Die Porzellanfabrik der Gebrüder Pohl in Ober-Schmiedeberg im Riesengebirge

Aus Deutsch-Böhmen,das bis zum Ende des 1.Weltkrieges zum Österreichischen Kaiserreich gehörte,aus der Nähe von Aussig,kamen die Geschwister Heinrich,Leonhard,Reinhold und Anna Pohl nach Schmiedeberg.Heinrich soll Töpfer,Leonhard Maurer und der dritte Zimmermann gewesen sein.In einem kleinen alten Häuschen in Ober-Schmiedeberg,Liebauer Straße 3,begannen die Gebrüder Pohl im September 1871 mit der Herstellung von Puppenköpfen und Porzellanpfeifen für Tabakraucher.Man arbeitete zunächst mit einem Brennofen und mit einfachen Handpressen.In den folgenden Jahren kam die Produktion von Porzellannägeln hinzu,die zur Befestigung von Bezügen auf Sofas und Polsterstühlen dienten.Der noch junge Betrieb fertigte im Jahre 1881 mit 20 Arbeitern ca.12 Millionen Porzellannägel,ein Jahr darauf mit 32 Arbeitern bereits 26 Millionen Stück davon !!

Als Inhaber bzw. Gesellschafter der Porzellannägel-Fabrik der Firma Gebrüder Pohl führte die zuständige Handelskammer in Hirschberg 1881 Heinrich,Reinhold und Bernhard Pohl auf.Nach dem Anschluß von Schmiedeberg an das Eisenbahnnetz 1882 nahm die Fabrik einen raschen Aufschwung.Neue Produkte wurden in die Fertigung aufgenommen,z.B.Porzellanknöpfe aller größen,Schraubenknöpfe,Schubladenknöpfe,Flaschenverschluß-Knöpfe sowie Porzellanringe und -quasten.1889 kam die Produktion von Stanzporzellan für elektrotechnische Zwecke hinzu.Über viele Jahre hinweg hieß die Porzellanfabrik im Volksmund nur die"Knöppel-Fabrik".1891 produzierten schon durchschnittlich 350 Arbeiter ca.300000 Kilogramm Porzellanartikel im Wert von etwa 300000 Mark.Die steigende Nachfrage führte zur Gründung der Zweigfabriken Haselbach(1892) und Hirschberg(1896).In dieser Zeit der Expansion,im Jahre 1896,erhielt ein weiteres Familienmitglied Prokura,Wilibald Pohl nahm die ihm erteilte Prokura bis 1904 wahr.

1897 zählte die Firma insgesamt 730 Beschäftigte mit einer Jahresproduktion von etwa 680000 Kilogramm im Gesamtwert von über 670000 Mark.Selbst Hochwasserschäden in Höhe von über 100000 Mark,die im Jahre 1896 entstanden waren,hatten die Vergrößerung der Firma nicht aufhalten können.Mit dem Ausbau der elektrischen Industrie dehnte die Firma ihren Betrieb immer mehr auf die Herstellung der für diesen Industriezweig notwendigen Porzellanartikel aus und entwickelte sich zu einem der bedeutenden Unternehmen des Hirschberger Tales.1900 exportierte die Porzellanfabrik ein Drittel der Produktion u.a.in die Schweiz,nach Österreich,Frankreich,Belgien,Holland,England,Dänemark,Schweden,Rußland und Amerika.Von dem sozialen Aufstieg und dem Ansehen der Firmeninhaber zeugt der folgende Hinweis aus dem Jahre 1900:"dadurch,daß die Gebrüder Pohl ihr an Naturschönheiten reiches Waldgebiet am Hellabach,die "Pohlsche Schweiz",dem Publikum zugänglich machten,erwarben sie sich den Dank aller Naturfreunde".Seit Ende 1902,nach dem Ausscheiden seines Bruders Leonhard,leitete Heinrich Pohl die Firma als alleiniger Inhaber.Ihm stand von 1904 bis 1907 das Familienmitglied Geza von Petenyi als Prokurist zur Seite.In Würdigung seiner Verdienste um die Wirtschaft der Region erhiehlt Heinrich Pohl die Titel eines königlichen und eines Geheimen Kommerzienrates.Dessen ungeachtet soll er ein bescheidener Mann geblieben sein,den seine Arbeiter hoch schätzten.Seine letzte Ruhestätte fanden er und seine Frau am Rande einer Wiese in der "Pohlschen Schweiz".

