Ariane legte lächelnd den Telefonhörer auf die Station zurück, dann drehte sie das Radio wieder etwas lauter und widmete sich ihrer Hausarbeit.
„Anja!“ dachte sie, während ihre flinken Hände das Staubtuch über das Sideboard bewegten. Die sanfte Stimme ihrer Cousine klang noch lange in ihr nach.
Vor fünfzehn Jahren war diese, gerade 19 Jahre alt, von Zuhause fortgegangen, um in Amerika ihr Glück zu suchen, wie sie der gesamten Verwandtschaft erklärte. Geld hatte bei Anjas Eltern nie eine Rolle gespielt, und sie war sich deren finanzieller Unterstützung stets bewusst.
Etwa ein Jahr nach Anjas Auswanderung hatte die damals 22jährige Ariane ihre große Liebe kennengelernt und sie schon wenig später geheiratet. Als Tom von seiner Firma in den Süden des Schwarzwaldes versetzt worden war, verließ sie nur schweren Herzens Köln, ihre rheinische Heimat. Schneller aber als erwartet hatte sie sich in Singen heimisch gefühlt und schon drei Jahre später war das junge Paar in eine etwas ländlichere Gegend, nach Steißlingen, einem knapp 5000-Seelen-Ort, gezogen.
Dann verunglückte ihr Mann Tom vor drei Jahren, als er sich nach Dienstschluss auf der Heimfahrt befand. Ein alkoholisierter Autofahrer hatte ihm die Vorfahrt genommen und war mit ihm zusammen gestoßen. Beide starben noch am Unfallort. Für Ariane aber war eine Welt zusammengebrochen. Als sie dann auch noch ihr Baby im vierten Monat verlor, glaubte sie, niemals wieder glücklich werden zu können….
Ariane schreckte aus ihren Gedanken auf, als es abermals klingelte, diesmal an der Haustür. Es war die Post. Sie legte diese auf den Küchentisch und überlegte, was sie Anja und ihrem Bräutigam wohl schenken könnte. Sie freute sich schon darauf, die Cousine endlich wiederzusehen. Anja war bereits seit mehr als vier Wochen aus Amerika zurück, wie sie ihr am Telefon berichtet hatte: „Gerd ist Arzt. Er hat drüben einige Semester studiert und anschließend ein paar Jahre in einem Hospital in New York gearbeitet. Nun übernimmt er die Praxis seines Vaters in Bonn.“
Ariane freute sich wirklich ganz gewaltig auf ihre Cousine und Gerd, ihren Freund. Die Hochzeit sollte Ende Juli stattfinden, also in genau sechs Wochen. Gleich morgen würde sie ihren Jahresurlaub für diesen Zeitraum beantragen.
...
Am Abreisetag ging Ariane mindestens dreimal durch ihre Wohnung, um sich zu vergewissern, dass sie auch wirklich alle Fenster geschlossen hatte und kein Elektrogerät mehr eingeschaltet war. Sie überprüfte nochmals den Inhalt ihrer Handtasche auf die wichtigsten Dinge: Geldbörse, Scheckkarte, Handy und die übers Internet bestellte Fahrkarte nebst Platzreservierung. Nichts fehlte.
Nachdem das Gepäck, ausreichend für etwa zwei Wochen, im Auto verstaut war, konnte es losgehen. Da ihr Audi seine besten Tage schon hinter sich hatte, wollte Ariane keine weiten Strecken mehr mit ihm fahren. Ihre Freundin Eva, die am Stadtrand von Singen ein Haus besaß, hatte ihr den Vorschlag gemacht, den Wagen für die zwei Wochen bei ihr unterzustellen. Eva wollte sie dann zum Bahnhof fahren.
Ariane fuhr an diesem Tag nicht auf der stark befahrenen Umgehungsstraße nach Singen, sondern lenkte ihren Wagen durch den Ort und dann auf die Landstraße. Zu Evas Haus war dies die kürzere Strecke. So konnte sie Zeit sparen und musste nicht durch den ganzen Stadtverkehr.
Sie freute sich auf die Zugfahrt nach Köln, das Wiedersehen mit ihrer Mutter, dem Rest der Verwandtschaft und den Freunden, die sie bei der Gelegenheit ebenfalls besuchen wollte.
Es war eine ruhige Autofahrt, nur hin und wieder begegnete ihr ein anderes Fahrzeug. Bis sie plötzlich auf ein Hindernis stieß.
„Auch das noch!“ dachte Ariane und fuhr näher heran. Das „Hindernis“ entpuppte sich als ein alter Leiterwagen, dessen Vorderrad gebrochen und der deshalb seitlich umgekippt war. Mitten auf der Strasse lagen nun Kartoffeln, Salat, Möhren und etliche andere Lebensmittel verstreut. Erst jetzt bemerkte Ariane die Frau, die sich mühte, all ihre verstreute Habe von der Straße zu räumen. Ariane parkte am Straßenrand und stieg aus.
