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"Pädophilie" als kollektives Phantasma - Anmerkungen zum katholischen "Sexskandal" (Mai 2002) von Kurt-Werner Pörtner Der Sexskandal um katholische Priester in den USA, die Jugendliche und Kinder sexuell missbraucht haben sollen, schlägt derzeit hohe Wellen (als ich im März 2002 in den USA war, gab es in den dortigen Medien kein anderes Thema mehr). Selbst der Vatikan, der lange dazu geschwiegen hat, sieht sich nun genötigt, zu diesem Thema Stellung zu beziehen; der Druck der Medien wurde zu stark. Ich werde allerdings in dem nun folgenden Artikel nicht in den Unisono-Mainstream-Singsang einstimmen und mich an der kollektiven Verdammung der "Pädophilie" beteiligen. Und zwar nicht, weil ich eine Lanze für Pädophile brechen will, sondern weil ich den gesamten öffentlichen Diskurs über dieses (Un-)Thema für rettungslos verlogen und grenzenlos heuchlerisch halte. Ich halte, mit einem Wort, den "Pädophilie" genannten Themenkomplex für ein kollektives Phantasma, das Züge eines "postmodernen" Hexenwahns und Exorzismus' mit faschistoiden Zügen trägt, und ich werde in der Folge auch begründen, warum. Der öffentliche Diskurs in den Medien hat mit dem realen Alltagsleben und -erleben der Menschen nicht allzu viel zu tun; und dementsprechend hat das tatsächliche Sexualverhalten der Bevölkerung mit dem massenmedialen Gerede darüber wenig bis nichts gemein. Umso mehr sind die öffentlichen Medien Spiegelbild kollektiver Phantasmen und Vorurteilssyndrome, die der Abfuhr von gemeinschaftsstiftenden Aggressionen und der Installierung von allgemein akzeptierten Feindbildern dienen, die den zweifachen Vorteil besitzen, 1.) verdrängte eigene Gefühle unter dem Vorwand moralischer Empörung doch ausleben und 2.) sadistischen Straflustphantasien unter allgemeiner Billigung und Duldung freien Lauf lassen zu dürfen. Dafür eignet sich eine bestimmte Form von öffentlichem Diskurs besonders gut, den man den "postmodernen Opferkult" nennen könnte. Man kann sich des Eindrucks immer weniger erwehren, dass es heutzutage einen Vorteil verspricht, auf irgendeine Weise "Opfer" zu sein. Die Palästinenser sind "Opfer" der Israelis, Prominente "Opfer" der Pressemeute, die Arbeitssklaven genannt "Mitarbeiter" "Opfer" von Mobbing, die Frauen "Opfer" der Männer, die Kinder "Opfer" von sexuellem Missbrauch - usw. usf. Alles reißt sich geradezu darum, den Opferstatus zu erlangen. Den Gipfelpunkt stellen zweifelsohne religiös motivierte politische Fanatiker dar, die es noch eine Stufe weitertreiben und vom "Opfer" zum "Märtyrer" aufsteigen. In der Familiengalerie der Palästinenser besitzen die "Märtyrer" einen Ehrenplatz, nachdem sie sich und den "zionistischen Feind" vorher via Sprengstoffgürtel in die Luft geblasen haben. Es heißt nicht mehr: viel Feind, viel Ehr, sondern: ich schenk dem Führer einen Märtyrer. Was schrankenlose Bewunderung hervorruft, samt der endlosen Meute der Klageweiber. Das postmoderne "Opfer" ist nicht gleichzusetzen mit einem realen Opfer einer Vergewaltigung, eines Kriegsverbrechens oder eines Missbrauchs. Das "Opfer" im Irrgarten der postmodernen Phantasmen ist ein Produkt der kollektiven Einbildungskraft, ein "Gesellschaftlich-Imaginäres", um mit dem französischen Psychoanalytiker Cornelius Castoriadis zu sprechen.1 Das "Opfer" ist ein Hirngespinst und eine strategische Option gleichzeitig: denunziatorische Leidenschaft und Spielmarke in den alltäglichen Gesellschaftsspielen um Macht, Einfluss und (ideologische) Hegemonie. Das Gesellschaftlich-Imaginäre ist kulturelles Kapital (im Sinne von Bourdieu2), symbolische Ressource und "Investitionsmittel" im Kampf um gesellschaftliche Positionen und sozialen Status. Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan äußerte mal, und wurde dafür von allen Seiten angegriffen: "Die Frau existiert nicht." Das war jedoch kein antifeministisches Macho-Statement oder ähnlicher Nonsens, sondern die schlichte Beschreibung der Tatsache, dass im psychoanalytischen Diskurs traditionell Freud'scher Prägung "die Frau" als positive Entität einfach nicht vorkam, im symbolischen Netz höchstens ein Negativum (den "Penisneid") repräsentierte. Aber wenn etwas (hier im unfreiwillig doppelten Wortsinn) nur ein "Loch" im symbolischen Gefüge darstellt, mutiert es sehr schnell zum "Un-Beschreiblichen", zum "Un-Benennbaren", zum "Tabu" (im Sinne von: etwas worüber man nicht spricht). Die Realität wird so zum "Unbeschreiblichen", zum "Un-Heimlichen", gar zum "Un-Möglichen". So existieren im postmodernen Diskurs die realen Körper des Begehrens, aber auch des Angewidert- und Abgestoßen-seins gar nicht mehr; dies gilt für alle Formen von Erotik und Sexualität. Deshalb kann man ruhigen Gewissens auch behaupten, dass in diesem Sinne die "Pädophilie" nicht existiert. Sie ist keine positive Entität, keine eigenständige Form des Begehrens, sondern im postmodernen "Perversitätendiskurs" der Ersatz für etwas Anderes, wobei allerdings gleichzeitig