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HIP HOP

 

Die Wiege des Rap stand zweifellos in den Vereinigten Staaten von Amerika, genauer in New York, in Harlem, Brooklyn und in der Bronx. „Die Rap-Bewegung ist aus einer Protestbewegung der Schwarzen in den USA entstanden, deren Hauptziel darin bestand, auf ihre unterprivilegierte Lage aufmerksam zu machen.“ Vor dem Hintergrund der „Erneuerung der Städte“ in den USA kam es durch Verdrängungsprozesse und gezielte Umsiedlungen von 170.000 Menschen und das damit verbundene Aufbrechen gewachsener Strukturen zu sozialen Spannungen in verschiedenen Stadtteilen New Yorks, etwa in der South Bronx. In diesem Klima nahm Rap seinen Anfang: „als kaum wahrgenommene Partykultur in den Ghettos von New York Mitte der 70er Jahre. HipHop war, wie Ulf Poschardt in seiner Kulturgeschichte des Djs anmerkt, zunächst eine lokal begrenzte und, bedingt durch die soziale Randlage der Ghettos, relativ autarke Subkultur“. Prägend dafür waren die „sogenannten Blockparties - einer Art New Yorker Straßenfest“. Zwei Elemente waren in dieser Anfangszeit von Bedeutung: Die Musik und der Gesang. Die Musik war technisch, erzeugt auf Plattenspielern durch Sampling (Montage von Fragmenten anderer Musikstücke) und durch Scratching (Perkussives, meist rhythmisches Geräusch, das durch Hin- und Herbewegen der Platte bei aufgesetztem Tonarm erzeugt wird). Dazu der Sprechgesang. Er stammt aus „Anfeuerungsrufen von MCs (Master of Ceremonies - „Partymoderatoren“) (...) Aus ihren einfachen ,Throw Your Hands In The Air´-Rufen wurden schnell ausgewachsene selbstbeweihräuchernde Kurzgeschichten in Reimform über den Rapper selbst und die Gegend, aus der er stammt - seine Neighborhood“. Die Verbundenheit mit dem Viertel, der Gegend ist ein wichtiges Merkmal des US-HipHop wie der deutschen Variante.

 

Die kulturellen Ursprünge des Rap sind jedoch weitaus älter. „Ursprünglich kommt der Rap-Gesang (Sprechgesang) aus der - nach Amerika mit der Sklaverei eingeführten - afrikanischen Kultur, in der er dazu diente, Geschichten zu erzählen und Nachrichten zu verbreiten.“

 

„Um 1980 herum begann sich die Musikindustrie für die Hip-Hop-Subkultur zu interessieren. Was auf Kassetten längst in der Szene kursierte, verschmolz in den Studios zu einem neuen Genre, dem Rap. Mit den Erfolgen der ersten Rapper-Generation, der sogenannten Old School trat HipHop aus dem lokalen Rahmen heraus. (...) Schon bald entstanden in anderen Großstädten der USA neue Rapszenen mit eigenen spezifischen Sounds. (...) Gleichzeitig trat eine neue Generation („New School“) auf den Plan, die nicht nur neue Stile und Subgenres kultivierte, sondern auch eine Politisierung von Rap einleitete.“

 

Wichtig für die amerikanische Rap-Szene ist die sprachliche Abgrenzung gegenüber dem „weißen“ Mainstream. Der HipHop-Slang „operiert mit Bedeutungsverschiebungen, grammatikalischen Eigenheiten und Neologismen und macht eine ,abhörsichere´ Kommunikation unter Gleichgesinnten möglich.“

 

Fast alle Rapper benutzen Pseudonyme oder Künstlernamen. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Amerikaner nicht von den deutschen Rappern. Solche Namen dienen der Anonymität, aber auch der Selbststilisierung (Beispiel: Grandmaster Flash, Professor X) oder sie vermitteln Botschaften (LL Cool J - Ladies Love Cool James, oder NWA - Niggas With Attitude).

 

Eine Eigenart des sogenannten Gangsta-Rap ist eine teils (jedenfalls mutmaßlich) gewaltverherrlichende, obszöne und sexistische Ausdrucksweise. Teils aus Kalkül - sollen die Zensoren nur kommen und meine Platte verkaufsfördernd ins Gespräch bringen - teils, weil es dem Milieu entspricht, teils um gängige Vorurteile aufs Korn zu nehmen.

