Zirkus hier für reine Zeitverschwendung hält.
"Können wir dann endlich wieder gehen?" quengelt Iris nach einer Weile, als sie schon eine Reihe blöder sinnloser Fragen beantwortet haben, und reibt sich schon wieder die Schläfen. Sie bietet ein Bild des Jammers, wie sie wohl weiss. Und da fragt Kersh sie doch tatsächlich ernsthaft, ob Assistant Director Skinner sie jemals sexuell belästigt hätte... Iris muss losprusten und bricht in schallendes Gelächter aus - und sie scheint irritiert, als alle sie plötzlich ganz entsetzt anstarren, als hätte sie auf einmal die Schwarze Pest. Nasenbluten. Und was für Nasenbluten! Geistesgegenwärtig zückt Alex sein Taschentuch und drückt es ihr ins Gesicht, während sie nun die Decke anstarrt, dabei aber immer noch kichern muss. Alex zieht sie sanft vom Stuhl herunter und setzt sich mit ihr auf den Boden, wo er ihren Kopf auf seinen Schoss bettet, ohne sich darum zu kümmern, was die Leute davon halten mögen. Für einen Moment ist er wirklich zu Tode erschrocken, denn er hat gar nicht gewusst, dass sie überhaupt bluten kann.
"Sollen wir vielleicht einen Arzt rufen?" Das ist Skinner und er klingt besorgt - doch Iris winkt ab. "Schon gut... Der Druck in meinem Kopf ist jetzt weg, gleich geht's wieder..." Dann muss sie wieder kichern. "So ein Quark aber auch! Jetzt wird sich bestimmt in Windeseile das Gerücht verbreiten, ich würde im Sterben liegen!" Irgendwie scheint sie die ganze Angelegenheit nicht allzu ernst zu nehmen. Als das Nasenbluten abgeklungen ist, richtet sie sich wieder auf und nimmt wieder auf dem Stuhl Platz, wobei sie jetzt aussieht, als hätte sie eine Schlägerei hinter sich. Wortlos schiebt Skinner sein Wasserglas in ihre Richtung, worauf Alexei dankbar den unblutigen Zipfel seines Taschentuchs kurz ins Mineralwasser eintunkt, um damit das Blut aus Iris' Gesicht zu wischen.
Jetzt, da durch das Nasenbluten offensichtlich der Druck und somit die Kopfschmerzen weg sind, scheint Iris doch merklich gelassener geworden zu sein. - "Sie haben die Frage noch nicht beantwortet!" mäkelt Kersh - der allerdings jetzt unter ihrem eiskalten Blick förmlich ein paar Zentimeter zu schrumpfen scheint. "Sehen Sie, das war wieder mal typisch... Während ihr anderen einfach nur dagesessen seid wie die Ölgötzen und recht entsetzt geschaut habt, hat sich Assistant Director Skinner um mich gesorgt. Okay, es war jetzt nur simples Nasenbluten, hätte aber auch sonst was sein können! Und darum ist er auch ein guter Chef. Und der Gedanke, dass er irgendjemanden belästigen könnte, ist einfach lachhaft!" Und nun sieht sie wirklich todernst aus. "Und jetzt mal ganz ernsthaft. Wo zur Hölle liegt eigentlich das Problem?"
"Es ist eine Beschwerde gegen mich eingereicht worden!" antwortet nun Skinner schulterzuckend, der es wohl leid ist, sie hier weiterhin im unklaren zu lassen. - "Ach. Und was sollen Sie denn angeblich verbrochen haben, Sir?" erkundigt sich Iris mit unverhohlener Neugier. - "Agent Diana Fowley behauptet, ich hätte sie vergewaltigt." - "Was?!" Sowohl Iris wie auch Alexei machen verblüffte Gesichter, obwohl nur einer von ihnen tatsächlich überrascht ist, und sie fügt sofort sehr überzeugt hinzu: "Glaub ich nicht!"
Hier in dieser Variante hat Diana Fowley zwar nie direkt mit dem Konsortium zu tun gehabt, doch sympathischer ist sie Iris deshalb auch nicht geworden. Sie ist erst vor ein paar Wochen hier in Washington aufgetaucht und da hat sie fast der Schlag getroffen, als sie feststellen musste, dass ihre alte Flamme Fox Mulder inzwischen mit Dana Scully verheiratet ist. Überhaupt macht sie keinen sehr glücklichen Eindruck. Blöde Zicke!
"Sagt Ihnen das Ihre Intuition, Agent Sinclair?" erkundigt sich Kersh, der ja sehr wohl einen Blick in ihre Akte geworfen hat und ganz offensichtlich von Iris' Intuition nicht viel zu halten scheint. - "Das sagt mir meine Intuition und mein gesunder Menschenverstand." erwidert Iris leicht bockig. "Und ausserdem ist Diana Fowley eine blöde Kuh!" - "Wie bitte?" - "Ich gebe zu, ich mag sie nicht besonders." - "Gibt es dafür einen besonderen Grund?" - "Sie geht mir auf die Nerven." - "Und weshalb?" bohrt Kersh weiter, der es wohl wirklich ganz genau wissen will. - "Beispielsweise weil sie sich schon in aller Öffentlichkeit an meinen Mann rangeschmissen hat. Wenn ich mir's recht überlege, schmeisst sie sich eigentlich an jeden Mann ran, der noch atmet..." Sie verzieht kurz das Gesicht und legt dann den Kopf etwas schief. "Wann wie wo soll die angebliche Vergewaltigung denn stattgefunden haben? Wenn es handfeste Spuren gäbe, wäre doch wohl der ganze Zirkus hier gar nicht nötig, oder?" Man sieht ihr direkt an, dass Special Agent Iris Sinclair soeben vom verärgerten 'Was-zum-Teufel-soll-das-überhaupt?' in den interessierten 'Na-dann-lösen-wir-das-Rätsel-mal!'-Modus umgeschaltet hat, als hätte jemand einen Regler bei ihr umgelegt.
Skinner erklärt ihr kurz und knapp, dass Agent Fowley behauptet, er hätte sie letzte Woche am Freitag noch zu sich ins Büro gebeten, wäre dort dann - angeblich zum wiederholten Male - anzüglich geworden und hätte sie dann sogar genötigt, sich auszuziehen, weil er den Chef raushängen liess und ihr mit sonst was gedroht hätte. Und schliesslich hätte er ihr angeblich die Kleider vom Leib gerissen und wäre über sie hergefallen.
Freitag vor einer Woche, so sooo... Skinner war alleine in seinem Büro, das kann sie in seinen Gedanken lesen. Wo war Diana Fowley zu der Zeit? Und warum zum Teufel erzählt sie solche Geschichten? "Wenn das schon über eine Woche her ist... warum gibt's dann erst jetzt eine Untersuchung?" Aber natürlich kennt sie die Antwort. Weil sie sich nicht eher getraut hat, blah blah blah, das übliche eben; und es wäre ja auch durchaus verständlich, wenn es nicht gerade Diana Fowley wäre, die das erzählt hat, und Iris nicht genau wüsste, dass Skinner es nicht getan hat.
- - - - - -
"Wie bitte?!" - "Oh ja, Jaella. Es waren komische Zeiten damals, auch in der Avalon-Variante... Während es früher extrem frustrierend war, wenn man eine Vergewaltigung oder ähnliches anzeigen wollte, brauchte man dann zeitweise plötzlich nur noch mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, um eine richtige Hexenjagd auszulösen, nur dass es zumindest keine Folterverhöre und keine Scheiterhaufen mehr gab." - "Das ist doch alles verrückt." - "Es war halt irgendwie alles immer aus dem Ruder gelaufen, in manchen Dingen eben von einem Extrem ins andere. So war das eben. Keine Balance." - "Und das hat dann Iris mit ihren kleinen Manipulationen schliesslich auch alles geändert?" - "Es hat sich vieles geändert... aber natürlich nicht von heute auf morgen."
- - - - - -
Die Herrschaften haben die Sinclairs schliesslich wieder weggeschickt und ihnen gesagt, sie sollten sich aus den Ermittlungen raushalten. In Skinner's Augen hat sie jedoch gesehen, dass er sie um Hilfe bittet, denn ansonsten scheint niemand in diesem Raum an seine Unschuld glauben zu wollen und Kersh ist ja offensichtlich ganz wild darauf, ihn abzuservieren. Man wollte ihn schon öfters abservieren, besonders wegen der X-Akten natürlich, aber dass es jetzt ausgerechnet wegen so einer hanebüchenen Story geschehen soll, ist wirklich das allerletzte...
