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Gott gibt uns Erinnerungen

damit wir Rosen im Winter haben

 

 

 

Für meine Tochter Birgit

 

 

 

 

 

Wie  es  damals  war

 

 

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Erinnerungen - Erlebnisse - Begebenheiten

 

 

 

Zu Papier gebracht von Eckhard Müller

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

                    Inhalt

 

           1.     Die Familie                       1

           2.     Das Elternhaus                37

           3.     Das Dorf                        58

           4.     Schulzeit und Krieg         86

           5.     Der Beruf                      139

           6.     Die Vereine                   214

 

 

 

Vorwort

Schon mehrfach kam mir der Gedanke, einmal alles aufzuschreiben, was mir so als Erinnerung im Kopf herum schwebt. Den direkten Anstoß bekam ich aber von meiner Tochter Birgit. Bei meinen immer wiederkehrenden Erzählungen aus Kinder-  und Jugendzeit meinte sie, das es doch schade wäre, dieses alles der Nachwelt vorzuenthalten. Ich sollte das doch alles einmal aufschreiben.

Da ich mich von Anfang an für Geschichten aus vergangenen Tagen interessiert habe, und ich alle mir habhaft werdenden Bücher und Schriften dieser Thematik - besonders jene aus unser engeren Heimat - mit Begeisterung lese, bin ich immer wieder froh und dankbar, wenn ich auf Erzählungen stoße, die von unseren Altvordern aufgeschrieben wurden. Es waren meist einfache Leute, die aber mit hellen Augen und wachem Verstand durch die Welt gingen.

Ihnen haben wir es zu verdanken, wenn dieser Schatz und diese Fundgrube aus vergangenen Tagen nicht in Vergessenheit geraten ist. Vor solchen Menschen habe ich den allergrößten Respekt und sehe mich irgendwie in die Pflicht genommen.

Ich will hier nun wahrhaftig kein literarisches Kunstwerk schaffen. Dazu fehlt mir weder die schulische Vorbildung noch das sogenannte handwerkliche Können. Die „Schriftgelehrten“ unter meinen Lesern werden sich beim lesen oft genug die Haare raufen. Ich werde nämlich alles so erzählen, „wie mir der Schnabel gewachsen ist.“ Falls ich dabei immer wieder vom vermeintlichen Hauptthema abschweife, so ist das durchaus gewollt. Denn nur so glaube ich es schaffen zu können, alles das zu Papier zu bringen, was mir im jeweiligen Augenblick durch den Kopf geht. Vorrangig ist für mich die schriftliche Fixierung meiner Gedanken für die Nachwelt.

Vielleicht wird sich in künftigen Tagen jemand finden, der diese Zeilen mit Verstand und Interesse zu lesen versteht, und auch ein wenig dankbar dafür ist, das sich damals einer hingesetzt hat, um dieses alles aufzuschreiben.

Oberholz, am 16.Juli 1993

Eckhard Müller

 

 

1. Die Familie

Am 17. Januar 1936 - es war ein Freitag, erblickte ich, wie man so sagt, das Licht der Welt. Es muss so gegen halb neun Uhr morgens gewesen sein, wie mir mein Vater erzählte, und es herrschte Glatteis. Das bekam mein Vater dann auch kräftig zu spüren, als er mit seinem Fahrrad in der Frühe zum nächstgelegenen Telefon nach Birkenfeld radelte, um die Hebamme in Neunkirchen zu alarmieren. Nach eigener Aussage muss er dabei wohl mehrfach mit Mutter Erde in Berührung gekommen sein.

Der Winter 1936 ließ lange auf sich warten. Dann muss er aber wohl mit Macht gekommen sein. Am Weißen Sonntag hat man die Kinder auf den Schultern zur Kirche getragen, weil der Schnee so hoch lag. Im Wald von Hündekausen - so sagte mein Vater,  konnte man bis vor einigen Jahren noch einzelne Schneebrüche sehen, die durch die Schneelast jenes Winters entstanden waren.

Doch zurück zu mir. Meine Familie bestand aus Vater, Mutter und natürlich meiner Oma. Mein Vater hieß Martin Müller. Er stammte geburtsmäßig aus Ober-Bonrath. Sein Vater war Bergmann. Er starb ziemlich früh. Ich glaube, mit 43 Jahren an einer Bergmannskrankheit. Die Mutter meines Vaters war eine geborene Dahlhäuser. Sie hieß Anna Maria und sie war gebürtig aus Nieder-Bonrath. Die Dahlhäuser waren von alters her Müller gewesen. Der Urahn soll im 18.Jahrhundert als Wanderbursche (von Beruf Mühlenbauer) aus Lothringen eingewandert sein. Er hat hier wohl ein Mädchen kennen gelernt und dann später geheiratet.

Er hatte 5 Söhne, und sie hatten alle eine Mühle am selben Bach. Es war die Homburger Bröl. Der alte Dahlhäuser machte jeden Morgen seine Runde. Und wehe, wenn dann in der Frühe eine Mühle noch nicht klapperte. Dann gab es ein großes Donnerwetter. Mein Vater hatte noch einen Bruder und eine Schwester. Der Bruder hieß Peter und war mein Patenonkel (Pattohm). Die Schwester hieß Maria. Sie wurde Kranken­­schwester.

Ein Bruder meines Großvaters (Johann Peter Müller) wanderte nach Nord-Amerika aus. Die große Armut, die damals hier herrscht, trieb viele zu diesem Entschluss. Anfang 1900, - mein Vater war erst ein paar Jahre alt, wollte mein Großvater mit seiner Familie ebenfalls zu seinem Bruder nach Amerika auswandern.

Er verkaufte also seinen Besitz und begab sich dann mit seiner Familie nach Bremen zum Überseehafen. Da ihm jedoch durch einen Arbeitsunfall zwei Finger einer Hand fehlten, wollte man ihm die Einreise nur dann gewähren, wenn er in Amerika jemand benennen konnte, der für ihn bürge. Sein Bruder in Amerika erklärte sich dazu bereit. Aber das wollte mein Großvater nicht, und so kehrte er mit seiner Familie zurück und kaufte in Wellerscheid ein altes strohgedecktes Haus mit etwas Ackerland. Onkel Peter hat den Hof dann später als Landwirt weitergeführt.

Meine Großmutter mußte  nach dem frühen dem Tode ihres Mannes den Hof und die Kinder weiterversorgen. Sie war Näherin und ging - wie es damals üblich war, über die Dörfer und nähte bei den Leuten. Sie war eine resolute Frau und sie sagte es so, wie sie dachte. Oft war das meinem Vater richtig peinlich, wenn sie ihre Meinung so gerade heraus äußerte. Einmal hat sie, als sie abends auf dem Heimweg vom nähen war, einem jungen Mann, der sie begleiten wollte, - was ihr wahrscheinlich nicht passte, - das Bügeleisen an den Kopf geschlagen, so dass der arme Kerl eilends Reißaus nahm.

Mein Vater war ein begeisterter Musiker. Er bekam vom damaligen Lehrer Brandenburg Geigenunterricht. Dafür musste er ihm mittags nach der Schule die Tasche nach Hause tragen. Die beiden hatten nämlich denselben Heimweg. Lehrer Brandenburg wohnte  in Oberwahn. Mein Vater beherrschte die Geige damals sehr gut, und es verging keine Woche, dass er nicht darauf spielte. Selbst dann, als meine Mutter gestorben war, und bei uns die sogenannte Trauerzeit eingehalten werden musste, bei der man weder Radio hören, noch singen durfte - auch wenn's einem später vielleicht einmal danach zumute war, - nahm mein Vater seine Geige und verdrückte sich damit klammheimlich tief in den angrenzenden Rockenbusch damit ihm niemand beim spielen zuhören konnte.

Dann musizierte mein Vater noch auf der Mandoline und auf der Gitarre. Über die Gitarre, die sich als wertvolles Andenken und Erbstück heute noch in meinem Besitz befindet, muss ich noch etwas erzählen. Mein Vater hatte sie in jungen Jahren von durchziehenden Zigeunern erworben. Nach einem feucht-fröhlichen Abend war man sich handelseinig geworden. Stolz zog mein Vater mit seinem neuen Besitz nach Hause. Doch am andern Morgen schwante es ihm wohl, um was für ein wertvolles Stück es sich dabei vielleicht handeln könnte.

Schnell packte er seine neue Gitarre und verkrümelte sich. Und er hatte auch allen Grund dazu. Bald tauchte die ganze Sippe auf, um den Kauf rückgängig zu machen, aber Martin blieb verschwunden.

Dann war da noch die Sache mit seiner Mutter - meiner Großmutter. Einmal, so erzählte er gerne und oft diese Geschichte, saß mein Vater an einem Sonntagmorgen in der Stube und klimperte auf seiner Gitarre herum. Seine Mutter hatte ihn mehrfach aufgefordert, das Spielen sein zu lassen, da man in der Kirche unten im Dorf gerade das Hochamt feierte. (So streng war man damals). Mein Vater dachte wohl, das könne dem Hochamt nicht schaden - und spielte weiter.

Plötzlich erscheint seine Mutter, reißt ihm die Gitarre aus den Händen und knallt sie mit voller Wucht gegen den Türpfosten. Die Gitarre brach am Halsansatz sauber aber endgültig auseinander. Noch heute sieht man die Stelle gut, an der sie mein Vater wieder zusammengeleimt hat. Nach meinen Rückrechnungen muss die Gitarre inzwischen ein Alter von 100 Jahren erreicht haben.

Meine Mutter hieß Josefa. Sie war eine geborene Söntgerath. Sie hatte noch 11 Geschwister. Ihr Vater, - mein Großvater hieß Peter Söntgerath. Er wurde am 14.Mai 1862 hier in Klein-Oberholz (wie es vor der Gebietsreform hieß) geboren. Seine Mutter war eine geborene Fedder. Sie hieß mit ihrem Vornamen Gertrud und stammte auch aus Oberholz.

Mein Opa war von Beruf Zimmermann. Ich hätte ihn gern kennen gelernt, doch er starb bereits im Dezember 1931, zwei Jahre bevor meine Eltern heirateten und fünf Jahre vor meiner Geburt. Aber später dann, bei der Renovierung unseres Hauses, - das er selbst erbaut hatte, habe ich ihn, und von großem handwerklichem Können getragenen Arbeit kennen gelernt!

Während der Woche arbeitete er in der Zimmerei Kreuzer in Roßbroich bei Much. Diese Zimmerei hat unter anderem übrigens auch das Mucher St. Josefshaus erbaut. Nach Feierabend nahm dann mein Opa einen Balken auf seine Schulter, und marschierte mit ihm nach Haus. So kam ein Balken zum andern bis das Haus fertig war. Doch davon mehr im nächsten Kapitel.

Einmal hatten seine Arbeitskollegen, um ihm einen Streich zu spielen, den Balken mit roter Farbe angestrichen, was mein Opa nicht bemerkte. Als er dann zu Hause ankam, war sein ganzer Bart rot geworden. Er trug nämlich einen großen schwarzen Vollbart und muß wohl ziemlich respektabel ausgeschaut haben, denn die Kinder machten einen weiten Bogen um ihn, wenn sie ihm begegneten. Dabei konnte er keiner Maus was zuleide tun. Er hatte, wie man so sagt, eine raue Schale um einen weichen Kern.

Sonntags ging er nach Much zur Kirche. Natürlich alles zu Fuß. Dort versah er das Amt des Kirchenschweizers, eine längst ausgestorbene Einrichtung. Der Kirchenschweizer hatte damals während der Messe und bei den Prozessionen für Ordnung zu sorgen. So etwas kann man sich heute ja nicht mehr vorstellen. Er bekam dann im Kloster sein Mittagessen, und so hatte meine Oma das Essen für ihn eingespart.

Sparen wurde damals groß geschrieben. Mit zwei Ziegen, - so hat man mir erzählt, haben meine Großeltern hier angefangen. Dann haben sie das Haus, den Stall und die Scheune erbaut. Dazu im Laufe der Jahre 10 Morgen Land (2,5 Hektar) Acker- Weideland und Wald erworben. Und 12 Kinder zu anständigen Menschen erzogen. Das alles soll ihnen heute mal jemand nachmachen! Ich ziehe noch heute täglich im Geiste „den Hut“ vor den beiden. Meine Großeltern sind bis heute mein großes Vorbild, auch wenn ich sie nie erreichen werde.

Doch zurück zum Großvater. Leider ist es sehr wenig, was ich über ihn in Erfahrung bringen konnte, aber ein paar Storys hüte ich wie einen Schatz in meinen Erinnerungen. So erzählte mir der Krusen Hein: Als sein Vater einmal.- er war Hufschmied auf der Wohlfarth, - einen neuen Amboss für seine Schmiede geliefert bekam, suchte er ein paar kräftige Männer, die ihm helfen sollten, das schwere Ding abzuladen und an Ort und Stelle zu bringen. So war mein Opa auch mit von der Partie. Als nun alle kräftig zugepackt hatten, und der Amboss, von starken Fäusten gehalten, in der Luft schwebte, rief der Krusen Pitter meinem Großvater zu: „Pitter, ech han och dengen Bart jepackt!“ Das muss für meinen Großvater wohl ziemlich schmerzhaft gewesen sein. Der jedoch rief: „Halt fast!“ Er war eben hart im Nehmen.

Der Stümpers Hannes aus Kranüchel, - er stammte ursprünglich aus Löbach, erzählte mir aus seiner Schulzeit: Wenn die Schule aus war, gingen die Jungen zur Schmiede nach Wohlfarth um sich vom Krusen Pitter Eisenreifen schmieden zu lassen. Die fertigen Reifen konnte man mittels eines Stockes dann prima vor sich her rollen. Ein beliebtes Spiel, - auch in meiner Jugendzeit. Wenn sie dann mit ihrem neuen Reifen heimwärts zogen, kamen sie meist auch am „Schweizers Haus“ vorbei. (So genannt aus bekanntem Grund). Wenn dann mein Opa in der Tür stand, begannen die Burschen zu laufen, als ob der Teufel persönlich hinter ihnen her sei, bis sie am Haus vorbei waren. Ich fragte den Hannes, was denn der Grund ihres Laufens gewesen sei? Ja, sagte er, sie hätten Angst vor dem „Schweizer“ gehabt, der da so groß in der Tür stand. Ich fragte weiter, ob er dann mit ihnen geschimpft hätte oder ob er sonst bedrohlich in Erscheinung getreten sei? - Nö, sagte der Hannes, das hat er nie getan, es war eben so.

          Im Winter, wenn in Richtung Hausbau nicht viel los war, wurden die Zimmerleute in den Wald geschickt, „zum Holzaffmachen“ (zum Bäumefällen). In der Zimmerei Kreuzer wurde kräftig und hart gearbeitet. Es wurde aber auch nicht bei den deftigen Mahlzeiten gespart. Es war bekannt, daß der alte Kreuzer jemand, der beim Essen nicht tüchtig zulangte, wieder nach Hause schickte. Wer beim essen nicht `reinhaut, der ist auch kein guter Arbeiter, pflegte er zu sagen.

So bekamen die Waldarbeiter auch gut belegte Schinkenbrote mit auf den Weg, auf daß sie bei Kräften blieben, denn die Holzarbeit bei wintertags im Wald ist ganz schön kräftezehrend. Trotzdem brachte mein Opa abends immer ein paar Brote mit nach Haus und gab sie seinen Kindern, die sie dann mit Hochgenuss verzehrten. Schinkenbrote waren nämlich zur damaligen Zeit eine Rarität.

Onkel Willi, - genannt „Käuertchen“ (Eichhörnchen), - wohl, weil er sich immer im Wald herumtrieb, - sowie seine Brüder und die Nachbarsjungen waren alle große Wilddiebe vor dem Herrn. Es war damals ja für die meisten von ihnen die einzige Gelegenheit, auf diese Weise  mal ein Stück Fleisch zwischen die Zähne zu bekommen. Einer der Größten dieses illegalen „Gewerbes“ hatte man bezeichnenderweise zum Jagdhüter gemacht. Übrigens eine verbreitete und vor allem effektive Praxis in damaliger Zeit. Denn so ein „vorgebildeter“ Jagdhüter verfügte nicht nur über genaue Kenntnisse im Revier, auch über seine „ehemaligen Kollegen“ wußte er naturgemäß genauestens Bescheid. Für die war es natürlich nun schon fast ein Sport, ihm bei jeder Gelegenheit ein Schnippchen zu schlagen. So wurden manchmal richtige Treibjagden veranstaltet, wenn der „Barry“, - das war des Jagdhüters Spitzname, - anderweitig beschäftigt war. Zum Beispiel beim Böllerschießen anlässig der Fronleichnams­prozession.. Übrigens wird ja auch  heute noch „so mancher Bock zum Gärtner gemacht.“

Nun gut. Mein Opa muss dem Treiben seiner Söhne wohl sehr skeptisch gegenübergestanden haben. Einmal jedoch ließ er sich von ihnen überreden, mit ihnen auf die Pirsch zu gehen. Sein Jagdgewehr war ein alter Karabiner aus dem 1.Weltkrieg. Den habe ich übrigens als Kind noch auf unserem Speicher liegen sehen. Mein Vater hat ihn 1945 beim Einzug der Amerikaner im Rockenbusch vergraben Dort wird er wohl heute noch liegen, aber niemand weiß wo.

Mit diesem Karabiner also schoss mein Opa dann auch richtig auf einen Hasen und traf ihn sogar. Das Geschoß war aber eine ziemlich großkalibrige Bleikugel. Demzufolge muß wohl von dem Hasen, - wie Onkel Willi erzählte, - nicht viel übrig geblieben sein.

Meine Oma hieß Josefa wie meine Mutter und sie war eine geborene Knuth. Sie stammte aus Retscheroth bei Ruppichteroth und war damals bei den Müllers in Amtsknechtswahn als Dienstmädchen „in Stellung“, wie man es ausdrückte. Dort wird sie mein Großvater auch kennen gelernt haben, denn sein Arbeitskollege, der Funken Robert wohnte gleich neben den Müllers.

Meine Oma hat mich im eigentlichen Sinne erzogen. Sie war die dominierende Gestalt in meiner Kindheit. Ich hing an ihr fast mehr als an meinen Eltern. Ich schlief auch nachts bei ihr in der Kammer. Im eigenen Bett natürlich. Jeden Abend vor dem Einschlafen gab’s das gleiche Ritual: Zu erst wurde gebetet. Dann sagte ich. „Nacht Oma“. Wenn sie dann sagte. „Nacht Jong“ - war alles in Ordnung. Sagte sie aber: „Nacht Eckhard“, dann war ein Haar in der Suppe, und sie hatte sich im Laufe des Tages irgendwann über mich geärgert. Das wurde dann aber anschließend mittels einer Belehrung aus der Welt geschafft, und es kam das ersehnte: „Nacht Jong“, und ich konnte beruhigt einschlafen.

Ganz schlimm war es aber, wenn nach meinem „Nacht Oma“ überhaupt nichts kam. Dann war es nämlich zappenduster und sie war richtig böse mit mir. Da habe ich oft im Bett gelegen und geheult. Und sie ließ mich heulen - das war ihre Strafe. Bis dann endlich das erlösende „Nacht Jong“ kam. Ja, - so hat mich meine Oma erzogen.

Sie spielte alle Spiele mit mir die ich so im Laufe der Zeit geschenkt bekommen hatte. Am liebsten spielte ich mit ihr „Mühle“ und „Mensch, ärgere dich nicht“, und natürlich „Mikkado“ und „Schwarzer Peter“. Mogeln meinerseits war fast immer angesagt. Aber meistens übersah sie das. Später hatte meine Oma es mit den Hüften. Künstliche Hüftgelenke gab es ja noch nicht. Das Gehen fiel ihr immer schwerer. Sie muß laufend Schmerzen gehabt haben, aber geklagt hat sie kaum. Ich habe sie praktich nur mit dem Krückstock gekannt.

Wenn sie mit ihrem Stock zwischen Haus und Scheune umherging, machte ich gern einen Bogen um sie herum. Wenn sie nämlich meiner gewahr wurde, dann rief sie: „Komm es her, Jong“. Sie zeigte dann mit ihrem Stock auf abgebrochene Zweige unserer Trauerweide oder der anderen Bäume. Da sie sich nicht bücken konnte, musste ich sie aufsammeln und in den Holzschuppen tragen. Ihr entging aber auch nicht das kleinste Reis.

Am schönsten waren die Winterabende mit ihr. Meine Eltern waren im Stall und fütterten unsere beiden Kühe und unser Schwein. Das Licht war noch nicht an in der Stube. Draußen tiefe Dämmerung. Meistens lag Schnee. Ich lag hinter dem Herd auf der Ofenbank, - dem „Kellerhäuschen“ ( Ein Vorbau über der Kellertreppe, der in unsere Wohnstube hineingebaut war). Meine Oma saß in ihrem Lehnstuhl. Der Feuerschein aus dem Herd spielte an der Decke. Dann erzählte Oma von früher. Leider kann ich mich heute kaum noch an etwas davon erinnern. Aber die alten „Küchenlieder“ und Moritaten, die sie mit einer schönen, klaren Stimme vortrug.

„Mariechen saß weinend im Garten“, von Räubern und Wilddieben war da die Rede. Und dann eines ihrer Lieblingslieder: „Fern bei Sedan, wohl auf der Höhe...“ Ich kann es heute fast noch auswendig.

Wenn dann später meine Eltern aus dem Stall kamen und das Licht anknipsten, war die ganze Herrlichkeit vorbei. Dann wurde zu abend gegessen. Es gab meistens Milch- oder Reisbrei. Aber auch mal Pfannekuchen oder „Flötstöcke“ - auch „Panneschieven“ genannt. Das ging so: Speckwürfel in die Pfanne. Darauf in dünne Scheiben geschnittene rohe Kartoffeln. Dazwischen tüchtig kleingewürfelte Zwiebeln. Das Ganze wurde mit Pfeffer und Salz gewürzt. Die Pfanne kam dann auf den Tisch und jeder konnte mit seiner Gabel zulangen. Am leckersten war für mich die etwas angebackene Kruste am Pfannenboden. (Es gab ja noch keine Teflonpfannen). Dazu gab es Schwarzbrot mit Butter. Ein königliches Mahl! Noch jetzt während des Schreibens läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

Als einziges Kind  meiner Eltern waren diese, - besonders aber meine Oma darauf bedacht, „dat demm Jong nur nüß passiert“. So musste ich oft die unmöglichsten Tricks anwenden, um ins Dorf hinunter zu gehen und mit den anderen Kindern spielen zu können. Das ging vom stundenlangen Bitten bis zum heimlichen Verschwinden.

Hatte ich es dann glücklich geschafft, so dauerte es nicht lange, und es erklang Omas Trillerpfeife. Egal, wo ich mich gerade befand, - ich hörte sie. Im übrigen sagte mir jeder im Dorf sofort Bescheid, denn natürlich kannten alle die Pfeife und ihren Zweck. Ihrem Ruf sofort Folge zu leisten, war für mich oft bitter aber unumgänglich - siehe oben!

Im Winter, zum Schlittenfahren wurde ich erst einmal gegen die kalte Witterung präpariert. Das war dann so gravierend, daß durch alle meine Klamotten, die ich an meinem Körper trug, (Stiefel, Pullover, Jacke, Mantel, Schal, Mütze usw. ) meine Bewegungsfreiheit sehr stark eingeschränkt war. Dieser Aufzug brachte mir im Dorf den Spitznamen „Eisenhans“ ein.

Meine Mutter hatte 12 Geschwister, von denen in meiner Kindheit noch acht lebten. Es waren die Tanten: Klara, Lena, Trautchen, Anna, Finchen, und Mariechen, dann Onkel Johann und Onkel Willi (genannt „Käuertchen“). 4 Brüder meiner Mutter waren schon verstorben: Josef, Peter1, Peter2 und Hein. Ein Kind verstarb im Säuglingsalter. Es war ein Junge und er hieß Peter.

Ich war also mit Tanten und Onkeln, Vettern und Cousinen reichlich versorgt. Sonntags war immer Besuchstag. Das war ja auch ganz natürlich, daß man sich immer wieder bei seiner Mutter im Elternhaus traf. Tante Anna und Tante Trautchen besaßen einen sogenannten „Tante-Emma-Laden“. Die eine in Mitteldorf, die andere in Neunkirchen. Von denen wurde ich ständig, - sehr zum späteren Leidwesen meiner Zähne, - mit Süßigkeiten versorgt.

          Natürlich wurde jeder Geburtstag, Namenstag oder sonstige Familienfeier von der ganzen Sippe mitgefeiert. Man traf sich am Sonntagnachmittag im Hause des jeweiligen „Festveranstalters“ zum Kaffeeklatsch. Meine Mutter hatte an der Lenkstange ihres Fahrrades ein Stühlchen aus Korbgeflecht befestigt. Darin wurde ich transportiert. An diese Fahrten auf Mutters Fahrrad kann ich mich heute noch gut erinnern.

          Mein Vater nahm bei solchen Anlässen oft seine Gitarre oder seine Geige mit und sorgte für die musikalische Unterhaltung. Somit war er überall ein gerngesehener Gast. Die Familienbande waren damals sehr eng und ich habe eigentlich nie bemerkt, das es „Knatsch“ zwischen den Geschwistern gegeben hat. Wahrscheinlich hat Oma auch mal hinter den Kulissen für Ausgleich gesorgt, wenn was „im Busch war“.

Später hat mir mein Vater aus verschiedenen Einzelteilen, - es grenzte fast an Zauberei, - ein Klein-Fahrrad zusammengebaut. Zur damaligen Zeit eine große Rarität, denn es war ja Krieg. Die Reifen hatte er wohl irgendwie organisiert, aber bei den Schläuchen war „Ebbe“. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er sich zu helfen wusste. Ich habe ihm nämlich bei dieser Arbeit sehr interessiert zugeschaut.

Er schnitt zwei normale Fahrrad-Schläuche mittendurch, verkürzte sie auf die richtige Länge, und stückelte (klebte) sie wieder zusammen. Und sie waren und blieben dicht! Mit diesem Fahrrad bin ich jahrelang gefahren. Besonders die Sonntagstouren, die ich mit meinem Vater per Fahrrad unternahm, sind mir bis heute noch in lebhafter Erinnerung. Mein Vater war sein Lebtag ein großer Fahrrad-Fan. Ein Auto besaßen wir natürlich nicht. Die waren damals sowieso ziemlich rar. Bei den oft katastrophalen Wegeverhältnissen hätten sie es aber auch sehr schwer gehabt. Mancher „Platten“ und auch mancher Achsenbruch war da vorprogrammiert.

Die Dorfwege waren durchweg mit groben Schottersteinen „gepflastert“, und meist nur für Pferde-Fuhrwerke passierbar. Da gab es für die männlichen Dorfbewohner eine Gemeindeeinrichtung, die nannte sich „Hand- und Spanndienste“. Hier konnte jeder einen Teil seiner Gemeindesteuer abarbeiten.

So tat man sich im Dorf zu einer bestimmten Zeit zusammen und holte im nächstgelegenen Steinbruch schwere Grauwacke-Steine. Die wurden dann entlang der Dorfstraße aufgeschüttet. Sie bildeten für uns Kinder beliebte Spielmöglichkeiten. Aus den Steinen ließen sich herrliche Burgen bauen. Dabei gab es dann auch mal einen gequetschten Daumen.

Wenn die Feldarbeit getan war, trafen sich die Männer zum „Steineklopfen“. Jeder hatte seinen speziellen Steinhammer dabei. (Ein nicht allzu großer, fast ovaler Eisenhammer, der an einem langen, dünnen aber kräftigen Eichenstiel befestigt war). Damit wurden die großen Steinbrocken zerkleinert und auf die Wege und in die tief  ausgefahrenen Karrenspuren verteilt. Wenn das alles geschehen war, kam für uns Kinder das absolut Größte: Die Dampfwalze wurde bestellt. In diesen Tagen gab es für uns nur ein Thema: Wie schaffe ich es, einmal auf der Dampfwalze mitfahren zu dürfen? Nach langem Nebenherlaufen und inständigen Bittgesuchen hatten wir es dann endlich geschafft. Noch heute meine ich den Geruch des Qualmes der Steinkohlenfeuerung in meiner Nase zu spüren und das Zischen des Wasserdampfes in meinen Ohren zu hören, wenn er aus geheimnisvollen Rohren und Ventilen entwich.

Das Fahrrad war also das Verkehrsmittel überhaupt. Von meinem Vater wurde es aber auch als Transportmittel für alle möglichen Sachen verwendet. Oft hat er im Herbst die prall gefüllten Säcke mit den frisch geernteten Kartoffeln auf sein Fahrrad geladen und wir beide schoben es dann am Abend vom Kartoffelacker nach Hause.

Dann war jeden Monat ein sogenannter „Saupongel“ fällig. Das war grob geschrotetes Getreidemehl und es diente hauptsächlich der Schweinefütterung. Viele solcher Mehlsäcke haben wir beide von der Reichensteiner Mühle und von der Bechermühle nach Hause geschoben. Wie man weiß, sind da einige ziemlich steile Berghänge zu überwinden. Man denke nur an den Olligsberg und den Berg von der Bechermühle hinauf nach Reinshagen.

Am schönsten war es dabei immer, wenn Vater und ich ins „Mühlenstübchen“ eintreten durften. Das war sozusagen das Büro des Müllers. Alles war so wunderbar mehlverstaubt. Das Holz hatte seinen typischen blankpolierten Charakter, wie man es nur in alten Mühlen vorfindet. Wenn der Müller Zeit hatte, - und Zeit hatte man damals fast immer, - dann durfte ich noch, sozusagen als Krönung des Ganzen das große Mühlrad bestaunen. Wenn man Glück hatte, war es sogar gerade in Betrieb.

Wie gesagt, bei schönem Wetter schwangen Vater und ich uns Sonntags nach dem Mittagessen, - dafür verzichtete mein Vater sogar auf seinen obligaten Mittagsschlaf, - aufs Rad. Unsere Ziele waren meistens die Mühlen in der Umgebung, möglichst natürlich mit Besichtigung des Mühlrades. Dann waren alle Kirchen der näheren und weiteren Umgebung im Besuchsplan.

Sie waren ja nicht, - wie heute üblich und leider auch oft notwendig, - verschlossen, sondern alle offen. Manchmal kletterten wir sogar in den Turm, und bestaunten dort die Glocken. Das war nun, so glaube ich, nicht gerade gestattet, aber für mich barg das Ganze ein Prickeln von Abenteuer.

Nun hatte mein Vater mir schon lange von Schloss Homburg erzählt. Er hatte mich richtig heiß darauf gemacht. In meiner Phantasie war es inzwischen zu einem riesigen Märchenpalast angewachsen. Zu einem Besuch unsererseits hatte es aber bisher noch nicht gelangt.

Dann eines Tages tat mein Vater sehr geheimnisvoll. Trotz endlos löchernder Fragen meinerseits ließ er sich nicht erweichen, das Ziel unserer bevorstehenden Reise bekannt zu geben. Wir fuhren also los. Mit der Zeit wurde für mich das Gelände immer unbekannter. Auf einmal sah ich über den Baumwipfeln einen Turm herausragen. Nun stiegen wir vom Rad und gingen zu Fuß über einen steilen Waldpfad den Berg hinauf.

Plötzlich standen wir vor einem torartigen Gemäuer. Bis heute habe ich nicht den Augenblick vergessen, als mein Vater mir dann ziemlich feierlich erklärte: „Das ist Schloss Homburg“.

Ich befand mich damals gerade in meiner „Germanen- und Ritterepoche“. Es folgte später noch die „Indianer- und die Cowboyepoche“, die sich bis zum Ende meiner Schulzeit hinzog.

So war für mich die Besichtigung einer Ritterburg das absolute Traumziel. Immer wieder in den späteren Jahren hat es mich zu diesem Schloss Homburg hingezogen. Einmal habe ich mit meinem Freund, dem Berhausens Heinz, (er war der Sohn des Lehrers), und mit dem Lückerats Peter und dessen Bruder Willi aus Feld den Weg zu Fuß dorthin gemacht. Das war für uns schon ein großes Abenteuer.

Das Schloss war damals noch nicht so herausgeputzt und fremdenverkehrs-attraktiv hergerichtet worden, wie das heute der Fall ist. Die Umgebung zeigte sich noch verwildert und naturbelassen. Von den heutigen Parkplätzen und gepflegten Rasenflächen keine Spur. Im Innern des Schlosses befindet sich das oberbergische Heimatmuseum. Nach der großen Renovierung dort in den letzten Jahren sind die einzelnen Räume zwar nun klar und übersichtlich gestaltet, aber alles wirkt für mich etwas zu nüchtern und kahl im Gegensatz zu früher.

Später bin ich dann immer wieder mit meiner Familie per Auto hingefahren. Ich glaube, es fehlt mir etwas, wenn ich nicht wenigstens einmal im Jahr dorthin komme.

Doch zurück zur alten Geschichte. Wir besaßen damals zwei Kühe und ein Schwein. Später kam noch ein Milchschaf dazu. Das Schwein wurde so Anfang Dezember geschlachtet. Das besorgte der Balensiefers Pitter aus Oberhausen. Am Schlachttag stand bei uns alles Kopf! Die „Breikuhl“, - das war ein großer emaillierter Bottich der an der Unterseite mit einem Feuerofen verbunden war. Diese Breikuhl war für alles gut. Mal wurde die Wäsche darin gekocht, mal Kartoffeln und andere Sachen als Fütterung  für die Tiere im Stall. Auch wurden hier die verschiedenen Fleischstücke vom Schwein eingepökelt.

Am Schlachttag nun wurde darin Wasser zum kochen gebracht. Davon brauchte man nämlich jede Menge zum Überbrühen des toten Schweins, wenn die Borsten abgeschabt wurden. Am schlimmsten war es für mich, wenn man das Schwein aus dem Stall holte, wobei das Tier, - weil es vielleicht schlimmes ahnte, - markerschütternde Schreie ausstieß. Wenn dann später Ruhe eingekehrt war, ging ich vorsichtig um die Hausecke und riskierte einen Blick. Dann lag das Schwein meistens schon auf einer Leiter über einer, mit kochendem Wasser gefüllten Zinkwanne. Das Blut wurde unter ständigem Rühren (damit es nicht gerann) in einer Schüssel aufgefangen und später zu Blutwurst und dem sagenhaft leckeren „Pannas“ verarbeitet. Nachdem alle Borsten fein säuberlich abgeschabt waren, befestigte man das Schwein nun an den Hinterläufen an die Leiter und richtete die Leiter auf.

Nachdem es dann ausgenommen war, hing es nun ein bis zwei Tage an der Leiter. Für mich waren die anatomischen Gegebenheiten des Schweineinnern natürlich hochinteressant.

Dann kam der Tag des „Wurstens“. Wieder erschien der Pitter mit seinen vielfachen Geräten und natürlich mit seiner „Wurstmaschine“. Das war ein ganz normaler „Fleischwolf“ , der bei uns aber immer „Wurstmaschine“ genannt wurde - und wird, - selbst wenn er in der Vorweihnachtszeit zur Herstellung von „Spritzgebäck“ Verwendung findet. Pitters Wurstmaschine war allerdings größer und besaß einige spezielle Teile. Die Wurstmaschine durfte ich drehen. Das war sozusagen mein Privileg. Mit unnachahmlichem Geschick und mit einer sagenhaften Fingerfertigkeit stellt Peter dann Blut- und Leberwürste her. Er band sie zu einem Ring zusammen. Die Würste wurden dann auf eine Bohnenstange oder ähnliches geschoben und auf den Speicher zum Trocknen gebracht. Später, wenn das Rauchfass dann in Betrieb war, wurden die Würste geräuchert. Der Duft des Geräucherten zog herrlich durch das ganze Haus.

Natürlich wurde beim "Wursten" immer wieder von all den Köstlichkeiten probiert. Am liebsten mochte ich immer etwas von der Leber oder vom Well- oder Bauchfleisch, bestreut mit etwas Salz. Was nicht eingepökelt, oder geräuchert wurde wie z.B. die Schinken, wurde von meiner Mutter auf dem Herd in Weckgläser eingekocht. Kühltruhen und -schränke gab es ja nicht.

Von dem Schwein konnte unsere Familie gut das ganze Jahr leben. Denn Fleisch gab es sowieso nur Sonntags, und das auch nicht immer. Die Wurst hielt meistens bis zum Frühjahr. Das war alles ganz normal und wurde durchaus nicht als Mangel empfunden.

Unser Garten hatte ja auch einiges zu bieten. Wir hatten übrigens zwei davon. Unser Hausgarten lag hinter dem Stall, ungefähr da, wo jetzt die Kastanie steht. (1979 gepflanzt.) Der Eingang war bei den Fliederbüschen. Er war wegen unserer Hühner, auch wegen der Nachbarshühner, die alle frei herumliefen, mit Maschendraht eingezäunt. Der andere Garten, - er lag oberhalb des jetzigen Hühnerhofes Söntgerath, - war der sogenannte "Pecksjaden." Warum er diesen Namen hatte, weiß ich nicht. Vielleicht gehörte der Acker einmal einer Familie Pick. Es war eine große Gartenfläche und sie wurde vom halben Dorf genutzt. Hier wurden hauptsächlich Saisonfrüchte angebaut, z.B. Kartoffeln usw. Für die Frauen, die ja meistens die Gartenarbeit besorgten, war der Pecksjaden natürlich ein beliebter Treffpunkt. Oft wurde die Arbeit von einem "Verzällchen" oder vom Begutachten aus Nachbars Garten unterbrochen. Hier erfuhr man das Neueste.

Da der Hühnerauslauf nicht bis hierher reichte, hatte der Garten auch keinen Zaun, und war auch innerhalb zwischen den einzelnen Besitzern nicht eingezäunt.

Aber zurück zur Familie. Neben den vielen Verwandten zähle ich besonders den Onkel und die Tante aus Essen, (die Esse-Tante), wie ich sie nannte. Sie gehörten zu meiner Kindheit, wie noch einige andere Personen, zu denen ich noch kommen werde.

Die "Esse-Tante" war wohl eine Verwandte meiner Großeltern. Wie das zusammenhing, habe ich nie herausbekommen. Ich glaube, meine Mutter nannte sie ebenfalls Tante. Mit richtigem Namen hießen sie Simon und Margarethe Jagusch. Sie hatten in Essen in der Flaßhofstraße ein großes Dachdeckergeschäft. Meine Eltern haben übrigens 1931 dort bei ihnen geheiratet.

Sie waren oft bei uns zu Besuch. Besonders die Tante blieb dann immer ein paar Wochen. In den letzten Kriegstagen, als ihre Wohnung durch Bomben zerstört worden war, haben sie lange bei uns gewohnt. So waren sie auch im April 1945 bei uns, als die Amerikaner kamen. Doch davon später mehr in einem anderen Kapitel.

Dann gab's  da noch den Knipps Fernand aus Köbach. Auch er gehörte zu meiner Kindheit und gewissermaßen auch zur Familie. Er war schon älter und hatte in den 20er Jahren wie viele andere beim Bau der Wahnbachtalstraße mitgearbeitet. Sein damaliger Arbeitskollege war Justin Söntgerath. (Der Bruder meines Großvaters). Er wohnte unten im Hof. („Hof“ ist die landläufige Bezeichnung für „Dorf“). Fernand hatte nun die Angewohnheit, des Sonntags nach der Frühmesse seinem alten Arbeitskollegen einen kurzen Besuch abzustatten, und die neuesten Nachrichten auszutauschen.

Anschließend kehrte er dann zu einer Tasse Kaffee bei uns ein. Ich schlief damals ja bei meiner Oma in der Kammer neben unserer Küche. (Die Kammer ist jetzt unser Wohnzimmer.) Gewöhnlich lagen Oma und ich noch in unseren Betten. Fernand trat denn ohne große Umstände - ohne Anzuklopfen natürlich - zu uns ein.

Nach einem "Morjen Sevchen, morjen Jong" und einem kurzen Überblick des „heutigen Evangeliums“(Tatsache!) begab er sich in die Küche. Wenn ich dann später aufgestanden war, durfte ich auf seinem Knie reiten. Dabei hielt Fernand seinen Krückstock in beiden Händen und wippte mit ihm auf und ab. Dieses Ritual wiederholte sich fast jeden Sonntag.

Später dann in der Schule war wohl dem Lehrer der zwanglose Umgangston zwischen uns Kindern und den älteren Leuten zu Ohren gekommen. Er hielt uns einen längeren Vortrag über gutes Benehmen, speziell darüber, dass wir Kinder alle und jeden aus unserer Nachbarschaft duzten.

Voller Bangen sah ich nun dem kommenden Sonntag und dem Besuch von Fernand entgegen. Der kam dann auch pünktlich wie immer. Nach seinem gewohnten „Guten Morgen“ druckste ich lange herum, bis ich endlich ein schüchternes „Morgen, Herr Knipp“ herausbrachte.

Der schaute mich entgeistert an, und fragte, wer mir denn den Floh ins Ohr gesetzt hätte. Als er dann die Geschichte aus unserer Schule vernommen hatte, lachte er schallend auf. Damit war die Sache erledigt und es blieb natürlich beim gewohnten „Du“.

Weiter gab es da noch den Willi Jakobi nebst seinem Vater aus Lüdenscheid. Sie gehörten auch zu meiner Kindheit und irgendwie zur Familie. Wir hatten damals viele - vom Großvater angepflanzte Obstbäume mit vielen verschiedenen Sorten Äpfel, dazu Birnen und Pflaumen. Nur Kirschbäume (sehr zu meinem Leidwesen) fehlten.

Nach dem Kriege ergab es sich nun, dass dieser Willi Jakobi, - wahrscheinlich  wie damals so üblich - auf seiner "Hamstertour" auch bei uns einkehrte. Daraus entstand eine Beziehung, die viele Jahre anhielt.

In den darauf folgenden Jahren, zur Apfelernte erschien dann der Willi mit seinem kleinen Lieferwagen. Später brachte er auch seinen Vater mit. Die beiden wohnten dann eine Woche oder auch länger bei uns. Sie schliefen im Zimmer links vom Flur, (dem jetzigen Badezimmer). Es stand ja sonst leer, und war damals so eine Art Gästezimmer. Es war übrigens oft belegt: Einquartierung von Soldaten, Verwandtenbesuche aus der Ferne, Ausgebombte (siehe Essetante) usw.

Die Jakobis hatten wohl in Lüdenscheid eine Metallwarenfabrik. Sie brachten uns nämlich immer ihre Erzeugnisse mit. (Im Tausch gegen unsere Äpfel). Das Geld hatte ja durch die Inflation nach dem Kriege keinen Wert mehr. Ihre Mitbringsel waren aber mehr als Geschenke zu verstehen, denn meine Eltern wollten ja nichts für das Obst haben, wir hatten davon ja in Überfluss.

Sie brachten meistens Töpfe und Küchengeräte mit. Die Töpfe waren aus Leichtmetall. Es waren auch Essbestecke und sonstiger Kleinkram dabei. Das alles war natürlich nicht von großer Qualität. Es war halt "Nachkriegsware", wie man sie später bezeichnete. Trotzdem haben sie in unserem Haushalt lange Zeit ihren Dienst verrichtet. Ein paar solcher Sachen müssen jetzt wohl noch im Hause sein.

Wenn die Jakobis bei uns wohnten, dann waren sie - wie früher so üblich - voll in die Familie integriert. Ein unkomplizierter Umgang war selbstverständlich. Unsere sanitären Einrichtungen, (in einem der nächsten Kapitel genauer beschrieben; waren wie überall auf dem Lande gleich null. Von einem Badezimmer natürlich keine Spur. Und natürlich auch kein "fließendes Wasser." Das Wasser holten (pützten) wir aus dem Brunnen (Pütz) vor unserem Haus. Dabei hatten wir noch Glück. Viele mussten das Wasser per Trag-Esel (ein Brett über den Schultern woran links und rechts je ein Eimer hing), aus einem weit entfernten Brunnen holen. (Zum Pütz auch später mehr).

Unsere Toilette war ein Außenklo (Plumsklo) wie überall in unserer Gegend. Trotzdem habe ich nie bemerkt, dass die Jakobis oder sonst jemand etwa die Nase gerümpft hätte, und das wäre mir bestimmt in Erinnerung geblieben. Denn als Kind kann man da manchmal ganz schön feinfühlig sein, ohne daß es von den Erwachsenen bemerkt wird

Ganz im Gegenteil! Die Jakobis wussten kräftig mit anzupacken. Wie oft habe ich mit Vater Jakobi Holzstämme zu Brennholz zersägt. (Eine fast täglich anfallende Arbeit, um den Herd in Betrieb zu halten). Ich erinnere mich noch gut, wie der alte Jakobi mir an Hand des Schnittwinkels am Stamm die effektivste, kraft- und zeitsparendste Art des Sägens erklärte. Vater Jakobi hat damals immer versucht, mir in dieser Hinsicht etwas beizubringen. Immer gab es bei ihm was zu erklären. Wenn ich auch nicht alles verstanden und behalten habe, so ist es ihm doch gelungen, mich in meinen frühen Kindertagen für Neues zu interessieren und er hat mir beigebracht, alles zu hinterfragen und unsere Welt stets mit neugierigen Augen zu betrachten.

Diese Geschichten hören sich heute ziemlich banal wenn nicht belanglos an. Für mich aber und meine kleine dörfliche Welt waren diese Begebenheiten durchaus von großer Bedeutung und hatten für mich prägenden Charakter. Leider ist die Verbindung zu den Jakobis in den späteren Jahren abgebrochen.

Nun muß ich aber noch die Geschichte von Fritz Kerwin und Willi Sandmann erzählen. Diese Episode ist wohl die nachhaltigste meiner Kindheitserinnerungen. Obschon sie nur ein knappes halbes Jahr dauerte, kommt sie mir heute immer noch mindestens ein halbes Jahr länger vor.

Es war im Herbst 1939. Ende Oktober. Die deutsche Wehrmacht hatte den "Polenfeldzug" - Überfall auf Polen - beendet. Die dort zum Einsatz gekommenen deutschen Soldaten kamen nun mit ihren Fahrzeugen und Pferden ins Rheinland auf Fronturlaub. Es waren Teile des 12.mecklenburgischen Artillerie-Regiments. Sie stammten hauptsächlich au Mecklenburg und Pommern. Sie blieben hier den ganzen (schneereichen) Winter bis zum 10.Mai 1940.

Sie wurden bei uns in den einzelnen Häusern zu den Familien einquartiert. Da bei uns ein Zimmer leer stand, wurden uns 2 Mann zugeteilt. Großes Rätselraten bei Eltern und Oma. Wer wird es wohl sein? Bis heute ist es mir noch in lebhafter Erinnerung. Wir standen alle am Küchenfenster. Ich sehe noch vor mir, wie die beiden Soldaten mit ihrem umfangreichen Gepäck vom unteren Dorf her den "Schweizersberg" raufmarschiert kamen. Marschieren ist wohl übertrieben gesagt, denn sie hatten einen gemächlichen Trott drauf. Einer hatte sein Akkordeon über die Schulter hängen. Ich höre noch heute, wie meine Mutter sagte: "Oh Jott, en Spellmann." Mein Vater war da natürlich sofort total begeistert. Der mit dem Schifferklavier war Willi Sandmann. Der andere hieß Fritz Kerwin. Er stammte von der Insel Rügen.

Die beiden brachten nun, wie man so sagt, Leben in die Bude. Fast jeden Abend trafen sich Kameraden von ihnen und unsere Nachbarn bei uns. Man hatte ja Zeit, und die Feldarbeit war zu Ende. Dann wurde "Schwarzer Peter" gespielt, das die Heide wackelt. Manchmal schickte man jemand nach Wohlfahrt zum Gasthaus Steimel, um einen Krug Bier zu holen. Ansonsten war Alkohol Nebensache. Wer am Schluss den Schwarzen Peter hatte, der hatte das Spiel verloren. Ich durfte dann mit einem Korken, den ich vorher an der Innenseite unserer Ofentür tüchtig schwarz gemacht hatte, dem armen Opfer meinen Stempel ins Gesicht drücken. Manche sahen später aus wie halbe Neger. Leider wurde ich - für mich immer viel zu früh - zu Bett geschickt.

Wohl aus alter Gewohnheit, hing ich damals mit meinen vier Jahren immer noch "an der Flasche." Das heißt im Klartext: Ich ließ mich durch nichts davon abbringen, meine Milch aus einer Tasse zu trinken. Da kam nur die "Pulla" in Frage. Mama und Oma ließen mir meinen Willen. Nicht so Fritz und Willi. Eines Tages war die "Pulla" fort. Nun stand ich da. Milch war von klein an für mich Lebenselixier. Ich trank sie immer mit Wohlbehagen. Und nun das! Wohl oder übel probierte ich es nun mit der Tasse. Und, oh Wunder, nach ein paar Tagen hatte ich mich richtig an das neue Trinkverhalten gewöhnt. Als dann später, aus unerfindlichen Gründen die Flasche plötzlich wieder auftauchte, hatte sie für mich nur noch Museumswert. Die beiden "Übeltäter" Fritz und Willi hatten also geschafft, was Mutter und Oma, sicher aus Angst vor meinen Tränen nicht riskiert hatten.

Dann erinnere ich mich noch gut, dass die beiden mich zum Kahnfahren auf dem Herrenteich mitnahmen. Kahnfahren war damals für mich etwas absolut Gefährliches. Kein Mensch hatte es bis dato geschafft, mich zum Besteigen eines solch schwankenden Wasser-Fahrzeuges zu bewegen. Doch die beiden schafften es. Fortan war ich ein begeisterter Anhänger des Rudersports, und wenn es mal wieder hieß: „Komm, lasst uns Kahnfahren“, war ich vorneweg.

Später dann ließ der Fritz, - er hatte erst kurz vor Kriegsbeginn geheiratet,- seine junge Frau Herta von der Insel Rügen nach hier kommen. Willi bekam ein anderes Quartier und so hatten die beiden ihr Reich für sich. Sie verbrachten jetzt bei uns praktisch ihre Flitterwochen. Ich habe noch heute das Bild vor Augen, wenn die Herta ihrem Fritz vor unserer Haustür die Soldatenstiefel putzte.

Für mich war es eine schöne, unbeschwerte und wohlbehütete Kinderzeit. Willi Sandmann hat hier auch seine spätere Frau kennengelernt und nach dem Kriege in Herchenrath, später in Siegburg gewohnt. Er ist in den 60er Jahren verstorben.

Mit den Kerwins haben wir Anfang der 60er Jahre Verbindung aufgenommen, indem ich einfach aufs Geratewohl einen Brief nach Rügen schickte. Den Namen des Ortes (Puttbus) hatte ich noch in Erinnerung. Und tatsächlich erhielten wir auch bald eine Antwort. Fritz und Herta waren überglücklich über unser Lebenszeichen. Viele Jahre haben meine Frau und ich den beiden zu Ostern und Weihnachten und den jeweiligen Geburtstagen Pakete mit Lebensmitteln, Apfelsinen, Schokolade, Kaffee Strümpfen usw. geschickt. Alles unerschwingliche Dinge in der ehemaligen DDR. Leider ist es nie zustande gekommen, dass wir uns wiedergesehen haben. Auch bedingt durch die Schwierigkeiten der deutsch-deutschen Grenze damals. Fritz ist dann später gestorben. Da wir seit 1989 nichts mehr von Herta gehört hatten, glaubten wir von ihr dasselbe. Doch zu unserer großen Freude und Überraschung rief sie uns am Hl.Abend 1994 an. Sie ist fast 80 Jahre, und es klappt nicht mehr mit dem schreiben. Wir werden wieder in Verbindung treten.

Doch nun muss ich noch etwas über die Weihnachtszeit meiner Kindheit erzählen. Ich möchte von mir behaupten, dass ich eigentlich so ein richtiger „Weihnachtsmann“ bin. Das heißt, für mich ist das ganze Jahr immer so ein bisschen Weihnachten. So richtig beginnt es im Spätherbst. Ich zähle die Tage bis zum 1.Advent. Ich laufe in unserer Fichtenschonung herum und suche den späteren Weihnachtsbaum aus. Ich mache Pläne für das Festtags-Menue (Pute) usw. Und ich schwelge in Erinnerungen an die Weihnachtszeit meiner Kindheit.

Damals kam also zuerst der Nikolaus. Unsere Nachbarin „et Krusen Sofi“ (Sofie Kraus) - sie war übrigens noch unverheiratet - machte bei uns im Dorf den Hl. Mann. Tage vorher wurde es aber schon spannend. Abends, wenn ich mit meiner Oma „Mühle“ oder „Mensch ärgere dich nicht“ spielte, oder aber im Dunkeln mit ihr zusammen am warmen Küchenherd saß, während meine Eltern noch im Stall die Tiere versorgten, klopfte es dann plötzlich ans Fenster. Da ging es mir kalt über den Rücken. Mutig ging meine Oma ans Fenster und öffnete es. Dann flog auch schon eine Tüte mit Plätzchen und Süßigkeiten in die Stube. Meistens platzte sie dabei auf und zitternd vor Angst und Aufregung sammelte ich die Köstlichkeiten auf. Wenn Papa und Mama dann aus dem Stall kamen, erzählte ich ihnen aufgeregt mein Erlebnis.

Am Nikolausabend erschien dann Sofie in Gestalt des Hl. Mannes an der Tür, mit diesem grauenhaften, bösen Hans Muff, den sie aber später draußen ließen, da ich zum Gottserbarmen heulte und brüllte vor Angst. Der Nikolaus reichte schon. Manchmal bin ich dabei glatt unters Sofa gekrochen.

