(Quelle:Erstdruck in:"Der Wanderer im Riesengebirge " 46 (1926),S.199f.)

Günther Grundmann

 

 

 

 

Hain als Baudendorf

Das schlesische Dorf ist im allgemeinen längs der Straße und des Baches beiderseitig in schier nicht endenwollender Reihung gebaut.In scharfem Gegensatz dazu steht die Siedlungsform in den höheren Gebirgslagen,indem hier an Stelle des Prinzips der Reihung ein solches der Streuung tritt.Der Grund dafür ist in den veränderten landwirtschaftlichen Gegebenheiten der höheren Gebirgslagen zu suchen,einmal in den geringeren Umfange des Eigenbesitzes und zum anderen in der Betonung der Wiesen-und Viehwirtschaft gegenüber der Ackerwirtschaft.Es fehlen daher die Bauernhöfe oder Wirtschaften,an ihrer Stelle reicht das Wirtschaftseinhaus zur Unterbringung des gesamten Wirtschaftsbetriebes aus.Das bezeichnende Wort für diese Hausform im Gebirge ist der ostmitteldeutsche Ausdruck "Baude" .Schier weist nach,das dieses Wort bereits um 1300 in Obersachsen vorkommt und nennt das Jahr 1766 als ersten gedruckten Beleg.Seit mit Eröffnung der Koppenkapelle die Reiseberichte über das Gebirge sich häufen,kommt das Wort "Baude"immer mehr in Aufnahme."Baude" bezeichnet nur das Haus,das umliegende(mit Steinwällen)eingehegte Grasland wird "Gortn"genannt,wobei der Bedeutungskern dieses Wortes zum Vorschein kommt,während er bei dem ursprünglich gleichbedeuteden "Baute,Hain"verblasst ist.Die auf grösseren Rodeplätzen,die mit einer fruchtbaren Grasnarbe bedeckt sind,entsehenden Bauden bilden im Laufe der Zeit ein Baudendorf-besonders charakteristisch auf der böhmischen Seite des Gebirges,jedoch auch auf der preussischen,neben manchem arg entstellten Beispiel noch ganz rein erhalten in Baberhäuser,Kiesewald,Saalberg und Hain.Es liegt gerade über den oberen Teilen von Hain der ganze Zauber des alten Baudendorfes.Lebhaft bewegte Berghänge in frischen Grün,durchzogen von kleinen Rinnsalen,neigen sich zueinander,das Spiel der Schatten lässt ihre Bewegtheit noch intensiver wirken.Dunkeler Hochwald säumt diese Hänge,und an ihnen,in der Richtungsaxe von der Bergneigung bestimmt,sind die verstreuten silbergrauen Schindeldächer der Bauden ein Bild des Friedens und der Verbundenheit des Menschen mit dem Heimatboden.So verschiedenartig die Häuser den richtunggebenden Bodenverhältnissen angepasst sind und aus der Einfühlung in die Besonderheiten des Bauplatzes ihre Individualität entwickeln,so ist das doch nur eine äußerliche malerische Verschiedenartigkeit.Als Baugruppe sind sie durchaus typisiert.Die Typisierung ist auf die deutsche Kolonisation und die Einflüssee des nach Schlesien übertragenen mitteldeutschen Hauses zurückzuführen.Die Grundrißanordnungen des in der Querachse dreigeteilten Hauses führte einmal zu den Formen des Erdgeschoß-,Drempelgeschoß- und Zweigeschoßhauses- für das Gebirge kommt nur das Eingeschoßhaus in Frage-zum anderen zu mehreren Materialkombinationen,von denen im Gebirge die Verbindung von Blockbau mit Massivmauern bevorzugt wird.Als Grund dafür dürften klimatische Verhältnisse einerseits angeführt werden können,anderseits die Anpassungsnotwendigkeit an das von der Natur