Wie magnetisch angezogen landen Iris und Alexei nach einigem Herumirren schliesslich vor einem Raum, in dem Diana Fowley mit übereinandergeschlagenen Beinen sitzt und mit einem Mann spricht. Hach, wie klein die Welt doch ist: Bei dem Mann handelt es sich um John Doggett! Er ist als bislang Aussenstehender zu dieser delikaten Angelegenheit hinzugezogen worden. Na sowas! Und Diana Fowley redet auch nicht einfach mit ihm, sie flirtet. Heftigst. Und er ignoriert es, so gut er eben kann, ganz Gentleman.
Nachdem Iris einen Blick mit Alexei gewechselt und die beiden noch ein wenig durch die Scheibe der Tür beobachtet hat, klopft sie endlich an. John Doggett springt auf und scheint erleichtert über die Abwechslung, während Diana Fowley eher ein verärgertes Gesicht macht.
"Ach, wie furchtbar!" flötet Iris sofort und stürzt sich geradezu auf die angeblich vergewaltigte Agentin, um sie tröstend in die Arme zu nehmen. "Wir haben's gerade gehört, das ist ja wirklich schrecklich! Hätte ich ja niiiie gedacht!" Sie verwickelt Diana Fowley in ein verwirrendes Gespräch - während Alexander Sinclair und John Doggett sich erst mal vorstellen und dann nach draussen vor die Tür verdrücken, um von dort aus zuzusehen, wie Iris trotz oder gerade wegen ihrer betont freundlichen Art die andere Frau immer mehr zur Weissglut treibt. Und das Tonband, das Doggett vorhin angeschaltet hat, nimmt weiterhin alles auf.
"Die Sache kommt mir sehr seltsam vor..." murmelt Doggett und er bemerkt, wie Sinclair neben ihm nickt. Er hat von ihm gehört. Oder vielmehr hat er wohl eher schon von Special Agent Iris Sinclair gehört, die wohl mittlerweile gewissermassen als Skinner's Geheimwaffe für besondere Fälle gilt. Und dann gibt's da ja noch die X-Akten mit diesem verrückten Fox Mulder und Dana Scully, uuups, Dana Mulder müsste es ja wohl eigentlich inzwischen heissen, auch wenn sie trotzdem noch jeder Scully nennt, als hätte sie ihren Namen behalten... Skinner scheint seltsame Fälle magisch anzuziehen. Oder vielleicht auch nur seltsame Agenten? Allerdings war Diana Fowley wohl ein Griff ins Klo! "Sie kennen AD Skinner. Können Sie sich vorstellen...?" - "Nein!" erwidert Alex prompt. "Und Iris glaubt ihr auch kein Wort." - Aha, Special Agent Iris Sinclair und ihre Intuition. Aber wenn das so ist, warum zieht sie denn hier gerade so eine Show ab? Plötzlich wird Doggett klar, dass es tatsächlich nur Show ist; und dass Diana Fowley auch ganz genau weiss, dass Iris' vermeintliche Besorgnis nicht echt ist, aber dass sie wohl kaum was dagegen machen kann, wenn sie nicht aus ihrer Opfer-Rolle rausfallen will, obwohl sie momentan so aussieht, als würde sie der ach so besorgten und mitleidigen Iris am liebsten die Augen auskratzen wollen. Irgendwie ist der Fall für ihn nun auf einmal klar, auch wenn er noch nicht weiss, wie er es beweisen soll. Er ist verdammt froh, dass Iris gekommen ist, schon allein deshalb weil sie eine Frau ist, denn so ist sie immerhin gegen Diana's weibliche Reize immun. Ihm ist durchaus nicht entgangen, dass die Fowley ihn wohl irgendwie zu bezirzen versucht hat, was ihm angesichts der Situation schon wirklich sehr seltsam vorgekommen ist...
Und ihm ist ganz plötzlich auch klar, dass Iris aus eigener Initiative hier ist und nicht etwa geschickt wurde. Könnte es deswegen Ärger geben? "Loyalität zu Ihrem Chef?" erkundigt sich Doggett bei Sinclair - doch der zuckt die Schultern. "Erstens liebt sie die Wahrheit. Zweitens mag sie Skinner. Und drittens kann sie die Fowley sowieso nicht leiden, seit die mir mal an den Hintern gegrabscht hat." Er bemerkt Doggett's erstaunten Blick und erklärt deshalb lächelnd: "Iris ist da sehr eigen. Nur sie darf mir an den Hintern grabschen!" - "Aha." Er überlegt sich gerade, wie ausgelassen wohl die Stimmung hier zuweilen sein muss, dass überhaupt jemand auf die Idee kommen könnte, jemand anderem an den Hintern zu grabschen.
Plötzlich rast Diana Fowley wutentbrannt aus dem Büro und flüchtet auf die Toilette, ohne die beiden Männer draussen auf dem Gang auch nur eines Blickes zu würdigen, obwohl sie ihnen unter anderen Umständen bestimmt einen möglichst verführerischen Blick zugeworfen hätte.
Iris lächelt hinterhältig, hat aber offensichtlich nicht vor, ihr zu folgen. "Agent Doggett!" begrüsst sie nun erst mal den Mann mit den graublauen Augen, der sie so seltsam ansieht. - "Agent Sinclair!" Er ist etwas überrascht über ihren festen Händedruck. - "Nennen Sie mich Iris, sonst gibt's sowieso nur Verwechslungen!" Sie lächelt mit entwaffnender Offenheit. "Sie sind also dazu verdonnert worden, diesen Fall zu untersuchen?" - "Ja, leider. Und Sie sehen so aus, als wollten Sie mir dabei helfen?" - "Ach, sehen wir tatsächlich so aus?" Sie lächelt schelmisch, während sie einen Blick mit ihrem Mann wechselt. "Stimmt schon." - "Und?" - "Und was?!" - "Was sagt Ihnen ihre Intuition?" - "Diana Fowley lügt. Skinner ist unschuldig, aber Kersh würde ihn zu gerne abservieren." - "Es war Kersh, der mich auf diesen Fall angesetzt hat..." - "Ich weiss. Die Frage ist: Werden Sie tun, was er gerne hätte, dass Sie tun, oder halten Sie sich lieber an die Wahrheit?" Iris sieht ihn an - und der Blick ihrer Augen geht ihm durch und durch. "Ich würde mich gerne an die Wahrheit halten!" erklärt er mit fester Stimme und meint es durchaus ernst. Wenn Kersh ihn als Schachfigur für irgendwelche Intrigenspiele verplant hat, wird er ihm wohl einen Strich durch die Rechnung machen müssen.
Iris weiss inzwischen, dass Kersh höchstpersönlich die gute alte Diana Fowley zu dieser Lüge angestiftet hat. Aber was würde es bringen, diese Verbindung zu beweisen, zumal es für diese mündliche Abmachung keine Beweise gibt? Man muss nur beweisen, dass Diana Fowley gelogen hat. Dass sie an jenem Freitag Abend nicht in Skinner's Büro war, sondern sich in einer Bar hat vollaufen lassen, weil sie so frustriert war.
Diana Fowley hat sich aus dem Staub gemacht und offenbar keine Lust, ihre Besprechung mit Agent Doggett heute noch fortzusetzen, zumal ja jetzt Iris in der Nähe ist.
Und da Agent Doggett ja Skinner's Aussage schon hat - dass die angeblichen Anzüglichkeiten natürlich von vorne bis hinten erstunken und erlogen sind und er an besagtem Freitag Abend alleine im Büro war - lässt er sich von Iris zu einem gemeinsamen Mittagessen überreden, um sich mit den beiden etwas zu unterhalten. Und zwar gehen sie nicht einfach in die Kantine...
... sondern in ein richtiges Restaurant.
[In einem richtigen Restaurant]
Wirklich seltsam, diese Sinclairs. Aber nett. Sie nennt ihn Alexei und sie schäkern auf Russisch miteinander, weil das irgendwie noch viel romantischer klingen würde als Französisch, die angebliche Sprache der Liebe, die Iris übrigens ebenfalls beherrscht. Sie hat viele Talente, aber fürs Schiessen und Kochen ist er zuständig. Sie sind sehr spezielle Special Agents... und ausserdem sind die Sinclairs auch noch gut mit den Mulders befreundet, denen erst vor einer Woche das neue Haus durch ein Gasleck abgebrannt ist, weshalb die beiden jetzt sogar vorläufig noch bei ihnen wohnen. Iris zückt auch zwischendurch ihr Handy, um Mulder und Dana zu informieren, weshalb man sie eigentlich heute Vormittag hat antanzen lassen. Doggett kann dem Telefongespräch unschwer entnehmen, dass die beiden Agenten, die für die X-Akten zuständig sind, ebenfalls keine Sekunde an der Unschuld ihres Chefs zweifeln.