Später kam der Nikolaus dann nur noch nachts, das heißt, ich stellte am Vorabend den Nikolausteller auf. Das war der große Messing-Teller unserer alten mechanischen Küchenwaage. Ganz früh am Morgen lief ich dann bibbernd in die Küche, um mir den gefüllten Teller und die anderen Gaben anzusehen. Da lagen meistens die traditionellen Malbücher samt Malstifte. Eines durfte dabei aber nicht fehlen - und fehlte auch nie: Außer dem obligaten Weckmann mit Pfeife (Hierzbock) war da noch ein ganz besonderes Gebilde. Es war ein, aus Teig geformter Mann, welcher auf einem Pferd ritt. Eine Besonderheit, die nur ich besaß, und die jedes Mal von den Nachbarskindern gebührend bewundert wurde. Dieser „Reitende Hierzbock“ stammte von meinem Pattohm.(Mein Patenonkel Peter aus Wellerscheid). Er ließ ihn imer in der dortigen Bäckerei Steeger für mich backen. Wenn ich dann alles genau bewundert hatte, kroch ich selig ins warme Bett zurück.

Um den Nikolaustag wurde dann auch - wie überall in der Nachbarschaft - unser Schwein geschlachtet. Deshalb habe ich wohl bis heute das Gefühl, wenn ich den von mir so sehr geschätzten Pannas esse, es sei Nikolaustag.

Dann kam die Zeit des Plätzchenbackens. Uns Kindern wurde dann gesagt, das Christkind habe jetzt dermaßen viel um die Ohren mit backen und so, das Mutter ihm helfen müsse. Die fertigen Plätzchen wurden dann, wie man mir sagte, auf den Older (Speicher) gestellt, von wo sie das Christkind dann abholte. Merkwürdigerweise brachte es dann aber zu Weihnachten immer wieder unsere eigenen Plätzchen. Nie tat es einen falschen Griff, wobei dann auch Plätzchen unbekannter Herkunft auf meinem Teller gelegen hätten. Das hat mir übrigens damals immer zu denken gegeben.

Natürlich half ich beim backen. Mit den Blechförmchen stach ich den Teig aus. Wenn das Backblech voll war, schob es meine Mutter in den Backofen unseres Küchenherdes. Der wurde gestocht (geheitzt) mit Holz und Brikett. Es war eine Kunst für sich, im Backofen eines solchen Herdes zu backen. Meine Mutter beherrschte diese Kunst allerdings profiehaft! Kaum, dass einmal ein Plätzchen zu hell oder zu dunkel war, oder gar verbrannte. Wie viele Kuchen, Torten (die später gefüllt und mit Buttercreme verziert wurden) usw. sind durch diesen alten Backofen gegangen. Da gab es kein Termostat mit Einstellung 175 Grad - Heißluft. Alles ging nach Gefühl und Erfahrungswerten. Die Koch- und Backeigenschaften dieses Herdes standen dem eines heutigen modernen Elektroherdes in keiner Weise nach. Man musste nur den Umgang mit ihm kennen.

In den Wochen vor Weihnachten war es damals oft schon recht kalt und es lag häufig auch schon Schnee. Das war dann die Norm. Wir Kinder vergnügten uns draußen mit Schlittenfahren, Schneemann bauen und "Bahnhauen" auf dem Eis. Nach einem kräftigen Anlauf schlitterte man mit den Füßen über die Eisbahn (Eisfläche). Bevorzugte Eisbahnen waren der Brandweier unten im Hof (Dorf) - so genannt, weil er bei einem Brand als Wasser-Reservoire diente. Dann gab es noch im Rockenbusch verschiedene alte Lehmkuhlen, die sich nach den herbstlichen Regenperioden randvoll mit Wasser gefüllt hatten, und nun zugefroren, eine herrliche Eisfläche darstellten.

Schlittschuhe gab es ja kaum. Ich habe jedenfalls nie welche besessen, obwohl sie auf keinem meiner Weihnachtswunschzettel fehlten. Meine besorgten Eltern dachten dabei wohl auch an bevorstehende Arm- und Beinbrüche.

Heiligabend wurde ich ganz früh zu Bett geschickt. Die Kammer, in der ich schlief, lag direkt neben der Wohnstube. Für meine Eltern muss es wohl nicht leicht gewesen sein, dort dann die Weihnachtsvorbereitungen zu treffen, ohne das ich im Nebenzimmer etwas davon mitbekam. Später dann, in den Jahren meiner ersten Zweifel, konnte ich bei genauem Hinhören einige Geräusche identifizieren. So zum Beispiel das Rascheln des Christbaumes usw. Die Kammertür, welche natürlich nicht ganz dicht schloss, wurde von der Stube her mit einer Decke verhangen, so daß kein verräterischer Lichtstrahl in meine Kammer fiel.

Am Morgen, nachdem ich aufgestanden war, kam der große Augenblick und staunend stand ich vor der ganzen Herrlichkeit. Ich erinnere mich noch gut an jenen unvergessliche Weihnachtsmorgen, - es war wohl an meinem 6.Lebensjahr,- als ich um ersten Mal mit meinen Eltern zu Fuß durch den knirschenden Schnee und die sternklare Winternacht zur Christmette nach Kreuzkapelle gehen durfte.

Gegen 4,oo Uhr in der Frühe wurde ich geweckt. Bibbernd vor Kälte und Aufregung betrat ich unsere Stube. In der Ecke zwischen den beiden Fenstern stand der Christbaum auf einem kleinen Tisch. Ihm zu Füßen auf grüner Holzwolle die Figuren unserer Krippe mit Maria, Josef, dem Jesuskind und den Hirten mit ihren Schafen. Auf dem Küchentisch die bunten Teller mit den Süßigkeiten und den Geschenken, welche ich nur mit einem flüchtigen Blick erhaschen konnte, denn meine Eltern drängten zum Aufbruch.

Unterwegs trafen wir auch die Leute aus den Nachbardörfern. Die Kirche war überfüllt. Fast geblendet war ich vom Glanz der vielen Kerzen an den großen Tannenbäumen rund um den Altar und unserer schönen, alten Krippe mit den großen, herrlichen Figuren und dem strohgedeckten Stall. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie sehr ich in Gedanken während der Christmette meine ebenfalls anwesenden Schulkameraden und Nachbarskinder bedauerte, die, - davon war ich felsenfest überzeugt, - nicht so ein wunderschönes Weihnachtsfest feiern konnten wie ich.

Wieder zu Hause, wurde der Ofen angezündet. Die Oma stand auf und gemeinsam bewunderten wir nun meine Geschenke. Es war ja Kriegszeit und wir waren nicht gerade wohlhabend. Es gab also typisches Kriegsspielzeug, Zinnsoldaten, Kanonen aus Blech, mit denen man Erbsen in die Luft schießen konnte usw. Eine Ritterburg war ebenfalls einmal unter den Geschenken. Auch ein Flugzeug, das man auseinander- und wieder zusammenbauen konnte. Ich glaube, es war eine Me 109. Alles natürlich aus Blech. Kunststoff gab es ja noch nicht. Dann war da ein Holzbaukasten. Einmal erhielt ich eine Eisenbahn zum Aufziehen mit den dazu gehörigen Schienen, welche man in Kreisform zusammenstecken musste. Auch mein sehnlichster Wunsch nach einem "Stabilbaukasten" (Metall-Baukasten) ging irgendwann in Erfüllung. Mit diesem Kasten habe ich Lastkräne, Autos, Schiffe und vieles andere gebaut. Damals der Traum eines jeden Jungen. Dann bekam ich auch ein Paar Ski. Die waren echte Handarbeit vom Schreinermeister Peter Knipp aus Much. Sie waren erst im letzten Augenblick fertig geworden, denn der schwarze Lacküberzug war noch nicht ganz trocken. Es war das erste, was ich nach meinem Erwachen am Weihnachtsmorgen roch.

Das Mittagessen an Weihnachten war bei uns normales Sonntagsessen. Das heißt: Es gab meistens Suppenfleisch, Schweinebraten aus dem bekannten Einkochglas oder sonst etwas vom Schwein. Dazu Kartoffeln und Gemüse aus eigenem Anbau.

Am Nachmittag kamen dann Onkeln, Tanten, Vettern und Cousinen an. Da kam für mich auch noch einiges an Geschenken zusammen. Ich hatte dabei die größte Sorge um mein Spielzeug, damit nichts in die Brüche ging. Besonders am 2.Weihnachtstag, wenn wir Kinder „reihum“ gingen, um die jeweiligen Geschenke der andern anzugucken. Einige von ihnen entwickelten dabei immer ein, für mich rätselhaftes Talent, meine Sachen kaputt zu machen - kaum das sie diese in ihrer Hand hielten. Oft war dann der Schaden nicht mehr zu reparieren. Heute wäre das ein Leichtes gewesen bei der Auswahl an Klebemitteln. So auch beim Malen mit meinen Bundstiften. Da brach ihnen regelmäßig die Spitze ab, wogegen ich stundenlang ohne Malheur malen konnte. Und so war ich dann immer froh, wenn ich meine Spielsachen endlich zur eigenen, freien Verfügung hatte.

Ich war als Kind überhaupt, - eigentlich bis heute, - ein guter „Alleinunterhalter“. Das heißt, ich konnte mich jeden Tag immer wieder mit meinen Spielsachen beschäftigen, ohne dass dabei Überdruß oder Langeweile bei mir entstanden wäre.

Als dann später das Lesealter anbrach, wurde ich förmlich zur „Leseratte“. Ich laß alles, was mir in die Quere kam. Leider gab es in unserem Haus kaum ein Buch, geschweige denn ein Kinderbuch. Erst später erhielt ich dann „Der Jugend Mußestunden“. Ein Kinderbuch mit Bildern, gedruckt so um die Jahrhundertwende. Ich kannte es bald vor- und rückwärts. Noch heute könnte ich fast alle Geschichten aus jenem Buch nacherzählen. Ebenso die Gedichte. Dann besaß mein Vater noch einen Prachtband „Schillers Werke“. (Größe 20x30) Er war irgendwann einmal auf verschlungenen Wegen in unser Haus geraten. Er beinhaltete die bekanntesten Dramen, wie: „Wilhelm Tell“, „Die Jungfrau von Orleans“, „Wallenstein“, „Macbeth“, „Die Braut von Messina“, „Die Prosaischen Schriften“ usw. Das alles habe ich damals gelesen und natürlich mit meinen 8-9 Jahren nur die Hälfte oder weniger verstanden. Am meisten störte es mich, wenn die handelnden Personen mit Doppelpunkt am Anfang des Satzes erschienen. Das kam mir irgendwie unnatürlich vor. Ich wusste ja nicht, dass es sich hier um Theaterstücke handelte.

Dann gab es bei uns noch den „Ulenspiegel“ von Charles de Coster. Wie der in unser Haus geraten ist, das gibt mir bis heute noch Rätsel auf. Jedenfalls habe ich das Buch irgendwann auf unserem Speicher aufgestöbert und natürlich sofort gelesen. Ich glaube sogar mehrmals. Leider fehlten die letzten wichtigen Seiten, und so blieb das Ende der Geschichte für mich im Dunkeln. Erst vor einigen Jahren habe ich den Ulenspiegel - diesmal aber komplett - in einem Buchladen käuflich erworben, und ihn zu Ende gelesen.

Bekanntlich hat de Costers „Ulenspiegel“ kaum etwas mit jenem Schalksnarren namens Eulenspiegel aus Mölln zu tun. Ulenspiegel, der mit seinem dicken und überaus sanftmütigen Freund Lamm Goezak durch die Lande zog, hatte sich dem Freiheitskampf der Flamen gegen die spanische Krone verschrieben. Das meiste blieb mir also wieder mal schleierhaft. Trotzdem, so glaube ich, ist damals immer was hängen geblieben, mit dem ich später etwas anfangen konnte.

Ich habe mir sowieso mein Weltbild aus Büchern herangezogen. Was man uns in dieser Hinsicht in der Schule beigebracht hat, ist gleich null! - Doch davon in einem anderen Kapitel.

Dann war da noch die Maria Schiffer. Sie war die Schwester unseres Pastors von Kreuzkapelle, Leopold mit Namen. Maria wurde von uns Kindern kurz „de Pastursch Koch“ genannt. Sie besuchte uns regelmäßig, speziell meine Oma, mit der sie ein gutes, freundschaftliches Verhältnis verband. Fräulein Schiffer versorgte meine Oma immer mit Lesestoff. Oma las übrigens auch viel und gern. Die Bücher besorgte sich Maria Schiffer nicht ganz legal, nämlich aus der Pfarrbücherei, welche im Pfarrsälchen untergebracht war. Das Pfarrsälchen grenzte direkt an das Wohnhaus des Pastors, und war von dort aus durch ein Tür direkt zu erreichen.

Ich laß natürlich alle Bücher mit. Es waren die üblichen Heimatromane und auch viele Erzählungen von Wilhelm Herchenbach, einem Sohn unserer Heimat. Natürlich fanden nicht alle Bücher den Weg zurück nach Kreuzkapelle. Ein paar dieser alten Schinken befinden sich heute noch in meinem Besitz. Ein Buch hatte es mir besonders angetan. Es waren die „Soldatengeschichten“ von Ferdinand Bonn. Ich kannte es fast auswendig. Es war bebildert und stammte aus der Jahrhundertwende, als das Soldatsein sich hauptsächlich in der Kaserne und im Manöver vollzog. Noch heute könnte ich noch alle Geschichten nacherzählen. Zum Beispiel: „Die unheimliche Nachtwache“, „Eine Million“, „Die ärarischen Stiefel“, „Die "Schlacht" bei Bronnzell“, „Muckl, der Luftschiffer“ usw. Irgendwann ist mir das Buch, - sehr zu meinem Leidwesen, - abhanden gekommen. Trotz vielerlei Suchen in Antiquitätenläden und auf Flohmärkten habe ich bis heute eine Ausgabe der Soldatengeschichten nicht wieder gefunden.

Meine Kindheit war, wie damals bei allen Kindern auf dem Lande, natürlich auch angefüllt mit Arbeit. Nach Schule und Hausaufgaben war es selbstverständlich, meinem Vater in unserer kleinen Landwirtschaft zur Hand zu gehen. Das kam mir natürlich nicht immer gelegen. Besonders im Sommer, wenn ich die Kinder unten im Hof lärmen und spielen hörte, und ich dann mit unseren beiden Kühen zum Hüten losziehen musste. Das Kühehüten zieht sich übrigens wie ein roter Faden durch meine Kindheit, und war für mich hauptsächlich eine äußerst langweilige Angelegenheit.

Unsere Felder und Wiesen lagen weit verstreut. Das änderte sich erst nach der sogenannten „Flurbereinigung“ in den 50er Jahren, als man daranging, die vielen einzelnen Parzellen zu großen  zusammenhängenden Flächen zusammen zu legen. Wir besaßen z.B. Weidenstücke (Grünflächen) auf der „Hongsecht“, im „Engelderfeld“ und die „Köbacher Wiese“, einem ausgetrockneten alten Fischweiher, durch die aber noch ein kleiner Bach floss.

Es war immer ein langer Weg, wenn ich mit den Kühen am Strick zum Hüten auszog. Hatte ich das Ziel erreicht, löste ich die Stricke vom Zaum, und beide, - Kühe und ich, - hatten mehr Bewegungsfreiheit. Natürlich barg die Sache das Risiko in sich, daß die Kühe die ihnen gebotene Freiheit ausnutzten und sich in die nahen Büsche schlugen. Meistens nur, um der lästigen Fliegen einmal gründlich Herr zu werden. Oft hatte ich dann meine liebe Not, bis ich sie wieder an alter Stelle versammelt hatte. Manchmal gelang mir das aber nicht. Ich erinnere mich noch gut, wie ich einmal heulend aus dem Engelderfeld (in Richtung der Ortschaft Engeldt gelegen) nach Hause gelaufen bin, um meinem Vater die Schreckensbotschaft zu verkünden, unsere Kühe seien in den Wald gelaufen und nicht mehr auffindbar.

Mein Vater ließ alles stehen und liegen, und begab sich mit mir Richtung Engelderfeld. Unterwegs musste ich mir seine, mit kräftigen Flüchen gespickte Schimpfkanonade über meine offensichtliche Unfähigkeit zum Kühehüten anhören. Als wir dann an der Unglücksstelle ankamen, waren die Biester friedlich nebeneinander am grasen, als ob nichts geschehen wäre.

In der Köbacher Wiese war es da schon interessanter. Dort konnte ich herrlich am Bach spielen. Meine Spezialität war das Bauen von Wasserädern. Hatte ich sie richtig „in Stellung“ gebracht, dann drehten sie sich auch nach Tagen noch, wenn ich wieder zum Hüten erschien. Dann war ich immer mächtig stolz.

Mein Vater und ich haben von dort auch so manche Schubkarre Gras nach Hause gefahren. Die Wiese lag ziemlich tief in einer Art Schlucht. Mit einem größeren Fuhrwerk war da kein Hinkommen. Ich musste dann die volle Karre mit Gras, welches mein Vater vorher mit der Sense abgemäht hatte, mit einem Strick vorne ziehen, während sie mein Vater schob. Zwischendurch gab es dann immer mal wieder eine Rast. Vater steckte seine Pfeife in Brand. Während wir dann so saßen, erklärte er mir die Dinge aus Wald und Flur um uns herum. Zum Beispiel die einzelnen Baumarten, die Namen der Vögel und der Gräser. Er wusste da so einiges. Davon habe ich mehr behalten als von so mancher trocken-langweiligen Schulstunde im „Suudbösch“ - (das war die Bezeichnung für unsere Schule - davon später mehr.)

Wir besaßen kein Pferd. Dafür war unser Betrieb zu klein. So wurden halt unsere Kühe als Zugtiere genommen, was damals durchaus üblich war. Sie mussten allerdings zuerst „gewöhnt“ werden, und das dauerte seine Zeit. So hatten wir unsere Kühe meist viele Jahre, denn eine neue Kuh wieder zu gewöhnen war halt schwierig. Natürlich war der Milchertrag nach einem Arbeitseinsatz der Tiere dementsprechend.

So besaßen wir auch alle notwendigen Geräte, wie Karre, Leiterwagen, Pflug (Hongsploch), Egge, Kultivator (Fröselploch), sowie das übliche Leder-Zaumzeug wie Sattel und Hamen. Alle diese Gerätschaften waren in leichter Ausführung - speziell für Kühe - hergestellt.

Beim Pflügen mußte ich die Tiere am Zaum führen, während mein Vater den Pflug in der Furche hielt. Wenn sich rechts  oder links unseres Ackers ein Rübenstück (Knollenstück) befand, hatte ich oft genug meine liebe Not, sie davon abzuhalten, den saftigen Knollenblättern einen Besuch abzustatten. Das Wenden mit Kühen und Pflug am Kopfende gestaltete sich manchmal zur mittleren Katastrophe, begleitet von lautstarkem Schimpfen meines Vaters. Oft hatten sich die Zugketten dergestalt verheddert, das nichts anderes übrig blieb, als die Tiere aus- und wieder neu einzuspannen.

Da wir in Scheune und Stall keinen Starkstrom-Anschluß besaßen, konnten wir natürlich auch keinen Elektro-Motor anschließen. So mußte ich die fehlende Motorkraft bei der Wannmühle, der Heckselmaschine oder beim Rübenschneider ersetzen. In der Wannmühle wurde mittels eines Windrades und mit Hilfe verschiedener Schüttelsiebe die ausgedroschenen Weizen- und Roggenkörner von der Spreu getrennt. Gedroschen wurde von Hand mit dem Dreschflegel, (dem "Vlähn"). Und das ging so: Das „Tenn“ (Die Tenne) - der Scheunenboden, meistens hartgestampfter Lehm, Stein- oder Zementboden, - letzterer war bei uns vorhanden, - wurde mit den Garben ausgelegt. Sodann wurde mit dem Dreschflegel, einem kantigen Stück Hartholz, per Lederriemen an einem langen Stiel befestigt, drauflos gedroschen, bis die Körner sich alle von den Ähren gelöst hatten. Wenn man damals im Winter über die Dörfer ging, hörte man überall aus den Scheunen die "Dreschflegel sausen." Soviel zum Thema dreschen und wannen.

Die Heckselmaschine war ein etwas komplizierteres Gerät. An der Kopfseite war ein großes Eisenrad (ck.1m Durchmesser), bestückt mit zwei gegenüber liegenden Messern, - wie Speichen angebracht. Des weiteren bestand sie aus einer langen Bank, (der Schneckbank), einer Art langer Holztrog. Sie wurde übrigens Sommer wie Winter von meinem Vater gern als Ruhelager für seinen Mittagsschlaf benutzt. Die Heckselmaschine befand sich im Stall, direkt vor den Kuhtrögen. Wintertags war es dort immer recht angenehm warm. In diese Bank also wurden abwechselnd Stroh und Heu in mehreren Schichten übereinander gelegt. Mittels zwei gegenläufigen, gezahnten Eisenwalzen wurde das Ganze nach vorne transportiert und von den beiden Messern auf eine Länge von 2-3 cm abgeschnitten. Die Länge war übrigens einstellbar. Dieses „Gehäcksel“ wurde dann den in der Knollenmaschine zerkleinerten Runkelrüben beigemischt und den Kühen während der Wintermonate als Futter in den Trog geschüttet. Das hört sich alles ziemlich kompliziert an, war aber für uns alltägliche Routine.

Einmal habe ich meinem Vater den Vorschlag gemacht, das Rad der Heckselmaschine mit dem Treibriemen eines Elektro-Motors zu verbinden, was technisch durchaus möglich war, und in unserer Nachbarschaft auch so gehandhabt wurde. Nachdem jedoch mein Vater dieses Ansinnen rigoros abgelehnt hatte, - nicht ohne ein paar spitze Bemerkungen fallen zu lassen, ob ich vielleicht zu faul sei, das Rad selber zu drehen, - hielt ich mich in Zukunft zurück, Vorschläge über die Modernisierung unseres Betriebes zu machen.

Ende Mai oder Anfang Juni ging es los mit der Heuernte. Der „Heuahn“ war da, - die Jahreszeit der Heuernte. Es wurde, wie man sich ausdrückte: „Heu gemacht“. Damals kannte man noch kein Silofutter und Maisfelder waren unbekannt. So musste man also genügend Heu machen, um die Tiere im Stall über die Wintermonate zu bringen.

Wenn man in den Dörfern den Klang des „Sense-klopfen“, - des Dengeln hörte, wusste man, es geht los. Auch mein Vater verstand die Kunst des Dengelns. Denn es war wirklich eine Kunst und noch lange nicht jeder beherrschte sie. Heute sind es nur noch ganz wenige. Obwohl ich meinem Vater oft beim Dengeln zugeschaut habe, wusste ich später doch nicht, wie ich es anstellen sollte, als es darum ging, meines Vaters Sense „zu klopfen“, als ich sie zum mähen benötigte. Aber ich habe mich dann an`s Werk gemacht, - (nach meinem selbstgezimmerten Wahlspruch: -  „Den Satz: Das kann ich nicht, den gibt es bei mir nicht!“) Man muss zum Sense-Dengeln ein gewisses Gespür entwickeln. Deshalb ist es auch so schwer, jemand das Dengeln beizubringen. Wenn man da nicht genau aufpasst, und eine Stelle vielleicht zu stark oder zu lange „behämmert“, hat man gleich die schönste "Welle" produziert. Die lässt sich dann kaum noch wieder begradigen und die Sense ist weitgehend „versaut“. Ohne mich hier groß loben zu wollen, ist mir das nur ganz am Anfang passiert. Inzwischen habe ich mehrere neue Sensen, - auch die meiner Nachbarn, - unter die Hände bekommen, und sie schneiden nach dem Dengeln alle wieder „wie der Teufel“.

Wenn dann so ein Sense frisch gedengelt ist, erhält sie mit dem Wetzstein (Strichsteen) den letzten Schliff. Sie ist dann oft rasiermesserscharf. Und das war damals auch gut so, denn es wurden viele Morgen Grasfläche, (1 Morgen = 1/4 Hektar) mit der Hand abgemäht. Auch mein Vater zog dann in aller Herrgottsfrühe los. Es mähte sich besonders gut, wenn der Tau noch im Gras war.

Manchmal hatten wir dabei auch Glück. Wenn ein Nachbar gerade mit seiner Mähmaschine in der Nähe war, oder mal gerade etwas Zeit erübrigen konnte, mähte er unser Stück gleich mit. So eine Mähmaschine hatte ein langes, ausklappbares, mit dreieckigen Messern bestückte Schnittfläche. Das Messer wurde mittels einer Kardanwelle über die Räder angetrieben. Gezogen wurde die Mähmaschine natürlich von einem Pferd. Auf der Maschine war ein eiserner Sitz angebracht, von wo aus der Bauer die Arbeit kontrollieren und das Pferd mittels einer Leine lenken konnte.

Klappte das nun mit der Mähmaschine, so hatte mein Vater eine Menge Knochenarbeit weniger. Doch dann ging die Arbeit im Heu erst so richtig los, wobei auch ich zu helfen hatte. Täglich ein bis zweimal musste das Gras zum Trocknen mittels eines Rechen gewendet werden. Meistens wurde es aber vor dem Einbringen auf Heuböcke geschichtet. (Drei Holzstangen, pyramidenförmig aufgestellt, mit drei waagrechten Querstangen, die im unteren Bereich durch Drahtschlaufen gezogen wurden). Auf diesen Böcken konnte das Heu in Ruhe trocknen, und auch ein paar Regentage hinterließen keine negative Wirkung. Bei stürmischer Witterung kam es jedoch vor, das die Kuppe abgetragen wurde. Die musste dann aber schleunigst wieder drauf, denn sonst „regnete es rein“.

War das Heu „gut“, spannte mein Vater unsere beiden Kühe vor den Leiterwagen, (der hieß so, weil seine Ladefläche links und rechts von langen Stangen mit Sprossen gebildet war.) Meine Arbeit bestand nun darin, das Heu, welches mein Vater mit der langen Heugabel in großen Ballen zu mir auf den Wagen hinaufreichte, schön gleichmäßig auf dem Wagen zu verteilen.

Das kam sich sehr genau. Wenn man zum Beispiel eine Seite stärker beladen hatte, konnte es geschehen, dass das Heu sich während der Fahrt selbständig machte, und so die ganze Ladung seitlich abrutschte. Übrigens ist so ein Fall - nach meiner Erinnerung - bei uns mindestens einmal eingetreten. Sicherheitshalber wurde nach dem Beladen der Heuwagen mit einer langen Leine überspannt und kräftig festgezurrt.

Zu Hause angekommen, oblag mir die Aufgabe, das Heu, welches mein Vater durch eine dafür hergerichtete Dachluke im Heuschuppen, (ein Anbau an unserer Scheune) zu mir herein warf, zu verteilen und in die Ecken zu stopfen. Dabei konnte es einem ganz schön warm werden, besonders wenn dann noch die Sonne auf das Scheunendach zielte, kam man sich vor wie in einem Backofen.

Trotzdem hat mir die Heuernte immer großen Spaß gemacht. Ganz besonders die Heimfahrt, wobei ich auf dem voll beladenen Heuwagen thronte. Ein herrliches Gefühl, hoch oben auf dem schwankenden Heu zu sitzen. Man kam sich vor wie ein Prinz. Dafür lohnte sich schon die vorangegangene Mühe.

Wesendlich unsympathischer war mir da die Roggenernte. Hauptsächlich wegen dieser verflixten langen Grannen. Das sind diese nadeldünnen, mit Widerhaken behafteten Auswüchse an den Ähren. Wenn sie trocken sind, brechen sie leicht ab und ihre Einzelteilesetzen sich in Kleider und am Körper fest, was mir bis heute ein leichtes Kribbeln auf der Haut verursacht, wenn ich daran denke.

Beim Weizen und beim Hafer war das nicht der Fall. Das Getreide wurde nicht gemäht sondern mit dem "Seecht gehauen". Dieses Seecht besaß ein kräftiges, breites Sensenblatt, welches an einem kurzen Stiel befestigt war. Am oberen Ende dieses Stieles befand sich ein rechtwinkliger Griff, den man mit der rechten Hand umfasste. Nun konnte man mit kräftigem Schwung die Halme abhauen. Mit der linken Hand hielt man einen Stock, der an seinem unteren Ende einen ck. 20 cm langen, im rechten Winkel befestigten Eisendorn besaß, den "Matthooch." Mit ihm wurden die auf dem Boden liegenden Ähren eingesammelt.

Ich hatte nun die ehrenvolle Aufgabe, mittels eines, aus Ähren geflochtenen Stricks die Ähren zu Garben zusammen zu binden. Beim Roggen benötigte man wegen dessen Länge zwei solcher Bindungen für eine Garbe. Anschließend wurden die einzelnen Garben zu viert oder zu sechst zeltförmig zusammengestellt. (Zu „Huustern“). Gab es dann eine längere Regenperiode, so kam es vor, dass die Ähren am Halm ausschlugen, (zu „wachsen“ begannen). Damit waren sie dann unbrauchbar geworden. Nur das Stroh konnte man noch verwerten, falls es nicht auch am faulen war.

Das Heimholen der Garben gestaltete sich wie bei der Heuernte. Die Garben hatten ihren Lagerplatz in der Scheune gleich unter dem Giebel, - (der „Schleeße“). Sie wurden mit den Ähren nach innen gelegt, damit die Mäuse einen längeren Anmarschweg zu ihnen hatten. Das war dann wieder meine Aufgabe und recht unangenehm wegen dieser bekannten Grannen.

Nachdem nun Roggen und Weizen ausgedroschen war, wurde er zur Mühle (Reichenstein oder Bechermühle) gebracht. Dort erhielten wir statt Bargeld eine entsprechende Menge Gutscheine die wir im Verlauf des Jahres beim Bäcker gegen Schwarzbrot oder Weizenmehl eintauschten. Weißbrot (Blatz) buck meine Mutter selber aus dem Weizenmehl.

Den Abschluss der Erntearbeit bildete im Herbst die Kartoffelernte. Wir Kinder bekamen „Kartoffelferien“ und waren willkommene Helfer auf den Kartoffeläckern der näheren Umgebung. Dabei war eine Entlohnung mit Geld unüblich. Für uns war es das Größte, wenn die Frauen „Kaffee brachten“. Dann wurde auf dem Acker Pause gemacht und man setzte sich zusammen. Man aß die fertigen Wurst- und Schinkenbrote und trank dazu den dampfenden Kaffee. Nirgends hat es mir jemals so gut geschmeckt als wie damals auf dem Felde! Meistens durften wir dann auch noch beim jeweiligen Nachbar zu Abend essen, was für uns Kinder ein besonderes Erlebnis war, denn komischerweise schmeckte es uns anderswo immer am besten.

Das lief bei mir alles so nebenher. Natürlich hatte unsere Kartoffelernte Vorrang. Meistens spannte mein Vater unsere Kühe vor den Pflug und pflügte die Kartoffeln Furche für Furche aus. Mit dem Dreizahn („Kaarscht“) wurden sie dann aus dem Boden gescharrt. Während Vater und Mutter mit dieser Arbeit beschäftigt waren, musste ich die Kühe am Zaum festhalten. Wurde das Kartoffelstroh verbrannt, nahm ich die Gelegenheit war, um mir ein paar frische Kartoffeln im Feuer zu garen. Ein absoluter Höhepunkt der Kartoffelernte.

So produzierten wir damals fast alles selber, was wir zum täglichen Lebensunterhalt benötigten. Vom Milchgeld wurden dann die anderen Auslagen bestritten. Es war halt eine genügsame Zeit. Wir waren wohl nach heutigen Verhältnissen eher „minderbemittelt“. Doch damals lebte bei uns kaum jemand „auf großem Fuß“. Aber Unzufriedenheit oder dergleichen kannte man nicht. Ich habe jedenfalls nie gehört, das meine Eltern in dieser Hinsicht geklagt hätten. Richtigen Hunger haben wir ja Gott sei Dank nie zu spüren bekommen. Selbst in den schlimmen Hungerjahren nach dem 2.Weltkrieg, als tausende Menschen aus den Städten aufs Land zogen um zu „hamstern“, wobei sie oft genug unseren  leeren Kartoffelacker nach liegengebliebenen Kartoffeln absuchten, herrschte bei uns keinen Mangel. Doch davon mehr in einem der nächsten Kapitel. (Doch „das ist eine andere Geschichte“ - würde Kiepling sagen).

Wie sich unschwer erkennen lässt, verlief meine Kindheit in geregelten Bahnen, - von Vater und Mutter, besonders natürlich von meiner Oma wohlbehütet. Zur Oma hatte ich ja eine sehr enge Beziehung. Hatte ich irgend ein Problem, ging ich zur Oma. Sie hielt auch dann ihre schützende Hand über mich, - (was erziehungsmäßig natürlich nicht immer in Ordnung war), - wenn ich etwas „ausgefressen“ hatte, und meine Eltern mir mit Strafe drohten.

Dieses alles war, wie man heute sagen würde, eingebettet in´s dörfliche Idyll. Als Einzelkind war ich ständig umsorgt von meiner Familie. Diese Fürsorge war wohl für mich manchmal etwas erdrückend. Suchte man doch ständig alle großen und kleinen Übel, die das Leben auch in jungen Jahren schon so mit sich bringt, von mir fern zu halten.

Ich befand mich also auf dem besten Wege, ein egoistischer, ja egozentrischer lebensuntüchtiger Mensch zu werden, den im späteren Leben der kleinste Sturm entwurzelt hätte.

Doch Gott hatte es dann doch wohl anders mit mir vor. Er unternahm eine schmerzliche „Kurskorrektur“. Diese Korrekturen, - wie ich sie mal nennen möchte, hat er später noch öfter bei mir gehandhabt. Sie waren immer mit Schmerz und Leid verbunden und aus meiner (beschränkten) Sicht stets unbegreiflich. Im Rückblick erwiesen sie sich allerdings als notwendig und richtig für meinen Lebensweg.                                                    

 Ich sage es hier klar und deutlich: Keinen Tag dieser schlimmen Zeiten möchte ich missen oder ungeschehen machen. Diese dunklen Tage haben mich belastbarer gemacht und mir geholfen, mein Innerstes besser zu erkennen. Konfuzius hat einmal gesagt. „Schmerz macht denken, denken macht weise, weise macht glücklich". - Er hatte Recht!

Das Ende dieser unbeschwerten Kindheit war für mich gekommen, als im Mai 1948 meine Mutter starb. Es war wohl das einschneidende Ereignis meines Lebens.          

Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag. Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Ich hatte draußen etwas gebastelt und zeigte es meiner Mutter durch das geöffnete Fenster. Sie bewunderte es lächelnd von ihrem Bett her. Ihr Bett stand damals im unteren Schlafzimmer, links vom Flur. Heute befindet sich dort unser Vorrats- und Badezimmer.

Kurz darauf hat sich ihr Zustand dann wohl sehr verschlechtert. Bei uns war damals meine älteste Cousine Maria Sturm (jetzt Meurer) aus Söntgerath. Sie kam die letzten Wochen immer wieder vorbei, versorgte den Haushalt und auch meine Mutter. Auch jetzt war sie bei ihr. Mein Vater hatte wohl unserem Pastor Schiffer für den Versehgang Bescheid gegeben, aber es dauerte ihm anscheinend zu lang. Er schickte mich deshalb mit dem Fahrrad los, um den Pastor zur Eile zu mahnen. Im „Krützerbösch“ erreichte ich ihn mit seinen beiden Messdienern. Sie waren ja zu Fuß unterwegs. Nachdem ich meine Bitte zur Eile ausgesprochen hatte, radelte ich schnellstens wieder nach Hause. Als ich dort ankam war meine Mutter schon tot.

In jungen Jahren hatte sie Lungen-Tuberkulose bekommen. In damaliger Zeit eine weit verbreitete Krankheit. Sie wurde auch „Schwindsucht“ genannt. Mutter war dann auch einmal in der Lungenheilstätte zu Rosbach an der Sieg. Wahrscheinlich hat sich der Tuberkel-Bazillus dann verkapselt, - die einzige Heilmethode, wenn überhaupt, zur damaligen Zeit. Gegen Ende des Krieges 1945 muss die Krankheit aber wieder ausgebrochen sein. Sie hatte ständigen Husten und schleimigen Auswurf. Es wurde mit der Zeit immer schlimmer.

Die letzten Monate konnte sie kaum noch liegen, weil sie dann keine Luft mehr bekam. So verbrachte sie die Tage und Nächte halb sitzend im Bett. Trotzdem habe ich sie kaum klagen hören. Nur einige Male habe ich sie dabei ertappt, wie sie still vor sich hin weinte. Die Ansteckungsgefahr war groß und so war der Austausch von Zärtlichkeiten zwischen meiner Mutter und mir sehr gering, was ich bis heute noch als sehr schmerzlich empfinde.

Vater und ich standen wegen der Ansteckungsgefahr deshalb auch ständig unter ärztlicher Kontrolle. So wurden wir alle paar Monate beim Kreis-Gesundheitsamt in Siegburg „durchleuchtet“. Einmal herrschte große Aufregung, denn man sagte dort nach einer erfolgten Untersuchung, es habe sich bei mir ein „Herd“ gebildet, worunter ich mir aber überhaupt nichts vorstellen konnte. Ein Herd war für mich ein Ofen zum kochen. Das es sich hier um einen Krankheitsherd, - und zwar einen sehr gefährlichen, - gehandelt hat, habe ich erst viel später herausbekommen.

Dass die Tuberkulose bei mir nicht zum Ausbruch gekommen ist, habe ich zum großen Teil wohl auch der guten Pflege, (sprich: dem fetten Essen) zu verdanken, welches ich dann immerfort vorgesetzt bekam. Dafür sorgte vor allem die Schwester meines Vaters, - Tante Maria (Kloos) aus Wellerscheid. Sie war ja eine examinierte Krankenschwester. Auf ihren Rat hin bekam ich die Butter auf´s Brot „gelegt“, musste die äußerst fette Milch unseres Schafes trinken, und man sparte auch sonst bei mir nicht an fetten und kalorienreichen Speisen. Denn Fett, - das wusste man, - bekam dem Krankheitserreger nicht. Irgendwie hat es dann auch wohl geholfen, denn ich habe später nie wieder etwas von einem „Herd“ gehört.

Der Schmerz über den Tod meiner Mutter wurde jedoch für mich dadurch etwas gemildert, als dass meine Oma ja noch da war.

Ihre Gesundheit hatte allerdings in den letzten Jahren auch sehr nachgelassen und sie hatte oft Herzbeschwerden. Trotzdem war sie mir immer noch ein großer Halt. Ich erinnere mich noch genau, daß ich beim Begräbnis mit Vater am Grabe meiner Mutter stand und nicht geweint habe. Später war ich sogar richtig stolz darauf, mich wie ein „Mann benommen zu haben“, wie ich dachte. Das Weinen um sie habe ich in den späteren Jahren nachholen müssen!

Aber auch die Oma sollte mir nicht mehr lange erhalten bleiben. Sie verstarb im selben Jahr noch, - am Morgen des Allerheiligentages in der Stube in ihrem Sessel.

Nach dem Tode meiner Mutter war es nun von nöten, jemand zu haben, der unseren Haushalt versorgte. Meine Cousine Maria erzählte meinem Vater von einer Frau in ihrer Nachbarschaft, die mit ihrem kleinen Sohn in einer engen Mansardenwohnung ziemlich erbärmlich hauste. Sie war wohl ausgebombt in Köln und hier auf´s Land verschlagen worden.

Nachdem ihr mein Vater den Vorschlag unterbreitet hatte, zu uns nach Klein-Oberholz umzusiedeln, ging alles sehr schnell. Bald hatten wir ihre paar Habseligkeiten auf einen Handwagen geladen und so zog Frau Bohlen, (wie ich sie auch später immer genannt habe), mit ihrem 5jährigen Sohn Erwin bei uns ein. Sie schliefen beide im unteren Schlafzimmer. Mein Vater hatte oben auf dem „Söller“ sein Schlafzimmer und ich schlief wie bisher in der Kammer neben der Stube.

Fortan versorgte nun Frau Bohlen unseren Haushalt. Im Gegenzug hatten sie und ihr Sohn bei uns freie Kost und Unterkunft, wie man so sagt. Bares Geld konnte ihr mein Vater sowieso nicht zahlen, denn das war rar bei uns. Von der Gemeinde erhielt sie ein paar Mark Unterstützung. Es war ja die Zeit gleich nach der Währungsreform. Jeder musste mit einem „Kopfgeld“ von 40,oo DM neu anfangen. Frau Bohlen besaß die seltene Gabe, mit den geringsten Mitteln und den unmöglichsten Zutaten ein schmackhaftes Essen auf den Tisch zu bringen. Ich denke an sie nur mit allergrößter Hochachtung und Dankbarkeit.

Durch ihren Sohn Erwin erhielt ich nun auch den lange ersehnten Spielkameraden. Bedingt durch den Altersunterschied, - er war 5, ich 12 Jahre, - war er für mich so etwas wie ein kleiner Bruder, der dem größeren zu parieren hatte. Erwin war von einer entwaffnenden Vertrauensseligkeit. So glaubte er mir jeden „Bären“ dem ich ihm aufband. Meine Spezialität waren Gespenster, welche sich angeblich in unserem Hause aufhielten und dunkle Gestalten, die sich im nahen Wald herumtrieben.

Später stieß dann noch Karl-Heinz Siebert zu uns. Gemeinsam heckten wir nun Streiche aus. Nach Schule und Hausaufgaben - wenn keine Arbeisanforderungen meines Vaters vorlagen, - zogen wir in den Rokenbösch. Mit der Errichtung von diversen Burgen und prachtvollen Laubhütten verbrachten wir herrliche Stunden im Wald.

Das alles ließ die schmerzlichen Verluste bei mir etwas verblassen. Nach einigen Jahren ist dann Frau Bohlen mit Erwin ausgezogen. Es wurde ja auch allmählich recht eng in unserem Haus, denn Erwin wurde größer und beanspruchte ein eigenes Zimmer. Die beiden bekamen eine Wohnung in Nieder-Wennerscheid. Später zogen sie dann nach Köln. Wir hatten danach kaum noch Kontakt miteinander. Erwin hat eine Lehrerin geheiratet. Die Ehe der beiden wurden aber später geschieden. Erwin hat wohl einen Schulbus gefahren und er arbeitet auch als Reiseleiter und Busfahrer bei Auslandsreisen. Ich habe aber sehr lange nichts von ihm gehört.

Nun folgten ein paar schlimme Jahre. Ich hatte 1951 eine Lehre als Postjungbote beim Postamt Hennef/Sieg angetreten. Mein Vater und ich hausten ab jetzt allein. Glücklicherweise hatte Vater einige Kochkentnisse und war auch sonst in der Haushaltsführung etwas bewandert. Der Speiseplan bewegte sich so zwischen Kartoffelsuppe („Melech-Erpels-Wärmt“), Pellkartoffeln mit Rahmtunke oder Heringen („Tipp-Erpel“), Bratkartoffeln oder „Flötstöcke“, (das sind rohe Kartoffeln, die man mit Zwiebeln, Salz, Pfeffer und Speckwürfeln in der Pfanne brät bzw. gar dünstet, - übrigens ein sehr leckeres und schmackhaftes Essen. Dann natürlich das rheinische „Himmel und Erd“. Auch Gemüse aus unserem Garten, und Eintopf-Suppen in allen Variationen. Die anfallende Hausarbeit wurde zwischen uns aufgeteilt. So war es meine Aufgabe, des Samstags die Wohnung zu putzen (schrubben). Nebenher waren die Kühe zu versorgen. Mein Vater hatte Arbeit bei der damals gerade stattfindenden Flurbereinigung gefunden und war tagsüber nicht zu Hause.

Morgens gegen fünf Uhr stand ich auf, um dann anschließend per Fahrrad nach Felderhoferbrücke (jetzt Bröleck) zu fahren. Von dort ging es dann mit dem Bröl-Bähnchen, (dem „Feurigen Elias“) nach Hennef. Mein Vater stand ebenfalls mit auf, bereitete das Frühstück und schmierte mir die Butterbrote für den Tag. In dieser Beziehung ließ er es mir an nichts fehlen.

Doch wenn zwei Männer so zusammenleben, sind Konflikte und Reibereien sozusagen vorprogrammiert, zumal ich mich im Pubertätsalter befand. Unsere Nerven müssen wohl, - situationsbedingt, auch ziemlich strapaziert gewesen sein. Deshalb kam es auch immer öfter zu kleinen und größeren Meinungsverschiedenheiten, die sich dann manchmal zu einem handfesten Krach auswuchsen, bei denen auch nicht mit Kraftausdrücken gespart wurde. Es herrschte zwischen uns beiden fortwährend eine gereizte Grundstimmung. Eine sachliche Aussprache fand nicht statt und war wohl unter diesen Gegebenheiten nicht möglich, zumal unsere Charaktere in sehr verschiedene Richtungen zeigte. Das Leben hatte uns beide ja nicht gerade mit Samt-Handschuhen angefasst. So entlud sich unser Frust, (dieses Wort kannte man damals aber noch nicht), in gegenseitigen Aggressivitäten.

Mitte der 50er Jahre lernte mein Vater dann eine Frau kennen, welche er kurze Zeit später auch heiratete. Er kannte sie übrigens aus seiner Jugendzeit. Sie hatte damals in einem Nachbarort gewohnt. Sie heiratete später, zog fort und beide verloren sich aus den Augen. Nun war ihr Mann inzwischen verstorben. Zwei Töchter und ein Sohn waren aus dieser Ehe hervorgegangen. Elisabeth Piel wohnte damals mit ihren beiden Kindern Walter und Ingrid in dem kleinen Ort Forst bei Weiershagen. Die älteste Tochter Else war mit dem Eisenbahner Paul Manz verheiratet und wohnte in Dieringhausen. Else, Paul und  Walter sind inzwischen verstorben. Ingrid, verheiratet mit Lothar Dittberner wohnt in Diringhausen-Becke. Der Kontakt zu ihnen beläuft sich nach dem Tode von „Lieschen Oma“ - wie sie von unseren Kindern genannt wurde, - auf ein, zwei Telefonate oder einer Postkarte im Jahr.

Lieschen zog also nach ihrer Heirat mit meinem Vater zu uns. Sie bekam Arbeit in der Groß-Näherei Baldus in Much .Sie fuhr dort täglich mit ihrem Mofa hin.

Nun begann sich unser Leben langsam wieder zu normalisieren. Für Ausgleich sorgte dabei meine zweite Mutter. Den Ausdruck „Stiefmutter“ möchte ich hier nicht gebrauchen, weil an ihm meines Erachtens etwas Negatives anhaftet. Vielleicht wegen der vielen bösen Stiefmüttern in den bekannten Märchen. Lieschen war da nämlich das genaue Gegenteil. Hatte ich Meinungsverschiedenheiten mit meinem Vater, stand sie auf meiner Seite. Da konnte sie manchmal ganz schön loslegen. Sie hat mich umsorgt als sei ich ihr leiblicher Sohn. Nie hat es zwischen uns ein hartes Wort gegeben.

Anfang der 60er Jahre, - ich hatte inzwischen ebenfalls geheiratet, sind die beiden dann nach Lindlar umgezogen. Sie hatten dort ein kleines Häuschen nahe dem Ortszentrum gefunden. Sie lebten hier sichtlich zufrieden bis zum Tode meines Vaters im März 1972. Er bekam einen Herzinfarkt und man brachte ihn sofort ins nahe Lindlarer Krankenhaus. Dort ist er dann wohl des nachts aufgestanden um die Toilette aufzusuchen. Trotz striktem ärztlichem Verbot natürlich. Aber mein Vater war zeitlebens halt ein eigener Kauz, der sich manchmal recht wenig um solche Ge- und Verbote kümmerte. Da er keinen körperlichen Schmerz verspürte, dachte er wohl, es sei bei ihm alles wieder in Ordnung, aber leider war das gar nicht der Fall und er starb kurz danach. Lieschen zog später zu ihren Kindern und lebte dann bis zu ihrem Tode in einem Altersheim.

Am Samstag, den 22.Oktober heiratete ich in der Pfarrkirche zu Kreuzkapelle meine Frau. Ihr Name ist Rita und sie ist eine geborene Hoppe. Geboren ist sie in Dittersdorf, Kreis Neustadt in Oberschlesien. Ihr Vater Alexius heiratete, nachdem seine erste Frau gestorben war, Maria geborene Wottke, die Mutter meiner Frau. Mein Schwiegervater hatte aus erster Ehe drei Söhne und eine Tochter. Die Söhne hießen Josef, Georg und Gerhard. Die Tochter hieß Maria und war die Zwillings-Schwester von Gerhard. Josef und Georg sind im 2.Weltkrieg als vermißt gemeldet.

Gerhard kam nach dem Krieg nach hier und heiratete später Hedwig Söntgerath aus Oberhausen. Er übernahm dort den elterlichen Betrieb seiner Frau und brachte ihn mit viel Fleiß zu einem blühenden Anwesen. Seine Schwester Maria heiratete Gregor Faltau. Er stammte aus Pommern. Sie erbauten ein Haus in Erftstadt-Friesheim. Gregor ist inzwischen verstorben.

Meine Schwiegereltern besaßen in Dittersdorf einen mittelständischen landwirtschaftlichen Betrieb, der nach damaligen rheinländischen Maßstäben wohl als fortschrittlich zu bezeichnen ist. Ich glaube, sie waren uns damals in Schlesien ein gutes Stück in der Zeit voraus. So waren dort gepflasterte Hofanlagen ortsüblich. So etwas konnten nur einige wenige sehr wohlhabende Bauern bei uns aufweisen. Selbsttränke-Anlagen in den Ställen waren bei uns Fremdworte. Jedes landwirtschaftlige Anwesen besaß dort ein sogenanntes „Auszugs-Haus“.                                      

Er diente der älteren Generation als Ruhesitz, wenn Sohn oder Tochter den Betrieb übernahm. Mein Schwiegervater starb kurz nach der Geburt meiner Frau Rita am Herzschlag. Nun lag die Bewirtschaftung des großen Betriebes ganz allein in den Händen meiner Schwiegermutter. Dazu kam die Erziehung der 5 Kinder. Es gab noch eine Tante im Haus. Es war die Schwester meines Schwiegervaters und sie war unverheiratet. Da sie aber immer kränkelte und wohl auch einen angeborenen Herzfehler hatte, kam für sie nur die Kinder-Betreuung in Frage. Das muß für meine Schwiegermutter eine äußerst harte Zeit gewesen sein.

Dann, als bei Kriegsende 1945 die Russen im Anmarsch waren, musste auch sie mit den beiden Töchtern fliehen. Sie konnten nur das allernotwendigste mitnehmen. Meine Frau war damals acht Jahre alt.

Eingereiht in lange Flüchtlingstreks gelangten sie dann nach Atteln bei Paderborn in Westfalen. Gerhard war inzwischen bei uns im Rheinland sesshaft geworden. Durch seine Vermittlung fand Rita nach ihrer Schulentlassung eine Arbeitsstelle beim Landwirt Peter Schneider und seiner Frau Maria aus Feld. Das Ehepaar Schneider hatte keine Kinder, und sie sahen, - ihr Alter vorausschauend, - in Rita wohl eine Art Tochterersatz. Der Lohn in Form von Bargeld war sehr gering, schließlich waren die Zeiten hart und als Flüchtling war man damals froh, ein Dach über dem Kopf und satt zu essen zu haben.

Rita musste alle anfallenden Arbeiten verrichten. In Küche, Stall und auf dem Felde wurde ihr nichts geschenkt. Ich vergesse nie den Tag, als ich auf meiner Briefträger-Tour mit meinem Fahrrad am Steckrübenacker vorbeikam, auf welchem Rita die Futterrüben zog. (Eine beliebte Nachfolge-Frucht für die Kühe). Es war herbstlich, bitterkalt und es fiel ein leichter Nieselregen. Da hat mir Rita so leid getan, - ich kannte sie ja schon, - dass ich damals bei mir geschworen habe: Das brauchst Du nie wieder zu tun, wenn ich Dich einmal geheiratet habe.

Jetzt muss ich aber noch erzählen, wie ich Rita kennengelernt habe. Man sagt ja: „Zufälle sind das Pseudonym Gottes, wenn er nicht mit seinem Namen unterschreiben will“. Das hier war also auch so ein „Zufall“. Natürlich war Rita meiner Aufmerksamkeit nicht entgangen. Wenn man damals in der Kirche oder auch anderswo ein nicht bekanntes Mädchen sah, wurde man als 17jähriger natürlich neugierig. Ich bekam also heraus wie sie hieß und wo sie wohnte. Mehr war aber nicht, lediglich daß wir uns beim Kirchgang sonntags sahen und wohl auch kurz grüßten.

Ich war nämlich den Mädchen gegenüber sehr schüchtern und massenhaft mit Komplexen überladen. Durch meine Mitgliedschaft im Tambourcorps Kreuzkapelle (davon mehr in einem anderen Kapitel), kam es nach unseren jeweiligen Auftritten natürlich dazu, dass wir uns im Saal oder Festzelt zusammensetzten. Nachdem wir uns dann genügend Mut angetrunken hatten, holten wir uns die anwesenden Mädchen zum Tanzen. Bei mir war das Tanzen eine reine Glückssache. Ich hatte keinen, - wie einig von unserer Gruppe, - Tanzkursus besucht, und so waren schmerzverzerrte Mädchengesichter bei mir an der Tagesordnung, wenn ich meiner Tanzpartnerin gerade mal wieder auf den Füßen herumtrampelte. Komischerweise bekam ich aber nie die Gelegenheit, mit Rita zu tanzen. Die Schneiders handhabten die Aufsichtspflicht ihr gegenüber ziemlich streng. Demzufolge besuchte Rita auch kaum Tanzveranstaltungen. Die Zeiten waren in dieser Hinsicht halt damals wesentlich anders als heute.

Aber dann kam das Schützenfest 1954 in Kreuzkapelle. Es war am Abend des Kirmes-Sonntag. Wie üblich, stand unsere Horde vom Tambourcorps an der Theke im alten Herrenteich-Saal. Eben war wieder eine Runde Bier angekommen, als Günter Gräfrath zu mir sagte: „Eckhard, hast du gesehen, eben ist auch die Rita hinaus gegangen. Sie hatte vorher nach dir gefragt“. Ich war platt! Ich hatte sie an dem Abend noch nicht einmal wahrgenommen. Und dass sie nach mir gefragt haben sollte, kam mir auch ziemlich spanisch vor. Dass an der ganzen Sache überhaupt nichts dran war, und Günter sich lediglich einen Jux mit mir erlauben wollte, kapierte ich aber trotzdem nicht.

