Hanns Kappler
Ein Sommertag in Stonsdorf
Das liebliche Dörfchen Stonsdorf war das Ziel unserer Wanderung.Auf dem Königswege gelangten wir zum Rotherberg und danach an den Häusern von Zillerthal vorbei zum Aussichtspunkt "Schiestls Höhe".Das Schmiedeberger Tal entfaltete sich vor unseren Augen zu einem wundervollen Panorama.Nach einer Stunde erreichten wir Stonsdorf.Der kleine Gebirgsort liegt in 418 m Seehöhe und hatte in jenen Tagen etwa eintausend Einwohner.In Ober-Stonsdorf liegt inmitten eines schönen Parkes das Schloß,das einem Prinzen Reuß(aus der jüngeren Linie) gehörte.Schon von weitem hatten wir den Prudelberg gesehen,den wir nun erstiegen.Wir kamen auf unserem Pfad vorbei an merkwürdigen Felspartien,die von den Einwohnern Stonsdorfs mit lustigen Namen bedacht waren.So gab es zum Beispiel eine Gesteinsgruppe mit dem Namen "Käse und Brot",außerdem die "Muschel",den"Sarg" und andere mehr.Besondere Neugier erweckten in uns die bekannten Grotten im Berg.Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges wurde eine davon die "Rischmannshöhle"genannt.In ihr hauste ein religiöser Schwärmer namens Rischmann,der durch Weissagungen weitum im Gebirge bekannt geworden war.Im Volke stand er in hohem Ansehen,während die Geistlichkeit glaubte,vor ihm warnen zu müssen.Aber in harten Kriegszeiten fanden solche Einsiedler schnell einen großen Zulauf,dies war auch an anderen Orten unseres Vaterlandes der Fall.
Die Höhe des Prudelberges krönte seit dem jahr 1901 ein trutziger Bismarckturm.Von seinem Sockel umfaßte der Blick des Wanderers das ganze Riesengebirge und das Boberkatzbachgebirge dazu.Nachdem wir uns an der prächtigen Aussicht sattgesehen hatten,wanderten wir ins trauliche Stonsdorf zurück.Zur alten schönen,schlichten Kirche zog es uns zunächst.Der kleine Friedhof bot eine Idylle:junge fürwitzige Ziegen sprangen umher oder lupften von den überall frisch sprießenden Gräsern zwischen den Hügeln.Es blieb natürlich nicht aus,daß wir uns jenes bekannten Witzes errinerten,der wohl einem jeden Schlesier bekannt war,jener Witz,wonach ein Pastor vor dem Grab eines verstorbenen Einwohners die Worte ausrief:"Nun hat der liebe Gott wieder einen Stonsdorfer zu sich genommen..".Wer denkt bei dem Namen "Stonsdorf" nicht sogleich an den berühmten Gebirgskräuterlikör,den als erster ein Mann namens Christian Gottlieb Koerner in Stonsdorf braute ? Von den eifrigen Krummhübler Laboranten übernahm er ein Rezept und gab ihm den letzten Pfiff,indem er neben Gebirgskräutern vor allem echte Riesengebirgsheidelbeeren seinem Urgebräu zusetzte.Dieses Rezept entwickelte sich sehr bald zu einem Volltrefer.Der Sohn des Erfinders,Wilhelm Koerner,verlegte die Fabrik im Jahre 1868 nach Hirschberg-Cunnersdorf,da des großen Erfolges wegen das Stonsdorfer Gewand zu eng geworden war.Weit verbreitet war der Echte Stonsdorfer,als 1945 das Kriegsende dem Aufschwung ein Ende zu setzten drohte.Aber was ein echter Schlesier ist,der wird in der Not zum wahren"Stieh-uff-Mannla"! Die jetzigen Inhaber,die Stabrins,bauten das Unternehmen in der Nähe Hamburgs von neuem auf,daß heute über 150 Waggons Waldheidelbeeren pro Jahr verarbeitet.
Wir aber sind damals auf der Weiterwanderung ein letztes Mal vor der tausendjährigen Eiche mit dem hohlen Stamm gesessen und haben die Strophen am Ende des Gedichts gelesen,das auf einer am Stamm befestigten Holztafel stand:"Nun steh ich wieder hier nach vielen Jahren,mit Weh im Herzen muß ich sagen.Um eines möcht ich noch verkünden:Von Freunden,die ich einst gehabt,sind jetzt nicht viele mehr zu finden...."Vielleicht hat der Verfasser diese Verse geahnt,daß sich der Weg vieler Freunde-fern der Heimat-nach allen Himmelsrichtungen verlief.

Kirche in Stonsdorf
GASTHÄUSER in STONSDORF
(Grieben Reiseführer 1935)
Zur Brauerei, 7 Betten
Gasthof zum Prudelberg(Gerichtskretscham), 8 Betten
Gasthaus Schöps, 4 Betten
Rübezahlschänke, 7 Betten
powered by Beepworld