Oh, du schöne Weihnachtszeit
Ein eigenartiges Gefühl breitete sich in seinem Körper aus und jeder einzelne Muskel pochte vor betäubtem Schmerz. Es war, als hätte man ihn gelähmt, er konnte sich nicht bewegen, so gern er es auch wollte. Und dann war da dieses grauenhafte, gleißende Licht, das in ihn diesem stechenden Weiß blendete und ihm die Sicht auf das raubte, wohin man ihn gebracht hatte. Er erinnerte sich nur noch an die Dunkelheit und jetzt dieses Licht.. und da waren diese unsäglichen Kopfschmerzen, die er sich einfach nicht erklären konnte.. Wo war er?
Langsam kehrte sein Geist wieder zurück und so langsam gewöhnten sich seine Augen an das helle Licht, worauf er allmählich die Umrisse und schließlich die Umgebung wieder normal wahrnehmen konnte. Es war richtig leise, nur ein regelmäßiges Piepen und brummen von Geräten, die in dem Raum herumstanden und irgendeine Funktion erfüllten, die er nur erahnen konnte. Von draußen hörte er Stimmengewirr.
Von draußen? Ah, er war in einem Zimmer. Einem furchtbar sterilen, weißen Zimmer. Langsam kamen die Erinnerungen wieder in ihm hoch. Da waren zwei Jugendliche gewesen, Hogwartsschüler.. sie hatten gesagt.. sie hatten gesagt, sie wollten ihn ins Krankenhaus bringen.. Ja, das sah schon nach Krankenhaus aus. Nur, weshalb war er hier?
In diesem Moment überflutete ein Schwall von Bildern wie ein Flashlicht seinen Geist und erhellte sein inneres Auge für eine Sekunde blutrot. Bilder des Abends huschten in Blitzeseile vorbei – der Dämon, der ihn hatte töten wollen, der Todesser, das Mädchen und der Junge, Harry Potter war es, dann war der Dämon fort und sie knieten bei ihm, und dann diese Schmerzen... Er versuchte sich zu bewegen und verzerrte sein Gesicht. Man hatte ihm starke Medikamente verabreicht, die seine Schmerzen linderten, aber doch waren sie noch da und quälten ihn schrecklich. Er seufzte und versuchte sich weiter aufzusetzen, doch dann erfüllte ein solches Pochen seinen Kopf, dass er sich gequält wieder in die Kissen fallen ließ. Vom Flur her drang aufgeregtes Stimmengemurmel zu ihm herein. Er wendete langsam seinen Kopf, als eine Ärztin und ein Arzt zu ihm herein traten, gefolgt von Sarah und Harry, die den Mann mit einer Mimik betrachteten, die ihm zwar wohl bekannt war, die er jedoch nicht in Worte zu fassen vermochte. Dieser Schmerz raubte ihm seine Sprache.
„Gott sei dank, Sie sind wieder bei Bewusstsein!“, rief der große dünne Mann mit dem blonden Haar und hielt seinen Visiten-Block dabei fest in den Händen. Der Kranke nickte.
„Hey, ihr Beiden da! Raus hier!“, scheute die schwarze Ärztin, auf deren Namensschild Alicia Springston stand, Harry und Sarah zur Türe hinaus und klatschte diese vor ihrer Nase zu.
Der Mann im Krankenbett blickte die Ärztin schockiert an und sie lächelte nervös. „Entschuldigen Sie bitte, da draußen sind zwei Kinder, die unbedingt mit ihnen reden möchten.“
„Aber bevor wir das können, müssen Sie uns zuerst ihre Personalien sagen, wenn Sie so freundlich wären..“, sagte der andere Arzt und schlug das erste Blatt seines Blockes nach hinten um und zückte seinen Kugelschreiber.
„Wencelas Eglay.“, sagte der Mann schwach.
„Schön, Mr. Eglay. Wo und wann sind Sie geboren?“
„Am 4. November 1962 in New Hampshire, Sir.“
„Danke.. Jetzt bräuchten wir nur noch ihre Sozialversicherungsnummer und die der Krankenversicherung.“
„Meine was?!“ Mr Eglay blickte den Arzt verständnislos an.
„Ihre Sozialversicherungsnummer.. Sie sind doch versichert?!“
„Ähm... nein.“, sagte er und lächelte schuldbewusst, als ihn der Arzt und die Ärztin so fassungslos anstarrten, als ob er gerade von einem anderen Planeten hier gelandet wäre. Doktor Springston schluckte kurz, winkte dann Mr Eglay einen Moment zu warten und zog dann den Arzt hinaus in den Flur, so dass Harry und Sarah bequemerweise jedes Wort deutlich hören konnten, von dem die Ärzte sprachen.
„Haben Sie so etwas schon gehört, Dr. Weaver? Er ist nicht einmal versichert.. Als wüsste er noch nicht einmal, was das ist, eine Versicherung!! Was machen wir jetzt mit ihm?“, sagte die schwarze Ärztin mit fassungslosem Blick und erhoffte, von ihrem Kollegen eine Antwort zu erhalten, jedoch vergebens.
„Wenn ich das nur wüsste.. Vermutlich ihn nach Hause schicken. Er hat nur ein paar ordentliche Schnittverletzungen, weiß der Himmel wo die herkommen, und Prellungen abbekommen, er wird’s überleben. Er bleibt nur noch so lange hier, bis die Wirkung des Valium etwas nachlässt..“
„Sie haben recht, Doktor. Außerdem können wir seinen Fall dann als ambulant abheften, so wird das kein solcher Papierkram mit der Rechnung, da er nicht einmal versichert ist...“
„Ich frage mich nur, wie dieser Kerl bezahlen will, er hatte ja noch nicht einmal ein Portemonaie bei sich.“
„Das werde ich übernehmen, mit Verlaub.“, sagte Sarah und erhob sich von der Wartebank, auf die sie sich gesetzt hatten. Die Ärzte blickten sich nachdenklich an und nickten schließlich. Das wäre ihnen genauso recht, hauptsache dieser Kerl wurde so schnell wie möglich wieder gesund und sie waren ihn wieder los. Sie mochten keine ungewöhnlichen Leute.
„Schön, dann kommen Sie bitte für einen Moment mit.“
Ein wenig später, nachdem die Formalitäten endlich erledigt waren (ein Grund, weshalb Sarah die Krankenhäuser der Muggel so hasste, alles, hauptsache kompliziert), konnten sie endlich zu dem Mann hinein, dem sie vor einer Stunde das Leben gerettet hatten. Er erkannte sie scheins, denn ein warmes Lächeln erglomm auf seinem Gesicht, als sie den Raum betraten. Mühselig richtete er sich auf und schüttelte ihnen erst einmal die Hand. Sarah und Harry blieben neben ihm stehen.
„Vielen, vielen herzlichen Dank bei euch Beiden, ich bin euch jetzt wirklich etwas schuldig.. Ihr habt mir mein Leben gerettet, und nur weil ich so dumm und leichtsinnig war..“
„Ist schon in Ordnung, Mister, keine Ursache.“, grinste Harry.
„Oh, Verzeihung, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt..“, sagte der Mann und versuchte sich so würdevoll wie möglich hinzusetzen, was jedoch aufgrund seiner Schmerzen schlecht ging, und so verzerrte er kurz das Gesicht. „Gestatten, mein Name ist Wencelas Eglay.“ Er lächelte und nickte.
„Sehr erfreut, Sir.. Das ist Sarah Denley und ich bin..“
„Harry Potter, ich weiß.“, sagte Mr Eglay und schmunzelte. „Mit Verlaub, jeder kennt Ihren Namen..“
„Das merke ich.. leider..“, sagte Harry und blickte zu Sarah hinüber, die für Bruchteile einer Sekunde erstarrt war, als Mr Eglay seinen Namen genannt hatte. Kannte sie ihn etwa?
„Freut mich, Sie kennen zu lernen.“, sagte Sarah nun wieder gefangen und lächelte freundlich, als wäre nichts gewesen.
„Miss Denley.. Ich habe bereits viel von Ihnen gehört.“
„Ach wirklich?“, sagte sie und klang richtig verlegen. Man merkte, sie war nicht sonderlich gern berühmt, schon allein daran, dass sie sofort rot anlief, wenn man sie darauf ansprach.
„Oh ja, in der Tat. Ihre Familie muss ja wirklich stolz auf Sie sein, Miss..“, sagte der Mann und Sarah’s Lächeln erfror.
„Ich habe keine Familie mehr.“, erklärte sie knapp.
„Oh, bitte, verzeihen Sie, ich bin ein richtiger Tollpatsch.. ich meine, es tut mir leid, dass..“
„Das muss Ihnen nicht leid tun.“, meinte sie und blickte weg.
„Mr Eglay.. Wie geht es Ihnen jetzt?“, erkundigte sich Harry, und versuchte, das Thema ein wenig zu wechseln.
„Danke danke, es geht mir schon langsam wieder besser...“, sagte er, doch man sah ihm genau an, dass er immer noch arg unter Schmerzen litt und sie nur verbergen wollte.
Sarah zog ihren Zauberstab aus der Tasche und nickte Harry zu, der eben die Jalusien zum Flur blickdicht zog.
„Mr Eglay, wenn Sie erlauben..“, sagte Sarah, schwang ihren Zauberstab und richtete ihn auf den Mann, worauf ein helles Licht aus dem Stab zischte und sich wie eine Aura um ihn legte, bevor es in seinen Körper eindrang und die Wunden wieder völlig heilte. Sie lächelte verlegen.
„Es tut mir leid, das konnte ich leider nicht schon früher tun, da es nur mit Wunden funktioniert, die nicht mehr bluten..“, erklärte sie und klang, als täte es ihr furchtbar leid, dass sie den Mann so lange Zeit unter seinen Schmerzen hatte leiden lassen müssen. Doch Wencelas Eglay winkte ab und lächelte sie stattdessen dankbar an. Er seufzte erleichtert.
„Vielen herzlichen Dank, Miss Denley, ich weiß gar nicht, wie ich das jemals überhaupt wieder gut machen könnte...“, stammelte er voller Freude darüber, dass seine Glieder nicht mehr schmerzten und es sammelte sich sogar eine kleine Freudenträne in seinem Auge, die er sofort verstohlen fort wischte.