Ich ließ also das frisch gezapfte Bier stehen und rannte durch den langen Gang zur Tür. Und da vorne ging Rita tatsächlich. Ich ihr nach, - begrüßte sie kurz, nahm allen Mut zusammen und erkundigte mich ziemlich atemlos, warum sie denn nach mir gefragt habe. Rita war natürlich ganz überrascht und dann begriff ich den Schabernack von Günter. Nachdem ich ihr nun den Sachverhalt erklärt hatte, machte ich aus der Not eine Tugend, (wie man so sagt), und fragte sie, ob ich sie denn ein Stück begleiten dürfe, weil ich ja nun schon mal da wäre.

Sie hatte nichts dagegen und erzählte mir, sie sei mit ihrem Bruder Gerd und dessen Frau im Gasthaus Schönenbrücher gewesen und auf einen Sprung zum Herrenteich herunter gekommen. (Zufall!) Ich ging also mit ihr bis zu Schönenbrüchers Lokal und brachte es doch glatt fertig, mich mit ihr für kommenden Sonntag zu einer Radtour zu verabreden. Ich bin dann zum Herrenteich zurück mehr geflogen als gegangen. Schlagartig hatte mein Leben eine neue Perspektive bekommen. Ich war einfach glücklich!

Am Samstag, den 22.Oktober 1960 heirateten wir in der Pfarrkirche zu Kreuzkapelle. Aber bis dahin war es noch ein langer und beschwerlicher Weg für uns beide. Ich will ihn hier nur kurz skizzieren.

Noch im Herbst 1954 trat Rita eine Stelle im Mucher St. Josefshaus an. Dort arbeitete sie mit vielen anderen Mädchen zusammen in der Küche. Nebenbei erlernte sie so auch das Kochen. Für die Nonnen des Klosters natürlich billige Arbeitskräfte, denn außer Kost und Logis erhielten die Mädchen nur ein geringes Taschengeld.

Zu meinem größten Kummer aber waren die Ausgangs- und Freizeiten für Rita streng limitiert und reglementiert, - wie das bei den Nönnchen damals so üblich war. Wir konnten uns deshalb sehr selten sehen.

Nach diesem „Kloster-Küchen-Jahr“ in Much nahm Rita eine Stelle als Hausgehilfin bei einem kinderlosen Zahnarzt-Ehepar in Troisdorf - Friedrich-Wilhelmshütte an. Hier waren die Gelegenheiten für gemeinsame Stunden auch ziemlich gering. Es blieben nur ein bis zwei Sonntage im Monat. Die waren aber vielfach auch noch abgekürzt, wenn Werners des Nachmittags Besuch erhielten.

So kam es dann oft vor, dass ich mit meiner alten „200er Viktoria“ umsonst zur „Hütte“ fuhr, um Rita nach Wohlfarth abzuholen. Dort hatte meine Schwiegermutter im Hause von Theo Haas inzwischen eine kleine Wohnung gefunden. (Das Haus wurde vor einigen Jahren abgerissen, nachdem das Ehepaar Haas kinderlos verstarb).

Jedenfalls hat das alles unserer Liebe keinen Abbruch getan. Wir sind beide noch glücklich miteinander. Ich liebe meine Frau noch genau so wie vor 37 Jahren, - (und ich glaube, sie mich auch).

1964 wurde unsere Monika geboren und 1969 unsere Birgit. Monika bekam mit 15 Jahren starke Depressionen, von denen sie sich nie mehr ganz erholte. Es kam für sie zu einem Aufenthalt in der Jugend-Psychiatrie des Bonner Landeskrankenhauses. Einige Jahre ging es gut. Im Dezember 1983 wurde sie aber wieder wegen einer starken Psychose dort eingewiesen. Inzwischen hatte Monika die höhere Handelsschule in Siegburg mit großem Erfolg absolviert und eine Stelle im Verkehrs-Ministerium in Bonn/Bad Godesberg angetreten. Sie war aber nicht glücklich dort. Am 23. Oktober 1984 stürzte sie sich aus dem Fenster ihres Arbeitszimmers aus dem 7.Stock in den Tod. Der größte Schmerz meines Lebens und unvergänglich.

Unser Birgit absolvierte nach dem Besuch der Mucher Realschule ebenfalls die Höhere Handelsschule in Siegburg. Sie arbeitet nun  bei der Bewährungshilfe am Amtsgerichts Siegburg. Vor einigen Jahren ist sie ausgezogen und wohnt jetzt in Tillinghausen. Birgit wollte auf eigenen Füßen stehen, - und das finde ich richtig und gut so. Sie ist eine gute Tochter und macht uns nur Freude!

Ich musste mich im Oktober 1990 einer schweren Darmkrebs-Operation im Krankenhaus Waldbröl unterziehen. Ich erhielt einen Anus praeter, (künstlicher Darmausgang) - war somit nicht mehr arbeitsfähig und befinde mich seit dieser Zeit im Ruhestand. Meine Tage sind ausgefüllt mit Arbeit in Haus und Garten. Beim Bläsercorps Much und bei den Kameraden von Borussia Leverath finde ich seit über 30 Jahren Freude und Entspannung. Dazu kommt meine Mitarbeit in unserer Pfarrgemeinde Kreuzkapelle, - speziell in der Pfarrbrief-Redaktion. Mein großes Hobby ist seit einem Jahr ein Computer. Davon hätte ich noch vor ein paar Jahren nicht zu träumen gewagt. Aber wie es so geht. Zufällig (!) bekam ich von meinem Bläser-Kameraden Stefan Willms einen alten „XT“ leihweise ins Haus, den er nicht mehr benutzte.

Skeptisch begann ich, ackerte einen Stoß Bücher durch, und  merkte bald, daß mich die Sache total faszinierte. Eine ganz neue Welt tat sich vor mir auf. Inzwischen habe ich mir aber einen moderner PC angeschafft und  schreibe  auf diesem Ding also jetzt meine sogenannten Memoiren, fühle mich gesund, bin glücklich, mit mir und der Welt zufrieden und freue mich auf jeden neuen Tag. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass mein ganzer Lebensweg nur mit Gottes gütiger Hilfe so zustande gekommen ist.

Und so wird auch mein künftiges Leben weitgehend davon bestimmt sein, ihm für alles zu danken, in seinem Sinne für andere da zu sein und mich des Lebens zu freuen!

 

  

2. Das Elternhaus

Mein Elternhaus, welches ich mit meiner Familie bis zum heutigen Tage bewohne, und - so Gott will - bis an mein Lebensende bewohnen werde, wurde von meinem Großvater erbaut. Er war ja, wie ich bereits im ersten Kapitel erwähnt habe, von Beruf Zimmermann.

Nach meinen Überlegungen und Berechnungen muß es wohl so um das Jahr 1895 entstanden sein. Der älteste Teil hat wahrscheinlich zuerst in Söntgerath gestanden. Dort hat es mein Großvater, wie es damals oft üblich war, gekauft, dann Balken für Balken auseinander genommen und hier am jetzigen Platz wieder zusammengefügt und neu errichtet.

Das Haus bestand am Anfang aus zwei Zimmern. In der Mitte befand sich die Haustür. Man betrat durch sie einen ziemlich geräumigen Flur, - fast schon von mittlerer Zimmergröße. Die beiden Zimmer wurden vom Flur getrennt. Der Flur wurde bei uns ständig „die Küche“ genannt. Wohl auch deshalb, weil meine Eltern den Kochherd, der sich in der „Stube“ befand, in den Sommermonaten hier in den Flur stellten, um der zusätzliche Hitzeentwicklung beim Kochen in unserer Wohnstube zu entgehen.

Vom Flur aus gelangte man über die Treppe ins Obergeschoß. Es stieß auf halber Höhe an die Dachschräge. Die Wände im Obergeschoß waren und sind deshalb abgeschrägt. Der Raum über der Treppe hieß „der Gang“. Rechts davon befand sich das Elternschlafzimmer. Es wurde „der Söller“ genannt. Links vom Gang war der Speicher.

Im Flur unten führte rechts eine Tür in unsere Wohnstube, einfach „die Stube“ genannt. Hier spielte sich das tägliche Leben ab. Hier wurde gekocht und gegessen. Einige unserer Nachbarn besaßen noch ein zusätzliches Zimmer. Es war das sogenannte „beste Zimmer“. Es glänzte, - weil unbenutzt - in „kalter Pracht“. Man betrat es nur ein- bis zweimal im Jahr, bei hohen Anlässen. Zum Beispiel, wenn auf seinem obligaten Neujahrsrundgang der Besuch des Pastors ins Haus stand. Das Zimmer links von unserem Flur war als Schlafzimmer eingerichtet. Es wurde nur dann benutzt, wenn wir einen längeren Besuch bei uns hatten, was nicht selten vorkam.

Später erhielt das Haus an seiner Rückseite (nördlich) einen Anbau. Auf der rechten Seite dieses Anbaues befand sich „die Kammer“. Es war das Schlafzimmer meiner Oma, in dem ich ebenfalls mein Bett stehen hatte. Die linke Seite diente in den frühen Jahren als Stall. Der Stall war vom Flur her durch eine Tür zugänglich. Dann hatte er noch eine Tür welche nach draußen führte. Sie befand sich auf der Westseite Richtung Scheune.

Die Scheune wurde zu einem späteren Zeitpunkt errichtet. Danach wurde der neue Stall rechts an die Scheune angefügt, wie man noch heute an der Balkenführung unschwer feststellen kann. Zwischen Haus und Stall befand sich die „Remise“. Sie hatte an ihrer Rückseite eine Lehm-Fachwerkwand. Nach vorne war sie offen. Hier wurden die landwirtschaftlichen Geräte wie die zweiräderige Karre, der Leiterwagen, Pflug, Egge, Kultivator („Fröselploch“) usw. untergestellt.

Auf den oberen Balkenverstrebungen unter dem Remisendach lagen einige lose Bretter. Hier befanden sich die Nester unserer Hühner zum Eierlegen. Wir hatten immer ein gutes Dutzend Hühner, nebst Hahn natürlich. Auch lief ständig - wie überall hier bei uns auf dem Lande - eine Glucke mit ihrem Nachwuchs herum. Viele besaßen - so auch wir,  - in den 40er Jahren ein Truthahnpärchen. Die Truthenne, wenn ich sie mal so nennen darf, eignete sich vorzüglich zum Ausbrüten von Hühnereiern. Und es machte der Pute auch später gar nichts aus, wenn sie dann mit Küken einer anderen Spezies durchs Gelände zog. Im Gegenteil, - da war sie eine richtig, um ihren Nachwuchs besorgte Mutter. Der Truthahn war allerdings meistens ein richtiger Giftzwerg. Kam man ihm zu nahe dann plusterte er sich auf und sein Kamm nebst anderen Weichteilen, welche um seinen Kopf herum bammelten, wurden purpurrot. Dann wurde es Zeit, daß man Reißaus nahm.

Eine Unart besaßen die Biester allerdings schon. Sie suchten sich am Abend mit großer Vorliebe ihren Schlafplatz im Gebüsch des nahen Waldrandes. Wir mußten sie also abends ständig da herabscheuchen und den heimatlichen Gefilden zutreiben, denn die Füchse lauerten ja schon in Wartestellung.

Als ich zur Welt kam, war der „Alte Stall“, wie er später immer genannt wurde, schon nicht mehr benutzt. Er war inzwischen mehr oder weniger zu einer Art Rumpelkammer geworden. Allerdings auch ein für viele andere Zwecke genutzter Raum.

Hier waren z.B. unsere Fahrräder untergestellt. Ferner waren hier die Briketts aufgeschüttet, die wir zusammen mit den gespalteten Holzscheiten für die Herdfeuerung benötigten. Auch die Rübenmaschine („Knollenmaschine“) nebst einem Vorrat an Runkelrüben, - der Rest befand sich ja im Keller, - hatte hier ihren Platz. Mit ihr wurden die Runkeln schnitzelartig zerkleinert und dienten dann im Winter der Vieh-Fütterung.

Weiter hatte man von hier aus auch Zugang zu unserem Backofen, der aus schweren Bruchsteinen mit separatem Dach hinten an den Stall angefügt war. Auch die sogenannte „Breikuhl“, ein großer, innen emaillierter Bottich unter dem sich eine Feuerung befand, hatte hier ihren Platz. Die Breikuhl besaß unterschiedliche Talente. In diesem Bottich ließ sich sowohl die Wäsche als auch das Vieh- und Schweinefutter kochen. Wenn im Winter das Schwein geschlachtet war, wurden auch die gesalzenen Fleischstücke hier eingepökelt.

Dann stand dort noch ein großes Holzfaß. Es hatte aber weder Boden noch Deckel und es diente in den Wintermonaten als Rauchfang. Auf den Boden stellte man ein Metall-Behältnis mit glühenden Brikettstücken oder Kohlen. Darüber streute man nun Sägemehl. Das ergab einen würzigen Qualm. In dieses qualmende Faß wurden nun die Würste und Schinken aufgehängt. Das Ganze wurde mit einem leeren Kartoffelsack abgedeckt. Im Winter zog immer ein herrlicher Duft von Geräuchertem durch unser Haus.

Es standen auch dort zwei alte, ausrangierte Tische. In deren Schubladen befand sich allerlei Gerümpel. Diese Schubladen zogen mich als Kind immer wieder magisch an. Ich fand dort z.B. auch ein Paar alte Schlittschuhe. (Ein ständiger Wunschtraum von mir - die Schlittschuhe fehlten auf keinem Weihnachtswunschzettel). Leider waren sie mir aber viel zu groß. Probiert habe ich es aber trotzdem mit ihnen. Natürlich klappte es überhaupt nicht.

Nach heutiger Sicht hatte das Ganze wohl einen primitiven Anstrich. Doch für unsere Verhältnisse zur damaligen Zeit ließ sich hier durchaus effektiv arbeiten. Alle anfallenden, gröberen Hausarbeiten ließen sich so im „alten Stall“ verrichten, ohne dabei die „vier Wände“ verlassen zu müssen. Das hatte besonders wintertags seine großen Vorteile. Selbst der Backofen war von innen her zu bedienen, wogegen anderswo das „Backes“ meistens abseits vom Haus im freien Gelände stand. An der linken Hinterseite vom alten Stall, mit der Türseite zur Remise befand sich unsere Toilette. Wie damals so üblich, ein sogenanntes „Plumpskloo“.

Unser Haus besaß also zwei Ein- bzw. Ausgänge. Wollte man zu Scheune, zum Stall oder zum Kloo, dann benutzte man meistens die hintere Flurtür und nahm dann den Weg durch die „Alte-Stall-Tür“ die wir übrigens auch so nannten. Das war bequemer als ums halbe Haus zu laufen. Die Stalltür war  fast nie verschlossen. Lediglich wurde des Abends die Flurtür zum Stall mit einem einfachen Riegel (einer „Schaaf“) zugesperrt.

In meiner Kindheit waren übrigens in den meisten Häusern tagsüber die Haustüren unverschlossen. Selbst wenn man sich außer Haus, - zum Beispiel im Garten aufhielt, blieb die Tür offen. In den letzten Kriegsjahren, als die Zeiten unruhiger wurden und mehr und mehr Fremde in die Dörfer kamen, trug man dem Sicherheitsbedürfnis Rechnung und verschloß auch tagsüber die Haustüren, wobei der Hintereingang auch dann meistens noch offen gehalten wurde.

Die Lehmwände unserer Fachwerkhäuser hatten, auch nach heutigen Maßstäben unübersehbare Vorteile. Heute errichtet man schon wieder hier und da Wohngebäude in dieser Bauweise, weil man deren umweltverträgliche und gesunde Qualität aufs neue erkannt und wiederentdeckt hat. Diese Fachwerkhäuser aus Balken und mit Stroh vermischtem Lehm besitzen trotz ihrer geringen Dicke eine starke Isolationswirkung. Im Sommer halten sie die Hitze von außen ab, wogegen im Winter die Wärme nicht nach außen dringt. Dank der nicht immer ganz dicht schließenden Türen und Fenster gab es keinen Wärmestau und die damit verbundene feuchte und schimmelnde Wände.

Zum anderen war die Errichtung eines solchen Fachwerkhauses natürlich sehr kostengünstig. Alle Materialien gab es ja in der näheren Umgebung. Das Holz für Balken usw. bekam man im eigenen Wald. Den Lehm („gelb wie Butter und fett wie Speck“ - wie es in unserem Schul-Lesebuch stand), holte man im nahen Rokenbusch. Zahlreiche noch jetzt vorhandene „Lehmkuhlen“ zeugen noch hiervon.

Ich möchte aber hier nicht den Bau eines solchen Fachwerkhauses beschreiben, obwohl mir das nicht schwerfallen würde. Es würde zu sehr den von mir gesteckten Rahmen sprengen. Im übrigen sind heute zahlreiche Abhandlungen über dieses Thema erschienen und in der einschlägigen Literatur nachzulesen.

Unser Keller befand sich (und befindet sich noch) unter der Stube, der jetzigen Küche. Man erreichte ihn über eine Treppe vom Flur her. Um sich beim Abstieg nicht allzusehr den Rücken verbiegen zu müssen, gab es über dem Kellereingang das sogenannte „Kellerhäuschen“. Es ragte als zweistufiger Vorbau in unsere Stube, direkt neben dem Herd. Da es hier eine bequeme Sitzbank darstellte und zu diesem Zweck auch genutzt wurde, besaß dieses Kellerhäuschen in der Stube auch den Namen Ofenbank. Im Winter ein herrlicher Platz zum aufwärmen, wenn man durchgefroren von draußen kam. Oder man schob sich wahlweise entweder mit dem Oberkörper oder den Beinen in die Nische zwischen Herd und Ofenbank-Seite. Da lag man dann wie „in Abrahams Schoß“.

Aber ich war ja beim Keller. Hier wurden die Wintervorräte an Kartoffeln und Runkelrüben gelagert. Ferner standen in den Regalen die gefüllten Einkoch-Gläser. Deren Inhalt war vielfältig: Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen. Dann die Gläser mit Fleisch, Blut- und Leberwurst, Gartengemüse wie Busch- und Dicke Bohnen, Erbsen, Möhren, Rote Beete, (Wir nanten sie Karoten - mit langem „o“) und vieles andere mehr. Auf diese Weise wurde alles mögliche haltbar gemacht, denn die praktischen Kühltruhen gab es ja noch nicht. Das hielt sich manchmal jahrelang. So ein Bruchsteingemauerter Keller hält ja Sommer wie Winter seine gleichbleibend kühle Temperatur mit konstanter Luftfeuchtigkeit und das trägt natürlich auch zur Langzeitlagerung bei.

Da standen dann auch zwei hohe, braunglasierte Steintöpfe. Der ein Topf wurde mit „Sauren Bohnen“, der andere mit Sauerkraut („Suure Kappes“) gefüllt. Sauerkraut entstand, indem man die  geernteten Weißkohl-Köpfe auf einer Krauthobel („Kappes-Schaaf“) auf dünne Streifen schnitt oder schabte, diese dann mit Salz, Zwiebeln und Wacholderbeeren mischte und im Steintopf feststampfte. Darauf kam ein runder Holzdeckel den man noch zusätzlich mit einem dicken Stein beschwerte. Die Bohnen ereilte dasselbe Schicksal. Sie wurden natürlich nicht mit der Kappesschaaf behandelt sondern mit der Hand. Das nannte man „Bonnen-Fitschen“. Das war ein gesunder vitaminreicher Wintervorrat, der oft noch bis ins späte Frühjahr langte.

Die Butter und andere leichtverderbliche Lebensmittel wurden, - besonders in den Sommermonaten, - ebenfalls im Keller aufbewahrt, da ja der Kühlschrank fehlte. Das alles erforderte des Öfteren einen Gang in den Keller.

Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen. Unterhalb der Kellertreppe, in einer Mauernische stand jene berühmt - berüchtigte Flasche mit Lebertran. Für uns Kinder das obligate Heil- und Lebenselixier schlechthin. Ich schüttele mich noch heute, wenn ich an diesen Geschmack denke. Obschon es mir heute wohl kaum etwas ausmachen würde, aber als Kind hat man halt ein anderes Verständnis für diese vielleicht notwendigen Dinge. Jedenfalls war es für mich eine sich täglich wiederholende Tortur, wenn mir meine Mutter den Löffel Lebertran verabreichte. Auch mein ständiges lamentieren und protestieren half da nichts, der Löffel wurde geschluckt! Ob es geholfen hat - ich weiß es nicht, wahrscheinlich doch.

Der Keller war dann aber auch unsere Zuflucht, als Anfang April 1945 die Kriegsfront heranrückte und die Amerikaner kamen. Nachdem mein Vater den Keller mit Brettern, Matratzen und Decken etwas „wohnlich“ eingerichtet hatte, verbrachten wir dort die Nächte bis dann der Krieg für uns ein Ende hatte.

In der letzten Nacht vor dem Einmarsch der Amis erlebten wir pausenlosen Artillerie-Beschuss. Ihre Stellungen lagen hinter Birrenbachshöhe in Richtung Löbach. Sie hatten es mit Ihrem Beschuß auf die Straßenkreuzung in Wohlfarth abgesehen, hielten aber immer zu kurz und trafen deshalb hauptsächlich den oberen Bereich unseres Dorfes. In dieser Nacht habe ich zum erstenmal  Todesangst verspürt, und wir erlebten auch den Krieg zum erstenmal so richtig hautnah. Eine Granate verfehlte unser Haus um Haaresbreite und explodierte genau vor unserem Scheunentor. Wäre ihr Flugweg ein paar Meter kürzer gewesen, wäre sie wohl als Volltreffer mitten in unserem Keller gelandet, - und ich würde, - nebenbei bemerkt, jetzt nicht hier sitzen und diese Zeilen schreiben. Doch davon ausführlicher in einem anderen Kapitel.

Doch zurück zum Haus. Unter der Treppe im Flur befand sich, mit dicken Bolzen im Zementbogen verankert, unsere gusseiserne Zentrifuge, („de Fuuß“). Mit ihr wurde die Milch entrahmt und sie stand damals in vielen landwirtschaftlichen Haushalten. Mittels drehen an einer Kurbel wurde die Milch dank großer Zahnrad-Übersetzungen im Inneren der Zentrifuge in eine hohe Schleuderbewegung gebracht. Durch diese entstandene „Zentrifugalkraft“ wurde dann der Rahm von der Milch getrennt. Zurück blieb die Magermilch.

Der so gewonnene Rahm kam in ein Butterfaß, („die Kien“). Dann wurde wieder die Kurbel gedreht, bis sich der Rahm zu einem Klumpen goldgelber Butter verfestigt hatte. Das Kurbeldrehen durfte ich meistens verrichten.

In den letzten Kriegsjahren wurde diese private Seite der Milchverwertung aus „volkswirtschaftlichen Gründen“ verboten und unter schwere Strafe gestellt. Die Milch mußte bis zum letzten Tropfen abgeliefert werden. Um jede verbotswidrige Handlung ein für allemal auszuschließen, wurden als zusätzliche Maßnahme alle Butterfässer und die Kurbeln der Zentrifugen eingezogen. Ich glaube, man lagerte das alles im Steimels Saal zu Wohlfarth unter strengem Verschluß.

Doch man wußte sich auch hier zu helfen. Rahm läßt sich ja bekanntlich abschöpfen. Nachdem man so genügend gesammelt hatte, wurde er mit einem kleinen Besen aus geschältem Birkenreisig umgerührt bzw. geschlagen. Das Ergebnis war dasselbe: - goldgelbe Butter. Aber man durfte sich natürlich nicht erwischen lassen.

Bei uns gab es auch so eine Art „Zentralheizung“. Das Ofenrohr unseres Herdes führte durch die Zimmerdecke hinauf zum Söller. Hier vollführte es einen großen Bogen bevor es im Kamin verschwand. Der Schornstein befand sich auf dem Gang. So war das Schlafzimmer meiner Eltern immer angenehm temperiert, sofern sich unser Herd in Betrieb befand.

Die Kammer hatte ebenfalls eine indirekte Wärmequelle. Man hatte in die Wand zur Stube eine große Blechplatte eingelassen. Genau hinter dieser Platte befand sich der Herd. Die Herdwärme strahlte so durch das Blech in die Kammer. Das alles ergab natürlich keine großen Temperaturen, aber zum Schlafen bei strenger Winterkälte, mit einem dicken Plümo über die Ohren gezogen, war das schon ganz angenehm. Man arbeitete damals also auch schon „mit Köpfchen“, wobei ich hier glaube, daß mein Opa ein erfindungsreicher Mann gewesen ist.

Unser Fachwerkhaus hatte übrigens eine Holzverkleidung, was  nicht allgemein üblich war. Sie bestand aus Hobelbrettern, über deren Nahtstellen man zusätzlich Latten gezogen hatte. Das sah nicht nur gut aus sondern schützte das Lehm-Fachwerk auch nachhaltig vor Witterungseinflüssen. Allerdings war das, - besonders heute wieder als romantisch-nostalgisch geschätzte Fachwerk den Blicken entzogen. Aber Fachwerk­­häuser waren ja damals,- nicht wie heute,- eine Rarität, sondern die Regel.            

Heute wird ja so ein altes, gut erhaltenes Fachwerkhaus mit bewundernden Blicken bedacht, (wie wir es oft genug bei unserem Haus erfahren können, - und worauf ich übrigens unheimlich stolz bin!) Gibt es doch meinen frühen Vorstellungen Recht, als ich bei der Renovierung die alte Bausubstanz wieder hervorholte. Der Zeitgeist war ja in den 50er Jahren ein ganz anderer. Man wollte „städtischer“ erscheinen, riß die alten Fachwerke ab und baute neue Häuser im sogenannten „Bungalow-Stil“. Wem das zu kostspielig war. der vernagelte sein „unmodernes“ Fachwerk mit diesen grausamen „Eternitplatten“. Diese Leute hatten übrigens später noch Glück, denn auf diese Weise konnte so manches herrliche alte Fachwerkhaus vor der endgültigen Vernichtung bewahrt werden.

 Ein altes Sprichwort sagt: „Wer am Wege baut, der hat viele Meister!“ Davon kann ich auch ein Liedchen singen, zumal unsere „Dorf-Hauptstraße“ ja ziemlich nahe vorbeiführt. Ich sehe noch heute die vielen mißbilligenden, ja mitleidigen Blicke. Dazu die mannigfachen, und „wohlwollenden“ Ratschläge, als ich mich damals ans Werk machte. Da brauchte man oft starke Nerven und mußte über jeden Selbstzweifel erhaben sein. Der einzig, der einen vorausschauenden Blick an den Tag legte, war mein guter Nachbar, der Krusen Willi (Willi Kraus). Wörtlich sagte er damals zu mir, - und das habe ich nie vergessen: „Eckhard, do krist de es en schün Hüschen“. (Da bekommst du mal ein schönes Häuschen).

Direkt vor unserem Haus, neben der Hautür befand sich unser „Pütz“. Das war ein Brunnen, der mit einem zeltartigen Holzhäuschen überdeckt war. Vorne hatte dieses Häuschen eine Tür, die man nach der Seite aufklappte. Im Inneren befand sich ein dickes Rundholz um das eine lange Kette geschlungen war. An der Kette hing der Eimer. Das Rundholz mit umwickelter Kette mündete in einer Kurbel, (dem „Pötzschwengel“). Mit ihm „pützte“ man das Wasser hoch.

Unser Brunnen wird schätzungsweise eine Tiefe um die 10 Meter haben. Kann mehr, kann aber auch weniger sein. Die untere Hälfte ist in felsigen Grund getrieben und mit klarem Quellwasser gefüllt. Der obere Teil ist mit Bruchsteinen ausgemauert. Meine Oma erzählte mir, als man damals beim Brunnenbau plötzlich auf die Wasserader stieß, sei das Wasser mit einem solchen Druck hervorgeschossen, daß die Männer kaum Zeit zum Hochklettern gefunden hätten.

Selbst in Jahren mit sehr großer Trockenheit, wenn fast alle Brunnen in der Nachbarschaft versiegt waren, gab unser Pütz noch genug Wasser her um auch die Nachbarn mit zu versorgen. Und dieses Wasser war ein Genuß! Überhaupt kein Vergleich zum heutigen Leitungswasser, und mag es noch so „klinisch sauber“ sein.

Meistens stand immer ein frisch gepützter Eimer Wasser, mit einer Schöpfkelle (der „Scheppe“) versehen, neben dem Pütz. Wie oft habe ich erlebt, wenn die Nachbarn in der Sommerhitze mit ihrem Pferdefuhrwerk aus dem Felde kamen, daß sie sich bei uns einen kühlen Trank genehmigten. War der Eimer gerade leer, so pützte man sich einen neuen.

Manchmal riß auch die Kette entzwei und der Eimer lag im Brunnen. Dann trat der „Pötzhooch“ in Aktion. Das war ein bewegliches Eisengestell, mit vielen, nach allen Seiten hin ausgerichteten langen Haken versehen. Dieses Gestell wurde an einer langen Leine ins Wasser gelassen und mein Vater fischte so lange, bis er den Eimer „am Haken hatte“. Das war ganz schön schwierig und dauerte seine Zeit. Der Pützhaken war eigentlich ständig leihweise unterwegs und wenn er dann gebraucht wurde, ging es erst ans Überlegen, wer ihn wohl als letzter benutzt hatte. Der Pützhaken befindet sich übrigens heute noch in meinem Besitz.

Inzwischen ist unser Pütz mit einer dicken Betonplatte abgedeckt. Das geschah als Vorsichtsmaßnahme, als sich damals unsere, und die Nachbarskinder immer wieder am Pützhäuschen zu schaffen machten. Doch irgendwann, - vielleicht schon im nächsten Jahr werde ich dort eine Handpumpe errichten, um wieder in den Genuß dieser kühlen Köstlichkeit zu gelangen.

Zwischen Haus und dem parallel laufenden Dorfweg lagen nur ein paar Meter. Die Bezeichnung „Dorfstraße“ wäre wohl hier fehl am Platz. Denn unsere Dorfstraße war eher ein besserer Feldweg, den man, - wie damals üblich, mit Schottersteinen befestigt hatte. Natürlich führte ihre ständige Benutzung durch die Pferde-Fuhrwerke dazu, dass sie andauernd schadhaft war. Die Straßendecke war mit Löchern und tiefen Fahrspuren von den Eisenrädern überzogen. Immer wieder waren Reparaturarbeiten von Nöten oder aber man nahm die Löcher einfach in Kauf. Für unsere heutigen motorgetriebenen Fahrzeuge wäre ein Achsenbruch vorprogrammiert gewesen.

Wie gesagt, zwischen Haus und Weg war weniger Platz als heute. Trotzdem hatte es meine Mutter  irgendwie bewerkstelligt, in Höhe unseres Stubenfensters einen kleinen Blumengarten anzulegen. Dort wuchsen, - soweit ich mich erinnern kann, hauptsächlich die gelb-orangenen Ringelblumen. Am Rande standen auch ein paar Feuerlilien und hohe Staudenblumen. Das Ganze war, - wegen unserer Hühner, - mit kniehohem Maschendraht eingezäunt.

Vor unserem Haus lag der „Steinweg“, wie er genannt wurde. Das waren große Natur-Steinplatten,- übrigens dieselben wie heute. Ich habe sie später nur etwas anders verlegt und neu zusammengefügt. Davor verlief dann der Straßengraben, in den man das Waschwasser ebenso wie das Spülwasser hinein schüttete. Spülbecken samt dazugehörigem Abfluss gab es ja nicht bei uns. Das Wasser lief also durch den Graben und versickerte. Den Rest besorgte die nächste Regenschauer.

Gegenüber unserem Haus lagen zwei große Weideflächen. Die linke Weide gehörte den Beckers und sie besaß eine Vielzahl von Apfelbäumen. Die Weide rechts davon gehörte uns. Beide waren natürlich mit mehrfachem Stacheldraht eingezäunt denn sie dienten ja den Kühen als Futterplatz.. Auf unserer Weide befand sich die Wäscheleine in Form eines langen blanken Metalldrahtes, alle paar Meter mit Stangen abgestützt. Hierhin trug meine Mutter auch einzelne Wäschestücke auf die Bleiche. Das Leinen wurde im Gras ausgelegt und öfters mittels einer Gießkanne mit klarem Wasser besprüht. Das Ergebnis war dann eine strahlend weiße Farbe, - ganz ohne Ariel und Co.

Rechts vom Haus, (In Richtung Dorf) hatten wir unsere Obstweide. Sie wurde an ihrem unteren Rand vom Dorfweg begrenzt. Diese Obstbäume, (es standen und stehen auch noch einige von ihnen hinter unserem Haus), waren von meinen Großeltern gepflanzt worden und trugen im Herbst reichlich Früchte. Es gab da verschiedene Apfelsorten. Hauptsächlich waren es „Boskop“ und „Rabauen“. Auch besaßen wir, - eine Rarität, - zwei „Gravensteiner“. Wir nannten Sie aber „Weinäpfel“. Es ist bekanntlich eine frühe Sorte und sie eignet sich auch nicht besonders zur Winterlagerung. Sie schmecken aber zuckersüß und sind sehr saftig. Ein Baum  ist uns noch erhalten geblieben. Er steht mit seinen mächtig ausladenden Ästen in Richtung unseres Garten und er trägt alle paar Jahre noch einige Körbe voll Äpfel, trotz seines Alters. Er hat ja nun auch schon an die 70 - 80 Jahre auf dem Buckel, - vielleicht sogar mehr.

Dann gab es die drei hochgeschossenen Birnbäume. Sie stehen auch heute noch. Dazu jede Menge Pflaumenbäume. Die Pflaumen wurden in die Weckgläser gefüllt und dann eingekocht. Ein anderer Teil kam in den Backofen zum Trocknen. Die schmeckten im Winter zuckersüß. Von diesem alten Baumbestand sind noch ein paar Bäume übrig geblieben, und sie tragen in guten Jahren noch reichliche Früchte.

Direkt an der vorderen Scheunenecke stand (und steht) unsere Trauerweide. Wie ich aus sicherer Quelle erfahren habe, wurde sie von meiner Mutter gepflanzt. Dieser Baum, an dem ich von Kindesbeinen an sehr hänge, hat wohl das gleiche Alter wie ich. Diese Tatsache geht übrigens aus einem Bild hervor, auf dem wir beide, (Trauerweide und ich), im Alter von knapp drei Jahren zu sehen sind.

Inzwischen hat der Baum riesige Ausmaße angenommen. Ein paarmal wurde er - (so wie ich) vom Sturm arg zerzaust. Einige schwere Äste brachen aus der Krone. Aber das hat ihm alles nichts anhaben können. Im Gegenteil. Rasch bildeten sich neue Astverzweigungen und ließen ihn bald wieder in alter Pracht erstrahlen. Auch richteten die herabstürzenden Äste an Haus und Scheune kaum Schaden an. Ob weiter alles gut geht, - ich weiß es nicht. Jedenfalls soll diesem Baum, soweit und solange ich es zu bestimmen habe, nie „ein Haar gekrümmt werden“. Im übrigen vertraue ich auf den „Statiker“ oben, der ihn so prächtig hat wachsen lassen.

Hinter unserem Kuhstall befand sich der obligate Misthaufen. Akkurat auf Kante gelegt, bedeutete er den Stolz eines jeden Bauern. Hatte er im Frühjahr ein gewisses Volumen erreicht, dann wurde er ins Feld gebracht, dort ausgestreut und in die Erde eingepflügt. Ein hochwertiger Naturdünger.

Ein gepflegter Rasen, wie er heute überall anzutreffen ist, war damals natürlich unbekannt. Entweder nutzte man solche Flächen als Weideland oder zum Gemüseanbau. Im übrigen achtete man rund um Haus und Stallungen nicht so sehr auf „klinisch“ herausgeputzte Sauberkeit im heutigen Sinne. Dabei versanken wir aber auch nicht im Unrat. Was ich damit sagen möchte: Man ließ auch mal ein paar Brennesseln und Holunderbüsche wachsen. Zu meiner großen Erheiterung sehe ich, daß dieses alles heute wieder in dörflichen Lebensbereichen propagiert und gefördert wird. Das geht schon soweit, daß bei den Wettbewerben „Unser Dorf soll schöner werden“, solche „Trocken-Biotope“, wie man das heute nennt, mit Pluspunkten versehen werden. Eine ver-rückte Welt ist das!

Unabhängig von solchen Zeitgeist-Erscheinungen haben meine Frau und ich schon immer rund ums Haus alle Sträucher, Büsche und Bäume wachsen lassen, wie sie die Natur hervorbrachte. Natürlich wurde immer wieder etwas um- oder neugepflanzt. Aber mit Vorsicht und Augenmaß. Dazwischen war immer wieder Platz für kleinere und größere Rasenflächen und selbstverständlich für die vielen Blumenbeete, welche meine Frau in unnachahmlicher Weise und mit sehr viel Mühe und Fleiß, - aber auch mit Können, - rund ums Haus angelegt hat und ständig mit viel Liebe pflegt. (Sie besitzt übrigens, - wie man so sagt „den grünen Daumen“) denn es blüht und gedeiht prächtig unter ihren Händen. So ist die Umgebung unseres Hauses mit den Jahren zu einer Augenweide geworden und sie wurde schon von manchen Besuchern als „kleines Paradies“ bezeichnet.

Naturgemäß ist ein solches Gelände eine ideale Heimstatt für die Vogel- und  Tierwelt. Vögel aller Art tummeln sich bei uns und brüten ihre Junge aus. Viele von ihnen sind inzwischen alte Bekannte. So zum Beispiel „unser“ Taubenpaar, welches Jahr für Jahr im nahen Fichtenwald sein Domizil aufschlägt. Abends sitzen die beiden oft dicht nebeneinander in unserem Kirschbaum und betrachten die Abendsonne.

Oder „Emil“, der Waldkauz. Der sitzt Tag für Tag gegenüber auf Nachbars Schornstein und wartet auf die Dämmerung. Dann streicht er ab zur nächtlichen Jagd. Oft tönt dann sein langgezogenes „Uhuuuitt“ durch die Nacht. Die dann in ihrer wohlverdienten Nachtruhe gestörten Eichelhäher, Elstern, Spechte, Amseln und Stare zahlen es ihm am anderen Morgen heim, wenn er sich auf seinem Thron niedergelassen hat. Dort wird er dann manchmal von einer ganzen Horde seiner Artgenossen attackiert, die ihn mit markerschütterndem Gekrächze umkreisen. „Emil“ ergreift dann auch mal die Flucht oder taucht ab in den Kamin, aus dem er dann wieder herauskrabbelt,  wenn die Luft wieder rein ist.

Dann ist da noch das Eichhörnchen-Paar, welches unter anderem unseren Haselnuss-Strauch leerplündert, kaum das er Früchte angesetzt hat. Die Igelkolonne sorgt für die Schneckenvertilgung im Garten.

Auf der ruhigen Hausrückseite stellen wir im Sommer rund ein Dutzend Vogeltränken auf. Das sind alte Ton-Futternäpfe aus unseren früheren Kaninchenställen. Die müssen fast täglich gesäubert und mit frischem Wasser gefüllt werden. Das hat seinen Grund, denn die Vögel benutzen diese Tränken nicht nur zum trinken sondern hauptsächlich zum baden. Im Sommer sieht man sie schon in aller Herrgottsfrühe Toilette machen. Das ist oft eine äußerst ulkige Angelegenheit, wenn sich dann so ein fetter Eichelhäher in dem kleinen Topf plustert, daß das Wasser nur so umherspritzt. Die Vögel haben ihr Vergnügen - aber wir auch!

Ja, wahrhaftig, in solcher Umgebung hält sich Körper und Seele gesund. Die Natur ist doch der größte Lehrmeister, wenn man es versteht, mit offenen Augen und Sinnen ihren einfachen Worten zu lauschen. Alle Bücher und Lehranstalten können dem Menschen nicht jene innere Freude und jenen inneren Frieden vermitteln, der aus einer einzigen Blume spricht. Wie oft sitze ich an einem warmen Sommerabend nach getaner Arbeit vor unserem Gartenhäuschen und lausche dem Gesang einer Amsel in den nahen Baumwipfeln. Alle Reichtümer der Welt sind ein Nichts gegen diese Stunde des Friedens und der tiefen inneren Freude, in der man Gott ganz nahe ist. ---

Aber zurück zum Haus. Ich hatte also 1954 meine Frau Rita kennengelernt, und wir wurden uns einig, irgendwann auch zu heiraten und eine Familie zu gründen. Das Haus war zwar vorhanden, aber es war bei näherer Betrachtung im Laufe der Jahre ziemlich renovierungsbedürftig geworden. Außerdem wurde es ja noch von meinem Vater, - der inzwischen wieder geheiratet hatte, - bewohnt. Er brauchte also für sich und seine Frau ein paar eigene Zimmer. Schließlich wollte ich meiner jungen Frau auch nicht zumuten, in ein altes Lehm-Fachwerkhaus einzuziehen, das den modernen Bedürfnissen in vielen Punkten nicht entsprach.

Da war nun guter Rat teuer. Einerseits ging es mir schon um Modernisierung. Andererseits lag es mir aber auch sehr am Herzen, die alte Bausubstanz, besonders in ihrer äußeren Fachwerkform zu erhalten.

Bei näherer Betrachtung lag der Zustand an der Hausrückseite ziemlich im Argen. Es war ja die Nordseite, und die unteren Balken hatten im Laufe der Jahre doch sehr gelitten, zumal am hinteren Dach keine Dachrinne angebracht war. Warum, ist mir immer ein Rätsel geblieben. Ich mußte mich also damit abfinden, die Schlafkammer und den sogenannten „Alten Stall“ abzubrechen. Der Abbruch als solcher schien dabei ziemlich problemlos, da diese beiden Räume ja ursprünglich von meinem Großvater ans Haus angebaut worden waren.

Zu dieser Zeit war ich aber noch, wie man so sagt, ein „blutiger Laie“. Ich hätte es damals wahrscheinlich auch nie riskiert, ein solches Projekt jemals ins Auge zu fassen, wenn mir da nicht der Söntgerath´s Willi unten aus dem Dorf kräftig mit Rat und Tat zur Seite gestanden hätte. Willi hatte selber schon damit angefangen, sein altes Haus, in dem er mit seiner Mutter und seinem Großvater, - (der alte Söntgerath´s Justin) lebte, umzubauen und zu renovieren. Von Beruf Elektriker, war er da schon etwas vertrauter mit der Materie. Wir haben uns in dieser Zeit immer wechselseitig geholfen, wenn die Arbeit von zwei Leuten erforderlich war. Meistens kam er aber schnell mal vorbei, schaute nach dem Rechten und erklärte mir, was weiter zu tun sei.

Dann ließ er mich arbeiten und das war auch gut und richtig so. Denn nur, wer selber etwas durch seiner Hände Arbeit schafft, erkennt später auch deren Wert und kann mit innerer Genugtuung und Freude auf sein vollbrachtes Werk zurückschauen.

Mit Willi verband mich so eine Art nachbarschaftliche Freundschaft. Wir haben damals in den 50er Jahren viel zusammen unternommen, besonders an den Wochenenden. Wenn es da zum Beispiel samstags so gegen Abend irgendwo zu knallen begann, wußten wir sofort: Aha, eine Hilich, und wir machten uns auf den Weg, - natürlich zu Fuß. Zur Hilich (Polterabend) konnte jeder erscheinen, der das Brautpaar in spe kannte - oder auch nicht. Meistens kannten wir es aber.

So eine Hilich ging damals etwas anders vonstatten als heute. Erst einmal kannte man nicht diese Berge von Unrat, die heutzutage lastwagenweise angekarrt und vor dem Hause der Brautleute abgeladen werden. Diese große Unsitte ist wohl aus den Städten zu uns herüber gekommen. So etwas gab es damals überhaupt nicht. Als das mindeste wird ja auch heute ein Bierpilz mit integrierter moderner Zapfanlage verlangt. Zu unserer Zeit bekam man eine Flasche Bier in die Hand gedrückt, dazu ab und an mal einen Schnaps. An essbarem gab es belegte Brotschnitten, - wenns hoch kam - Würstchen mit selbstgemachtem Kartoffelsalat.

Die Böllerschüsse wurden mittels ausrangierter Milchkannen erzeugt, in die man am Boden ein Loch gebohrt hatte. Die Kanne wurde nun mit einem Sauerstoff-Gas-Gemisch gefüllt. Dann kam der Deckel drauf. Nun wurde ans Bohrloch unten eine brennende Lunte gehalten und der Deckel flog mit einem lauten Knall davon. Wir banden ihn aber an eine lange Kette, damit er nicht zu weit flog. Das Böllerschießen dauerte oft die ganze Nacht hindurch, - je nach Lust und Laune oder nach dem Stand des Alkoholpegels.

Das war normal und niemand beschwerte sich ernsthaft. Auch die Polizei ist nie eingeschritten, so weit ich mich erinnern kann. Das fiel wahrscheinlich unter „Brauchtumspflege“ damals. Die Leute, welche das Schießen bewerkstelligten, sahen dann später wie die Mohren aus. Das andauernde Hantieren mit dem rußgeschwärzten Deckel tat seine Wirkung. Aber das gehörte dazu. Dem Thema Hilich könnte ich eigentlich ein ganzes Kapitel widmen. - Vielleicht greife ich es später noch einmal auf. Wenn Willi und ich  eine Hilich besuchten, war für uns der Samstagabend mal wieder gerettet. Es war ja sonst nicht allzuviel los bei uns auf dem Lande. Und das nötige Kleingeld fehlte  ja auch.

Sonntags fuhren wir auch oft mit unseren Motorrädern los. Ich besaß eine 98er NSU „Quick“ - ein sogenanntes „Hermännchen“. Mit dem habe ich auch immer die Post ausgefahren. Dazu später mehr. Wir beide, der Willi und ich waren ja noch Junggesellen. Ich war zwar schon mit meiner späteren Frau Rita befreundet, und ich hätte mit ihr an den Wochenenden auch gerne etwas unternommen, aber das klappte nicht immer, denn Rita hatte oft Verpflichtungen in ihrem Arbeitsbereich. Sie führte ja damals den Haushalt eines Zahnarztehepaares in Troisdorf. Wenn die dann am Wochenende wieder einmal Besuch bekamen, ließ sich Rita in ihrer Gutmütigkeit überreden und bediente die Herrschaften.

So bin ich viele Male mit meinem Motorrad nach Troisdorf - Friedrich-Wilhelmshütte gefahren, (dort wohnten sie), um Rita nach Wohlfarth abzuholen. Dort wohnte ja ihre Mutter. Ich mußte dann enttäuscht wieder zurückfahren, weil sie wieder einmal „unabkömmlich“ war. So war ich alsdann froh, wenn ich mit Willi noch etwas unternehmen konnte. Aber die Liebe zwischen Rita und mir ist dabei nicht in die Brüche gegangen, - ganz im Gegenteil!

Als Dritter im Bunde bei Willi und mir war da noch der Beckers Karl-Josef. Er war ein halbes Dutzend Jahre jünger als ich. Trotzdem hatte er schon sehr ausgeprägte Ansichten und Einsichten. Mit ihm verband mich eine wirkliche Freundschaft trotz unseres Altersunterschiedes.

Ich habe ihm damals oft bei der Heuernte geholfen. Auch sonst war ich immer zur Stelle, wenn er mich mal brauchte, denn er bewirtschaftete ja nach dem frühen Tode seines Vaters seinen landwirtschaftlichen Betrieb mit Mutter und Schwester allein. Ich habe ihm immer gern geholfen, - er mir umgekehrt natürlich auch. Wir haben uns dabei viel über Gott und die Welt unterhalten. Karl-Josef war äußerst wißbegierig und er begann sich, - daran war ich nicht ganz unschuldig, - für klassische Musik zu interessieren, für die ich in diesen Jahren auch langsam Zugang bekam.        

Wir haben da so manchen Abend bei mir in der Stube gesessen und uns mittels eines Plattenspielers, (den mir Willi besorgt hatte), und den ich an unser altes „Dampfradio“ angekoppelt hatte, Beethoven, Mozart und Wagner angehört. Und das mit wachsender Begeisterung. Von „Hifi-Qualität“ und „Stereo“ konnte da natürlich keine Rede sein, aber für uns beide war es die absolute Spitze. Alle paar Monate hatte ich von meinem geringen Gehalt soviel zusammengespart, das ich eine „Sonderausgabe“ riskieren konnte. Inzwischen hatte ich ja genug Zeit, aus dem vorhandenen Angebot eine entsprechende Auswahl zu treffen. Und das war dann oft eine Qual bei all den herrlichen Stücken im Angebot. So riet mir damals die Frau Schreckenberg, - sie war die Besitzerin des großen Musikgeschäftes in der Siegburger Holzgasse, - (ich war dort Stammkunde), zum Kauf der „Mondscheinsonate“ mit der Interpretin Elli Ney. Sie war damals eine der besten Beethoven-Interpretinnen überhaupt. Ich habe dann doch die billigere Platte mit Carl Seemann genommen und ärgere mich bis heute darüber.

Nun gut. Karl-Josef stand mir damals also in geistig-seelischer Hinsicht sehr nahe und auch unsere Zukunftspläne waren schon in etwa abgestimmt. So zum Beispiel, Aktivitäten und Einrichtungen für unser Dorf usw. Doch diese Pläne wurden durch einen tragischen Unfall jäh zunichte gemacht.

Es war im August 1959. Durch eine schadhafte Starkstromleitung, mit der Karl-Josef in Berührung kam, wurde er von einem tödlichen Stromschlag getroffen und er starb trotz intensiver Wiederbelebungsversuche und ärztlicher Hilfe. Ein paar Minuten vor dem Unglück hatte ich noch mit ihm gesprochen, als ich ihn darum bat, das von mir ausgehobene Erdreich mit Traktor und Karre wegzufahren, was er mit einigen lustigen Bemerkungen zur Kenntnis nahm. Kurze Zeit später war er tot.

Es war für mich, für seine Familie, aber auch für ganz Oberholz ein schwerer Schlag, von dem sich alle nur ganz langsam erholten. Karl-Josef lebt bis heute in meiner Erinnerung und ich rede noch oft mit ihm.

Der Tod eines Menschen kann für die Zukunft eines Dorfes manchmal von ausschlaggebender Wirkung sein und der Infrastruktur und dem Gepräge des Ortes ein völlig neue Richtung geben. Das war jedenfalls bei uns in Oberholz der Fall. Nach dem Tode von Karl-Josef kam der landwirtschaftliche Betrieb zum Erliegen. Die Schwester heiratete. Stallungen und Scheune wurden durch ein neues Wohnhaus ersetzt. Die Weideflächen gegenüber unserem Haus wurden als Baustellen verkauft. Inzwischen „ziert“ ein hoher Fichtenwald nebst zwei neuen Häusern das ehemalige Grünland. Aber auch die zwischen-nachbarlichen Beziehungen bekamen an manchen Stellen einen „Knacks“. Erst in den letzten Jahren, - wohl auch bedingt durch Zu- und Wegzug einiger Familien ist es Gott sei Dank wieder besser geworden, - doch davon mehr im nächsten Kapitel.

Ich muß nun aber wieder zu meinem Hauptthema zurückehren. Es war Frühjahr 1958. Ich war inzwischen über die Umwege Hennef - Siegburg  in Much auf der Post gelandet. (Mehr in einem anderen Kapitel). Ich war „Landbriefträger“, und trug in Much und Umgebung Briefe und Pakete aus, wie es damals so üblich war, - per Fahrrad oder später mit dem Motorrad. Die Verdienstmöglichkeiten damals bei der Post waren äußerst bescheiden um nicht zu sagen: besch... . Wenn ich Samstags nach Feierabend zu einem Bier in der Reichensteiner Mühle an der Theke saß und mich mit den ebenfalls dort beim Bier sitzenden Maureren und Handwerkern unterhielt, - und wir dann auch über Verdienst und Geld redeten, log ich immer ein paar Hundert Mark dazu und wurde trotzdem von ihnen ausgelacht. Soviel, erklärten sie mir, machten sie in einer Woche mit „Schwarzarbeit“.

Soviel zu meiner finanziellen Situation im Frühjahr 1958. Ich mußte mich also nach einer „Geldquelle“ umsehen. Das Startkapital, ich glaube, es waren so um die 3000 Mark bekam ich von meinem Vater. Im Gegenzug garantierte ich ihm und seiner Frau ein lebenslanges „Wohn- und Nießbrauchsrecht“, wie es notariell beglaubigt hieß. Damit war für ihn  seine Hilfe mir gegenüber aber weitgehend erschöpft. Weder finanziell noch „zupackend“ hat er mir dann später wieder geholfen, - was ich ja eigentlich gut verstehen kann. Aus seiner Sicht hatte er ja Recht, denn durch das Testament meiner Mutter war ich ja der Alleinerbe und er stand ziemlich dumm da. Ich mußte mir dann später noch einiges bei der Mucher Raiffeisenbank leihen, denn es stellte sich heraus, daß ich mit diesem Betrag bei weitem nicht auskam.

Nun gut. Nachdem also das Anfangskapital vorhanden war, konnte ich  das Werk beginnen. Bevor ich mit dem eigentlichen Abbruch beginnen konnte, war zuerst das Backhaus, das „Backes“ an der Reihe. Es grenzte ja mit seiner Vorderwand an die Hausrückseite und es konnte ja, - wie bereits erwähnt, von innen „bedient“ werden. Das Backes war aus schweren, klobigen Grauwacke-Steinen gefügt. Das war schon eine harte Sache, die großen Steinbrocken einzeln abzutragen. Ich habe sie damals zu einer halbrunden Mauer lose aufgeschichtet. Inzwischen ist sie hinter unserem Haus mit allerlei Sträuchern überwachsen.

