In einer Riesengebirglerstube vor 100 Jahren,von Alois Tippelt

Wenn von den Riesengebirgsbauden geschrieben und gesprochen wird,so denken wir vor allem an die großen Kammbauden,die wir von unseren schönen Gebirgswanderungen noch in bester Erinnerung haben.Doch diese Bauden waren bereits richtige Berghotels,die dem Gast alle städtische Bequemlichkeiten boten.Die eigentlichen Bauden aber waren die kleinen Häuser und Hütten,die gleich Schwalbennestern an den Berghängen klebten und der Gebirgslandschaft ein arteigenes Gepräge gaben.

Treten wir mit unseren geistigen Auge einmal in eine solche alte Riesengebirgsstube ein und schauen uns hier ein wenig um.Wir sehen noch die vertrauten Winkel und Ecken mit dem altmodischen Hausrat,nur die Menschen,die einst friedlich und still hier wohnten,fehlen.Wir sehen kein Großmütterlein mehr,das von seinen Gebetbuche bei einer stillen Sonntagnachmittagsandacht aufschaut,die Hornbrille von der Stirne schiebt und uns ein "Seid ock schien willkumma!"zuruft,auf welchen Gruß wir mit einem"Schien Donk"! antworten würden.Denken wir noch weiter zurück,an jene"gute alte Zeit",als der Großvater die Großmutter nahm,und sie daran gingen,eine solche Baude zu einem uns noch vertrauten Heim einzurichten.Da bemerkten wir gleich beim überschreiten der Türschwelle an derselben zwei kleine Hufeisen angenagelt,die Glück verheissen sollten.Rechts am Türfutter hing der zinnerne Sprengkessel,der Weihwasser enthielt,das am Tage vor dem Dreikönigsfeste in der Kirche geweith worden war.Über der Tür hing der "Haussegen",dessen Spruch eine schlichte Lebenswahrheit beinhaltete.Gleich neben der Tür knarrte der "Sächer",ein ganz altertümlich anmutendes Räderwerk.Der Schwenker,auch Papendikel genannt,pendelte vor dem verrauchten Zifferblatt unentwegt hin und her.Der Stundenschlag war meist nur ein schnarrendes Geräusch,aber man hörte es gern.Die Ketten ersetzten oft Handschnüre und die Gewichte waren längliche Steine,die mittels eines Drahtgeflechtes verbunden waren.In der Uhrwand war ein viereckiges Loch zu sehen,das zur Aufnahme des Feuerzeugs diente.Diese bestand aus einem Stahlstäbchen,einem Feuerstein(Hornblende) und dem Glimmschwamm,sowie einigen Wollfetzen.Mußte das Feuermachen ein mühsames Geschäft gewesen sein im Vergleich zu den modernen Zündhölzern !

In der Ecke stand der Backofen,auf welchen zwei Stufen führten und der häufig als Schlafstelle benutzt wurde.Kranke kamen oft wochenlang vom "Backufa"nicht herunter,höchstens,wenn sie des Leibes Notdurft heruntertrieb.Anschließend daran war der große,grüne Kachelofen,dessen Beheizung meist von allen besorgt wurde.Sollte dieses Ungetüm von einen Ofen richtig warm werden,so mußte ordentlich eingeheizt werden,wozu Holz und Reisig verwendet wurde,was der Gebirgler in den herrschaftlichen Waldungen sammelte.Der brauchige Ofentopf war aus Eisen,in wohlhabenden Familien mitunter auch aus Kupfer;war er aus letzterem Metall,so wurde er zum Wochenende immer blitzblank geputzt,damit er am Sonntag ordentlich funkelte.Die blecherne"Ufaröhre" mußte groß genug sein,um bei einem Hochzeitsschmaus genügend Raum zum Braten bieten zu können,denn bei großen Familienfesten war immer das ganze Haus voller Gäste.An der Decke wurde die "Ufastange"angebracht, auf der die Wäsche oder nasse Kleidung getrocknet wurde.Bei Pantschwetter sah man zuweilen auch ein Paar"ogesoffane Schäftastifaln" daran baumeln,die man zuvor mit Heu vollgestopft hatte,damit sie nicht "einkriechen",d.h.nicht zu klein wurden.Ski waren unseren Altvorderen noch unbekannte Dinge.Um jedoch im Schnee nicht alzu tief einzusinken,bediente man sich der Schneereifen,die-damit die Schn�re nicht faulten-ebenfalls an den Ofenstangen aufgehängt wurden.Neben der "Ufar�hre"lag der Spanhobel, der einem großen Gurkenhobel ähnelte und zur Herstellung der Kiensp�ne oder "Schl��la" diente,die für Beleuchtungszwecke gebraucht wurden.Kerzen waren damals noch sehr teuer und sparsam waren unsere Gebirgler jederzeit.

Immer war zu zwei Seiten des Ofens die "Ufabanke"angebracht,auf der die Schmetten-und Quarkt�pfe standen.Kinder beliebten auf der Ofenbank zu turnen,was dem Vater und Mutter nicht allzugern sahen,dann wie leicht konnte so ein kostbarer Schmettentopf umfallen.Die Ofenbank war auch das bevorzugte Plätzchen des "Gru�voater",der sich Sommer wie Winter an den warmen Kachelofen lehnte und in voller Gem�htsruhe seine Tobakpfeife rauchte.In einer Fensterecke stand der gro�e wuchtige Tisch mit starkem Untergestell.Unter der Tischplatte war die Schublade,die Geldkasse der Gebirgler.Ein unf�rmig gro�er Schl�ssel schlo� die Lade diebessicher zu.Da die Tischplatte nicht mit Glattfarben gestrichen war,so mu�te sie der Reinlichkeit wegen nach jeder Mahlzeit mit Sand und B�rste gescheuert werden.Die sich manchmal verj�ngenden Tischbeine waren durch Querstangen,die als Fu�st�tzen dienten,verbunden und verschr�nkt.Knapp unter dem "Eck",so wurde allgemein die Decke genannt,war eine gr��ere Anzahl auf Glas gemalter Heiligenbilder zu sehen,die jedoch keinerlei Kunstwert hatten.In einem Deckeneck war stets ein Kreuz oder ein Madonnenbild zu sehen,vor dem in der heiligen Zeit oder an Gedenktagen ein rotes Lämpchen brannte.

