|
19.02.2001 - Köln, Palladium
(hed) p.e. verteilen sich für diverse Interviews auf den Bus und die örtlichen Backstageräume. DJ Product, der mit richtigem Namen Doug heißt, möchte unbedingt noch ein bisschen skateboarden, aber der Zeitplan lässt es nicht zu. Chad, der schon reichlich bedröhnte Gitarrist, bittet mich, mit ihm im Taxi zum nächsten Plattenladen zu fahren, um dort die neue CD von John Frusciante zu erstehen, die in den nächsten Tagen permanent auf seinem Discman und im Bus laufen wird.
Während (hed) p.e. später von Niels Ruf interviewt werden, treffen Jochen Schliemann und ich Sänger Coby und Gitarrist Jerry von Papa Roach. Coby ist gut gelaunt, redselig, witzig und öffnet gleich die ersten Dosen Becks mit uns. Während des Gesprächs zerstört er herumliegende Mars-Riegel und präsentiert uns hinterher stolz („Look at these chicks, man!“) seinen mitgebrachten Playboy. „Ich bin jetzt seit einem Jahr auf Tour und so ziemlich jeden Abend voll. Deswegen kann ich schon kaum noch richtig sprechen und denken. Um das auszugleichen brauche ich so etwas hier“ - und befördert eine gut ein Meter lange Gummischleuder hervor, die angeblich dazu benutzt wird, um Obst gegen die Wände von Backstageräumen zu schmettern. Ich sehe dieses Gerät aber leider nicht mehr in Aktion...
Sein Kollege Jerry ist im Vergleich zu Coby eher ruhig und zurückhaltend und überlässt die meisten Antworten seinem Frontmann. Auch in den nächsten Tagen ist er eher vor der Playstation im Bus zu finden, als mit einem Getränk in der Hand auf der Aftershow-Party. Die laufende Tour ist für beide kaum zu begreifen. Coby: „ Das ist alles überhaupt nicht normal und total unwirklich. Andererseits hat sich das irgendwie auch schon von Beginn an abgezeichnet.“ Jerry: „Als ‘Infest’ erschien, hofften wir, dass das Album im besten Fall etwa 10.000 in der ersten Woche verkaufen könnte. Es hat aber 30.000 verkauft. Seitdem war alles total verrückt.“
Unterschiede zwischen dem amerikanischem Publikum und dem in Europa lassen sich laut Coby nur selten ausmachen. „Die Leute verhalten sich während den Konzerten sehr ähnlich. Nur wenn du mal mit den Leuten sprichst, bemerkst du Unterschiede. Hier in Europa ist es ganz normal, verschieden Musikstile zu hören, während du in Amerika meistens schief angesehen wirst, wenn du sagst, dass du sowohl Outkast, als auch At The Drive-In magst.“
Coby hat keine Schwierigkeiten damit, auch am Ende einer langen und kräftezehrenden Tour noch Spaß auf der Bühne zu haben. „Wir haben bis jetzt insgesamt ca. 800 Gigs gehabt und haben immer noch eine Menge Energie. Ich möchte jeden Abend so rocken, als wäre es das letzte mal - denn wenn ich nach einer Show sterben sollte, dann möchte ich sagen können, dass ich mein Bestes getan habe, um zu verwirklichen, woran ich glaube. Trotzdem hoffe ich, dass das Publikum auch mitmacht und ordentlich ausrastet, das transportiert das Ganze immer noch auf eine höhere Ebene.“ Die nächste Single wird „Between Angels And Insects“ sein und dürfte gemessen an den Jubelschreien, die der Song jeden Abend bekommt, mindestens ebenso erfolgreich werden wie der Vorgänger „Broken Home“. Nach den Verkaufszahlen von „Infest“ wird die Plattenfirma aber wohl schon bald auf einen neuen Langspieler drängen, oder? Jerry: „Oh ja. Sie haben uns gesagt, dass sie zum Ende des Jahres ein neues Album brauchen...“ - „was wir nicht machen werden, weil wir Zeit und Ruhe brauchen, damit sich unsere Ideen entwickeln können“, ergänzt Coby. „Wir könnten bis dahin zwar ca. acht Songs geschrieben haben, aber das nächste Album soll nicht eine bloße Kopie von ‘Infest’ werden, sondern einen Schritt weitergehen.“