Nachdem das Backes dann verschwunden war, ging es ans Haus. Die Dachziegel habe ich sorgfältig abgenommen, - es waren ja sogenannte Hohlziegel und die gibt es inzwischen nur noch in imitierter Form. Ich habe sie aufgestapelt und sie dienen jetzt als Ersatz für das Scheunendach, wenn dort mal eine Dachziegel in die Brüche geht.

Dann waren die Lehmgefache an der Reihe. Das gab vielleicht Staub und Dreck. Der knochentrockne Lehmstaub zog durch alle Ritze und Fugen des Hauses. Er setzte sich sogar auf die Kleider in den Kleiderschränken. Danach kamen die schweren Eichenbalken an die Reihe, die garnicht so morsch waren, wie es den ersten Anschein hatte. Beim Entfernen der Deckenbalken war auch der Karl-Josef mit dabei. Er schlug mit einem schweren Vorschlaghammer die einzelnen Balken aus den Zapflöchern und hatte „im Eifer des Gefechts“ nicht bemerkt, das ich gerade auf so einem Balken stand. Und ich sauste urplötzlich und völlig überrascht mit dem Balken in den darunter liegenden Schutt. Ich glaube, Karl-Josef hat sich dabei mehr erschrocken als ich. Ich war außer ein paar Schrammen heil geblieben.

Das alles läßt sich ja nun  schnell und mühelos hier aufschreiben, aber für mich war diese Art von körperlicher Arbeit damals ausgesprochen ungewohnt und daher ziemlich schweißtreibend. Wenn ich des abends müde in mein Bett fiel, spürte ich jeden Knochen einzeln. Aber wenn man jung ist, steckt man so etwas ja schnell weg.

Ganz vergessen habe ich aber noch zu erwähnen, das die Abbruchräume zuerst natürlich vollständig „entrümpelt“ werden mußten. Das kann man ruhig wörtlich nehmen. Im Laufe der Jahre hatten sich dort nämlich jede Menge ausrangierter Haushalts- und Gebrauchsgegenstände angesammelt. Alles, was nicht mehr zu gebrauchen war oder durch den Kauf von etwas Neuem überflüssig wurde, (aber noch „zu schade“ zum wegschmeißen), das wurde erst einmal im „Alten Stall“ deponiert. Und da kommt im Laufe der Jahre einiges zusammen. Im heutigen „Nostalgie-Zeitalter“ wäre das eine herrliche Fundgrube gewesen. Oft genug treffe ich auf Flohmärkten und in Museen auf Dinge dieser Art, die ich damals in Unkenntnis kommender Modeerscheinungen  einfach in eine der  alten Lehmkuhlen in den nahen Wald gekarrt habe. Darüber habe ich mich schon so manches Mal schwer geärgert. Aber was hilft´s - weg ist weg.

Die alten Fundamente bestanden, da sie ja nur ein paar Meter Fachwerkwände zu tragen hatten, aus Bruchsteinen, gut 30 cm tief. Nachdem ich sie herausgeholt hatte, mußte ich natürlich für die kommenden Blocksteinwände tiefer ausschachten. Nachdem das geschehen war, und die Beton-Fundamente ausgegossen waren, ging es ans mauern.

Das war wieder neu für mich, denn ich hatte vorher noch nie eine Maurerkelle nebst Wasserwaage in der Hand gehabt. Vom Mörtel, - gemeinhin „Spieß“ genannt, ganz zu schweigen. Das alles wurde mir so nach und nach vom Söntgeraths Willi beigebracht. Hier und da ließ ich mir von Fachleuten aus meinem Bekanntenkreis Tips und Ratschläge geben. Den Spieß für das ganze Haus habe ich übrigens in all der Zeit mit der Hand gemischt. Erst ganz am Schluß stellte ich fest, das mein Schwager Gerd in Oberhausen eine Mischmaschine besaß, die er nicht ständig brauchte. Die habe ich mir dann geholt, aber da war das meiste schon getan.

            Der Rohbau mit Dach war bald komplett. Es stellte sich dann noch heraus, daß die untere Hälfte der linken Giebelseite, (Richtung Scheune) auch nicht mehr im allerbesten Zustand war. Ich habe sie dann ebenfalls bis zur Höhe des ersten Stockwerkes abgebrochen und durch eine massive Blocksteinmauer ersetzt.

Inzwischen war es Winter geworden. Ich schlief nun in unserem bekannten „Gästezimmer“ mit der neu errichteten Außenmauer. Sie war oben noch nicht „beigeputzt“ und so dichtete ich die Ritze mit Zeitungspapier ab.

Der Winter 1959/60 war ein sehr gestrenger Herr. Ich habe nie jene Nacht vergessen, als ich plötzlich durch einen lauten Knall, dem ein merkwürdiges Zischen folgte, aufgeweckt wurde. Das wiederholte sich noch ein paarmal und ich rätselte lange herum, woher diese merkwürdigen Geräusche wohl kämen, schlief dann aber wieder ein. Am anderen Morgen entdeckte ich des Rätsels Lösung. Ich hatte in meinem Schlafzimmer einen Kasten Mineralwasser deponiert. Das Wasser war bei der strengen Kälte in den Flaschen gefroren, die dadurch in der fraglichen Nacht mit lautem Knall platzten. Die restliche Kohlensäure entwich dabei mit einem Zischen.

Im Frühjahr 1960 ging es dann zügig weiter, das heißt, wenn ich meine Tour als Briefträger beendet hatte, und ich mein selbst zubereitetes Mittagessen zu mir genommen hatte, - (mein Vater und Lieschen waren ja beide berufstätig), - und einem kurzen Ausruhen, indem ich den Kopf mit den verschränkten Armen auf die Tischkante legte, machte ich mich an die Arbeit. Das wurde zur täglichen Routine.

Jeden Tag nahm ich mir ein paar der Lehmgefache vor. Zuerst schlug ich mittels eines schweren Vorschlaghammer den Lehm samt dem darin enthaltenen Holz heraus. Dann nagelte ich auf die Innenseiten der Balken in passende Streifen geschnittenes sogenanntes „Streckmetall“ damit die Schwemmsteine in Verbindung mit dem Mörtel seitlich einen guten Halt bekamen. Danach wurde die entsprechende Menge „Spieß“ angemacht und los ging’s. Das Mauern gestaltete sich dabei ziemlich langwierig, den ich mußt jeden dritten bis vierten Stein auf die richtige Länge passend zurecht hauen. Das war, besonders bei schräg stehenden Balken ziemlich zeitraubend und ich kam nicht gerade schnell voran.

Zwischendurch wurden im Anbau die Türen und Fenster eingesetzt und der Fußboden gelegt. Hierbei hat mir der Pick´s Hans-Dieter aus Birrenbachshöhe schwer unter die Arme gegriffen. Einmal hat er beim Abstemmen eines unebenen Balkens, - es war beim Einsetzen der jetzigen Wohnzimmertür, - mit seinem Stechbeitel meinen rechten Daumen erwischt. Als ich dann das Blut sah, - (es sah schlimmer aus, als es war),  muß ich wohl kreidebleich zusammengesackt sein. Der Hans-Dieter erzählt diese Story zur allgemeinen Erheiterung seiner Zuhörer heute noch oft und gern.

Natürlich lebten wir zu der Zeit des Umbaues in ziemlichem Chaos. Die Wände waren frisch vermauert und unverputzt. Es fehlten Türen. Der Lehmstaub war allgegenwärtig. Zu dieser Zeit erhielten wir auch den Anschluß an die zentrale Wasserversorgung. Bis dahin gab es ja bei uns und bei unseren Nachbarn noch kein fließendes Wasser „aus dem Kranen“, es sei denn, man hatte sich inzwischen eine private Anlage zugelegt.

Ich erinnere mich noch gut, als der Helmut Söntgerath (Der „Wasser-Helmut“) vom Mucher Gemeindewasserwerk bei uns die Installation vornehmen wollte, und ganz verwundert fragte. „Wohnen denn hier auch noch Leute“? So schlimm muß es wohl damals bei uns ausgesehen haben.

Nach und nach wurde es dann aber wohnlich. Ich will und kann hier nicht alle die hundert Dinge und Arbeiten aufzählen, die bei der Renovierung eines alten Fachwerkhauses nun einmal anfallen. Wenn ich es mir aber heute richtig überlege, dann habe ich im Verlauf dieser Umbauarbeiten jeden Quadrat-Zentimeter unseres Hauses nicht einmal, sondern mehrmals außen und innen, vom Keller bis zum Dach mit meinen Händen „bearbeitet“. Da bekommt man natürlich einen besondere Beziehung zu so einem alten Kasten.

Dabei habe ich auch den Erbauer so richtig kennengelernt, und viel von seinem handwerklichen Können und von seiner Mentalität begriffen. Oft habe ich beim Nachdenken in einer kniffligen Angelegenheit, - wenn ich überhaupt nicht mehr weiter wußte, und einer leisen Verzweiflung anheim zu fallen drohte, -  seine Stimme gehört, in dem er mir seinen Rat erteilte. Man kann darüber lachen, - ich nicht!

Als es daran ging, den früheren „Söller“ im ersten Stock als Kinderzimmer einzurichten, und ich die schrägen Lehmwände so betrachtete, muß ich wohl laut für mich hin gedacht haben: „Mein Gott, Opa, wie bekomme ich das überhaupt jemals gerade“. Nachdem der Lehm dann alle herunter war, habe ich bei ihm Abbitte getan, denn als ich die Wasserwaage zu Rate zog, stellte sich heraus, das jeder Balken ausnahmslos „in der Waage“ lag. - Nur der etwas bucklige Lehmverputz, der im Laufe der Jahre immer wieder erneuert worden war, hatte getäuscht.

Sicher läßt sich heute komfortabler wohnen, und für viele Zeitgenossen muß das Leben in unserem alten Fachwerkhaus aus ihrer Sicht recht unzeitgemäß erscheinen. Es sind dies die Menschen, - und zur Zeit werden es leider immer mehr, - die sich in oberflächlichem Denken gefallen, dabei vergessen, einmal über ihre beschränkten „Tellerrand“ hinweg zu schauen. Sie würden dann nämlich feststellen, daß es nur ein paar Flugstunden weiter Menschen gibt, die wesentlich „primitiver“ leben und dabei in heiterer Gelassenheit und vollster Zufriedenheit unserer hochzivilisierter Wohnkultur verständnislos gegenüberstehen.

Ja, ich gehe sogar soweit, zu behaupten, das eine Zeit kommen wird, in der die Menschen unserer Region, - nachdem sie in unverantwortlicher Weise die Erde mit ihren natürlichen Rohstoffen ausgebeutet und die Natur mit allerlei Schadstoffen „angereichert“ haben, - wieder gezwungen sein werden, alte Wege neu zu erforschen, zu entdecken und zu beschreiten. Möge es den Menschen der Zukunft dann vergönnt sein, dieses alles ohne  gegenseitige Schuldzuweisung und ohne Gewalt in den Griff zu bekommen.

Mit diesen, etwas ernsten, aber von mir wohldurchdachten Worten möchte ich nun dieses Kapitel schließen.

 

3. Das Dorf

Unser Dorf, von dem ich jetzt berichten werde trägt den Namen Oberholz. Bis zur Gebietsreform in den 60er Jahren hieß es „Klein-Oberholz“. Natürlich gab es da auch ein „Groß-Oberholz“. Es hat damals seinen Ortsnamen verloren und gehört heute zu Birrenbachshöhe. Es sind die ersten Häuser dieses Ortes, wenn man aus Richtung Wohlfarth kommt. Wie es zu Groß- und Klein-Oberholz kam, ist mir schleierhaft, denn Großoberholz hatte von jeher eine geringere Häuserzahl als Kleinoberholz.

Die Gegebenheiten unseres Dorfes, die ich hier schildern werde, beziehen sich in erster Linie auf den Zeitraum der 40er Jahre. Hier in Oberholz standen damals 6 Häuser. Zwei von ihnen waren sogenannte „Doppelhäuser“. Das heißt, sie waren in der Mitte von Giebel zu Giebel getrennt. Jede Hälfte wurde von einer Familie bewohnt. Ihre Bauweise resultiert wohl aus Gründen der Rentabilität und der Sparsamkeit.

Wollten zum Beispiel zwei Brüder einen Hausstand gründen und zu diesem Zwecke ein Haus errichten, tat man sich halt zusammen. Die ganze Familie konnte so beim Bau mit einbezogen werden. Das sparte natürlich enorm, denn das Baumaterial war ja meistens vorhanden, handelte es sich doch in der Hauptsache um Holz, Lehm und Steine. Das war auch gut so, denn über größere Mengen Bargeld verfügte damals  bei uns hier niemand.

Die Bezeichnung „Dorf“ war uns fremd. Wir nannten unseren Wohnort „Hof“. (Wir wohnten „em Hoff“). Je nach Lage wohnte man oben, unten, hinten oder vorne „im Hof“. Wir wohnten also „oben im Hof“.

Unsere nächsten Nachbarn wohnten in so einem Doppelhaus. In der uns zugewandten Hälfte wohnte die Familie Kraus. Sie bestand damals aus den beiden unverheirateten Geschwistern Willi und Sofie Kraus. In den letzten Kriegsjahren hatten sie noch eine verheiratete Schwester mit ihrem Mann und ihrer Tochter bei sich aufgenommen. Ihre Wohnung in Siegburg war ihnen durch die ständig wachsende Zahl der Bombenangriffe zu unsicher geworden. Deshalb waren sie, - wie übrigens viele, wenn sie dazu Gelegenheit hatten, - aufs Land gezogen. Sie hießen Minna und Karl Balensiefer. Ihre Tochter hieß Marianne und sie war für mich eine willkommene Spielgefährtin, denn Kinder, besonders in meinem Alter waren zu der Zeit rar in unserem Dorf. Mit Sofie verband meine Mutter, wie ich als Kind herausbekam, eine nachbarliche Freundschaft. (Sie machte, wie ich bereits erwähnte, bei uns im Dorf auch den Nikolaus).  Es waren übrigens die besten Nachbarn, die man sich wünschen kann, - und sind es immer geblieben!

Willi hat dann später geheiratet, und nachdem der Krieg zu Ende war, übernahm die Familie Balensiefer wieder ihre Wohnung in Siegburg. Noch viel später ist dann auch seine Schwester „unter die Haube“ gekommen und weggezogen.

Auf der anderen Seite des Doppelhauses wohnte die Familie Becker, bestehend aus den Eheleuten Josef und Helene mit ihrer Tochter Marlene. (Sie war übrigens in meinem Alter). Später kam dann noch Karl-Josef dazu. „Beckers Lena“ war  eine Tochter vom Schmiedemeister Peter Kraus aus Wohlfarth und sie hatte bei den Beckers, wie man sagt „eingeheiratet“. Dann war da noch die Mutter von Josef, - die „Beckers Oma“, wie sie von allen genannt wurde. (Auch „Hännes- oder Hännesches-Oma). Darauf komme ich später zurück. Die beiden Familien lebten, wie fast alle hier von der Landwirtschaft.

Der Betrieb vom Beckers Jupp konnte sich sehen lassen. Das ließ sich schon sofort feststellen, wenn man seinen Hof betrat. Da fehlte nichts. Alle Maschinen und Geräte waren instand. Alles stand an seinem Platz. Der geräumige Innenhof war eingesäumt von den verschiedenen Wirtschaftsgebäuden.

Links vom Wohnhaus, (dort wohnt jetzt die Familie Metzger), erhob sich der Stall mit angebauter Scheune. Über den Stallungen lagerte das Heu. Das war sehr praktisch, denn das Heu ließ sich nach der Ernte von der höher gelegenen Weide aus durch eine Dachluke dorthin transportieren. Durch eine weitere Luke warf man es von nach unten in den Stall, sozusagen den Kühen in den Trog.

Man konnte den Heustall aber auch von außen über eine Treppe erreichen, die an der Stallwand hinaufführte. Diese  stabile Holztreppe mit dazugehörigem Gelände hätte damals auch manchem Wohnhaus zur Ehre gereicht, denn sie war perfekt gezimmert und hat mich als Kind immer wieder fasziniert. Ich glaube, der Jupp hat sie wohl selber errichtet, denn er war nicht nur ein guter Landwirt sondern auch ein geschickter Handwerker. Das sah man an seinen vielen Gerätschaften und Werkzeugen, die damals für einen solchen Betrieb ungewöhnlich waren, obschon die meisten Bauern, - gezwungenermaßen, - vieles selber anfertigen und reparieren mußten.

Am oberen Ende des Hofraumes, (dem Wohnhaus gegenüber) befand sich ein massiver langgezogener Schuppen. Wenn ich sage „massiv“, so beinhaltet dieser Ausdruck, das es sich hier um ein Gebäude aus Lehmfachwerk handelte. (Alle Gebäude in unserem Dorf  und in der Umgebung waren übrigens von derselben Bauart). So weit ich mich erinnere, war in diesem Schuppen der Schweinestall und das „Backes“ untergebracht. Ebenfalls lagerte hier auch das obligate Brennholz. Außerdem hatte der Jupp hier seine Werkstatt mit dem schweren Schmiede-Amboß und der Hobelbank.

Er besaß auch eine sogenannte „Feldschmiede“. Mittels eines Gebläses, welches man durch ein Fußpedal in Betrieb nahm, brachte man  auf diesem eisernen Tisch Steinkohlen zum Glühen und konnte nun in dieser Glut die jeweiligen Werkstücke zur Weiterverarbeitung auf die richtige Temperatur bringen. Auch beim Beschlagen der Pferde mit neuen Hufeisen war so eine Feldschmiede unentbehrlich.

Auf der rechten Seite, (zur Dorfstraße hin), wurde der Innenhof  eingefaßt von einer langezogenen Remise. Mit „Remise“ bezeichnet man einen Geräteschuppen, der an einer Seite offen ist. Zur Innenhofseite also offen, hatte sie zur Straßenseite eine Schwemmsteinmauer, ein Zeichen für ihre Entstehung vor noch nicht allzu langer Zeit. Die Mauer war und blieb übrigens unverputzt.

Die Remise beherbergte, wie üblich alle größeren landwirtschaftlichen Geräte wie Schlagkarre, Leiterwagen, Pflug, Egge, Kultivator, („Fröselploch“), Ackerwalze („et Bloch“) und  die Geräte für die Heuernte wie Mähmaschine, Heuwender und Heurechen. Bei den Beckers stand da aber noch einiges mehr. Da war noch ein Ungetüm von Bandsäge, (eine Rarität damals), und eine große Bohrmaschine. Von uns Kindern wurde das alles immer wieder gebührend bestaunt. Wir durften nur nichts anfassen, so gerne wir das alles auch einmal selber ausprobiert hätten. Aber das riskierten wir nicht.

Der Jupp hatte nämlich eine sehr gewaltige Baßstimme. Mit der sang er nicht nur den 2.Baß im Kreuzkapeller Quartett-Verein (zugleich Kirchenchor), - Choralgesang war seine Leidenschaft, - und er sang die Choral-Noten, wenn’s darauf ankam „vom Blatt“, -  sondern er konnte mit seiner Stimme auch Schimpfkanonaden loslassen, die dann im ganzen Dorf zu hören waren.

In der Lücke zwischen der rechten Hausecke und der Remisenkante, (ck.2 m)  war eine hohe Bretterwand errichtet in die eine Holztür eingelassen war. So war der Innenhof beständig von Zugluft und Wind geschützt. Im Winkel zwischen Haus und Remise, direkt an diesem  Holztor stand eine mächtige Linde. Dieser Baum in seiner imposanten Größe war damals so eine Art Wahrzeichen von Oberholz. Oberhalb der Remise, in Richtung Dorfmitte war dann die breite Zufahrt. Wäre Karl-Josef und sein Vater nicht so früh verstorben, dann hätten sie bestimmt aus diesem Anwesen einen Musterbetrieb gemacht und Oberholz samt seiner Umgebung sähe heute mit Sicherheit anders aus. ---

Es lebte damals auch noch eine ältere Frau bei den Beckers mit Namen Josefa Funken, (von allen im Dorf „et Fonken Sefchen“ genannt). Ob sie eine Verwandte  war, weiß ich nicht. Sie wohnte vorher jedenfalls in einem, damals schon ziemlich baufälligen Haus oberhalb der Beckers. Als sie sich dann selber  nicht  mehr versorgen konnte, hat sie bei den Beckers Unterkunft erhalten. So etwas war damals nicht unüblich, denn Altersheime und ähnliche soziale Einrichtungen gab es ja nicht. Entweder war man in der eigenen Großfamilie integriert, oder man wurde im Alter von Verwandten bzw. Nachbarn aufgenommen, wenn man selber nicht mehr zurecht kam. Dann gab es bei den Beckers noch eine alte Dame. Ihren Namen weiß ich nicht, denn sie wurde allgemein nur „die Tante“ genannt.

Im dem zusammenbruchnahen Hause vom Funken Sefchen, welches dann später leer stand, sind wir als Kinder, trotz strengem Verbots gerne herumgekrochen. Ich erinnere mich noch gut daran, das ich einmal fast mit der altersschwachen Stiege herunter gesaust wäre. Das Haus ist dann, von Brennesseln und allerlei Gestrüpp überwuchert, im Laufe der Zeit langsam in sich zusammengefallen.

Ziemlich genau an der Stelle der jetzigen Wohnung von Josef und Heidi Möller stand das Haus von Maria Kraus, (et „Wöllems Marichen“) genannt. Sie hat später, - schon im vorgerückten Alter, Matthias Dalmus geheiratet und sie bekamen eine Tochter namens Erika. Die beiden Eheleute würde man heute ohne Abstrich als „Originale“ bezeichnen. Davon gab es damals übrigens mehr als genug, - anders als heute. (Von diesen Originalen werde und muß ich in einem der nächsten Kapitel ausführlich berichten). Matthias war von Beruf  Anstreicher und im Umgang und beim Erzählen etwas „kompliziert“. Dabei aber ein sehr korrekter Mensch. Wenn ich dem „Mattes“ als Kind irgendwo begegnete, machte ich tunlichst einen Bogen um ihn, um dadurch ein Zusammentreffen mit ihm zu vermeiden. Er hatte nämlich die Angewohnheit, seinen Gegenüber in ein langes und oft ermüdendes Gespräch zu verwickeln. Dabei war dieser Mann ansonsten ein ausgesprochen liebenswerter Mensch.

Seine Frau „et Marichen“ (mit kurzem „i“) brachte immer gerne selbst erfundene oder irgendwo aufgeschnappte Redewendungen und Zitate in „Hochdeutsch“ unter die Leute. Ihre Lieblingsworte hießen: „Man muß die Menschen lieben, solange sie warm sind“ - womit sie eigentlich gar nicht mal so unrecht hatte.

Et Wöllems Marichen war aber auch aus unerfindlichen Gründen das bevorzugte Ziel unserer kindlichen Streiche. Vielleicht kam es daher, weil sie sich so herrlich, nebst ihrem Matthes, - aufregen konnte. Ihre Antipathie gegen (tote) Mäuse nutzten wir, - ich muß es zu meiner Schande gestehen, - schamlos aus. Ich will das hier aber nicht näher beschreiben.

Ansonsten trieben wir nach Einbruch der Dunkelheit gern ums  Haus der Dalmus unseren Schabernack und stellten mittels komplizierter Kordelverbindungen sogenannte „Klopfmännchen“ her. Damit kann man die Hausbewohner langsam aber sicher bis zur Weißglut treiben. Es klopft nämlich auf geheimnisvolle Weise an die Fensterläden .Reißt dann der Geplagte blitzschnell die Haustüre auf, um den oder die Übeltäter zu fassen, ist kein Mensch zu sehen. Wir standen dann irgendwo in sicherer Entfernung und hielten uns die Bäuche vor lachen.

Wie mir ältere Einwohner aus unserem Dorf erzählt haben, muß oberhalb vom Hause Dalmus, - in Richtung „Hohe Fuhr“, (wohl schon auf dem Plateau der oberen Weide), noch ein Haus gestanden haben. Aber selbst sie wußten es auch nur vom Hörensagen. Hier soll eine Familie namens „Deubel“ gewohnt haben. Dieses Haus soll übrigens jetzt in Much an der Hauptstraße stehen. Es ist ein sehr schmuckes Fachwerkhaus und trägt die Nummer 69. Damals war es ja durchaus üblich, solche Häuser auseinander zu nehmen und an anderer Stelle wieder aufzurichten. Sauber gefügte Fachwerke lassen so etwas problemlos zu. Der älteste Teil meines Elternhauses soll ja auch ursprünglich in Söntgerath gestanden haben.

Dann stand noch ein Haus rechts der Straße, die nach Birrenbachshöhe führt. Und zwar einige hundert Meter vor dem Geflügelhof von Uwe Söntgerath. Ich kann mich noch schwach daran erinnern, dort als Kind einen halb zugeschütteten Kellerraum und Teile einer Bruchsteinmauer gesehen zu haben. Bis vor einigen Jahren gab es hier noch eine Vertiefung im Ackergelände. Ob dieses Haus aber nun zu Groß - oder Klein-Oberholz gehört hat, kann ich nicht sagen, - wahrscheinlich aber zu keinem von beiden. Wie mir (der inzwischen verstorbene) Fedder´s Alois zu berichten wußte, hat dort eine gewisse „Buchholz Karlin“ mit ihrer Familie gehaust. Er hat sie übrigens noch gekannt. Sie hatte wohl keinen allzu guten Leumund und wird, mehr schlecht als recht versucht haben, ihre Familie „über die Runden“ zu bringen. Das ihr Haus (oder Hütte - muß man wohl sagen), sich außerhalb der Dorfgrenzen befand, trug wohl auch dazu bei, daß über sie gemunkelt wurde.

Armut und Hunger waren in unseren ländlichen Dörfern vor 100 Jahren an der Tagesordnung. Die mageren Erträge aus der kleinen Landwirtschaft wurden oft genug durch Mißernten zunichte gemacht. Viehseuchen rafften den knappen Milchviehbestand dahin. Dazu kam allenthalb ein reicher Kindersegen.

Wie sich das ausdrückte, beleuchtet diese kleine Geschichte, welche ich ein paarmal vom Fedders Alwis zu hören bekam: In unserem Dorf lebte damals eine Familie. Der Mann war Schneider von Beruf. Und sie hatten natürlich, wie üblich „einen Stall voll Kinder“. Ein Handelsmann, der dort eingekehrt war, wußte anschließend in der Nachbarschaft zu berichten, was er dort zu sehen bekommen hatte: Ein Kind habe, - so erzählte er, - unter der Bank gelegen und vor lauter Hunger an einem alte Schuh gekaut. (Die Schuhe trugen damals natürlich keine Schuhcreme, sie wurden immer wieder kräftig eingefettet). ---

Unterhalb des Hauses Dalmus wohnte - und wohnt - die Familie Tüschenbönner. Ihr Haus lag nicht nur in der Dorfmitte sondern war auch oft der Dorf-Mittelpunkt. Heute würde man sagen: „Ein Haus der offenen Tür“ - besonders für uns Kinder damals. Im Dorf hießen sie „de Piddersch“ oder „Pittersch“.

Die Familie Tüschenbönner umfaßte die Großeltern mütterlicherseits namens Martin und Lienchen Kraus. Dann das Ehepaar Will und Maria und ihre Kinder Willi, Mia, Helene und Paul. Und es gab  noch den kleinen Heribert. Er starb im Alter von zwei Jahren an Diphtherie. Martin und Lienchen waren damals schon recht betagt und „kromm jedausen“ (krumm gearbeitet) wie man so sagt.

Die Tüschenbönners hatten schräg hinter unserem Haus, (an der Stelle unseres jetzigen Gartens) eine Weide. Martin trieb morgens die Kühe auf diese Weide und er holte sie dann auch abends wieder nach Haus in den Stall. Wenn er nun des abends den „Schweizers Berg“ heraufgeschlappt kam, - er trug immer einen „Manschester-Anzug“, (eine braune Cordjacke und einen dazu passende Hose aus demselben Stoff), - hatte er die Angewohnheit, jedes Tier mit seinem speziellen Namen zu rufen. Die Kühe kannten das und versammelten sich bald am Tor. Die Namen waren dem Reich der Blumen und der Natur entnommen. Es klang daher sehr poetisch, wenn der Martin sie mit lauter Stimme herunterbetete. Noch heute habe ich einen Teil der Namen im Ohr: Appeldrüfchen, Wengdrüfchen, Klieblömchen, (Apfel-Träubchen, Wein-Träubchen, Klee-Blümchen). Zum Schluß kam dann das langgezogene: „Kallef“. Damit war das Kalb gemeint, - es hatte noch keinen Namen.

Der Vater Wilhelm wurde im letzten Kriegsjahr noch eingezogen. Er ist am 5.März 1945 kurz vor Kriegsende in Frankreich gefallen. Dort ist auch sein Grab auf einem Soldatenfriedhof. Er war damals erst 39 Jahre alt. Nun war Maria mit ihren 4 unmündigen Kindern allein. Als sie bald darauf ebenfalls starb, standen die Kinder ganz allein da. Die Großeltern lebten inzwischen auch nicht mehr. Als Vormund bekamen sie Theo Haas aus Wohlfarth. Der älteste Sohn Willi war gerade 14 Jahre alt. Er stand nun vor der schwierigen Aufgabe, den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern fortzuführen. Bestimmt keine leichte Sache für einen Jungen seines Alters in der damaligen Zeit. Er holte sich immer Rat und Hilfe von den Dorfbewohnern. Besonders der Beckers Jupp und der Söntgeraths Justin standen ihm dabei zur Seite. Später kam dann eine ältere, alleinstehende Frau zu den Geschwistern und versorgte den Haushalt.

Ich muß hier aber noch kurz erklären, was es mit den Namen: „Hännesjes - „Wöllems“ - und „Pittersch“ auf sich hat. Der Urahn Kraus hatte unter anderem drei Söhne mit Namen Johann, Wilhelm und Peter. Jeder der  drei gründete nun hier in Oberholz eine Familie. Wie es damals so üblich war, wurden nun deren Nachkommen nach dem Vornamen des Vaters genannt. So hießen z.B. die Nachfahren von Peter Kraus „de Pittersch“. Das Stammhaus der Familie Kraus war übrigens das Haus Dalmus. Geht man in der Ahnenforschung hier auf dem Lande weit genug zurück, so stellt man mit Überraschung immer neue Verwandschaftsverhältnisse fest. Wie es dazu kam, - siehe weiter unten.

Direkt neben den Tüschenbönners wohnte der alte Justin Söntgerath mit seiner Tochter Trautchen und ihrem Sohn Willi. Justin war, wie schon erwähnt, der Bruder meines Großvaters. Er stammte übrigens aus diesem Haus. Justin Söntgerath war ein knorriger Typ mit einer kräftigen, markanten Stimme. Vielleicht lag es an dieser Stimme, das Justin in unserer Kirchengemeinde als Vorbeter bei Prozessionen, Wallfahrten, Beerdigungen und anderen Anlässen fungierte. So hat er übrigens die Wallfahrt nach „Maria Hilf“ in Niedermühlen bei Asbach mehr als 50 mal als Vorbeter begleitet.

Im Maimonat versammelten sich die Dorfbewohner damals am Abend bei Tüschenbönners zur Maiandacht. An der westlichen Giebelseite stand dort von jeher ein großes Holzkreuz. Der Corpus dieses Kreuzes hat die Zeiten glücklicherweise überdauert und befindet sich jetzt an unserem schönen neuen Dorfkreuz, welches in den vergangenen Jahren samt Dorfplatz in Gemeinschaftsarbeit von den Oberholzer Dorfbewohner errichtet wurde.

Doch ich war bei der Maiandacht. Gegenüber der Giebelseite mit dem Kreuz befand sich die Remise. Sie war nach Remisenart vorne zum Haus hin offen. Dort hinein wurden ein paar Bretterbohlen zurecht gelegt. Sie dienten als Sitzplatz. Das Remisendach schützte vor Witterungseinflüssen. Es wurde bei der Andacht der Rosenkranz, dann die „Fünf Wunden“, die Muttergottes-Litanei und Gebete für die Verstorbenen und sonstige Anliegen gebetet. Und Justin Söntgerath betete vor.

Ich bin damals oft mit meiner Mutter zur Maiandacht gegangen. Für uns Kinder war das immer eine Abwechslung im dörflichen Jahreslauf. Wenn die Erwachsenen beteten, verkrümelten wir uns manchmal, - es war inzwischen schon dunkel geworden, - ins Heu der angrenzenden Scheune. Wenn wir dort allzu laut tobten, wurden wir aber wieder nach vorne befördert und mußten mitbeten. Nach etwa einer Stunde war die Maiandacht zu Ende und man saß noch eine Weile zusammen. Ich kann mich noch lebhaft an den herrlichen Duft der blühenden Obstbäume erinnern, wenn meinen Eltern und ich uns dann später auf den Heimweg machten.

Wenn aus unserem Dorf jemand gestorben war, wurde an den Abenden bis zur Beerdigung „Totenwache“ gehalten. Man traf sich abends im Hause des oder der Verstorbenen und betete den Rosenkranz, die Litanei für die Verstorbenen, die „Fünf Wunden“ und noch ein paar andere Gebete, an die ich mich nicht mehr erinnere. Auch hier war Justin der Vorbeter. Der oder die Tote war noch im Haus, meistens eingesargt. Es gab ja noch keine Leichenhalle auf dem Friedhof. Manchmal wurde auch der Wunsch geäußert, den Verstorbenen oder die Verstorbene noch einmal sehen zu dürfen. Dann wurde der Sargdeckel abgenommen und man konnte die Leiche betrachten und in stillem, persönlichem Gebet Abschied nehmen. Das war damals ganz natürlich. Der Tod gehörte ganz einfach zum Leben. Wenn es ans Sterben ging, wurde niemand ins Krankenhaus verfrachtet. Man starb dort, wo man gelebt und gearbeitet hatte, - zu Hause, im Kreise der Angehörigen.

So war das auch bei meiner Mutter und Großmutter. Bei der Totenwache hatten damals so ziemlich alle Dorfbewohner in unserer Wohnküche Platz. Ich erinnere mich noch, daß mein Vater ein paar Bretter hereinholte, und sie über die Stühle legte. Auf diesen nachgemachten Bänken saß man dann und betete. Am Begräbnistage kam die schwarze Kutsche, mit schwarzem Stoff  verhangen. Auch die Pferde hatte man mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Zu Fuß begleitete man dann die Kutsche mit dem Sarg zum Friedhof. - Doch zurück zum Dorf.

            Der Justin war genau wie wir, ein „Kuhbauer“, das heißt, er besaß kein Pferd sondern benutzte die Kühe als Zugtiere. Er war noch bis ins hohe Alter rüstig und voller Schaffenskraft. Als er am 26.Oktober 1962 starb, war er 87 Jahre alt.

Ganz unten im Dorf, („em Loch“) wohnten die Fedders. Das Haus war, wie oben beschrieben, ein Doppelhaus. Auf der östlichen Seite wohnte Aloys und Katharina Fedder. Damals lebte der alte Josef Fedder noch. Das Ehepaar Fedder hatte keine Kinder. Sie haben später einen kleinen Waisenjungen „angenommen“, wie man sagt. Er wohnt jetzt dort mit seiner Familie.

Auf der westlichen Seite des Hauses wohnte Hermann und Katharina Fedder. Die Eheleute Peter Fedder lebten ebenfalls noch. Sie hatten auch keine Kinder und hatten deshalb den Hermann im Kindesalter adoptiert. Die beiden alten Fedders Josef und Peter waren übrigens Brüder. Der Fedders Peter, den ich nur hinkend gekannt habe, - man sagte, er habe sich in jungen Jahren mit einem Dreizahn in den Fuß gehauen, - hatte auf der „Hohen Fuhr“ ein Stück Land. Wenn er dort mit Pferd und Pfug oder Egge zugange war, hatte er die Angewohnheit, ständig ohne Unterlaß zu pfeifen. Dieser Pfeifton war spitz und hoch. Vergeblich habe ich immer wieder versucht, diese Höhe beim pfeifen zu erreichen. Es ging die Kunde im Dorf, wenn Peter in dieser Art die Pfeiftöne von sich gab, sollte man tunlichst einen Bogen um ihn machen, denn dann sei mit ihm „nicht gut Kirschen essen“. Mit den Fedders sind wir übrigens verwandt, denn meine Urgroßmutter, (die Mutter von Peter und Justin Söntgerath war eine geborene Fedder).

Man suchte sich damals hier auf dem Lande den jeweiligen Lebenspartner am liebsten in der Nähe, möglichst aus dem gleichen Dorf. Das hatte gleich mehrere Gründe. Zum einen waren die Verkehrsmittel natürlich noch nicht vorhanden, und „auf Schusters Rappen“ auf „die Frei“ zu gehen, war nicht nur zeitaufwendig sondern auch unbequem. Zum anderen dachte man auch ganz praktisch. Da fast alle von der Landwirtschaft lebten, kam es hier und da ganz gelegen, wenn man als „Mitgift“ ein in der Nähe gelegenes Stück Land dazu erhielt.

Es soll ja auch nicht selten vorgekommen sein, das sich wegen ein paar Morgen Ackerlandes das Jawort gegeben wurde. Von einer „Liebesheirat“ konnte man da ja nicht gerade reden. Naja - vielleicht ist dann später im Laufe der Zeit für die beiden die Liebe auch noch dazugekommen.

Die 6 Häuser unseres Dorfes lagen alle doch ziemlich weit auseinander. Außer den beiden Häuser Dalmus - Fedder lagen sie aber alle am Dorfweg. Der Dorfweg hatte ungefähr den gleichen Verlauf wie heute. Ab unserem Haus nahm er damals aber eine völlig andere Richtung zur Straße hin.

Hinter unserer Scheune, (Richtung Haus Derscheid) führte er nach einer scharfen, fast rechtwinkligen Linkskurve zuerst an unseren beiden Weiden vorbei, dann durchquerte er ein kleines Wäldchen, um dann schließlich den Rokenbusch zu erreichen. Dort mündete er auf den „Oberhauser Weg“ der damals fast in gerader Linie von Oberhausen zu Neunkirchener Straße führte.

Parallel zum Dorfweg zog sich aber noch ein an mehreren Stellen von niederem Gebüsch überwachsener Waldweg durch den Rokenbusch. Sein Verlauf lag ziemlich genau an der Stelle der heutigen Straßenführung. Wir Kinder benutzten ihn an heißen Sommertagen gern wegen des kühlen Waldschattens. Die Stelle, wo dieser Waldweg in die unten beschriebene Abkürzung mündete, wurde damals allgemein „op dr Käjelbahn“ (auf der Kegelbahn) genannt.

Damit hatte es folgende Bewandtnis, wie mir meine Oma erzählte. Die älteren Burschen unseres Dorfes hatten sich dort in früheren Jahren eine Kegelbahn gezimmert. Nun weiß ich auch nicht, ob diese Bahn aus Brettern oder hart gestampftem Lehm bestand. Man traf sich dort nach Feierabend und an Sonntagen zum Kegeln. Der Kegelsport war damals wie heute hier in den ländlichen Regionen sehr beliebt. Viele Dörfer besaßen damals eine solche „Freiluft-Kegelbahn“. In Büchel gab es bis in die 50er Jahre noch so eine Bahn, direkt entlang des Brölbaches. Sie war in ihrer ganzen Länge überdacht, hatte aber keine massiven Wände. In Gerlinghausen existiert heute noch eine solche Kegelbahn, inzwischen aber massiv und mit allem Komfort ausgestattet. Sie stammt auch noch aus jener Zeit. Jedenfalls habe ich trotz eifriger Nachforschung damals, - die Erzählungen meiner Oma hatten mich natürlich sehr neugierig gemacht, - keine Spur mehr von unserer alten Kegelbahn entdecken können.

Wollte man nach Wohlfarth, zur Kirche in Kreuzkapelle oder Richtung Much, dann konnte man die oben erwähnte Abkürzung benutzen. Das war aber ein ziemlich morastiger, von Kühen und Fuhrwerken ausgetretener Hohlweg. Er führte an der eben beschriebenen Linkskurve geradeaus, am jetzigen Haus Derscheid vorbei, (das es damals ja noch nicht gab, - dort war nur ein nasses, von Tümpeln übersätes Waldstück), -  zur Straße.

Dieser Weg war nach starken Regenfällen besonders natürlich im Winter unpassierbar, es sei denn, es hatte gut gefroren. Auch die Fuhrwerke benutzten den Weg kaum noch, da die Radspuren inzwischen tief ausgefahren waren, so daß sie darin stecken blieben. Trotzdem bin ich diesen Weg oft und gern gegangen, vielleicht auch aus Bequemlichkeit, denn der Bogen über den Oberhäuser Weg war doch ganz schön groß. Ich hatte da meine ganz persönliche „Reiseroute“ zurecht gezimmert. Mal ging es ein Stück durch den Wald, mal sprang ich über den Graben. Ich hatte es mir so gut eingeprägt, daß ich mich auch noch zurechtfand wenn es stockdunkel war, und das hieß schon was in diesem urwald-ähnlichen Gelände.

Ich erinnere mich noch gut, wenn ich im Winter spätabends von der Tambourcorps-Probe diesen Weg nach Haus nahm, daß ich keine Hand vor Augen sehen konnte und ich deshalb meine Augen zum Himmel hob, - (jedoch nicht, um vor lauter Angst zu beten), sondern damit ich oben zwischen den Bäumen vielleicht einen Zipfel vom etwas helleren Himmel erwischte, nach dem ich mich dann orientieren konnte.

Einmal jedoch habe ich auf diesem Weg dann doch richtige Todesangst ausgestanden. Wieder war ich mit meinem Fahrrad von der Probe unterwegs nach Haus, als ich plötzlich im dunkelsten Teil des Weges das bestimmte Gefühl hatte, nicht allein zu sein. Dann hörte ich um mich herum ein Rascheln und Grunzen, welches mir die Gänsehaut über den Rücken zog und den Angstschweiß auf die Stirne brachte. Es war Ende der 40er Jahre, als hier bei uns die Wildschweinplage in voller Blüte stand. Die Biester konnten sich ja ungestört vermehren, da es  keinen Jäger gab, der sie abknallte. Die Militärregierung hatte ja deren Jagdwaffen eingezogen.

Als mir bewußt wurde, was da um mich herum vor sich ging, schulterte ich mein Fahrrad und sauste so schnell ich konnte durch das halsbrecherische Gelände Richtung Heimat. Ich beruhigte mich erst, als ich die sichere Haustür von innen zugeschlagen hatte. Im Geiste hatte ich mich schon auf den Hauern eines wilden Ebers gesehen. Dabei hatten die Schwarzkittel wohl nur nach den massenweise auf dem Boden liegenden Eicheln gesucht.

Es wäre natürlich eine Illusion, zu glauben, wir hätten es damals geschafft, bei ungünstigen Witterungsbedingungen jemals irgendwo mit sauberen Schuhen anzukommen. Wenn es regnete, verwandelte sich der feine, knöcheltiefe Staub unserer „Dorfstraße“ sofort in einen zähen Matsch. Auch das Hüpfen über die spärlich herausragenden Schottersteine oder der riskante Gang über den schmalen Grad zwischen Weg und Graben half da nicht viel. Hatte man die Straße erreicht, dann wurden die Schuhe erst mal im Gras notdürftig gesäubert und weiter ging´s.

Der feine Lehmstaub ergab für uns Kinder übrigens ein ideales Baumaterial für alle möglichen Dinge. Wir verarbeiteten ihn unter Hinzufügen einer bestimmten, genau proportionierten Menge Wasser zu einem sämigen Brei. Diesen Brei füllten wir dann in ausrangierte Kuchen- und Puddingformen, die wir bei der Mutter in der Küche „abgestaubt“ hatten.

Wenn dann der Brei in der Sommersonne knochentrocken geworden war, stülpten wir die Form vorsichtig um und vor uns stand der herrlichste „Rodon-Kuchen“ - zum reinbeißen schön. Leider aber nur aus Dreck. Trotzdem ließen wir die Kuchen in ihrer ganzen Pracht tagelang auf der kleinen Bank neben der Trauerweide zur Besichtigung für die Vorübergehenden stehen.

Das ging dann meistens so lange gut, bis sich eines Tages der „Horchs Paul“ aus Feld, - (mit seinem richtigen Namen hieß er Paul Krawinkel) - auf seinem Heimweg aus der Schule  in purem Übermut die herrlichen Gebilde schnappte und sie genüßlich vor meinen Augen auf die Erde fallen ließ, so dass sie in tausend Stücke zerbrachen. Heulend lief ich dann zur Oma um ihr die Schreckensnachricht zu überbringen, (mit dem klaren Hintergedanken, das sie den Übeltäter wohl zur Rechenschaft ziehen würde). Die sagte dann aber nur: „Jong, dann moßte jo en neuen backen“. Dem Paul habe ich das aber nie vergessen! ---

Wie ich bereits mehrfach erwähnt habe, lebten die meisten Familien damals hier bei uns von der Landwirtschaft. Es waren vielfach kleinere Betriebe. Wenn es die Größe zuließ, war ein Pferd vorhanden. Ansonsten benutzt man als Zugtier einen Ochsen, (das war ein kastrierter Stier) mit zumeist riesigen Hörnern an seinem Schädel. Diese Ochsen zeichneten sich durch ihre überaus stoische Ruhe und ihren, an die Nerven gehenden, langsamen Gang aus. Hatte man einen Ochsen im Gespann, brauchte man jede Menge Zeit und Geduld, - aber davon war ja damals immer genug vorhanden. Weiter kamen noch Kühe als Zugtiere in Frage. Wenn die Kühe nun den ganzen Tag „im Einsatz“ waren, machte sich das beim abendlichen melken natürlich negativ bemerkbar.

Im Stall standen, je nach der Morgenzahl von Ackerland und Grünflächen bis zu einem Dutzend Kühe, Rinder und Kälber. Wir waren mit unseren zwei Kühen im unteren Bereich. Wer damals mehr als zwölf Milchkühe aufzuweisen hatte, zählte schon zu den Großbauern. Davon gab es aber nur wenige damals.

Zur weiteren „Grundausstattung“ gehörte natürlich das obligate Schwein, (oder auch mehrere). Es war ja der Fleisch-Lieferant schlechthin. Hier und da hielt man noch ein oder zwei Schafe. Die gaben nicht nur Milch sondern lieferten auch die begehrte Schafwolle. Wir besaßen übrigens neben unseren beiden Kühen und einem Schwein ebenfalls ein Schaf.

In den Wintermonaten saßen meine Oma und meine Mutter oft am Spinnrad und spannen die Wolle zu einem gleichmäßigen dünnen Faden. Ich habe als Kind oft stundenlang zugeschaut. Manchmal durfte ich es auch selber probieren. Dabei merkte ich dann, daß das gar nicht so einfach war, wie es aussah. Oben mußte man die Wolle schön gleichmäßig auseinanderziehen, damit der Wollfaden später keine   „Knubbeln“ zeigte. Unten durfte man das treten nicht vergessen, damit das Spinnrad in Bewegung blieb.

Meine Mutter strickte  aus dieser Schafwolle mollig warme Pullover, Socken, Handschuhe und Mützen für den Winter. Diese Sachen hielten auch der dicksten Kälte stand. Manchmal tauschte man weiße Wolle gegen schwarze. Mit dieser schwarzen Wolle, (sie stammten von schwarzfarbenen Schafen), konnte man beim Stricken schöne Muster einarbeiten. Ich erinnere mich noch gut an einen solchen Pullover. Seine Vorderseite zierte eine schwarze Rentierherde. Ich habe ihn manchen Winter, und noch während meiner Schulzeit getragen.

Das Schaf wurde uns dann im Winter 1945/46 gestohlen. Man hatte es des Nachts aus dem Stall geholt. Es müssen zwei Männer gewesen sein. Der eine hatte einen Krückstock oder so was ähnliches mit sich. Ihre Spuren ließen sich im Schnee gut verfolgen. Sie führte über die Hohe Fuhr zur Straße nach Birrenbachshöhe. Dort verlor sie sich aber leider. Es war ja kurz nach dem Krieg und es herrschte überall Hunger. Darüber hinaus war sogenanntes „Schwarzschlachten“ streng verboten und wurde sehr hart bestraft. So ein geklautes Schaf brachte da schon einiges.

Mein Vater hat jedenfalls sofort reagiert. Bis dato war unser Stall nicht sonderlich gesichert. Mit einem Stemmeisen oder dergleichen ließen sich beide Stalltüren bequem aufbrechen. Nun tüftelte sich mein Vater ein ausgeklügeltes „Sicherheitssystem“ zurecht, das in seiner Einfachheit und Wirksamkeit seinesgleichen suchte. Zuerst brachte er an den Innenseiten der Türen, - ziemlich in der Mitte, - aus starkem Bandeisen große Ösen oder Schlaufen an. Durch diese Schlaufen wurde sodann ein dickes Bohlenbrett geschoben. Dadurch waren die Türen von innen effektvoll verriegelt. Es bedurfte nun schon einer größeren Kraftanwendung, die Türen von außen aufzubrechen. Jedenfalls wäre das kaum ohne Lärm vonstatten gegangen.

Der besondere Clou dabei war aber folgender: Wie ließe sich die letzte Tür verriegeln. Man mußte ja schließlich selber noch heraus. Die Lösung war einfach, aber darauf mußte man erst mal kommen: Mein Vater stemmte in Höhe der Türschlaufe einen schmalen Schlitz durch das Lehmgefach der angrenzenden Scheunenwand. Von der Scheune aus konnte er nun den Bretterbohlen quer durch die Schlaufe schieben. Um dieses Loch im Gefach allzu neugierigen Blicken zu verwehren, befestigte er mittels eines Nagels ein Brett über der Stelle und ließ es wie zufällig herunterbaumeln. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, einen derartigen Sicherheitsmechanismus dahinter zu vermuten.

Dem Tüschenbönners Willi habe ich dann die ganze Sache irgendwann einmal vorgeführt, worauf ein heftiges Donnerwetter meines Vaters fällig war. Erst, nachdem Willi ihm hoch und heilig versprach, kein Sterbenswörtchen davon verlauten zu lassen, beruhigte er sich wieder. ---

Zu jedem Bauernhof gehörte natürlich auch ein Hühnerstall mit einer entsprechenden Anzahl Hühner nebst einem Hahn. Ab und zu wurde „en Klotze jesatzt“. Man legte eine Anzahl Hühnereier, - manchmal waren es aber auch Gänse- oder Enteneier, - unter die Glucke welche diese dann in geduldiger Sitzung ausbrütete. Der Glucke war es später ziemlich egal, ob nun eine Schar Hühner- oder Gänse-Küken hinter ihr her trottete. War man auf vielerlei Umwegen glücklicher Besitzer einer Truthenne (wir nannten sie „Schrute“) geworden, dann ließ man sie das Brütgeschäft übernehmen. Wegen ihrer Größe paßten natürlich etliche Einer mehr ins Nest. Puten gingen auch sehr fürsorglich mit ihrem Nachwuchs um und sie waren auch deshalb als Glucke sehr gefragt.

Sie ließen sich als Küken jedoch sehr schwer aufziehen. Sie waren nämlich sehr empfindlich. So vertrugen sie keinen Regen, - und das wußten sie auch. Bei den ersten Regentropfen liefen sie schleunigst unter das schützende Dach. Von ihrer Unart, sich am Abend mit Vorliebe einen Schlafplatz im nahen Gebüsch zu suchen, habe ich ja schon in einem vorigen Kapitel erzählt.

Gegessen wurde damals, was Landwirtschaft, Gemüse- und Obstgarten hervorbrachte. Die Mahlzeiten bestanden hauptsächlich aus Karoffelgerichten, Gemüse, Brot, Obst (frisch, eingekocht oder getrocknet) und Milch bzw. jede Menge Milchsuppen. Einen Teller Brei, Milch- oder  Reisbrei gab es fast jeden Abend. In den Brei gab man Pflaumen aus dem Einkochglas oder getrocknete Pflaumen. Das war dann Quetschenbrei. (Quetschen = Pflaumen).Und natürlich ab und zu die von mir - (heute noch) - heißgeliebten „Flötstücke“. Das waren rohe Kartoffelscheiben, die in der Pfanne auf Speckwürfeln gar geröstet bzw. Gedünstet wurden. Zwischen die einzelnen Lagen kam dann Pfeffer und Salz und natürlich tüchtig Zwiebeln. Aber daß habe ich ja schon ausführlich beschrieben. Überhaupt gab es abends fast immer warmes Essen.

Das sieht zwar aus heutiger Sicht ziemlich eintönig aus, es gab jedoch auch damals bei den einzelnen Mahlzeiten manche Variationen. Viele sind in Vergessenheit geraten, einige wurden inzwischen wieder neu entdeckt.

So gab es morgens schon mal „Kaffee on Epel“. Das waren gekochte Salzkartoffeln. Die aß man einfach so zu einem Butterbrot. Manchmal kam auch ein Stück Butter mit auf den Teller. Die heiße Kartoffel wurde mit der Butter bestrichen. Dazu gab es Kaffee. Das war meistens „Muckefuck“, so nannte man den damals üblichen Malzkaffee (geröstete Gerste). Echter Bohnenkaffee war teuer. Trotzdem erinnere ich mich noch gut daran, das meine Oma und meine Mutter sich des öfteren am Nachmittag ein Tässchen Bohnenkaffee gönnten. Später dann in den Kriegsjahren wurde der Bohnenkaffee ziemlich rar. Man bekam ihn nur noch auf Lebensmittelkarte, und das waren nur einige hundert Gramm. Dann wurde auch schon mal „ennen op den Ooest jeschott“, das heißt, man brühte den Kaffee zweimal auf. Jedoch auch während des Krieges gab es bei uns immer Bohnenkaffe, wenn auch in kleinen Mengen. Dafür sorgten Tante Anna und Tante Trautchen, welche beide ja ein kleines Lebensmittelgeschäft führten, (einen „Tante Emma-Laden“, wie man heute sagt).