 

„HipHop (in den USA, Anm.) ist männerdominiert und von Machismo geprägt. Nur wenigen Rapperinnen gelang es bis jetzt, in diesem Terrain Fuß zu fassen. Dennoch genießen HipHop-Künstlerinnen wie Salt´N´Pepa, Queen Latifah, MC Lyte oder Miss Elliott ein hohes Ansehen innerhalb der Rapszene. Und mit der Annäherung von Rap an Pop und Mainstream in den letzten Jahren ist die weibliche Stimme zum regelrechten Garanten für den kommerziellen Erfolg geworden“, Lauryn Hill bekam für ihre Debutplatte sogar fünfmal den Grammy, den begehrten Musik-Oscar.

 

Natürlich ist die Geschichte und die Erscheinungsweise des Rap sehr viel umfangreicher und vielschichtiger als hier dargestellt. In diesem Rahmen jedoch soll diese Darstellung genügen.

 

HipHop und Rap in Deutschland

 Entstehung und Entwicklung

 

„Die Geschichte von HipHop in Deutschland begann, als die große Breakdance-Mode Mitte der 80er Jahre wieder verschwunden war.“ Es waren wohl - wie schon zuvor erwähnt - Amerikaner, GIs vor allem, die den HipHop nach Deutschland importierten. So berichten etwa die Fantastischen Vier, die erste erfolgreiche deutschsprachige Rap-Gruppe, von Master Rob, einem aus der Army ausgeschiedenen Soldaten, der im Stuttgarter Raum „der HipHop-König der späten 80er Jahre“ war und für die heute starke Stuttgarter HipHop-Gemeinde offenbar eine Art Initialzündung darstellte. Doch gab es in den 80er Jahren, von wenigen praktizierenden Beispielen abgesehen, „keinerlei Informationen über HipHop in Deutschland. (...) Ihre Techniken mußten sich die HipHops dieser Tage selbst entwickeln und aneignen“. Es wundert auch nicht, daß in der deutschen HipHop-Kinderstube vorwiegend englisch gerappt wurde.

 

Das änderte sich erst zu Beginn der 90er Jahre. Hier waren es die Fantastischen Vier aus Stuttgart, die mit „Die da“ den ersten - und gleich durchschlagenden Erfolg hatten. Es folgte, mit angemessenem Abstand, das Rödelheim Hartreim Projekt aus Frankfurt. „Heute haben mehr als 100 Deutsch-HipHop-Acts einen Platten-Deal. Ihr Anteil am Gesamtumsatz der deutschen Plattenindustrie beträgt über 15 Prozent.“

 

Doch „die sich inzwischen in Deutschland gebildete HipHop-Szene hat mit der gewachsenen afro-amerikanischen nur wenig zu tun“. „Das einzige, was die deutschen Homeboys (wie Homies oder B-Boys: Kumpel aus der Nachbarschaft) verbindet, ist die Liebe zum Genre HipHop.“

 

Wie in den USA tragen auch deutsche Rapper meist Pseudonyme. Zwar wird auch in deutschen Landen gedisst, d.h. die Konkurrenz mit Schmähungen und Spitzen bedacht, jedoch nicht in dem Umfang, wie dies im HipHop-Mutterland der Fall ist.

 

Zwar gibt es auch in Deutschland Rapper, die versuchen, sich das Image des bösen Buben zu geben, doch selbst Moses P., der Chef von RHP und PPP, der schon zweimal wegen Körperverletzungen auffällig wurde (darunter gegen den Fernsehmoderator Stefan Raab), sagt, „daß man mit Gewalt keine Probleme lösen kann“ und: „Moses P. ist nicht blöd genug , sich für den deutschen Ice T zu halten.“ Und ganz nebenbei zitiert er in seinen Texten schon mal Nietzsche.

 

„Die Farbigen Amerikas haben ihre eigene Sprache, obwohl sie Englisch sprechen, während dies bei den Deutschen nicht der Fall ist. Bands wie die Fantastischen Vier oder das Rödelheim Hartreim Projekt rappen zwar der Gesangsform nach, es kann sie aber auch der Nicht-Rapper verstehen.“,

 

„Außerdem fehlt Ihnen der ,Ausdruck einer gemeinsamen Erfahrung und einer daraus erwachsenen Gruppensolidarität, die unabdingbar ist für den Überlebenskampf in einer Gesellschaft, in der Rassismus und Diskriminierung immer noch alltägliche Praxis ist´“. Doch weniger die im täglichen Überlebenskampf lebende Unterschicht dominiert im Teutonen-Rap. „In Deutschland muß man naturgemäß erst mal ein Kind aus mindestens mittelständischen Verhältnissen sein, allein um sich die nötigen Geräte wie Sampler oder scratchfähige Plattenspieler leisten zu können. Trotzdem lebt ein Großteil der Independent-Rap-Szene mit einem Bild von verklärter Ghetto-Romantik im Kopf“.