Obwohl der Sänger in einer „Scheiß-Ghetto Gegend in Sacramento, wo ständig Leute erschossen werden“ wohnt, zählt er schon die Tage bis zur nächsten längeren Tourpause. „Oh Mann, ich freue mich total wieder nach Hause zu kommen, mir eine Bong und Gras zu kaufen und mich zwei Wochen lang in ein Koma zu kiffen.“ Doch zunächst muss er heute Abend das Kölner Publikum begeistern, das sich schon ab 17 Uhr vor dem Palladium einfindet. „Wir haben erst ganz selten vor so vielen Leuten gespielt. Heute sollen 5.000 Zuschauer kommen, dass macht mir schon ein bisschen Angst.“ Als die Farmer Boys um 20 Uhr pünktlich beginnen, ist der Saal zwar schon gut gefüllt, aber draußen ist die Schlange noch so lang, dass viele erst eingelassen werden können, als das Konzert der Schwaben bereits vorüber ist. Dennoch ist es erstaunlich, dass eine Band, die erst kurz vor Tourstart für den Rapper Xzibit eingesprungen ist, jeden Abend derart euphorische Publikumsreaktionen bekommt. Auch die anderen Bands sind voll des Lobes über die Farmer Boys. (hed) p.e.-Bassist Mawk übt mit meiner Hilfe fleißig den Satz, den er Sänger Matthias nach der Show sagen möchte: „Du bist wie ein Tier auf der Bühne.“ Auch wenn das Keyboard heute etwas untergeht, liefern die Farmer Boys eine ordentliche Show und zumindest den Refrain von „Here Comes The Pain“ singen etliche mit.
Um 21 Uhr ist dann Stagetime für (hed) p.e., die ihre Show wie jeden Abend mit „Killing Time“ vom aktuellen Album „Broke“ beginnen. Sowohl alte Fans der Band, als auch diejenigen, die nur wegen Papa Roach gekommen sind, sind offensichtlich begeistert von der zwar nicht gerade neuen, aber dafür explosiven Mischung aus Rock-, Hip-Hop- und Reggae-Elementen und belohnen den mitreißenden Auftritt der Band mit kollektivem Hüpfen. Vor allem DJ Product ist äußerst sehenswert, wie er sein Turntable-Rack mit der Flex bearbeitet, aber auch der Rest verausgabt sich mächtig, bis nach 35 Minuten eine total verschwitzte Band von der Bühne wankt. Etwa 45 Minuten später ertönt das „Pulp Fiction“-Intro zu „Infest“ und Papa Roach werden mit donnerndem Applaus und lautem Geschrei auf der Bühne empfangen. Die Band ist mittlerweile unglaublich gut eingespielt und schafft es, die Halle bis in die letzten Reihen zu begeistern. Besonders gut kommt heute „Dead Cell“ und der relaxte Hidden-Track des Albums. Dann ist nach dem im Vergleich zur Studioversion etwas schneller gespielten Hit „Last Resort“ Schluss.
Coby hatte mich schon am Nachmittag angewiesen, meine Kamera nach der Show nicht mehr laufen zu lassen, denn dann sei er Coby ‘Evil’ Dick, dessen Verhalten niemanden etwas angehe. So evil ist er dann zwar auch wieder nicht, aber von allen Papa Roach-Jungs gibt er auf den Partys definitiv am meisten Gas. Im Backstagebereich ist heute ein ziemlicher Menschenauflauf. Auffällig viele junge Mädchen drängeln sich um die Bandmitglieder - und gehen denen teilweise ganz schön auf die Nerven. Eine bringt jedoch alle Anwesenden zum Lachen, indem sie sich und ihre beiden Freundinnen als „drei Virgins“ vorstellt, die Zahl dabei aber deutsch ausspricht, so dass alle „dry virgins“ verstehen.