Die meisten Dorfbewohner nannten ein Backhaus (das „Backes“) ihr eigen. Darin backte man Schwarzbrot und Weißbrot (den „Blatz“). Im hölzernen Teigtrog („Deechtroo“) wurde der Sauerteig für das Schwarzbrot angesetzt und meistens mit den Füßen geknetet. Nach dem Abbacken des Schwarzbrotes war dann noch genug Hitze vorhanden, um noch einige Blätze gar zu bekommen. Das Backes war ein, aus schweren Bruchsteinen gefügtes, quadratisches Häuschen und es stand vielfach etwas abseits vom Haus. Bei uns war es ja, wie bereits beschrieben, ins Haus integriert.

Es gab aber auch die Möglichkeit, den gedroschenen Roggen und Weizen an eine Mühle oder Bäckerei zu geben. Man erhielt dafür eine bestimmte Anzahl Gutscheine, die man dann gegen das Brot eintauschen konnte.

Der Brotaufstrich bestand in der Hauptsache aus Schichtkäse (Quark), Marmelade, Gelee aus eigenen Früchten hergestellt, (aus Pflaumen, Kirschen, Johannes- und Stachelbeeren),  und natürlich Apfel- und Birnenkraut. „Krutt“ fehlte damals in keinem Haushalt. Im Herbst wurde das Obst, (meistens Fallobst) eingesammelt und zur „Kruttpatsche“ (Krautkocherei) gefahren. Dafür erhielt man im Gegenzug etliche Zehn-Liter-Eimer Apfel-oder Birnenkraut. Das hielt dann das ganze Jahr.

Was man nicht selber erzeugen, bzw. nur unter großem Aufwand selber herstellen konnte, mußte man natürlich kaufen. Dafür hatte man dann die kleinen Lebensmittel- Geschäfte, auch „Kolonialwaren-Laden“ genannt. Sie waren gleichmäßig über die Dörfer verstreut. Jeder Laden hatte da so sein „Einzugsgebiet“, - seine Stammkundschaft.

            Der Name „Lebensmittelgeschäft“ ist eigendlich untertrieben, denn man bekam hier so ziemlich alles, was man damals für den täglichen Bedarf in Haus und Landwirtschaft benötigte. Das ging von Nägeln, Schrauben und Werkzeug über Strickwolle, Nähzwirn und Textilien bis zu Sensen und Heu-Rechen.

            In Birrenbachshöhe betrieb Ernst Utsch mit seiner Frau einen Laden. In Ober-Feld, (an der Neunkirchener Straße) „om läddijen Böggel“ war Peter Müller mit Gastwirtschaft und Lebensmittel zugange. Das war sehr praktisch, konnte man  sich doch nach getätigtem Einkauf einen Schnaps genehmigen.

In Kreuzkapelle gab es gleich zwei Läden. Lisa Knecht, -  (später heiratete sie Heinz Straßfeld, unseren Küster. Von ihm werde ich noch sehr viel berichten), - hatte ihr Geschäft gegenüber der Kirche und Otto Schönenbrücher (genannt „Ö“) betrieb neben der Landwirtschaft mit seiner Frau Maria ebenfalls einen Laden, wobei eine unverheiratete Schwester  von Otto mit Namen Anna nebenan eine Gatswirtschaft führte. Diese beiden Geschäfte erfreuten sich am Sonntag-Morgen des meisten Zuspruchs. Das kam daher, weil man praktischerweise damals den sonntäglichen Kirchgang mit dem Einkauf verband. Man erledigte ja alles zu Fuß. Das Geschäft lag am Wege und was lag also näher. Ein Ladenschlußgesetz kannte man ja damals noch nicht und der Kaufmann freute sich auch am Sonntag über Kundschaft.

             „Unser“ Lebensmittelgeschäft befand sich auf der Wohlfarth und es gehörte Justin und Paula Söntgerath. (Justin war der Sohn vom Bruder meines Großvaters, - dem alten Justin hier aus dem Dorf, - und demzufolge der Vetter meiner Mutter). Hierbei an Vergünstigungen durch diese Familienbande beim Einkauf zu denken, wäre allerdings fehl am Platz. Paula und Justin waren durch und durch Geschäftsleute. Während Justin von Natur her eher etwas gutmütig war, - er hatte nebenher auch noch etwas Landwirtschaft, herrschte seine Frau Paula hinter der Ladentheke. Sie hatte, wie man so sagt, Haare auf den Zähnen und sie konnte ihrer Kundschaft manchmal ganz schön schnippisch Bescheid geben. Ich erinnere mich noch gut, daß meine Mutter manchmal wutentbrannt von der Wohlfarth kam, weil die Paula sie wieder einmal mit ihrem Mundwerk bearbeitet hatte. Das alles konnte sich die Paula ja erlauben, denn sie lag sozusagen  mit ihrem Geschäft „außer Konkurrenz“, - und das wußte sie auch. Wohin sollten wir auch groß ausweichen ohne Verkehrsmittel. Und schließlich, wie bereits erwähnt, waren die Söntgerath´s versierte Kaufleute und ihr Laden besaß für damalige Verhältnisse ein reichhaltiges Sortiment an Waren aller Richtungen. War etwas nicht vorrätig, so konnte man sicher sein, daß es schnellstens besorgt wurde.

            Benötigte die Mutter rasch etwas für den Haushalt, so wurden wir Kinder nach der Wohlfarth geschickt. Wenn eben möglich, taten wir uns da zusammen denn gemeinsam ging es sich besser und es war nicht so langweilig, trotz der 5 Minuten, die wir brauchten. Meistens ging es ja nur um „für einen Groschen Hefe“. An der Hefe naschten wir auch mal auf dem Heimweg. Das war ein merkwürdiger kalter, prickelnder Geschmack auf der Zunge.

Waren mehrere Teile zu transportieren, so benutzte man ein „Einkaufsnetz“ oder eine Tasche. Zucker, Salz, Mehl und ähnliches wurden in Papiertüten abgewogen. Überhaupt wurde damals so ziemlich alles in Pergament- Zeitungs- oder Packpapier verpackt. Kunststoff-Tüten oder die Tausend Dinge aus Plastik, die heutzutage selbstverständlich sind, waren in meiner Kindheit ja noch nicht erfunden. Haushaltswaren, Gebrauchsgegenstände aller Art und auch Kinderspielzeug wurden aus Holz, Blech oder Aluminium (Leichtmetall) hergestellt.

Das Thema Müllbeseitigung, - heute zu einem ständig wachsenden Problem geworden, - spielte damals kaum eine Rolle. Papiertüten und ähnliches wurde so lange benutzt, bis es auseinander fiel. Dann steckte man es in den Ofen. Für einen alten Kessel oder Topf fand sich immer noch Verwendung. Weggeschmissen wurde eigentlich nichts. Küchenabfälle fanden entweder Verwendung bei der Viehfütterung oder man warf diese auf den Misthaufen. Wenn sich zu viel altes Gerümpel angesammelt hatte, trug man es in eine alte Lehmkuhle im Wald. Dort störte es niemand. Unser heutiges „Plastik-Zeitalter“ hat uns zwar viel Gutes gebracht und ist auch gar nicht mehr wegzudenken, aber das unverrottbare Material stellt auch ein großes Entsorgungsproblem dar.

Doch wir waren beim Einkaufen. Im Sommer durften wir uns für 10 Pfennig (5 Tütchen) Brause kaufen. Ein Tütchen Brausepulver wurde aber schon auf dem Heimweg mittels angefeuchtetem Finger leergeleckt. Wenn wir als Kinder „Kaufladen“ spielten, nannten wir das einfach: „Wir spielen Justin und Paula“. Es ist schon schade, dass diese alten Läden inzwischen fast alle „das Zeitliche gesegnet“ haben. Nur ganz vereinzelt existieren noch ein paar aus der damaligen Zeit. So betreibt die Hildegard Schönenbrücher in Kranüchel noch so einen kleinen „Tante-Emma-Laden“. Für die nähere Umgebung dort immer noch eine praktische Anlaufstelle, wenn man schnell etwas für Küche und Haushalt braucht. -

Damit die Winterabende nicht zu lang wurden, traf man sich damals „zum Nopern“ (zum Nachbarn gehen). Man traf sich also, nachdem der Stall versorgt war, und man zu Abend gegessen hatte, beim Nachbarn. Es waren meistens die Männer, die sich rund um den Tisch zusammensetzten. Man erzählte sich die Neuigkeiten, die Tagesereignisse und Begebenheiten und überlegte auch schon mal anstehende Dinge, die für sie oder das Dorf von Bedeutung waren.

Dabei wurde dann so manche Pfeife gestopft. Zu vorgerückter Stunde konnte man sich vor lauter Tabakqualm manchmal kaum noch sehen. Fenster aufmachen ging nicht. Erst einmal waren die Fensterläden ja zu und überhaupt war es schön mollig warm in der Stube - und das sollte auch so bleiben. Alkohol war Nebensache. Hier und da brachte mal einer einen „Stomp“ in der Flasche mit und man genehmigte sich eine „Klaren“.

            Wenn sie abends bei uns zusammen saßen, habe ich immer versucht, mich „unsichtbar“ zu machen und habe mit „langen Ohren“ ganz still in einer Ecke gesessen und ihren interessanten Erzählungen gelauscht. Bis dann aber plötzlich meine Oma fragte: „Wo ös dann dä Jong“? - Und es ging ab in´s Bett. ---

Im Jahre 1949 gründete sich der Ernteverein Wohlfarth mit dem Ziel, jährlich im Herbst ein Erntedankfest zu feiern. Neben der abendlichen Tanzveranstaltung war und ist der am Sonntag-Nachmittag stattfindende Erntezug mit den vielen prächtig geschmückten Erntewagen die Hauptattraktion.

Gleich von Anfang an beteiligte sich unser Dorf mit einem Erntewagen am Festzug. Den Anstoß zum Bau unseres ersten Erntewagens kam, - man höre und staune, - aber nicht von den Männern sondern die „Triebfeder“ war unsere Sofie Kraus. Es ist überliefert, wie die Sofie bei den  Beckers  in die Stube stürmte um dort den Jupp für die Sache zu begeistern. Unglücklicherweise hatte sie gerade den falschen Zeitpunkt erwischt, denn der Jupp hielt eben seinen wohlverdienten „Enongder“ (Mittagsschlaf), bei dem man ihn nur stören konnte, wenn man anschließend ein größeres Donnerwetter in Kauf nehmen wollte. Das wußte Sofie natürlich auch, aber sie wußte auch mit dem Jupp umzugehen.

Nach anfänglicher Skepsis und allerlei Ausreden und Vorbehalten ließ der sich dann überzeugen. Im großen Innenhof bei den Beckers wurde der erste Erntewagen, - und alle nachfolgenden auch - gebaut. Ich erinnere mich noch an ein paar Motive aus jenen Jahren. So trug ein Wagen einen voll „unter Dampf“ stehenden Küchenherd. Auf dessen einer Seite wurde Schnaps gebrannt und auf der anderen Seite wurden leckere Reibekuchen gebacken.

Mittels einer Beschriftung mußte die Sache nun aber auch den Zuschauern kundgetan werden und man überlegte angestrengt und dachte über einen passenden Spruch nach. Noch heute erinnere ich mich genau an den Augenblick, als der Krusen Willi wie aus heiterem Himmel plötzlich sagte: „Was stört uns Polizei und Zoll, - de Hauptsach ös, mir werden voll“! Als dann der Käthe Bohlen (unsere Haushälterin) die alte Kölner Redensart: „Met Rievkochen kann mer och Wind machen“ einfiel, war die Sache perfekt. Das Ganze mußte nun auf weiß gestrichene lange Bretter gemalt werden. Diese Arbeit mußte ich immer besorgen, weil bekannt war, das ich einigermaßen gut malen konnte.

Ein andermal hieß das Motiv: „Milchverwertung ohne Abzüge“! Auf dem Wagen war eine Zentrifuge installiert. Der dort gewonnene Rahm wurde im Butterfaß zu Butter verarbeitet, - wie im richtigen Leben. Zusätzlich hatte man noch ein Kalb auf den Wagen gehievt. Das bekam dann die Magermilch zu trinken.

            Was der Beckers Jupp und der Kraus in die Hand nahm, gestaltete sich im Nachhinein immer zu einem perfekten Kunstwerk. Die Seitenteile des Wagens bestanden aus Ähren und blühendem Heidekraut, durchsetzt mit allerlei Blumen. Heidekraut und Ähren wurden zum Schluß von Willi Kraus mit einer Haushaltsschere! getrimmt und zurechtgestutzt. Das ging so weit, das der Willi am Sonntagmittag bei der Abfahrt nach Wohlfarth mit seiner Schere hinter dem Wagen herlief um noch ein widerborstiges Hälmchen, welches irgendwo herausstach, abzuschneiden.     

Die Erntewagen wurden damals alle von Pferden gezogen. Traktoren waren ja noch weitgehend in der Minderheit. Auf das Pferdegespann wurde bei uns immer der allergrößte Wert gelegt. Zweispännig war schon obligat, - allein wegen des zu ziehenden Gewichtes. Ich glaube allerdings, der erste Erntewagen von Oberholz war einspännig und wurde von Tüschenbönners „Emma“, einem Schimmel gezogen.

Mindestens zwei Erntewagen aus Oberholz sind vierspännig gezogen worden, mit je zwei Schimmeln und zwei Braunen. Da der Pferdebestand in unserem Dorf nicht ausreichend war, lieh man sich die Pferde in den Nachbardörfern aus. Einen Erntewagen vierspännig zu fahren, galt auch damals schon als kleine Sensation. In den ersten Jahren wurden die schönsten Erntewagen noch prämiert. Unsere stärkste Konkurrenz war da immer das Dorf Löbach. Während wir meistens mit Aufbauten wie Häuschen mit Dach aufwarteten, hatten die Löbacher vielfach einen prächtigen Blumenwagen. Schon legendär geworden ist ihr Wagen mit dem riesigen, aus Hunderten von bunten Dahlien hergestellten Füllhorn, aus dem wiederum ein ganzer Schwall Blumen quoll.

Trotzdem heimsten wir einige Jahre hintereinander den Ersten Preis ein. Dadurch wurden die anderen Dörfer langsam sauer und so wurde endlich die Preisverleihung abgeschafft. Jede Wagenbauergruppe erhielt fortan (bis heute) einen bestimmten Geldbetrag in gleicher Höhe.

So skeptisch der Beckers Josef vorher gewesen war, so intensiv setzte er sich in den späteren Jahren ein, wenn es wieder hieß: Erntewagenbau. Da wurde so manche Arbeit liegengelassen oder verschoben. Einmal trug ein Wagen aus Oberholz  ein komplettes Schindeldach. Die Schindeln hatte Willi Kraus in wochenlanger, mühevoller Arbeit hergestellt indem er mit dem Beil gleichmäßige dünne Schindelscheiben von dicken Holzklötzen abspaltete. Idealismus pur!

Der Erntezug zog, wie bereits erwähnt und wie heute noch üblich, am frühen Sonntag-Nachmittag über die Dörfer zum Hause des jeweiligen Erntepaares. Dann ging es zurück nach Wohlfarth. Dort stand damals der große Saal. Er war im Besitz und gehörte zum Gasthaus von Heinrich und Katharina Steimel.

Der Saal war ein Fachwerkbau. Er hatte, wenn man so will, die Form einer Basilika, d.h. es gab ein „Mittelschiff“ und links und rechts je ein „Seitenschiff“.  Innen konnte man die rustikale Balkenkonstruktion bewundern. An den seitlichen Stützbalken, welche den hohen Mittelteil trugen, hat sich so manch Alkoholbenebelter seinen Kopf schon gestoßen.

Dieser Saal war damals der Mittelpunkt für alle Festlichkeiten. An seiner Stirnseite war eine große Bühne mit leinwandbezogenen und bemalten Kulissen. Diese Kulissen waren wie große Lamellen oben und unten befestigt und sie ließen sich drehen. Man erhielt sozusagen „im Handumdrehen“ eine Landschaft mit Wäldern Bäumen und Wiesen. Auf der anderen Seite befand man sich in einem Wohnraum.

Die Errichtung des Saalbaues muß so Ende der 20er Jahre gewesen sein. Der Krusen Hein erzählte mir nämlich vom Richtfest, welches er als Kind miterlebt hat. So hatte er z.B. mitbekommen, das man, - wie damals und auch heute noch üblich, - einen „Käffer“ (Dachbalken) verschwinden ließ, der dann vom Bauherrn und der ganzen Nachbarschaft gesucht wurde. Daß dabei dann auch so mancher Schnaps gekippt wurde - und wird, - ist wohl selbstverständlich und eigentlich auch der tiefere Sinn der ganzen Aktion.

Den solchermaßen geklauten Käffer, - es muß wohl eine lange „Mittelfette“, (ein Firstbalken) gewesen sein, - deponierte man auf unserem Hausspeicher, den man damals durch eine kleine Tür an der linken Giebelseite von außen erreichen konnte. Man brauchte den Balken also nur seitlich auf den Speicherboden zu schieben. Der Balken nahm, wie mir der Hein erzählte, in seiner Länge die ganze Breite unseres Hauses ein. ---

Viele Theaterstücke sind in diesem Saal „über die Bühne gegangen“. Die damalige „Jungfrauen-Kongregation“, (ein kirchlicher Verein von nicht verheirateten Frauen), studierte jedes Jahr ein neues Theaterstück ein. Dieses Stück wurde zuerst, - sozusagen als Generalprobe, zum Geburtstag von unserem Pastor Schiffer im kleinen Kreis im Pfarrsälchen aufgeführt.

Dann war die Aufführung vor breitem Publikum im Saale Steimel. Der Saal war bei einem solchen Anlaß immer bis auf den letzten Platz besetzt. Das hieß schon was, denn in den Saal paßten gut und gern an die drei- bis vierhundert Leute rein. Die Theaterstücke waren meistens ziemlich rührselig und man tat gut daran, sein Taschentuch immer griffbereit zu halten. Ich erinnere mich noch gut an ein solches Stück, bei dem ich auch tüchtig mitgeheult habe. Es hatte den Titel: „Das Kreuz im Moor“ und es handelte von einer überaus unglücklichen Liebe. Das Ende war sehr dramatisch.

Nach dem Kriege (1945), als die Städte in Schutt und Asche lagen herrschte dort große Hungersnot. So kam es, daß sich Theater- und Varieté-Ensemble zu uns aufs Land begaben um hier in den noch unzerstörten Sälen ihre Kunst darzustellen. Das waren oft sehr talentierte und bekannte Gruppen, die der Hunger hierher getrieben hatte. Für eine große Tüte Kartoffeln bekam eine ganze Familie freien Eintritt. Ich erinnere mich noch gut an eine Varieté-Vorstellung in Wohlfarth, die einer Großstadt-Aufführung alle Ehre gemacht hätte. Die Künstler zeigten ihr volles Programm in ihrer glanzvollen Garderobe, ohne irgendwelche Abstriche.

Auch gab es damals des öfteren eine Filmvorführung. Für uns, - besonders für uns Kinder eine wahre Sensation. Es war für uns ja das erste Mal überhaupt, das wir „bewegte Bilder“ zu sehen bekamen. Einmal sind wir allerdings bitter enttäuscht worden. Es sollte nämlich der neue Zeichentrickfilm „Bambi“ von W.Disney zur Aufführung gelangen. Wir zogen also mit allen Schulklassen samt Lehrer zum Wohlfarther Saal um uns diesen hochgepriesenen Film anzusehen. Nach einigen „Vorfilmen“ begannen einige von uns, - besonders aber die Lehrer, (die den Braten wohl schon gerochen hatten), - unruhig zu werden, denn die Vorfilme hörten gar nicht mehr auf. Das ging dann zwei Stunden so weiter. Inzwischen hatten unsere Lehrer unter großem Protest den Saal schon lange vorher verlassen. Wir Kinder haben bis zum Schluß ausgeharrt, in der Hoffnung auf den Hauptfilm. Der war den Vorführern aber wohl abhanden gekommen. Wir hatten uns aber trotzdem gut amüsiert.

Natürlich gab es im Saale Steimel außer dem traditionellen Ernteball immer wieder Tanzveranstaltungen. Alkoholische Getränke waren damals, - besonders in den Nachkriegsjahren knapp und teuer. Aber man wußte sich hier zu helfen. Da gab es überall in den umliegenden Nachbardörfern „Experten“, welche die hohe Kunst des (illegalen) Schnaps-Brennens beherrschten. Es wurde aus Kartoffeln, Rüben, Äpfeln, Pflaumen und allen möglichen und unmöglichen Ingredienzen gebraut. Diese diversen Erzeugnisse liefen unter dem Sammelbegriff „Knolli Brandi“. Jeder wußte, was damit gemeint war. Natürlich war die Schnapsbrennerei nicht ungefährlich und wenn man erwischt wurde, gab es saftige Strafen. Es wurde aber gemunkelt, daß selbst die Ordnungshüter oft ein Auge zudrückten, - was deren Schaden wohl nicht war.

Dem Wirt war es recht, wenn seine Gäste zu den jeweiligen Tanzveranstaltungen eine Flasche „Marke Eigenbau“ mitbrachten, denn sein „Repertoire“ war naturgemäß ziemlich dünn. Er verlangte aber ein „Stoppejelt“ (Stopfen-Geld) pro Flasche, womit auch jeder einverstanden war. Natürlich wurde da auch so manche Flasche schwarz hereingeschmuggelt. Ich erinnere mich noch gut, das wir als Kinder oft draußen an den niederen Saalfenstern gestanden, und den Pärchen beim tanzen zugeschaut haben. Dabei kamen unsere Füße auch mal ungewollt mit einer Flasche Knolli Brandi in Berührung, die deren Besitzer in weiser Voraussicht draußen unter dem Fenster deponiert hatte, um sie zu gegebener Zeit dann stiekum durchs Fenster herein zu holen.

Für die Tanzmusik bei den Erntefesten, aber auch zu anderen Gelegenheiten war Remy Buchmüller aus Siegburg mit seinen Mannen zuständig. Das war ein zusammengewürfelter Haufen, - halb Blas- halb Streichmusik. Zu vorgerückter Stunde waren sie meistens betrunkener als die Gäste, - spielten aber trotz allem wie eine „Eins“. Es waren halt durch und durch Musiker. (Ich weiß das inzwischen aus eigener Erfahrung)!

Einmal, zu Weiberfastnacht herrschte in musikalischer Hinsicht große Not. Die Kapelle Buchmüller war verhindert. Damals wurde in Wohlfarth ganz groß Weiberfastnacht gefeiert. Der Initiator dieses wichtigen Tages war der Damen-Elferrat „Sonnenschein“. An deren Spitze fungierte als Präsidentin Martha Fielenbach aus Köbach. In  seiner Verzweiflung wandte sich der Steimels Hein an Hermann-Josef Müller aus Bennrath, welcher ein Schlagzeug besaß und dieses auch einigermaßen beherrschte. Der holte sich wiederum den Hürholz Paul aus Sommerhausen samt seinem Akkordeon. Paul spielte die „Quetsche“ ziemlich gut, aber leider nur nach Noten, was einer gewissen Spontaneität, - besonders an so einem Tage sehr gefragt, - natürlich  großen Abbruch tat. Wie sich die beiden über den Abend gerettet haben, hat mir der Hermann einmal erzählt. Nur soviel: Ich bin vor Lachen fast unter den Tisch gekullert.

Auf uns Kinder übte  Wohlfarth eine gewisse Anziehung aus. Da gab es z.B. eine richtige Straße, sogar mit eine Straßenkreuzung. Der Straßenverkehr verlief allerdings mehr in Nord-Südrichtung, (Richtung Neunkirchen - Much). Wenn wir uns lange genug in Wohlfarth aufhielten und wir einigermaßen Glück hatten, bekamen wir sogar schon mal ein Auto zu sehen!

Im Winter war der „Schmettenberg“ - (der Schmiedeberg) einer der Treffpunkte zum Schlittenfahren. Salzstreuen auf der Straße war natürlich unbekannt und so hatten wir nach einigen Fahrten mit unseren Schlitten bald eine spiegelglatte Schneefläche zur Verfügung. Mit dem richtigen Schwung kamen wir dann manchmal bis hinter die Kurve von Haasen Düres Haus. (Es wurde inzwischen abgerissen).

Trotz der geringeren Häuser- und Einwohnerzahl gegenüber unserem Dorf hatte Wohlfarth jedoch einiges mehr zu bieten. Es gab dort einen Kaufladen, eine Gastwirtschaft und eine Schmiede. Die Schmiede vom Krusen Pitter hatte es uns Kinder natürlich angetan. Wenn wir uns möglichst „unsichtbar“ machten, durften wir dem Pitter beim Schmieden zuschauen. Nachdem das Eisenteil im Kohlenfeuer rotglühend geworden war, legte es der Pitter, - mit einer lange Zange festhaltend, - auf den schweren Amboß. Dann wurde es mit einem dicken Schmiedehammer in die gewünschte Form gehämmert. Das mutete ganz einfach, fast spielerisch an, war aber in Wirklichkeit harte Knochenarbeit. Später schaffte sich der Schmiedemeister Kraus dann einen „Elektrischen Hammer“ (wie wir ihn nannten), an. Das war ein Riesen-Ungetüm. Wenn der in Betrieb war, konnte man seine harten Schläge in ganz Oberholz hören.

Peter Kraus war aber seines Zeichens auch ein ganz versierter Hufschmied. Sein Sohn Heinrich, (besser bekannt als „Krusen Hein“) hat dieses selten gewordene Handwerk noch bis zu seinem Tode vor ein paar Jahren ausgeübt. Wenn Pferde beschlagen wurden und der Wind kam aus Richtung Wohlfarth, dann roch es bei uns im ganzen Dorf nach verschmortem Huf. Die Pferde bekamen nämlich das noch glühende Eisen erst einmal „angepaßt“, natürlich völlig schmerzlos für die Tiere. Auch hier lohnte sich natürlich das Zuschauen.

Der Pitter besaß außerdem eine sehr ausgeprägte poetische Ader. Aus seiner Feder stammen viele ironisch-zeitkritische Gedichte. Die meisten sind nur mündlich überliefert und inzwischen leider verschollen. Ein paar existieren aber noch, und ich werde versuchen, sie aufzutreiben und der Nachwelt zu erhalten. Der Krusen Hein hat dieses Talent von seinem Vater geerbt und auch guten Gebrauch davon gemacht.

Auf dem Hügel neben der Schmiede, (dort, wo jetzt das Haus Flossdorf steht) gab es ein altes Wasserbassin, von uns Kindern hieß es einfach: „et Passeng“. Es hatte ein Ausmaß von 4 x 4 m (Länge und Breite) und es war ca. 3 m tief. Einen Meter ragte es aus der Erde und es besaß oben einen großen Eisendeckel als Verschluß. Ich glaube, es hatte in seinem Innern noch nie einen Tropfen Wasser zu sehen bekommen und ich habe auch nie erfahren, wer und zu welchem Zweck es eigentlich errichtet hat.

  Jedenfalls ließ es sich darin herrlich spielen. Mit einer provisorischen Leiter „tauchten wir ab“ ins dämmerige Innere. Wir fabrizierten uns mittels Spiegeln und einem alten Ofenrohr ein Art „Sehrohr“ mit dem wir alsdann von unten - und für andere unsichtbar, unsere Umgebung beobachteten.

Die beiden Orte Oberholz und Wohlfarth praktizierten von jeher ein, - (wie man heute sagen würde), - partnerschaftliches Verhältnis. Das ergab sich wohl aus deren Nähe und der geringen Einwohnerzahl der beiden Dörfer. Konnten die Einwohner von Wohlfarth eine Sache allein nicht bewerkstelligen, so mußten die Oberholzer ihnen halt „ins Rad packen“ - ihnen helfen, - und umgekehrt.

Ansonsten verstanden sich die Dorfgemeinschaften damals, wenn auch eher unbewußt, als eine Art Großfamilie, - mit einem guten Schuß Lokalpatriotismus. Wie in jeder Familie gab es natürlich auch mal Meinungsverschiedenheiten und Streit. Der wurde aber meistens intern beigelegt. Daß man sich längere Zeit aus dem Weg ging, war allein schon deshalb kaum möglich, weil ja jeder irgendwie auf den anderen angewiesen war. Wenn „Not am Mann war“, half man, ohne lange zu fragen. Die Türen standen immer offen und man hatte jederzeit Zutritt ohne anzuklopfen. Kam man zu einer Essenszeit, dann hieß es: „Komm, setz dech on ess jet möt“. Kam man ungelegen, bekam man es gesagt und man ging, - ohne beleidigt zu sein.

Die Menschen damals waren genügsam und man war mit dem zufrieden, was man hatte. Die Moralvorstellungen waren durch den christlichen Glauben mitgeprägt. Der sonntägliche Kirchenbesuch war selbstverständlich, und - anders als heute, - wurde jemand, der da nicht mittat, schief angesehen. Das führte dann natürlich auch schon mal dazu, das sich jemand etwas halbherzig, - „wegen der anderen“ - auf den Weg zur Kirche machte.

Trotzdem bin ich unbeirrbar der Meinung, dass der allerorts, - besonders in den Medien - zu beobachtende Verfall der christlichen Grundwerte für unsere heutige Gesellschaft schwere Probleme aufwerfen wird. Eine unheilvolle Symbiose hat sich aufgetan: Die Kirchen werden leerer und die Vollzugsanstalten platzen aus allen Nähten! Ich werde dieses Thema später einmal ausführlicher behandeln.           

Ich möchte dieses Kapitel nun mit einem kleinen Gedicht von mir zum Abschluß bringen. Ich habe dieses Gedicht auf unserem Dorffest in der zur „Festhalle“ umfunktionierten Scheune der Familie Tüschenbönner am Abend des 3.September 1994 den anwesenden Dorfbewohnern vorgetragen:

 

Wie es damals war.

Nun sind es fast die 60 Jahr
das ich in Oberholz geboren war.
Doch immer wieder geht mein Sinn
zu jenen alten Zeiten hin.
Erinnerungen sind dem Menschen eigen,
beim Älterwerden wir des öftern dazu neigen.
Man spricht dann gerne von der guten alten Zeit,
die manchmal noch so lebhaft vor uns steht - und doch so weit.
Wir denken an vergang´ne heile Welt,
in der das Gute stets die Oberhand behält.
Doch schaun wir näher hin, wird schnell uns klar,
daß das nicht immer und nicht überall so war.

Wenn unsere Gedanken die Vergangenheit betrachten,
so sollten wir die Lebensart der Menschen jener Tage nicht verachten

und sollten uns auch machen klar,                 

das Reichtum meist´ für sie ein Fremdwort war.
So war es auch in unserm Dorf, das damals noch sehr klein,
es paßten grade mal sechs Häuser rein.
Von Kindesbeinen war man sich vertraut,
in Freud und Leid man aufeinander baut.

Die Häuser aus Fachwerk und aus Lehm,
sie waren zweckmäßig und bequem.
Im Winter warm, im Sommer kühl
das gab ein  naturnahes Lebensgefühl.
Natur gab´s bei uns pur - ohne Verschnitt,
man lebte mit ihr auf Schritt und Tritt.
Wildkräuter wuchsen, und Brennesseln auch,
statt grüner Rasen wuchs Kappes und Lauch.
Heut' tut man sich wieder langsam besinnen,
will das Ursprüngliche zurück gewinnen,
schafft „Feuchtbiotope“, der Umwelt zum Wohl,
die gab´s damals auch - wir nannten sie „Kräddepohl“.
Da ratterten keine Traktoren durch´s Feld,
mit Pferden und Kühen wurde der Acker bestellt.
Das ging soweit alles in gemächlichem Trab
und niemanden wurde die Zeit dabei knapp

Der Kaffee, der wurde in´s Feld gebracht,
das haben wir Kinder oft gemacht.
Mit manch´ leckeren Sachen der Tisch heut´ gedeckt,
doch wie damals im Feld hat´s mir niemals geschmeckt.

On wenn dä Hännesjes Willi trof dann dän  Beckersch Jupp,
wurd iersch es möt Rauhen de Piefe jestop.
Nu jeng et an´t planen möt vill Bedacht,
on för dat Peed hat mer en ehnem dann och es en Paus jemacht.

War die Arbeit getan, dann spannte man aus,
und begab sich auf den Weg nach Haus.
War der Durst gar zu mächtig, so wurde zuletzt,
am Schweizersch Huus en Emer Wasser jepötzt.
Den Pötz vor dem Haus, den gab's überall,
hier pützte man Wasser für Haus und Stall.
S´ ist müßig, wenn man´s mit heute vergleicht,
seine kühle Köstlichkeit bleibt unerreicht.
Der Garten und die Feldarbeit
bestimmten den Rhythmus der Jahreszeit.
Die meisten Stunden man dort verbracht,
denn alles wurde mit der Hand gemacht.
Wenn es Abend wurde, damals im Mai,
am Piddesch Krütz waren alle dabei.
Mit kräftiger Stimme betete Justin vor,
ich habe noch heut´ seine Stimme im Ohr.
Und warum sollte ich es hier verschweigen,
wir nannten auch ein Freibad unser Eigen.
Von Schilfrohr umkränzt, nicht wie heute so fein,
doch biologisch sauber und chemisch rein.
War uns Kindern die Sommerhitze zuviel,
dann war der Brandweiher unser Ziel.
Von Badeanzug keine Spur,
da tat´s die Unterhose nur.

Wenn die Abende lang bei der Winterzeit,
die Wege und Pfade tiefverschneit,
da machte man halt das Beste draus',
man traf sich zum „nopern“ im Nachbarshaus.
Ging man durch's Dorf in jenen Tagen,
hörte man überall die Dreschflegel schlagen.
um das Korn dann zu lösen von Spreu und von Grannen,
mußte man´s nachher in der Wannmühle wannen.
In meiner Kindheit Wintertagen
gab´s reichlich Schnee in allen Lagen.
Und war die Schule endlich aus,
dann zogen wir die Schlitten raus.

Am Schweizersch-Berg und in der Gasse,
da tobten wir uns aus zum Spasse.
Kam der Söntgerath´s Willi mit dem „Lenkbar“ dann,
war das daß Größte für uns, was man sich denken kann.
Wenn´s Schwein geschlachtet, war es bald soweit,
und es begann die schöne Weinachtszeit.
Et Krusen Sofie war der Nikolaus,
mit Stab und Mitra kam sie dann in jedes Haus.
Großartig hat sie das gemacht,
wir Kinder hatten sie nie im Verdacht.
So viele Jahre sind vergangen unterdessen,
jedoch bleibt sie für mich stets unvergessen.

Ach ja, von unsern Alten ließ sich viel erzählen,
et Wöllems Marichen taten wir Kinder oft quälen.
Mit toten Mäusen sie zu necken,
das brachte bekanntlich den größten Schrecken.
Für den Mattes Signal zum Sturm im Wasserglas,
für uns Kinder allemal ein Heidenspaß.
Hier von Streit zu reden, das wäre vermessen,
denn am andern Tag war alles vergessen.
Denn so war es damals hier bei uns Brauch,
man sagt sich die Meinung - und das war es dann auch.
Wer ´nen längeren Streit versuchte vom Zaune zu brechen,
tat sich meistens in´s eigene Fleisch damit stechen.
Als dann Ende der 40er Jahr
das erste Wohlfarther Erntefest war,
gab es nur eins für denn Jupp on denn Kruus:
„Us Offels jet och en Erntewagen erus“!
Gemeinsam traf man sich zur Abendstund´,
und werkten los in froher Rund´.
Der Kruse Willi mit Bedacht,
den Feinschnitt mit der Schere macht.
Vierspännig zogen wir durch´s Land,
Oberholz war für erste Qualität bekannt.
Die andern konnten das kaum fassen,
selbst Löbach mußte vor Neid erblassen.

Roswitha und Werner blieben der Sache treu,
und motivierten uns auf´s neu.
Und alle kamen, einen prächtigen Wagen zu bauen,
doch ein ganz großes Lob, das gehört unseren Frauen !

Nur wenige sind heut´ noch da von der alten Sorte,
die alten Zeiten erlebten in unserem Orte.
Doch ihr andern - falls ihr neugierig geworden seid,
fragt immer, gern sind sie zur Auskunft bereit.
Ich habe versucht, mit diesen Bildern,
aus unserer Vergangenheit etwas zu schildern.
Wollt' Anstöße geben - Erinnerungen wecken,
das alles ließ sich nur bruchstückhaft decken.
Heut´ propagiert man die Nostalgie,
kramt nach den alten Dingen wie nie.
Das ist sehr bezeichnend - ich wag´ es zu sagen,
denn wir Menschen spüren ein Unbehagen.

Allmählich dämmert uns wieder der wahre Wert,
nachdem mit Asphalt und Beton wir die Umwelt zerstört.
Wir müssen es lernen und wieder verstehn,
auf alten Wegen neu zu gehn!

Doch nun laßt uns zusammen fröhlich sein,laßt Friede herrschen in euren Reihn.
Auf daß einer den anderen besser versteht,
es grüßt euch Ecki, euer Dorfpoet.

 

 

 

 

 

 

4. Schulzeit und Krieg

Unsere Schule stand - und steht bis heute, - im „Suudbösch“, einem, von kleinen Bächen und Rinsalen durchzogenen Wiesengrund, umgeben von Wald und niederem Unterholz. Sie ist wohl Mitte des vorigen Jahrhunderts entstanden. Aus dieser Zeit stammen übrigens fast alle alten Schulen im Umkreis. Sofern sie noch in ihrer ursprünglichen Substanz erhalten sind, erkennt man sie gut an ihrer Form und dem verwendeten Baumaterial. Die älteren Bauwerke dieser Art bestanden aus Grauwacke, wie man sie in den hiesigen Steinbrüchen vorfindet. Später errichtete man sie aus gebranntem Ziegelstein. Die Schulen bestanden aus einem Erdgeschoß und einem oberen Stockwerk. Unser Schulkomplex hatte dagegen zwei Gebäude mit je einem Obergeschoß.

Der ältere Teilbereich bestand aus Grauwacke. Hier wohnten unsere beiden Lehrer mit ihren Familien. An der nördlichen Giebelseite quer zum Wohnhaus hatte man aus gebrannten Lehmziegeln das Schulgebäude mit dem unteren und dem oberen Klassenraum errichtet. Dieses Gebäude wird wohl in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts wie viele andere auch, entstanden sein. Für den Grund zum Bau all dieser Schulen muß wohl ein Erlaß der kaiserlichen Regierung Pate gestanden haben. Der Kaiser wollte damals dem, besonders in den ländlichen Gebieten noch weit verbreiteten Analphabetentum ein baldiges Ende setzen, - was ihm ja auch mehr oder weniger gelungen ist, - (sonst würde ich diese Zeilen ja nicht schreiben können).

Unsere Schule also trug die Bezeichnung „Volksschule“. Die sogenannte „Unterklasse“, bestehend aus den ersten vier Schuljahrgängen, ist der heutigen Grundschule vergleichbar. Die „Oberklasse“ demzufolge der heutigen Hauptschule. Hier wurden die Schuljahrgänge fünf bis acht unterrichtet. In Much gab es dann noch die „Mittelschule“, identisch mit der Realschule heute. Die nächstgelegene „Oberschule“, - jetzt nennt man sie Gymnasium oder Kolleg, befand sich in Siegburg.

Um eine von diesen „höheren“ Schulen besuchen zu können, gehörte nicht nur Befähigung dazu sonder auch das nötige Kleingeld. Denn bei den weiterführenden Schulen mußten die Eltern an Schulgeld, Büchern und Lehrmaterial einen Teil mit tragen. Für das erste Kriterium hätte es bei mir zur Not wohl gereicht. Aber es haperte am Geld. Als mein Vetter Paul-Günter damals zur Mittelschule nach Much überwechselte, wäre ich gerne mitgezogen. Neben dem Geldmangel hatten meine Eltern aber wohl auch kein allzu großes Interesse an der ganzen Sache. - (Und was für Gefahren „demm Jong“ dabei drohen werden), - wird meine Oma wohl mit ziemlicher Sicherheit in die Debatte geworfen haben.

So habe ich also, - nicht zu meinem Leidwesen, wie man jetzt vielleicht denken könnte, - vom ersten bis zum letzten Schultage die Schule „Oberhausen“ besucht. Es war genau vom 18.August 1942 bis 15.März 1951. Das war gut ein halbes Jahr länger als vorgesehen, aber bedingt durch die Kriegszeit. Wir hatten ja im letzten Kriegsjahr mehrere Monate lang keine Schule besuchen können. Deshalb wurde bei uns nach Ende der regulären Schulzeit ein halbes Jahr angehängt.

Die Bezeichnung „Oberhausen“ stammt daher, weil sich nachweislich das erste Schulzimmer in unserer Gegend im ersten Stock des Hauses von Wilhelm Steimel zu Oberhausen, (jetzt bewohnt es die Tochter, Maria Schwarz) befand. Die spätere Bezeichnung „Schule Birrenbachshöhe“ habe ich nie richtig nachvollziehen können.

Im Verlauf der letzten 40 Jahre seit meiner Schulentlassung hat sich im alten Suudbösch viel geändert. In den 60er Jahren wurde ein neues zweigeschossiges Haus errichtet und in das alte Schulgebäude integriert. Heute ist der ganze Schulkomplex im Besitz der Maschinenfabrik Wagner. Man hat hier den Verwaltungstrakt mit zahlreichen Büroräumen eingerichtet.

Von der Straße Wohlfarth - Birrenbachshöhe kommend, führt ein breiter asphaltierter Weg zur alten Schule und weiter bis zur Ortschaft Oberhausen. Ein gleicher Weg zieht den Berg hoch nach Birrenbachshöhe. Von alledem konnte vor gut 50 Jahren natürlich keine Rede sein. Ein Teil des Waldes ist inzwischen gerodet worden, die steilen Böschungen wurden begradigt und planiert. Der tiefe sumpfige Siefen in Richtung Oberhausen ist trockengelegt. So entstand neues Ackerland und Weideflächen.

Während meiner Schulzeit gab es den Weg aus Richtung Groß-Oberholz. (Jetzt Birrenbachshöhe). Er besaß die Eigenschaften der hiesigen Dorfwege. Für Pferdefuhrwerke bestens geeignet. Zur Not ließ er sich auch mit dem Auto befahren, aber davon gab es ja nur wenige, und die verirrten sich bestimmt nicht im „Suudbösch“. Den steilen Berg hinauf nach Birrenbachshöhe verlief ein unbefestigter Feldweg der sich nach heftigen Regengüssen in einen Sturzbach verwandelte.

Zur Ortschaft Oberhausen gab es einen schmalen Fußweg, (en Pättchen). Wenn die Bauern im Frühjahr dort ihren Acker bestellten, kam es auch schon mal vor, das dieser Fußweg, - aus Gemächlichkeit oder aus Produktivitätsgründen, - zugepflügt wurde. Man mußte sich dann wohl oder übel ein neues „Pättchen“ trampeln.

Aus Richtung Oberholz gab es ebenfalls nur einen Fußpfad. Er begann am unteren Ende des „Schweizers Berges“, führte dann durch die Felder hinunter über den kleinen Bach, dann durch ein Stück Wald zur Schule. Auf halber Höhe des abschüssigen Weges lag ein kleines Wäldchen, welches manchmal eine besondere Rolle spielte. Aber darauf komme ich später noch zurück. Führte der Bach Hochwasser, was besonders nach der Schneeschmelze im Frühjahr öfters vorkam, mußten wir einen ziemlichen Umweg machen. (Verspätung inbegriffen). Eine Brücke gab es ja nicht. Normalerweise sprangen wir nach einem kräftigen Anlauf über das Bachbett. Einige von uns warfen bei dieser Aktion ihren Schulranzen voraus, damit sie es beim springen leichter hatten. Diesen Weg benutzten meistens auch die Mitschüler aus der Ortschaft Feld, die übrigens so ziemlich den weitesten Anmarsch zur Schule hatten.

Es stellt sich natürlich die berechtigte Frage: Wie konnte man denn nur in diesem unwegsamen und morastigen Gelände damals auf die Idee kommen, gerade hier eine Schule zu bauen. Die Antwort liegt auf der Hand, wenn man eine Landkarte zu Rate zieht. Ihr Standort liegt nämlich ziemlich genau im Schnittpunkt aller Ortschaften ihres „Einzugsbereiches.“ Es waren dies die Orte: Oberholz, Wohlfarth, Hohn, Höhnchen, Reinshagen, Birrenbachshöhe, Löbach, Derscheid, Tüschenbonnen, Köbach, Oberhausen und Feld. Zieht man einen Kreis um die genannten Dörfer, so liegt die Schule fast genau in der Mitte. Lediglich Derscheid und Tüschenbonnen „tanzen etwas aus der Reihe“. Um allen einigermaßen gerecht zu werden, und um allen Schulkindern einen einigermaßen gleichlangen Schulweg zu ermöglichen, hatte man höchstwahrscheinlich diesen Standort ausgewählt.

Der Schulweg aus Feld betrug z.B. (mit allen eingeplanten, - und oft auch unvermeidlichen „Zwischenstop´s“ - fast eine halbe Stunde. Wir Oberholzer hatten es dagegen besser. Über den vorher beschriebenen Feldweg erreichten wir die Schule in gut 5 Minuten. Es sei denn, der Bach, den wir in der Talsohle überqueren mußten, führte mal wieder Hochwasser, was im Frühjahr zur Zeit der Schneeschmelze des öfteren passierte. Dann hieß es zurück, uns wir mußten einen Umweg über Oberhausen oder die Landstraße in Kauf nehmen. Dabei war natürlich klar, daß wir die Schule mit einiger Verspätung erreichten, was von Seiten des Lehrers wiederum mit eine saftige „Verwarnung“ geahndet wurde. Der Schulweg gehörte für uns zu einem wichtigen Bestandteil des Schullebens. Er wurde uns niemals als lästig, zeitaufwendig oder gar als anstrengend empfunden. Gab es hier doch ungeahnte Möglichkeiten der Zerstreuung. Wie bedauernswert sind dagegen unsere heutigen Schulkinder dran. Sie werden in einen Schulbus gepfercht, müssen dort ruhig auf ihren Plätzen verharren, haben keinerlei Möglichkeiten, ihrem angeborenen Bewegungsdrang zu folgen oder aufgestaute Aggressionen abzubauen. Den Wechsel der Jahreszeiten „hautnah“ mitzuerleben, bleibt ihnen auch weitgehend vorenthalten.

Sicher, sie sind wind- und wettergeschützt und erreichen oft nicht wie wir damals  Schule oder Elternhaus patschnaß oder „weißgetüncht“ von den anhaftenden Flocken eines Schneesturmes. Aber was entgeht diesen Kindern nicht alles? Wir kannten damals ja kein Gefährt, welches uns bequem und trockenen Fußes zur Schule befördert hätte. Aber was haben wir auf unserem Schulweg nicht alles unternommen und erlebt. Manchmal auch sehr zum Mißvergnügen unserer Eltern, die dann mit dem Mittagessen auf uns warten mußten. Der mildeste Ausdruck ihres Tadels war noch die Frage: „ Wo habt ihr denn heute wieder herum getrönzelt? (getrödelt).

Die Schulutensilien beförderten wir im „Tornister“ - dem Schulranzen. Den trugen wir umgeschnallt an Lederriemen auf dem Rücken. Das war praktisch und auch bestens für eine gerade Körperhaltung geeignet. In den ersten Jahren war die Schiefertafel obligatorisch. Trotz ihres Holzrahmens war sie von Natur her sehr zerbrechlich. Meine Tafel hatte zeitlebens einen dünnen Riß in der Diagonale. Sie hatte wohl vor meiner Zeit einem Vetter von mir lange Jahre treue Dienste geleistet. Eine neue Tafel war teuer und in den Kriegsjahren sowieso schwer zu bekommen.

Seitlich am Tafelrahmen war eine Kordel befestigt. An dieser Kordel hing der berühmte Tafellappen. Er war meistens gehäkelt, mit einem bunten Rand versehen und er hatte die ungefähre Größe eines herkömmlichen Topflappen. Ob es nun Mode war oder ob man damit den Trockenvorgang beschleunigen wollte, - jedenfalls war es üblich, den Tafellappen an der Kordel seitlich außerhalb des Ranzens herunter baumeln zu lassen.

Die Griffel aus Schiefermaterial wurden in der Griffeldose aufbewahrt. Der Deckel ließ sich auf- und zuschieben. Dann war da noch die Schwammdose mit einliegendem Schwamm zum Tafelreinigen. Die Schwammdose war immer mit phantasievollen Bildern versehen.

Die Anzahl der Bücher und Hefte war, - im Gegensatz zu heute, - recht überschaubar. Da gab es das Lesebuch mit vielen herrlichen Geschichten, Gedichten und Bildern, und das von mir wenig geliebte Rechenbuch. Später kamen dann noch ein paar andere Bücher hinzu: Erdkunde, Geschichte und natürlich die Schulbibel und der Katechismus. Einmal in der Woche kam unser Herr Pastor Schiffer in die Schule. - Doch davon später mehr. Natürlich fehlte auch nicht das Pausenbrot, dick in Pergament- und Zeitungspapier eingewickelt. Da die Schiefertafel wie gesagt, ziemlich schnell in die Brüche gehen konnte, wurde der Ranzen bei „kriegerischen Auseinandersetzungen“, falls man ihn gerade auf dem Buckel hatte, abgenommen. Wenn also jemand bei solcher Gelegenheit seinen Ranzen von seinem Rücken streifte, ließ sich unschwer erkennen, daß es nun ernst wurde.

Wenn Meinungsverschiedenheiten mit der Faust ausgetragen wurden, habe ich mich immer zurückgehalten, weniger aus Feigheit als mehr um die Sorge, mein Körper oder meine Kleidung könnten irgendwelche Blessuren davontragen, - was wiederum ein größeres Donnerwetter meines Vaters zur Folge gehabt hätte. Ich trachtete meistens danach, den Streit erst gar nicht aufkommen zu lassen. Wenn er aber unvermeidlich war, versuchte ich ihn mit allen Mitteln der Überredungskunst frühzeitig zu schlichten. So wurde ich dann auch später, als wir in Religion die „acht Seeligkeiten“ durchnahmen, mit dem Zusatz: „der Friedfertige“ oder „der Sanftmütige“ bezeichnet, wovon ich aber auch nicht gerade begeistert war.

Die Kinder „unten aus dem Hof“, - es waren ja nicht viele, - benutzten als Schulweg meistens einen schmalen Pfad, der sich vom Hause Fedder durch die Talwiesen bis zum „Schollbösch“ (Schulwald) hinzog. Dort trafen wir uns dann vielfach und gingen das letzte Stück gemeinsam. Im Schulbusch, nahe unserem Weg an einem Abhang gab es eine kleine Quelle. Das Wasser sprudelte direkt aus der Erde. Dort wurde auf dem Heimweg regelmäßig ein kühler Trank genommen, gleichgültig ob wir nun Durst hatten oder nicht. Das gehörte einfach dazu.

Am Morgen nach dem Frühstück stand ich dann marschbereit an unserer Haustür und erwartete meine Schulkameraden aus Feld, die - wenn sie bei mir angelangt waren - schon einen ziemlichen Trampel hinter sich hatten. Da war zum Beispiel der Strunden Herbert. Wir beide haben übrigens von ersten bis zum letzten Schultag nebeneinander gesessen. ( Es gab ja noch jene alten zweisitzigen Schulbänke, die man jetzt nur noch in diversen Heimatmuseen bestaunen kann). Herbert war immer ein „Ass“ im Rechnen, wogegen ich mehr „der edlen Schreibkunst“ zugewandt war. Wir konnten uns also prima ergänzen, und taten es dann oft auch so ausgiebig, daß es der Lehrer nachher merkte. Er kannte ja natürlich unsere Schwächen.

Weiter waren da die Lückeraths Jungen. Der Peter, der Herbert, der August und der Wille. Die anderen, - es gab noch den Rudi und den Josef, die Maria, die Gertrud und die Monika - waren jünger und zu meiner Zeit noch nicht im Schulalter. Die Lückeraths waren eine Großfamilie. Eine so große Kinderschar war auch damals schon eine Rarität. Die Lückeraths Kinder waren meine bevorzugten Spielkameraden. Ich war oft bei ihnen zu Hause und wir haben vieles gemeinsam unternommen. Zum Beispiel die schon erwähnte Fußwanderung nach Schloß Homburg. Die Mutter lebt heute (1996) noch und sie läßt sich mit ihren 90 Jahren noch jeden Sonntag von einem ihrer Söhne in die Kirche zur Messe fahren. Mit ihrer glockenhellen Stimme singt sie jedes Kirchenlied mit. Als Briefträger hatte ich oft Gelegenheit, ein wenig mit ihr zu plaudern, was ich immer gerne tat, denn sie ist eine hochintelligente Frau und wenn sie ihr Recht vertritt, scheut sie  keine auch noch so hohe Behörde und Instanz. Von ihrer großen Lebenserfahrung und der daraus resultierenden Lebensweisheit könnte heute so mancher profitieren.

Der Lückeraths Herbert hatte, - wie auch ich übrigens - Talent zum malen. Er hat diese Begabung später zu seinem Beruf gemacht. Es lag also auf der Hand, daß wir beide wir beide hier stark konkurrierten. Natürlich waren wir die einzigen, welche im Fach zeichnen und werken eine Eins bekamen. Während ich mehr mit Bleistift und Buntstiften experimentierte, machte Herbert schon in Aquarell und auch schon etwas in Öl.

Auf dem Schulweg hatte Herbert die Eigenart, plötzlich stehen zu bleiben und etwas zu betrachten. Ich habe aber nie herausbekommen, um was es sich da nun konkret handelte. Wir anderen waren schon ein gutes Stück weiter, da spurtete der Herbert genau so plötzlich an uns vorbei, - lief ein Stück voraus und das Ganze begann von vorne.

            Dann war da noch der Horst Steimel. Er stellte insofern für uns eine Besonderheit dar, als daß er in unserer Schule der einzige „evangelische“ war. Damit hatte aber keiner von uns Probleme, im Gegenteil: Oft wurde er von uns beneidet. Wenn wir beim Pastor Religion, oder beim Lehrer Bibel hatten, bekam Horst eine Freistunde und durfte auf den Schulhof. Das war zur Sommerzeit schön und gut, wenn auch vielleicht etwas langweilig, so allein auf dem großen Schulhof die Zeit totzuschlagen. Aber im Winter war es doch oft recht unangenehm. Dann blieb Horst auch schon mal in der Klasse sitzen, was seiner evangelischen Seele wohl kaum geschadet hat.