„Das geht schon in Ordnung, Mr Eglay, das ist doch selbstverständlich.. Aber jetzt erzählen Sie uns doch, was sie überhaupt um diese Uhrzeit in einer solch abgelegenen Ecke Londons gemacht haben??“, fragte Harry doch neugierig und musterte den Mann eindringlich, dessen Blick ihm auswich.
„Nicht hier, bitte.. Das ist eine längere Geschichte...“
„Ach wissen Sie, wir haben Zeit...“
„Aber wenn Sie darauf bestehen.. gut, dann lassen Sie uns irgendwohin gehen, wo man sich ungestört unterhalten kann und wo es vielleicht ein klein wenig freundlicher als hier ist..“, sagte der Mann und ließ seinen Blick sympathisch lächelnd demonstrativ über die steril weißen Wände und die vielen Geräte schweifen.
Harry und Sarah nickten zustimmend, ihnen war es hier auch etwas ungemütlich und da es inzwischen schon halb zwölf war und der Kampf sie doch etwas aufgeregt hatte, sehnten sie sich inzwischen doch so langsam nach dem Zimmer im Tropfenden Kessel zurück, wo ein Feuer sie warm und prasselnd im kleinen Ofen erwarten würde und die kleinen Lampenschirme ihr weiches gemütliches Licht verbreiten würden.
„Na kommt, gehen wir..“, sagte Wencelas Eglay, erhob sich ein wenig mühsam, als müsse er sich erst wieder an seinen Körper gewöhnen und legte seine Hände auf ihre Schultern, um mit ihnen aus dem Zimmer hinaus zu treten.
Fahles Neonlicht empfing sie im Flur, das noch ungemütlicher als das im Zimmer war und geschäftige Leute liefen umher, ohne auch nur Notiz von ihnen zu nehmen. Und ohne dass die Schwester an der Rezeption auch nur aufgeblickt hätte, gingen sie wie ein roter Farbklecks auf einem weißen Papier dennoch unbemerkt quer durch das Krankenhaus hinaus in die winterliche Nacht, wo sie neben der bitteren Kälte eine wohltuende Dunkelheit in ihren Mantel hüllte.
Der dunkelhaarige Mann zog seinen zerfetzten Umhang enger um sich. Sarah und Harry bemerkten erst jetzt, dass es sich tatsächlich um einen Umhang handelte, er hatte die ganze Zeit über wie ein normaler Trench Coat ausgesehen, darauf hätten sie schwören können. Wencelas war der Blick der Beiden nicht entgangen und er lächelte mit einem schelmischen Funkeln in seinen Augen. Es war also kein Zufall gewesen.
„Illusionsmagie.“, sagte er, als wäre damit alles erklärt. „Ist sehr nützlich, wenn man viel unter Muggeln unterwegs ist, so muss man nicht diese scheußliche kratzende Kleidung minderer Stoffe tragen, die noch nicht einmal maßgefertigt sind. Ich verstehe einfach nicht, wie die Muggel das aushalten..“
Er grinste und zwinkerte ihnen zu, worauf auch Harry und Sarah zurück grinsten. Dieser Mann war schwer in Ordnung.
Sie wanderten schweigend nebeneinander her durch das nächtliche London, dessen Straßen immer noch so lebendig waren, wie am Tage. Gerade nachts erinnerten diese Schnellstraßen Sarah immer ein wenig an New York, die Stadt, die ja dafür berühmt war, nie zu schlafen. Doch sie schwiegen darüber, selbst als sie den Pub zum Tropfenden Kessel erreicht hatten und Harry die alte, etwas knarrende Tür aufschob.
Wencelas Eglay hielt inne, als hätte er etwas vergessen.
„Verzeihen Sie bitte, ich habe eine dringende Erledigung vergessen.. Könnten wir unser Gespräch nicht vielleicht auf ein andermal vertagen?“, bat er und blickte sie hilfesuchend an. Es war wohl wirklich ziemlich eilig. Sie nickten schnell.
„Natürlich, Sir..“, begann Harry, doch er kam gar nicht weiter.
„Herzlichen Dank, und bitte, nehmen Sie es mir nicht übel.. Sie werden meine Eule erhalten!!“, rief er ihnen noch mit dankbarem Blick zu und lief daraufhin eilig davon. Sarah sah ihm verwirrt hinterher und zog ihre Augenbrauen nach oben.
„Natürlich, Sir.. wir werden Ihre Eule bekommen.. es hat mich gefreut, sie kennengelernt zu haben.“, sagte sie leise und es hatte so etwas Endgültiges. Und sie beide empfanden in diesem Moment ein Gefühl, das sie nur zu gut kannten – wie wenn man zu jemandem sprach, als wollte man dieser Person noch etwas sagen, die jedoch schon gar nicht mehr unter ihnen weilte. Als ob man zu einer Person sprach, die vor langer Zeit einmal bei ihnen gewesen war, und es nun immer schwerer fiel, sich vorzustellen, sie wäre wieder unter ihnen, um wieder mit ihr zu reden. Genau so und kein bißchen anders. Ein unbehagliches fremdes Gefühl, aber ihnen durch ihr vergangenes Leben inzwischen nur allzu bekannt.
„Komm, Sarah..“, sagte Harry ebenso leise und sie traten durch einen schweren dunklen Vorhang hinter der Tür hindurch in die Gaststube hinunter. Die Lichter waren bereits heruntergedreht und die Stühle mit ihren Sitzflächen auf die Tische gestellt worden. Es machte fast den Eindruck, als ob sogar das alte Holz der Möbel bereits in den Schlaf hinüber geglitten sei, um sich von dem langen Tag für den nächsten Morgen zu erholen. Sie traten an den Tresen, der neben der Bar auch gleichzeitig der Empfangsschalter für die Gäste war. Harry wollte soeben nach Tom rufen, als er einen leichten Stoß in seine Rippen verspürte. Als er fragend zu Sarah blickte, nickte sie nur in eine bestimmte Richtung und zeigte mit ihrer Hand auf den im Dunkel gelegenen Teil der Bartheke. Erst jetzt entdeckte Harry Tom, der im Schatten seines Tresens mit einem Handtuch in der Hand eingenickt war. Er hatte wohl gerade noch die letzten Gläser poliert, als er sich zu einer kurzen Verschnaufspause gesetzt hatte und dabei eingeschlafen war. Es war wohl ein langer Tag für ihn gewesen.
Ein Lächeln stahl sich auf ihre Gesichter und ließ sie über Tom schmunzeln. Harry nickte Sarah still zu.
Auf Zehenspitzen schlichen sie durch die Gaststube ans andere Ende hinüber, wo sie die alte Holztreppe nach oben zu den Zimmern führte. Gerade hatten sie die Mitte der Treppe passiert, als eine Holzstufe erschrocken unter Sarah’s Fuß knackste und wie ein Schuss die Stille durchbrach. Sie zuckten zusammen und Sarah verzog ihr Gesicht. Sie beeilten sich, das obere Ende der Treppe zu erreichen, wobei sie versuchten, noch vorsichtiger ihre Füße aufzusetzen. Tatsächlich gelang es ihnen dort anzukommen, ohne dass eine Weitere der alten Stufen zu knarren begann. Sie atmeten auf, als sie nun den Flur erreichten. Ein dicker weicher Teppich dämpfte ihre Schritte ab, während sie den schmalen Gang entlang gingen.
Als sie ihre Zimmer erreichten, steckten sie vorsichtig die Schlüssel in die Schlüssellöcher und drehten sie herum. Dumpf klackte es hintereinander, als sich die Türen öffneten.
„Gute Nacht!“, raunten sie einander zu und betraten ihre Zimmer und hießen die angenehme Ruhe willkommen.
Während Harry gemächlich aus seinen Schuhen schlüpfte, seinen Hut und Umhang ablegte und sich auf das Bett setzte, um dem Feuer im Ofen noch ein wenig zu zu sehen, blieb Sarah drüben im Zimmer angewurzelt stehen und betrachtete mit Missfallen das, was sie dort sah. Ron lag immer noch breit auf Hermine’s Bett und was hatte sie gemacht? Sich kurzerhand auf Sarah’s Bett gelegt und schlief nun seelenruhig halb in Ron’s Arm, halb auf eigentlich Sarah’s Bett. Diese seufzte leise, öffnete wieder die Türe hinaus zum Flur, knipste das Licht im Zimmer aus und schloß die Türe hinter ihr.
Leise lief sie zur Türe nebenan und klopfte.
„Mhm?“, ertönte es von drinnen und Sarah deutete es als Herein, worauf sie die Türe aufmachte und eintrat.
„Hey Harry..“, sagte sie und lächelte. „Störe ich?“
„Nein, wobei denn!“, grinste er. „Kannst du nicht schlafen?“
„Nun ja, sagen wir es so – würde gerne, aber kein Platz da...
Ron liegt ausbreitet auf unseren Betten, und Hermine nun auf meinem. Und ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich mich auf 50 Quadratzentimeter zum Schlafen legen sollte.“
Harry lachte und grinste sie weiterhin an.
„Also, ich würde dir ja gerne das zweite Bett hier anbieten, doch es ist die Frage, ob es dir etwas ausmachen würde?“, meinte er, worauf Sarah ihn breit anlächelte, ihren Hut ablegte und zu Harry hinüber trat, der sich nun erhoben hatte.
„Nichts lieber als das.“, sagte Sarah und lachte leise. Er nahm sie in seine Arme und sie legte ihren Kopf an seine Schulter.
„Danke.“, murmelte sie, während Harry ihr leicht über’s Haar strich. Er hielt inne und blickte sie fragend an.
„Warum bedankst du dich? Unsinn..“, sagte er und lachte. Dann betrachtete er sie einen Moment nachdenklich. „Nur mal interessenshalber.. Wird dir nicht langsam etwas warm in dem Winterumhang?!“ Sein Blick wanderte von dem Ofen, der fleißig seine Hitze abstrahlte, hin zu Sarah, die hier in ihrem dicken Umhang vor ihm stand und kratzte sich am Kopf.