Eine verfahrene Situation. Es steht Aussage gegen Aussage. Aber da Skinner kein Alibi hat, weil er ja allein im Büro war, muss man sich wohl auf Diana Fowley konzentrieren. Iris schlägt vor, sie zu beschatten, um so vielleicht rauszufinden, wo sie sich so herumzutreiben pflegt. Vielleicht hat sie sich ja dann auch an besagtem Freitag Abend dort herumgetrieben.
Es ist Doggett ein wenig peinlich, dass Iris nach dem Dessert darauf besteht, die gesamte Rechnung zu übernehmen, aber er sieht ein, dass es wohl wenig Sinn hat, mit ihr streiten zu wollen. Und ebenso wenig wird er sie wohl davon abhalten können, Diana Fowley zu beschatten. Also wird er sie wohl lieber begleiten...
... und zwar erst einmal in ihre Wohnung.
[PALACE-HOTEL IN WASHINGTON]
Und ihre Wohnung ist allen Ernstes eine Penthouse-Suite im Palace-Hotel. Wirklich verrückt! Noch verrückter ist, dass Iris an ihrer eigenen Wohnung klingelt.
Als Dana die Tür öffnet, hält sie noch ihre Waffe in der Hand. Als sie John Doggett bemerkt, verzieht sie misstrauisch ihre Miene - doch Iris beruhigt sie sogleich: "Das ist Special Agent John Doggett, von dem ich euch erzählt hab. Er ist kein böser Mensch!" Sie lächelt und nötigt ihn dann praktisch auf einem der Sessel Platz zu nehmen - wo er sich noch darüber wundert, dass er als 'kein böser Mensch' vorgestellt wurde. Irgendwie scheint man hier wohl viel mit bösen Mensch zu rechnen. Sollte er wohl beleidigt sein, dass sie ihn nicht gleich einen guten Menschen genannt hat? Na das wäre wohl etwas zuviel verlangt, schliesslich hat Iris ihn erst kurz vor dem Mittagessen überhaupt zum ersten Mal gesehen...
"Sag mal, ist das etwa Blut?" Dana deutet zielstrebig auf die Flecken auf Iris' Kleidung - und Doggett ist wirklich froh, dass sie diese Frage stellt, die er bislang nicht zu stellen gewagt hat - worauf Alexei dann haarklein von der angeblichen Anhörung berichtet, einschliesslich Iris' Lachanfall mit Nasenbluten. Alle hören aufmerksam zu...
... besonders auch Mulder, der sich inzwischen auf den Sessel gegenüber von Doggett gesetzt hat und diesen interessiert von oben bis unten mustert. Und Doggett ist sich sehr wohl bewusst, dass er hier gemustert ist. Er ist hier der Neue, gewissermassen noch ein Fremdkörper in dieser scheinbar fast schon verschworenen Gemeinschaft. Und er weiss nicht, ob er jemals dazugehören wird. Ob er überhaupt dazugehören will. Andererseits würde er wirklich viel für Gute Freunde geben. Ja, irgendwie würde er wohl ganz gerne dazugehören, auch wenn die Leute ein wenig seltsam sein mögen und einen etwas fragwürdigen Ruf beim FBI haben.
Sie reden nicht nur über Skinner und Diana Fowley und die damit verbundenen Probleme... sondern beispielsweise auch darüber, dass Mulder's Haus abgebrannt ist. Wobei sich Doggett des Eindrucks nicht erwehren kann, dass dieser Brand wohl nicht einfach ein Unfall war. Und die immer noch sichtbaren Spuren von Verletzungen in Mulder's Gesicht sehen auch nicht so aus, als wäre er bloss aus Versehen gegen eine Wand gelaufen oder sowas in der Art. Während er sich noch überlegt, wie er danach fragen könnte, ohne allzu indiskret zu sein - erzählt Iris in verschwörerischem Ton, dass sie vor einer Woche ein Bisschen Ärger mit Terroristen gehabt hätten... "Ist natürlich top secret, aber nur soviel: Wir haben uns gerächt!" - "Ah sooo..." Etwas in Iris' Tonfall lässt ihn ahnen, dass es wohl besser ist, nicht weiter nachzufragen. Für einen Augenblick irritiert ihn etwas an Iris' Redewendung, von wegen sie hätten sich gerächt... doch dann denkt er sich, dass es wohl einfach zu Iris' Stil gehört, von Rache zu sprechen. Er könnte sich die Frau auch gut als schwertschwingende Amazone vorstellen!
Nach einer Weile darf er sogar alle beim Vornamen nennen. Iris. Alexei. Dana. Na ja, fast alle, bis auf Mulder, der es nicht mag, Fox genannt zu werden. Ausser, wenn es Dana sagt, würde er wetten! "Und ich bin einfach John!" Allerdings kommt er sich immer noch wie der einzige Single in einem Pärchen-Club vor, aber was soll's... Iris fragt ihm im Verlaufe der angeregten Unterhaltung, so zwischen Knabbersnacks und Fruchtsäften, regelrecht Löcher in den Bauch. Und normalerweise würde er sich wohl sehr unbehaglich fühlen, einfach so noch ziemlich wildfremden Menschen irgendwas aus seinem Leben zu erzählen, aber so wie Iris fragt, kann er ihr nicht böse sein. Doch er hält sich mit Details zurück und erzählt nur kurz und knapp, dass er geschieden wäre und dass sein Sohn vor ein paar Jahren gestorben ist. Er sieht an Iris' Blick, dass sie sofort weiss, dass sein Sohn nicht einfach Opfer einer Krankheit oder eines Unfalls wurde, und ist ihr dankbar, dass sie da vorläufig nicht weiterbohrt, auch wenn er das dumpfe Gefühl hat, dass ihre Neugier noch lange nicht befriedigt ist. Aber wer weiss, ob sie sich überhaupt lange genug kennen werden, dass er jemals in die Verlegenheit kommt, mehr aus seinem Leben erzählen.
Iris verschwindet dann schliesslich mit einer grossen Tasche 'voller Requisiten' im Badezimmer, um sich für die Überwachung umzuziehen und zurechtzumachen...
Als sie wieder herauskommt, wird sie angestarrt. "Was denn?!" - "Man kennt dich ja fast nicht wieder!" platzt Dana heraus. - "Na das ist ja wohl auch der Sinn der Sache!" Iris grinst von einem Ohr zum anderen. Dunkle Perücke und fast schon grelle Schminke machen doch schon einiges aus. Dazu ein knallenges Kleid aus schwarzem Leder, mit Nieten verziert. Sie trägt aber nicht etwa hochhackige Schuhe, sondern ihre normalen Kampfstiefel, mit denen sie schon so wunderbar Tritte ausgeteilt hat. - "Aber denkst du wirklich, das ist die richtige Aufmachung, um Diana Fowley zu überwachen? Oder glaubst du etwa, sie geht heimlich als Nutte anschaffen?" Würde Dana nicht mal wundern. Sie konnte Diana Fowley auf Anhieb nicht leiden, noch bevor Mulder ein entsetztes Gesicht machte und ihr gestand, dass er die Frau von früher kannte, was er aber wohl am liebsten vergessen würde. - "Nur keine Panik!" Iris zieht sich einen langen schwarzen Mantel über und eine Brille auf. So sieht sie wieder halbwegs seriös aus. "Und los geht's!"
Als die Tür wieder ins Schloss gefallen ist, sieht Mulder lange Alexei an. "Und du lässt sie einfach so mit diesem John Doggett losziehen, den ihr erst heute kennengelernt habt?" - "Warum nicht? Sowas macht ihr Spass und ist jetzt genau richtig, um sie abzulenken und bei guter Laune zu halten." Und ausserdem weisst du ganz genau, Mulder, dass man Iris von nichts abhalten kann. - "Na wenn du meinst..." Mulder seufzt kurz. "Und was machen wir jetzt mit der Urne?" fragt er dann, um das Thema zu wechseln. "Liegt die eigentlich immer noch im Kofferraum?" - "Iris hat die Urne an einem sicheren Ort versteckt!" antwortet Alexei prompt. Und wie sicher, das kannst du dir gar nicht vorstellen! - "Wo denn?" - "Ich weiss nicht." Ach weisst du, Mulder, Iris hat da so eine Art Schwarzes Loch in ihrer Tasche, aber mach dir darüber lieber nicht zu viele Gedanken... Du denkst vielleicht, Iris wäre einfach seltsam, doch wenn du wirklich wüsstest... uiuiui, da würden dir vermutlich die Haare zu Berge stehen. Sie ist vielleicht genau die ultimative X-Akte, nach der du dein Leben lang gesucht hast!