Da sich die nächste evangelische Kirche in Seelscheid befand, war an einen Gottesdienstbesuch am Sonntag für den Horst kaum zu denken, während wir „Katholiken“ am Sonntagmorgen zur Messe und am Sonntagnachmittag zur Andacht gingen. Natürlich alles zu Fuß. Die Messe war obligatorisch und gehörte zum Sonntag. Da gab es keine Diskussion. Aber die Andacht mit der dazu gehörenden „Christenlehre“ war oft, - besonders an einem schönen Sommer-Sonntag-Nachmittag recht lästig für uns Kinder. Mitten im Spiel wurde man oft herausgerissen. Hatte man aber einmal die Andacht „geschwänzt“, riskierte man einiges. Ausgerechnet Montags hatten wir bei unserem Pastor Schiffer Religion. Bevor er mit dem Unterricht überhaupt anfing, stellte er seine unvermeidlichen beiden Hauptfragen: „Wer war am Sonntag nicht in der hl. Messe?“ - „Wer war am Sonntag nicht in der Andacht?“. In der Messe waren so gut wie alle. Aber bei der Andacht gab es immer wieder ein paar „verlorene Schafe“, die unser Pastor sich dann vorknöpfte, wobei er den Missetäter mit seinen bohrenden Fragen einkreiste. Waren die Entschuldigungen nicht zufriedenstellend für ihn, oder wurden sie sogar aufmüpfig vorgebracht, handelte man sich auch schon mal eine schallende Ohrfeige ein. Die Ohrfeigen unseres Pastors waren berüchtigt für ihre Schlagkraft. Seine Finger wurden gerne mit prall gefüllten Bratwürsten verglichen - und sie sahen auch fast so aus.

Im übrigen war er aber ein äußerst umgänglicher und sympathischer Mensch.  Ich kann mit Fug und Recht von mit behaupten, daß mein fest gefügter, christlicher Glaube in hohem Maße auf jene „Samenkörner“ zurückzuführen ist, die Pastor Schiffer in meine kindliche Seele gestreut hat. Dafür werde ich ihm immer dankbar sein.

Mir alledem hatte Horst also nichts zu tun. Trotzdem war er einer von uns. Als nach dem Ende des Krieges für bedürftige Kinder die Schulspeisung eingeführt wurde, gehörte Horst auch zu den Glücklichen, denn seine Eltern hatten keine Landwirtschaft. Den Kakao, den Horst im mitgebrachten „Henkelmann“ transportierte, mochte er nie so richtig, und wir durften diese Köstlichkeit auf dem Heimweg reihum austrinken. -

Ehe ich aber nun mit meinen Erinnerungen aus der Schulzeit fortfahre, muß ich aber noch einiges über unseren damaligen Pastor Schiffer berichten. Leopold Schiffer wurde am 13. März 1890 in Düsseldort-Herdt geboren. Er war vom 9. Dezember 1934 bis zum 30. November 1962 (bis zu seiner Pensionierung) Pfarrer von „St. Johannes Kreuzkapelle“. Er starb am 18. Oktober 1974 an seinem Geburtsort. Dort hatten er und seine Schwester die Jahre ihres Ruhestandes verbracht.

Er hat mich getauft und er hat ebenfalls meine Frau Rita und mich im Jahre 1960 als Brautpaar zusammengeführt. Er war ein Kind seiner Zeit und ein durch und durch frommer Mann, der seinen Beruf sehr ernst nahm. Diese Kriterien kamen dann auch oft, und zum Leidwesen seiner Zuhörer bei seinen Sonntagspredigten zum Tragen. Er hatte nämlich die Angewohnheit, ein Predigt-Thema mindestens zweimal, wenn nicht gar dreimal zu behandeln. Dadurch wurde die Predigt natürlich langatmig und auf die Dauer auch uninteressant.

Einmal, auf die Art seines Predigtstiles angesprochen, meinte Pfarrer Schiffer ganz naiv: „Man muß es den guten Leuten doch ein paarmal sagen, bis sie es richtig begreifen“. Das hört sich nun vielleicht ziemlich arrogant an, so, als wollte unser Pastor damit den „Akademiker“ herauskehren und hätte die in ihrer Bildung etwas zurückgebliebene Landbevölkerung gering geschätzt. Doch damit hätte man ihm allemal bitter Unrecht getan. Ihm ging es in erster Linie darum, das Wort Gottes seiner Zuhörerschaft möglichst authentisch und begreifbar nahe zu bringen.

Sehr bezeichnend für die Korrektheit und Ernsthaftigkeit, mit der er seinen Beruf als Priester ausübte, zeigt folgende kleine Story, über die ich oft in den vergangenen Jahren geschmunzelt habe. Sie wurde mir von Heinz Straßfeld übermittelt, der unserem Pastor viele Jahre als Küster und Organist zur Seite stand. Die beiden bildeten ein unverwechselbares Team. Man könnte es fast mit dem militär-strategischen Ausspruch, (ich glaube, er stammt vom alten Blücher) bezeichnen, - „getrennt marschieren, vereint schlagen“. Die Geschichte aber geht so:

In der Nacht zum 1. Mai wird vor der Altenberger Madonna  im „Bergischen Dom zu Altenberg eine Gebetsnacht gehalten. Nach alter Tradition wird dann in der Morgenfrühe das „Altenberger Licht“ entzündet. Von dort aus nimmt es in einer Stafette seinen Weg zu den einzelnen Pfarreien.

Dieser Brauch wurde in den 20er Jahren von katholischen Jungmännern begründet, als Altenberg zum Zentrum der katholischen Jugend Deutschlands wurde. Sie stifteten Opferkerzen, die das ganze Jahr über vor der Altenberger Mutter-Gottesstatue brannten. Dies trug mit zu dem Bewußtsein bei, in Altenberg ein gemeinsames Zentrum, eine geistige Mitte zu haben - und dies besonders in der Zeit des Nationalsozialismus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Idee auf, von Altenberg aus eine Friedesstafette auszusenden. Im ersten Jahr wurde das Licht als Zeichen des Friedens mit dem Fahrrad von Pfarrei zu Pfarrei weitergegeben und so bis zu den Grenzen der Bundesrepublik gebracht, wo es ausländischen Jugendlichen überreicht wurde. So sollten aus Feinden wieder Freunde werden. Die Lichtstafette wurde nach und nach zu eine festen Brauch und kündete von Zusammengehörigkeitsgefühl und Unterwegssein der katholischen Jugend. -

Es war in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Altenberger Licht hatte wieder in feierlicher Form in unserer Pfarrkirche seinen Einzug gehalten. Dort brannte es nun am Tabernakel, wohlbehüte in er Flamme des Ewigen Lichtes.

Es war ein schöner Frühlingsmorgen im Mai. Heinz Straßfeld, hatte soeben das Gotteshaus betreten, um die Kirche für den sonntäglichen Gottesdienst herzurichten. Sein Blick fiel routinemäßig auf das Ewige Licht, - es war zu seinem großen Schrecken erloschen. Was tun? Zur Lösung dieses Problems hätte es unter normalen Umständen zweifelsohne eines recht einfachen Mittels bedurft. Diese Situation war aber von prekärer Art - handelte es sich hier doch um das Altenberger Licht. Pflichtbewusst eilte unser junger Küster also ins Pastorat, um seinem Dienstherren zu berichten.

Als Pfarrer Schiffer die Schreckensmeldung vernommen hatte, strich dieser sich ganz aufgeregt übers Stoppelhaar. Dann hatte er einen Entschluß gefasst. „Heinrich“, befahl er, - (er sagte immer Heinrich zu ihm) „nimm die Verseh-Laterne, schwing dich auf dein Fahrrad, und fahre nach Marienfeld. Dort bittest du den Pastor Lankes, er möge dir erlauben, aus seiner Kirche die Flamme des Altenberger Lichtes holen zu dürfen“. Gesagt, getan. Unser Küster radelte also, in der einen Hand die Versehlaterne tragend, in Richtung Marienfeld. Unterwegs beschlichen ihn allerdings leise Zweifel, ob man die Sache nicht etwas vereinfachen könnte. Aber rasch wies er solch böse Gedanken mit Entschiedenheit von sich. Bald darauf klopfte er an die Pforte des Marienfelder Pfarrhauses und trug, noch ganz außer Atem, seine Bitte vor.

Pfarrer Lankes schaute den Bittsteller tief und nachdenklich an. Mild lächelnd meinte er sodann: „Jung, habt ihr denn in Kreuzkapelle keine Streichhölzer mehr?“ Unser armer Küster muß hier nun einen ziemlich verdatterten Eindruck gemacht haben. Gleichwohl wurde seiner Bitte schließlich wunschgemäß entsprochen.

Mit Verseh-Laterne, welche jetzt die neuentfachte Flamme des Altenberger Lichtes hütete, aber auch mit zwiespältigen Gefühlen im Herzen radelte unser Küster wieder zurück nach Kreuzkapelle, wo  Pfarrer Schiffer mit großer Erleichterung das „Original“ wieder in Empfang nahm.

Pastor Schiffer war ein einfacher, volkstümlicher Priester, stets mit einem offenen Ohr für alle Belange seiner ihm anvertrauten Gemeinde. Einmal habe ich nach Ende einer Gruppenstunde mit ein paar anderen Jungen geholfen, ein paar Möbelstücke in sein Schlafzimmer zu transportieren, als er uns darum bat. Ich war damals richtig erstaunt, ja schockiert über die spartanische Einfachheit seines Zimmers. Ein einfaches Bett. An der Wand ein großes Kruzifix, davor ein einfacher Betschemel. Ein kleiner Tisch mit einem Stuhl und ein schlichter Kleiderschrank. Ich jedenfalls hatte mir das Schlafzimmer eines Pastors doch etwas luxuriöser vorgestellt.

Der Haushalt wurde von seiner Schwester Maria betreut. Das Pastorshaus, (die Pastorat), wie es üblicherweise genannt wurde, war ein „Haus der offenen Tür“. Niemals kam jemand ungelegen. War zum Beispiel gerade Essenszeit, so war es selbstverständlich, daß gefragt wurde, ob man einen Happen mitessen wollte. Und die Maria konnte gut kochen! Wir Kinder nannten sie immer „Et Pastursch Koch“.

Solche Kriterien sprachen sich natürlich auch in Tippelbrüder-Kreisen schnell herum. So habe ich damals oft erlebt, daß so ein „Wandergeselle“ bei Maria in der Küche saß und eine Mahlzeit einnahm, wenn ich gerade etwas im Pfarrhaus zu erledigen hatte. Für Briefträger und andere Dienstleistende hatte Schiffer immer eine Zigarre vorrätig. Die hatte er hier und da selber geschenkt bekommen. Er verwahrte sie in einer speziellen Zigarrendose auf. Mein späterer Kollege Paul Müller, damals der zuständige Briefträger von Kreuzkapelle, und oft auch „Nutznießer“ dieser Zigarrendose betitelte diese mit dem Ausdruck: „Für Purschten on Brefträjer“ - (Für Handwerksburschen und Briefträger). Immerhin besaßen diese Zigarren eine gewisse Qualität, denn sie waren ja ursprünglich für den Herrn Pastor bestimmt.

Nach Neujahr begann Pastor Schiffer seine Rundreise durch seinen Sprengel. Er besuchte dann alle Familien, unterhielt sich mit ihnen über ihre Sorgen und Nöte, aß bei irgendwem zu Mittag, bekam seinen Nachmittags-Kaffee und wieder anderswo sein Abendbrot. Jede Familie war stolz darauf, wenn sie am anderen Tag erzählen konnte: „Bei uns hat gestern der Pastor gegessen!“ Natürlich machte Schiffer alles zu Fuß.

Er nahm sich täglich ein paar Ortschaften vor. Meistens ergab es sich, das er am Ende eines solchen Rundganges sein Abendbrot bei uns einnahm. Er hatte hier und da im Laufe des Tages wohl auch schon ein paar Schnäpschen gegen die Kälte zu sich genommen. („Man kann es den guten Leuten doch nicht immer abschlagen.“) Mein Vater begleitete ihn anschließend nach Kreuzkapelle, denn es war ja schon dunkel und oft lag Schnee und Eis auf den Wegen. So behielt damals der Pfarrer ständig Kontakt zu seiner Gemeinde. Heute ist so etwas leider undenkbar geworden.

Pastor Schiffer besaß einen Bildprojektor, - für uns Kinder damals eine Attraktion besonderer Art. Dieser Bildwerfer hatte aber wenig mit einem der heutigen Diaprojektoren gemein. Die Bilder befanden sich auf einem mehr oder weniger langen Zelloloidfilm in Schwarz-Weiß. Dieser Film, der sich auf einer Spule befand, wurde nun mit der Hand Bild für Bild an der Lichtquelle vorbei gedreht und mittels verschiedener Vergrößerungslinsen auf eine Leinwand projiziert. Unser Pastor besaß ein große Anzahl dieser Filme alle möglichen Richtungen. Religiöse und weltliche Themen waren in breiter Auswahl vorhanden. Ständig trachtet unser Pastor danach, seine Sammlung zu vergrößern.

Beim Kommunion- oder beim Firmunterricht, bei irgendwelchen Gruppenstunden oder anderen Zusammenkünften, - ständig lagen wir dem Pastor in den Ohren, uns doch wieder ein paar Bilder zu zeigen. Er ließ sich dann auch immer wieder von uns „breit schlagen“.

An der Rückwand des Pfarrsälchens hing ganz oben eine breite zusammengerollte Leinwand. Diese wurde vorsichtig nach unten aufgerollt. Die Projektionsfläche durften wir auf gar keinen Fall mit den Fingern berühren, - sie war mit einer silber-metall-schimmernden Schicht versehen. Darauf achtete Pastor Schiffer immer ganz besonders. Dann betrachteten wir die Bilder und lauschten andächtig den erklärenden Worten unseres Pastors. Für uns war das damals ein sehr interessantes Erlebnis, denn Kino kannten wir ja nicht.

Das Pfarrsälchen war ein Erweiterungsbau des Pfarrhauses und es befand sich an der östlichen Seite. Man erreichte das Sälchen über einen Außentreppe oder durch das Pfarrhaus. Im Sälchen befand sich die Pfarr- oder „Boromäus-Bücherei“ wie sie meistens genannt wurde. Viele kleinere Veranstaltungen unserer Kirchengemeinde fanden hier statt. Am 29. Mai 1928 hat man mit dem Bau begonnen. Wie aus der Pfarrchronik ersichtlich, wurde der gesamte Bau weitgehend durch pfarreigene Kräfte in Eigenleistung errichtet. Mein Großvater hat hier übrigens als Zimmermann mitgewirkt.

Im Pfarrsälchen befand sich auch ein Klavier. Ich glaube, es gehörte Pastor Schiffer, der es der Pfarrgemeinde, - speziell dem Kirchenchor zur Verfügung gestellt. Der Kirchenchor hielt hier auch seine wöchentlichen Proben ab. Unser Pastor setzte sich auch öfters an dieses Klavier und begleitete unseren Gesang. Er erwähnte immer wieder gern, daß er das „absolute Gehör“ besäße, - das heißt, er konnte jeden beliebigen Ton sofort nach seinem Gehör bestimmen. Ob es nun wirklich so war oder ob er sich das nur eingebildet hat, - ich habe es nie erfahren. Sicher war jedenfalls, daß er sehr musikalisch war.

In den letzten Kriegsjahren, als der Strom der Flüchtlinge, Evakuierten und Ausgebombten immer größer wurde, belegte man auch das Pfarrsälchen. Eine Familie Dackweiler aus Brand bei Aachen fand hier Zuflucht. Alle Aktivitäten, wenn sie überhaupt noch stattfanden, und nicht schon längst verboten worden waren, mußten anderswo abgehalten bzw. ganz eingestellt werden. Das war für die Schiffers eine ziemliche Umstellung, auf einmal fremde Leute in ihrem, sonst so beschaulichen Pfarrhaus - aber man arrangierte sich.

Nach seiner Pensionierung ist Pastor Schiffer mit seiner Schwester, wie erwähnt, nach Düsseldorf-Herdt gezogen. Für mich bleibt er im Gedächtnis als der Inbegriff eines Priesters, der es verstanden hat, mit einfachen Worten und einfachem Wesen seiner Gemeinde das Wort Gottes zu vermitteln. Oft ein wenig belächelt und manchmal kritisiert, ist es uns erst nach seinem Weggang, (wie vielfach im Leben) so richtig bewußt geworden, was wir an ihm und durch ihn hatten.

Doch zurück zur Schule. -

Wenn ich über unseren damaligen Schulweg nachdenke, fällt mir immer wieder jener Wintermorgen des Jahres 1942/43 ein. Seit unserer Einschulung am 18.August 1942 waren erst ein paar Monate vergangen, und wir waren noch richtige „I-Dötzchen“. In der Nacht hatte es gut einen halben Meter geschneit. Nach Ansicht meiner Eltern, - besonders meiner Oma! - war an einen Schulbesuch wohl kaum zu denken. Ich protestierte heftig uns hätte mich gern auf den Weg gemacht. Schließlich kam man zu einem Kompromiß: Sollte aus Feld jemand den Weg schaffen, durfte ich mitgehen. Die Wartezeit verstrich und ich begann langsam zu zweifeln. Plötzlich stapfte es an unserer Haustür und der Strunden Herbert stand da im knietiefen Schnee. Schnell hatte ich mich für den Marsch präpariert und wir beide sind dann durch den Pulverschnee zur Schule gepflügt.

Ach ja, auf halber Höhe zur Talsohle stand jenes kleine Wäldchen, welches ich schon an anderer Stelle erwähnt habe. Es wurde in den 50er Jahren abgeholzt, gerodet und planiert. Dieses Wäldchen war an ein heißen Sommertag ein willkommener Rastplatz, wenn wir des Mittags nach Schulschluß den steilen Hang hinaufzogen. Dort ließen wir dann erst einmal unsere Ranzen vom Buckel gleiten und machten es uns unter den schattigen Bäumen bequem. Hier wurden dann auch schon mal die kniffligsten Hausaufgaben besprochen.

Als in den letzten Kriegsjahren die Angriffe von feindlichen Jabo´s (Jagdbomber) immer heftiger wurde, wurde der Schulweg zu einem riskanten Unternehmen. Die Tiefflieger schossen mit ihren Bordkanonen auf alles was sich bewegte. Ganz gleich, ob es sich dabei um Zivilpersonen oder militärische Einrichtungen handelte. Damit hatte Göbbels seinen „totalen Krieg“, den er vollmundig im Berliner Sportpalast heraufbeschworen hatte, während ihm seine verbohrten Parteigenossen begeistert zujubelten.

Wenn wir also nach Schulschluß den schützenden Waldrand erreicht hatten, und das freie Gelände duchqueren mußten, peilten wir erst die Lage. Nachdem kein Motorengeräusch zu vernehmen war, spurteten wir den Hang hinauf und nahmen dann erst einmal Deckung in besagten Wäldchen. Die zweite Etappe unseres Nachhauseweges verlief genau so. Einmal konnten wir von dieser Stelle aus beobachten, wie ein feindliches Flugzeug etwas fallen ließ. Es überschlug sich mehrmals in der Luft und besaß eine nicht zu leugnende Ähnlichkeit mit einer großen Bombe. Wie duckten uns tief und hielten uns ob des zu erwartenden Explosionsknalles die Ohren zu - aber nichts geschah. Eilig rannten wir dann nach Hause. Am anderen Tage pirschten wir uns vorsichtig an diesen Gegenstand heran, der nahe am Schulweg auf dem Acker lag. Es war ein leerer Flugzeug-Benzintank, der beim Aufprall in seiner ganzen Länge von fast 2 Metern seitlich aufgerissen war, und den wir nun ausgiebig und gefahrlos bestaunen konnten.

Ich vergesse auch nicht jenen Tag, an dem ich mich mit meiner Mutter in unserem Garten aufhielt. Wir hatten wohl schon einige hoch kreisende Tiefflieger bemerkt, aber wegen ihrer Höhe kaum beachtet. Im übrigen gab es ja rund um das Gartengelände genug Bäume und Büsche, die uns, wie wir glaubten, ihren Blicken entzog. - Aber das war ein verhängnisvoller Irrtum. Plötzlich raste ein Flugzeug im Tiefflug über uns hinweg. Wir beide ließen uns unter den nahen Fliederstrauch fallen und schon hörten wir das Rattern der Bordkanonen. Ich glaubte damals, in unserer unmittelbaren Nähe die Einschläge der Projektile vernommen zu haben - ich kann mich aber auch bei dem ausgestandenen Schrecken getäuscht haben.

In meinen ersten Schuljahren war bei uns von Kriegshandlungen noch so gut wie nichts zu spüren. Es ist auch nie eine Bombe in der Nähe unserer Schule gefallen. Sie lag ja auch ziemlich versteckt. Trotzdem wurden wir alle von unseren Lehrern in den Schulkeller befohlen, wenn es in der Luft brenzlig aussah. Ich war übrigens der Einzige, der dann seinen Schulranzen mit in den Keller nahm, - sehr zum Spott und Hohn meiner Mitschüler. Selbst mit ihrem durchaus einleuchtenden Argument, daß, wenn uns wirklich eine Bombe voll erwischen täte, nicht nur oben unsere Schulranzen, sondern auch wir unten im Keller dran glauben müßten, ließ mich nicht davon abhalten, das gute Stück samt Inhalt mit in den Schulkeller zu nehmen um dort zusammen mit den anderen zwischen Brikett und allerlei Gerümpel das Ende der Bedrohung abzuwarten.

Unsere beiden Lehrer hießen Theodor Berhausen und Ferdinand Saueressig. Berhausen betreute die Unterklasse (1.-4. Schuljahr). Er war ein Urkölner. Lehrer Saueressig war für die Oberklasse (5.-8. Schuljahr) zuständig. Die Berhausens hatten eine Tochter namens Leopoldine und einen Sohn mit Namen Heinz, der in meinem Alter war. Wir waren oft zusammen und wir waren Freunde. Im Sommer verbrachten wir oft manchen Nachmittag bei mir zu Haus. Heinz brachte dann meistens sein kleines Zwei-Mann-Zelt mit, welches wir aufschlugen und Indianer spielten. Wir beide waren große Verehrer von Karl May. Heinz besaß die gängigsten Bände dieses beliebten Volksschriftstellers, und er hat sie mir nach und nach alle zum Lesen ausgeliehen, leider nicht immer in der richtigen Reihenfolge - aber das wußten wir damals noch nicht. Die fünf Orinentbücher, welche bekanntlich mit „Durch die Wüste“ beginnen und mit „Der Schut“ enden, sowie die drei „Winnetou-Bände“ habe ich mehrfach „verschlungen“. Stundenlang saßen Heinz und ich dann oft im Zelt und wir unterhielten uns über Winnetou und Old Shatterhand, über Kara Ben Nemsi und seinen drolligen Weggefährten Hadschi Halef Omar, dessen ellenlanger Name wir natürlich im Schlaf aufsagen konnten - das war für uns Ehrensache! Unser geheimes Losungswort, daß nur wir beide kannten,stammte aus dem Band „In den Schluchten des Balkan“. Es lautete: „Bir Syrdasch“ - oder so ähnlich, und es bedeutete soviel wie „ein Vertrauter“.

Heinz hatte eine unkomplizierte Art die ich sehr mochte. Er konnte sich schnell für eine neue Idee begeistern und war dann auch sofort Feuer und Flamme. Einmal hatte er einen Riesen-Windvogel, - einen „Drachen“ gebaut. Das Ding hatte völlig überdurchschnittliche Ausmaße und wurde damals von allen Schulkameraden ob seiner Größe bewundert. Man war allerdings auch sehr skeptisch, wie der Vogel überhaupt in die Luft zu bekommen sei. Schließlich kam der Tag des „Jungfernfluges“. Nachdem wir ihn mit „vereinten Kräften“ gegen den Wind einige Meter in die Luft gezogen hatten, brach das gute Stück mittendurch. Heinz hatte die Statik falsch berechnet. Die Latten waren viel zu dünn und auch nicht ausreichend durch Verstrebungen usw. verstärkt und abgesichert. Heinz war sehr enttäuscht. Er hat daraufhin später nie wieder einen Drachen gebaut. Heinz Berhausen ist später mit seinem Motorrad tödlich verunglückt. -

Lehrer Saueressig war ein Mann mit außergewöhnlichen pädagogischen Fähigkeiten, vor dessen Persönlichkeit ich bis heute tiefsten Respekt empfinde. Er war als Lehrer seiner Zeit weit voraus. Seine Autorität brauchte er nicht „mit dem Knüppel in der Hand“ zu dokumentieren. Wenn ich mal wieder die Hausaufgaben oder irgendeine Klassenarbeit mehr oder weniger „dahingeschludert“, - sei es aus Zeitmangel oder Unlust, - und Lehrer Saueressig dann das Ergebnis meines geistigen Unvermögens betrachtet hatte, konnte er mich mit einem langen, wortlosen Blick ansehen, der mehr bewirkte als eine noch so saftige Tracht Prügel. Bei so einem Blick mochte ich am liebsten in den Erdboden versinken und ich nahm mir in diesem Augenblick fest vor, den Lehrer das nächste Mal nicht mehr zu enttäuschen. - Leider blieb dann aber meistens bei dem löblichen Vorsatz.

Lehrer Saueressig hat uns im letzten Schuljahr wie richtige Menschen behandelt. Das klingt jetzt wohl etwas dramatisch und bedarf wohl einiger Erläuterungen: Unsere Kinder- und Jugendzeit war geprägt von Kriterien wie Disziplin, Gehorsam gegen Eltern und Vorgesetzte, Unterordnung und Obrigkeitsdenken. Lehrer und Pastor waren Respektspersonen, deren Anordnungen wir kommentarlos Folge zu leisten hatten.

Während des Unterrichtes redete man nur, wenn man dazu aufgefordert wurde. Dazu stand man auf und stellte sich neben die Bank. Jedes Flüstern untereinander wurde vom Lehrer geahndet. War dem Störenfried nicht verbal beizukommen, wurde er für eine Zeit lang hinter die große Tafel gestellt, oder noch schlimmer, - vor die Tür gesetzt. Bei „ganz schlimmen Vergehen“ gab es natürlich die Prügelstrafe mit der Hand oder mit dem Stock.

Mit dem Stock war Lehrer Berhausen ein wahrer Meister. Vielfach packte er den Deliquenten am Kragen, zerrte ihn aus der Bank und schleppte ihn an´s Lehrerpult. Dort wurde der Unglückliche bäuchlings über die Pultkante gelegt. Mit der einen Hand wurde die Hose schön stramm gezogen und mit der anderen Hand, in der sich ein daumendicker Haselnußstock befand, wurde drauf gedroschen.

Wenn der so bestrafte danach geknicktermaßen wieder seinem Platz zustrebte, ließen sich unschwer die verschiedenartigsten Mentalitäten feststellen. So heulten die einen zum Steinerweichen, wogegen eine andere Spezies mit verkniffenem Gesicht und zusammengebissenen Zähnen einher schritten. Heinz Dahlhäuser, der in allen Lebenslagen „hart im Nehmen“ war, brachte es dann sogar noch fertig, mit einem breiten Grinsen seine Verachtung über Begangenes auszudrücken, was ihm den Respekt der gesamten Klasse eintrug.

Es kam natürlich auch vor, dass der berüchtigte Stock plötzlich verschwunden war. Aber es dauerte nur eine paar Tage, bis ein neuer, noch kräftigerer seinen Platz eingenommen hatte. Waren die Hände nicht mit schreiben beschäftigt, dann hatten sie zusammengefaltet auf dem Pult zu liegen. Saß man etwas nach vorne gebeugt und stützte sich dabei mit den Ellenbogen auf, dann hieß es sofort: „Sitz gerade“. Das Verhältnis Lehrer - Schüler war also sehr distanziert und wurde von furchteinflößendem Respekt bestimmt. Damit hatte man als Lehrer seine Klasse „voll im Griff“. Das Endprodukt einer so geprägten Schulzeit waren dann oft Menschen, die jedweder „Obrigkeit“ mit tiefen „Bücklingen“ ihren untertänigsten Gehorsam entgegenbrachten.

Da wir Deutsche, - und nicht nur wir - die fatale Neigung besitzen, von einem Extrem ins andere zu fallen, sieht es heute in unserem Lande genau umgekehrt aus, was nun auch nicht gerade „das Gelbe vom Ei“ darstellt. Lehrer Saueressig hatte also in unserem Entlassungsschuljahr mit neuen pädagogischen Methoden versucht, uns zu selbständig denkenden und kreativ entscheidenden Menschen zu erziehen. Das war für uns natürlich zuerst einmal ein Schock. Unser Abschluss-Jahrgang bestand aus gut einem Dutzend Jugendlicher. Als erste Maßnahme unseres Lehrers erhielten wir richtige Tische und Stühle. Um diese Tische formierten wir uns nun in Gruppen zu Arbeitsgemeinschaften.

Das beinhaltete natürlich, daß wir nun plötzlich laut miteinander reden durften, - ja mußten. Ohne unseren Lehrer Projekte planen und ausführen konnten. An ein solches Projekt erinnere ich mich noch ganz genau, es handelte von den beiden Deutsch-Amerikanern Schurz und Kinkel, deren Leben wir von allen Seiten beleuchteten und in Wort und Bild darzustellen versuchten.

Dieses letzte halbe Schuljahr hat uns, so glaube ich, mehr gebracht als alle anderen vorher. Um es jedoch gleich vorweg zu nehmen, und ohne die Bemühungen und Leistungen unserer Lehrer schmälern zu wollen, kann ich hier und heute nur folgende Feststellung treffen: Alles, was ich damals in unserer Volksschule gelernt habe, war lesen und schreiben sowie das Kleine Einmaleins. Dazu noch bruchstückhaft noch etwas Geschichte - hauptsächlich die deutsche, - und ein paar Namen von Hauptstädten, die damals relevant waren. Alles andere habe ich mir im späteren Leben selber angeeignet.

Man kann natürlich jetzt behaupten, da war damals wohl auch bei mir eine gute Portion Faulheit im Spiel. Mag sein! Aber wie soll ein junger Mensch bei solch einem „Schul-Betriebsklima“ von knochentrocken dahergeleierten Jahreszahlen, vorhandenen Bodenschätzen, Niederschlagsmengen, Kriegen und Regentschaftszeiten diverser Kaiser und Könige profitieren können. Ich jedenfalls habe erst nach meiner Schulentlassung unsere schöne Welt mit ihren großen Schätzen an Wissen und philosophischem Denken für mich entdeckt und kann selbst heute noch meine Wißbegier kaum zügeln. Ich denke oft, das Leben eines Menschen ist eigentlich viel zu kurz, um alle die vielen interessanten und herrlichen Dinge in der Musik, in der Literatur und in der Kunst auch nur annähernd in sich aufzunehmen und zu verarbeiten.

Doch zurück zur Schule. Unser Schulhof war verhältnismäßig groß. Er war mit einem Belag aus Bergbau-Abraum versehen und er hatte einen Baumbestand von gut einem Dutzend alt-ehrwürdiger Linden. Ein paar Original-Exemplare befinden sich heute noch dort. Wenn sie im Frühsommer in voller Blüte standen, dufteten sie herrlich. Für mich war das - außerhalb des Kalenders - das sichere Zeichen für den baldigen Beginn der langen Sommerferien. Noch heute werde ich daran erinnert, wenn ich zufällig an einer blühenden Linde vorbeigehe und ich dann ihren aromatischen Duft durch die Nase ziehe.

Der Schulhof war durch eine imaginäre Grenzlinie in eine Jungen- und in eine Mädchenseite unterteilt. Sichtbares Zeichen dieser gedachten Linie war das Toilettenhäuschen, welches sich genau in deren Mitte befand. Wir nannten es übrigens „Seck-Kapellchen“. Diesen Ausdruck möge man mir verzeihen, ich muß ihn aber hier wiedergeben, denn kein Mensch wäre damals auf die Idee gekommen, Klosett oder gar Toilette zu sagen außer, man fragte den Lehrer während des Unterrichtes, ob es erlaubt sei, schnell einmal aufs „Kloo“ gehen zu dürfen.

Diese Toilettenanlage war der damaligen Zeit entsprechend einfach. Im Innern stank es - besonders in den heißen Monaten - ziemlich bestialisch. Verirrte sich einmal ein Junge bzw. ein Mädchen auf der falschen Seite des Schulhofes, - z. B. beim Nachlaufen spielen usw. - gab es auf der Gegenseite ein lautes Geschrei, mit der deutlichen Absicht, den gerade aufsichtführenden Lehrer auf dieses „Verbrechen“ aufmerksam zu machen.

Wir Jungen spielten in der großen Pause meistens „Schlagball“. Das war eine sehr vereinfachte Form des bekannten amerikanischen Baseballspieles. Der Ball, (es war ein alter Tennisball) mußte mit einem kräftigen Holzknüppel möglichst weit ins Gelände geschlagen werden. Sobald der Ball sich in der Luft befand, versuchte ein anderes Mitglied dieser Mannschaft, durch schnelles Laufen das „Mal“ zu erreichen. Die Gegner versuchten nun, möglichst frühzeitig in Ballbesitz zu kommen um dann den Läufer „abzuwerfen“.

Da sich mein sportlicher Ehrgeiz damals (bis heute) in Grenzen hielt, hatte ich die Aufgabe übernommen, die fälligen Punkte der einzelnen Mannschaften zu notieren. Später allerdings, als mir das zu langweilig wurde, und ich diesen Posten gern einem anderen Mitschüler überlassen hätte, fand sich kein Nachfolger und ich mußte wohl oder übel selbst weitermachen.

Die Mädchen hatten ihre Ball- oder Abzählspiele. Sie standen aber auch oft in keinen Gruppen zusammen und erzählten sich geheimnisvolle Dinge, - (es sah jedenfalls so aus) - wobei sie immer wieder verstohlen den Jungen-Schulhof anpeilten.

Unterhalb des Schulhofes, - Richtung Birrenbachshöhe - befand sich ein ziemlich steiler Abhang, der in eine Wiese mündete. Diesen Abhang nannten wir aus unerfindlichen Gründen seit jeher „das Casino“. Befand sich jemand unbedachterweise nahe am Casinorand so war es ein beliebtes Spiel, ihn dort hinunter zu stoßen. Hatte sich dann der Unglückliche mit viel Mühe und Not wieder hoch gekrabbelt, ereilte ihn meistens dasselbe Schicksal - bis die anderen die Lust an der Sache verloren hatten.

Später wurde aber auch viel Fußball gespielt. Unser alter Fußball hatte auch schon bessere Tage gesehen und seine Lederhaut war recht dünn geworden. So kam es zu unseren Leidwesen oft genug vor, das er „platt“ war oder das sein „Innenleben“ an einer Stelle herausquoll. Dann brachten wir ihn wieder mal zum Schuhmachermeister Wilhelm Keppler nach Birrenbachshöhe, der das gute Stück kostenlos wieder für uns zusammenflickte.

Eines Tages hatte Herbert die rettende Idee. Nachdem man im Hause Strunden mittels Butter und Speck, (die damalige „Tausch-Währung“ nach Kriegsende), für einen ordentlichen Lappen Schweinsleder gesorgt hatte, machte Herbert sich ans Werk. Zuerst mußte er die einzelnen Lederstücke paßgenau ausschneiden. Dann begann das mühevolle Zusammennähen mit Pechdraht, Geschick und viel Schweiß. So entstand ein neuer Fußball, der, - nachdem er von uns allen gebührend bewundert worden war, - auch den kräftigsten Fußtritten unserer Nagelschuhe standhielt.

Im Stundenplan gab es auch eine Schulstunde mit der Bezeichnung „Leibesübungen“. In der ersten Zeit versuchte Lehrer Saueressig mit uns einige turnerische gymnastische Auflockerungsübungen. Später gehörte diese Stunde aber vollständig dem Fußball, währenddessen die größeren Mädchen bei einer hiesigen Schneiderin einen Näh- und Flick-Kursus absolvierten.

War die Pause zu Ende, dann klatschte unser Lehrer laut in seine Hände. Dieses Geräusch wurde komischerweise immer von uns vernommen, ganz egal, wieviel Krach gerade auf unserem Schulhof herrschte. Blitzschnell stellten wir uns dann vor der Treppe an der zweiflügeligen Eingangstür auf. Die Mädchen zuerst, die Jungen zuletzt. Und auf ging’s in wohlgeordnetem Schritt zu den einzelnen Klassenzimmern.

In jedem der beiden Klassenzimmer waren je vier Schuljahre untergebracht. Wir bekamen also vier Jahre lang praktisch denselben Unterrichtsstoff vorgesetzt und waren manchmal aktiv - meistens aber passiv am Unterricht beteiligt. Von einem effektiven, konzentrierten Lernen konnte hier schon mal von vorne herein keine Rede sein. Dadurch habe ich z. B. so manches Gedicht „der Großen“ ungewollt, - und nicht zu meinem Schaden - mitgelernt.

Nachdem der Lehrer den Klassenraum betreten hatte, standen wir auf und stellten uns neben unsere Schulbank. Bis Kriegsende mußten wir dann die Hand „zum Deutschen Gruß“ erheben und dazu die bekannte Grußformel sagen, die ich danach nie wieder in den Mund genommen habe und auch hier nicht wiedergeben werde.

Unsere Lehrer waren wohl beide Mitglied in der NSDAP = (National-Sozialistische-Deutsche-Arbeiter-Partei). Sie waren „in der Partei“ - wie man es damals ausdrückte. Das war aber bei beiden mehr berufsbedingt, denn ohne die Mitgliedschaft hätten sie, im Zuge der Gleichschaltung damals, wohl schwerlich den Lehrerberuf noch ausüben dürfen.

Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, von den beiden jemals irgendwelche Nazi-Parolen gehört zu haben, bzw. daß sie während oder außerhalb des Unterrichts durch bestimmte Redewendungen ihre Sympathie für das Hitler-Regime zum Ausdruck gebracht hätten.

Allerdings hüteten sie sich auch davor, Kritik laut werden zu lassen, was wiederum menschlich verständlich ist, denn nicht jeder war damals zum Helden geboren. Einmal jedoch habe ich Lehrer Berhausen erlebt, wie er auf eine Aktion, die ihm wohl vom damaligen Mucher Bürgermeister und SA-Mitglied Hamecher diktiert worden war, mit Widerwillen und abfälligen Bemerkungen reagierte, sie aber dann gezwungenermaßen dann doch ausführen mußte, wobei ich, - wie sich später herausstellen sollte, sein aufgestauter Frust zu spüren bekam.

Diese Story habe ich ja bereits im vorigen Kapitel angekündigt: Im Steimels Saal zu Wohlfarth hatte damals eine Abteilung „SS“, - (das waren waren Elite-Einheiten und glühende Verfechter des Nazi-Regims) - einquartiert.

Nun wurden alle Eltern der Schulkinder aufgefordert, einen Kuchen zu backen. Diesen Kuchen hatten wie Kinder anderntags mit zur Schule zu bringen, und wir marschierten nun, - den Kuchen unter dem Arm, nach Wohlfarth, um ihn dort den SS-Leuten zu übergeben.

Meine Mutter war zuerst ziemlich wütend über dieses Ansinnen. Auf mein intensives Bitten hin, und wohl auch, um irgendwelche Repressalien zu vermeiden, fügte sie sich schließlich. Ich erinnere mich noch gut, es war ein kleiner, rechteckiger Sandkuchen und sie hatte die kleinste Kuchenform genommen, die sie im Hause finden konnte.

Auf dem Rückweg von Wohlfarth zur Schule, - wir marschierten in Zweier-Reihen im Gänsemarsch, - passierte es, daß der Hehs Paul, (er wanderte hinter mir), mir so aus Spaß und Dollerei in mein Hinterteil trat. Das hatte Lehrer Berhausen nicht gesehen. Als ich mich aber umdrehte, um Paul mit gleicher Münze heimzuzahlen, wie man so sagt, - das hatte er gesehen.

Sofort ließ er halten und in seinem typisch kölschen Tonfall rief er: „ Eckehard, - (er sagte nie Eckhard) - komm emal eraus da!“ Dann packte er mich mit einem gekonnte, (weil oft geübtem) Griff am Kragen, legte mich über einen zufällig in der Nähe stehenden „Prellstein“ (Straßenbegrenzungs-Stein) und verabreichte mir mit seinem schweren Spatzierstock einen gehörige Tracht Prügel.

Später habe ich oft darüber nachgedacht und bin zu dem Ergebnis gekommen, daß ich für Lehrer Berhausen in diesem Augenblick so was wie eine Art „Blitzableiter“ war, denn nie zuvor hatte ich, - und auch später während meiner ganzen Schulzeit habe ich je wieder mit dem Stock eines Lehrers Bekanntschaft gemacht. Ich glaube sogar, diese „Strafaktion“ hat ihm in der Folgezeit richtig leid getan, denn er hat mich danach wochenlang „wie ein rohes Ei“ behandelt. Den SS-Typen, die im Grunde den ganzen Schlamassel schuld waren, habe ich das aber nie vergessen!

Nach Kriegsende hatten unsere Lehrer durch ihre Partei-Mitgliedschaft allerdings erst einmal Schwierigkeiten und bekamen, bis zu ihrer „Entnazifizierung“ Berufsverbot. Ich bin überzeugt, daß die positiven Zeugenaussagen vieler namhafter und politisch unbescholtene Bürger aus unserer Gemeinde hat sie vor weiteren Repressalien bzw. einer Haftstrafe bewahrt.

Als Lehrer Saueressig zum Kriegsdienst eingezogen wurde, - (Lehrer Berhausen brauchte wegen einer Gehbehinderung nicht Soldat zu werden), bekamen wir es mit immer neuen Lehrpersonen zu tun. Von kontinuierlichem Vorwärtsschreiten im Unterrichtsstoff konnte da natürlich keine Rede mehr sein.

Ein „Ersatzlehrer“ aus dieser Zeit, - er hieß mit Nachnamen Kiel, - ist mir aber sehr in Erinnerung geblieben. Nicht allein deshalb, weil er mit uns einen sehr lockeren und kameradschaftlichen Umgang pflegte, sondern, weil er zu Beginn des Unterrichtes nach dem obligatorischen „Gruß“ immer einige Sätze aus dem christlichen Gedankengut vortrug, was damals natürlich streng verpönt war. Die Kreuze, welche damals wie heute in jedem Klassenraum hingen, waren durch die „braunen Horden“ ja schon längst entfernt worden. Dieser Lehrer Kiel hat auch während der Unterrichtsstunden immer wieder Themen zur Sprache gebracht, die, - wie mein kindlicher Geist damals schon ziemlich klar registriert hat, - niemals mit den Nazi-Parolen übereinstimmen konnten und was mir auch damals schon zu denken gab.

Lehrer Kiel ist nicht lange bei uns geblieben und es wurde so einiges gemunkelt. Wir Kinder, wie auch unsere Eltern hatten ja keine Ahnung, welch schreckliche Dinge mit Regime-Gegnern passierte. Sicher, es müssen jede Menge Gerüchte unter den Erwachsenen im Umlauf gewesen sein, aber niemand wagte, sie laut auszusprechen, um nicht vom gleichen Schicksal ereilt zu werden. Nach dem Krieg wurde dann der „Gruß“ durch ein einfaches „Guten Morgen, Herr Lehrer“ ersetzt, worauf sich ein kurzes Gebet daran anschloß.

Die beiden Klassenräume im Erdgechoß und im ersten Stock glichen sich aufs Haar. Links von uns, in Sitzrichtung, ließen die überdimensionalen Fenster genügend Licht einfallen. Allerdings wurde es nach rechts, - zum 7. und 8. Schuljahr hin etwas dunkler. Im Winter kam es dadurch manchmal vor, daß in der ersten Stunde das elektrische Licht in Form von zwei mickrigen Glühbirnen eingeschaltet wurde. Das war aber die große Ausnahme. Ansonsten wurde Strom gespart.

Wir saßen zu je zwei Kindern in einer Doppelbank. Davor befand sich das abgeschrägte Schreibpult, unter diesem ein Fach für den Schulranzen. Am oberen Rand des Pultes war eine Vertiefung, in welche ein Tintenbehälter aus Porzellan eingelassen war. Dieser Behälter war immer mit Tinte gefüllt. Er wurde durch eine Blechklappe verschlossen. Man schrieb ja damals durchweg noch mit einem Federhalter mit Stahlfeder. Erst später kamen die praktischen Tintenfüller ins Spiel.

Schreibpult und Sitzbank bildeten eine festverbundene Einheit. Ihre Größe war in etwa den einzelnen Schuljahren angepaßt. Es gab vier Reihen solcher Tisch- Bank-Kombinationen, für jedes Schuljahr eine Reihe. Meistens ergab es sich, daß alle Kinder eines bestimmten Jahrganges in einer Reihe Platz fanden. Natürlich saßen „Mädchen bei Mädchen“ und „Jungen bei Jungen“. Das war Gesetz und wurde strikt durchgehalten, selbst dann, wenn z. B. ein Mädchen und ein Junge allein in je einer Doppelbank sitzen mußte, - wobei sie, um Platz zu sparen, in so einem Fall doch gut hätten nebeneinander sitzen können.

Einmal allerdings war es unvermeidlich geworden, es gab keine andere Lösung: Ein Mädchen und ein Junge mußten sich wohl oder übel eine Bank teilen. Die Wahl fiel, - wie konnte es anders sein, - auf mich, da von mir ja, als „sanftmütig“ bekannt, kaum Protest zu erwarten war. Und so habe ich eine Zeit lang mit der Utsch Margret aus Birrenbachshöhe zusammen eine Schulbank gedrückt. Zuerst war mir das unheimlich peinlich, später hätte es dann aber aus meiner Sicht ruhig so bleiben können.

Direkt vor diesen 4 Reihen stand das Pult des Lehrers. Links davon die große Schultafel. Sie stand auf einer Art Staffelei wie sie Maler beim malen ihrer Bilder benutzen, - natürlich größer. War die Rückseite der Tafel gefragt, dann mußten sie zwei kräftige Jungen umdrehen.

Hinter dem Lehrerpult stand der mächtige Ofen. Er wurde in den Wintermonaten mit Holz und Brikett oder Kohlen befeuert. Das Anfeuern besorgte Elisabeth Pick aus Groß-Oberholz, - Bei groß und klein wurde sie „et Pecks Lisa“ genannt. Sie war unverheiratet und sie war auch im Leben unserer Kirchengemeinde aktiv. Unter anderem hat sie lange Jahre die damals sehr beliebte Missions-Zeitschrift „Stadt Gottes“ zu den einzelnen Familien gebracht. Die Stadt Gottes gehörte einfach dazu. Jung und alt freuten sich jeden Monat auf das neue Exemplar. Hier standen herrliche Kurzgeschichten, Haushaltstips und Kochrezepte. Natürlich wurden auch Glaubensdinge und Nachrichten aus den Missionen veröffentlicht.

Irgendwer, - ich glaube, es war der Berhausens Heinz, hatte der Lisa den Beinamen: „Parplöh“ (Parapluie = Regenschirm) gegeben, denn, ob Sommer oder Winter, auch bei schönstem Sonnenschein, nie sah man die Lisa ohne Regenschirm. Wenn Lisa aber einmal krank war, was auch schon mal vorkam, oder wenn sie sich verschlafen hatte, blieb der Ofen naturgemäß kalt, was meistens erst knapp vor Unterrichtsbeginn vom Lehrer bemerkt wurde, denn es gab ja noch kein Telefon, womit Lisa den Lehrer hätte benachrichtigen können. Wir saßen dann in Mänteln und Jacken da, bis der verspätet in Aktion getretene Ofen endlich genug Wärme abgab.

Als das Brennmaterial in den letzten Kriegsjahren immer rarer wurde, mußte jedes Kind morgens ein Brikett oder eine Holzscheite mit zur Schule bringen, denn der große Ofen war unersättlich und konnte schon eine Menge Heizmaterial verschlucken.

Der Unterricht begann Sommer wie Winter morgens um 8,00 Uhr und er endete um 13,00 Uhr, - es sei denn, wir bekamen an einem heißen Sommertag hitzefrei. Dann durften wir eine Stunde früher nach Hause gehen.

Um 10,00 Uhr war die große Pause und die dauerte eine viertel Stunde. Um 12,00 Uhr gab es nochmals eine kleine Pause von 5 Minuten. Jede Stunde war ein anderes Fach an der Reihe. Neben den Elementarfächern legten unsere Lehrer, besonders Lehrer Saueressig vielen Wert auf das Erlernen von Gedichten und Balladen, von denen ich, - wenn auch oft leider nur bruchstückhaft - noch viele im Kopf habe. Bei passender Gelegenheit kommen sie mir immer wieder in den Sinn und ich rezitiere dann die einzelnen Strophen gerne so vor mich hin, wobei mir auch schon mal eine Träne ins Auge steigt, denn diese alte und doch ewig junge Lyrik ist oft so voll Poesie und Herzenswärme. Ach, hätte ich sie doch damals besser in mein Gedächtnis eingeprägt. Einige Mitschüler hatten ihr „Standard-Gedicht“ welches sie immer wieder, sozusagen als Auflockerung der Unterrichtsstunde aufsagen mußten. So war Anita Knorr für den „Schatzgräber“ von Goethe zuständig und Ilse Jasch, die fast profihaft rezitieren konnte, hatte „Der Knabe im Moor“ von Droste-Hülshoff im Repertoire. Ich bekam vom Lehrer den ehrenvollen Auftrag, - wie konnte es anders sein, - den „Getreuen Ekkhart“ von Goethe auswendig zu lernen, was ich auch mit Mühe und Not schaffte. Als ich mich dann aber vor die Klasse stellen mußte, um das Werk vorzutragen, blieb ich schon bei der dritten oder vierten Strophe stecken, vom Lampenfieber überwältigt. Der Lehrer erkannte mein Handikap und erlöste mich von dieser Strapaze, - ich brauchte es nie wieder aufzusagen.

Zum Beginn oder am Ende einer Schulstunde, besonders natürlich in der Musikstunde wurden Volks- und Wanderlieder gesungen und eingeübt. Lehrer Saueressig hatte ein besonderes Faible für die alten Wanderlieder. Diese Lieder gehören zum Kulturgut unseres Volkes. Viele jungen Leute rümpfen heute die Nase, wenn sie diese alten Melodien hören. Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass man diese Lieder in vielen Jahren noch singen wird, wenn die heutige Schlager- und Popmusik schon längst in Vergessenheit geraten ist. Ja, ich ahne eine irgendwann eine neue „Nostalgie-Welle“ voraus, in der diese alten Volkslieder von einer neuen Generation wiederentdeckt und gesungen werden.

Lehrer Nischan, - auch ein Ersatzlehrer und von kolerischer Natur, hatte in Sachen Musik ziemlich hochgestochene Ambitionen. So hatte er z.B. in wochenlanger, für Lehrer und Schüler nervenaufreibender Arbeit mit der gesamten Oberklasse den Chorsatz „Die Himmel rühmen“ von L.v.Beethoven eingeprobt. Wir haben dieses anspruchsvolle Stück, welches auch für „gestandene“ Männerchöre seine Schwierigkeiten besitzt, nach dem Martinszug im Saale Steimel in Wohlfarth den Eltern und den anderen Mitschülern zu Gehör gebracht.

Lehrer Nischan hatte uns angedroht, er würde jeden windelweich schlagen, den er beim Falschsingen erwischte. Diese Drohung muß bei uns wohl tiefgreifende Wirkung erzielt haben, denn der Vortrag klappte großartig. Für mich ist es bis heute immer noch ein Rätsel, wie der Mann das damals mit uns fertig gebracht hat, da wir doch über keinerlei Notenkentnisse verfügten. Als ich dann später Mitglied im MGV Wohlfarth wurde, und wir dieses Stück in Probe nahmen, konnte ich es natürlich bereits „im Schlaf“ mitsingen.

Im Sommer 1946 muß es gewesen sein, als wir zum ersten Mal „auf große Fahrt“ gingen. Es war eine Tagestour nach Königswinter und hinauf zum Drachenfels. Es war übrigens das erste Mal in meinem Leben, daß ich eine Eisenbahn zu Gesicht bekam, bzw. mit ihr fahren durfte.

Zuerst ging es aber im Fußmarsch nach Felderhoferbrücke, (heute Bröleck) zur Bahnstation des Brölbähnchens - einer Schmalspurbahn. Man nannte sie auch scherzhaft den „feurigen Elias“. Witzbolde hatten einmal an eine Waggontür geschrieben: „Blumenpflücken während der Fahrt verboten“, - sie war halt nicht die schnellste.

Wir wurden aus Platzgründen in einen leeren Viehwaggon geladen. Der hatte natürlich keine Fenster und so bekamen wir bis Hennef nichts von der Welt zu sehen. In Hennef an der Sieg, wie es sich nannte, stiegen wir dann in einen „richtigen“ Zug, der uns bis zu unserem Ziel brachte.

Nachdem wir zum berühmten Drachenfels hinaufgeklettert waren und die dortigen Sehenswürdigkeiten in Augenschein genommen hatten, - einschließlich des gräßlichen, in Stein gemeißelten riesigen Drachen, - machten wir es uns nach dem Abstieg am Rhein gemütlich, packten unsere Rucksäcke aus und aßen die, von unseren Eltern sorgsam eingepackten Futteralien.

Ich erinnere mich noch ziemlich deutlich daran, daß ich nebst einem Stoß gut belegter Butterbrote auch ein paar gekochte Eier und ein großes Glas Kartoffelsalat in meinem Rucksack vorfand. („Dä Jong moß doch satt werden“ wird meine Oma gesagt haben). Den Kartoffelsalat habe ich dann zu meinem großen Bedauern und zur allgemeinen Erheiterung meiner Schulkameraden in den Rhein gekippt. Er war nämlich in der vorherrschenden Sommerhitze inzwischen sauer geworden. Wie und wann wir unsere Rückreise angetreten haben, ist mir leider entfallen.