„Huch.“, meinte sie und lächelte verlegen, während sie die Schnalle des Umhangs öffnete. Harry strich ihr über die Schultern und nahm ihr gleichzeitig den Umhang ab, um ihn mit einem knappen „Wingardium Leviosa“ an den Haken segeln ließ. Sie setzten sich auf die Bettkante und Harry legte wieder seinen Arm um Sarah’s Taille.
Eine Weile saßen sie einfach nur still da und beobachteten die Flammen des kleinen Feuers, die züngelnd und sich schlängelnd elegant das Holz umrankten und mit ihrer zugleich zerstörerischen Hitze eine solch angenehme Wärme in den Raum hinaus strahlten, so dass es sie ein wenig schläfrig machte. Harry hatte mit einem weiteren Zauberspruch die restlichen Lichter im Zimmer gelöscht, so dass nur noch das Feuer seinen roten Lichtschein flackernd ins Zimmer warf. Schatten tanzten im Widerschein an den Wänden entlang. Und draußen hatten sich dicke Schneeflocken wieder ihren Weg hinunter zur Erde gebahnt und fielen weich und dick wie eine Decke herab, um London erneut in den Schlaf des Winters zu hüllen, den die Hektik der Großstadt oft störte. Doch nun fuhren kaum mehr Autos auf der kleinen Straße vorbei, die Londoner schliefen bereits tief und fest in ihren Betten, bis auf einige Jugendliche, die sich noch vom lauten Discoleben benebeln ließen und nun angetrunken laut lachend durch die Straße auf den Weg nach Hause liefen, oder eben dorthin, wo die nächste Party abging, um weiter zu feiern.
Sarah hatte ihren Kopf auf Harry’s Schulter gelegt und genoss die wohltuende Ruhe und Geborgenheit, die ihr in ihrem Leben in den letzten Jahren oft etwas zu kurz gekommen war. Doch auch Harry war unheimlich froh, hier so spät nachts noch mit Sarah zu sitzen und einfach nur schweigend dem Feuer zuzusehen. Ihm ging der Tag noch einmal durch den Kopf. Er erinnerte sich daran, wie früh sie aufgestanden waren, wie sie durch die Winkelgasse gelaufen waren und nach Geschenken gesucht hatten, wie sie auf dem Weihnachtsmarkt gewesen waren und wie sie Wencelas Eglay von dem Dämonen befreit hatten, wo er große Angst gehabt hatte, dort aus dieser Gasse nicht wieder lebendig heraus zu treten. Und dann war da ja noch Onkel Vernon, der ihn so fassungslos angestarrt hatte. Hatte es nur daran gelegen, dass sie sich mitten im Winter in London begegnet waren, oder auch daran, dass Harry nun eine Freundin hatte und Onkel Vernon nur neidisch war, dass Dudley (das konnte gar nicht anders sein, ansonsten wäre es ja auch ein wahres Wunder gewesen) niemanden zum „Vorzeigen“ hatte?
Eigentlich konnte es ihm egal sein, aber interessiert hätte es ihn ja schon. Ja, er gab es zu, er war schon etwas stolz, mit Sarah zusammen sein zu dürfen. Sie hätte jeden haben können. Jeden. Aber sie hatte sich in ihn verliebt. Er lächelte und steichelte ihr sanft über das Haar, worauf sie aufblickte. „Mhm?“, fragte sie mit nur einem Laut, das nicht einmal ein richtiges Wort war. Doch Harry lächelte nur schweigend und neigte seinen Kopf zur Seite, als er sie weiter streichelte.
Sarah lächelte zurück und legte ihre Arme um Harry’s Nacken. Sie näherten sich und ihre Lippen berührten sich in einem sanften Kuss. Doch diesmal ließen sie nicht nach zwei Sekunden wieder verlegen von einander ab, sondern küssten sich weiter. Erst vorsichtig und sanft, dann inniger und leidenschaftlicher. Es war so schön, endlich einmal nur zu zweit zu sein, ohne dass jeden Moment jemand herein platzen konnte und einfach nur die Zeit zu genießen, die sie hier beide verbrachten. Er musste sie einfach küssen, es ging nicht anders.
Sarah ging es ähnlich. Ihr war, als verliere sie sich selbst in diesem Kuss, als könne sie sich einfach mal fallen lassen, einfach mal nachgeben. Es war so viel in den letzten Jahren seit dem Tod ihrer Mutter geschehen, den sie immer noch so deutlich in ihrer Erinnerung hatte. Und nie hatte sie die Zeit und die Chance gehabt, einfach einmal loszulassen, aus Furcht verletzlich zu sein, aus Furcht, besiegt zu werden, was sie sich einfach nicht erlauben konnte. Doch nun hier in Harry’s Armen war es anders. Auf einmal existierte die Zeit um sie herum nicht mehr – oder sie war so unwichtig geworden, das sie nichts mehr zählte. All die Sorgen und Ängste waren fort an einen anderen Ort gegangen, wo sie sie nicht erreichen konnten, es zählte nur noch das hier und jetzt und dieser Kuss, der von solcher Liebe und Intensität war, dass sie ihn in jedem Nerv ihres Körpers spüren konnten.
Als sie sich wieder von einander lösen, war es, als fühlten sie immer noch die Lippen des anderen auf ihren Eigenen und es bedarf keiner Worte, um zu wissen, dass sie in diesem Momet genau dasselbe fühlten. Es war einfach nur wundervoll, schön, magisch und ein kleines Wunder zugleich, einfach nur hier zu sitzen, sich zu küssen und dasselbe zu empfinden.
Sie lächelten und krochen ein wenig weiter nach hinten auf das Bett, um sich schlafen zu legen. Sarah schmiegte sich an Harry, der sie weiterhin in seinen Armen hielt, und kaum eine Minute später waren sie bereits eingeschlafen. Nur noch die leisen regelmäßigen Atemzüge der Beiden waren zu hören, sowie das beruhigende Prasseln des kleinen Feuers im Kamin, das ihnen auf seine Art und Weise von vergangenen Zeiten erzählte und sie in den Schlaf hinüber geleitete...
***
Die Gryffindors saßen im Raum für Verwandlung bei Professor McGonagall. Niemand war recht in der Laune, jetzt in der letzten Stunde auch noch aufzupassen, wo sie doch eh danach frei hatten und quatschten so friedlich vor sich hin, völlig unberührt von der Tatsache, dass ihre Professorin vorne vergeblich versuchte, ihnen etwas beizubringen. Die Schüler schrieben sich gegenseitig Briefe, tyrannisierten die in der Reihe vor ihnen, indem sie kleine Pergamentkügelchen auf sie schnippten, dösten gelangweilt vor sich hin oder redeten über den bevorstehenden Ball und über alles andere Mögliche, solange es nur ja nicht etwas mit dem Unterricht zu tun hatte. Lediglich Hermine und Sarah waren in ein Buch vertieft, das sich noch halbwegs mit dem Unterricht vereinbaren hätte lassen können – wenn sie Geschichte gehabt hätten.
Professor McGonagall seufzte resignierend und stützte sich ratlos aufs Pult, um über ihre Brillengläser hinweg die Klasse zu mustern. Bei den galoppierenden Gorgonen, was sollte sie nur mit dieser Klasse machen? Eigentlich müsste sie jetzt allen Punkte abziehen, wie es sich gehörte, aber nicht einmal das würde ja etwas nützen, das war ja wohl offensichtlich. Manchmal machte es ihr wirklich den Eindruck, als hätten die Gryffindors kein bißchen Interesse daran, den Hauspokal zu bekommen. Jetzt, nachdem Slytherin erneut vorne lag...
Sie räusperte sich ärgerlich und erwartete Aufmerksamkeit.
„Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Sie in ihrer Konversation störe, aber falls es ihnen entgangen sein sollte, haben Sie hier bei mir Unterricht und keinen Kaffeeklatsch!!“, rief sie mit vernichtendem Tadel in ihrer Stimme und blickte über die Schüler hinweg, die ihre Köpfe verwundert nach ihr umgedreht hatten. „Wenn Sie jetzt bitte noch die Güte hätten, sich wieder auf ihre eigentlichen Plätze zu begeben, um mir noch die letzten fünf Minuten zumindest einen Teil ihrer Aufmerksamkeit zu schenken, das wäre sehr freundlich...“, sprach sie weiter und obwohl sie überaus höflich gewesen war, klang in jeder Silber ihre Missbilligung und ihr Tadel wider. Die Schüler kehrten zu ihren Plätzen zurück, jedoch nicht so diszipliniert, wie sie es gerne gehabt hätte. Schade, dass die Zeiten, in denen die Schüler noch aus Furcht vor Punktabzug sehr gesittet waren, bereits endgültig vorüber gegangen waren...
„Herzlichen Dank!“, fauchte sie und fuhr mit ihrem Unterricht in dem selben Ton wie vorher fort, als sei nichts gewesen.
Jedoch eine Minute vor dem Ende der Stunde legte sie ihre Notizen vor sich auf den Tisch und blickte in die Klasse, die sie verwirrt anblickte. Professor McGonagall hörte nie früher mit dem Unterricht auf. Was war in sie gefahren?!
Sie räusperte sich wieder und verzog ihre Mundwinkel für eine Sekunde nach oben, das vermutlich ein gekünsteltes Lächeln andeuten sollte, zum Zeichen der guten Absichten.
„Nun, Sie werden sich jetzt sicher fragen, warum ich meinen Stundenplan nicht dem gewöhnlichen Rhythmus nach abhalte und eine Minute früher den Unterricht beendet habe. Das liegt daran, dass ich Ihnen einige Neuigkeiten bekanntzugeben habe. Das Meiste wird Ihnen ja ohnehin bekannt sein, vermute ich, dennoch die genauen Angaben könnten Ihnen ja schließlich ein wenig mehr zu Nutze sein, nicht wahr?“, begann sie und musterte die Schüler eingehend, als wolle sie sie strafen, doch im Gegenteil.. „Im Namen von Professor Dumbledore möchte ich Sie noch einmal darauf aufmerksam machen, dass in acht Tagen bereits Weihnachten vor der Tür steht und aufgrund dessen für alle, die in den Ferien auf Hogwarts bleiben, am Weihnachtsabend eine Art Vorab-Ball stattfinden wird. Ebenso bin ich gebeten worden, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass es dieses Jahr einen Tanzkurs für die fünften Klassen geben wird, dessen Ziel es ist, die Tanzkünste der Schüler ein wenig zu verbessern.“
Ein erfreutes Raunen ging durch die Klasse.