(hed) p.e.-Sänger Jahred tanzt zu Wu-Tang Clan, während Coby für Fotos posiert und eine Flasche Wein leert. Um 1.30 Uhr hüpfen alle in die Busse, wo dezent weiter gefeiert wird. Chad spielt in der Lounge auf seiner Akustikgitarre und der total fertige DJ Product und ich grölen sinnlose Texte dazu, bis uns Mawk und ein Mitglied der Crew verscheuchen, weil sie „Gladiator“ sehen möchten. Gute Nacht.
20.02.2001 - Hamburg, Große Freiheit 36
Wes weckt mich gegen 12 Uhr: „Hey, German Scheiße, let’s have breakfast!“ Während wir mit seiner aus Amerika angereisten Freundin Rührei und Speck mampfen, frage ich nach eventuellen Neidgefühlen bezüglich Papa Roachs Erfolg. „Von Neid kann keine Rede sein. Erstens sind die Jungs schon so lange dabei, und außerdem sind sie unsere Freunde. Klar wäre es cool, wenn wir auch so viele Platten verkaufen würden, aber trotzdem gönnen wir ihnen ihren Erfolg, weil sie ihn verdient haben. Außerdem haben sie uns auf diese Tour mitgenommen und uns die Möglichkeit gegeben, in diesen großen Hallen zu spielen - und dafür sind wir ihnen unglaublich dankbar.“
Anschließend gibt es einen langen Fototermin mit einem englischen Fotografen, der aber gleich zu Beginn der Session in Hundescheiße tritt und von (hed) p.e., vor allem von DJ Product, nun gehörig verarscht wird. Anschließend werden sie noch von Stefan Malzkorn abgelichtet, wonach Chad die Nase vom Posieren voll hat und sich zum Schlafen in den Bus verzieht. Die anderen Bandmitglieder entdecken nebenan den ‘Hamburger Hafenbasar’ und verbringen dort eine ganze Stunde.
Nach einem gemeinsamen Essen mit der gesamten Toucrew lassen Jahred, DJ Product und Chad im Backstageraum ihre Pfeife kreisen und kichern permanent über für mich unverständliche Insider-Witze. Wes ist total müde und holt sich einen doppelten Jacky-Coke: „Sonst werde ich heute gar nicht mehr fit.“ Mawk hingegen trinkt vor den Shows nur wenig, „weil ich mit viel Alkohol auf der Bühne wie eine Tonne herumstehe. Deshalb genehmige ich mir nur ein oder zwei Gläser Wein.“
Weil wir uns heute im berühmt-berüchtigten Red-Light District befinden, sind alle ziemlich gut drauf und selbst der meist sehr ernste Papa Roach-Bassist Tobin kann über den Türsteher lachen, der mich in den Backstagebereich durchlässt, ihn aber nicht. Aufgrund der guten Stimmung hinter der Bühne verpasse ich die Farmer Boys und sehe lieber (hed) p.e. beim ca. einstündigen Schminken, Stylen und Aufwärmen zu. Sie spielen erneut ein gutes Konzert, auch wenn sie nicht ganz zufrieden sind. Jahred: „Es hätte besser sein können, zumal wir uns bei ‘Bartender’ ganz übel verspielt haben.“
Für Papa Roach kommt es dann aber noch dicker: Stromausfall. Für eine halbe Stunde geht in der Freiheit gar nichts mehr, was die Tourmanager dazu zwingt, alle aus dem Backstagebereich zu verscheuchen. Also gehe ich in den Zuschauerraum zu Jahred, der dort Autogramme verteilt und sichtlich mit seinen Kollegen mitleidet. „So eine Scheiße. Komm, wir gehen uns besaufen.“ Nach einem Bier spielen Papa Roach weiter, die Show ist wieder wirklich klasse und der Hit des Abends eindeutig „Between Angels And Insects“.