Lehrer Saueressig war ein sportbegeisterter Mann, der viel von Bewegung an der frischen Luft hielt. So schickte er uns auch dann in der Pause auf den Schulhof, wenn das Wetter nicht gerade nach unserem Geschmack war, z.B. wenn es regnete und wir uns gerne in der Klasse die Zeit vertrieben hätten.

Er machte auch des öfteren mit uns einen Waldlauf, bei dem ich regelmäßig aus der Puste geriet und regelmäßig ein heftiges Seitenstechen bekam. Wenn der Lehrer das bemerkte, durfte ich pausieren und wartete dann, bis die anderen ihre Runde gedreht hatten.

Wir unternahmen auch oft Wanderungen in die nähere Umgebung. So war jedes Jahr einmal ein Besuch des „Schwedenkreuz“ fällig. Das Schwedenkreuz stammt aus der Zeit des 30jährigen Krieges und es steht ziemlich versteckt am waldigen Abhang des „Köhscheid“, eines Waldgebietes auf der gegenüberliegenden Seite der Ortschaft Köbach.

Das Material des Kreuzes ist aus hiesiger Grauwacke und es wirkt etwas klobig. Es ist ck. 50 x 50 cm in seiner Höhe und Breite und es ragt ungefähr 70 cm aus dem schräg abfallenden Waldboden. Man sagt, es sei früher höher gewesen. Vielleicht ist es im Laufe der Jahrhunderte immer tiefer im Waldboden versunken. Auf seiner Vorderseite sind die beiden Buchstaben „A D“ und die Jahreszahl „1637“ eingemeißelt.

Übrigens gibt es in der Nähe des Schwedenkreuzes bis heute noch einige riesige Ameisenhügel mit einem Radius von mehreren Metern. Es sind die bei uns sehr selten gewordenen großen roten Wald-Ameisen, die dort nun schon seit meiner Kindheit ihr Domizil errichtet haben. Willi Tüschenbönner erzählte mir, als er damals noch als Jagdhüter sein Revier durchstreifte, und ihn ein Schnupfen befallen hatte, habe er sein Taschentuch in so einen Ameisenhaufen gesteckt. Am anderen Tage habe das Tuch, welches inzwischen tüchtig mit Ameisensäure durchtränkt worden war, wieder hervorgeholt und sich damit seine Triefnase geschneuzt. Und der Schnupfen war weg!

Doch zurück zum Schwedenkreuz. Es ist wohl eines der wenigen Zeugnisse aus der Zeit des 30jährigen Krieges, welches wir in unserer Heimat besitzen, und es ranken sich etliche Geschichten um seine Entstehung. Die wohl glaubwürdigste will ich hier wiedergeben. Wilhelm Balensiefer aus Köbach und Wilhelm Steimel aus Oberhausen haben sie mir beide, unabhängig voneinander, aber ziemlich gleichlautend erzählt, und sie geht folgendermaßen:

Zwischen der Ortschaft Köbach und den gegenüberliegenden Waldhängen des „Köscheid“ ziehen sich saftige Wiesengründe durch das Tal, welches von einem kleinen Bach durchflossen wird. Hier in diesem Wiesengelände waren also im Sommer des Jahres 1637 einige Bauern aus Köbach bei der Heuernte. Da die Zeiten unruhig waren und man jederzeit mit plündernden und marodierenden Landsknechten rechen mußte, wurden die Vorderlader-Gewehre immer griffbereit gehalten.

Plötzlich muß wohl einen Bewegung in den Baumwipfeln des nahen Waldes ihre Aufmerksamkeit in Anspruch genommen haben und bei näherem Hinsehen entdeckten sie einen Mann, welcher durch seine bunte Gewandung unschwer als Soldat zu erkennen war. Dieser war auf einen Baum geklettert und beobachtete von dort aus die Umgebung.

Die Leute aus Köbach hatte sofort den Verdacht, daß es sich hier nur um jemand handeln konnte, der in feindlicher Absicht das Dorf auskundschaften wollte um es dann später mit seiner Truppe zu überfallen. Man schoß auf ihn worauf der Mann tödlich getroffen, vom Baum herunterfiel.

Nun eilte man zu der Stelle und stellte mit großem Entsetzen fest, daß es sich bei dem Getöteten um einen jungen Mann aus Köbach handelte, der wohl des aufgezwungenen Kriegsdienstes überdrüssig geworden, in seinen Heimat zurückgekehrt war. Um zu sehen, ob „die Luft rein war“ von Soldaten des eigenen Heeres wie auch derer des Feindes, war er auf einen Baum geklettert. Er hatte dabei wohl nicht damit gerechnet, daß ihn die eigenen Freude und Nachbarn für einen feindlichen Soldaten halten würden. Die Dorfbewohner errichteten an dieser Stelle ein Kreuz, welches bis heute an den tragischen Unglücksfall erinnert.

Ich finde die Geschichte deshalb glaubwürdig, weil man dieses Kreuz wohl kaum beim Tode eines feindlichen Schweden errichtet hätte. Es muß  wohl etwas sehr gravierendes geschehen sein, daß man sich damals die Mühe gemacht hat, an diesem unzugänglichen Berghang ein steinernes Kreuz zu errichten. Das es mit dem 30jährigen Krieg zu tun haben muß, geht aus der Bezeichnung „Schwedenkreuz“ hervor, die es bis zum heutigen Tage trägt.

Doch zurück zur Schule. –

In den Sommermonaten machte Lehrer Saueressig während der Turnstunde oft eine ausgedehnte Wanderung mit uns ins nahe Waldgelände. Beim marschieren erklangen dann die alten Fahrtenlieder, die wir in der Musikstunde gelernt hatten. Unser Lehrer nahm einen solchen Ausflug ins Grüne meist zum Anlaß, uns die heimische Natur und ihre Gegebenheiten etwas näher zu bringen.

Da wurden die Namen der einzelnen Gräser genannt. Wir lernten die verschiedenen Bäume an der Form ihren Blätter und an Wuchs des Stammes erkennen und bestimmen. Vogelarten und Tiere aus Wald und Feld brachte uns der Lehrer nahe und ließ sie von uns beobachten. Das war Unterricht nach meinem Geschmack. Ich habe vieles aus jenen Stunden für mein späteres Leben mitgenommen.

Manchmal gab es für die Jungen  auch schon mal ein Geländespiel, landläufig mit „Räuber und Schanditz“ bezeichnet. - (Räuber und Gendarm). Das verlief nach ziemlich einfachen Regeln, machte uns allen aber immer riesigen Spaß. Die zahlenmäßig größere Gruppe waren die „Räuber“ und die hatten sich im Gelände zu „verkrümeln“. Der anderen, wesentlich kleinere Gruppe, - den „Gendarmen“ wurden nun die schwierige Aufgabe zuteil, die sich versteckt haltenden oder umherschleichenden „Räuber“ wieder einzufangen. Das war oft richtig spannend. Manchmal kam es aber auch vor, das sich so ein „Räuber“ noch lange nach Schulschluß im Walde herumtrieb, weil er den „im Eifer des Gefechtes“ nicht mitbekommen hatte, und sich seine Kameraden schon längst auf dem Heimweg befanden.

Die Sommermonate in meiner Kindheit dauerten ewig lange, - jedenfalls hatten wir damals als Kinder diesen Eindruck. Am schönsten daran waren natürlich die Sommerferien. Da wurden schon viele Wochen vorher eifrig Pläne geschmiedet, welche Dinge man in diesen herrlichen schulfreien Wochen gemeinsam zu unternehmen gedächte. Natürlich blieb man zu Hause. In den Urlaub zu fahren, wie es ja heute gang und gebe ist, war damals bei uns völlig unbekannt. Wenn es hoch kam, verbracht man als Kind schon mal ein paar Tage oder die eine oder andere Woche bei Verwandten in der Nähe oder in der Stadt.

Ich für meinen Teil blieb aber liebe in heimischen Gefilden. Das lag nicht zuletzt an meiner angeborenen Schüchternheit. Ich tat mich damals ziemlich schwer in fremder Umgebung und wenn es auch bei Tante und Onkel war, die ich von vielen Besuchen her bestens kannte, und wovon, - wie bereits erwähnt,- eine reiche Auswahl vorhanden war.

Umgekehrt war ich aber immer hocherfreut, wenn jemand aus meiner großen Vettern- und Cousinenschar ein paar Ferienwochen bei uns verbrachte, was eigentlich alljährlich so üblich war. Ich hatte dann einen Spielgefährten ganz für mich allein, was damals nicht ganz unwesentlich war, wenn man sich die strengen Aufsichtsmethoden meiner Oma, - wie eingangs beschrieben,- ins Gedächtnis zurückruft.

Die Sommermonate waren damals durchweg sonnig, trocken und heiß. Ab und zu gab es mal ein kräftiges Gewitter, danach war es dann aber auch wieder schön. So konnten wir uns den ganzen Tag draußen vergnügen, wenn nicht gerade - was natürlich des öfteren vorkam, - helfen in der Landwirtschaft angesagt war.

Bevorzugtes Spielgelände war der nahe Wald - der „Rokenbusch“. Hier errichteten wir, meistens schon bei Ferienanfang aus alten Brettern, Strauchwerk und Laub eine Hütte (unseren Zweitwohnsitz) in der wir dann manche Stunden verbrachten. Sie wurde immer wieder vergrößert (modernisiert) und ausgebessert, was besonders nach einem kräftigen Gewitterregen vonnöten war.

Als dann nach Kriegsende die Indianer- und Cowboy-Romantik aus Amerika zu uns herüberschwappte, die ersten Wildwestfilme in den Kinos liefen und wir Jungen mit heißen Ohren die Hefte von „Thom Mix“, „Thom Prox“ und „Billy Jenkins“ verschlangen, wurde unser Domizil im Wald zu einem Indianerlager umfunktioniert. Aus Vaters altem Hutbestand suchten wir uns die passenden Stücke heraus und bearbeiteten sie so lange, bis sie eine gewisse Ähnlichkeit mit den Cowboyhüten unserer Helden hatten.

In mühevollster Kleinarbeit wurde aus einem Stück Holz ein Wildwest-Cold zu Recht geschnitzt, der an einem Gürtel hing. So ausstaffiert, durchstreiften wir den Wald (die Prärie) wobei es hi und da „zwangsläufig“ zu einer handfesten Schießerei kam indem man mit dem Colt auf den Gegner zielte und durch ein laut gerufenes „Peng“ zu erkennen gab, daß man auf ihn geschossen hatte. Dieser hatte selbstverständlich daraufhin mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammenzubrechen.

Als nach dem Tode meiner Mutter die Frau Bohlen mit ihrem Sohn Erwin bei uns einzog, um uns den Haushalt zu führen, hatte ich in Erwin einen neuen Spielgefährten. Zu uns stieß dann noch Karl-Heinz Siebertz aus dem Nachbarort Oberhausen, den es mangels eines dortigen Spielgefährten zu uns herüber geschlagen hatte.

Wir drei bildeten bald ein unzertrennliches Team, wobei ich als der ältere natürlicherweise das Kommando führte. Leider war meine freie Zeit damals ziemlich knapp bemessen, denn nach Schulschluß und Hausaufgaben mußte ich mit zunehmendem Alter meinem Vater im Stall und auf dem Feld zur Hand gehen.

Trotzdem verbrachten wir drei so manche Stunde zusammen im Gelände, währenddessen bei Karl-Heinz eine ausgeprägte Beobachtungsgabe zum Vorschein kam. Auf unseren Streifzügen konnte er einen Hasen, ein Reh oder einen bestimmten Vogel schon auf große Entfernung und im dichtesten Unterholz ausmachen und erkennen, wobei der Erwin und ich ahnungslos vorbei getappt wären. Karl-Heinz war ein guter Spielkamerad und wir verstanden uns prächtig. Ich kann mich nicht daran erinnern, daß es jemals zu größeren Streitereien zwischen uns gekommen ist. Wenn er sich dann am Abend auf den Heimweg machte, und die Dunkelheit schon hereingebrochen war, habe ich ihn immer noch ein stückwegs begleitet. Dabei redeten wir über den vergangenen Tag und machten auch bereits Pläne für den folgenden. Aber auch der längste Sommer geht einmal zu Ende und mit ihm die großen Ferien.

Im Herbst gab es sozusagen als „Nachschlag“ eine Woche „Kartoffelferien“. Sie waren hauptsächlich dazu ausersehen, unseren Eltern, - wenn gewünscht und erforderlich - auch den Nachbarn im Dorf bei der Kartoffelernte zu helfen. Anfang Dezember wurde es gewöhnlich frostig kalt und so um die Mitte des Monats begann es oft auch schon zu schneien. Die Schneedecke hielt meistens bis Anfang März. Ein halber Meter Schnee war ganz normal. Man wußte das, rechnete damit und hatte sich dafür eingerichtet. Die haltbar gemachten Lebensmittel waren im Keller untergebracht. Im Schuppen lag der Holzvorrat und ein paar Zentner Brikett. Und so konnte es getrost Winter werden.

          Der Schulweg war nach dem ersten Schneefall anstrengend. Es dauerte ein paar Tage, bis man einen schmalen Pfad ausgetreten hatte. Man hatte „Bahn gemacht“. Trotzdem war der Winter für uns Kinder ein sehr willkommener Gast. Brachte er uns doch mit Schnee und Eis unzählige neue Möglichkeiten der Zerstreuung. Zuerst wurde natürlich der obligate Schneemann gebaut. Man konnte ihn damals fast vor jedem Haus bewundern und man wetteiferte natürlich darum, wer das größte und schönste Exemplar zustande brachte. Manchmal tat man sich auch zusammen und baute eine „Riesen-Dorfschneemann“. Auf dem Schulhof durfte er selbstverständlich auch nicht fehlen. Die ganze Pause über wurde an ihm gewerkelt. Oft mußte die Arbeit am nächsten Tag fortgesetzt werden. Schneeballschlachten gehörten zum täglichen Bedarf. Sehr beliebt war es auch, auf heimtückische Art und Weise aus dem Hinterhalt den Mädchen-Schulhof mit Schneebällen zu bombardieren. Durch lautes Kreischen machte man dort den Lehrer auf unsere Untaten aufmerksam worauf dieser mit strengen Worten dann das ganze Unternehmen stoppte.

          Manchmal wurden die beiden letzten Schulstunden gestrichen. Statt dessen war Schlittenfahren angesagt. Das war tags zuvor von unserem Lehrer verkündet worden und so hatte jeder seinen Schlitten mit zur Schule gebracht. Der steil abfallende Schulweg aus Richtung Birrenbachshöhe eignete sich vorzüglich für eine rasante Abfahrt. Der nachfolgende Wiederaufstieg gestaltete sich dementsprechend mühevoll. Das nahm man aber gern in Kauf.

Im Rokenbusch gibt es bis heute einige alte Lehmkuhlen, die damals entstanden sind als man dort nach dem reichlich vorhandenen Lehm grub um ihn beim Bau der Fachwerkhäuser zu verwenden. Ab dem Spätherbst füllten sich diese Kuhlen damals wie heute mit Regenwasser. Nach der ersten Frostperiode verwandelten sie sich in eine spiegelglatte Eisfläche. Nach einem kräftigen Anlauf schlitterten wir mit unseren Nagelschuhen über das Eis. Schlittschuhe waren eine Rarität für uns. Kam man bei so einer Rutschpartie zu Fall, was öfter vorkam, denn es ragten überall dürre Äste und Baumstümpfe aus der Eisfläche, konnte das ungemein wehtun, denn Eis gibt ja bekanntlich nicht nach. So machten wir nach Schulschluß an den Wintertagen oft noch einen kleinen Abstecher zu den Lehmkuhlen um „Bahn zu hauen“, wie wir das nannten.

Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien wurde es dann in unserem Klassenzimmer richtig feierlich. Wir sangen Weihnachtslieder und es wurden Gedichte vorgetragen. Sehr beliebt war auch das Vorlesen von Märchen. Wochenlang vorher war ein Krippenspiel einstudiert worden welches nun zur Aufführung gelangte. Ich erinnere mich noch gut an eine solche Aufführung in unserer Oberklasse. Die Kinder der Unterklasse waren ebenfalls zu uns heraufgekommen um sich das Geschehen mit anzusehen. Mit einiger Phantasie konnte man sich in unseren beiden großen, ineinander geschobenen Schultafeln den Stall von Bethlehem vorstellen.

Ganz gegensätzlich zu meinem angeborenen gutmütigen Naturell hatte ich den hartherzigen Hauswirt zu spielen, der das Heilige Paar in der Person von Herbert Strunden und Margret Utsch mit schroffen Worten abzuweisen hatte, was mir total gegen den Strich ging, ich aber laut „Drehbuch“ nun einmal ausführen mußte.

Dann wurden wir in die Weihnachtsferien entlassen und es begann für uns die geheimnisvolle Zeit. Die meisten von uns „glaubten“ ja noch an das Christkind, wenn auch hier und da schon die ersten Zweifel im Entstehen waren. Der Krieg war noch weit entfernt und für uns Kinder nur durch allerlei Kriegspielzeug und einschlägige Bilderbücher gegenwärtig. Auf dem Gabentisch waren daher auch überwiegend Panzer, Kanonen, Flugzeuge und Zinnsoldaten vertreten. Auch ich besaß von dieser Spezies ein reichhaltiges Sortiment. Das Prachtstück meiner Sammlung war außer der obligaten Ritterburg eine „Me109“ aus Blech. Man konnte das kleine Flugzeug in seine Einzelteile auseinandernehmen und wieder zusammenbauen.

Während im strengen Winter 1942/43 im fernen Stalingrad mehr als eine Million russische, rumänische, italienische, ungarische, österreichische und deutsche Soldaten fielen, erfroren und verhungerten und von den 260.000 Eingeschlossenen der 6.Armee des Generalfeldmarschal Paulus 91.000 in Gefangenschaft gerieten, aus der später nur noch 6000 in die Heimat zurückkehrten, hatten wir Kinder von alle dem natürlich keine, oder nur eine sehr geringe Ahnung. Stalingrad war der Anfang vom Ende der Nazi-Herrschaft und des Krieges, der aber fast noch drei schreckliche Jahre dauern sollte.

Als dann die feindlichen Bombenflugzeuge auch über der Landbevölkerung ihre tödliche Last abzuwerfen begannen und die ersten Flüchtlingstreks aus den Ostgebieten unsere Heimat erreichten, war auch für uns Kinder der Krieg zur bitteren Wirklichkeit geworden.

Eines Morgens im Spätherbst 1944 blickten wir auf unserem Schulhof in neue Gesichter. Es waren die ersten Flüchtlingskinder, die wir zu Gesicht bekamen und sie wurden dementsprechend in gebührender Weise von uns bestaunt. Viele von ihnen kamen barfuß daher. Offenbar waren sie das gewohnt, denn das Laufen mit ihren nackten Füßen auf dem rauhen Boden unseres Schulhofes machte ihnen scheinbar wenig aus, wobei uns schon vom Zuschauen die Füße schmerzten. Fremdartig klang auch ihre Sprache für unsere Ohren und wenn wir, wie üblich, platt mit ihnen redeten, verstanden sie kaum ein Wort.

Alle Neuankömmlinge fanden aber irgendwie Platz in unseren Klassenräumen und bald gehörten sie zu uns als ob wir uns schon Lebtags gekannt hätten. Ich kann mich in keiner Weise daran erinnern, daß wir jemals Unterschiede zwischen ihnen und uns gegeben hätte, weder beim Unterricht noch beim spielen. Wir Kinder waren da wohl unkomplizierter als viele Erwachsene. Im Übrigen stellten die neuen Schulkameraden eine natürliche Bereicherung in unserem ansonsten doch etwas eintönigen Dasein dar.

Sie kamen aus West- und Ostpreußen, später dann auch aus den Gebieten von Pommern und Schlesien. Das waren Landschaften, die wir nur vage aus dem Unterricht kannten. Sie hätten genauso gut auf einem anderen Stern liegen können. Plötzlich hatte unsere kleine, überschaubare Welt ganz neue Dimensionen bekommen. Die meisten von ihnen waren mit ihren Müttern geflohen. Der Vater befand sich im Krieg, in Gefangenschaft oder vielleicht sogar tot. Was diese Frauen mit ihren halbwüchsigen Kindern auf der langen Flucht, zum Teil in den strengen Wintermonaten durchgemacht hatten, muß unbeschreiblich gewesen sein.

Ich sehe noch den kleinen Erusch vor mir. Eigentlich hieß er Ernst. Wir nannten ihn „Marianka“, nach einem damals geläufigen Schlager, den Erusch oft und gern, - und sehr melodisch vor sich her sang. Barfuß, ein wenig zerzaust, war er für uns ein Phänomen schlechthin. So schoß er mit seiner „Fletsch“ (Schleuder) nach Lust und Laune jeden Spatz vom Baum. Seine bevorzugtesten Ziele waren die Porzellan-Isolatoren hoch an den Telefonmasten, die er reihenweise „abknallte“.

Die besagte „Fletsch“ bestand aus einer kleinen Astgabel, an der zwei Gummistreifen befestigt waren, die wiederum parallel zu einem Lederstück führten. In diese Lederstück legte man einen Kieselstein, zog den Gummi stramm und schleuderte den Kiesel ins Ziel. Der Gummi bestand aus Einmachringen, wie man sie zum Abdichten der Weckgläser verwendet. Profis besaßen dagegen Gummistreifen die aus echten Autoschläuchen geschnitten waren. Sie hatten einen hohen Preis und man bekam sie nur durch Beziehungen unter der Hand. Der Besitz einer solchen „Waffe“ war natürlich strengstens verboten und unser Lehrer konfiszierte sie rücksichtslos, wenn er einer solchen habhaft werden konnte, natürlich mit der dazugehörigen Strafe in Form einer saftigen Tracht Prügel. Aber das schreckte wenig, man baute halt wieder eine neue.

Auch unser Dorf bekam Flüchtlingsfamilien zugeteilt. Bei den Söntgeraths zog eine Mutter mit ihren beiden Kindern, einem Jungen und einem Mädchen ein. Ihre Heimat war Pommern. Axel, so hieß der Sohn war in meinem Alter und er wurde bald mein Spielkamerad.

Dann zog noch eine Mutter mit ihren vier Kinder in das baufällige Haus oberhalb Beckers ein. Sie waren aus Ostpreußen geflüchtet. Der älteste Sohn Hans war geistig etwas zurückgeblieben. Auf der Flucht waren ihm an beiden Füßen die Zehen erfroren und sie mußten amputiert werden. Irgendwann hat er wohl den Weg zu uns gefunden und natürlich versorgte ihn meine Oma mit ein paar gut belegten Butterbroten, die Hans mit Heißhunger verzehrte. Später kam er dann regelmäßig zu uns, wobei er stets einen großen Bogen durch die Felder einschlug, um seinen Geschwistern nicht den Ort seiner Sättigung zu verraten. Wie er uns erzählte, nahmen diese ihm sofort alles eßbare ab, was er von den mitleidigen Dorfbewohnern erhielt. Später gab ihm meine Mutter ab und zu einen Korb Nahrungsmittel für seine Familie mit auf den Heimweg.

Im Gegensatz zu dieser, in äußerster Armut lebenden Familie gehörten wir ja mit unseren beiden Milchkühen, unserem Garten und unserem Stück Land zu den Begüterten. Ich weiß nicht, wie viele hungrige Mäuler meine Oma in jener Zeit mit ihren „legendären“ Butterbroten gestopft hat. Noch heute sehe ich die beiden Flüchtlingsmädchen Brunhilde und Liselotte, - sie hatten mit ihrer Mutter Unterkunft im Nachbarort Oberhausen gefunden, - an unserem Küchenfenster stehen und meine Oma reichte ihnen ein paar frisch geschmierte Butterbrote heraus. Das ereignete sich ein paarmal die Woche, wahrscheinlich sprach sich so etwas herum.

Der Strom von Flüchtlingen aus den Ostgebieten und den fliegergeschädigten Obdachlosen aus den Großstädten hielt an und wurde stärker. Wer noch ein Zimmer oder eine Kammer zur Verfügung stellen konnte, nahm eine Flüchtlingsfamilie bei sich auf. Eine für heutige Verhältnisse unvorstellbare Solidarität kam zum tragen. Das wenige, das man selber noch besaß, wurde mit denen geteilt, die alles verloren hatten. Die immer mehr um sich greifende egoistische Lebensweise, die ich auf vielerlei Wegen immer wieder auf daß heftigste bekämpfe und anprangere, hatte damals noch keinen Einfluß gewonnen. Im dörflichen Leben war man ja von jeher aufeinander angewiesen, und so fiel es den meisten nicht schwer, Solidarität zu üben und zu teilen.

Im Sommer 1941 wurde auch mein Vater zur Wehrmacht eingezogen. Er hatte Glück, denn er kam - wohl wegen seines Alters - nicht an die Front. Man kommandierte ihn nach Schwelm in Westfalen. Dort befand sich ein Kriegsgefangenenlager und er wurde zur Bewachung der französischen Kriegsgefangenen abgestellt. Natürlich wurde zwischen Bewachern und Gefangenen auf strengste Distanz geachtet, und der private und persönliche Kontakt war dem Wachpersonal nachdrücklich verboten.

Natürlich hielt sich mein Vater nicht an diese Vorschrift, was für jeden, der ihn kannte, nicht verwunderlich war. So war er bei den Franzosen bald sehr beliebt. Diese erhielten aus ihrer Heimat oft Pakete mit Lebensmittel und allerlei Leckereien. Deren Inhalt wurde ihnen aber erst nach peinlich genauer Kontrolle übergeben. Mein Vater hat später mehrfach erzählt, wie sehr er sich geschämt habe, wenn er einen liebevoll gebackenen Kuchen oder eine Tafel Schokolade rücksichtslos mit seinem Messer zerteilen mußte um nach verbotenen Dingen Ausschau zu halten.

Als die Gefangenen mitbekommen hatten, das er einen Sohn zu Hause hatte, bekam er oft Schokolade und Süßigkeiten zugesteckt, die er alsdann verbotenerweise per Feldpost zu uns nach Hause schickte. Ich erinnere mich noch gut an jene köstliche Tafel Blockschokolade, die mir so herrlich geschmeckt hat und die es in dieser Qualität bei uns schon lange nicht mehr zu kaufen gab.

Besonders in Frankreich erfährt die Hl. Theresia von Lisieux (1873-1897) große Verehrung. So schenkte ein französischer Kriegsgefangener meinem Vater eine kleine Bernsteinkapsel. Sie enthält neben dem Bild der Heiligen einen in Gold gefaßten kleinen Holzsplitter aus deren Sterbezimmer. Ich besitze dieses Kleinod noch heute und es gehört zu meinen wertvollsten Erinnerungsstücken aus der damaligen Zeit. Außerdem hat mich das kurze Leben der heiligen Theresia vom Kinde Jesu, wie sie sich nach Eintritt in den Karmel von Lisieux nannte, seither immer wieder fasziniert und ich bin inzwischen ein großer Verehrer von ihr geworden. Vielleicht ist dies kleine Bernsteinkapsel daran schuld!

Wie mein Vater es fertig gebracht hat, trotz aller Verbote so gute Kontakte mit den Gefangenen zu unterhalten, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben. Wahrscheinlich lag es an seiner unkomplizierten, menschlichen Art, mit denen er seinen Mitmenschen begegnete und mit denen er sich über alle Schranken, politischer oder gesellschaftlicher Art - auch in den späteren Jahren - hinwegsetzte. In gewisser Weise war mein Vater ein Träumer, - einer von der Sorte, welche die Bäume als das betrachten, was sie sind und die es nicht interessiert, was man aus ihnen herstellen kann. Er hatte sich sein eigenes Weltbild zu Recht gezimmert, wobei er zwangsläufig immer wieder mit konventionellen Ansichten und Methoden auf Kollisionskurs geriet.

Hätte sich sein Wunsch, Musik zu studieren, erfüllt, so wäre er bestimmt glücklicher geworden, obschon das Leben eines Musikers, - damals wie heute - vom rein materialistisch-finanziellen Standpunkt aus betrachtet, eher auf schwankendem Boden steht. Aber damit hatte mein Vater sowieso wenig am Hute. Hätte man ihn wählen lassen zwischen einem lukrativen Geschäft mit hohem Gewinnanteil und seiner Geige oder Gitarre, er hätte seine geliebte Geige genommen, sie sich unters Kinn geklemmt, ein Lied gespielt und das Geschäft sausen lassen. Da bin ich mir bis heute ganz sicher.

Doch zurück nach Schwelm. Hier lernte mein Vater bald eine musikbegeisterte Familie kennen. Die junge Frau - sie hieß Olga -, spielte Klavier. Es befand sich auch eine Geige im Haus und so musizierte mein Vater nach Dienstschluß abends oft gemeinsam mit ihnen zusammen im Kreise der Familienmitglieder. Olga hat uns später ein paarmal besucht. Bei der Gelegenheit brachte sie mir ein kleines Instrument mit. Es war ein Mittelding zwischen einer Blockflöte und einer Klarinette. Jedenfalls spielte ich bald richtige Lieder darauf.

So hatte es mein Vater eigentlich recht gut angetroffen, doch das Schicksal schlägt bekanntlich oft unvermutet eine Richtung ein, die wir freiwillig so niemals akzeptieren würden. Im Rückblick erweist sich jedoch eingeschlagenen Kurs meistens als logisch und richtig.

Ein Geschwür am Zwölffingerdarm hatte meinem Vater schon lange zu schaffen gemacht. Hier in Schwelm nun geschah es, das dieses Geschwür aufbrach, so daß sich der gesamte Mageninhalt in die Bauchhöhle ergoß. Er hatte Glück im Unglück, denn man brachte ihn rasch in’s nahe Krankenhaus. Wäre ihm das zu Hause passiert, dann wäre er wohl mit ziemlicher Sicherheit qualvoll gestorben. Aber es war so auch schlimm genug. Ich vergesse nie den Abend, als meine Mutter weinend am Tisch saß und meine Oma sie zu trösten versuchte. Sie hatte meinen Vater im Krankenhaus besucht und es stand wohl nicht sehr gut um ihn.

Schließlich wurde er aber wieder gesund und im Frühjahr 1942, nach seiner Genesung, wurde er als „wehrmachtsunfähig“ entlassen. Nach Hause zurückgekehrt, wurde er „kriegsverpflichtet“, das heißt, ab sofort hatte er in einem Rüstungsbetrieb zu arbeiten. Es gab in Allner bei Hennef eine kleine Fabrik, in der man kriegswichtige Dinge herstellte. Hier meldete sich mein Vater und er hat dort bis gegen Ende des Krieges gearbeitet. Dort im Betrieb wurde er als „kranker Mann“ behandelt - wie er später oft mit verschmitztem Lächeln erzählte. Man besorgte ihm einen Stuhl, wogegen die anderen bei der Arbeit stehen mußten. Zu Hause aß er gerne das körnige Schwarzbrot. Im Betrieb nahm er dagegen fleißig Weißbrot und Milchsuppe zu sich, um hier nicht aufzufallen.

Einmal zitierte man ihn zu einer Kontroll-Untersuchung nach Siegburg. Als er dem dortigen Stabsarzt dann jedoch mit Leichenbittermine von seinen Übeln berichtet habe, - so erzählte mein Vater später -, hätte dieser mit lauter Stimme gebrüllt: „Weiter wehrmachtsunfähig!“ Aus den Erzählungen meines Vaters hörte man unschwer heraus, daß er sich in Allner sehr wohl gefühlt haben muß. Schließlich wurde dadurch die Haushaltskasse ja auch um einiges aufgebessert. Doch nun zurück zu meiner Geschichte.

Der Krieg rückte immer näher. Von den schrecklichen Fliegerangriffen, wie sie auf die Städte tagtäglich niedergingen, blieben wir weitgehend verschont. Hier und da verirrte sich einmal eine Bombe in unser Gelände ohne merklichen Schaden anzurichten. Ich vergesse nie jenen Wintertag. Es lag tiefer Schnee. Meine Mutter und ich standen vor unserer Haustür um die feindlichen Bomber zu beobachten. Diese hatten ihre tödliche Last bereits über Köln oder Bonn abgeworfen und sie befanden sich nun auf ihrem Rückflug nach England, wie wir aus der eingeschlagenen Flugrichtung ersehen konnten. Sie waren deshalb auch für uns völlig ungefährlich - wie wir irrtümlicherweise annahmen.

Plötzlich erschütterte die Luft eine gewaltige Explosion und ich sehe es noch heute vor mir, wie im vor uns liegenden Rokenbusch dicke Eichenstämme wie Streichhölzer durch die Luft purzelten und riesige Erdfontänen in den Himmel schossen. Dann erreichte uns die Druckwelle und schleuderte meine Mutter und mich bis zur rückwärtigen Wand.

Als wir und anderntags zur Abwurfstelle im Wald begaben, entdeckten wir drei bis vier große Bombentrichter. Sie sind - inzwischen mit Wasser gefüllt -, heute noch erkennbar. Warum diese Flieger ihre restlichen Bomben damals ausgerechnet über diesem unbewohnten Waldgebiet abgeworfen haben, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben. Hätte der Abwurf sich nur um ein paar Sekunden verzögert, wäre halb Birrenbachshöhe in Schutt und Asche versunken. Wahrscheinlich war hier ein Feindflugzeug durch einen Flak-Treffer beschädigt worden und ließ nun durch einen „Notabwurf“ den Rest seinen Bomben fallen.

Normalerweise wurde unser Raum nur von feindlichen Fliegerverbänden in großer Höhe überflogen. Dicht gezielte Bombenabwürfe auf großräumigen Flächen, wie in den Städten, erfolgten hier nicht. Es war ja auch keine Industrie vorhanden, die es zu vernichten galt. Trotzdem war die Furcht vor Bomben natürlich immer bei uns vorhanden. Abends, wenn die Lichter angingen, wurden zuallererst die Fensterläden geschlossen, wobei mein Vater meistens noch einen Rundgang ums Haus machte, um zu kontrollieren, ob auch ja kein verräterischer Lichtschimmer nach draußen fiel. Es gab da auch dickes, schwarzes Papier zu kaufen, sogenanntes „Verdunklungspapier“, mit denen man die Fenster ohne Außenläden von innen abdunkeln konnte.

Nach Einbruch der Dunkelheit stand ich mit meinen Eltern oft an unserem Garten. Von dort aus hatte man eine gute Fernsicht in westlicher Richtung. Hier konnte man das Spiel der Scheinwerfer beobachten. Die hellen Streifen ihrer Lichter tasteten wie überlange Finger den Nachthimmel nach feindlichen Flugzeugen ab. Oft beobachteten wir auch die sogenannten „Christbäume“ am nächtlichen Himmel. Sie schwebten in dichten Knäueln langsam zur Erde und sie hatten für den Betrachter das Aussehen eines, mit bunten Kugeln geschmückten Weihnachtsbaumes. Für die Einwohner von Köln und Umgebung waren sie dagegen weniger romantisch. Diese „Christbäume“ waren farbige Magnesiumkerzen, welche von sogenannten „Pfadfindern“ abgeworfen wurden und an kleinen Fallschirmchen zu Boden schwebten. Sie markierten so den nachfolgenden Bomberverbänden die einzelnen Abwurfstellen für deren tödliche Last.

Der 28. Dezember 1944 war wohl der schwärzeste Tag in der Geschichte der Stadt Siegburg. In einem Großangriff, der nur 5 Minuten dauerte, (genau von 13,05 - 13,10 Uhr) fielen 360 Sprengbomben und viele Phosphor-Brandbomben. Es gab 74 Tote und 250 Verletzte. Am 29.12.1944 ereilte Troisdorf ein ähnliches Schicksal. Vorher hatte man die Einwohner durch Flugblätter gewarnt und in zusätzliche Angst und Schrecken versetzt. Ich erinnere mich noch an ein solches Flugblatt, auf dem die der Marktplatz von Siegburg mit der Abtei auf dem Michelsberg abgebildet war - und ich habe mich damals gewundert, woher die Engländer oder Amerikaner eine solche deutliche Aufnahme der Stadt her hätten. Es stand darauf zu lesen: „Siegburg unter den Linden, wir werden dich doch finden!“

Natürlich war es streng verboten, ein solches Flugblatt zu lesen oder gar weiterzugeben. Fand man ein solches, hatte man es sofort zu vernichten oder bei der zuständigen Behörden abzuliefern. Für uns Kinder hatte es natürlich seinen besonderen Reiz, dieses vom Himmel gefallenen, und oft mit interessanten Bildern bedruckte Papier aufzuheben und zu sammeln. Jeder von uns besaß einen Packen davon. Ebenfalls sammelten wir auch sogenanntes „Lametta“. Das waren Staniolstreifen, die von den feindlichen Fliegern abgeworfen wurden, um die deutschen Radarstationen zu irritieren. Einmal stand ich vor unserer Stalltür, als mir ein solcher Staniolknäuel langsam vom Himmel, direkt vor die Füße schwebte.

Während an der Front und in den Städten die Menschen litten und starben, erlebten wir Kinder damals den Krieg eher als eine Art Abenteuer. Das bekamen wir ja auch überall auf ganz raffinierte Art und Weise vorgegaukelt. Ich besaß z. B. große bunte Bilderbücher, in denen man die Heldentaten unserer Wehrmacht glorifizierte. Die feindlichen Soldaten hatten stets abstoßende Gesichter und sie waren natürlich auch immer die Unterlegenen.

Kriegsspielzeug trug ebenfalls dazu bei, uns als zukünftige Soldaten die kommenden Dinge „schmackhaft“ zu machen. Viele Jungen meines Alters besaßen damals auch eine komplette Soldatenausrüstung, bei der eigentlich nur noch das Gewehr fehlte. Angefangen mit der Feldflasche über den Brotbeutel, das Koppel, die Patronentasche, das Seitengewehr (kurzes Bajonett, es wurde für den „Nahkampf“ am Gewehrlauf befestigt - „aufgepflanzt“), die Gasmaske, der Stahlhelm bis hin zu diversen Patronen wie Leuchtspur-Munition und ganzen Magazinen mit Gewehrmunition. Wir brachen die spitzen Projektile mit einer Zange aus der Patronenhülse und schütteten das darin enthaltene Schießpulver aus. Das wurde dann aus sicherer Entfernung angezündet und es gab eine kräftige Stichflamme. Mir der Patronenhülse verfuhr man anschließend folgendermaßen: Man spannte sie in einen Schraubstock und dann wurde mittels Hammer und Nagel auf die Zündkappe geschlagen. Dabei entstand ein kurzer, scharfer Knall. Die überaus große Gefährlichkeit unserer Aktivitäten war uns dabei wohl kaum bewußt. Immer wieder kam es dabei auch hier und da zu Unfällen. Unsere Eltern und Lehrer durften von unserem Tun natürlich überhaupt nichts wissen, wir wären sonst - und zu Recht -, hart bestraft worden.

Natürlich besaßen wir auch jede Menge Orden und Ehrenzeichen. Sie wurden fleißig gesammelt und getauscht. Jeder Orden hatte da bei uns seinen bestimmten Wert. Alle diese Dinge fanden wir, besonders in den letzten Kriegstagen, zuhauf in den nahen Wäldern. Sie waren dort von den hier lagernden oder durchziehenden Soldaten liegengelassen oder einfach weggeworfen worden. Hatten wir Wehrmachtsangehörige im Quartier, blieb auch schon mal das eine oder andere Teil liegen oder wurden schlichtweg vergessen. Manchmal halfen auch ein paar Bitten und wir Kinder bekamen die erwünschten Dinge - natürlich keine gefährlichen Gegenstände oder gar Munition. So erinnere ich mich noch sehr gut, einmal eine „MP“ (eine Maschinenpistole) besessen zu haben. Gott sei Dank fehlte die passende Munition. Wer weiß, was ich sonst damit für Unheil angerichtet hätte. Ich habe sie später für andere Dinge des militärischen Bereiches „eingehandelt“, die für mich wohl von größerem Interesse waren.

Einmal wurde ein komplett bestückter Sanitätskoffer in unserem Hause deponiert, mit der Versicherung, in später wieder abzuholen, wozu es aber nie gekommen ist. Meine Eltern haben also die große, weiße Blechkiste mit dem aufgemalten roten Kreuz treu und brav aufbewahrt, bis ich mich dann eines Tages neugierig über deren Inhalt hermachte. Außer Verbandszeug und Mullbinden, Fläschchen und Tuben gab es auch einige medizinische Gerätschaften wie Stethoskop, Fiebermesser, Spritzen und Metallschienen, wie man sie bei Knochenbrüchen verwendet.

Eines Abends saß ein Soldat bei uns am Tisch, der - wie sich später herausstellte -, Sanitätsarzt war und dem es an allen medizinischen Hilfsmitteln fehlte. Als dieser nun den Inhalt des Blechkoffers sah, den ich unbedarfterweise als Spielzeug benutzte, machte er große Augen. Ich erinnere mich noch gut, daß meine Eltern mich richtig darum gebeten haben, dem Soldaten diese Sachen zu überlassen, was ich damals sehr ungern getan habe. Warum sie mir das Ganze nicht einfach weggenommen haben, und mich erst noch fragten - was eigentlich nicht die Art war -, ist mir bis heute schleierhaft geblieben. Der Arzt war jedenfalls hocherfreut und es ist mir noch in guter Erinnerung, daß er sich tausendmal bei uns bedankte, als er weiterzog.

Bevor eine Soldateneinheit, welche sich entweder auf dem Vormarsch - meistens jedoch auf dem Rückzug befand -, in einem Dorf für ein paar Tage Unterkunft beanspruchte, wurden sogenannte „Quartiermacher“ vorausgeschickt, die zu erkundigen hatten, wie viele Unterbringungsmöglichkeiten jeweils vorhanden waren. So erinnere ich mich, daß eines Abends zwei Soldaten in schwarzer Uniform bei uns am Tisch saßen. Das berüchtigte „Totenkopf-Emblem“ an ihrer Uniform ließ sie unschwer als „SS-Leute“ erkennen und ich spürte damals als Kind ziemlich gut diese gespannte, furchtdurchsetzte und gedrückte Atmosphäre in unserer Stube. Meine Eltern behandelten die beiden wie „rohe Eier“. Jedes Wort wurde „auf die Goldwaage“ gelegt und wir hatten wohl auch Angst, daß meine Oma wieder einmal ihre mehr als negative Meinung über die Nazis zum besten geben würde, was aber Gott sei Dank nicht geschah. Mit Bangen erwarteten wir nun in den nächsten Tagen die angekündigte SS-Abteilung, die aber zur großen Erleichterung meiner Eltern nie gekommen ist.

Es kam der Sommer 1944. Ich erinnere mich noch gut an jenen sonnigen Sonntagnachmittag. Die Andacht in unserer Pfarrkirche St. Johannes in Kreuzkapelle war zu Ende und wir Kinder befanden uns nun auf dem Heimweg. Plötzlich klang dröhnender Motorenlärm an unsere Ohren und eine lange, ziemlich buntgewürfelte Kolonne der verschiedensten Militärfahrzeuge kroch langsam, aus dem Wahnbachtal kommend, die Straße hoch. Wegen des akuten Benzinmangels, der inzwischen allenthalben herrschte, waren die meisten Fahrzeuge aneinander gekoppelt. An der Spitze des zog der schwere „Büssing“, welcher später lange Zeit für uns Oberholzer Kinder eine zentrale Rolle spielen sollte. Als weitere Zugmaschinen fungierten zwei Raupenschlepper. Wie wir später erfuhren, wurden sie im Soldatenjargon einfach „RSO“ (Raupenschepper Ost) genannt. Für die Entstehung dieses Namens gab es, wie wir später von den Soldaten erfuhren, zwei Versionen: Entweder stammte der Ausdruck von ihrem Einsatz an der winterlichen, unwegsamen Ostfront oder, was wohl zutreffender war, sie waren als Beutegut der russischen Armee von der deutschen Wehrmacht für gut befunden und im Reich nachgebaut worden. Es waren Kettenfahrzeuge und sie ähnelten einem kleinen Panzer. Sie fuhren mit Rohöl (wie man den Diesel-Treibstoff damals nannte) Er war noch in kleinen Mengen vorhanden wogegen das Benzin längst schon zur Mangelware geworden war.

Zu Hause angekommen, bemerkten wir gleich im nahen Rockenbusch das Getöse und den Motorenlärm. Natürlich begaben wir uns sofort an den Ort des Geschehens und stellten mit Begeisterung fest, daß die Kolonne im Begriff stand, sich hier häuslich niederzulassen. Das war es ja, worauf wir Jungen eigentlich die ganze Zeit gewartet hatten - endlich „Krieg zum Anfassen“ direkt vor unserer Haustür. Unsere Eltern waren da weniger begeistert, denn sie dachten realistisch und sie machten sich berechtigterweise große Sorgen über eventuelle feindliche Fliegerangriffe, falls diese das Waldlager entdecken sollten.

Doch die Soldaten sorgten schon um ihrer eigenen Sicherheit willen für ausreichende Tarnung ihrer Fahrzeuge gegen Feindeinsicht aus der Luft. Alle Fahrzeuge und Geräte wurden mit Tarnnetzen überspannt und unter dichtem Laubwerk versteckt. Zur Abteilung gehörte auch eine „Vierlings-Flak“ und sie diente, wie der Name schon sagt, der Flugabwehr (Flak = Flugabwehrkanone). Diese Geschütz besaß vier Rohre, aus denen gleichzeitig geschossen werden konnte. Meines Wissens ist die Kanone bei uns aber nie zum Einsatz gekommen.

Der Chef der Truppe stand im Range eines Schirrmeisters. Ich glaube, so betitelte man den befehlshabenden Offizier einer Kfz-Abteilung. Ich persönlich bezog den Ausdruck auf den spiegelblank geputzten Schirm seiner Dienstmütze. Aber auch sonst steckte dieser Mann in einer tadellosen Uniform, was unserer bilderbuchgeprägten kindlichen Phantasie vom Aussehen eines richtigen deutschen Soldaten durchaus entsprach, wogegen der übrige Haufen einen eher etwas lotterhaften und heruntergekommenen Eindruck auf uns machte. Die deutsche Wehrmacht war halt in Auflösung begriffen und jeder sah mehr oder weniger, wo er blieb.

Die Truppe nahm nun in den umliegenden Ortschaften Quartier. Bei uns zogen auch zwei Soldaten ein und sie machten es sich in unserem bekannten „Fremdenzimmer“ bequem. Verpflegung erhielten die beiden wie alle anderen aus ihrer Feldküche. Das war natürlich bei uns kein Thema, denn sie gehörten nach ein paar Tagen zur Familie und aßen mit uns zusammen dasjenige, was auf den Tisch kam. Den „Fraß“ aus der Feldküche - und ich bezeichne ihn bewußt als solchen -, bekam unser Schwein, daß sich seinerseits hocherfreut über die willkommene Abwechslung im Speiseplan genüßlich darüber hermachte und dabei bestimmt ein paar Kilo zugenommen hat. Das Feldküchenessen bestand hauptsächlich aus dicken, pappig zusammengeklumpten Nudeln, und das täglich - wochenlang! Ich sehe sie heute noch so richtig vor mir: diese vielen Behältnisse in unserem Stall, angefüllt mit dieser unaussprechlichen, weißen Pampe. Neugierig habe ich einmal davon gekostet, dann aber sehr schnell die Finger davon gelassen, obwohl mir ansonsten alles Essbare auswärtiger Kochkunst durchaus willkommen war. Unsere neuen Mitbewohner brachten dann später auch noch die verschmähten Portionen ihrer Kameraden mit, und unser Schwein freute sich. Den Namen des einen Soldaten habe ich noch gut behalten, er hieß Bodo, einen für uns fremdartig klingenden Namen, weshalb ihn meine Oma auch immer „Boto“ nannte.

Für uns Kinder gab es natürlich ab sofort nur noch ein Thema. Nach Schule und Hausaufgaben ging es zu den Soldaten in den Rockenbusch. Die Feldarbeit war weitgehend zum Erliegen gekommen, da die ständige Gefahr von Jabos (Jagdbomber) immer größer wurde. Die feindlichen Tiefflieger waren ja ab dem Spätsommer 1944 „alleinige Herrscher“ in der Luft. Die deutsche Lufthoheit, von welcher der „Dicke Hermann“ (Hermann Göring) immer geprahlt hatte, war total zusammengebrochen, entweder zerstört durch feindliche Jäger und Bomben oder wegen Benzinmangel nicht mehr startfähig. Und so kreisten die feindlichen  Jabos eigentlich ständig irgendwo und man mußte immer auf der Hut sein, denn sie tauchten plötzlich im Tiefflug am Horizont auf und schossen dann auf alles, was sich bewegte - oder auch nicht bewegte. Im Winter 1944 wurde deshalb auch der Schulunterricht ganz eingestellt weil der Schulweg zu gefährlich war. Der Lehrer besuchte nun die einzelnen Gehöfte, trommelte die Kinder in einem Haus zusammen und gab ihnen für die nächsten Tage Hausaufgaben auf. Das wir dabei nicht besonders viel gelernt haben, sei nur am Rande erwähnt.

Hier muß ich eine Begebenheit erzählen, die mein Vater später immer wieder bei Bekannten und Nachbarn zum Besten gab und die unterschiedlichsten Reaktionen, vom verständnislosen Kopfschütteln bis hin zum „Vogelzeigen“ hervorrief. Trotz Bitten und Warnungen seitens meiner Mutter hatte mein Vater eines Tages unsere beiden Kühe vor den Pflug gespannt, war mit ihnen ins Feld zur „Hongsecht“ - einem weitflächigen Ackergelände in Richtung Birrenbachshöhe gezogen und hatte dort seelenruhig begonnen, unser abgeerntetes Kartoffelstück umzupflügen. Plötzlich waren ein paar Tiefflieger aufgetaucht. Anstatt nun fluchtartig das Gelände zu verlassen oder doch wenigstens Deckung in einer Ackerfurche zu suchen, pflügte mein Vater gemächlich weiter. Die Jabos hatten dann tatsächlich das Gelände ein paarmal überflogen und waren schließlich genau so blitzartig, wie sie gekommen waren, wieder am Horizont verschwunden.

Dazu der trockene Kommentar meines Vaters: „Die sahen doch, daß ich ein kleiner Kuhbauer war, der mit dem ganzen Krieg nichts zu tun hatte“. Vielleicht hat die feindliche Flugzeugbesatzung oben am Himmel tatsächlich so gedacht - (vielleicht war aber weiter oben noch jemand, der noch weiter gedacht hat!)

Wir steckten also den gesamten Rest des Tages bei den Soldaten im Wald. Die hatten nichts dagegen, wie wir schnell herausfanden. Schließlich wurden sie ja von unseren Eltern auch gut versorgt. Zum Teil beachteten sie uns auch gar nicht, weil sie wohl genug andere Sorgen hatten. Manchmal, je nach Lust und Laune erklärten sie uns aber auch die einzelnen Geräte. So ließen sie uns die Vierlings-Flak bestaunen und wir durften auch schon mal im Führerhaus eines ihrer Fahrzeuge Platz nehmen.

Einmal, so erinnere ich mich noch gut, als ich im großen „Büssing“ saß, explodierte direkt vor dem Wagen mit einem lauten Knall ein zylinderförmiger Behälter. Er sah aus wie eine etwas zu lang geratene Konservendose. Aus dem aufgeplatzten Inneren quoll dicker Rauch. Sofort dachte ich an Gas. Ich hielt die Luft an, solange es ging, dann faßte ich meinen ganzen Mut zusammen, riß die Tür auf, sprang zu Boden und rannte - immer noch mit angehaltenem Atem - mit langen Schritten davon. Endlich dann, in sicherer Entfernung, wagte ich wieder Luft zu holen. Wie sich später herausstellte, hatte sich ein Soldat einen Jux erlaubt und eine Nebelgranate gezündet. Diese diente nur zur Qualmerzeugung um bei einem Angriff den feindlichen Truppen die Sicht zu nehmen. Jedenfalls steckte mir der Schreck damals noch tagelang in den Gliedern.

Die Abteilung war wohl nach der alliierten Invasion in der Normandie von der Westfront nach hier zurückverlegt worden und erwartete nun einen neuen Einsatzbefehl, der auch nach diesen Wochen des Ausruhens kam. Traurig verabschiedeten sich „unsere“ Soldaten von uns allen, wobei auch einige Tränen flossen. Was mag wohl aus ihnen geworden sein. Wir haben nie wieder etwas von ihnen gehört.

Ein gutes Dutzend Fahrzeuge, darunter auch „unseren Büssing“ ließen sie im Rockenbusch zurück. Nun hatten wir Kinder das Reich für uns allein und wir begannen natürlich erst einmal alles aufzusammeln was so liegengeblieben war. Dann knöpften wir und die großen LKWs vor. Mir Hammer, Zange und Schraubenzieher rückten wir ihnen zu Leibe, bauten die Armaturen aus und schraubten allerlei Materialien ab, für die wir eigentlich überhaupt keine Verwendung hatten.

Mein Vater dachte da wesentlich praktischer. In tagelanger Arbeit schraubte er fein säuberlich alle Bretter der großen Ladefläche vom Büssing ab und wir beide transportierten diese nach Hause. Auch die gut gepolsterten Sitzbänke wanderten denselben Weg. Mit den Brettern hat mein Vater dann später die sehr in Mitleidenschaft gezogene Westseite unseres Hauses neu verkleidet. Beim späteren Umbau habe ich diese Bretter dann abgenommen - sie waren immer noch „wie neu“ (dank der guten graugrünen Wehrmachtsfarbe, mit denen sie getränkt waren). Ich habe damit den zum Hause hin weisenden unteren Teil des Stalles (der jetzigen Werkstatt) verkleidet. Inzwischen wurden sie mehrmals gestrichen und man stelle sich vor, diese dicken, gehobelten Bretter zeigen heute noch nach nunmehr 53 Jahren keinerlei Verwitterungserscheinungen.

