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Mir bereiten die Positionen der Antideutschen - bei aller Sympathie in der Sache - zunehemend Unbehagen, und das ist ein Versuch, das auf den Begriff zu bringen. Um Missverständnisse von vornherein auszuschließen: das soll kein Wasser auf die Mühlen von "Palästina-Freunden" sein. Kurt-Werner Pörtner Hier also der Text: Bedingungslos paranoid Im Sumpf diverser "Anti"-Sektierer (23. 9. 2002) Wir leben in seltsamen Zeiten. Während sich der öffentliche Diskurs immer hektischer in völkischer S- und M-Rhetorik ergeht ("Soziale Einschnitte", "Soziale Grausamkeiten", "einschneidende Reformen"), so als seien wir ein einig Volk von Masochisten, die geil bis unter die Zehennägel auf ihre Domina mit dem Operationsmesser ("chirurgische Schnitte") warten, um im Namen der "Arbeit" die Profitrate zu retten, laufen in politischen Subkulturen, die sich als noch links oder als nicht mehr links verstehen ("postpolitisch"), noch bizarrere Vorgänge ab, die auf eine neue Konjunktur von Verschwörungstheorien hindeuten. Mathias Bröckers' bei 2001 erschienenes Buch Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11. 9. erlebte im September 2002 allein sieben Auflagen (!), und auch wenn uns Bröckers erklären will, es gehe ihm um eine "kritische Konspirologie", können das andere noch entschieden besser, z. B. diejenigen, die man landläufig als die "Antideutschen" bezeichnet. Die Beweggründe der Antideutschen mit ihrem "Zentralorgan" Bahamas lassen sich im Wesentlichen im drei Sätzen zusammenfassen: 1. Bedingungslose Solidarität mit dem Überlebenskampf des Staates Israel. 2. Eine antiimperialistisch-antisemitisch-islamfaschistische Phalanx will unter dem Vorwand des "Selbstbestimmungsrechts des palästinensischen Volkes" in Wirklichkeit Israel vernichten. 3. Es besteht eine geheime Affinität zwischen den "Volksdeutschen" und den "Islamfaschisten", beide haben letzten Endes die gleichen Intentionen und werden von denselben Phantasmen angetrieben. Bahamas aus Berlin und die Initiative Sozialistische Forum aus Freiburg im Breisgau sind die theoretischen Speerspitzen der Antideutschen. Sie verstehen sich als Erben der Kritischen Theorie, in Sonderheit Adornos und Horkheimers. Sie beharren auf bedingungsloser Negativität (z. B. einer ihrer Haupttheoretiker, J. Bruhn) im Sinne einer verschärften Variante der "bestimmten Negation" bzw. der "negativen Dialektik" Adornos. Während jedoch Adorno den "totalen Verblendungszusammenhang" vorwiegend auf dem Felde der Kunst bekämpft sah und ansonsten eher die Ausweglosigkeiten des spätbürgerlichen Intellektuellen verkörperte (deswegen war er ja auch über den Aktionismus der 68er so entsetzt), entschlagen sich die Antideutschen total der Praxis, mit einer entscheidenden Ausnahme freilich: sie wollen "bedingungslos" und "uneingeschränkt" alle Manifestationen dessen bekämpfen, was man als das "antizionistisch-antiamerikanische Syndrom" bezeichnen könnte. Ihre Feinde sind vorwiegend der "Islamfaschismus" und alle Sympathisanten, die vorwiegend aus dem Umfeld der Antiimperialisten stammen sollen. "Deutschland" steht grundlegend im Verdacht, zur Volksgemeinschaft mutieren zu wollen, dagegen zu kämpfen, sind (fast) alle Mittel recht. Die islamfaschistisch-antiimperialistisch-volksgemeinschaftlichen Versuche, die "zionistisch-amerikanische Weltverschwörung" zu eliminieren, werden als Endlösungsstrategien gewertet, um eine "negative Aufhebung des Kapitals auf kapitalistischer Grundlage" zu erreichen. So weit, so gut. Dieser Deutungsversuch der "großen Frontlinien" der heutigen politischen wie geostrategischen Kräfteverhältnisse klingt zunächst einmal recht plausibel, mit dem terroristischen Massenmord am 11. September 2001 als schlagendstem Beweis. Nur, wenn man sich das Ganze mal im Detail anschaut, ergeben sich eine Reihe von Ungereimtheiten und Fragen, die auch alle rhetorischen Künste der Bahamas-Redaktion nicht hinweg zu erklären vermögen. In seinen Neun Thesen über Verschwörungen und Verschwörungstheorien (S. 64-66) schreibt Bröckers als These 9: "Um sich gegen Skepsis und Zweifel zu immunisieren, haben Verschwörungstheorien eine seltsame Schleife eingebaut: Jede Kritik an ihnen wird automatisch zum weiteren Beweis für die