seltsam un- oder zumindest unterbestimmt bleibt, was dieses "Andere" sein soll. "Pädophilie" (wie früher Homosexualität, Sadismus, Fetischismus etc.) wird im zeitgenössischen psychotherapeutischen Diskurs (der >den< "postmodernen" Diskurs schlechthin darstellt) als defizienter Modus angesehen, als fehlerhafte Bewältigungsstrategie einer fehlgeschlagenen "Triebgeschichte", individuellen Sexualentwicklung o. ä. Die rhetorischen Strategien, mit deren Hilfe die "Pädophilie" zum defizitär-kriminellen "Triebkomplex" gemacht wird, sehen dabei denjenigen verblüffend ähnlich, mit denen früher die "Homosexualität" zum "asozial-widernatürlichen Trieb" minimiert und abqualifiziert wurde. Lesen Sie dreißig oder vierzig Jahre alte Abhandlungen über Homosexualität (gleichgültig, ob psychoanalytischer, -therapeutischer oder moraltheologischer Provenienz) und ersetzen Sie das Wort "Homosexualität" durch "Pädophilie": Sie werden verblüfft sein, wie sehr die Argumente sich ähneln, die Beschreibungen und Wertungen, und wie aktuell dadurch plötzlich wieder Texte werden, die man längst für überholt, altbacken und den "Schnee von gestern" hielt. Wie das? Ein Zitat gefällig? "Die Homosexualität dient der Verdrängung eines zentralen Kernkomplexes: dieser besteht in dem Drang, auf eine präödipale Fixierung zu regredieren, in welcher der Wunsch, aber auch die Furcht vorherrscht, mit der Mutter zu verschmelzen, um die primitive Mutter-Kind-Dyade wiederherzustellen."3 Dieses Zitat aus einem 30 Jahre alten Artikel, der zudem noch die Homosexuellen vor pseudo-wissenschaftlichen Denunziationen in Schutz nehmen wollte, zeigt überdeutlich auf, wie noch Anfang der 70er Jahre selbst in "progressiven" Kreisen über Homosexuelle gedacht wurde. Und erinnert das nicht auf frappierende Weise an die "analytischen" Zuschreibungen, die heutzutage mit Bezug auf Pädophile getätigt werden? "Pädosexualität stellt eine Form narzisstischen, emotionalen Missbrauchs des Kindes durch den Erwachsenen dar... Daher ist es nötig, pädosexuellen Männern und Frauen durch professionelle beraterische oder therapeutische Angebote die Möglichkeit zur Auseinandersetzung und Veränderung ihrer für Kinder schädlichen Haltung zu machen. Wichtige Themen dürften dabei (sein) >Grenzen wahrnehmen und respektieren< und dem Einüben und Kennenlernen anderer, nicht missbrauchender Möglichkeiten der eigenen emotionalen Bedürfnisbefriedigung, einschließlich sexueller Bedürfnisse."4 Bei der "Definition" dieser "Grenzwahrnehmung" kommt derselbe anonym bleibende Artikelschreiber aber schon arg ins Schlingern: "Pädosexualität5 äußert sich eher selten in den brutalen und gewalttätigen Formen, von denen wir mehrmals im Jahr aus den Medien erfahren. Der weit überwiegende Teil von Pädosexualität verläuft in eher >liebevoll< gefärbten Kontakten des Erwachsenen zum Kind. Und hier gibt es sicherlich auch eine mitunter unscharf (verlaufende) Grenze zwischen >gesunden< auch zärtlichen und körperlichen Kontakten zwischen Erwachsenen und Kind, z. B. der Mutter und dem Vater beim Schmusen mit ihrem fünfjährigen Sohn und dem übergrifflichen, das Kind ausnutzenden, ausbeutenden, missbrauchenden und grenzverletzenden Verhaltens des Erwachsenen gegenüber dem Kind."6 In den Klinisch-diagnostischen Leitlinien wird Pädophilie unter Punkt F65. 4 aufgeführt. Die Definition, die dieser klinisch-diagnostische Leitfaden aufzubieten hat und der immerhin gleichsam die offizielle Version der klinisch orientierten Psychologie zu dieser Thematik darstellt, ist an konfuser Begriffsverwirrung und Unschärfe kaum zu überbieten: Vorpubertät oder im frühen Stadium der Pubertät befinden. Manche Pädophile haben nur an Mädchen, andere nur an Knaben Interesse. Wieder andere sind sowohl an Mädchen als auch an Knaben interessiert.7 und bereits geschlechtsreifen Jugendlichen werden gesellschaftlich nicht gebilligt, vor allem, wenn es sich um gleichgeschlechtliche Kontakte handelt: diese sind aber nicht notwendigerweise gleichbedeutend mit pädophilen Kontakten. Ein einzelner Vorfall erfüllt die für die Diagnosenstellung geforderte anhaltende oder vorherrschende Veranlagung nicht, insbesondere wenn der Handelnde selbst noch ein Jugendlicher ist. Unter den Pädophilen gibt es auch Männer, die eigentlich erwachsene Sexualpartner vorziehen, bei der Aufnahme geeigneter Kontakte aber dauernd frustriert werden und sich deshalb ersatzweise Kindern zuwenden. Männer, die ihre eigenen Kinder im Alter der Vorpubertät sexuell belästigen, nähern sich manchmal auch anderen Kindern, in beiden Fällen handelt es sich um Pädophilie."8 Daraus werden folgende "Forschungskriterien" abgeleitet: (F65) müssen erfüllt sein. einem oder mehreren Kindern vor deren Pubertät. Jahre älter als das Kind oder die Kinder."9 Dieses offensichtliche Herumgeeiere mit begrifflichen Operationalisierungen, die bei näherem Hinsehen keiner wissenschaftlichen Validierung bzw. Verifikation standhalten, soll die Konfusion nur vertuschen, die in unseren "aufgeklärten" Breiten