Aber auch unsere Nachbarn und Leute aus den umliegenden Orten waren nicht untätig. Als erstes waren nach und nach die begehrten, gummibereiften Räder verschwunden. Man fand sie später unter so manchem Pferdefuhrwerk wieder. Als nach Kriegsende der Schrotthandel Hochkonjunktur bekam, hörte man oft von morgens bis abends hämmern und klopfen im Wald. So ist mit der Zeit der ganze Wagenpark verschwunden. Aber das hat doch einige Zeit gedauert. Ich glaube, Anfang der 50er Jahre lagen noch einige Wrackteile im Wald herum.

Die Amerikaner erreichten am 7. März 1945 die rechte Rheinseite. An diesem historischen Tag überquerten sie erstmals bei Remagen den Rhein. Die bis dahin unzerstörte Brücke brach dann einige Tage später - wahrscheinlich wegen der starken Beanspruchung - sang- und klanglos in sich zusammen und versank teilweise im Rhein. Das bedeutete für die nachrückenden amerikanischen Truppen allerdings keinen größeren Aufenthalt, denn bald hatten ihre Pioniere eine Behelfsbrücke errichtet.

Der so genannte „Ruhrkessel“ zog sich immer mehr zusammen. Wir waren zu der Zeit weitgehend auf die Nachrichten im „Westdeutschen Beobachter“ angewiesen, - der natürlich gleichgeschaltet -, nur das brachten, was das Volk wissen sollte und durfte. Auf unserem guten, alten „Volksempfänger“ bekam man dagegen merkwürdig klar und deutlich „Radio London“ herein - bekannt durch die charakteristischen vier Paukenschläge. Natürlich war das Abhören des Feindsenders äußerst streng verboten und wer dabei erwischt wurde, kam unweigerlich in Haft. Das war damals gleichbedeutend mit KZ.

Unser Radio stand, wie bereits erwähnt, auf einem kleinen Podest, welches in Augenhöhe an der Stubenwand befestigt war. Mein Vater stülpte nun am späten Abend eine dicke Decke über sich und das Radio, drehte den Regler auf kaum noch hörbare Lautstärke und lauschte dann stehenden Fußes den Nachrichten aus London. Solche Mitteilungen wurden später hinter vorgehaltener Hand zwischen vertrauenswürdigen Personen und guten Nachbarn ausgetauscht. Dabei instruierte man uns Kinder ständig, sich nur ja nicht in der Schule oder beim spielen zu verplappern. Meistens hörte mein Vater jedoch erst dann, wenn ich mich zu Bett begeben hatte, wobei ich ihn jedoch ein paarmal in dieser merkwürdigen Vermummung erwischt habe.

Am 7. April 1945 überquerte das 303. Regiment der 97. amerikanischen Infanterie-Division bei Eitorf die Sieg. Die Amerikaner entwickelten bei ihrem Vormarsch eine besondere Strategie, welches meinen Vater zu der etwas abfälligen Bemerkung veranlaßte: „Die Amis sind sogenannte „Schlips-Soldaten“, sie meiden den echten Kampf. Erst wenn sie mit ihrer Artillerie alles zusammengeschossen haben und ganz sicher sind, keinen Widerstand mehr anzutreffen, gehen sie vor.“ Vom Standpunkt der Amerikaner aus war diese Vorgehensweise allerdings zwingend logisch, denn an Munitionsnachschub und Geschützen fehlte es ihnen anscheinend in keiner Weise.

Nun bekamen wir diese Taktik allerdings am eigenen Leib zu spüren. Am Ostersonntag, es war der 8. April 1945 geschah noch nichts aber eine gespannte Unruhe war überall zu erkennen. Die noch verbliebenen Männer wurden aus den einzelnen Dörfern zusammengezogen. Diese mußten dann an strategisch wichtigen Straßen sogenannte „Panzersperren“ errichten. Die Straßenkreuzung in Wohlfarth zum Beispiel wurde nach allen vier Richtungen verbarrikadiert. Dazu hob man quer über die Straße einen tiefen Schacht aus und stellte schwere Fichtenstämme dicht an dicht palisadenartig in mehreren Reihen senkrecht hinein. Diese Stämme ragten ca. 3-4 Meter aus dem Boden. Um den eventuellen Durchzug deutscher Truppen zu gewährleisten, wurde eine Öffnung gelassen, die später dann geschlossen werden sollte. Das Ganze wirkte ziemlich lächerlich, wenn man bedenkt, daß die anrückenden Panzer nur einen Bogen durch die angrenzenden Felder und Wiesen zu schlagen brauchten um diese Hindernisse ad Absurdum zu führen. Ein paar Panzergranaten hätten wohl auch genügt, um alles zu zerfetzen. Diese Aktion gehörte wohl zu den üblichen Durchhalte-Parolen jener letzten Kriegstage, von den restlich verbliebenen Parteibonzen befohlen, ehe diese das Weite suchten um ihre kostbare Haut zu retten was vielen sogar eine Zeitlang gelungen ist - einigen sogar ganz.

Doch zurück zu jenen Apriltagen. Mein Vater hatte vorgesorgt. Mit viel handwerklichem Geschick hatte er es fertiggebracht, unseren kleinen Kellerraum irgendwie wohnlich einzurichten. Unter Verwendung der bereits erwähnten Polsterbänke und verschiedener Matratzen hatte er ein paar ganz passable Behelfsbetten zusammen gezimmert. Es wurden außerdem Speise- und Getränkevorräte in den Keller deponiert. Für die notwendige Beleuchtung sorgte unsere „universelle Petroleumlampe“.

Die Nacht von Ostersonntag auf Ostermontag verbrachten wir im Keller aber es blieb verhältnismäßig ruhig. Auch der Dienstag begann zunächst noch ruhig - abgesehen vom ständigen Kanonendonner, den wir aus der Ferne hin und wieder vernahmen. Am Spätnachmittag setzte dann verstärkter Artilleriebeschuß ein und die Einschläge waren schon beängstigend nahe. Wie wir später erfuhren, hatten die Amerikaner, aus dem Bröltal kommend, zwischen den Ortschaften Löbach und Birrenbachshöhe Stellung bezogen und belegten uns von dort aus mit ihren 10,5 cm Granaten.

Wahrscheinlich hatten sie dabei die nahe Straßenkreuzung bei Wohlfarth im Auge, die für sie wohl von einige strategische Bedeutung war. Indem sie diese Straßenverbindungen unter Artilleriefeuer nahmen, ließen sich so Aufmarsch- und Rückzugsoperationen deutscher Truppen recht wirkungsvoll stören.

Leider bekamen wir davon aber mehr ab als die Wohlfarther. Nur ein paar Geschosse krepierten mitten auf der Kreuzung ohne großen Schaden anzurichten. Bei uns lagen dagegen die Einschläge dichter und näher. Nach jeder Beschußphase legten die Amis - und darauf konnte man sich halbwegs verlassen - , eine Feuerpausen ein. In diesen Pausen hörten wir stets ein kleines Flugzeug kreisen, welches sicher als Beobachter losgeschickt wurde.

In diesen ruhigen Momenten stieg mein Vater die Kellertreppe hoch um nachzusehen, ob noch alle Gebäude standen. In dieser Nacht habe ich zum ersten Mal richtige Todesangst erfahren. Im Keller befanden sich außer meinen Eltern und meiner Oma auch Onkel und Tante Jagusch aus Essen, die dort ihr schönes, großes Haus und ihren gesamten Besitz durch Fliegerbomben verloren hatten und nun schon seit Weihnachten bei uns lebten. Während oben die Granaten heulend angeflogen kamen und krachend detonierten, beteten wir hier unten im Keller den Rosenkranz. An Schlaf war natürlich nicht zu denken. Eine alte Landser-Weisheit, die wir Kinder bei den Soldaten aufgeschnappt hatten, besagte, daß eine heulende Granate vorbeiflog oder doch wenigstens in einiger Entfernung vom Horcher explodierte. Ob das nun wahr ist oder nicht, jedenfalls klammerte ich mich in jener Nacht an diese Darstellung.

          Am frühen Morgen ließ uns eine schwere Detonation, gefolgt von krachendem und berstendem Getöse zusammenfahren. Mein Vater sagte: „Jetzt ist der Stall und die Scheune weg und vielleicht brennt es oben“. Mir Furcht und Bangen erwarteten wir nun die nächste Feuerpause. Als es soweit war klettert mein Vater vorsichtig nach oben und wir harrten gespannt auf seine Rückkehr.

Als er dann nach ewig-langer Zeit endlich erschien, berichtete er uns, was er in der anbrechenden Dämmerung oben wahrgenommen hatte: Die halbe Scheune sei weg, so erzählte er aufgeregt, einschließlich des Scheunendaches. Aber die Kühe ständen - wie durch ein Wunder -, unversehrt nebenan im Stall und sie befänden sich, so als wäre nichts geschehen, seelenruhig beim wiederkäuen.

Plötzlich hatte der Beschuß ein Ende gefunden. Draußen brach der Morgen an, und wir wagten uns vorsichtig nach oben. Nun konnten wir im vollem Tageslicht das ganze Ausmaß der Zerstörung betrachten. Wie wir schnell konstruierten, war eine Granate schräg über unseren Hausgiebel hinweg gefegt und genau vor dem Scheunentor explodiert. Durch die Gewalt der Splittereinwirkung war das große Scheunentor in seinem unteren Teil halbkreisförmig vollständig zerfetzt. Auf dem Scheunendach befand sich kaum noch ein heiler Dachziegel. Die Balken waren gespickt mit scharfkantigen Metallsplittern. (Einige lassen sich bei näherem Hinschauen heute noch entdecken). Aber die Scheune stand noch an ihrem Platz. Dem direkt rechts der Scheune angebauten Stall war nicht viel passiert. Lediglich das massive Hinterteil der Granate - es befindet sich noch heute in meinem Besitz -, hatte die zum Hause weisende Stalltür an ihrem oberen Rand durchschlagen, war über unsere beiden Kühe hinweg gezischt, gegen einen Deckenbalken geprallt und dann zu Boden gefallen. Dort hat mein Vater später den schweren Metallbrocken in der Streu hinter den Kühen aufgefunden. Diese Geschichte hat er später wieder und wieder erzählt und er konnte sich gar nicht genug darüber auslassen, welche Freude er damals empfunden hatte, als er sah, daß unseren beiden Kühen überhaupt nichts geschehen war.

Zahlreiche Einschläge entdeckten wir auf den umliegenden Weiden und im nahen Wald. Doch die übrigen Häuser und Stallungen unseres Dorfes wie auch in den meisten umliegenden Ortschaften blieben von Treffern verschont. Lediglich ein stattlicher Birnbaum, der sich am unteren Dorfweg befand, erhielt einen Volltreffer. Er gehörte der Familie Tüschenbönner, die ihn ob seiner schmackhaften Birnen lange bejammert hat, wogegen unsere kaputte Scheune mehr so nebenbei Erwähnung fand. Es ist eben alles relativ.

Hätte diese Granate nur etwas weniger Schwung gehabt - sprich: wäre ihre Flugbahn nur um etwas kürzer gewesen -, wäre sie zweifellos als Volltreffer mitten in unserem Haus gelandet und wer weiß, wie es uns dann in unserem kleinen Kartoffelkeller ergangen wäre!

Der 11. April 1945 war ein herrlicher, warmer Frühlingstag. Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel. Ich erinnere mich noch gut an jene historischen Stunden. Meine Oma und die „Esse-Tante“ saßen vor unserem Haus und genossen die warme Morgensonne. Mein Vater und Onkel Jagusch, (er besaß vor dem tragischen Luftangriff in Essen ein großes Dachdeckergeschäft), - war also bestens für die anstehenden Dachreparaturen prädestiniert -, waren schon voll mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt. Ich hatte schon eine Handvoll von diesen bizarren Granatsplittern eingesammelt und nun vor unserer Haustür um sie zu betrachten. Als ich zufällig aufblickte, sah ich zu meinem großen Schrecken, wie aus dem Boden gewachsen, zwei amerikanische Soldaten mit ihrem Gewehr im Anschlag vor mir stehen. So schnell ich konnte, verschwand ich um die Hausecke um meinem Vater, der sich gerade auf dem Remisendach befand, von diesem Ereignis zu berichten. Als der meine hastig hervorgebrachte Botschaft vernommen hatte, meinte er trocken: „Wenn die Amis von mir was wollen, sollen sie hierher kommen. Dann können sie sich auch gleich ansehen, was sie angerichtet haben!“ Es war ihm nicht der Mühe wert, vom Dach herunter zu steigen. Auf den Gedanken, daß diese ihn gleich hätten mitnehmen können, was durchaus üblich war und auch in einigen Nachbardörfern passierte, ist wohl in all dem Durcheinander niemand von uns gekommen.

Ich laufe also wieder zurück und luge vorsichtig um die Hausecke. Dort bekomme ich gerade noch mit, wie die Tante - natürlich in bestem Hochdeutsch, den beiden Amerikanern ziemlich resolut erklärte, daß sich in unserem Haus weder Waffen befinden noch deutsche Soldaten versteckt halten. Dieser Wortschwall aus dem Munde der älteren Dame, von dem sie wahrscheinlich kein einziges Wort verstanden haben, muß die beiden Amerikaner wohl ziemlich perplex gemacht haben, denn sie zogen bald daraufhin wortlos weiter.

Meine Mutter hatte kurz zuvor als Zeichen unserer „Kapitulation“ ein weißes Leinentuch - ein sogenanntes „Käsetuch“ neben der Haustür im Rosenstrauch drapiert. In ihrer Aufregung hatte sie nämlich nichts Passendes gefunden. Später befestigte mein Vater ein weißes Bettlaken an einer langen Bohnenstange und steckte diese weiße Fahne durchs Dachfenster. Ich glaube, dort hat sie noch wochenlange gehangen.

Dieses äußere Zeichen der Kapitulation nahmen die Amerikaner übrigens sehr ernst, wie wir später erfuhren. Die Familie Kraus - unsere Nachbarn -, hatten einfach vergessen, die weiße Fahne zu zeigen. Sofort war eine Abteilung Amerikaner vor deren Haus in Stellung gegangen und nahmen Anstalten, das Haus zu stürmen. Als die Amis dann besagtes Tuch wehen sahen, welches in aller Eile hinaus gehalten wurde, zogen sie weiter.

Für uns war der Krieg mit seinem Schrecken endgültig vorbei. Die Amerikaner bezogen nun mit ihrer Geschütz-Batterie Stellung am Waldrand hundert Meter hinter der Ortschaft Wohlfarth in Richtung Neunkirchen. Der Ort ist bis heute geläufig unter dem Namen „Am Lutzen-Bonnen“. Hier befand sich damals ein Brunnen, der selbst in einem sehr trockenen Sommer, wenn unsere Hausbrunnen schon am versiegen waren, noch Wasser spendete. Den Namen hat er wohl von seinem Erbauer.

Aber das alles war natürlich für die Amerikaner uninteressant. Vielmehr gab die hier beginnende Schlucht eine natürliche und effektive Deckung ab. Von hier aus beschossen sie nun das Dorf und die Umgebung von Much, ebenso den weiter in nördlicher Richtung liegende Heckberg, auf welchem sich noch einige deutsche Soldaten verschanzt hatten. Erst als der Beschuß nach zwei Tagen aufhörte, war für die Wohlfarther der Krieg auch zu Ende. Bis dahin hatten die nämlich noch in ihren Kellern gehockt und gezittert, weil sie sich nicht sicher waren, ob die über sie hinweg heulenden Geschosse ihnen galten. Das alles erfuhren wir aber erst viel später.

Die Amerikaner sind noch einige Zeit an jener Stelle geblieben und sie richteten sich dort, wie wir später feststellen konnten, häuslich ein. Uns ließen sie dabei aber in Ruhe nur manchmal durchquerten sie mit ihren geländegängigen Jeeps unser Dorf. Unser Haus ist übrigens nie von einem amerikanischen Soldaten betreten worden, obwohl ich, sozusagen als Willkommensgruß, mit dem Griffel auf meine Schul-Schiefertafel einen schönen großen Stern gemalt hatte, wie sie die amerikanischen Fahrzeuge als Hoheitszeichen trugen. Die Tafel hatte ich gut sichtbar in unserer Küche postiert.

Nach dem Abzug der Amerikaner waren wir Kinder natürlich bei den ersten, die neugierig aber mit äußerster Vorsicht die verlassene Stellung inspizierten. Als erstes fiel der riesige Berg von säuberlich aufgestapelten Artillerie-Geschoßhülsen ins Auge. Ein paar davon nahmen wir mit nach Hause, hauptsächlich deshalb, weil sie einen gongartigen Ton von sich gaben, wenn man ihnen einen Schlag versetzte.

Karl Tillmann aus Senschenhöhe dachte da weit praktischer. Kopfschüttelnd beobachteten wir, wie dieser mit seinem Pferdefuhrwerk ankam, den ganzen Haufen leerer Kartuschen auflud und mit ihnen nach Hause fuhr. Als später der Schrotthandel aufblühte, wurden für dieses „Buntmetall“ horrende Summen gezahlt. Irgendwann habe ich meine letzte Kartusche einem vorbeiziehenden „Eisenkrämer“ verhökert, was mich bis heute noch ärgert. Ich staunte nicht schlecht, als er mir dafür ein paar Mark bot - nach der Währungsreform eine Menge Geld. Natürlich hat er mich dabei noch gründlich übers Ohr gehauen.

Aber es fanden sich in dieser verlassenen Stellung noch weit mehr nützliche Sachen. Da waren zum Beispiel diese stabil gezimmerten Holzkisten, in welchen die Geschosse transportiert wurden. Je 4 Artillerie-Granaten fanden in so einer Kiste Platz. Je zwei dieser Geschosse waren außerdem in langen, teergetränkten Papprohren untergebracht. Diese Kisten und die Papprohre holten wir uns zusammen mit unseren Nachbarn nach Hause. Mit den Brettern dieser Munitionskisten hat mein Vater dann den größten Teil unserer zerschossenen Scheune  und Remise repariert. Schließlich, so sagte er, sei es ja sein gutes Recht, mit dem Brettermaterial aus den amerikanischen Armeebeständen die Gebäude wieder instand zu setzen, welche diese uns zerdeppert hatten. Die teergetränkten Papprohre wurden auf handlange Stücke zerschnitten und sie ergaben ein vorzügliches und äußerst heizkräftiges Brennmaterial mit welchem meine Eltern lange Zeit unsere (vorher beschriebene) Kuhle geheizt haben.

Weiter hatten die Amerikaner den von ihnen verlegten Telefon-Leitungsdraht einfach zurück gelassen. Es war ihnen wohl zu umständlich, ihn wieder einzurollen und mitzunehmen. Dieser Draht zog sich kilometerweit durch die Straßengräben. Wir rollten ihn zusammen und transportierten ihn ebenfalls nach Hause. Fortan stellte dieser „amerikanische“ oder „schwarze Draht“, wie er seither genannt wurde, ein universelles Hilfsmittel für alle möglichen Reparaturen dar. Ob es eine defekte Stromleitung war oder ob ein Kartoffelsack zugebunden wurde, der Draht mußte einfach für alles herhalten, denn es gab ja sonst nichts in der Art. Dieser Draht war viele Jahre hinaus bei uns allgegenwärtig.

Wir Kinder fanden in der verlassenen Stellung außer leeren Konservendosen mit schönen, bunten Bildern von Früchten, (die wir damals noch gar nicht kannten), amerikanischen Magazinen und allerlei Krimskrams auch schon mal ein Stück Schokolade oder eine Packung Würfelzucker. Alles in allem erkannten wir langsam, das sich hier eine neue Welt für uns auftat, von der wir bisher nicht die leiseste Ahnung hatten.

Das Leben begann sich langsam wieder zu normalisieren aber es dauerte doch noch eine ganze Weile, bis wir wieder elektrischen Strom zur Verfügung hatten und ich endlich meinen heißgeliebten Volksempfänger einstöpseln konnte, der den Krieg auch unbeschadet überstanden hatte. Endlich konnten wir auch wieder ohne Angst vor Tieffliegern zur Schule und zur Kirche gehen. Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht und zog damit endlich den Schlußstrich unter dieses entsetzliche Menschheitskapitel.

Hier muß ich aber eine Geschichte einflechten, die ich mein Lebtag nicht vergessen habe und bei der mir noch jede Szene so vor Augen steht, als sei sie gestern passiert. Es war Anfang Dezember 1945. Seit einem halben Jahr schwiegen die Waffen. Wir erwarteten das erste friedliche Weihnachtsfest seit sechs Jahren.

Das Leben hatte sich zunehmend normalisiert. Obwohl unsere ländliche Gegend nicht in so hohem Maße unter dem Bombenterror zu leiden brauchte wie die Menschen in den Städten, war auch hier der Kriegsschrecken nicht spurlos vorübergegangen. Nun hieß es, zusammenrücken, denn der Strom von Flüchtlingen und Obdachlosen aus den Ostgebieten und aus den Großstädten hielt an. Wer noch ein Zimmer oder einen Kammer in seinem Hause zur Verfügung stellen konnte, nahm eine Flüchtlingsfamilie bei sich auf. Eine für heutige Verhältnisse unvorstellbare Solidarität kam zum tragen. Das wenige, das man selber noch besaß, wurde geteilt mit denen, die alles verloren hatten.

Die Militärregierung der Siegermächte hatte die zivile Verwaltung in ihre Hand genommen und somit Gesetz und Ordnung wieder hergestellt. Trotzdem waren die Zeiten noch sehr unruhig. Immer wieder machten umherstreunende Banden von sich reden. Es entstanden die wildesten Gerüchte. Man hörte von Greueltaten, - auch aus einigen Dörfern in unserer Gemeinde. Denn der Schutz des Gesetzes war noch nicht überall gewährleistet.

Diese umherziehenden Gruppen setzten sich zum großen Teil zusammen aus ehemaligen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aus Osteuropa. Nach Wiedererlangung ihrer Freiheit waren viele von ihnen nicht mehr gewillt oder in der Lage, in ihre Heimat zurückzukehren. Was man ihnen nicht freiwillig gab, nahmen sie sich mit Gewalt. Dabei kam es auch verschiedentlich zu Übergriffen und Racheakten gegenüber ihren früheren Unterdrückern. Nach Einbruch der Dunkelheit war es ratsam, Fenster und Türen gut zu verschließen. Wer draußen noch irgendeine Arbeit zu verrichten hatte, trug Sorge, sich nicht allzuweit von den schützenden Häusern zu entfernen.

Es war an einem solchen Abend in der Vorweihnachtszeit.       Meine Eltern waren eben mit der Stallarbeit fertig geworden und wir schickten uns an, das Abendbrot zu essen, als plötzlich an unsere Haustür geklopft wurde. Mein Vater begab sich nach draußen um nachzuschauen. Neugierig gesellte ich mich zu ihm. Da stand in der Dunkelheit ein gutes halbes Dutzend Männer. In gebrochenem Deutsch baten sie um ein Quartier für die Nacht.

Zögernd ließ mein Vater sie eintreten. Nachdem sie in unserer Wohnstube Platz genommen hatten, konnten wir sie im Scheine der Lampe näher betrachten. Sehr vertrauenerweckend sahen sie nicht aus. Das Leben auf der Landstraße hatte sie gezeichnet. Während meine Mutter das Abendbrot zubereitete, versucht mein Vater etwas über das Schicksal der Männer zu erfahren. Nach der einfachen, mit wenigen Mitteln zubereiteten, aber kräftigen Mahlzeit wurde beratschlagt, wie und wo man die Männer für die Nacht unterbringen könnte.

Im Hause selber war es, - nicht zuletzt durch Tante und Onkel als neue Mitbewohner ziemlich eng geworden. Also blieb nur noch die Scheune. Im Scheunenanbau befand sich der Holzschuppen und ebenfalls lagerte hier das Heu als Wintervorrat für unsere beiden Kühe. Hier im Heu richteten nun meine Eltern mit allerlei Decken und alten Mänteln ein warmes und bequemes Nachtlager her. Unsere alte Petroleumlampe sorgte für die nötig Helligkeit.

Kurz vor Schlafenszeit entschloß sich mein Vater zu einem „Kontrollgang“, wie er sich ausdrückte. Es ließ ihm nämlich keine Ruhe, ob unsere Gäste sich auch an die Abmachung gehalten hatten, wegen der großen Brandgefahr auf das Rauchen zu verzichten. Meine Mutter bat mich, mitzugehen. Im Beisein eines Kindes, - so meinte sie, wäre mein Vater sicherer vor eventuellen Übergriffen.

Als wir den Holzschuppen betraten, bot sich uns im Scheine der Laterne ein Bild, welches ich bis heute nicht vergessen habe. Da hatte sich ein Teil der Männer unserer Sägen bemächtigt und sie schnitten nun die schweren Stämme, welche hier als Brennholz lagerten, in Ofenlänge durch. Die anderen spalteten die klobigen Klötze mit dem Beil zu handlichen Scheiten und stapelten sie auf. Das alles bereitete ihnen ein sichtliches Vergnügen, um so mehr, als sie nun unsere ungläubigen und erstaunten Blicke sahen. Sie erklärten, das sei nur ein kleiner Dank für die freundliche Aufnahme.

Am anderen Morgen, nach einem guten Frühstück, - nicht ohne ein großes Butterbrotpaket, daß jeder von ihnen zum Abschied in die Hand gedrückt bekam, sind sie dann weitergezogen, einer ungewissen Zukunft entgegen. Viele Jahre sind seitdem ins Land gegangen, doch immer wieder muß ich an jenen Dezemberabend denken, an dem die Angst, die Voreingenommenheit und das Mißtrauen besiegt wurden durch ein wenig Menschenfreundlichkeit.

Das Geld verlor immer mehr an Wert und Kaufkraft. Es entstand die sogenannte „Zigarettenwährung“. Der Schwarzhandel blühte auf. Tabak war rar und die Raucher schritten zur Selbsthilfe. In so manch einem Hausgarten gediehen zwischen Kartoffeln und Kohl prächtige Tabakpflanzen. Mein Vater hatte auch einige Exemplare angepflanzt. Es waren hohe Stauden geworden und sie hatten große Ähnlichkeit mit dem heutigen Futtermais. Die großflächigen Tabakblätter wurden vom dicken Stamm abgeschnitten und auf dem Speicher getrocknet. Mein Vater benetzte sie bei diesem Trockenvorgang immer wieder mit Zuckerwasser. Nach dem trocknen wurden die Blätter zerrieben und nun konnte man das Kraut in der Pfeife rauchen. Das stank oft ganz gemein. Bis Anfang der 50er Jahre hing übrigens noch ein Beutel mit diesem „Selbsstzucht“, - wie er genannt wurde -, auf unserem Speicher.

Überall herrschte der Hunger. Am schlimmsten davon betroffen waren die Menschen in den Städten. So begaben sich viele Stadtbewohner zur „Hamstertour“ aufs Land. Wertvolle Gegenstände wie Teppiche, Gemälde, Schmuck usw. wechselten für eine Speckseite oder einen Sack Kartoffeln ihren Besitzer. So manche Bauernstube wurde da mit einem echten Perserteppich oder einem wertvollen Ölgemälde bestückt und wirkte dort in der rustikalen Umgebung manchmal ziemlich exotisch und zweckentfremdet. So wurde die Not vieler Städter oft genug in schamloser Weise von der Landbevölkerung ausgenutzt. Allerdings war es für manchen Bauern auch eine Genugtuung, wenn so ein armer Tropf aus der Stadt, der vor noch nicht allzu langer Zeit über das Landleben im allgemeinen, und die Landbewohner im besonderen, die Nase gerümpft hatte, nun als Bittsteller vor seiner Tür stand.

Meine Eltern haben sich an dieser Art Tauschhandel nie beteiligt. Einerseits hatten sie wohl kaum Interesse an solche, für unsere Verhältnisse total unpassenden Prunkgegenständen. Andererseits lebten wir ja auch nicht gerade im Überfluß, obwohl unser Tisch gegenüber diesen Menschen doch verhältnismäßig reich gedeckt war.

Als im Herbst 1945 die Kartoffeln im Feld zu reifen begannen, bekam so mancher Kartoffelacker nächtlichen Besuch. Mit Hacken und Schaufeln, sogar mit den bloßen Fingern grub man die begehrten Knollen aus der Furche. Das ging oft so weit, daß die Bauern nächtens ihren Acker bewachen mußten um noch etwas von der Ernte zu retten.

Die Suche nach Kartoffeln auf einem bereits abgeernteten Acker wurde von den meisten Landwirten dagegen geduldet. Hier erinnere ich mich noch gut, als mein Vater das abgeerntete Kartoffelstück auf der „Hongsecht“ mit unseren beiden „Zug-Kühen“ abeggte. Die Egge förderte noch eine ganze Menge Kartoffeln zu Tage, die beim Einsammeln übersehen worden waren. Hinter der Egge marschierten ein gutes Dutzend Hamsterer aus der Stadt, die begierig nach jeder Erdknolle griffen, sobald sie einer solchen ansichtig wurden. Mit überschwenglichen Dankesworten verabschiedeten sie sich von uns. Für mich war das unbegreiflich, daß man wegen ein paar Kartoffeln „so ein Spiel machte“, wogegen wir doch genug davon im Keller hatten. Im übrigen war ich richtig froh über diese unerwartete Mithilfe.

          Als es dann im Jahre 1948 zur längst fälligen Währungsreform kam, wurden wir alle mit 40 Deutsche Mark „Kopfgeld“ gleichgestellt. Über Nacht waren, wie durch Zauberhand die Läden wieder angefüllt mit Waren. Alles Dinge, die man jahrelang vermißt hatte. Die klugen Kaufleute hatten diese wohlweislich für den Tag „X“ zurückgehalten. (Wer  wollte es ihnen verdenken). Bald war auch in den Städten der Hunger vergessen und so manch einer mochte sich nicht mehr gerne daran erinnern, dereinst als Bittsteller vor einem Bauernhaus gestanden zu haben.

 

 

5. Der Beruf

Mit dem Ende des letzten Kapitels über Schulzeit und Krieg haben meine Kindheitserinnerungen praktisch ihren Abschluß gefunden. Während des Schreibens bemerkte ich jedoch alsbald, daß meine Aufzeichnungen, - gewollt oder ungewollt, - in immer stärkerem Maße den Charakter von Memoiren bekamen, was eigentlich nicht in meiner ursprünglichen Absicht lag.

Diesem neuen Gesichtspunkt Rechnung tragend, habe ich mich nun entschlossen, noch ein Kapitel hinzuzufügen, einerseits um das Bild meiner Person etwas mehr abzurunden, andererseits aber und vor allem, um dem interessierten Leser auch die 50er und 60er Jahre etwas näher zu bringen. Es war ja die Zeit des Wiederaufbruchs nach dem Ende des schrecklichen Krieges. Es war die Zeit der Trümmerlandschaften, des Aufbaues und der ersten zaghaften Gehversuche unserer jungen Demokratie.

Das Leben, - besonders hier bei uns auf dem Lande, - verlief in jenen Tagen und nach heutigen Vorstellungen recht einfach und primitiv. An allen Ecken und Enden wurde improvisiert. Überall herrschte Mangel. In den Städten war große Hungersnot. Trotzdem waren die Menschen froh, noch einmal davongekommen zu sein. Man half sich gegenseitig so gut es ging. Irgendwie war man glücklicher und zufriedener als heute.

Aber bevor ich wieder einmal vom Thema abschweife, will ich lieber von vorne anfangen. ......

Unsere kleine Landwirtschaft kam für mich als Existenzgrundlage kaum in Frage. Erstens bezog mein Vater aus ihr weitgehend seinen Lebensunterhalt und zweitens hielt sich meine Begeisterung für den Bauernstand in Grenzen. Mit unseren beiden Kühen als Zugtiere die Felder zu bestellen, erweckte in mir horrorähnliche Visionen. Mit einem Pferd vor dem Ackergeschirr wäre die Sache für mich vielleicht etwas schmackhafter geworden, aber ein Pferd war aus Rentabilitätsgründen nicht tragbar. An einen Traktor schließlich war überhaupt nicht zu denken. Mit ca. 2 Hektar Wiesen- und Ackerfläche ließen sich nun mal keine großen Sprünge machen.

Also mußte ich einen Beruf erlernen. Da ich zeichnerisch etwas begabt bin und damals auch schon einige ganz passable Bilder zustande gebracht hatte, war die Richtung meiner Berufswahl eigentlich schon vorgegeben: Maler und Anstreicher - wie dieser Berufszweig sich nannte, wobei ich den „Anstreicher“ erst einmal bewußt ausklammerte, denn mit einem Farbtopf auf der Leiter zu stehen und eine Hauswand zu bepinseln, war für mich nun auch wieder nicht das Gelbe vom Ei. Mein Vater betitelte das Ganze auch etwas abfällig mit „Pinselquäler“.

Er tat sich daher auch nach anderen Möglichkeiten um und brachte eines Tages die Neuigkeit mit nach Hause, ich könnte sofort nach meiner Schulentlassung in der Werkstatt von Schreinermeister Peter Knipp in Much als Lehrling anfangen. Und er habe schon alles perfekt gemacht. Darüber war ich nun einerseits sehr erleichtert, denn Lehrstellen waren damals schon Mangelware und fielen einem nicht gerade in den Schoß. Andererseits aber hatte ich mit dem Schreinerberuf bis dato aber auch recht wenig am Hute. In meinem späteren Leben habe ich allerdings feststellen können, daß ich recht gut mit dem Werkstoff Holz umzugehen weiß. Manches Möbelstück ist inzwischen aus meinen Händen entstanden und es macht mir bis heute immer wieder große Freude, mit Hobel, Säge und Stechbeitel hantieren zu können. So hätte ich mit dem Schreinerberuf bestimmt eine gute Wahl getroffen - doch es sollte alles ganz anders kommen!

Wie ich bereits erwähnte, war nach dem Tode meiner Mutter im Herbst 1948 die Frau Bohlen mit ihrem, damals 4jährigen Sohn Erwin bei uns eingezogen. Sie führte uns fortan den Haushalt. Eines Tages hatte sie in Much ein paar Besorgungen zu machen. Als sie von dort zurückkam, erzählte sie uns, sie habe in Much ganz zufällig (?) ihren früheren Chef vom Postamt Köln-Mühlheim getroffen. Sie hatte hier nämlich in den letzten Kriegsjahren als Briefzustellerin gearbeitet.

Im Verlaufe des Gespräches hatte sie auch beiläufig erwähnt, daß ich mich nach einer Lehrstelle umsah. Herr Buse, der inzwischen beim Postamt Siegburg eine neue Dienststelle angetreten hatte und nun auch in Much wohnte, machte ihr den Vorschlag, ich sollte es doch einmal bei der Post versuchen und mich dort als Lehrling - oder wie es sich damals nannte, als „Postjungbote“ bewerben.

Was sich für mich damals unter dem Begriff „Post“ darstellte, war ziemlich abstrakt und ich verband diese Institution in der Hauptsache mit unseren Beiden Briefträgern, dem Oberhäusers Peter und dem Derscheids Hein (der inzwischen mein Nachbar geworden ist). Die beiden zogen im wöchentlichen Wechsel mit ihrem Fahrrad über die Dörfer und brachten Briefe und Pakete ins Haus. Gleichwohl kam es dann und wann einmal vor, daß man sich nach Felderhoferbrücke zur dortigen Poststelle bemühen mußte, um ein Paket abzuholen, weil der Briefträger es wegen Platzmangel auf seinem Fahrrad nicht transportieren konnte. Diesen Weg zur Post habe ich in den ersten Nachkriegsjahren des öfteren machen müssen und das kam so:

Wie ich im ersten Kapitel bereits erwähnt habe, war ein Bruder meines Großvaters (väterlicherseits) mit Namen Johann Peter Müller in die USA ausgewandert. Im waldreichen Staat Oregon fand er in der Stadt Milwaukie (in der Nähe von Portland) Arbeit in einem großen Sägewerk. Dort lernte er seine Frau Anna, eine Luxemburgerin kenne, heiratete sie und gründete mit ihr eine Familie. Der Besitzer des Unternehmens verstarb kinderlos und er vererbte seinen gesamten Besitz meinem Großonkel, den er wohl im Laufe der Jahre sehr ins Herz geschlossen hatte. Johann Peter Müller muß ein großartiger Mensch gewesen sein der viel für die Armen und Bedürftigen in seiner Umgebung tat. Die Kunde seiner Mildtätigkeit wird dann wohl bis nach Rom gedrungen sein, denn er wurde vom damaligen Papst mit dem Gregorius-Orden I. Klasse ausgezeichnet. (Das ist ein hoher kirchlicher Verdienstorden. Er wurde 1831 gestiftet). Ein Photo von J.P. Miller, (wie er sich in Amerika später nannte), zeigt ihn in seiner prächtigen Ordens-Uniform. Das Bild befindet sich heute in meinem Besitz. Sein Gesicht strahlt auf diesem Bild soviel Güte und Herzenswärme aus, daß man daran unschwer seine Geisteshaltung erkennen kann. Als er starb, übernahmen seine Frau und seine Söhne den Betrieb.

Eines Tages, es war um die Vorweihnachtszeit des Jahres 1945, brachte uns der Briefträger die Nachricht, es läge auf der Post ein großes Paket aus Amerika, welches er unmöglich hätte mitschleppen können. Wir sollten es deshalb dort abholen. Mit dieser Aufgabe betraut, schürgelte ich mit meinem Fahrrad zur Post nach Felderhoferbrücke, wuchtete dort das schwere Gepäckstück auf meinen „Drahtesel“ und trat sehr gespannt und aufgeregt den Heimweg an. Allerlei Überlegungen gingen mir damals durch den Kopf: Ein Paket aus Amerika - einem anderen Kontinent! Was für einen langen Weg hatte es hinter sich gebracht bis hierher zu uns nach Klein-Oberholz. Diese Tatsache war allein schon für mich absolut phänomenal.

Zu Hause angekommen, verfrachtete ich es vorsichtig auf unseren Küchentisch. Erstaunt lasen wir die Absenderangaben: Mrs. J.P. Miller, Miller Drive, Milwaukie, Oregon USA, stand da zu lesen. (Ich habe sie noch heute im Kopf). Bis dato hatte ich so gut wie keine Ahnung von unseren Verwandten in Amerika. Vielleicht hatte mein Vater irgendwann einmal eine Andeutung in dieser Richtung gemacht, aber die hatte ich vermutlich nicht beachtet.

Vorsichtig wurde das Packpapier entfernt. Trotz des weiten Weges befand sich alles in tadellosem Zustand. Dann wurde der Inhalt sichtbar. Welche Köstlichkeiten! Schade, daß wir nicht der englischen Sprache mächtig waren und ein englisches Wörterbuch befand sich selbstredend natürlich auch nicht in unserem Hause. Aber die bunten Bilder auf den Konservendosen und auf den anderen Behältnissen redeten eine beredte Sprache über deren köstlichen Inhalt. Da gab es Dosen mit kalifornischen Pfirsichen, mit Ananas, Apfelsinen und anderen, für mich unbekannten Früchten. Kakao, Erdnußbutter und so weiter! Natürlich auch Zigaretten und Tabak. Lange wurde über die kleinen Täfelchen mit der Aufschrift „Chewing gum“ gerätselt. Plötzlich schwante mir, daß es sich hier wohl nur um den berühmten amerikanischen Kaugummi handeln konnte, von dem ich schon so viel gehört, aber noch nie etwas gesehen hatte. Der Clou des Ganzen war aber - neben anderen Textilien, eine rötlich-braune großkarierte echte amerikanische Holzfällerjacke, die mir sogar auf Anhieb paßte. Ich habe sie etliche Winter getragen. Sie trotzte der größten Kälte und ich war mir vieler neidvoller Blicke sicher.

Später erfuhren wir, daß auch alle anderen Mitglieder der großen „Müller-Familie“ solche Amerika-Pakete erhalten hatten. Und es ging weiter! Regelmäßig machte ich mich mit meinem Fahrrad auf den Weg zur Post. Und jedesmal konnten wir es nicht fassen, daß eine für uns völlig fremde und unbekannte Frau im fernen Amerika so liebevoll an uns dachte. Nach jedem Paket - und darauf legte mein Vater den größten Wert, schrieb ich an Tante Anna, wie wir sie nun alle nannten, in meiner schönsten Schrift einen Dankesbrief. Bald antwortete sie uns - natürlich in deutscher Sprache. Aus ihren Briefen, von denen ich leider nur einen einzigen besitze (und den ich als eine große Kostbarkeit aufbewahre), ließ sich unschwer erkennen, daß sie eine gute, warmherzige und auch fromme Frau war. Sie war wohl ihrem Mann in diesen Charaktereigenschaften sehr ähnlich und ich finde es sehr bezeichnend, wenn sich mein Großonkel diese Frau damals als seine Lebensgefährtin ausgesucht hat.

Es muß doch für sie sehr mühevoll gewesen sein, unsere Anschriften im zerstörten und besetzten Deutschland herauszufinden. Ganz abgesehen vom Inhalt der Pakete. Man spürte hier die persönliche Hand, die alle Dinge liebevoll, und nach unseren speziellen Bedürfnissen ausgesucht und verpackt hatte. Später erhielten wir dann, im Auftrag unserer Tante, die bekannten „Care-Pakete“. Sie wurden durch Spenden amerikanischer Bürger finanziert, an viele bedürftige Menschen in unserem Lande verschickt und enthielten Grundnahrungsmittel und andere dringend erforderliche Ding, die vielen deutschen Landleuten damals geholfen haben, in dieser schlimme Nachkriegszeit zu überleben.

Eines Tages hörten wir aus der Verwandtschaft, dass unsere Tante verstorben war. Danach brach der Kontakt mit Amerika ab. Nur meine Tante Maria aus Wellerscheid (die Schwester meines Vaters) tauschte später noch jahrelang mit ihrer Cousine in den USA Briefe aus. Mit großer Dankbarkeit denke ich bis heute immer wieder an diese herzensgute Frau - unsere Tante Anna aus Amerika, die uns in schwerer Zeit mit ihren Paketen eine so große Freude bereitet hat.

Doch zurück zu meiner eigentlichen Geschichte. Wie gesagt, meine Kenntnisse über die Post als solche hielt sich bis dato in sehr engen Grenzen. Trotzdem verfaßte ich auf Drängen meines Vaters und der Frau Bohlen ein Bewerbungsschreiben. Gleichwohl war ich dann aber doch ziemlich überrascht, als man mich bald darauf zu einer Eignungsprüfung nach Troisdorf bestellte.

Die Prüfungsfragen waren an sich einfach und auf das Wissen eines damaligen Volksschulabgängers zugeschnitten. Sie stellten für mich auch keine besonderen Schwierigkeiten dar - aber die leidigen Rechenaufgaben! Die Tatsache, daß ich mit den mathematischen Künsten seit Jahr und Tag „auf Kriegsfuß“ stand, schlug hier mal wieder voll durch. Trotzdem versuchte ich mich - so gut es ging - durchzuwursteln, was aber wohl nicht hinhaute, denn nach einigen Wochen erhielt ich ein Schreiben von der Post, in welchem man mich zu einer Nachprüfung im Fach „Rechnen“ zum Postamt Hennef/Sieg bestellte.

Diese Nachprüfung hatte man just am Tag meiner Schulentlassung anberaumt. Einer von mir gestellten Bitte um Terminverschiebung mit Angabe des Grundes wäre man mit Sicherheit nachgekommen, aber mein „obrigkeitsbewußtes Denken“ hielt mich davon ab. (Wenn von „oben her“ eine Anordnung erging, hatte man dieser ohne wenn und aber Folge zu leisten!)

So meldete ich mich also am vereinbarten Tage pünktlich beim zuständigen Postamt in Hennef und wurde in die obere Büro-Etage ins Zimmer von Inspektor Klein geführt. Dem oblag damals die Betreuung der Lehrlinge, (sprich: Postjungboten). Es gab übrigens nur einen mit Namen Werner Böckem, der mir schon ein Lehrjahr voraus war.

Nun gut, Herr Klein legte mir das Formular mit den Rechenaufgaben von und ich ging ans Werk. Ab und zu schaute er nach mir und als er bemerkte, daß ich so meine Schwierigkeiten hatte, versuchten wir es gemeinsam. Doch seine Rechenkünste schienen auch nicht weit her zu sein. Es war ja auch schon einige Zeit her, daß er die Schulbank gedrückt hatte.

Er telefonierte nach unten, ob schon Briefträger von ihrer Tour zurück seien, und es möge dann doch mal jemand von den jüngeren zu ihm heraufkommen. Bald erschienen auch zwei von ihnen und nun, mit vereinten Kräften wurden die Rechenaufgaben gelöst - wobei ich mich - soweit meine Erinnerung nicht trügt, wohlweißlich zurückhielt und die anderen rechen ließ. Ich glaube, das Ganze war mehr oder weniger Formsache, mit dem Zweck, die zuständigen Herren bei der Oberpostdirektion (OPD) in Köln zufrieden zu stellen. Es ist mir sowieso bis heute schleierhaft geblieben, warum man gerade mich, bei meinen katastrophalen Rechenkünsten in die engere Wahl genommen hat. Schließlich wurden von den 55 Bewerbern bei der Eignungsprüfung in Troisdorf nur 15 Leute angenommen, zu denen ich auch gehörte.

Nun folgten aber erst einmal Wochen des Wartens. Schreinermeister Knipp, bei dem ich, wie erwähnt, eine Lehrstelle in Aussicht hatte, konnte man schließlich auch nicht länger hinhalten, da er sich ja um einen anderen Lehrling bemühen mußte, wenn es bei mir nichts wurde.

Also schrieb mein Vater einen Brief zum Hennefer Postamt mit der Bitte um eine baldige Zu- oder Absage. Doch die ließen auf sich warten. Endlich kam der erwartete Bescheid. Man teilte mir mit, daß ich am 1. April 1951 meinen Dienst als Postjungbote der Deutschen Bundespost beim Postamt Hennef/Sieg antreten sollte.

Hennef war damals unser zuständiges Postamt und wir wurden von dort aus über die Poststelle Felderhoferbrücke (jetzt Bröleck) postalisch versorgt. Die Entfernung nach Hennef beträgt ca. 20 km wogegen es von hier aus zum damaligen Postamt in Much nur 5 km sind. Aber Behörden denken zuerst einmal bürokratisch und - vielleicht irgendwann auch einmal logisch. So war es mein Pech, daß mein Wohnort im Grenzbereich der beiden Ämter lag.

Der 1. April war ein Sonntag, also begann für mich „der Ernst des Lebens“ - wie man es mir schon monatelang vorher prophezeit hatte, (ich konnte es schon nicht mehr hören) - am Montag, den 2. April 1951. Eine direkte Verkehrsverbindung von hier nach Hennef gab es nicht. So mußte ich zuerst per Fahrrad zur ca. 4 km entfernten Felderhoferbrücke fahren. Dort angekommen, stieg ich in den „Feurigen Elias“ - einer kleinen Schmalspurbahn, die mehrmals am Tage zwischen Hennef und Waldbröl verkehrte. Witzbolde schrieben schon mal bezeichnenderweise an die Waggontür: „Blumenpflücken während der Fahrt verboten!“ Die Strecke wurde im Jahre 1861 in Betrieb genommen, zuerst nur zwischen Hennef und Ruppichteroth. Von Mitte 1862 bis April 1863 durch Pferdekraft. Seit dem 25. April 1863 mit dampfgetriebener Lokomotive. Doch das nur nebenbei. Die „Rhein-Sieg-Eisenbahn“, wie sie sich damals offiziell nannte, oder das „Brölbähnchen“, wie es im Volksmund hieß, wandte sich in entlang des Brölbaches in zahllosen Kurven durch das - stellenweise recht enge - Bröltal. Wenn das Bähnchen dann, nahe am Bachufer entlang, sich fauchend und qualmend in die Kurven legte, konnte es einem schon mal etwas mulmig werden, aber es kam meines Wissens nie zu einem größeren Unglück auf der Strecke.

Später wurden mehr und mehr Omnibusse eingesetzt und in den späten 50er Jahren kam der Schienenbetrieb ganz zum Erliegen. Und wieder war ein Stück liebevoller Romantik dahin.

Die Fahrt nach Hennef wurde mir auf die Dauer zu langweilig und ich vertrieb mir die Fahrzeit mit lesen. Den nötigen Lesestoff besorgte ich mir in unserer Pfarrbücherei - der sogenannten „Borromäus-Bücherei“ (benannt nach dem Hl. Karl Borromäus) - in der ich auch Sonntags nach der Messe beim ausleihen half, und das kam so: Eines Tages sprach mich Heinrich Franken an - er betreute die Bücherei schon einige Jahre - und er fragte mich, ob ich ihm nicht Sonntagmorgens etwas zur Hand gehen könnte. Er hatte übrigens auch maßgeblich Anteil an meiner späteren Mitgliedschaft in der Blaskapelle und im Tambourcorps. Ihm habe ich in dieser Hinsicht sehr viel zu verdanken, doch davon später.

Da ich schon lange „Kunde“ und eifriger Leser war, sagte ich sofort zu. Das war eigentlich meine erste ehrenamtliche Tätigkeit. Es sollten im Laufe der Jahre noch andere folgen. Ich habe es bis zum heutigen Tage nicht bereut, zum „Null-Tarif“ für andere und für die Gemeinschaft tätig zu sein. Ich betone es immer wieder: Ohne unsere „Ehrenamtlichen“ in Gesellschaft und Kirche wären wir arm dran!

Die Arbeit in der Bücherei hatte für mich natürlich auch seine Vorteile. Bestimmte Bücher, sogenannte „Renner“ waren für mich naturgemäß eher zur Hand, während andere noch auf der „Warteliste“ standen. Ferner oblag es Herrn Franken und mir, aus einem jährlich erscheinenden Buchkatalog im Rahmen eines bestimmten Etats neue Bücher für die Bücherei auszusuchen um den Bestand aufzufrischen und zu vergrößern. Natürlich war mein Bestreben, das Lesematerial für meinen speziellen Geschmack, z. B. Jugend- und Aberteuerbücher angeschafft wurden, wogegen mein Partner die gängigen Heimatromane usw.  für die ältere Generation bevorzugte. Das war immer eine schwierige Sache, aus dem vorgegebenen, ziemlich eng gesteckten finanziellen Rahmen das bestmögliche herauszuholen. Der Buchbestand war sowieso schon hoffnungslos veraltert. Viele der vorhandenen Bücher stammten noch aus der Jahrhundertwende.

Für mich stellten aber alle diese Bücher wahre Schätze dar. Ein Buch zu kaufen, war für mich fast unerschwinglich, denn Bücher waren damals schon sehr teuer. Billige Taschenbücher, wie sie heute in riesiger Zahl und zu jedem Thema passend in den Kaufhäusern stehen, waren damals völlig unbekannt. Als Mitglied im „Borromäus-Verein“ erhielt man jährlich ebenfalls einen Katalog, aus welchem man sich - je nach Preislage - zwei bis drei Bücher zu verbilligten Preisen aussuchen durfte, um so mit der Zeit eine eigene kleine Bibliothek zu begründen. Da habe ich dann oft Tage und Wochen im Katalog geblättert, denn bei den vielen, herrlichen Titeln war die Qual der Wahl natürlich groß.

Meistens kamen am Sonntagmorgen so 10 bis 12 Leute zum Ausleihen. Die Verwaltung verlief sehr umständlich. Alles wurde mit Karteikarten geregelt. Es gab je eine Karte für das Buch und eine für den Leser. Auf beiden wurden die entsprechenden Daten vermerkt. Wenn alles erledigt war und die eingegangenen Bücher wieder an Ort und Stelle einsortiert waren, begab ich mich - natürlich zu Fuß - mit einem dicken Stapel Bücher unter dem Arm, auf den Heimweg.

Meinen Vater versorgte ich übrigens auch mit Lesestoff. Er hatte übrigens - was mein totales Mißfallen und Unverständnis hervorrief - eine merkwürdige Art, Bücher zu lesen. Das ging bei ihm im „Schnellverfahren“ wie ich es einmal nennen will. Er las die ersten Dutzend Seiten, dann sporadisch hier und da und die letzen Seiten ebenfalls. Er hatte so die Handlung in groben Zügen begriffen, wie er mir erklärte. Wenn ihm ein Buch besonders gefiel, las er es aber auch schon mal richtig durch.

Am liebsten las ich - und daran hat sich bis heute nichts geändert - abends vor dem Einschlafen im Bett. Da war ich ungestört. War die Story sehr spannend, z. B. bei einem Karl May-Buch, dann wurde es auch schon mal spät, was mir aber erst beim Klingeln des Weckers schmerzlich bewußt wurde. Doch nun wieder zurück zu meiner Geschichte.

Vom Bahnhof in Hennef waren es nur noch ein paar Minuten bis zum Postamt an der Frankfurter Straße. Mit weichen Knien stand ich also an diesem Aprilmorgen vor meiner neuen Arbeitsstelle und überlegte gerade, durch welche Tür ich nun eintreten sollte. Just in dem Augenblick fuhren zwei Briefzusteller mit ihrem Fahrrad am hinteren Hoftor hinaus und ich hörte zufällig, wie der eine (es war Werner Böckem) zu seinem Kollegen sagte: „Mer han Tränen jelaach“ (Wir haben Tränen gelacht). Er erzählte wohl von einem Ereignis des vergangenen Sonntags. Als ich das hörte, dachte ich mit einer gewissen Erleichterung, so ernst kann die Sache also nicht sein, wenn die sich bei der Arbeit über lustige Dinge unterhalten.

Bis dato waren Menschen, die hinter den geheimnisvollen Mauern eines Postamtes ihren Dienst verrichteten, so eine Art „höhere Wesen“. Das Innere eines Postamtes war für Nichtbeschäftigte unerreichbar. Zeit meiner Tätigkeit bei der Post wurde immer und überall sehr streng darauf geachtet, daß sich keine Personen in Diensträumen aufhielten, die dort nichts zu such