Y
[Vor Diana Fowley's Wohnung]
"Woher wollen Sie eigentlich wissen, dass sie nicht einfach den Abend gemütlich vor dem Fernseher verbringt?" erkundigt sich Doggett, der es sich hinter dem Steuer seines Wagens so bequem wie möglich gemacht hat. Wenn die Frau auf dem Beifahrersitz, die alles mit ihrem Proviant vollkrümelt, jetzt irgendwas von wegen Vorahnung erzählt, fängt er an zu schreien. - "Diana Fowley ist nicht so für Gemütlichkeit!" antwortet Iris stattdessen. "Ich wette, sie wird gleich rausspaziert kommen und in eine Bar gehen, um einen Kerl aufzureissen!"
Fünf Minuten später spaziert Diana Fowley tatsächlich raus...
... nimmt sich ein Taxi...
... und geht irgendwann in eine Bar.
[Eine Bar in Washington]
Doggett sieht zu Iris rüber und rechnet ihr hoch an, dass sie nun kein triumphierendes 'Na hab ich's doch gewusst!' oder ähnliches von sich gibt. Er hat den Wagen ein paar Meter weiter weg geparkt und Iris macht sich daran auszusteigen, um der Bar einen Besuch abzustatten. "Passen Sie auf sich auf, Iris!" - "Aber sicher!" Hach, er ist ein guter Mann, hier ebenso wie in anderen Realitäten. Ein Gentleman. Der es sich aber gerade noch verkneifen kann, auszusteigen, um ihr die Autotür zu öffnen. Sie schwingt sich heraus und schlägt den Mantelkragen hoch, denn es windet. Es wird Regen geben.
Diana Fowley sitzt an der Theke, wird jedoch zu ihrem Leidwesen von den anwesenden Männern geflissentlich ignoriert, was Iris ein leises Lächeln entlockt, während sie flüsternd über ihr verstecktes Mikrophon Doggett auf dem Laufenden hält, der draussen im Wagen wartet. Nachdem Diana schon den dritten Drink intus hat, gesellt Iris sich zu ihr und fragt sie, ob sie auch versetzt worden wäre... worauf sich die beiden Frauen dann über die Schlechtigkeit der Welt im allgemeinen und die Schlechtigkeit von Männern im besonderen zu unterhalten beginnen.
John Doggett, der ja alles mithört, kommt zum Schluss, dass Iris wirklich eine begnadete Schauspielerin ist, schon allein wie ihre Stimme ganz anders klingt, wenn sie jetzt mit Diana Fowley spricht, die nicht den geringsten Verdacht zu hegen scheint, dass sie gerade angeregt und angesäuselt mit der Frau tratscht, vor der sie heute Vormittag noch geradezu panisch geflüchtet ist.
Irgendwann wird das Gespräch immer interessanter und sie tratschen nach ein paar weiteren Drinks in verschwörerischem Ton darüber, wie man sich wohl an einem Mann rächen könnte, der den unverzeihlichen Fehler begangen hat, eine Frau wie sie zu versetzen, oder womöglich noch schlimmeres... Telefonterror ist ja längst ein alter Hut, aber es gibt ja so viele Möglichkeiten, einem Mann zu schaden!
John Doggett, der immer noch aufmerksam zuhört, ist wirklich froh, dass er bislang noch nie die Rache so einer Frau am eigenen Leibe erfahren musste, sonst könnte er seine Karriere und sein Leben ja gleich die Toilette runterspülen. So wie es bei Skinner gerade passieren könnte.
Iris bringt es sogar fertig, ganz beiläufig sowohl Diana Fowley selbst wie auch dem Barkeeper zu entlocken, dass sie an besagtem Freitag Abend ebenfalls in dieser Bar war, den ganzen Abend, wie üblich...
John Doggett zieht im Geiste den Hut vor Iris. Wenn sie so gut drauf ist, könnte sie sogar Eis am Nordpol verkaufen oder dem Papst ein Doppelbett. Diese Frau ist wie geschaffen für Undercover-Arbeit!
Irgendwann wird es Diana Fowley dann doch zu blöd. Sie lässt sich vom Barkeeper ein Taxi bestellen... und verlässt dann später die Bar...
... wobei sie sich von ihrer namenlosen Tischnachbarin noch geradezu herzlich verabschiedet.
"Na endlich!" seufzt Iris und klingt plötzlich überhaupt nicht mehr angesäuselt. - "Was ist?" erkundigt sich der Barkeeper bei der unbekannten Schönen, die heute zum ersten Mal hier Gast ist. Und es wäre ihm recht, wenn sie von nun an öfters kommen würde. - "Ach, nichts. Hab nur den Eindruck, die Frau da ist ziemlich frustriert... irgendwie scheint sie von ihrem Freund öfters versetzt zu werden." - "Hach, die hat doch keinen Freund, und wenn sie einen hätte, dann bestimmt nicht lange!" spöttelt der Barkeeper. - "Aha!" Iris kann sich ein fieses kleines Lächeln nicht verkneifen. Für Diana Fowley scheint es ja in dieser Variante auch nicht so toll gelaufen zu sein, eigentlich sollte man fast Mitleid haben. Aber nur fast.
Als Iris schliesslich auch aus der Bar tritt, atmet sie die frische Luft ein. Es regnet inzwischen.
Und John Doggett wartet schon auf sie, völlig durchnässt.
Iris tut, als wäre sie überrascht. "Warum bist du nicht im Auto geblieben?" - "Ich habe mir das einfach ansehen müssen. Ich hatte einen guten Fensterplatz..." Er klingt fast so, als müsste er sich für seine Neugier entschuldigen und irgendwie ist es ihm auch fast peinlich. "An Ihnen ist eine begnadete Schauspielerin verlorengegangen!" - Iris lacht und hängt sich einfach bei ihm ein, um zu seinem Auto zurückzugehen. "Und du hast wohl einen Schirm vergessen!" - "Pech!" Er zuckt die Schultern. "Kommen Sie, ich bringe Sie nach Hause!"
Allerdings kommen sie nicht weit.
Denn auf dem Weg zum Auto tauchen plötzlich ein paar finstere Gestalten auf und versperren ihnen mit Baseballschlägern, Eisenstangen und Klappmessern den Weg. Iris verdreht innerlich die Augen, denn das darf ja wohl nicht wahr sein, dass sich ihr jetzt auch noch Strassenräuber in den Weg stellen! "Oh nein!" ächzt sie... doch noch ehe sie sich aufraffen kann, etwas zu unternehmen, werden sie auch schon angegriffen. Und dass Doggett sich als FBI-Agent zu erkennen gibt, scheint diese Strassengang noch mehr anzustacheln, von denen wohl einige schon etwas bekifft sind, ansonsten sie den Angriff auf Bundesagenten wohl nicht für eine sooo gute Idee halten würden. Noch ehe Doggett seine Waffe ziehen kann, trifft ihn mit voller Wucht eine Eisenstange, was ihm die Luft aus den Lungen presst, und seine Pistole fällt klappernd auf den Boden. Sofort wird er von weiteren Schlägen traktiert... Iris reisst endlich mit einer fliessenden Bewegung ihren Mantel auf, zieht für mehr Beinfreiheit ihr enges Lederkleid hoch und schickt gleich mal einen Kerl mit einem Tritt ihrer Stiefelspitze ins Reich der Träume, danach wendet sie sich dann gleich den anderen Typen zu. Na ja, geht wohl nichts über ein wenig sportliche Betätigung... Auch Doggett kämpft immer noch, so gut er kann. Tapfer. Trotzdem schlägt Iris diese Typen hier jetzt lieber mal mit ein paar gutplatzierten Fusstritten - und sehr bösen Blicken - in die Flucht, bevor John Doggett hier noch vor ihren Augen totgeprügelt wird.
Nachdem diese mordlüsternen Kerle aus irgendeinem Grund plötzlich davonlaufen, als wäre der Teufel hinter ihnen her, suchen Doggett's besorgte Blicke Iris, die allerdings unverletzt scheint, auch wenn ihr wohl irgendwie die dunkle Perücke vom Kopf gerissen worden ist. "Ist alles in Ordnung mit Ihnen?" quetscht er hervor und sieht Iris noch nicken, die auf ihn zukommt und sich über ihn beugt. Hoppla, er muss wohl am Boden liegen, wie ist das denn gekommen? Aber noch bevor er darüber nachdenken kann, wird ihm schwarz vor Augen.
Y
[PALACE-HOTEL IN WASHINGTON]
Als Doggett wieder zu sich kommt, weiss er nicht, wo er ist, doch irgendwie wundert er sich noch einen Moment darüber, dass er offensichtlich nicht in einem Krankenhaus ist, sobald er sich an die Schlägerei erinnert. Das Zimmer sieht eher wie ein Büro aus, soweit er das bei der Beleuchtung erkennen kann, die einzig von einem Computerbildschirm stammt, über dessen weissen Bildschirm endlose Zahlenkolonnen scrollen. Und er liegt auf einer Couch. Eine sehr bequeme Couch... er will nie wieder aufstehen! Aber er sollte... er muss doch...