immer dann entsteht, wenn "abweichendes" Sexualverhalten schematisiert und dem "kontrollierenden" Blick der "Normalisierer" überantwortet werden soll.10 Michael Hardt/Antonio Negri schreiben in ihrer berühmt gewordenen Studie Empire, dass die globale Weltgesellschaft auf dem Wege sei, zur alles umspannenden Kontrollgesellschaft zu werden.11 Dabei kommt es weniger wie in der früheren Disziplinargesellschaft darauf an, die unbewussten Bestrebungen und verborgenen Motivationen von "Tätern" ans Licht zu bringen, als vielmehr darauf, die beobachtbaren Verhaltensweisen, soweit sie nicht regelkonform oder illegal sind, aufzuspüren, zu "entlarven" und zu sanktionieren. Untrügliche Anzeichen für ein solch heraufdämmerndes "globalisiertes" Kontrollregime, das sich inmitten der bürgerlichen Gesellschaft fast schon wie ein Krebsgeschwür ausbreitet und Überwachungsmöglichkeiten schafft, von denen Gestapo, Stasi oder KGB nur träumen konnten, sind die wachsende Videoüberwachungsmanie in öffentlichen Räumen und die zunehmende Tendenz bei wohlhabenden und reichen Leuten, sich freiwillig in umfassend überwachte Hochsicherheitszonen zurück zu ziehen, die von der Außenwelt total abgeschottet sind.12 Dieses Kontrollregime kann durchaus mit einem Auswuchern gewaltoffener, entstaatlichter und privatisierter Territorien einhergehen, wo Warlords oder mafiotische Machtstrukturen herrschen, das staatliche Gewaltmonopol de facto nicht mehr existent ist und weitgehend durch privatisierte Polizei oder Söldnerarmeen ersetzt worden ist.13 Hardt/Negri schreiben über die neu heraufziehende Kontrollgesellschaft, die auch ein Reflex darauf ist, dass diese Erde immer unbewohnbarer wird: nicht mehr geeignet, die Vermittlungsfunktion zwischen Kapital und Souveränität14 zu übernehmen. Die sie konstituierenden Strukturen und Institutionen vergehen immer stärker. An anderer Stelle haben wir bereits ausgeführt, dass dieser Niedergang mit dem Verfall der Dialektik zwischen kapitalistischem Staat und Arbeit in Zusammenhang steht, das heißt, mit dem Verfall der Rolle und Bedeutung von Gewerkschaften, mit dem Rückgang kollektiver Verhandlungen und mit der zerfallenden Repräsentation von Arbeit in der Konstitution... Im Verschwinden der Zivilgesellschaft kann auch eine Parallele zum Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft erkannt werden. Die gesellschaftlichen Institutionen, die die Disziplinargesellschaft konstituieren, wie Schule, Familie, Klinik, Fabrik, die zum großen Teil identisch mit oder ähnlich denen sind, die man als Zivilgesellschaft zusammenfasst, stecken heute überall in der Krise. Mit dem Einsturz der Mauern dieser Institutionen breiten sich die Logiken der Subjektwerdung und Unterwerfung aus, die zuvor in ihrer Wirksamkeit auf diese Räume begrenzt waren, verallgemeinern sich im gesellschaftlichen Feld. Der Zusammenbruch der Institutionen, das Verschwinden der Zivilgesellschaft und der Niedergang der Disziplinargesellschaft bedeuten alle eine Glättung der Einkerbungen im gesellschaftlichen Raum der Moderne. Hier entstehen die Netzwerke der Kontrollgesellschaft."15 Die Ausdehnung der Kontrollgesellschaft auf Kosten der Disziplinargesellschaft bedeutet keineswegs das Ende der Selbstdisziplin der Subjekte - im Gegenteil, Gefängnis-, Schul- und Fabrikdisziplin verweben sich, so Hardt/Negri, "in einer hybriden Produktion von Subjektivität."16 Wobei es allerdings auch immer mehr zu "Kurzschlüssen" in der Subjekt-"Produktion" zu kommen scheint: im Falle eines der bizarrsten Figuren des Gesellschaftlich-Imaginären der Kontrollgesellschaft, des "Kinderschänders", nimmt dies Formen an, die von öffentlicher Aufforderung zur Lynchjustiz kaum noch zu unterscheiden sind; dies kann auch für die vielbeschworenen "Opfer" mitunter fatale Folgen haben. Der Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt sagte in einem Interview vom Mai 1997 zu der Frage, was er von der gegenwärtigen Darstellung des Themas "Pädophilie" in den Medien halte, Folgendes: weil alles, vom Exhibitionismus bis Sexualmord, völlig undifferenziert unter ihm subsummiert wird, das ist ein Rückfall in d(ie) 50er Jahre. Dieser Begriff geht unkritisch durch alle Medien, Moderatorin und Moderator der Tagesthemen benutzen ihn ebenso umstandslos und antiaufklärerisch wie die Boulevard-Presse. I(m) Hinblick auf die Vorgänge in Belgien17 ist der Begriff zudem eine fragwürdige Verharmlosung. Der Begriff planiert Unterschiede, wo es um Differenzierung geht, und verstellt den Weg zu einer ernsthaften Debatte in der Öffentlichkeit. Er vernebelt und totalisiert: >Wer heute ein Exhibitionist ist, wird morgen ein Mörder sein.