„..Jedoch können nicht allzu viele Schüler an diesem Kurs teilnehmen, da Mrs. Wallish, die extra aus Edinburgh auf Hogwarts gereist ist, selbst nur vierzig Teilnehmer wünscht, mit der Begründung, der Lerneffekt wäre dadurch eher gegeben. Der eigentliche Ball wird dieses Jahr wie bereits angekündigt am Sylvesterabend, dem 31. Dezember, stattfinden und beginnt um sieben Uhr abends mit einem Festessen und anschließendem Tanz. Festbekleidung ist erwünscht.“, schnarrte sie in monotonem Tonfall herab, während die Klasse ihr zunehmend mehr Gehör schenkte. Ihr missfiel das, das sollten sie lieber in ihrem Unterricht tun, anstatt bei solchem organisatorischen Zeug, das ohnehin nur dem sinnlosen Zeitvertreib diente. Mit finsterer Miene fuhr sie fort.
„Und zu guter Letzt möchte ich Ihnen eine weitere Erlassung Dumbledore’s mitteilen: Da es erwünscht ist, dass alle Schüler zum Sylvesterball wieder an Hogwarts sind, werden die Ferien um eine Woche nach vorne verschoben.“
Ein riesiger Jubel brach in der Klasse aus – sie klatschten, johlten und pfiffen, als hätte Gryffindor gerade das Quidditchspiel gegen Slytherin gewonnen. Professor McGonagall hob beschwichtigend die Hände und erhob kurz die Stimme, um sich nochmals kurz Gehör zu verschaffen. „Wenn Sie sich bitte noch einen Moment gedulden würden!!!... Danke. – Somit wäre ihr letzter Schultag in diesem Jahr kommender Freitag, der 17. Dezember und der Unterricht endet nach der sechsten Stunde, der Nachmittagsunterricht entfällt. Die Abfahrtszeiten der Züge werden ab heute Mittag in der Großen Halle am schwarzen Brett aushängen.“, sagte sie, nahm ihre Tasche hoch und wollte sich gerade zum Gehen wenden, als ihr noch etwas einfiel. „Ach, und bevor ich es vergesse - Für die fünfte Jahrgangsstufe werden nach Sylvester noch eine Woche Studienzeit angehängt, die jedoch nur dazu genutzt werden sollte, um sich nochmals genügend auf die ZAGs vorzubereiten. Ihnen dürfte ja bekannt sein, dass jene Prüfungen in der zweiten Woche im Januar, also genau im Anschluss auf die sieben Tage Studienzeit, beginnen. Genaueres über die Prüfungszeit finden Sie später ebenfalls als Anschlag an schwarzen Brett in der Großen Halle.“, teilte sie ihnen noch mit und lächelte kurz – nun war alles gesagt. Nun sollte sie der Jubel, der nun tumultartig wie ein Orkan in der Klasse ausbrach, nicht weiter stören. Sie hängte sich ihre alte Ledertasche über die Schulter und verließ den Klassenraum.
„Juchu!!! Ich kann es immer noch nicht fassen! Eine Woche früher Ferien!!! Das ist ein Wunder!!“, jubelte Ron und schwenkte seine Tasche hoch über dem Kopf vor Freude. Sarah lachte, weil Harry ebenfalls einen Luftsprung machte und über’s ganze Gesicht strahlte.
„Ja, das ist wirklich ein Wunder!!! Aber man muss ja schließlich auch mal Glück haben!!“, freute er sich und umarmte Sarah aus einem Anflug von überschwenglicher Begeisterung. Diese lachte ihm in die blitzenden Augen und erwiderte seine Umarmung. Sie hielten sich eine kleine Weile länger fest, als es eigentlich nötig gewesen wäre – aber es reichte, um Ron und Hermine wieder einmal vielsagende Blicke wechseln zu lassen.
Sie packten ebenfalls ihre Taschen zusammen und machten sich auf den Weg hoch zur Großen Halle. Ausgelassen hüpften viele der Schüler über die Gänge und plauderten so munter, als wäre das heute der schönste Tag ihres Lebens.
„Was ist denn in Colin gefahren?!“, fragte Harry verblüfft, als der kleine Zweitklässler wie von einer Tarantel gestochen durch die Gänge raste und Harry aus Versehen fast zu Boden riss. Er stolperte, entschuldigte sich eilig mit einem hochroten Gesicht vor Anstrengung und flitzte weiter. Harry stand wie vom Schlag getroffen da und sah Colin Creevey nach. „Na, der hat’s wohl ziemlich eilig, hoch zur Eulerei zu kommen, um seinen Eltern schnellst möglich noch Bescheid zu geben. Ich habe ja gehört, er würde die Weihnachtsferien sonst dieses Jahr auf Hogwarts verbringen, da seine Eltern auf die Malediven wollten...“, lachte Hermine und zwinkerte Harry zu, der sie jedoch nur verwirrt anblickte.
„Hermine, woher weißt du das jetzt schon wieder?“, fragte er irritiert. Und er hatte gedacht, er sei gut informiert...
„Tja ja..“, grinste diese, „Ich hab eben auch so meine Quellen... Okay, ich will ja nicht so sein, ich hab es von Lavender gehört, als sie neulich mit ihrer Cousine geredet hat, die in derselben Klasse wie Colin ist.“
Sie nickten und gingen weiter die langen Gänge entlang, bis sie schließlich die große Pforte zur Großen Halle erreichten. Wie immer um die Mittagszeit empfing sie bereits der Duft eines guten warmen Essens und lief ihnen bereits das Wasser im Munde zusammen laufen. Sie merkten erst jetzt, wie hungrig sie waren; heute morgen hatten sie eindeutig zu wenig gegessen, aber da sie verschlafen hatten und niemand sich die Mühe gemacht hatte, sie zu wecken, war ihnen doch etwas die Zeit ausgegangen. Sie traten über die Türschwelle in den riesigen Saal hinein, durchquerten die Halle und ließen sich an ihren üblichen Plätzen am Tisch nieder.
Lautes Stimmengewirr erfüllte den Raum, sowie eine leise Musik, die man zur allgemeinen Unterhaltung dort spielen gelassen hatte (die aber so leise war, dass sie von dem Gemurmel schlichtweg überdeckt wurde) und nach und nach füllte sich die Halle mit den Schülern. Goldene Platten voller Essen erschienen vor ihnen und der intensive Geruch machte sie noch hungriger, als sie es bereits eh schon waren.
Sofort griff man nach dem Vorlegbesteck und lud sich erst einmal ordentlich auf die Teller, gefolgt von dem Kürbissaft und dem heißen Punschähnlichen Getränk, das es in den kalten Tagen immer zu trinken gab. Sarah erinnerte es immer ein wenig an sehr starken Früchtetee (was für Früchte waren das bitte?! Malve? Waldbeeren? Sarah konnte es nicht benennen.) mit einer art südländischen Sorte von Orangen aufgefüllt. Im allgemeinen war das Getränk recht süß, aber es schmeckte einfach köstlich. Sie schenkten sich davon aus einem immer nachfüllenden Krug ein, für den Kürbissaft war es ihnen heute ein klein wenig zu kalt. Die Temperaturen draußen krochen immer noch bei minus fünf Grad herum, wenn nicht sogar kälter, und aufgrund der Massen von Schnee war Hogwarts schon fast nicht mehr von dem anderen durchgehenden Weiß der umgebenden Landschaft zu unterscheiden. Wenn es nicht bald zu schneien aufhörte, hatten sie sicher bis Weihnachten an die siebzig Zentimeter Schnee – wenn nicht mehr.
„Harry, was ist das denn?“, fragte Sarah und deutete in den Topf mit Essen, der vor ihr stand. Sie lugte vosichtig hinein. Harry musste lachen, als er ihren skeptischen Gesichtsausdruck sah. „Das ist doch nur einfache Nudelsuppe!“, sagte er und häufte sich zwei Schöpfkellen in seinen Teller.
„Nudelsuppe?!?“, rief Hermine hellauf begeistert und machte sich im selben Moment ebenfalls den Teller randvoll – sie war gerade noch zu sehr mit dem Punsch beschäftigt gewesen, als dass sie den großen Topf bemerkt hätte. Ron blickte misstrauisch auf Harry’s und Hermine’s Teller.
„Weißt du, was mich mal interessieren würde? Ob die da unten in der Schulküche neuerdings Hauselfen aus Muggelfamilien haben, dass sie auf einmal so abstraktes Zeug kochen...“, meinte er zu Sarah und tauchte seinen Löffel in Hermine’s Suppe, um mal zu kosten, worauf sie mit einem „Hey!!“ laut protestierte. Sarah grinste.
Im selben Moment betrat Professor Dumbledore die Große Halle und die schweren Toren fielen mit einem dumpfen Schlag wieder ins Schloss zurück. Sein purpurner Umhang wehte weich hinter ihm her, als er majestätisch zum Lehrertisch schritt, um sich auf seinem Platz niederzulassen. Er überblickte die Schüler, die größtenteils bereits schon wieder mit dem Essen fertig waren. Dann beugte er sich kurz zu Professor McGonagall hinüber und wechselte ein paar Worte mit ihr, worauf er sich wieder von seinem Platz erhob. Er schien geradezu aus seinem Sessel herauszuwachsen und er erschien ihnen wie ein König, als er von dort oben mit seinem langen weißen Haar über die Schüler hinweg blickte und sich dann kurz räusperte.
„Es tut mir leid, wenn ich euch beim Essen stören muss, aber ich würde noch gerne eine kleine Ankündigung machen – solange noch alle Schüler hier versammelt sind.“, sagte er, schmunzelte und wartete, bis alle ihre Löffel beiseite gelegt hatten und ihn erwartungsvoll anblickten.