"Bleib lieber liegen!" Mit sanfter Gewalt drückt Iris ihn in die Kissen zurück und er kann ein Stöhnen nicht unterdrücken, als ihn dumpfe Schmerzen durchzucken. "Du bist verletzt." - "Also doch?" ächzt er leise und spürt nun ein ganz furchtbares Pochen in seinem Schädel. "Und warum bin ich dann nicht in einem Krankenhaus?" - "Weil Iris eine Krankenhaus-Phobie hat!" antwortet Alexei lächelnd, der gerade hereinkommt und nun noch eine kleine Lampe anknipst, damit es etwas heller wird. Er trägt einen bequemen Jogginganzug, so wie Iris auch - und Doggett wird plötzlich bewusst, dass er unter der Decke nackt ist. Abgesehen von dem Verband um seine Rippen. Er versucht logisch zu denken. Dana Scully ist Ärztin. Und Iris Sinclair ist eine Voodoo-Hexe mit Heilenden Händen. Na und?! Vielleicht haben ihn ja Alexei und Mulder ausgezogen, auch wenn er irgendwie kaum glaubt, dass ausgerechnet Iris so furchtbar prüde und diskret ist. Aber was spielt das auch für eine Rolle, irgendwie dreht sich sowieso alles... "Ist nichts gebrochen?" - "Nein, nichts gebrochen." Nicht mehr. "Nur geprellt. Gibt schlimme blaue Flecken. Hier, trink das, John!" Sie stützt seinen Kopf und hält ihm ein Glas an die Lippen - und er trinkt, noch ehe er sich überhaupt fragen kann, was es ist. Schmeckt nach Apfelsaft. Süss...
Als Mulder und Scully gleich darauf hereinkommen, ist John Doggett bereits wieder eingeschlafen. Und Iris' Hand liegt auf seiner Stirn. Ihren derzeitigen Gesichtsausdruck mit den erweiterten Pupillen kennen die beiden mittlerweile zur genüge, sie haben ihn in der letzten Woche oft genug gesehen, als sie bei ihnen selbst ihre Heilenden Hände aufgelegt hat. - "Iris hat ein neues Opfer gefunden..." flüstert Alexei mit verschwörerischem Lächeln Mulder zu - der noch nicht so recht zu wissen scheint, was er von diesem John Doggett halten soll. Es muss allerdings ein gutes Zeichen sein, wenn Iris ihn offensichtlich auf Anhieb sympathisch genug findet, um mit ihm zusammenzuarbeiten und ihn auch höchstpersönlich zu verarzten. Ihre Intuition wird sie ja hoffentlich nicht trügen. Und er ertappt sich dabei, dass er ihrer Intuition inzwischen fast schon mehr traut als seiner eigenen, auch wenn es ihm zuweilen schon fast unheimlich ist. Spooky Mulder ist was unheimlich, wirklich witzig. Aber egal.
In der Stube schiebt Iris später dann die aufgenommene CD von der Überwachung in ihren Laptop und die anderen hören sich das Getratsche von Diana Fowley an, das letztendlich Skinner's Unschuld beweist.
"Jemand hat sie dazu angestiftet!" erklärt Iris überzeugt, die sich mittlerweile schon in Alexei's Arme gekuschelt und die Augen halb geschlossen hat. "Ich tippe auf Kersh, dieses blöde Arschloch."
Mulder und Scully können Kersh auch nicht leiden. Das seltsame ist nur, dass Iris offenbar schon eine Abneigung gegen den Mann entwickelt zu haben scheint, noch bevor sie ihn überhaupt kennengelernt hat; und Diana Fowley konnte sie ja auch auf Anhieb nicht leiden. Bei Iris scheint es sich oft auf den ersten Blick zu entscheiden, Sympathie ebenso wie Antipathie. Mulder fragt sich, ob sie sich dabei jemals geirrt hat. Denn bei Gott, er hat sich schon mehr als einmal geirrt... und er hofft nur, dass er sich in Iris nicht irrt. Aber nach allem, was sie schon erlebt haben, nach allem, was sie schon für Dana und ihn getan hat, kann das ja gar nicht sein, denn ohne Iris wären sie vermutlich jetzt tot und sässen nicht gemütlich in einer Suite des Palace-Hotels.
"Sollen wir etwa Kersh zur Rede stellen?" erkundigt sich Dana stirnrunzelnd. - "Wir sollten Diana Fowley zur Rede stellen." murmelt Iris und irgendwie klingt sie nicht so, als wollte sie dabei einen offiziellen Weg gehen. - "Wenn sie zugibt, dass ihre Anschuldigungen frei erfunden sind, wird man sie feuern. Also weshalb sollte sie plötzlich die Wahrheit sagen?" - "Weil wir es ihr beweisen können. Und dann würde es noch viel unangenehmer." Iris lächelt müde und trotzdem noch hinterhältig genug. "Ich werde morgen mit ihr reden. In meiner Verkleidung natürlich." - "Und du denkst also, du könntest sie tatsächlich überreden?" - "Aber sicher." - "Und als was willst du dich eigentlich ausgeben? Wird sie es nicht etwas seltsam finden, dass eine vermeintlich wildfremde Frau ihr sowas vorschlägt?" Eigentlich zweifelt Scully keine Sekunde an Iris' Überredungskünsten, doch es kann wohl nicht schaden, wenn das ganze auch noch einigermassen plausibel wäre. "Wirst du etwa Skinner's rachsüchtige Geliebte spielen?" - "Gute Idee!" murmelt Iris und scheint im nächsten Moment auch schon eingeschlafen zu sein.
Y
[In Diana Fowley's Wohnung]
In aller Herrgottsfrühe reisst sie das Klingeln an der Haustür aus dem tiefsten Schlummer. Und die Türklingel hört einfach nicht auf zu klingeln. Verschlafen zieht sie sich ihren Morgenmantel über und tappst zur Tür, um durch den Spion zu sehen, wer draussen steht. Eine Frau, die ihr vage bekannt vorkommt, obwohl sie eine dunkle Sonnenbrille trägt. Moment mal, ist das nicht die, mit der sich gestern in der Bar unterhalten hat? Wie zum Teufel kommt denn die hierher?! Aber noch ehe sie richtig darüber nachdenken kann, hat sie die Tür auch schon geöffnet - und die Frau kommt einfach herein und wirft ihr einen geradezu hypnotischen Blick zu...
Y
Was auch immer Iris kurz vor Morgengrauen Diana Fowley erzählt hat... es scheint wahre Wunder gewirkt zu haben. Diana Fowley gibt eine eidesstattliche Erklärung ab, dass ihre Anschuldigungen frei erfunden waren. Angeblich aus Rache, weil er sie hat abblitzen lassen. Gleichzeitig reicht sie ihre Kündigung ein, gibt Ausweis und Dienstwaffe ab... und verschwindet dann mit einem gepackten Koffer fluchtartig aus der Stadt.
Man lässt sie gehen, ohne irgendwelche rechtlichen Schritte gegen sie einzuleiten wegen ihrer Falschaussage.
- - - - - -
"Ach, man hat also diese falsche Natter einfach laufen lassen? Also ich hätte sie... aber egal. Aber was war mit diesem Kersh? Er war doch dafür verantwortlich, weshalb hat man ihn da nicht einfach ausgeschaltet? Oder wäre das etwa wieder gegen die Spielregeln gewesen..."
- - - - - -
[FBI-Gebäude]
"Danke, Agent Doggett!" erklärt AD Skinner, der nun wieder in Amt und Würden in seinem Büro ist, wo er sich merklich wohler fühlt als vor der Untersuchungskommission. - "Mir brauchen Sie nicht zu danken, Sir." erklärt Doggett und erwidert den Händedruck. "Das ist wohl eher Iris' äh Agent Sinclair's Verdienst." - Nun, darüber ist Skinner nicht überrascht, auch wenn er noch keine Gelegenheit hatte, mit Iris zu reden. Aber er freut sich, dass dieser John Doggett so ehrlich ist, offenbar ein guter Mann. Kersh hat ihn wohl falsch eingeschätzt und darüber wird er wohl nicht allzu glücklich sein. "Ich werde mich auch bei Agent Sinclair noch bedanken." Er betrachtet Doggett's Hand, die noch Spuren einer Schlägerei aufweist. "Mit wem haben Sie sich geprügelt?" fragt er dann direkt heraus. - "Das war nur eine Strassengang, als wir gestern Nacht unterwegs waren." - "Wir?" - "Agent Sinclair und ich." - Es ist wirklich eine verdammt dumme Sitte, nur den Nachnamen zu nennen. "Alexander Sinclair?" fragt Skinner wider besseres Wissen. - "Iris Sinclair."