< Pädophilie aber hat nicht mehr mit Vergewaltigung und Sexualmord zu tun als Heterosexualität (von mir hervorgehoben, d. V.). der Opfer schwieriger geworden, weil es auch zu einer öffentlichen Stigmatisierung der Opfer kommt. Gerade bei den leichteren Fällen ist es außerordentlich problematisch. Das Outen von Opfern (vor allem von Kindern prominenter Eltern) in der Presse ist schädlich, denn diese Kinder werden von NachbarInnen, FreundInnen, im Kindergarten und in der Schule als Opfer behandelt. Die sexuelle Handlung mag für die Kinder ganz furchtbar gewesen sein, aber diese öffentliche Stigmatisierung verstärkt dies."18 Dieser populistische Kult um die "Triebtäter" kann auch als Amoklauf des "gesunden Volksempfindens" betrachtet werden, wobei es auffallende Parallelen zu Schauermärchen gibt, die früher über angebliche Ritualmorde von Juden an christlichen Kindern erzählt wurden. Je abwegiger die Ausgeburten der eigenen Spießerphantasie, desto größer das Rachebedürfnis an den tatsächlichen oder vermeintlichen "Tätern". Da es heutzutage nicht mehr opportun scheint, mal so ein kleines Pogrom nebenbei zu veranstalten, delegiert man die Rolle des Rächers an den Staat, der in genüsslich ausgemalten Szenarien, wo dem eigenen Sadismus kaum verhüllt freien Lauf gelassen wird, aufgefordert wird, den "Triebtätern" keine Chance mehr zu geben und sie "lebenslang einzusperren". Aber mitunter stellt das den potenziellen Lynchmob auch nicht mehr zufrieden, wie Beispiele aus den USA und England zeigen, wo speziell im Falle der beiden damals Zehnjährigen, die einen Zweijährigen umbrachten, dieser vor dem Lynchen von Kindern auch nicht zurückgeschreckt wäre, hätte man ihn denn gelassen.19 Dieser Mob ist der Treibsatz und "Urschlamm" des neuen Faschismus in der Kontrollgesellschaft, ein Pesthauch, der immer stärker aus den psychischen Untiefen der Extremisten der "Neuen Mitte" aufsteigt. Es bleibt trotzdem ein Rest an Unerklärlichkeit an diesem Phänomen, der seltsam obsessiven Faszination, mit der Medien und Öffentlichkeit sich am Elend Anderer weiden. Sexuell motivierte Kindermorde sind in Deutschland eigentlich sehr selten, durchschnittlich liegt die Anzahl solcher Morde zwischen 6 bis etwa ein Dutzend pro Jahr. Wenn man z. B. dagegen hält, dass allein ca. 500 Kinder pro Jahr im Straßenverkehr sterben und etwa ebenso viele Kinder und Jugendliche sich jedes Jahr umbringen bzw. Selbstmord begehen, so zeigen diese Zahlen auf, welch unverhältnismäßig hohe Aufmerksamkeit solche Sexualmorde auf sich zu ziehen vermögen. Natürlich ist jedes Kind, das ermordet wird, eines zuviel, aber das gilt ebenso für diejenigen, die bspw. dem Straßenverkehr zum Opfer fallen; Letztere aber nimmt man kaum bis gar nicht zur Kenntnis, sie sind der "Preis des Fortschritts", den die automobile Gesellschaft offenbar ohne mit der Wimper zu zucken zu zahlen bereit und in der Lage ist. Auf die Frage, ob er Erklärungen dafür habe, warum die sog. "Pädophilie-/Missbrauchsdebatte" seit einiger Zeit so heftig geführt werde, antwortete Gunter Schmidt 1997: Augen verschlossen. Doch es gibt sicher mehrere Faktoren. Zum einen verstößt Pädophilie gegen den Grundkonsens der heutigen Sexualmoral, die eine Verhandlungsmoral ist (von mir hervorgehoben, d. V.). Eigentlich eine ganz liberale Moral, die besagt, es ist alles erlaubt, wenn es zwischen zwei gleichberechtigten PartnerInnen selbstbestimmt ausgehandelt wird. Darum sind alle anderen sogenannten Perversionen (oder: was man einmal so nannte), die konsensuell zwischen Erwachsenen stattfinden, weitgehend außer Schussfeuer geraten. Die Pädophilie ist nun eine der wenigen Sexualformen, die offenbar immanent und unaufhebbar gegen Verhandlungsmoral und sexuelle Selbstbestimmung verstößt, da es keine gleichwertigen Partner gibt. Zum anderen möchte ich mit dem englischen Soziologen Chris Jenks darauf verweisen, dass sich unser Bild von Kindheit in den letzten Jahrzehnten stark verändert hat. Früher gab es ein unsentimentales, in die Zukunft gerichtetes Bild von Kindern, sie sollten es besser haben als wir, aber auch für uns sorgen, wenn wir alt werden. Heute ist dieses Bild einem mehr und mehr nostalgischen Bild gewichen: Das Kind als der letzte Wilde, das natürliche, das authentische, emotionale, schöne Wesen, nach dem wir uns zurücksehnen. Dieser nostalgische, wehmütige Blick bewirkt zweierlei: Zum Positiven einen klareren Blick für die Bedürfnisse des Kindes, seine Wünsche, seine Verletzbarkeit. Zum Negativen einen selbstidentifikatorischen Charakter unserer Beziehung zur Kindheit, eine Tendenz, unsere eigenen Verletzungen in Kinder hineinzuprojizieren, schlimmstenfalls eine selbstbezogene Kindertümelei, wie sie paradoxerweise gerade bei vielen Pädophilen anzu(treffen) ist. Ein weiteres Element ist sicherlich, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder in jüngster Zeit offenbar verstärkt in organisierter Form auftritt, wie Belgien gezeigt hat. Der freie Markt in seiner mafiösesten und brutalsten Form kolonisiert immer dreister die verbotenen Sexualitäten, nicht nur die mit Kindern (von mir hervorgehoben, d. V.). Und das ist sehr erschreckend. Ferner ist auch die Sexualität von Kindern durch die Liberalisierung der letzten Jahrzehnte sehr viel präsenter geworden, Kinder und Jugendliche verstecken ihre Sexualität vor Erwachsenen weniger