gelieferte Baumaterial.Das für Hain typische Bauernhaus ist also durchgehend eingeschossig,und bei der Dreiteilung des Grundrisses ist derjenige Teil massiv erbaut,den man als Rudiment des altgermanischen Herdhauses bezeichnen kann,der Flur oder,wie die alte Bezeichnung lautet,"das Haus".Heute nicht mehr im Gebrauch,hat sich diese Stelle trotzdem als ursprüngliche Herdstelle durch die Bezeichnung"schwarze küche" erhalten.Neben diesem Haus liegt an der rückwärtigen Seite die Sommerküche mit dem in die große Wohnstube hineinragenden Backofen;zu diesem Massivteilen kommt die neben der Sommerküche liegende,von der Wohnstube aus zugängliche Kammer,die fast immer massive Mauern zeigt,weil sie der Berglehne zugekehrt,dem Druckwasser am stärkesten ausgesetzt ist.Der auf der anderen Seite des "Hauses"liegende Wirtschaftsflügel ist in den Bauden unbedingt massiv,der Stall sogar in vielen Fällen gewölbt.So wird gerade dieser Raum gewissermassen zum Herz des ganzen Gebäudes,wie er ja auch wirtschaftlich im eigentlichen Mittelpunkt aller Interessen der Hausbewohner liegt.Aüsserlich und innerlich gibt aber der kurze Blockholzteil,der die beiden Außenseiten der großen Wohnstube umzieht,dem Baudenhaus das eigentliche Gepräge.Dort,wo diese waagrechten Balkenlagen mit ihren weißen Fugen verkleidet oder beseitigt sind-und es ist das leider in vielen Fällen geschehen-,fehlt dem Gebäude das beste.Um so mehr als es sich ja nicht nur um die Blockholzlagen handelt,sondern auch die vor diese Konstruktion gestellten senkrechten Stiele oder Säulen mit ihren Kopfb�ndern.Ist doch gerade diese Doppelkonstruktion ein Sinnbild der Verbindung des deutschen Baugedankens mit der slawischen Materialverwendung.An den Hainer Baudenhäuser sind viele der Abwandlungen des schematischen Aufbaues,die sich sonst in den Sudeten finden und den Häusern vielfache Veränderungsmöglichkeiten gewähren,vermieden.Es fehlen Schafnase und Dachvorsprung,Laube,Gang und Frankspitze vollkommen.Lediglich der Dachwalm in der einfachsten Form und die Durchführung der drei untersten Schindelreihen als Flugdach unter Zur�ckdr�cken der Giebelseite kommen vor.Dagegen ist in fast allen Häusern das der Berglehne zugekehrte Dach als Schleppdach durchgeführt,so das der Heuboden durch eine kleine Rampe auf die bequemste Weise beschickt werden kann.Die kurz gekennzeichnete Typenform des Hauses ist heute mehr den je der Zerstörung ausgesetzt.Ist sie doch das Resultat einer Wirtschaftsform,die den heute ma�gebenden Faktor der Fremdenunterbringung nicht kannte.Mit dem Augenblick,wo Fremdenzimmer eingebaut werden,tritt ein Moment der wirtschaftlichen Gebäudeausnutzung ein,das nur mit viel Takt dem bestehenden angepa�t werden kann.Diesen Takt walten zu lassen,ist jedoch eine Forderung,die im Interesse jedes Besitzers liegt.Denn der durch die Mechanisierung des Stadtlebends ermüdete Städter wird sich dort am wohlsten fühlen,wo eine ehrliche Baugesinnung ihn mit dem Zauber des natürlich Gestalteten umgibt.Hier hat das alte Baudenhaus in Hain seine eigentliche Aufgabe zu erfüllen-dann wird Hain als Fremdenort sein bestes-den Charakter als Baudendorf wahren.

