Etwas hat mich geweckt und lässt mich erschreckt hochfahren. Es dauert eine Weile und ich bin hellwach. Grau ist der Himmel vor meinem geöffneten Fenster und kühle Luft weht zum Schlafzimmer herein. Mein Blick fällt auf die Leuchtziffern des Weckers: 6:30 Uhr. Nein, ER hat mich also nicht geweckt, aber was sonst?
 
Obwohl es unter meiner Bettdecke angenehm warm ist, fröstelt es mich am ganzen Körper und das im Juni. Unheimlich, beinahe bedrohlich wirkt diese Stille da draußen auf mich. Diese Atmosphäre, für die es im Augenblick noch keine Erklärung gibt, zerrt an meinen Nerven, macht mich nervös, und ich habe zum ersten Male, seit ich in dieses Häuschen am Rande unsres Ortes gezogen bin, Angst. Die nächsten Nachbarn wohnen etwa zwei – dreihundert Meter von mir entfernt.
Ich rede mir Mut zu, steig aus dem Bett und gehe zum Fenster. In meinem Garten kann ich allerdings auch nach minutenlanger Beobachtung nichts Besorgniserregendes entdecken. Mir fällt aber auf, dass heute Früh kein einziger Jogger auf dem Wanderweg, der direkt hinter meinem Haus entlang führt, unterwegs ist. Und das beunruhigt mich ebenfalls zutiefst. Mein Blick wandert über eine große Wiese mit wild wachsenden Sommerblumen hinweg, bis hinüber zu den Feldern. Dort suche ich vergebens nach den Leuten, die täglich um diese frühen Stunden schon arbeiten. Manchmal trägt der Wind sogar das Lachen oder das Rufen der Arbeiter und Arbeiterinnen bis zu mir herüber. Heute warte ich jedoch umsonst. Keine Menschenseele arbeitet, keine Stimmen dringen an mein Ohr. Nicht einmal ein einziger Vogel zwitschert  in den Bäumen. Nichts, absolut nichts.
 
Ich muss unbedingt den Grund für diese morgendliche Ruhe herausfinden, denn normal ist das nicht.
So ziehe ich mir rasch etwas über und verlasse das Haus zur Gartenseite hin. Es herrscht Totenstille, die Welt scheint wie ausgestorben zu sein. Erneut überkommt mich dieses Frösteln. Ich gehe durch meinen Garten und betrete von dort aus den asphaltierten Weg. Ich halte kurz inne und lausche. Wo ist das  Rauschen des Baches geblieben, der am Wegesrand entlang fließt? Und auch das Plätschern des Brunnens, das bei geöffnetem Fenster bis zu mir ins Schlafzimmer dringt, ist verklungen.
 
Und nun fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Das Ausbleiben all dieser mir so vertrauten Geräusche und die damit verbundene Totenstille haben mich geweckt.
Der Brunnen, der gleich neben meinem Grundstück steht,  ist völlig leer, kein Tropfen kommt mehr aus den Mäulern der drei Frösche, die auf dem Brunnenrand sitzen. Ich gehe zu dem kleinen Bach, das gleiche Bild: Ausgetrocknet, kein Wasser. Auf dem Grund liegen ein paar verendete Fische.
 
Was ist nur geschehen? Frage ich mich und laufe wieder ins Haus zurück.
In der Küche drehe ich das Wasser an, doch es kommt nur eine braune Brühe heraus und dann nichts mehr. Das gleiche Ergebnis im Bad. Ich kann mich weder duschen noch die Haare waschen. Nicht einmal Kaffee kochen, denn ich hatte am Tag zuvor vergessen, meinen Vorrat an Mineralwasser aufzufüllen.
Dass es sich hier nicht um eine simple vorübergehende Amtshandlung der Stadtwerke handelt, ist mir vollends klar, denn dann wären Bach und Brunnen nicht gänzlich versiegt.
Allmählich kriecht Panik in mir hoch und ich bete förmlich darum, dass sich der graue Himmel über der Erde öffne und Regen schickt….
 
Brrrrrrrr! Der Wecker klingelt. Kerzengerade und schweißnass sitze ich in meinem Bett, mein Herz klopft zum Zerspringen. Es ist genau 7 Uhr und von draußen fällt warmer Sonnenschein in mein Zimmer. Eine Amsel sitzt trällernd auf dem Fensterbrett  und in der Ferne höre ich menschliche Stimmen.
Nachdem sich mein Herzschlag wieder normalisiert hat, wird mir freudig klar, dass ich nur schlecht geträumt habe. Ein Stein fällt mir vom Herzen.
Sofort eile ich ins Badezimmer und Minuten später stehe ich unter der Dusche, genieße es, wenn das Wasser auf meiner Haut perlt und kann mir ein Leben ohne dieses Elixier überhaupt nicht vorstellen. 
 
 
 
 
 
 

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