Professor McGonagall verzog ein klein wenig ihr strenges Gesicht. Warum konnten diese Schüler nicht nur einmal so ihren Worten lauschen?! Es schien ihr wirklich ungerecht.
„Danke sehr, danke... Es ist mir zu Ohren gekommen, dass hier auf Hogwarts Gerüchte herumgehen, die versprechen, dass wir einen weiteren Lehrer hinzu bekommen sollen. Nun, da ja bekannt ist, dass Gerüchte selten ganz der Wahrheit entsprechen, möchte ich hierzu nun eine Erklärung abgeben.
Wir werden in der Tat einen weiteren Lehrer hinzubekommen. Sein Name ist Cedric Fips und er studiert zur Zeit Zauberkunst und Verwandlung an der internationalen Akademie für Zauberkünste in New York. Er wird hier an Hogwarts für einen Monat eine praktische Ausbildung für das Lehramt erhalten. Und auf die Frage hin zu antworten, ab wann wir hier mit ihm rechnen können: Ich habe vor einer Stunde seine Eule erhalten und er wird bereits morgen hier auf Hogwarts sein.“, schloss Professor Dumbledore, nickte dankend für die Aufmerksamkeit und setzte sich wieder, um nun ebenfalls mit dem Mittagessen zu beginnen.
Hermine grinste mit erhobenem Kopf in die Runde.
„Was habe ich gesagt? Fips kommt nach Hogwarts.“, sagte sie stolz und die Jungs verdrehten entnervt die Augen, da sie erkennen mussten, dass es kein schlechter Scherz war. Ein Cousin dritten Grades von Gilderoy Lockhart!!! Das konnte einfach nur ein schlechter Scherz sein – oh mein Gott! Aber Hermine und Sarah hatten da scheins gar kein großes Problem damit.. Aber sie waren ja schließlich auch Mädchen.
Na, das würde ja einmal heiter werden....
„Leute, nehmt es uns nicht übel, wir gehen schon mal nach oben und spielen eine Runde Zauberschach..“, sagte Ron und zog Harry mit sich fort, um hoch in den Gemeinschaftsraum zu gehen. Kaum waren sie in den Gängen, begannen sie wieder weiterzureden.
„Harry, sag mir, dass das nicht wahr ist – ein Lockhart auf Hogwarts!!“, rief Ron flehend und er wünschte, er habe Dumbledore nur falsch verstanden.
„Ist aber wahr.. Mir wäre lieber, ich hätte es nur geträumt..“
„Wie? Du willst von einem Lockhart träumen?!?“
„Unsinn.. Nur lieber, als dass es tatsächlich wahr ist..“
„Mann, jag mir doch keinen solchen Schrecken ein!!!“
Harry lachte. Typisch Ron. Wirklich typisch...
„Aber was willste daran ändern? Schauen wir halt einfach mal. Irgendwann in dem Monat werden wir dem Kerl sicher über den Weg laufen, auch wenn wir ihm aus dem Weg gehen würden.“, sagte er und zuckte mit den Schultern.
„Hast‘ recht. Sag mal, Harry, was schenkst du Sarah jetzt eigentlich zu Weihnachten?“, fragte Ron.
„Ähm... gute Frage. Ehrlich gesagt, mir fällt einfach nichts Richtiges ein, was ich ihr schenken könnte..“, sagte er wahrheitsgemäß und blickte ertappt aus dem hohen Fenster im Gang. Ron schüttelte tadelnd den Kopf.
„Du weißt schon, dass in ein einhalb Wochen Weihnachten ist?“, fragte er und musterte seinen Kumpel. „Also ich hätte da schon so eine Idee für Hermine, aber ich weiß nicht, ob ich soviel Geld auftreiben kann..“, murmelte er und seufzte leise.
„Was wär das denn?“, erkundigte sich Harry neugierig.
„Wart’s ab, ich werd’s dir zeigen.. Müssen wir aber dazu mal nach Hogsmeade runter.“, antwortete Ron.
„Einverstanden. Heute abend?“ Und Ron nickte bestätigend.
Sarah und Hermine hatten sich währenddessen auf den Weg hinunter zum Unterrichtssaal für Muggelkunde, die die Mädchen zusätzlich noch belegt hatten, da sie es irgendwie interessant gefunden hatten, die Muggel mal aus der Sicht der Zauberer zu studieren. Die Fackeln flackerten wie gewöhnlich an den Wänden und erhellten die steinernen Gänge mit ihrem goldenen Feuerschein, das die Kälte ein wenig gemütlicher wirken ließ. Die Personen in den Bildern hatten sich auch gemütlich zum Tee zusammen gesetzt oder plauderten munter über alles mögliche und ließen sich nicht von den Schülern stören, die ab und zu die Gänge entlang liefen.
„Hermine, hast du eigentlich noch das Photo vom Fips? Das, das du in der Hexenwoche gesehen hattest?“, fragte Sarah.
„Nein, die Hexenwoche hat ja nicht mir gehört, ich habe sie lediglich lesen dürfen.. Aber glaub mir, der Kerl sieht echt gar nicht mal so schlecht aus. Und das, obwohl ich Ron unheimlich gern mag.“, erklärte Hermine und grinste leicht.
„Beschreib den doch mal!“, bat Sarah neugierig.
„Also.. er ist etwa so groß (sie hob ihre Hand markierend etwa fünfzehn Zentimeter über Sarah’s Kopf), hat etwas längere dunkle Haare..“, begann sie, wurde jedoch unterbrochen.
„Wie lang?“ Sarah war etwas skeptisch.
„Na ja, normal halt, so acht Zentimeter vielleicht, was weiß ich das.. und dann eben dieses Strahlelächeln...“, schwärmte sie und verdrehte schmachtend die Augen. „Echt – wow.“
„Ich bin ja echt gespannt..“, sagte Sarah und hielt dann inne. Sie hatte eine Idee. Wenn er morgen bereits auf Hogwarts sein wollte, musste er spätestens heute Nachmittag, bzw. am Abend ja schon ankommen... Sie erklärte Hermine ihren Gedanken.
„Du meinst...?“, fragte diese und blickte abenteuerlustig zu Sarah, die eilig nickte. „Genau. Schauen wir einfach, wann er kommt und laufen dann rein zufällig den Gang entlang...“
Hermine grinste breit. Dieser Gedanke gefiel ihr. Sie war mindestens bereits genauso gespannt darauf zu sehen, wie dieser Kerl aussah, wie Sarah. Außerdem wüssten sie dann schon etwas Bescheid, wenn er morgen vielleicht in ihrem Unterricht auftauchte... wenn er es täte... er würde es.
Verschwörerisch kichernd betraten sie den Raum und nahmen ihre Plätze ein, um ihre Unterlagen auszupacken.
***
Der Abend war bereits eingebrochen und in den Gängen und Hallen Hogwarts‘ wurde es allmählich dunkel. Lediglich die Fackeln und Kerzen an den Wänden, die immer noch stetig die Gemäuer erhellten, verbreiteten einen hellen Schimmer, der jedoch kaum ausreichte, um die Gänge ausreichend zu beleuchten, worauf es ziemlich dämmrig war und wohl ziemlich gruslig für jemanden wirken musste, der nicht die winterlichen Abende auf Hogwarts gewöhnt war.
Sarah und Hermine hatten in einem Klassenraum in der Nähe des Eingangbereichs Stellung bezogen, und lernten – nur um den Anschein zu bewahren – fleißig die Formeln für Zaubertränke und Verwandlung auswendig. Jedenfalls taten sie so und spielten nebenher Snape explodiert, wobei sie brav statt den üblichen Redewendungen beim Spielen die Schulformeln aufsagten. Sie grinsten sich gegenseitig an, als Sarah mit vier gleichen Karten Hermine’s Drachenkarte stach.
„Bärlappkraut und Affodill zu gleichen Teilen, zu vermischen mit einer Prise Amber bei 37 Grad Celsius.“, sagte Sarah und legte den Stapel Karten zu ihren anderen Stichen. „Elixier 79!“
Sie spielten weiter und Hermine legte ein Zweierpärchen Könige auf die zwei Zehner von Sarah. „Sternschuppenkraut und Kamille zu gleichen Teilen, dann eine Phönixträne, links umrühren und nach fünf Minuten die Handvoll Quendel dazu.“, rief Hermine triumphierend und zog die Karten zu sich, worauf Sarah taktisch überlegte, welche Karten sie nun spielen sollte. Da waren die drei Fünfer, dann noch die zwei Königinnen dazu.. das würde sie nicht stechen können, dann noch die zwei Könige und zwei der höchsten Karten und sie hätte gewonnen. Sarah lächelte, als Hermine nach der Formel für den letzten Trank des Kapitels fragte.
„Eine handvoll Salbei und ein wenig Thymian, gemahlener Bergkristall und ne Prise Baldrian, geben dem Erfolge Mut und wird bei 50 Grad erst richtig gut.“, dichtete Sarah im Singsang, während sie ihre letzten Karten hinlegte und gewann. Hermine warf ihre Karten auf den Tisch und guckte genervt drein. „Innerhalb der letzten halben Stunde habe ich jetzt fünfmal in Folge verloren!! Mit dir spiele ich jetzt nicht mehr, das wird echt langweilig...“, beschwerte sie sich und verschränkte eingeschnappt ihre Arme. Andauernd, wirklich andauernd hatte Sarah gewonnen. Hatte sie die Karten gezinkt oder war sie wirklich so miserabel in Snape explodiert?!?
Während sie sich noch darüber aufregte, hörten sie auf einmal Schritte im Flur. Leicht schlurfende Schritte von Füßen, die in schmalen Schuhen mit aufgebogenen Spitzen steckten, in Begleitung von leisen, ein wenig trippelnden Schritten, die aber dennoch überaus streng und bestimmend wirkten – ohne Zweifel Professor Dumbledore und seine Kollegin Professor McGonagall, die sich auf das große Eingangsportal zubewegten, das in dem Moment durch ein lautes Klopfen erschüttert und anschließend mit kräftigen Armen aufgedrückt wurde.