Wo die Wand nicht durch Betten oder Schränke verstellt war,war eine breite mit der Wand fest verbundene Bank,auf welche alles das geworfen wurde,was st�ndig im Gebrauch war,also Kleidungsst�cke,W�sche,bunte Regenschirme und allerlei Stubenrat.Eine Kleideraufbewahrungstelle war auch das Himmelbett,das man mit gro�en N�geln verunzierte.das buntbemalte Himmelbett selbst war in allen Bauden die gr��te Zierde.den Namen hatte es von seiner h�lzernen Decke,die auf vier S�ulen ruhte.Im Volksmund hie� es auch Zweisp�nner,daher auch seine gro�e Breite,manchmal bis zu 2 Metern.Es war das Ehebett und bequem konnten auch noch ein bis zwei Kinder darin Platz finden.Die Betten waren mit braun-,blau-oder rotgestreiften Z�chen �berzogen,und oftmals reichten sie bis an den "Himmel"hinauf,sehr zum Stolze jeder Hausfrau,zumal die Federn meist selbst geschlissen wurden.

Zum Hausrat geh�rten noch die St�hle,allgemein Schemel genannt,mit einer Brettchenlehne mit geschnitzen Herzformen verziert.Die Schemelbeine waren in kreisrunde L�cher eingelassen und wurden trotz guter Verkeilung leicht locker.Bei Wirtshausraufereien waren Schemelbeine ein beliebtes Mittel zum Zuschlagen.Mitten in der Stube stand das gro�e,h�lzerne Butterfa�,das mittels einer Hebelvorrichtung,die am Deckentram festgemacht wurde,bewegt werden konnte.Da man im Gebirge wegen der K�sezubereitung s�� butterte,wurde es viel gebraucht.Das sogennante K�sebrett lehnte an der Wand hinauf.Echte Riesengebirgsbutter hatte weit und breit einen guten Ruf.

Zur Türseite war das gro�e Sch�ssel-oder Topfbrett,ein offener Schrank mit Leisten,der gewöhnlich braun gestrichen war.Gro�e buntbemalte oder buntglasierte Schüsseln und Teller waren hinter den Leisten aufgestellt.Auf peinlichste Sauberkeit wurde viel gehalten,daher war auch alles blitzblank.Die Töpfe hatten gewöhnlich au�en keine Glasur,wohl deshalb,weil die Glasur durch das Stehen im Feuer abgesprungen w�re.Das L�ffelk�stchen hing für gewöhnlich an der Wand.In den Leisten des Schlüsselbrettes waren Haken eingeschlagen,an welchen Krüge und Töpfe hingen, alle bunt bemalt und öfters auch mit Jahreszahlen versehen.Die unentbehrliche Kaffeemühle erhielt einen besonderen Platz zugewiesen, meistens gleich in Herdnähe. Decke und Wände waren meistens nur gekelcht(mit Kalkmilch geweißt),eine Arbeit,der jeder Baudenbesitzer selbst nachkam.Bei Eintritt der wärmeren Jahreszeit wurden alle Wohnräume gescheuert.Alles wurde ins freie gestellt,abgestaubt und nach bedarf auch gewaschen.Die Fugen zwischen den Wandbalken,die mit Lehm ausgeschmiert waren,wurden wieder mit Kalk frisch geweißt.Es war wirklich eine Freude,in so eine saubere,frisch geputzte Gebirgsstube einzutreten.-An die Spinnabende errinerten das Spinnrad,der Spinnrocken,die Garnweifen und die Hecheln.Die einst so notwendigen Gebrauchsgegenstände verschwanden aber nach und nach fast ganz aus den Gebirgsstuben.Die Fenster hatten gewöhnlich vier Scheiben und waren fest vernagelt,so daß man sie nicht Öffnen konnte.Dafür waren jedoch an einzelnen Fenstern"Schleplan" angebracht,um doch etwas lüften zu können,obwohl auf das Lüften nicht allzuviel gehalten wurde.Es war daher nicht zu vermeiden,daß jede Baude ihren hauseigenen Geruch hatte,der jedoch niemand störte.

Wie schlicht und einfach waren doch unsere Bauden im Vergleich zu einer heutigen modernen Wohnkultur.Aber unsere Urgroßväter hingen mit großer Liebe an ihren Gebirgsbauden und-hütten.Häuschen,die sich von Generation zu Generation vererbten.Jahrhundertelang waren immer die gleichen Bauden gebaut worden,erst unsere Zeit blieb es vorbehalten,diese durch Steinbauten zu verdrängen.Nichts fiel dem Riesengebirgler schwerer,als sich von seinem Vaterhause zu trennen,und wenn es nur vorübergehend war;umso härter mag 1945 der Abschied aus den kleinen Häuschen gewesen sein,als die Leiden der Vertreibung einsetzten.Orginalriesengebirgsstuben waren in den Museen zu Hirschberg,Hohenelbe und Kukus eingerichtet worden.Denkmäler einer Zeit,deren Ausklänge wir noch miterlebt haben.

Alois Tippelt, aus dem Buch"Blaue Berge,grüne Täler,Helmut Preußler Verlag,Nürnberg,3 Auflage 1984

 

 

 

powered by Beepworld