Realität der unterstellten Verschwörung. Dieses Immunsystem teilen moderne Verschwörungstheorien mit ihrem historischen Vorgänger, der Dämonologie des Mittelalters: Wer die Anwesenheit des Teufels bestreitet, ist selber von ihm besessen." (S. 66). Auch wenn ich Bröckers' ausufernden Assoziationsketten in so Manchem nicht zu folgen vermag, so enthält diese Beschreibung doch einen rationalen Kern: um sich gegen behauptete Weltverschwörungen zur Wehr zu setzen, scheint man gezwungen zu sein, Gegenverschwörungen zu erfinden. So ist auch alsbald jedes Mittel Recht und jeder Verbündete (und sei es auch der herbei Halluzinierte, um ein Lieblingswort der Bahamas-Autoren zu verwenden) billig, der die Gegenverschwörung zu unterstützen scheint, und angesichts der Bedrohungslage braucht man auch nicht mehr so genau hinzuschauen, mit wem man sich da einlässt. Bei der pro-israelisch-proamerikanischen Gegenverschwörung wird so getan, als sei die heutige Weltlage eine ähnliche wie vor oder während des 2. Weltkriegs. Nur Marx hat ja gesagt, alles spiele sich zweimal ab, einmal als Tragödie, einmal als Farce, und wenn man sich dieses Apercu einmal auf der Zunge zergehen lässt, dann fällt dies auch auf diesen Analogieschluss zurück. Hitler verfügte über ein Territorium und eine staatliche Armee, aber worin bestehen die Bataillone von Al Queida, um ein berühmtes Stalin-Wort zu paraphrasieren? In Wirklichkeit ist es doch so, dass die USA als Schutzmacht Israels und im "Kampf gegen den Terrorismus" praktisch einen Gegner hat, der kein ebenbürtiger sein kann. Hier kämpfen nicht Armeen auf "gleicher Augenhöhe" gegeneinander. Mehr als Nadelstiche, und seien es noch so mörderische, kann Al Queida oder sonstige islamistisch-terroristische Gruppierungen den USA nicht versetzen. Die Situation Israels ist zweifellos eine andere, aber hier geht es vorwiegend um die USA: es ist der Kampf gegen einen unsichtbaren, seltsam ungreifbaren Feind, den man zwar in Afghanistan oder Irak vorübergehend verorten kann, aber letzten Endes bleiben diese Verortungen unbefriedigend: darum ist es ja auch ein "war that never ends", ein Krieg, der niemals beendet werden kann. Die neoliberale Weltrevolution, die in den letzten zwanzig Jahren von den herrschenden Eliten betrieben wurde, fällt auf diese zurück: daraus sind deterritorialisierte, eigentümlich unstrukturierte Gewaltmärkte und -gruppen entstanden, die international operieren und nicht mehr imstande oder willens sind, ins Weiß des gegnerischen Auges zu blicken. Sie sind feige, rücksichtslos oder selbstmörderisch, je nach dem, sie spiegeln lediglich den Nihilismus der neoliberalen Weltrevolution wider. Eine Supermacht kann zwar überall und nirgends Gegenschläge ausführen, so viele und so oft sie will und die "irregulären Kämpfer" nach Guantanamo deportieren, so viele und so häufig es nötig scheint; nichtsdestoweniger, diese Hydra ist "auf dem Felde" nicht zu besiegen. Paradigmatisch ist die Figur des "Schläfers" in diesem auch symbolischen Krieg: jetzt ist es ja gerade der anscheinend Unauffällige, der Angepasste, der (arabische) Sohn aus besseren Kreisen, der urplötzlich sich als Todfeind entpuppt: der Schatten aus dem Hinterhalt, der nicht mehr zwischen Schuldigen und Unschuldigen, Beteiligten und Unbeteiligten unterscheidet und ein Zerstörungswerk anrichtet, dem man sich praktisch nicht erwehren kann. Die "Lösung", Alles und Jeden für verdächtig zu halten ("Neighbour Watch Program", "Rasterfahndung" usw.), führt nur zu neuen Absurditäten, in eine universale Paranoia, die niemals zur Ruhe kommt. Die Monsterbabies, die der Westen im Kampf gegen den Kommunismus selber schuf, fallen nun auf ihn zurück, Gegenverschwörung hin, Gegenverschwörung her. Der Islamismus ist in letzter Instanz nichts Anderes als der Zerrspiegel dessen, was der Westen von sich abspaltete oder als schmutzig, aber unvermeidlich einstufte. Die "islamistisch-antizionistische" Verschwörung ist Fleisch vom Fleische der "Dialektik der Aufklärung", der neoliberalen Revolution und der Flaschengeist des kalten Krieges, der nun gegen den wütet, der ihn aus der Flasche entließ. Im Grunde ist die antideutsche Gegenverschwörung einem zutiefst undialektischen Denken verhaftet, das die Ambivalenzen der Weltlage gegen