„Guten Abend, Professor McGonagall, Professor Dumbledore, Sir!“, ertönte Hagrid’s tiefer Bass und er trat ein und stellte irgendetwas schweres ab, das wohl Koffer sein mussten. Sarah und Hermine standen lautlos auf und traten so leise zur Tür hinüber, dass es niemand hören konnte, der nicht gerade über das Gehör eines Wolfes verfügte. Sie lugten hinaus und konnten durch die Glasscheibe eines verlassenen Bildes nun wie in einem Spiegel das Geschehen betrachten.
Ein Mann, völlig in einen schwarzen Winter-Reiseumhang gehüllt, betrat die Eingangshalle und blieb vor Dumbledore und McGonagall stehen. Er reichte ihnen die Hand.
„Professor Dumbledore, Professor McGonagall.. es ist mir eine große Ehre, Sie endlich persönlich kennenlernen zu dürfen!“, sagte der Mann steif und obwohl man es nicht im Spiegelbild sah, wussten sie, dass er lächelte. Sarah erstarrte neben Hermine. Diese Stimme!!
„Es ist schön, Sie nun hier bei uns zu haben, Professor Fips!“
Sie winkte Hermine und sie packten schnell und möglichst lautlos ihre Schulsachen in ihre Taschen, hängten sie sich die Lederriemen über ihre Schulter und verließen den Klassenraum, um ganz gemütlich und vorsätzlich diskutierend den Gang entlang auf die Eingangshalle zu zugehen.
Vier Augenpaare blickten sie verblüfft an, als sie den Gang herauf kamen. Sie lächelten verlegen und blieben kurz stehen.
„Guten Abend!“, sagten Sarah und Hermine gleichzeitig und wollten niemanden direkt ansprechen, da sie dann auch den Herrn in Schwarz hätten ansprechen müssen, und dann wäre es ja offensichtlich gewesen, dass sie gelauscht hatten.
„Oh, guten Abend, meine Damen!“, sagte Fips höflich und stellte seine Taschen auf dem Boden ab, soweit er das noch nicht getan hatte.
„Miss Granger, Miss Denley! Was machen Sie so spät noch hier?“, fragte Professor McGonagall sie mit strengem Gesichtsausdruck, der die beiden Mädchen jedoch kaum kümmerte. Sarah lächelte elegant.
„Professor, mit Verlaub, wir haben gelernt. Die Bibliothek war leider zu voll und bei dem Stimmengewirr im Gemeinschaftsraum lässt es sich nicht gut lernen.“, sagte sie und es hätte nicht viel gefehlt, dass sie einen Knicks gemacht hätte. Mister Fips schien beeindruckt, und Albus Dumbledore lächelte.
„Minerva, lassen Sie nur..“, sagte Albus milde auf Professor McGonagall’s Gesichtsausdruck hin, die den Mädchen am liebsten ein paar Punkte Abzug gegeben hätte.
„Sehr erfreut.. Cedric Fips, mein Name.“, sagte der Mann und reichte ihnen, nachdem er seine Kapuze währenddessen abgenommen hatte, seine Hand.
„Ebenfalls.. Hermine Granger.“, sagte sie etwas verlegen.
„Sarah Minerva Denley.“, sagte Sarah vornehm und ergriff ebenfalls seine Hand, wobei sie ihm das erste Mal ins Gesicht blickte. Es reichte, um sie kurz erstarren zu lassen. Jetzt wusste sie, woher ihr diese Stimme bekannt vorgekommen war. Dieser Mann hatte sie in in diesem Laden in der Winkelgasse bedient.. Dem Nautilus, wo sie die Taschenuhr und das Fernrohr für Harry und Hermine gekauft hatte... Das war also tatsächlich Professor Cedric Fips?!? Aber es konnte keinen Zweifel geben, er war es. Selbst das Parfum war dasselbe. Genauso aufdringlich, aber irgendwie machte es sie auch genauso verrückt, wie Mücken eine Laterne im Dunkel.
„Ah, Miss Denley.. Wir kennen uns ja bereits.“, sagte er und seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Grinsen. Alle Anderen blickten sie verwirrt an, doch Mr Fips schien das nichts auszumachen. Sarah zwang sich zu einem Lächeln, das ihre Verlegenheit hierzu verbergen sollte und ließ die Hand des Professors wieder los.
„Wir müssen leider wieder weiter, wir wünschen Ihnen noch einen schönen Abend!“, sagte Sarah, nickte noch einmal höflich, wenn auch recht eilig und dann zog sie Hermine mit sich fort, während sie vier verwirrte Lehrer hinter sich ließen. Erst als sie um die zweite Biegung und somit außer Sichtweite waren, verlangsamte Sarah wieder und Hermine konnte sich von ihr losreissen. Sie blickte sie vorwurfsvoll an.
„Sag mal, was ist denn auf einmal in dich gefahren?!?“, rief sie und stemmte ihre Hände in die Hüften.
„Was soll denn schon mit mir los sein?“, entgegnete Sarah und wollte weitergehen, als sie von Hermine festgehalten wurde.
„Der Auftritt jetzt eben! Und wie, du kennst Professor Fips!? Und warum erfahre ich das erst jetzt und auf diese Art?!?“
„Ich habe nicht gewusst, dass er es ist – er war der Verkäufer im Nautilus, dem Laden wo du das Fernrohr gesehen hast!!“
„Wie – Cedric Fips und Verkäufer? Du spinnst, Sarah, Professor Dumbledore hat doch gesagt..“ Sie wurde unterbrochen. „Ich weiß, Albus hat gesagt, er studiert gerade in New York, aber wenn ich es dir doch sage!! Und bitte, was interessiert es mich, ich bin mit Harry zusammen!!“, rief Sarah aufgebracht.
Hermine zog eine Augenbraue nach oben und musterte Sarah durchdringend. Auch wenn sie es nicht gern sagte, dieses Mädchen war wirklich schön. Und wenn sie es noch weniger gern dachte, hatte sie schon manchmal Zweifel daran, ob Sarah es mit Harry wirklich ernst meinte. Dieses Mädchen könnte ja auch wirklich jeden haben. Wirklich jeden. Und jetzt, nachdem dieser Fips aufgetaucht war, musste sie sich einfach diese Frage stellen, schließlich war Harry seit fünf Jahren neben Ron ihr bester Freund. Es würde sich ja zeigen, ob Sarah wirklich Harry so liebte, wie sie es sagte.
Denn Cedric Fips sah wirklich gut aus. Er war jung, vielleicht gerade einmal sechsundzwanzig und sah dafür einfach unverschämt gut aus: Groß, guter Körperbau (wow), dunkle Haare und Augen, die sofort Sympathie und Wärme ausstrahlten.
Sarah musterte Hermine mit einem gekränkten Ausdruck in ihren schwarzen Augen. Was sollte das?!
„Gehen wir.“, sagte Hermine knapp und stolzierte davon, schließlich gefolgt von Sarah, um ohne ein weiteres Wort nebeneinander zurück zum Gemeinschaftsraum zu gehen.
***
Als sie sich am nächsten Tag nach dem Unterricht auf den Weg zu dem Saal machten, in dem der Tanzkurs stattfinden würde, herrschte zwischen Sarah und Hermine immer noch eine etwas angespannte Stimmung. Obwohl zwischen Sarah und Harry wirklich alles so war, wie es auch sein sollte, blieb Hermine skeptisch. Irgendwie hatte sie da so ein Gefühl, das sie die ganze Nacht über einfach nicht losgelassen hatte. Selbst Ron, der sie nun mit all seiner Aufmerksamkeit bedachte, konnte sie nicht von ihrem Gedanken abbringen, der sie in den Augen der Jungs etwas geistesabwesend wirken ließ. Schon als sie die letzten Meter auf die geöffnete Türe zugingen, scholl ihnen muntere Musik entgegen, die in der Tat schon regelrecht dazu einlud, darauf zu tanzen. Ein warmes Licht fiel durch die geöffnete Türe in den Gang heraus und ein paar Girlanden waren wie zu Fasching in die Türe gehängt worden, in deren schimmernder Oberfläche sich das Licht fing und zum Glitzern brachte. Sie traten ein.
Eine aufgeweckte Hexe mit bauschigen blonden Locken, die ihr bis zu den Schultern reichten und unter ihrem blauen Samthut hervor quollen, lachte ihnen entgegen und man sah ihr förmlich an, wie sehr sie sich freute, dass man ihren Kurs besuchte. Sie war schätzungsweise an die 33/34 Jahre alt, hatte eine recht passable Figur, auch wenn ihr Bauch einen leichten Ansatz zeigte. Aber aufgrund ihres Strahlens könnte es genauso gut auch sein, dass sie ein Baby erwartete, was sich schließlich später als richtige Vermutung herausstellte.
Sie stellte sich als Mrs Amanda Wallish vor und erzählte ihnen, dass sie vor fünf Monaten geheiratet hatte und in vier einhalb Monaten ihr erstes Kind erwartete. Auch so wirkte die blonde Hexe, die ganz in verschiedene Blautöne gehüllt war, überaus sympathisch und nett und alle Fünftklässler, die an diesem Kurs teilnahmen, freuten sich schon richtig darauf, sie für die nächsten zwei Wochen als Lehrerin zu haben.
Dadurch, dass sie die Teilnehmerzahl auf vierzig Schüler gesetzt hatte, konnten alle der fünften Jahrgangsstufe teilnehmen, bis auf die Schüler, die ohnehin krank waren oder aus irgendwelchen anderen Gründen nicht tanzen konnten (oder wollten). So wie Millicent Bulstrode, die fast die Einrichtung des Schlafsaals der Slytherin-Mädchen zertrümmert hätte, als man sie zum Tanzen überreden wollte.
Mrs Wallish klatschte in ihre Hände, um die Schüler dazu zu bringen, mit dem anderen Gerede aufzuhören und sich stattdessen lieber zu versammeln, um ihr kurz zuzuhören. Gerade als die Schüler sich aufstellten, trat noch ein weiterer in den Raum und schloss die Türe hinter ihnen. Dieser Jemand war kein geringerer als Cedric Fips, der von Kopf bis Fuß ganz in bordeauxrot und jeder Menge Gold hereingeschneit kam und Mrs Wallish mit seinem Strahlelächeln zunickte.