1908 eröffnete die Porzellanfabrik Gebrüder Pohl eine weitere Zweigfabrik,diesmal in Erdmannsdorf.Damit verfügte das Unternehmen nunmehr über vier Produktionsstätten,die über eine Entfernung von dreißig Eisenbahnkilometer durch eine Eisenbahnlinie verbunden waren.Der Höhepunkt der Firmenentwicklung dürfte unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg erreicht worden sein.Im Jahre 1913 beschäftigten die vier Fabriken des Unternehmens einschließlich der Heimarbeiter bis zu 2000 Personen.Die Porzellanfabrik verfügte zu dieser Zeit über eine eigene Malerei,Druckerei,Schlosserei,Schmiede,Tischlerei,Böttcherei und eine Feldspatengrube im Schmiedeberger Forst.Trotz aller Erfolge der Gebrüder Pohl blieb-wie bei dem Essener Großunternehmer Krupp-das kleine Haus,mit dem die Firmengeschichte begonnen hatte,auf dem Firmengelände erhalten.Soziale Empörung und wohl auch etwas Neid mögen im Vorkriegsjahr 1913 die Sätze geprägt haben,die in einer Verbandszeitung der Porzellanarbeiterschaft über die Porzellanfabrik in Schmiedeberg und ihren Inhaber standen:"Jetzt gibt es Villen,großartige Gebäude,Autos,Kommerzienratstitel,Millionen,einen adligen Oberleutnant aus Österreich als Schwiegersohn usw.Auch der Besitz an Ländereien ist sehr groß,so daß man von einer Pohlschen Schweiz mit Recht spricht".Der Erste Weltkrieg brachte vielen Porzellanfabriken im Deutschen Reich vorübergehende Betriebseinschränkungen;das Unternehmen in Schmiedeberg blieb von ihnen ebenfalls nicht verschont.Vor 1920 ging das Unternehmen in die Hände des "adligen Oberleutnants" Geza von Petenyi über.

Mit Wirkung ab 1.Juli 1920 erfolgte die Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft;sie wurde mit einem Kapital in Höhe von fünf Millionen Mark ausgestattet.Zu ihren Gründern gehöhrte u.a.Geza von Petenyi,er brachte für über drei Millionen Mark "das von ihm unter der Firma Gebr.Pohl betriebende Unternehmen"ein.Der Direktion gehörten anfangs Fritz Hampel und Oskar Hagen später Eugen von Petenyi an.Vorsitzender des Aufsichtrates war zunächst der Bankier Dr.Kurt von Eichborn aus Breslau,danach geza von Petenyi.Als technischer Direktor arbeitete Mitte der zwanziger Jahre Gustav Rauch.Die allgemeine wirtschaftliche Situation in den Nachkriegsjahren führte zu einem verringerten Auftragseingang,so daß 1920/21 die Arbeit eingeschränkt und die Porzellanfabrik im Mai 1921 vorübergehend stillgelegt werden mußte.Absatzschwierigkeiten im Inflationsjahr 1923 und der sich aus ihnen ergebende Zwang zur betrieblichen Konzentration machten die Schließung der Zweigfabrik in Hirschberg am 31.Mai 1923 erforderlich.In den drei verbleibenden Fabriken in Schmiedeberg,Erdmannsdorf und Haselbach waren zu dieser zeit noch etwa 1000 Personen beschäftigt.Nach der Inflation wure das Aktienkapital auf 1,2 Millionen Goldmark umgestellt.Das Unternehmen blieb am technischen Fortschritt orientiert;ein Hinweis auf die Produktion von Porzellanartikeln für Radioanlagen liegt bereits aus dem Jahre 1925 vor.1926/27 arbeitete das Unternehemen wieder mit 16 Rund- und 2 Muffelöfen.Seit dem 1.Juli 1928 waren die Fabrikgebäude und Betriebseinrichtungen der Aktiengesellschaft an die Porzellanfabrik Paul Rauschert G.m.b.H in Pressing-Rothenkirchen/Oberfranken verpachtet.Den Rauschert-Konzern leitete bis zu seinem Tode Paul Rauschert sen.aus Coburg,der den Begründer der privaten Porzellanindustrie in Thüringen,Gotthelf Greiner,zu seinen Vorfahren zählte.Die Direktion der schlesischen Gruppe,die bis 1932 ihren alten Firmennamen behielt,übernahmen Generaldirektor Paul Rauschert jun.und Egon Rauschert als sein Stellvertreter.Prokuristen waren zuerst Kurt reifschneider,dann etwa ab 1930 Max Mai.Im Produktionsprogramm erschienen um diese Zeit u.a.zusätzlich Steatit für Zündkerzen und die Elektrotechnik,hitzefestes Material für Hezsonnen und elektrische Kochplatten.Doch trotz der Aufnahme neuer Artikel in die Produktion sank diese während der Wirtschaftskrise 1929/30 auf nur noch etwa 270 Tonnen im Jahr.

