RIESENGEBIRGLER MUNDART

"Wenn die Urgel"s letzte Stickla spielt,aalt an jung sich wieder dorschtich fiehlt.Zum Kratschen lenk merr inse Schriete,do kimmt sugoar der Pforrer miete..."

(Das Bild zeigt eine Trachtengruppe aus Krummhübel vor 1945)

Mundartliche Blütenlese

(aus dem Buch "Riesengebirge" von Erle Bach)

Im gesamten Riesengebirge, von Trautenau bis Hirschberg und von Schmiedeberg bis Harrachsdorf, sprach die deutsche Bevölkerung das gemütliche Gebirgsschlesisch, gefärbt durch örtliche Eigenheiten, wie sie sich im Laufe der Besiedlungsgeschichte ausgebildet hatten. Gebirgsschlesisch ist eine warme, teilweise rührend umständliche Sprache, zumal in den Dörfern auf der schlesischen Seite.Wie jede Mundart läßt auch sie viele Rückschlüsse auf die Menschen und auf die Umstände zu,in denen sie lebten.Vor beinahe zweihundert Jahren gab Petrak in seiner 1788 erschienenen topographischen Beschreibung des Riesengebirges eine Begegnung mit einem neunzigjährigen Gebirgler,der sich zum Sterben anschickte,wieder.Dieser wohnte in einer abgelegenen Baude hoch auf den Bergen und sah seinem tod gefaßt entgegen.Als ihn der aus Hohenelbe herbeigerufene Priester mit den geistlichen Tröstungen versah und dabei die Versicherung abgab,daß ja auch sein göttlicher Erlöser für ihn am Kreuze gestorben sei,rief der Greis verwundert aus:"Su-ies doas orme Norrla gesturba ? Soat ock,lieber Gottesknacht,ihr werd merr ernd wull nich biese sein,doas ich an ich bin nich uff sei Begräbnis geganga? Weil ma doch ei dam wilda Geberge nischte nich derfohrn kunnde...!"Ja,die Nachrichten brauchten damals lange,und manchen erreichten sie erst im Tode.

Nicht von unseren Mundartdichtern wollen wir sprechen,die mit ihren Gedichten und Schnooken(heitere Prosa) das Leben um sie herum so köstlich oder tiefsinnig und in jedem Falle treffsicher beschrieben haben.Denn nirgendwo kann die Seele eines Volkes so überzeugend offenbaren wie in seinen Redensarten und Sprichwörtern.Manche,von denen hier die Rede sein wird,mogen schon bekannt gewesen sein,als sich zu Zeiten der Hausweberei die Nachbarn zum "Lichta-Abend",zum "Rockengang" oder eben zum Spinnabend trafen,der zu Ende war,wenn der "aale Seeger" neun schlug.Die neunte Stunde bedeutete Abschied nehmen für die älteren Kinder,die dabei gewesen waren und sich die Zeit mit Federnschleißen vertrieben hatten.Blitzschnell verschwanden sie von der Bildfläche,wenn es hier,die "Spillalutsche"(eine Flachhexe) würde sie holen,falls sie nicht gleich schlafen gingen.Sie gehorchten gern und freuten sich schon wieder auf das nächste Sommersingen am Sonntag Lätare,wenn sie mit buntgeschmückten Sommerstecken von Haus zu Haus zogen,um den Frühling zu verkünden:

"Summer,Summer,Summer,ich bien a kleener Pummer,ich bien a kleener Keenig,gatt merr nich zu wenich,lußt mich nich zu lange stiehn ich muuß a Häusl wettergiehn..."

Die Sommerkindel wurden dafür reichlich von den Hausfrauen mit Eiern,Schaumbrezeln und vielen guten Sachen belohnt.Im Frühjahr schnitten sich die Jungen Weidenpfeifchen,was zum Brauchtum gehörte.Wenn sie den Bast vom Holz lösten,sangen sie:

"Pfeifla,Pfeifla,gib merr Soaft,wenn der Pauer a Hoafer rofft,wenn die Froo die Kiche kehrt,wenn die Moad a Schwein`nausträt,gieht se ganz alleene,die Koatze hoot vier Beene,die Koatze hoot an langa Schwanz,Pfeifla,Pfeifla,bleib merr ganz!"

Der Jahrhunderte alte Brauch des Sommersingens ist auch in der Fremde wieder bei den Riesengebirglern aufgelebt;doch die Weidenpfeifchen sind vergessen.Dafür sind uns die Redensarten geblieben,nicht zuletzt ein Verdienst der vielen "Spinnstuben",wie der in Schreiberhau,in Kiesewald,in Hain oder in einem anderen Dörflein des Gebirges,die sich in diesem Jahrhundert zu einer Art Volksbühne entwickelten.Sie pflegten ursprünglich Mundart und das Brauchtum.Wilhelm Menzel,liebevoll "inser Menzel-Willem" genannt,der in Hirschberg wirkte und lebte,entfaltete vor seinen Zuhörern den ganzen Mundartreichtum der Heimat und überlieferte uns sprachliche Köstlichkeiten:"Ar ies weiß wie anne oabgeleckte Quorkschniete"-wenn jemand sehr blaß war."Ar ies dürre wie a gemästeter Rechenstiehl".Ganz herrlich sind die Redensarten,wenn es darum geht,jemanden zu beschreiben,der sehr groß ist: "Dar koan aus derr Dachrinne saufa,gruß genung ies ha." Oder:"Dar braucht blußig a poar moal hiezuschloan,doo ies ha glei ei derr Stoadt!" Noch deutlicher:"Dar ies asu lang,wenn ha sich im Friehjoar die Fisse derkälden tutt,do kriegt a eim Herbste irschte a Schnuppa !".

Hatte jemand Sorgen,konnte es einen Trost bedeuten zu hören:"Kimt Zeit,Kimmt Root-kimmt a aaler Toop gefloin,findt sich o a Droht!" Auf Eltern,die jedes Jahr ein neues Kindel in der Wiege hatten,war gemünzt:"Wam inse Herrgott beschert a Hasla,nu dam beschert ha o a Grasla"-wenn die Eltern Gott vertrauten,braucht das Kindel nicht zu verhungern.Das den Riesengebirglern so eigene Verhähltnis zu Gott ist in dem folgenden Sprüchlein festgehalten:"Wenn`s Gott will,daß de obrenna sullst,troags ei Geduld-an wärm dich droa!"."Imsunst is nischte nich uff der Welt.Nich amol derr Tud,denn dar kust noch is Laba!" Und hier eine andere verschmitzte Weisheit:"Woas nutzt ins schlechtes Laba?-Nischt!-Lieber awing gutt-an doderfiere a bißla länger...""Oaber seit doas Sterba uffgekumme ies,is ma halt seines Labens nimme sicher..."-Humor schlägt unversehens um in tiefes Sinnieren, auch in der Mundart.

Mei liebes Riesengebirge

giehst mir nee aus`m Sinn,

woarst eenst meine schlesische Heemta

doch-schunn lang-ei derr Fremde ich bin.

Wie kennte ich Dich je vergassa

wu fruh an zufrieden ich woar,

an Dich,mei Riesengebärge

ju,täglich verr mir soah

Verganga sein schunn viele Juhre,

"treeme"-nur nooch vo derrheim,

gieth mersch au gutt ei derr Fremde

doas Heemwieh werd stets bei merr sein.

An gieht is uff gruuße Reese,

vu dar keene Wiederkehr,

"ragst" Du mei Riesengebärge

nooch immer "stulz" eis Wulkameer!

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