Ist die deutsche HipHop-Szene also politisch? Auch. Es gibt hierzulande eine Linie, die sich dem „Fun-Rap“ verschrieben hat. Diese Spaß-Fraktion, repräsentiert etwa durch die Hamburger Rapper von „Fettes Brot“ „Fischmob“ und „Fünf Sterne Deluxe“, zeichnet sich dadurch aus, daß sie in ihren Texten blödeln und sich und andere aufs Korn und sich vor allem selbst nicht ernst nehmen. So entstehen Titel wie „Die Einsamkeit der Klofrau“ oder „Silberfische in meinem Bett“, so kommen schon mal „Die drei ???“ zu Ehren oder die deutsche Stimme von Detektiv Thomas Magnum. Diese Sparte hat mit dem amerikansichen Vorbild eigentlich kaum etwas gemeinsam, vom Rhythmus vielleicht einmal abgesehen. Was etwa „Fettes Brot“ nicht davon abhält, schon mal für die Prozeßkosten politischer Gefangener ein Gratis-Konzert zu geben.

 

Aber von den Hamburgern einmal abgesehen: Politisch sind die deutschen Rapper schon, zumindest sozialkritisch. „Wir haben keine Black Community. Und wir sind nicht schwarz. Deshalb übernehmen wir als Rapper die Euro-Punk-Attitüde, richten uns also nicht gegen das weiße Establishment, sondern gegen das Establishment allgemein. (...) Nicht gegen das System, gegen das Begriffsestablishment. (...) Wir wollen den Kids sagen: Befreit euch von Gruppendenken und Gruppenzwang, denkt selbständig, trefft eure eigenen Entscheidungen. Macht nicht immer alles nach, was Euch als cool erscheint.“

 

Ausdrücklich politisch verstehen sich die Bands der sogenannten Kolchose um die Stuttgarter Gruppe Freundeskreis. Freundeskreis etwa „brachten es mit Texten über Lichterketten und soziale Not zum Ruf, die Polit-Klassensprecher des deutschen HipHop zu sein.“ „Herre (Maximilian Herre, Rapper und Texter von Freundeskreis, Anm.) kennt sich aus mit Fidel Castro und Che Guevara, schreibt über den Black-Panther-Aktivisten Mumia Abu-Jamal, der in den USA in der Todeszelle sitzt“.

 

Viele Rapper sind optisch und dem Namen nach als Kinder früherer Einwanderer zu identifizieren, was sie nicht daran hindert, kreativ, bisweilen virtuos, mit der deutschen Sprache umzugehen. Die wenigsten verschreiben sich jedoch der Vertonung „typischer Ausländerprobleme“ wie Diskriminierung etc., mancher kokettiert mit seiner Herkunft.

 

Überhaupt spielt die deutsche Heimat in Selbstverständnis und Texten der deutschen Rapper, auch der ausländischer Herkunft, die deutlich größere Rolle. In vielen Texten ist immer wieder von Herkunftsstädten die Rede. Manche tragen die Herkunft im Name (Rödelheim Hartreim Projekt, Dortmunda Union, Ruhrpott AG), manchmal klingt Dialekt durch (RHP). Und Fettes Brot haben sogar Plattdeutsch gerappt.

 

Die Texte decken das Spektrum dessen ab, was man auch aus anderen Musiksparten kennt, Politik natürlich, Gesellschaftskritik, selbstverständlich Liebe und Triebe, bisweilen Drogen und natürlich die normalen Gegebenheiten des Alltags. Viele Texte beweisen Bildung und Reflexion seitens der Texter. Viele haben gelesen - und das merkt man. Ironie ist - in verschiedenen Abstufungen - ein wesentliches Element. Rap besteht aus Reimen - die sind nicht immer perfekt, bisweilen waghalsig akrobatisch, immer kreativ.



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