
Nicht die Glücklichen sind dankbar.
Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.
Nach 65 Jahren habe ich meine Schwester Eryka per Internet gefunden.
Mein Papa lebte bis 1945 in Reimen Kreis Neisse O/S und verließ seine schlesische Heimat, um in Brandenburg an der Havel bei Berlin Arbeit zu finden. Er heiratete dort meine Mama, und ich wurde im Jahr 1937 in Brandenburg an der Havel geboren, wo ich auch die ersten Jugendjahre verbrachte. Mein Papa wurde leider 1942 als deutscher Soldat in Serbien vermisst gemeldet und später für tot erklärt worden. Vor ca. 10 Jahren erzählte mir mein Onkel, der jüngste Bruder meines Papas, dass ich noch eine Halbschwester in Schlesien hätte? Er wusste nur, das sie den Namen Eryka hätte, und das sie älter sein müsste. Die Neugier und die Sehnsucht nach dieser Schwester ließ micht nicht zur Ruhe kommen. Der Zufall kam mir zu Hilfe, denn ich korresponierte seit längerer Zeit mit einem Freund, der als Mailfreund Freud und Leid im regen Mailaustausch mit mir teilte. Mein Freund Gerhard ist gebürtiger Schlesier aus Altewalde / Kreis Neisse. Dieser Mailfreund bezieht das Neisser Heimatblatt und er las, dass es mehrere Personen gab, die bis 1946 in Reimen wohnten. Bei der ersten Adresse hatte ich gleich Glück die er mir mailte, Frau Ottilie Wese, sie kannte nicht nur meine Schwester Eryka, sondern sie erinnerte sich sogar an meinen Papa. Ich bekam von ihr Erykas Adresse und von ihrem Bruder Herrn Bernhard W. sogar die Telefonnummer. Das kleine Dorf Reimen hatte 1939 nur 300 Einwohner, da kannte jeder jeden. Am Karfreitag überraschte ich dann meine Schwester Eryka mit meinem Anruf, die von der Existenz einer Halbschwester nichts wusste. Sie war fassungslos und wollte es nicht wahrhaben, dass nach fast 65 Jahren eine Frau sich meldete, die von einem gemeinsamenVater sprach. Eryka telefonierte noch am selben Tag mit ihrer Tochter Rozwita und sagte: "Ich habe eine Schwester bekommen!", dass bei ihr auf ungläubigesStaunen stieß. Wir telefonierten noch des Öfteren und jedesmal kam die Frage:„Wann kommst du“? Bei einem unserer Gespräche sagte sie zu mir, ich habe mir immer eine Schwester gewünscht und ich habe es gespürt, dass da noch jemand sein muss. Ein eigenartiges Gefühl hatte ich, als Eryka sagte, hast du ein Bild vom Papa? Wir wollen noch lange etwas voneinander haben. Eryka spricht gut deutsch, obwohl nach der Übernahme der deutschen Ostgebiete durch Polen die deutscheSprache verboten und bei Vergehen bestraft wurde. Auch in der Schule wurde nur polnisch gelehrt und gesprochen. Eryka ist verwitwet, hat drei erwachsene Kinder, fünf Enkelkinder und hat mittlerweile schon einen Urenkel. Wir erhielten mein Mann und ich, von Erykas Enkelin Gabriela und ihrem zukünftigen Mann Grzegoz eine Einladung zur Hochzeit am 16. 08. 2003 nach Neisse. Am 10. 08. 2003 ging es nach Neisse. Die Freude war groß, als wir uns in die Arme fielen. Dem Neisser Heimatblatt dem Internet und meinem Mailfreund Gerhard Rieger sind wir beide dankbar, dass wir uns nach so vielen Jahren gefunden haben.
Nicht die Glücklichen sind dankbar -
es sind die Dankbaren, die glücklich sind.
Ich möchte nun etwas über die Reise nach Neisse berichten. Von Frankfurt am Main fuhren wir in Richtung Bad Hersfeld, Erfurt, Dresden, nach Görlitz. In Görlitz passierten wir die die Grenze, fuhren dann in Richtung Breslau, Oppeln und dann nach Neisse. Insgesamt waren wir neun Stunden unterwegs. In Neisse fuhren wir den Jerusalemer Friedhof an, den wir schon von unserer Schlesien-Rundreise 2002 kannten. Damals wusste ich noch nicht, ob es Erykawirklich gibt. Von hier sollten es nur noch fünf Minuten bis zu Eryka sein. Wir fanden auf Anhieb die ul. Chelmonskiego. Während ich noch der Hausnummer suchte, sagte mein Mann plötzlich, da steht doch Eryka, das sieht man doch. Ichsprang aus dem Auto und wir umarmten uns. Ja, dass war unsere ersteBegegnung. Die nächten Tage verbrachten wir im Kreise meiner neuen Familie. Ich habe eine ganz liebe Schwester bekommen und gratis noch eine tolle Familie dazu. Die vielen Umarmungen, die Küsse, die Handküsse von den männlichenVerwandten, alles das kannte ich nicht. Man hatte mich auch nicht vor gewarnt.Aber wir fanden das beide toll. Am Sonntag ging meine Familie in die Kirche undich deckte schon den Frühstückstisch. Ich schnitt die Wurst und stellte alles auf den Tisch. In meinem Überschwang hatte ich auch die Hundewurst mit auf denTisch gebracht. Wir haben lange darüber lachen müssen. So viel Warmherzigkeitund liebevolles Umgehen miteinander hat uns gut getan. Die Gastfreundlichkeitwar beispielhaft. Das unterscheidet uns Deutsche von den anderen Ländern. Bei uns ist alles konservativ und steif, uns fehlt das einfache „Miteinander“. Die Hochzeit von Gabriela und Grzegoz fand in der Dominika Kirche in Neissestatt. Meine Großnichte Anna Maria war Messdienerin. Die Feier, die an zwei Tagen stattfand, war im Schloss Otmuchow. Die Hochzeit war wunderschön, dass es man nicht beschreiben, man muss eine Hochzeit in Polen einfach mitgemacht haben. Zu Essen gab es ununterbrochen. Getanzt wurde fast ausschließlich in Gruppen, man kann sagen, - da ging die Post ab! Nun hieß es Abschied nehmen, was uns beiden Schwestern sehr schwer fiel.