als in früheren Generationen, sie tragen sie in die Familie: Sie reden mit Eltern über Sex, sie machen ihre Doktorspiele unter den Augen der Eltern, Jugendliche haben ihre sexuellen Beziehungen im Elternhaus, beanspruchen früh, mit ihrem Liebsten oder ihrer Liebsten zu Hause zu nächtigen. Viele Eltern macht dieser offensive Umgang ihrer Sprösslinge mit der Sexualität etwas ratlos. Dadurch verändert sich die Inzestspannung in den Familien erheblich. Durch Ausgrenzung und Projektion wird das >sexuell Böse< dann nach außen getragen und dort gesehen, bei anderen."20 hat es - auch durch die starke Verbreitung von Kinderpornografie durch das Internet bedingt - eine Ausweitung der Käuflichkeit "perverser" Sexualität in allen nur denkbaren Spielarten gegeben; die Pornofotos müssen produziert und die Konsumenten solcher Pornos auch wenigstens ab und an mit "Frischfleisch" versorgt werden, denn nur "Bilder kucken" dürfte für die Meisten auf die Dauer zu langweilig sein. Aber funktioniert nicht dieser Markt wie alle andere kapitalistischen Marktsegmente auch, und ist der Sextourismus in die 3. Welt nicht einfach auch durch den simplen Umstand zu erklären, dass die Menschen dort außer ihren Körpern nicht viel zu verkaufen haben? Ob die Jungs und Mädels da mit zwölf, vierzehn, sechzehn oder achtzehn auf den Strich gehen, interessiert im Wesentlichen nur Journalisten, eine Handvoll unermüdliche Sozialarbeiter in den Drittweltländern selbst und einige profilierungssüchtige Staatsanwälte aus den Ländern der Freier. Die Gesetze, die gegen Kinderprostitution erlassen wurden, kommen kaum zur Anwendung und wenn, dann als spektakuläre Propagandainszenierungen für die Kameras der reichen Freierstaaten, die damit ihr schlechtes Gewissen beruhigen wollen. Ich kann mich an eine solche Inszenierung in Thailand vor ein paar Jahren erinnern, wo eine Handvoll "Beach Boys", sprich: Stricher an irgendeinem berüchtigten Sexstrand von der Polizei wie in einer Treibjagd zusammengetrieben und umstellt wurden: eine äußerst seltsame Methode, "Opfern" zu helfen. Oder nehmen wir das Internet selbst: es ist keine große Kunst, trotz all dieser "Sonderabteilungen" für Kinderprostitution und -pornographie bei der Polizei, die im WWW nach "verdächtigen" Sites Ausschau halten, z. B. Teenagersex en masse zu finden, auch hier in allen nur denkbaren Varianten: im Lederoutfit, als Analnummer oder "sexy girls". Die Mädchen und Jungen, die dort abgebildet sind, sind meistens wohl OsteuropäerInnen oder AsiatInnen, und ob die 15, 16 oder 18 sind, vermag ich nicht zu entscheiden, und damit die Ermittler wohl auch nicht, oder? Zudem sind viele der Pornoabbildungen schon älter und stammen z. T. noch aus den ziemlich liberalen, wilden 70ern. Und hier stoßen wir wieder an die Altersfrage: wann ist ein Kind noch Kind? Ich habe vor ungefähr zehn Jahren mal eine "sozialtherapeutische" Ausbildung hinter mich gebracht, über deren Qualität und Seriösität ich jetzt an dieser Stelle nicht rechten möchte: jedenfalls gab es dort auch eine Unterrichtseinheit, die sich dem Thema "sexueller Missbrauch" widmete. Die Referentin war eine "engagierte" Therapeutin, die von dieser Thematik geradezu besessen schien. U. a. bekamen wir von ihr zu hören, wenn sie von ihrer fünfzehnjährigen Tochter in Erfahrung brächte, dass diese einen 20jährigen Freund hätte, würde sie ihr sofort den Umgang mit diesem verbieten! So viel zum Thema Selbstbestimmungsrecht. Und als ich sie zu fragen wagte, wie sie's denn mit 12jährigen muslimischen Mädchen halte, die verheiratet würden, funkelte sie mich mit ihren feurigen Augen nur böse an und meinte, dafür sei sie nicht zuständig, das sei eine andere Kultur. Schon eine Spezies für sich, diese "Kinderschützer". Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: auch ich bin für Altersgrenzen, und für meinen Geschmack sollte man sie irgendwo bei 13 oder 14 ansetzen, aber offenbar haben diese Altersgrenzen für die Meisten lediglich einen symbolischen Wert als Initiationstermine, Durchgangsstadien ("rites de passage") oder imaginäre Schallmauern, die man möglichst schnell - auch hier eine unfreiwillige Zweideutigkeit - durchstoßen will. Oft genug sind diese Altersgrenzen reine Willkür und für jeden Geschmack anders beschaffen. Und ebenso oft genug nichts weiter als "pädagogische" Folterinstrumente zur Schikanierung junger Menschen. Ganz im Gegensatz zu dem, was die offiziöse Mythenbildung behauptet, haben Rind, Tromovitch und Bauserman 1998 eine Meta-Analyse von Literatur zu sexuellem Kindesmissbrauch durchgeführt und herausgefunden, dass die pauschale Feststellung, dass sexuelle Handlungen durch Erwachsene an Kindern durch die Bank für diese schädlich seien, schlicht und ergreifend falsch ist.21 Daraus lassen sich bestimmte Konsequenzen ziehen, die Thomas D. Oellerich in einem Kommentar zu der Arbeit von Rind/Tromovitch/Bauserman wiefolgt zusammenfasst:22 SKM) in jedem Fall für die alleinige Ursache von Persönlichkeitsstörungen im Erwachsenenalter