falsche Eindeutigkeiten austauscht. Selbst Adorno/Horkheimer waren da schon vor knapp sechzig Jahren weiter. Der Kampf gegen den Nationalsozialismus bedeutete für sie keineswegs, Amerika-hörig zu werden, wie es die Antideutschen tun. Sie sahen sehr wohl die Schattenseiten, ja die totalitären Tendenzen im Mutterland der ökonomischen Freiheit selbst: "Hollywood" als "Massenbetrug". Sie nannten Hiroshima und Auschwitz im gleichen Atemzug, ohne beide in Eins zu setzen. Es ist keineswegs illegitim, nach den gemeinsamen Wurzeln von Atombombe, Konzentrationslager und Gulag zu fragen, eben den Strukturen der "abendländischen Welt". Adorno/Horkheimer beendeten ihre Reflexion eben nicht da, wo die Antideutschen bloß noch ihre "Negativität" zelebrieren und dabei erstaunlich "positiv" werden, eben als Möchtegern-Airforcepiloten ihr "Fuck Saddam" auf die Bomben zu pinseln, wenn man sie nur ließe. Beklagte man noch die "Kollateralschäden" im Kosovo-Krieg und bedauerte die zivilen serbischen Opfer, so werden die "Kollateralschäden" in Afghanistan plötzlich legitim, damit die Männer sich wieder rasieren und die Frauen sich wieder auf die Straße trauen dürfen - wenn sie denn nicht im Bombenhagel der Air Force "aus Versehen" zerfetzt worden sind. O sancta simplicitas! George Bush jun., der Säulenheilige der Antideutschen? Was man in jeder x-beliebigen US-amerikanischen Zeitung nachlesen kann, nämlich dass der berüchtigte Bush-Clan, dessen Familienmitglied Bush jun. ist, mit buchstäblich jedem Geschäfte macht, soll plötzlich nicht mehr erwähnt werden dürfen, weil dies "antiamerikanisch" sein könnte? Die Bushs haben Geschäfte mit den Nazis und mit der Bin Laden Group gemacht, die waren in dieser Hinsicht nie besonders wählerisch. Und was die USA allgemein und nicht bloß die Bushs betrifft, so soll ein Land, wo mehr Menschen im Gefängnis sitzen als zu den schlimmsten Zeiten der Sowjetunion, wo hinter China die meisten Hinrichtungen stattfinden (u. a. eine Rekordzahl an Hinrichtungen zu der Zeit, als Bush jun. Senator in Texas war) und wo Zehnjährige mit Hand- und Fußfesseln vor den Richter geschleppt und minderjährige Geisteskranke zum Tode verurteilt werden, solch ein Land soll man als "zivilisatorischen Lichtbringer" abfeiern? Es gibt gute Gründe dafür, das US-amerikanische Rechtssystem als "lausig" zu bezeichnen wie Däumler-Gmelin es tat; aber Bush ist deswegen kein Hitler, sondern einfach ein Reaktionär mit christlich-fundamentalistischen Einsprengseln. Big Pretzel is watchng you. Es ist einfach törichter Unfug, zu behaupten, es gäbe keinen Imperialismus mehr, bloß weil der Begriff durch die Anti-Imps diskreditiert wurde. Denkt euch einen neuen Namen aus, meinethalben "Empire", aber das Phänomen existiert dennoch. Nun bringt es nichts, auf "den" US-Imperialismus zu schimpfen, der der Europäer ist auch um kein Jota besser. Es geht darum, die Strukturen zu analysieren, das inner- und binnenimperialistische Beziehungsgeflecht zu entwirren, die imperialistische Konkurrenzverhältnisse zu enttarnen. Es geht des Weiteren nicht darum, die "spekulativen Blutsauger" zum Abschuss freizugeben, sondern darum, in der Tat die Strukturen des internationalen Finanzkapitals und deren Wirkungsmechanismen zu durchschauen: spekulative Angriffe auf Währungen und Devisenreserven und plötzliche Kapitalflucht können schlecht bestreitbare katastrophale Konsequenzen für ganze Nationalökonomien haben, wie die diversen Börsen-Krisen der letzten Jahre (Mexiko-, auch Tequilakrise genannt, Russland- und Asienkrise) zur Genüge aufgezeigt haben. Aber das Alles ficht die "Erkenntnistheorie" der Bahamas nicht an, Kollateralschäden, nicht wahr? Da ist sogar George Soros weiter. Die Kritik von Waren- und Denkform kann die knallharte politökonomische Analyse nicht ersetzen, auch wenn uns dies Bahamas und ISF mitunter zu suggerieren scheinen. Kritik der Denkform ist nötig, das ja, aber das ist nur ein Standbein. Vor allem sollte das Eine nicht auf das Andere reduziert werden. Unfreiwillig sind sich Bahamas und Krisis darin einig, dass nur denkerisches Däumchendrehen im negativen Vakuum die "Kritik" aufrechterhalten kann; der utopische Moment wurde erfolgreich vertrieben. Und die "zivilisatorischen" Bomben schmeißen bekanntlich die Anderen. |