 

Koppenträger

Noch Anfang der zwanziger Jahre wurden alle Nahrungsmittel für die Bewohner und die Gäste der beiden Gastwirtschaften auf der Schneekoppe von den Koppenträgern auf den Gipfel getragen.Es waren Bergbauern,vorwiegend auf der böhmischen Seite ansässig,denn dort gab es zwischen den Vorkämmen zahlreiche Streusiedlungen.Die Armut in den Bergbauden war gross und ein Nebenverdienst begehrt.Später übernahmen diesen Transport Maulesel.

Hain,ca 15 km von Hirschberg entfernt nennt sich heute poln."Przesieka",1927 mit 682 und 1939 mit 911 deutschen Einwohner.1785 mit 83 bewohnten Häusern,1925 sind es 136.

Günther Grundmann,u.a.Professor und Kunsthistoriker,geboren am 10.04.1892 in Hirschberg-gestorben am 19.06.1976 in Hamburg.

 


RIESENGEBIRGE

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Prinz Heinrich Baude,Ende März,Willy Meisel

Riesengebirge......Das ist es wirklich.Sechs Bahnstunden von Berlin liegen diese Mittelgebirgsalpen.Das ganze große Kammgebiet ist fast alpiner als selbst die berühmten Alpengelände.Wenn man aus den wundervoll waldigen Tälern aufsteigt,bieten sich Blicke dar wie auf Hochalpengipfel,wie in Gletschergebiete.Wenn man über den Kamm wandert,ist es mitunter,als ob man eine Polarexpedition unternähme.Weit dehnt sich das strahlende Schneefeld,und die hohen Hochflächen glänzen wie Eisberge.Als wir von Krummhübel hier heraufkamen,pfiff der Wind,und am nächsten Morgen schnob der Schnee,der Nebel hing wie graue Watte über der Welt,und man musste sich gut auf die Skier stellen,um nicht umgeblasen zu werden,man musste knapp an den Markisenstangen bleiben,sonst war der Weg verloren und damit meist auch der Wanderer.Hier ist schon von 1000 Meter an "Hochgebirge",alle Schönheiten der riesigen Gebirgswelt gibt es in der Riesengebirgswelt,aber-auch alle Gefahren.Und das Wetter wendet sich in Minuten.Auf einmal lag Neuschneer,auf einmal konnte man bis weit hinein in die Täler gleiten,bis hinunter nach Krummhübel,bis weit unterhalb von Spindelmühle.Der Frühling,kaum schüchtern erschienen,war wirklichem Weihnachtswinter gewichen.Und jetzt strahlt die Sonne schon zwei Tage lang.Unten schmilzt der Schnee,aber bis zu 600 Meter herab reicht er noch lange.Oben firnt er,daß die Skier vor Freude flitzen.Das ist ein Winterwetter nach dem Herzen der Baudenwirte.Nicht als ob die Bauden nicht bereits seit Wochen und Monaten ausverkauft wären.Ausverkauft ist kein Ausdruck.In den Zimmern stehen statt eines Bettes drei,statt zwei vier.Jeder Raum,jede Ecke,bis zum Boden ist mit Brettgestellen,Matratzen,Strohsäcken und dergleichen ausgenutzt.Alles reicht nicht.Die Massenquatiere werden immer massiger.Immer wieder kommen Winterwanderer und wollen Quatier haben,nichts als ein Dach über dem Kopf,eine Decke über dem Körper,einen Stall für die Skier.Bis auf das letzte kann man ihnen kaum noch etwas bieten.Sie müssen ihre Ansprüche herabsetzen,d.h.sie müssen tiefer gehen.Bis Ostermontag müssen sie herabsteigen,wo noch Wohnräume winken,Betten durch Nächte leerstehen,der Wanderer noch weiß,wohin der Kopf(samt Zubehör) zu legen.Aber Ostermontag reist der riesige Riesengebirgsstrudel ab.Die Urlauber,Weekender,Skihuscher,Extrazügler müssen heim,und die Baude sind wieder nur halbbesetzt.Ist es nicht herrlich,daß Zehntausende jetzt schon zu Ostern in der Winterwelt wandern,daß die meisten von ihnen dabei nicht teuer (Ski)fahren,als wenn sie daheimgeblieben wären.Wet schweift der Blick von den vielen Gipfeln,weit über deutsches und deutschböhmisches Land,über wundervolle Bergketten,dunkle Täler.....Ein Alpen-Panorama.

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