zu halten. Wenn solche Störungen auftreten, dann hat dies in der überwiegenden Anzahl der Fälle ganze Bündel von Ursachen, wobei SKM höchstens ein Faktor unter vielen ist. Die statistischen Zusammenhänge zwischen SKM und Persönlichkeitsbefunden werden jedenfalls dann nichtsignifikant, wenn man die familiäre Situation als zusätzliche "Störgröße" einführt.23 Kindesmissbrauch" in der wissenschaftlichen Erforschung des Phänomens Pädosexualität zunächst neutralere Begriffe zu verwenden. Ob etwas tatsächlich als SKM qualifiziert bzw. eingestuft werden kann oder nicht, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die stattgehabte sexuelle Erfahrung der/s Minderjährigen mit einem Erwachsenen bei Letzterem spürbar negative Reaktionen auslöst(e) oder nicht. Bei Situationen, die einvernehmlich erfolgten (wobei dann allerdings die Frage ist, was unter "Einvernehmlichkeit" hier verstanden wird), sollte lediglich von Sex mit Kindern bzw. Jugendlichen gesprochen werden. Man kann u. U. diese Differenzierung noch weiter treiben, indem man z. B. bei nicht-einvernehmlichen sexuellen Situationen immer von Missbrauch spricht, gleichgültig, ob die Kinder bzw. Jugendlichen die sexuelle Episoden als angenehm oder unangenehm empfanden.24 sexueller Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen verunmöglichst keineswegs, derartige Beziehungen trotzdem als unmoralisch oder illegal zu betrachten. Conte konnte aufzeigen, dass die Entscheidung darüber, ob sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Nicht-Erwachsenen als sozial erlaubt oder als unerwünscht gelten, von ethisch-moralischen und religiösen Erwägungen abhängt und nicht von solchen, die die Nicht-"Kindgemäßheit" solcher Akte in den Vordergrund stellen: noch vor wenigen Jahrhunderten war es bspw. auch in Europa nichts Unübliches bzw. Verwerfliches, dass Dreizehn- oder Vierzehnjährige heirateten, eine soziale Gepflogenheit, die in muslimischen Ländern auch heute noch weit verbreitet ist, zumindest bei Mädchen. (Davon abgesehen sind bestimmte Rituale aus medizinischer Sicht in der Tat gesundheitsschädlich, wie z. B. die Klitorisbeschneidung bei kleinen Mädchen.)25 öffentlichen Hysterie um die "Kinderschänder" nicht vergessen werden darf: die Psycho-Industrie, auch Missbrauchsindustrie genannt, ist ein einträgliches Geschäft, besonders in Nordamerika.26 Costin, Karger und Stoesz schreiben dazu Folgendes: "Die Wiederentdeckung der Kindsmisshandlung durch den Mittelstand hat auch zum Wachstum einer Kindsmissbrauchsindustrie geführt, die sich aus opportunistischen Psychotherapeut(inn)en und aggressiven Anwält(inn)en zusammensetzt, die vom sexuellen Kindsmissbrauch profitiert haben, indem sie Erwachsene mit Erinnerungen an früheren sexuellen Missbrauch ausgeweidet und diejenigen zu therapierter Erinnerung ermuntert haben, die keine solche Erinnerungen hatten... Ganz offensichtlich war das psychologische Paradigma vo(m) Kindsmissbrauch ein Geschenk des Himmels... für Experten der geistigen Gesundheit, die nach neuen Krankheiten Ausschau hielten. Unglücklicherweise fielen dieser neuen Industrie Erwachsene zum Opfer, die Gefahr laufen, erneut zum Opfer zu werden, diesmal von einer Kindsmissbrauchsindustrie, die nach neuen Formen ökonomischen Wachstums sucht... Die breite Öffentlichkeit, die ein Herz hat für die traurige Lage missbrauchter und vernachlässigter Kinder, merkt ironischerweise nicht, dass sie einen Großteil der Kosten tragen muss für einen außer Kontrolle geratenen und durch Nachfrage aufgeblähten Apparat an Juristen und Therapeuten..."27 viel höhere therapeutische Aufmerksamkeit zuteil wird als anderweitig geschädigten jungen Menschen. Ein Bericht des Nationalen Instituts für Justiz von 1996 zeigte auf, dass bis zu 50 % der sexuell Missbrauchten psychotherapeutische und/oder psychiatrische Betreuung erhielten, aber nur 4 % der Opfer anderer Verbrechen. Die durchschnittlichen Kosten für die Behandlung der sexuell Missbrauchten waren dabei nahezu 60 Mal höher als bei anderen Opfergruppen.28 SKM's sogar mehr schaden als nützen, besonders in Fällen, wo es um sog. "Aufdeckungsarbeit" geht, d. h. um die Freilegung verdrängter oder verschütteter Erinnerungen an Missbrauch in der (frühen) Kindheit. Geradezu in Mode ist derzeit eine Diagnose, die sich Multiple Persönlichkeitsstörung nennt: eine Person spaltet sich dabei in vielerlei, manchmal Dutzende oder gar Hunderte von Teilpersönlichkeiten auf, um auf diese Weise traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, und die therapeutische "Aufdeckungsarbeit" soll dabei helfen, diese Aufspaltung wenigstens teilweise wieder zurück zu bilden. Eine Untersuchung des Opfer-Wiedergutmachungsprogramms des Staates Washington legt nahe, dass solche Aufdeckungstherapien offenbar mehr Schaden anrichten als der Heilung dienen. "Zwischen 1991 und 1995 wurden im Staate Washington in 325 Fällen Wiedergutmachungszahlungen für die Therapie verdrängter Erinnerungen (aus)gesprochen. Loni Parr, eine Krankenschwester in beratender Funktion, und Leute aus dem Betreuungsteam gingen 183 dieser Fälle durch. Daraus wählten sie per Zufallsprinzip 30 aus, um ein vorläufiges Profil dieser Fälle zu erstellen. Was sie herausfanden, war alarmierend."29 Der Zustand der Patienten verschlimmerte sich während der Behandlung teilweise dramatisch. Bevor diese ihre Erinnerung an den sexuellen Missbrauch wieder erlangt hatten, waren 10 % von ihnen akut selbstmordgefährdet; nach der Wiedererlangung der Erinnerung schnellte diese Zahl auf 67 % hoch. Vor der Erinnerung waren 7 % hospitalisiert, nachher 37 %; vorher hatten 3 % sich verstümmelt, nachher 27 %. Vor Antritt der Therapie hatten 83 % eine Arbeit, nach dreijähriger Behandlung nur noch 10 %. 