Euthanasie im "Dritten Reich"
Wohin bringt ihr uns? 1940/1941

Hallo Carina,
zu Beginn des 2. Weltkrieges 1939 waren Opa (3) und ich (2) noch Kleinkinder. Mein Papa arbeitete bei der Opel AG in Brandenburg an der Havel und wir bekamen 1938 eine Betriebswohnung auf dem Stadtteil Görden. Es war eine kinderreiche Wohngegend und ich kann mich nicht erinnern, dass es körper-oder geistig "Behinderte" in unserer Umgebung gab. Vieles haben wir auch erst nach Kriegsende in der Schule erfahren. Eine Tötungsanstalt befand sich in Brandenburg/Havel im alten Zuchthaus in der Neuendorfer Straße. Hier wurden auch Kinder und jüdische Patienten vergast. Im Stadtteil Görden befand und befindet sich auch heute noch ein Zuchthaus und eine große Heilanstalt (heute Nervenklinik). Viele Menschen mussten in der Euthanasie-Anstalt auf dem Görden ihr Leben lassen. Uns wurde erzählt, dass Busse die Opfer nach Brandenburg gebracht haben, wo sie registriert, ausgekleidet, untersucht und vergast wurden. Die Leichen wurden nachts in zwei mobilen Öfen verbrannt und, so sagte man, die in der Nähe der ehemaligen Anstaltskirche standen. Später wurden die Leichen in einem Gebäude an der Straße außerhalb der Stadt verbrannt. An solchen Tagen stieg dicker, schwarzer Qualm aus den Schornsteinen. Das Gebäude lag auf dem Weg nach Michelsdorf, dort wo unsere Verwandten wohnen bzw. wohnten. Ein „Denkmal der grauen Busse“ steht in Brandenburgam Nicolaiplatz mitten in der Stadt, denn hier hatten1940 die Euthanasie- Morde begonnen. Wir hatten einen Hausarzt, der wohl an Morden beteiligt war, denn er tötete seine zwei Töchter, seinen Hund und sich selbst vor dem Einmarsch der "Russischen Armee". Der Tötungsversuch an seiner Ehefrau scheiterte und sie konnte sich später dazu äußern. Mein Onkel Otto wurde durch irgendeinem Grund Nervenkrank. Er übernachtete oft bei uns und geisterte nachts mit einerTaschenlampe herum und phantasierte – jetzt kommen sie mich holen. Sie holten ihn tatsächlich und er kam 1942 in die Nervenklinik Neurupin. Meine Tante Anna bekam nur Bescheid, dass ihr Mann ganz plötzlich verstorben sei. Mein Großvater holte den Sarg aus Brandenburg und schaute unterwegs in den Sarg und er sah, dass er keines natürlichen Todes gestorben war, sondern vergiftet oder vergast worden war. Er hatte eine unnatürlich Farbe. Nach der Beerdigung, ich war noch keine 5 Jahre alt, buddelte ich ein großes Loch am Grab und sagte, du hast jetzt lange genug geschlafen und kannst wieder wach werden. Es war unser aller Lieblingsonkel.
Liebe Carina, vielleicht hilft es dir ein wenig bei deinemInserat.
LG Opa und Oma.