Y
"Sag mal Iris..." Nach der gestrigen Nacht käme es ihm seltsam vor, sie weiterhin zu siezen, zumal ja sie mit dem duzen angefangen hat. Ausserdem trägt sie nicht ihre grauen FBI-Klamotten, sondern enge Jeans, ihre eleganten Kampfstiefel und eine schwarze Lederjacke. Seriös sieht sie so nicht gerade aus, eher etwas furchteinflössend, aber vielleicht liegt das auch nur an ihrer spiegelnden Sonnenbrille. Er wagt es trotzdem... "Ist da eigentlich irgendwas zwischen dir und Assistant Director Skinner?" John Doggett sieht sie fragend an - und sie muss lächeln. Wow, ein richtiger Blitzmerker! Iris legt den Kopf etwas schief und sieht ihm in die Augen. "Wenn ich dir das erzählen würde, müsste ich dich wohl leider töten!" Ihr Ton ist todernst, doch sie lächelt - und er nickt verstehend. Da sollte er wohl lieber keine Fragen stellen. Special Agent Iris Sinclair könnte sonst böse werden und er will sie ganz bestimmt nicht verärgern. "Kann ich dir ein Hot Dog spendieren?" - "Aber klar!" - "Na dann komm..."
Sie bestand am Morgen darauf, ihn zum FBI zu fahren, und er konnte sie nicht davon abhalten, zumal es ihn immer noch schmerzte, wenn er den Oberkörper bewegte, und selbst am Steuer zu sitzen da wohl nicht das klügste wäre. Sie fuhr ihn sogar vorher noch zu seiner Wohnung und wartete dort, bis er sich umgezogen hatte. Zuerst fühlte er sich etwas unbehaglich dabei, sie in seine Wohnung zu lassen, doch dann dachte er daran, dass sie ihn gestern Abend beim verarzten höchstwahrscheinlich sogar schon nackt sah, da konnte sie ja dann geradeso gut auch einen Blick auf seine Wohnung werfen. Sie sah sich die aufgestellten Familienfotos an, doch wieder stellte sie keine Fragen.
"Was wirst du jetzt tun?" erkundigt sich nun Iris und beisst in ihr Hot Dog. - "Was meinst du damit?" - "Irgendwie habe ich so das Gefühl, dass Kersh dir die Hölle heiss machen wird, wenn du weiter für ihn arbeitest." Sie sieht ihn schief an - und er erwidert diesen Blick. "Du bist wohl der Meinung, dass ich Versetzung beantragen sollte?" Na ja, ist ja nicht so, dass er nicht schon selbst auf den Gedanken gekommen wäre. "Schwebt dir da was bestimmtes vor?" - "Vielleicht?" Sie wackelt bedeutungsvoll mit den Augenbrauen und wischt sich den Mund ab, nicht etwa vornehm mit einer Serviette, wie im feinen Restaurant, sondern einfach mit dem Handrücken.
[
[Skinner's Wohnung. Abends.]
"Oh Gott, Iris!" Er drückt sie an sich und spürt, wie sie ihm das Hemd aus der Hose zieht und ihre Hände unter den Stoff und seinen Rücken hinauf wandern. Er hätte fast einen Herzinfarkt bekommen, als er vor die Untersuchungskommission zitiert wurde, weil er dachte, dass sie herausgefunden hätten, dass er in der Nacht zuvor jemanden erschossen hatte. Als man ihm dann erzählte, er würde der Vergewaltigung beschuldigt, wusste er nicht so recht, ob er lachen oder weinen sollte... "Wie zum Teufel hast du Diana Fowley dazu gekriegt?" - "Ein Bisschen Überredungskunst, finstere Drohungen und 50'000 Dollar." murmelt sie und nimmt ihm die Brille ab. - "Du hast sie auch noch bezahlt?" jappst er überrascht und löst sich einen Moment etwas von ihr, um ihr prüfend in die Augen zu sehen, was allerdings ohne Brille gar nicht so einfach ist. "Als was hast du dich ausgegeben?" - "Natürlich als deine Geliebte. Eifersüchtig und grausam." Sie kichert leise. "Ach übrigens: Deine Geliebte heisst Loreen, hat dunkle Locken und braune Augen. Und ist unberechenbar." - Einen Moment ist er sprachlos. "Und sie hat dich nicht erkannt?!" - "Was Make-up nicht alles ausmacht!" Sie grinst geradezu diabolisch.
Später... im Bett, im matten Schein der Nachttischlampe... malt sie mit ihren Fingerspitzen unsichtbare Muster auf seine Haut. Malt Kringel um seine Narben, die er am Anfang noch etwas schüchtern zu verbergen versucht hatte, indem er das Licht ausmachte, obwohl er sie umgekehrt wirklich sehr gerne angesehen hätte, um ihre Schönheit zu bewundern. Er befürchtete, sie könnte es abstossend finden und sich daran erinnern, dass er gewissermassen schon ein altes Wrack ist... Das war zumindest so in der ersten gemeinsamen Nacht, an die er sich noch erinnert (Was damals auf der Couch passierte, weiss er bis heute noch nicht!). Aber dann zündete sie irgendwann in der Nacht plötzlich eine Kerze an, mit dem sie ihm dann so nahe kam, dass sie ihm sogar ein paar Brusthaare versengte und ihn diabolisch-lächelnd mit heissem Wachs bekleckerte. Und mit schlafwandlerischer Sicherheit fand sie natüüürlich alle seine Narben, jede einzelne. Dazu brauchte sie noch nicht mal Licht, denn Iris' Tastsinn ist ausgezeichnet, so wie alle ihre Sinne sehr scharf sind... als könnte sie im Dunklen sehen. Irgendwie hat sie sowieso nen sechsten Sinn oder so und manchmal kommt es ihm schon so vor, als könnte sie seine Gedanken lesen. Voodoo-Hexe! Es hat ihn im Grunde nicht sonderlich gewundert, als sie ihm lächelnd davon erzählte, nachdem sie ihm mal grausame Kopfschmerzen wegmassiert hatte. Der Raucher hat vielleicht darüber gelacht, der verdammte alte Bastard, aber *er* hat ihr sofort geglaubt. Eigentlich ist alles an Iris fast zu verrückt, um überhaupt darüber nachzudenken, aber er will auch lieber gar nicht zuviel darüber nachdenken. Inzwischen kommt er sich ziemlich albern vor, dass er zuweilen mit dem Gedanken gespielt hat, wie es wohl wäre, wenn es nicht Iris Sinclair sondern Iris Skinner heissen würde. Nicht nur, weil ihm inzwischen aufgegangen ist, dass ein Leben mit Iris nicht unbedingt immer ein Zuckerschlecken ist, obwohl er ihr wirklich gerne jeden Tag die Füsse massieren und für sie kochen würde und was Alexei sonst noch so alles für sie tut. Aber er kann froh sein, dass sie sich überhaupt mit ihm trifft, auch wenn er sich manchmal schon fragt, warum sie das überhaupt tut. Schliesslich hat sie ja schon einen Mann, der sie vergöttert, und was für einen, jung, attraktiv, charmant. Was will sie da eigentlich mit ihm? Reizt es sie vielleicht, weil er ihr Chef ist? Oder spürt sie einfach seine Verzweiflung und lässt sich aus Mitleid mit ihm ein?
Bevor er jedoch dazu ansetzen kann, sie zu fragen, *warum* in aller Welt sie eigentlich gerade neben und fast auf ihm liegt, ihr Bein um seine Hüfte geschlungen, und unsichtbare Kringel auf seinen Körper malt - lenkt sie seine Gedanken in andere Bahnen. "Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass Kersh dieses Luder dazu angestiftet hat?" - "Was?!" Hmmm, warum wundert ihn das eigentlich? Hätte er ihm sowas etwa nicht zugetraut? "Und warum hat er dann Agent Doggett abkommandiert?" - "Er hat wohl nicht damit gerechnet, dass Agent Doggett mit uns zusammenarbeiten würde!" Sie grinst breit. "Vermutlich ärgert sich Kersh inzwischen schon schwarz darüber!" - "Du hältst diesen John Doggett wohl für vertrauenswürdig?" - "Ja. Er ist ein guter Mann. Weil er sich für die Wahrheit und nicht für seine Karriere entschieden hat. Dabei wäre es so leicht für ihn gewesen, mich einfach zu ignorieren!" - "Wie?!" Nun muss Skinner allerdings lachen. "Dich einfach ignorieren?" - Sie knufft ihn grinsend in die Seite. "Du weisst schon was ich meine!"