Mit der Firmenübernahme durch den Rauschert-Konzern und der am 22.August 1932 erfolgten Namensänderung erlosch der Hinweis auf die ursprüngliche Pozellanfabrik der Gebrüder Pohl.Die Aktiengesellschaft mit Sitz in Schmiedeberg firmierte bis zum 27.Juni 1936 unter dem Namen"Porzellanfabrik Paul Rauschert,Aktiengesellschaft".Als Schwesterwerk der Porzellanfabrik Paul Rauschert G.m.b.H.in Pressing/Oberfranken blieb die neue Aktiengesellschaft unter der bisherigen Direktion der Brüder Paul und Egon Rauschert.Die Aktiengesellschaft verfügte über ein Kapital in Höhe von 900000 Reichsmark.Mitte der dreißiger Jahre beschäftigte sie,zusammen mit den Zweigfabriken in Erdmannsdorf und Haselbach,etwa 500 Arbeiter und betrieb 15 Brenn- und 2 Muffelöfen.Eine Aerographen-und Prüfanlage sowie ein Laboratorium gehörten zu den Betriebseinrichtungen.Neben den schon genannten Porzellankurzwaren und den Artikeln für die elektrotechnische Industrie stellte das Unternehmen auch Geschirr für den Haushalt und den Hotelbedarf her.

Durch die erneute Namensänderung im Jahre 1936 paßte die Aktiengesellschaft ihren Namen dem erweiterten Produktionsprogramm an.1937 erfolgte eine Herabsetzung des Aktienkapitals auf 660000 reichsmark,das zu 45 Prozent auf Generaldirektor Paul Rauschert und zu 36 Prozent auf seinen Stellvertreter(und Bruder) Egon Rauschert entfiel.Wie breit das Produktionsprogramm der Aktiengesellschaft geworden war,läßt eine Aufstellung aus dem Jahre 1941 erkennen.Danach fertigte das Unternehmen u.a:"Alle vorkommenden keramischen Teile für techn.und elektrotechnische Zwecke aus: Elektro-Hartporzellan,Steatit-Porzellan,Elektro-Fayence,Elektro-Pyrolit...für die Elektro-Wärmetechnik,Superpyrolit(bei 1500 C gebrannt),Flaschenverschlüsse für Bier- und Seltersflaschen,Krugdeckel,Gardinenquasten,Sofanägel,Polsternägel,Textil-Porzellane,Haushaltsgegenstände,Eierbecher,Tassen,Salzstreuer,Aschenbecher,Bonbonnieren,Milchbecher,Puppenköpfe aus Hartgußmassen in künstlerischer Ausführung und jeder Größe".Die Porzellanfabrik in Schmiedeberg war,entsprechend ihrer Produktion,Mitglied des Verbandes Deutscher Elektrotechnischer Porzellanfabriken,Berlin.Ingenieur Walter Kober leitete bis kurz vor Kriegsende die Abteilungen Pyrolit,Fayence und Porzellan;Dipl.Ing.Werner Heinze,Leiter des Steatit-Betriebes in Schmiedeberg,und der langjährige Prokurist Max Mai arbeiteten bis Kriegsende für das Unternehmen,das 1942 noch 35 Angestellte und 450 Arbeiter zu seiner"Gefolgschaft"zählen konnte.Als sich Anfang 1945 die Frontlinie dem Rande des Riesengebirges näherte,mußte die Produktion wegen des Mangels an Roh-und Brennstoffen eingestellt werden.Die sowjetische Besatzungsmacht veranlagte nach der Besetzung Schmiedebergs im Mai 1945 die Demontage und den Abtransport wesentlicher Teile der Porzellanfabriken.Unter polnischer Verwaltung wurden später mit Hilfe der noch vorhandenen deutschen Facharbeiter Maschinen aus anderen schlesischen Porzellanfabriken aufgestellt und die Produktion von technischem Porzellan wieder aufgenommen.Als einer der letzten Betriebsangehörigen mußte in den fünfziger Jahren der Werkzeugmacher Kurt Brückner seine schlesische Wirkungstätte und Heimat verlassen.Ingenieur Walter Kober,der noch kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges zur Wehrmacht einberufen war,starb in russischer Kriegsgefangenschaft;Dip.Ing.Werner Heinze fand in einem von Polen eingerichteten Gefängnis in Hirschberg den Tod.

Das Bild zeigt Ober-Schmiedeberg im Riesengebirge,im Hintergrund die Fabrikgebäude der Porzellanfabrik

 

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