Anschließend gehe ich mit (hed) p.e.-Drummer B:C: und Jahred zur After-Show im benachbarten ‘Orange’-Club, wo Papa Roach für die Single „Last Resort“ und das Album goldene Platten verliehen werden. Die (hed) p.e. Jungs strahlen über das ganze Gesicht, als der DJ bei der anschließenden Disco nach „Broken Home“ ihren Song „Killing Time“ spielt. Auch Papa Roachs Tobin hat den Stress mit dem Strom schon wieder vergessen und vergnügt sich in einer dunklen Ecke mit einem Mädchen. Als unser Bus um 3 Uhr abfahren soll, kommt es zu einer kurzen Verzögerung, weil Crewmitglied D-Bow ebenfalls noch mit Damenbesuch in der Lounge zu Gange ist.
21.02.2001 - Berlin, Columbiahalle
Die gestrige Party steckt allen noch in den Knochen, so dass an diesem Nachmittag nicht viel passiert. Jahred und DJ Product schlafen bis Abends, Chad und Wes arbeiten im Bus an neuen Songs und B.C. und Tourmanager Chad machen eine Besichtigungsrunde durch Berlin. Einzig Bassist Mawk bleibt im Backstageraum in der Columbiahalle, um seinen täglichen Work-out zu absolvieren. „Ich fühle mich einfach besser, wenn ich ein bisschen Sport mache, schwitze und meinen Blutkreislauf in Schwung bringe.“
Wenn ich richtig gesehen habe, dann dürften an seiner guten Blutzirkulation die beiden Hamburger Blondinen von gestern nicht unschuldig gewesen sein... „Da ist nichts Aufregendes passiert, ehrlich. Diesen ganzen Groupie-Mist habe ich auf den ersten Touren mitgemacht. Jetzt finde ich es viel spannender und interessanter, mich mit den Mädels vernünftig zu unterhalten, denn irgendwann werde ich nicht mehr in einer Band spielen und muss Girls kennenlernen wie jeder andere auch - und dafür übe ich jetzt.“
Als Papa Roach am Abend von einem MTV-Interview zurückkehren, kriegen sie Besuch von der Masseuse Dr. Dot, die beide Bands in totale Aufregung versetzt. Schon lustig zu sehen, wie sich die sonst so abgebrüht wirkenden Rockstars um diese Frau drängeln. Einzige Ausnahme: Papa Roach Drummer David B. sitzt währenddessen gemütlich am PC im Produktionsbüro, surft im Internet und schmettert „O Sole Mio“ durch den Gang. Sowohl die Farmer Boys, als auch (hed) p.e. spielen heute ihr bestes Konzert. Vor allem am Ende des (hed) p.e.-Gigs brechen bei „P.O.S.“ alle Dämme. B.C. nickt hinterher zufrieden: „Stimmt, das war das coolste Konzert, das du bisher gesehen hast - aber glaub mir, wir können noch besser.“
Auch Papa Roach sind heute noch einen Zacken besser als die vorherigen Male, unterstützt von einem fantastischen Berliner Publikum, dass jeden Song nahezu vollständig mitsingt. Nur bei „The Gentle Art Of Making Enemies“ von Faith No More (Coby: „FNM sind eine unserer Lieblingsbands und ‘King For A Day...’ unser Lieblingsalbum.“) verstummen die Chöre teilweise. Der Song zählt dennoch zu den heutigen Highlights und das nicht nur, weil sich Coby extra sein T-Shirt in die Hose steckt. Bevor ich weiter zur sehr langen und lustigen Aftershow-Party fahre, heißt es schon mal Abschied nehmen von (hed) p.e., deren Bus leider schon sehr früh in Richtung Wien weiter fährt. Wir sehen uns bei Rock Am Ring! |