[
[PALACE-HOTEL IN WASHINGTON]
Wieder kommt Iris erst kurz vor Morgengrauen nach Hause, schleicht sich rein, legt ihren Mantel ab und legt sich stillschweigend zu Alexei auf die Couch, ohne ihn aufzuwecken, obwohl er normalerweise von jedem Geräusch geweckt wird. Er sieht so friedlich aus, wenn er schläft, und sie beobachtet ihn gerne im Schlaf, während sie über alles mögliche nachdenkt.
Was zum Teufel tut sie hier eigentlich?!
Ach, was soll's! Sie kuschelt sich an ihn und lauscht seinem Herzschlag, während sie wieder mal ihre Gedanken schweifen lässt. Sie denkt einen Moment lang an John Doggett, der sich nun gerade in seiner Wohnung unruhig im Bett herumwälzt und sich einsam fühlt... und muss dabei plötzlich daran denken, wo denn eigentlich Monica Reyes steckt. In New Orleans. Was macht sie denn in New Orleans? Sie sollte hier sein...
* * *
Am nächsten Morgen verliert niemand ein Wort darüber, dass Iris die Nacht - oder zumindest den grössten Teil der Nacht - auswärts verbracht hat. Jetzt ist sie ja da und schmust während des Frühstücks wieder mit Alexei herum, der sie auch wie immer küsst und ihr sagt, dass er sie liebt, worauf sie auch wie üblich antwortet: "Ich weiss!"
- - - - - -
"Oha... gehe ich recht in der Annahme, dass Iris dann diesen John Doggett mit dieser Monica Reyes, wer auch immer das ist, verkuppelt hat?" - "Ist das so offensichtlich, wenn ich nur schon ihren Namen erwähne?" erwidert All'Una lächelnd, die doch nur ein Bisschen aus Iris' Aufzeichnungen zitiert hat, in denen wohl beileibe auch nicht die ganze Wahrheit steht. Aber wie auch immer, in diesen Aufzeichnungen wimmelt es von allen möglichen Anspielungen, da Iris ja eben einen sehr grossen Bekanntenkreis hatte... oder sollte man das eher Kreis von Beobachtungsobjekten nennen, zumal die meisten davon (oder jedenfalls die allermeisten Menschen) noch nicht mal wussten, dass es Iris überhaupt gibt, oder sie nach ein paar Minuten auch schon wieder vergessen hatten, wenn sie ihr doch mal leibhaftig über den Weg gelaufen waren... - "Tja, nach dem, was du mir inzwischen schon über Iris erzählt hast, gehe ich davon aus, dass sie es wohl nicht wird lassen können, oder?" - "Das werdet Ihr ja schon bald erfahren, Jaella..."
- - - - - -
Basketball um Mitternacht. Warum nicht, Iris hat ja den Schlüssel zum Sportraum, also sollte man das ruhig gelegentlich mal etwas ausnutzen, denn für irgendwas muss es ja gut sein.
Mulder und Doggett gegen Iris und Alexei. Dana sieht zu, spielt Schiedsrichterin - und ist froh, wenn sie selbst nicht spielen muss. Bei dem Spiel würde sie sowieso ziemlich alt aussehen, schon aufgrund ihrer Körpergrösse.
Iris ist dafür weitaus besser geeignet und kann locker mit den Männern mithalten. Und sie sieht verdammt gut aus in den knappen Shorts, die kaum etwas von ihren muskulösen schlanken Beinen verdecken. Wenigstens trägt sie ein weites T-Shirt und darunter wohl so eine Art Sport-BH, sonst könnten sich die Männer wohl überhaupt nicht aufs Spiel konzentrieren... Ihre Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebändigt, der nun bei jeder Bewegung mitschwingt. - Gerade setzt sie wieder mal wie eine Raubkatze zum Sprung an und versenkt einen Ball - wieder mal. Auch sonst ist sie beim Bälle-Werfen wesentlich treffsicherer als mit der Pistole auf dem Schiessstand, auch wenn Dana den leisen Verdacht hat, dass Iris am Schiessstand absichtlich so schlecht schiesst. - Mulder und Doggett fluchen ein Bisschen und beschuldigen sich gegenseitig, Iris nicht aufgehalten zu haben - doch sie wissen natürlich beide, dass keiner von ihnen es wagen würde, sich Iris ernsthaft in den Weg zu stellen und einen körperlichen Zusammenstoss zu riskieren. Sie ist wirklich geschmeidig wie eine Katze und ganz schön stark, sie kann alle möglichen Arten von Kampfsport und ihre Fusstritte sind inzwischen geradezu berüchtigt. Manchmal wünscht sich Dana, sie könnte das auch, doch irgendwie ist das nun mal einfach nicht ihr Stil, auch wenn Iris ihr durchaus ein paar wertvolle Tricks beigebracht hat... Dana beobachtet das Spiel weiterhin aufmerksam und wie die Männer dabei heftig ins Schwitzen kommen, während es bei Iris schon fast eine reife Leistung ist, wenn sich überhaupt mal eine Schweissperle zeigt. Muss wohl ein verdammt gutes Deo haben, vielleicht eins mit Voodoo-Zauber... Ja, inzwischen glaubt Dana wirklich schon fast an dieses ganze Voodoo-Zeugs. Oder vielleicht glaubt sie auch nur an Iris. Iris ist real und sie nennt sich eine Hexe, auch gut. Manchmal hat sie wirklich etwas sehr Hexenhaftes an sich, nicht nur wenn sie in ihre 'Esoterische Stimmung' kommt und ihre Pupillen sich weiten, als könnte sie Dinge sehen, die normale Menschen nicht sehen. Na schön, Dana Scully sollte es endlich zugeben, dass Iris höchstwahrscheinlich wirklich Dinge sehen kann, die normale Menschen nicht sehen. Verdammt, sie kann sogar Gedanken lesen und dabei wohl noch weit mehr erraten als bloss Kreise, Sterne und irgendwelche eckigen Figuren wie bei jenem Kartentest. Und sie hat wirklich Heilende Hände, zumindest war das, was Dana schon hat erleben dürfen, weit mehr als eine gewöhnliche wohltuende Massage... Egal, Wissenschaft hin oder Hexerei her, Dana wünscht sich wirklich, Mulder würde sich auch mal so von Iris massieren lassen, denn er ist immer noch so ein verdammter Komplexhaufen! Eigentlich war er ja schon immer ein Komplexhaufen oder vielmehr ein komplizierter Mensch, der auch noch ständig von irgendwelchen Schuldgefühlen geplagt wird. Und jetzt hat er sich von dem Überfall immer noch nicht ganz erholt... Hach, ÜBERFALL, was für ein geradezu verniedlichender Begriff! Aber sie sprechen nur immer vom Überfall, weil das weniger schmerzhaft klingt als GEWALTORGIE oder ähnliches. Ist inzwischen schon zwei Wochen her. Erst zwei Wochen, keine sehr lange Zeit! Die äusserlichen Verletzungen der Folterqualen sind inzwischen alle weitestgehend verheilt. Aber der Seelische Schmerz... na ja... Zu Dana's eigener Überraschung scheint sie wirklich darüber hinweg zu sein, was sie eigentlich selber wundert. Es tut ihr nur in der Seele weh, dass Mulder immer noch schwer daran zu knabbern hat, auch wenn es die letzte Woche doch schon einiges besser geworden ist. Und irgendwie fragt sie sich schon, was jetzt eigentlich die normalere Reaktion ist... In ein paar Wochen wird sie sich und Mulder auf HIV und sonstwas testen lassen. Iris sagt zwar, sie hätte es im Gefühl, dass da nichts wäre, aber da will sie dann doch lieber auf Nummer Sicher gehen. Und sie hat nicht die geringste Ahnung, wie sie reagieren soll, wenn Iris' sich vielleicht irrt... Verdammt, sie hat sich schon dabei ertappt, wie sie betet, dass sich Iris nicht irrt. Sie hat nicht gebetet, dass wirklich alles in Ordnung sein soll, sondern dass Iris sich nicht irrt! Ist das nicht verrückt?!
Mulder und Doggett verlieren das Spiel. Wieder mal.
Seit einer Woche, seit der Geschichte mit Diana Fowley, gehört John Doggett jetzt schon irgendwie dazu. Er ermittelt derzeit mit Iris und Alexei zusammen gegen die Russenmafia, weshalb Iris und Alexei nächste Woche auch UNDERCOVER abtauchen werden. Ein Projekt, dass Skinner angeleiert hat. Wenn es ein Erfolg wird, kann sich der Assistant Director freuen... und Kersh wird sich vor Ärger selbst in den Hintern beissen!