93 % waren bei Beginn der Behandlung verheiratet; innerhalb von fünf Jahren lebten 64 % der Patienten geschieden oder getrennt. 21 der untersuchten 30 Patienten hatten minderjährige Kinder; ein Drittel (7) verlor im Laufe der Therapie die elterliche Sorge für ihre Kinder. Sämtlich alle waren mehr oder minder stark von ihren Familien entfremdet worden.30 Diese geradezu vernichtende Bilanz, die für die selbsternannten "Kinderschützer" und die damit zusammenhängende Psycho-Industrie nicht gerade schmeichelhaft ist, kann nur auf folgende Punkte hinauslaufen, wie sie von Oellerich zusammengefasst werden:31 aufgeklärt werden, die das Problem des SKM umgeben. Das schließt u. a. ein, "die Legende zu begraben, dass eine sexuelle Handlung, nur weil sie eine moralische und/oder strafrechtliche Norm verletzt, notwendigerweise oder sogar normalerweise zu psychischen Schäden führe."32 M. a. W.: Ungesetzlichkeit oder moralische Verwerflichkeit haben nicht unbedingt etwas mit Schädlichkeit zu tun oder sind damit gleichzusetzen. Schädlichkeit bei Nichtbefolgung kann für Jugendliche sogar ihrerseits schädliche Auswirkungen haben, wie Schultz schon 1980 hervorhob: "Es scheint, dass wir willkürlich Normen für Minderjährige aufstellen und dann ein Abweichen davon als traumatisch bezeichnen. So ein Vorgehen ist fachlich gesehen unethisch und schädigt möglicherweise Minderjährige, die sexuelle Beziehungen mit andern unterhalten. Eine unangemessene Trauma-Ideologie spielt den an die rechte Lehre glaubenden Experten gegen das Kind oder die Eltern aus, die es anders sehen. Es entsteht die Gefahr einer Art sich selbst erfüllender Prophetie, die das Problem erst schafft, das sie angeblich verabscheut, aber das sie im Grunde genommen braucht, um ihre Ideologie aufrechtzuerhalten, die sich darauf stützt."33 zwischen Kindern/Jugendlichen und Erwachsenen dringend entideologisieren und endlich auf eine nüchterne wissenschaftliche Grundlage stellen. Forschungen, wo das Ergebnis bereits von vornherein feststeht ("Pädosexualität, in welcher Form auch immer, schadet grundsätzlich"), sind unseriös und schaden letztlich der Legitimität der Forschung selbst. Das Etikett "sexueller Missbrauch" sollte nur da aufgeklebt werden, wo er wirklich stattgefunden hat und - wichtig! - wo die Opfer das auch so empfinden und/oder die Folgen in der Tat dramatisch sind. "Sexueller Missbrauch kann definiert werden als unerwünschte sexuelle Erfahrung, die Gewalt, Drohung und/oder nachweisbaren Schaden miteinschließt."34 quasi automatisch einer Behandlung bzw. Therapie zuzuführen. Es kann nicht oft genug betont werden: SKM ist keine psychische Störung und kein psychiatrisches Symptom, sondern ein real stattgehabtes Geschehnis, das von den Beteiligten äußerst unterschiedlich interpretiert und empfunden werden kann, vielleicht und unter Umständen sogar als "schönes Erlebnis" und als "Sex, der Spaß gemacht hat". Wenn dies so gewesen ist (mit Betonung auf: wenn), dann soll man die Beteiligten auch gefälligst in Ruhe lassen und ihnen nicht etwas einzureden trachten, was letztlich ein gesellschaftlich produziertes Phantasma darstellt, das mit den realen Vorgängen ggf. überhaupt nichts zu tun hat.35 Und erst dann, wenn nachweisbar eine massive Schädigung vorliegt, sollte über therapeutische Maßnahmen nachgedacht werden, und auch das erst bei akuter Gefährdung, z. B. Suizidalität; Vorsicht ist auf jeden Fall, so oder so, angebracht. Aber grundsätzlich gilt: "Kinder oder Jugendliche ohne Krankheitserscheinungen sollten nicht therapiert werden."36 SKM benötigen und vor allem aus eigenem Antrieb wünschen, sollten in ihrem eigenen Interesse und auch gleichsam "der Fairneß halber" von Beginn an auf mögliche ernsthafte Nebenwirkungen der Therapie aufmerksam gemacht werden - wie ja auch heutzutage jedes Medikament, das man in der Apotheke käuft, seinen Beipackzettel hat.37 Fassen wir zusammen: der Streit um den sexuellen Missbrauch ist eine hochideologisierte Debatte, wo man als Mitdiskutant schnell "zwischen alle Fronten" geraten und in ein mit gesellschaftlich produzierten Phantasmen nur so bespicktes Minenfeld hinein laufen kann. Aber das gesellschaftlich Imaginäre ist nicht bloßes Hirngespinst und "spinnerte" Einbildung; es produziert