Sie schien ihn zu kennen, denn sie nickte ihm grüßend zu und wandte sich ohne ein weiteres Wort an die Schüler.
„So.. Erst einmal wollte ich euch alle ganz herzlich in meinem Kurs willkommen heißen! Schön, dass ihr da seid, hatte ja schon befürchtet, es käme gar niemand, wie es mir neulich in einer Schule drüben an der amerikanischen Ostküste passiert ist..“, sagte sie gespielt dramatisch und einige Schüler lachten.
„Gut, ich möchte euch in den nächsten zwei Wochen also einige Tänze zeigen, damit ihr bis zum Sylvesterball so richtig fit im Tanzen seid!“ Sie zwinkerte ihnen zu. „Ihr werdet einige typische Zauberertänze und natürlich auch einige der Muggel lernen, falls ihr irgendwann einmal dazu kommt, euch unter sie zu mischen und bei einem ihrer glamourösen Bälle teilzunehmen. Man kann ja schließlich nie wissen. Außerdem finde ich persönlich, dass die Muggel mit dem Tanz eine sehr schöne Sache erfunden haben, auch wenn mir ehrlich gesagt ansonsten diese Menschen höchst suspekt sind.“, erklärte sie und blickte in die Runde. Da niemand Einspruch erhob, sprach sie weiter und bat die Schüler, sich nun Jungen und Mädchen getrennt jeweils auf der anderen Seite des Saales aufzustellen. Cedric Fips schaltete auf ihr Nicken hin die Musik ein wenig lauter und gesellte sich grinsend zu den Jungs hinzu, obwohl jeder von ihnen es ihm ansah, dass er bereits bestens die Kunst des Tanzes beherrschte. Mrs Wallish klatschte in die Hände.
„Prima. Dann zeige ich euch Mädchen jetzt erst einmal euren Grundschritt. Wir werden jetzt nämlich erst einmal einen Tanz der Muggel üben. Sie nennen ihn Walzer.“
Rund zwanzig Augenpaare blickten die Lehrerin neugierig an, als diese ihnen die Schritte vormachte. Eins nach hinten, rechts zur Seite, Füße zusammen, rechts vor, zusammen und wieder von vorne. Die Schülerinnen beobachteten sie konzentriert.
„Und jetzt versucht ihr das mal.“, sagte sie und beobachtete die Füße der Mädchen, die es ihr nachmachten. „Hey, wozu braucht ihr mich eigentlich?!“, scherzte sie dann und drehte sich zu den Jungs um. „Ihr macht es ganz genauso, nur dass ihr mit dem rechten Fuß beginnt.“ Die Jungs blickten sie verwirrt an und Cedric Fips trat aus der Reihe heraus, um es ihnen vorzuführen. Die Jungs nickten.
„So, eigentlich wollte ich das euch jetzt zeigen, wie das zusammen aussieht, aber in meinem Zustand besser nicht. Mein Hausarzt hat ohnehin schon gemeint, ich sollte eigentlich besser gleich zu Hause bleiben.. aber nein, warum denn. Nur bräuchte ich jetzt eine freiwillige Dame, die mit Professor Fips eben tanzen könnte..“, bat sie und blickte in die Reihe der Mädchen, die jedoch fast ausschließlich wegblickten und nicht vortanzen wollten. „Professor Fips?“
Der junge Professor lächelte und legte dann den Kopf schief, als wüsste er nicht, wen er jetzt am besten zum Tanzen auffordern sollte. Er ging an ihnen vorbei und blieb schließlich vor Sarah stehen, um ihr mit einem Diener die Hand zu reichen. „Miss Denley, dürfte ich Sie um diesen Tanz bitten?“, fragte er in einem sehr vornehmen Tonfall und wenn er nicht Umhang und Hut, sondern einen Frack getragen hätte, hätte man meinen können, man hätte sich soeben ins 19. Jahrhundert verlaufen. Sarah machte einen höfischen Knicks.
„Mit Vergnügen, Professor.“, sagte sie edel und die anderen konnten sich nicht recht daran erinnern, ob sie nun Professor oder Majestät gesagt hatte. Cedric Fips reichte ihr ihren Arm und geleitete sie auf die Tanzfläche, worauf durch ein Klatschen von Mrs Wallish ein Walzer zu spielen begann.
Sie nahmen die übliche Tanzhaltung ein und begannen zu tanzen, als ob sie nie etwas anderes getan hätten, so schwebten sie förmlich über den hellen Parkettboden. Dass vierzig Leute ihnen dabei zusahen, störte sie anscheinend kaum. Sie wirbelten rund herum und tanzten einfach nur, bis das Lied schließlich ein Ende fand und auch der Tanz somit endete.
Er nickte ihr noch einmal edel zu und machte einen leichten Diener. „Herzlichen Dank!“, sagte er galant und brachte sie zu ihrem Platz zurück, ganz wie es üblich war. Jedoch hatte es ordentlich Eindruck auf die Schüler gemacht, in deren Gesichtern nur zu schön die Bewunderung zu lesen war.
„Danke sehr an die Beiden, das war wirklich sehr schön.“, sagte Amanda Wallish und lächelte. Sarah strahlte.
Doch Hermine blickte finster in Sarah’s Richtung.
„Und jetzt findet euch doch mal in Paaren zusammen und versucht es auch einmal.“, sprach sie weiter und setzte sich auf die kleine Tribüne, die vor langer Zeit einmal in diesem Saal als Theaterbühne gedient hatte. Die Schüler taten wie geheißen und traten zu ihren Tanzpartnern hinüber.
Harry lächelte leicht, als Sarah zu ihm herüber kam und als sie sich in die Tanzhaltung begaben, sich ein klein wenig mehr ihm näherte, als für den Walzer nötig gewesen wäre. Er legte seinen Arm um ihre Taille und strich dabei kurz über ihren Rücken, worauf sie für ein paar Sekunden ihren Kopf an seine Schulter legte.
Die Musik begann zu spielen und sie begannen ebenfalls zu tanzen. Harry fand den Tanz nicht gerade schwer, außerdem war es etwas völlig anderes mit Sarah zu tanzen. Es war irgendwie, als würde man nicht mehr auf dem Boden sondern in der Luft tanzen, die einen zwar manchmal trug, aber die meiste Zeit schweben ließ. Da spielte es keine Rolle, wie exakt man jeden Schritt auf den Boden setzte, es sah einfach durch diese simple Einheit des Schwebens unheimlich toll aus.
Harry dachte daran, dass er während dem Tanz von ihr und diesem neuen Professor (wie hatte Ron gesagt? „Puh, sieht unserem Gilderoy bis auf das Lächeln gott sei dank gar nicht so ähnlich!! Glück gehabt, dachte schon, der wird eine genau solche Nervensäge..“) für einen kurzen Moment sogar daran gedacht hatte, dass.. Nein, so ein Unsinn, er musste nicht eifersüchtig sein, Sarah liebte ihn und er sie. Das würde sich nicht ändern, nicht durch einen Lockhart. Niemals. Allmählich neigte sich die Tanzstunde mit Üben zum Ende und bald war es Zeit für das Abendessen in der Großen Halle. Alle Schüler waren trotz dem Spaß ziemlich erledigt von dem vielen Tanzen, hatten aber jetzt doch gehörigen Hunger. So gingen sie alle hinunter in die Halle, wo bereits die anderen Schüler saßen und mit dem Essen begonnen hatten.
Sie setzten sich an ihre Haustische und nahmen sich ebenfalls etwas zu Essen, um ihren Hunger etwas zu stillen.
Draco Malfoy hatte sich mit Crabbe und Goyle ein klein wenig anders als sonst an den Slytherintisch gesetzt. Er wollte Sarah Denley im Auge haben. Diese Gryffindor, die so überaus glücklich mit diesem Potter war. Er würde nie verstehen können, was ein Mädchen wie sie nur an einem Kerl wie ihm fand. War es sein Mut und diese edle Bescheidenheit, die ja so herrlich überall gepriesen wurde. Wenn er das schon hörte bekam er Magenkrämpfe. Der und bescheiden. Ja gerade noch.
Außerdem interessierte ihn das jetzt doch, ob sie seine Erledigung auch so erledigt hatte, wie er es ihr gesagt hatte. Aber er hatte keine Zweifel, Sarah war eine Gryffindor, sie wäre nicht so listig, nur so zu tun, als ob sie einwilligen würde, wenn sie es gar nicht vorhätte. Als Aurorin hatte sie ein zu großes Ehrgefühl. Da hatte sein Vater damals wirklich recht gehabt, als er ihm dies eingehend erklärt hatte. Damals war er gerade erst sechs Jahre als gewesen, doch er hatte es nie mehr vergessen. Es hatte sich in seinem Kopf eingeprägt.
Er hatte im Stillen die Entscheidung getroffen, nach dem Essen zu ihr hinzugehen und sie nach Mister Heverings‘ Paket zu fragen. Schade nur, dass er sie nicht fragen konnte, ob sie mit ihm zum Ball ginge, da er es ja schon Sonja versprochen hatte. Manchmal hatte es schon so seine Nachteile, vergeben zu sein, aber was Sonja betraf, machte es ihm auch nicht gerade viel aus. Das war so ziemlich das erste Mal, dass er jemanden wirklich liebte und er auch von Liebe sprechen konnte. Bis er sie kennengelernt hatte, hatte er nicht einmal die Bedeutung dieses Wortes gekannt...
Er aß beiläufig von seinem Teller und bemerkte erst, dass er schon längst fertig war, als auf seiner Gabel nichts mehr landete. Draco schüttelte kurz den Kopf, dann schob er seine Platte ein Stück von sich fort. Die Potter-Clique schien mit dem Essen fertig sein, denn auch sie legten ihr Besteck auf die Teller und griffen nach ihren Taschen. Er stand auf und schlenderte lässig zu ihnen hinüber.