Darum hat sich Iris ihre Haare nun auch braun gefärbt mit leichtem Rotstich. Sieht noch ziemlich gewöhnungsbedürftig aus als Irina Petrowa, aber Iris geht schon jetzt in ihrer Rolle völlig auf. Alexei Petrow und Irina Petrowa aus Moskau, ein wirklich hübsches Pärchen!
Nach dem Spiel gehen sie alle in die Sauna. Wo endlich auch Iris so richtig ins Schwitzen kommt, deren Badetuch ständig so aussieht, als würde es jede Sekunde runterrutschen, was es jedoch nie tut. Dana weiss nicht so recht, ob die Männer darüber eher enttäuscht oder erleichtert sind. Was soll's, Iris hat sie alle ja auch schon nackt gesehen... Alexei ist seit dem letzten Saunabesuch mit ein paar neuen Knutschflecken verziert und hat keine Scheu, diese offen zu zeigen. Doch ansonsten ist Alexei's Haut makellos und ohne Narben, was man von Mulder und Doggett nicht unbedingt behaupten kann.
Iris hat sogar die Etiketten aus den Badetüchern herausgetrennt, wie Dana gerade auffällt. Ob aus Paranoia oder einfach als Marotte, doch sie entfernt ständig sämtliche Etiketten aus allen Klamotten, die sie kauft. Es hätte mal damit angefangen, dass irgendwelche Etiketten in der Unterwäsche ihre empfindliche Haut reizten, weshalb sie die Etiketten entfernte, was sich dann irgendwie zu einem regelrechten Spleen entwickelte. Darum mag sie auch keine Klamotten, denen man die Marke gleich ansieht. Sogar ihrem schwarzen Wagen sieht man nicht mehr an, welche Marke das mal eigentlich gewesen ist, war vermutlich sogar ne Sonderanfertigung. Erstaunlich, dass sie nicht noch gleich die Markennamen von ihren teuren Schweizer Uhren geätzt hat, die sie sich wenigstens irgendwann mal gegönnt hat.
Mulder und Dana haben sich weiterhin beurlauben lassen und suchen mittlerweile ein neues Haus oder eine neue Wohnung, weil sie ja schliesslich nicht ewig bei Iris und Alexei wohnen bleiben können - auch wenn es so sicherlich sehr nett ist... wo wäre es sonst möglich, mitten in der Nacht eine Sauna zu besuchen und anschliessend schwimmen zu gehen?
Iris kann so lange unter Wasser bleiben, dass sie getrost auch als Perlentaucherin arbeiten könnte. Aber sie findet mehr Vergnügen daran, als Monster vom Swimmingpool ihre Freunde in Angst und Schrecken zu versetzen.
Iris weiss genau, dass Dana sie beobachtet. Mulder glaubt vielleicht eher an Hexerei. Aber Scully würde ihr wohl noch eher auf die Schliche kommen, nicht nur einfach eine Hexe, sondern auch kein normaler Mensch zu sein. Weil Scully eine Frau ist und Frauen nun mal eher gewisse Dinge auffallen. Zum Glück lässt sich vieles erklären. Dass sie nicht soviel schwitzt, liegt wohl am Stoffwechsel; und ebenso in der Natur bzw. in den Genen könnte die erfreuliche Tatsache liegen, dass sie meist gut aussieht mit ebenmässigem Teint, und das auch ohne sich alle möglichen Crèmes ins Gesicht zu schmieren und sich ständig zu schminken. Und warum hat sie immer so eine seidenglatte Haut, obwohl sie weder Rasierer, Wachs noch Haarentfernungscremes besitzt? Laser-Epilation heisst das Zauberwort! Hach, die moderne Technik ist hin und wieder doch auch mal für ne Erklärung gut, ohne dass sie irgendwelche rätselhaften Wundermittel bemühen muss! Ach ja, und sie muss auch immer daran denken, gelegentlich mal auf die Toilette zu verschwinden, besonders wenn sie viel getrunken hat. Und das Atmen darf sie selbstverständlich auch nie vergessen! Zudem würde Dana Scully wohl auch sehr komisch gucken, wenn sie mal feststellen würde, dass Iris hin und wieder keinen Puls hat... Hach, es ist gar nicht so leicht, als Mensch durchzugehen, wenn man mal länger mit Menschen eng aufeinander hockt! Ach ja, und noch was: welchem Mann würde schon auffallen, dass weder Tampons noch Binden im Hause sind? Und keine Pille. Und keine Kondome. Weshalb Iris dann Scully bei der Gelegenheit auch eine herzzerreissende Geschichte erzählen musste, weshalb Mrs. Sinclair niemals eigene Kinder haben kann...
Später...
... als Dana mit Iris nun unter der Dusche steht - und sich für einen kurzen Moment vorzustellen versucht, was im Bereich der Männer wohl gerade passieren mag - fängt sie einen fragenden Blick von der Seite ein.
"Was siehst du mich so an, Iris?" - "Ich frage mich nur gerade... na ja..." - "Seit wann so schüchtern?" - "Irgendwie scheint Mulder in der letzten Woche plötzlich ein reges Interesse am tatsächlichen oder vermeintlichen Liebesleben anderer Leute entwickelt zu haben..." Aber immerhin hat er mit keinem Ton mehr erwähnt, dass an Iris' Schlüsselbund auch der Schlüssel zu Skinner's Wohnung hängt. Und er hat sich schon gar nicht erst getraut, ihr gegenüber irgendwas darüber zu sagen, dass sie sogar nachts mit Doggett losgezogen ist, um sonstwas zu tun. "Da habe ich mich gefragt, wie's inzwischen um sein eigenes Liebesleben bestellt ist?!" - Dana seufzt. - "Aha... er ist wohl immer noch blockiert. Vielleicht solltest du einfach mal die Initiative ergreifen, Dana." - "Das habe ich ja schon versucht... aber sobald ich mal etwas weiter zu gehen versuche, versteinert er irgendwann förmlich und bekommt Panik." - "Vielleicht solltest du trotzdem einfach mal weiter gehen?" - "Das kann ich nicht! Mein Gott, das wäre ja so, als würde ich ihn auch noch vergewaltigen!" Dana schliesst die Augen und versucht, die Tränen zurückzuhalten. - "Hmmm..." Iris schmiert sich Shampoo in die Haare, das alles nach Aprikosen duften lässt. "Der verdammte Kerl denkt manchmal einfach viel zu viel nach und blockiert sich damit nur selber!" Dann fragt sie unvermittelt: "Wie wär's denn mit ein paar Haschkeksen zur Auflockerung?" - "Haschkekse? Denkst du etwa, das wäre die Lösung?" - "Na ja, es war schon einmal ziemlich erfolgreich..." Iris lächelt verschwörerisch - und Dana wird einen Moment fast rot, als sie an die Partie Strip-Poker zurückdenkt, soweit sie sich überhaupt noch daran erinnern kann. Danach war sie in Mulder's Armen aufgewacht... "Aber ob das jetzt auch angebracht ist?" Sie hat da ihre Zweifel, denn irgendwie klingt das doch ein Bisschen sehr nach Holzhammer-Methode!
Eine Weile sagt Iris nichts, weil sie damit beschäftigt ist, den Schaum aus ihren Haaren gründlich auszuspülen. "Hast du schon mal die dunkle Kerze im Schlafzimmer angezündet?" - "Was?" - "Die dicke dunkle Kerze auf dem Nachttisch. Nicht zu übersehen. Zünde sie ruhig mal an. Macht sehr romantische Stimmung." - "Ist das wieder irgendein Voodoo-Zauber?!" - "Na ja... vielleicht..." Iris lächelt wieder dieses verschwörerische Lächeln. "Und wenn nicht, ist es einfach romantischer Kerzenschein!"
* * *
Ob Voodoo-Zauber oder einfach romantischer Kerzenschein... irgendwie schien es tatsächlich zu nützen! Na ja, und vermutlich hatte es auch nicht geschadet, dass sich Dana von Iris auch ein paar Massage-Kniffe abgeschaut hatte, die bei Mulder auf wohlige Zustimmung stiessen, so dass er sich wirklich mal wieder richtig entspannte. Und als er seinen Körper entspannte, konnte sich auch sein Geist endlich wieder entspannen und Mulder begriff, dass er immer noch der Mann war, den Scully liebte.
Es war Magie.
Endlich konnte er sich wieder von Herzen geliebt und begehrt fühlen, einfach richtig gut mit jeder Faser von Körper und Seele, ohne dass sich gleich wieder dunkle Gedanken einschlichen, die ganze Atmosphäre vergifteten und ihn mit Panikattacken heimsuchten. Und so konnte er auch Dana wieder lieben, nicht nur seelisch, sondern auch körperlich, was sie beide auch sehr genossen. Sehr sehr...
Endlich konnten sie zusammen wieder glücklich sein. Wirklich glücklich!