Effekte und anonyme Strategien, die den Gesellschaftskörper durchziehen und den "sozialen Habitus" (Bourdieu) der Gesellschaftsmitglieder in starkem Maße mitbestimmen.38 Alle Kulturen, sog. "archaische" ebenso wie "traditionale" oder "moderne", hatten und haben noch immer so ihre Schwierigkeiten mit Erotik und Sexualität: den "Trieb" zu codieren und in sozial akzeptable Bahnen zu lenken, ist eine Aufgabe, die immer nur sehr bruchstückhaft und unter zum Teil großen Opfern und Leid zu gelingen scheint, oder, um es in der berühmt gewordenen Formulierung von Adorno/Horkheimer aus der Dialektik der Aufklärung zu sagen: "Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt... Die Angst, das Selbst zu verlieren und mit dem Selbst die Grenze zwischen und anderem Leben aufzuheben, die Scheu vor Tod und Destruktion, ist einem Glücksversprechen verschwistert, von dem in jedem Augenblick die Zivilisation bedroht war."39 Und mitunter kann es auch geschehen, dass die Menschen aus Angst vor dem Tod oder dem freien Fall ins soziale Nichts "in den Bann eines jeglichen Despotismus... geraten" und eine "selbstzerstörerische (...) Affinität zur völkischen Paranoia"40 aufweisen, (a)soziale Verhaltensweisen von potentiellen Amokläufern, wie sie etwa in Teilen der selbsternannten Rächer "geschändeter Kinder" und in durchgeknallten Exemplaren von Vertretern von Missbrauchsindustrie und "Kinderschutzbewegung" (leider) mehr und mehr zu beobachten sind. Anmerkungen 1 Vgl.: Cornelius Castoriadis, Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philosophie, Frankfurt/Main 1990 (Suhrkamp). gesellschaftlichen Einbildungskraft, Frankfurt/Main 1987 (Suhrkamp). Anti-Homosexuelle, in: Psyche 26, 1972, S. 477. Reiche bezog sich auf: Charles Socarides, Der offen Homosexuelle, S. 105. Reiche zit. n.: Klaus Theweleit, Männerfantasien 2. Männerkörper - Zur Psychoanalyse des weißen Terrors, Reinbek b. Hamburg, Januar 1980, S. 310 (Rowohlt). (o. O., o. J.) bedeutet, wird dieser in der Tat missverständliche Begriff in sozialarbeiterischen und therapeutischen Kreisen häufig durch "Pädosexualität" ersetzt, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. http://www.maennerberatung.de/paedophilie.htm, a. a. O. Anm. von mir, d. V. Gefängnisses, Frankfurt/Main 1976 (Suhrkamp). Frankfurt/New York 2002, S. 334 ff. (Campus). stadtorientierte Wohnungspolitik, Hamburg 2000, insb. S. 77 ff. (IfdW). Gewaltmärkte und die Privatisierung des staatlichen Gewaltmonopols, in: Tanja Brühl/Tobias Debiel/Brigitte Hamm/Hartwig Hummel/Jens Martens (hrsg.), Die Privatisierung der Weltpolitik. Entstaatlichung und Kommerzialisierung im Globalisierungsprozess , Bonn 2001, S. 200-229 (Dietz; EINE WELT: Texte der Stiftung Entwicklung und Frieden). des Nationalstaates. Sexualwissenschaft an der Abteilung für Sexualforschung der Universität Hamburg, am 20. 5. 1997, URL: http://schwule.asta.uni-hamburg.de/paedophilie.html, Ausdruck S. 4 f. aus der Haft entlassen wurden. Verhältnisse, Hamburg 1996. Sigusch (hrsg.), Sexuelle Störungen und ihre Behandlung, Stuttgart/New York 1996, S. 266-275. 1994. Dramaturgie der pädophilen Begegnung, Opladen 1996. examination of assumed properties of child sexual abuse using college samples, in: Psychological Bulletin, 124, 1998, S. 22-53. from national samples on psychological correlates of child sexual abuse, in: Journal of Sex Research, 34, 1997, S. 237-255. meta-analytische Studie ist politisch "unkorrekt", doch wissenschaftlich hieb- und stichfest, in: Sexualität und Kultur, 4 (2), 2000, S. 67-81, URL: Oellerich, School of Social Work, Ohio University, 148 Morton Hall, Athens, OH 45701 (oelleric@aok.cats.ohiou.edu)) critique and suggestions for future research, in: Victimology: An International Journal, 10, 1985, S. 110-130. is doing to people, 2nd edition, Montreal 1998 (Robert Davies). America, New York 1996, S. 7 (Oxford University Press). Zit. n.: Thomas D. Oellerich, Rind, Tromovitch und Bauserman: Ihre meta-analytische Studie ist politisch "unkorrekt", doch wissenschaftlich hieb- und stichfest, in: Sexualität und Kultur, 4 (2), 2000, S. 67-81, URL: http://www.arcados.ch/wissen/oellerich.rtb2001pa.html, hier Online-Version S. 4 f. Devastated families and devastated patients, in: Applied Cognitive Psychology, 11, 1997, S. 25-30. Schultz (ed.), The sexual victimology of youth, Springfield IL, 1980, S. 39-42, hier S. 40. Zit. n.: Oellerich, a. a. O., S. 8. sexually abused children: A review and recommendations, in: Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 34, 1995, S. 1408-1423. children?: Ethics and the problem of sexual abuse, in: American Journal of Orthopsychiatry, 49, 1979, S. 692-697. Wille zum Wissen, übersetzt von Ulrich Raulff und Walter Seitter, Frankfurt/Main 1977 (Suhrkamp). Ulrich Raulff und einem Nachwort von Gilles Deleuze, Frankfurt/Main 1979 (Suhrkamp). Philosophische Fragmente (1947), 6. Auflage, Frankfurt/Main, Mai 1979, S. 33 (Fischer).
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