„Sarah!“, sagte er und trat ihr in den Weg. Sie wandte sich zu den Anderen. „Geht schon mal vor.“, sagte sie und drehte sich dann zu Malfoy, nachdem die Drei bereits weitergegangen waren.
„Was willst du?“, fragte sie in einem kühlen Tonfall.
„Du warst in London. Ich will deinen Teil der Vereinbarung.“
„Kannst du haben. Heute, sieben Uhr, Eingangshalle.“
Daraufhin ging sie an ihm vorbei den Anderen nach, die sich wieder auf den Weg hinauf zum Gemeinschaftsraum gemacht hatten, um dort noch eine Runde Snape explodiert zu spielen.
Sarah blickte auf die Uhr. Es war einige Minuten vor sieben Uhr abends. Sie erhob sich von ihrem Stuhl.
„Wohin willst du?“, fragte Hermine und blickte sie fragend an.
„Nur was erledigen, das ich vergessen habe.“, sagte sie und ging nach oben in den Schlafsaal, um aus ihrer Tasche das Paket aus der Nokturngasse zu holen. Sie nahm es unter ihren Arm und lief damit geschwind die Treppe wieder hinunter, durchquerte den Raum und verschwand mit einem knappen „Bis später!“ durch das Portraitloch.
Hermine legte ihren Kopf schief. Sie traute Sarah nicht ganz.
Sie gab vor, aus der Bibliothek noch etwas zu holen und verschwand ebenfalls durch die Luke, jedoch nicht, um nach rechts zur Bibliothek zu gehen, sondern um Sarah auf leisen Sohlen nachzugehen.
Sarah lief indessen unwissend von ihrer Begleitung auf ihren Samtschuhen schnellen Schrittes durch das Labyrinth an Gängen, bis sie schließlich den Eingangsbereich erreichte, wo bereits an der großen Pforte Draco Malfoy in seinem seidenen Umhang wartete. Sie blickte kurz auf ihre Taschenuhr. Punkt Sieben Uhr, bestens.
Sie trat auf Malfoy zu und dieser drehte sich zu ihr um.
„Hallo Sarah.“, sagte er versöhnlich und lächelte leicht.
„Hallo.“, erwiderte sie seinen Gruß. Sie konnte sich immer noch nicht dazu überwinden, ihn bei seinem Vornamen zu nennen, wie er es bei ihr tat. Er war Lucius‘ Sohn. Sarah warf das Tuch der Dunkelheit über sich, wie sie es früher immer getan hatte. Sie war wirklich perfekt in ihrer Rolle, so sehr sie es auch verabscheute. Draco nahm unwillkürlich Haltung an.
„Mit besten Grüßen von Seedra Nemesis.“, sagte sie und reichte Draco Malfoy mit einer Bewegung das Paket, das eine Schlange aufgrund der Geschmeidigkeit dieser Bewegung neidisch gemacht hätte. Ihre smaragdgrünen Augen musterten ihn und fuhren ihm bis in die Enden seiner Nerven.
Draco nickte und obwohl es ihn fröstelte, zwang er sich dazu, ihren Blick zu erwidern, um nicht als Schwächerer da zu stehen – das hatte er in der Zeit bei seinem Vater gelernt. Er streckte seine Hände vor und nahm ihr das Paket ab.
„Herzlichen Dank.“, sagte er höflich, aber ungewohnt steif.
„Keine Ursache, es war ohnehin wieder einmal an der Zeit, dass ich in der Nokturngasse wieder vorbei zu sehen hatte, bevor man mich am Ende noch vergisst.“, sagte sie und lachte leise, fast ein wenig bedrohlich. Doch für Draco klang es einfach nur gruselig. Dadurch, dass er die Kollegen seines Vaters oft sah, wenn er in den Ferien zu Hause war, war er ja schon so einiges an finsteren Gestalten gewöhnt, aber das brachte ihn immer wieder um seinen Verstand. Nie hatte er erfahren, wer Seedra Nemesis wirklich war. Und selbst jetzt – vor einer halben Minute noch hätte er es gewusst, aber jetzt..?! Es war wirklich unheimlich, als hätte man einen Teil seines Gedächtnisses ausgelöscht, einfach ausradiert. Er kam sich vor, als wäre er nur eine Marionette in einer fremden Hand. „Professor Nemesis, bei aller Ehre, Sie könnte man doch nicht vergessen!“, erhob Draco Malfoy Einspruch und lächelte elegant, so wie er es von kleinauf gelernt hatte. Seedra lächelte, doch nicht wie ein normaler Mensch es tun würde. Eisige Kälte lag darin, lediglich um zu zeigen, dass es sie amüsierte und vielleicht auch ein wenig mit Stolz erfüllte.
Hermine hatte sich währendessen so nahe herangeschlichen, dass sie sie zwar nicht hören, aber zumindest sehen konnte, ohne dabei entdeckt zu werden. Wo ist Sarah jetzt hin?! Wie – das ist doch Malfoy..? Wer bei allen guten Geistern ist diese Lady bei ihm?!? Was zum....
Seedra Nemesis beugte sich ein wenig näher zu Malfoy heran, schon fast als wolle sie ihn küssen – und Draco Malfoy erstarrte – doch wanderte dann weiter, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Es klang wie eine Drohung.
„Das ist aber nett von dir, Malfoy junior.. Du machst deinem Vater wirklich größte Ehre, weißt du das?“, raunte sie, lächelte wieder und erinnerte mehr denn je an eine Schlange, die kurz davor war, zu zubeißen und zuerst noch ihr Opfer betäubte.
Draco Malfoy blieb stehen, obwohl er am liebsten davon gelaufen wäre. Aber das wäre ein zu großer Fehler gewesen.
„Ich wünsche dir noch eine schöne Zeit und ein gutes neues Jahr!“, sagte sie, worauf sie wieder für einige Sekunden ihre stechend grünen Augen auf ihm ruhen ließ, dann schritt sie ohne ein weiteres Wort einfach an ihm vorbei und verschwand wie ein Schatten in der Dunkelheit.
Hermine hatte genug gesehen und sie lief davon – zurück zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Harry und Ron erzählte sie lieber nicht davon, es würde sie nur nervös machen. Außerdem hätte Harry etwas gesagt, wenn der, dessen Name nicht genannt werden darf wieder in der Nähe gewesen wäre – seine Narbe hätte es ihm und ihnen somit ebenfalls verraten.
Draco Malfoy atmete auf, kaum war Seedra Nemesis verschwunden. Normalerweise machte es ihm nichts aus, mit den finsteren Wesen zu verhandeln, aber diese Professorin war da irgendwie anders. Es war fast, als wäre sie gar nicht von hier. Selbst Lord Voldemort, der ja wirklich überaus mächtig war und sehr furchteinflößend wirken konnte – nein, das war nichts im Vergleich zu der Aura, die Seedra Nemesis umgab. Wie konnte er das am besten beschreiben? Fast so, als würde er dem Untergang einer ganzen Welt mit seiner ganzen vernichtenden Kraft direkt gegenüber stehen und nur ein falsches Wort würde reichen, um diese Kraft frei zu setzen. Nein, das war auch keine richtige Beschreibung.. es war einfach – ja, gruselig, unheimlich, fürchterlich, und einem war in diesem Moment, als würde einem das Herz stehen bleiben. Genau so. Wer zum Teufel war Seedra Nemesis eigentlich?!
Draco schüttelte seinen Kopf, als wolle er die letzte Minute aus seinem Gedächtnis löschen und betrachtete das Paket in seiner Hand. Er runzelte kurz die Stirn und rannte dann los zurück zum Gemeinschaftsraum der Slytherins.
Sarah hatte sich gegen eine Steinmauer gelehnt und atmete schwer mit geschlossenen Augen. Es hatte sie unheimlich viel Kraft gekostet, die Finsternis wieder aus ihr zu verbannen. Aber sie konnte nichts dafür. Manchmal ergriff es in ihr Überhand und sie konnte nichts dagegen tun. Sie hatte nur manchmal Angst, dass es irgendwann einmal passieren würde, wenn sie mit Harry zusammen irgendwo war. Seedra Nemesis hatte keine Skrupel jemanden umzubringen, solange es nur zu ihrem Vorteil war. Und doch war dieses finstere Wesen niemand anderes als sie selbst. Nein, das war nicht wahr, es war dieser verdammte Fluch! Aber Unsinn, es nur auf einen Fluch schieben zu wollen, Seedra war ein Teil von ihr. Ein Teil, den sie am liebsten nie mehr wieder sehen wollte. Schon einmal war es ihr in Harry’s Gegenwart passiert. Aber sie hoffte, dass er sich nicht mehr daran erinnerte.
Ohne, dass sie es bemerkte, bahnte sich eine Träne den Weg aus ihrem Augenwinkel die Wange herab. Warum, warum nur hatte dieser.... Sie warf ihren Kopf zur Seite, als wolle sie den Gedanken aus ihrem Kopf Schütteln. Nein! Aus! Ruhe jetzt!
Sie wollte nichts mehr davon hören. Sie war Sarah Minerva Denley. Aurorin und Schülerin auf Hogwarts, der besten Zauberschule der Welt, die von Albus Dumbledore geleitet wurde, den sie kannte, seit sie ein kleines Mädchen war. Sie hatte sich dem Guten mit einem Eid verschworen, bei jenem sie lieber sterben würde, als ihn jemals zu brechen. Und auch wenn diese finstere Seite in ihr steckte, sie würde sie unter Kontrolle behalten, es durfte einfach nicht mehr wieder so weit kommen, wie damals. Nein, auf keinen Fall.
Sie stieß sich nachdrücklich von der Wand ab und wollte sich schon wieder auf den Weg hinauf zur Treppe machen, die hinauf in die Richtung des siebten Stocks führte, als sie sich doch noch umentschloss und in die andere Richtung lautlos davon ging, so dass niemand etwas davon mitbekam.
Niemand würde etwas davon merken. Sie würden alle schlafen, niemand würde es merken.
Und niemand, nicht einmal Mrs Norris, konnte Sarah auf ihren nächtlichen Wegen folgen.
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