Sie ging auf die Frau zu und wollte sie gerade ansprechen, als diese sich ihr zuwandte. Ariane hätte das Alter der Frau keinesfalls schätzen können. Ihr Gesicht war faltig und die Wangen eingefallen. Das genaue Gegenteil davon bildeten ihre hellen, blauen Augen, die Ariane eindringlich, aber freundlich und voller jugendlicher Kraft anschauten.
„Sie schickt mir der Himmel“, begrüßte sie Ariane, „helfen Sie mir doch bitte, meine Einkäufe aufzusammeln und beiseite zu tragen.“ Ariane sah auf ihre Armbanduhr. In einer knappen Stunde fuhr ihr Zug und zu Eva brauchte sie mindestens noch fünfzehn Minuten. Von dort aus bis zum Bahnhof ebenfalls weitere zehn.
„Einen Augenblick habe ich schon Zeit, natürlich helfe ich Ihnen gerne“, antwortete Ariane und machte sich sogleich an die Arbeit. Binnen weniger Minuten waren alle Teile sowie der defekte Leiterwagen von der Strasse geräumt.
Doch wie bekam das alte Mütterchen seine Einkäufe nach Hause? Fragte sich die Jüngere und holte ihr Handy aus dem Auto. „Kann ich vielleicht jemanden anrufen, der Sie hier abholt?“ wollte sie wissen.
„Abholt? Nein, ich lebe allein und besitze weder Verwandte noch Freunde.“ Bei diesen Worten hatte sie Ariane etwas traurig angeschaut und die jüngere Frau verspürte Mitleid. „Dann rufe ich ein Taxi, das Sie heimbringt. Ihr Wagen ist hin und die Lebensmittel verderben, wenn sie solange in der Sonne liegen bleiben.“
„Taxi? Wovon soll ich ein Taxi bezahlen?“ fragte die Alte. „Ich habe mein letztes Geld für die Vorräte ausgegeben. Bitte, könnten Sie mich nicht nach Hause fahren? Ist auch wirklich nicht mehr sehr weit. Mein Name ist übrigens Lore.“
Ariane sah abermals auf ihre Armbanduhr, allmählich wurde es knapp. Lore musste ihre Unruhe gespürt haben, denn sie schaute sie durchdringend und irgendwie flehend an. „Bitte, junge Frau. Es ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen und die Sonne macht meinen müden Knochen auch zu schaffen.“ Ariane bekam plötzlich ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken, Lore hier so ganz allein zurück zu lassen. Vielleicht wohnte sie ja wirklich nicht weit und sie kam doch noch rechtzeitig zu ihrem Zug. Rasch belud Ariane ihr Auto mit Lores Einkäufen und bat diese, einzusteigen. Die Frau lächelte sie an: „Das vergelte Ihnen Gott, meine Liebe.“ Ihre junggebliebenen Augen schauten sie dabei freundlich an. Auf Lores Anweisung hin bog Ariane etwa nach hundert Metern Fahrt rechts in einen Feldweg ein, der direkt in den Wald führte. „Noch ein Stück geradeaus, ist nicht mehr weit“, erklärte die Alte und beobachtete die jüngere Frau sehr genau.
„Hoffentlich!“, dachte Ariane und fragte sich, wie diese dürre, zierliche, alte Person es überhaupt zu Fuß von der Stadt bis nach Hause hatte schaffen wollen. Es waren zwar nicht übermäßig schwere Lebensmittel, aber der Wagen hatte auch sein Gewicht.
„Ich habe sehr viel Kraft, auch wenn man es mir nicht ansieht“, ertönte plötzlich neben Ariane die Stimme der alten Frau. Sie erschrak, woher wusste Lore, was sie gerade gedacht hatte?
„Können Sie Gedanken lesen?“ fragte Ariane.
„Ich lese es in Ihrem Gesicht, junge Frau. Ich beobachte gerne andere Leute. Zwar komme ich nicht mehr so häufig mit ihnen zusammen, aber wenn doch, dann schaue ich den Menschen auch direkt in die Augen. Die Augen sind das Fenster zur Seele.“
Ariane verstand zwar nicht so ganz den Sinn dieser Worte. Sie wollte diese Fahrt nur so schnell wie möglich hinter sich bringen. Der Zug wartete ganz bestimmt nicht auf sie. Und wenn diese Person Gedanken erraten konnte, müsste sie auch das „gelesen“ haben.
Endlich kam eine kleine Hütte in Arianes Blickfeld und sie atmete erleichtert auf. Noch wenige Minuten und sie würde wieder auf dem Weg nach Singen sein.
Noch bevor Ariane damit beginnen konnte, die Lebensmittel ins Haus zu tragen, war Lore schon im Inneren ihrer Behausung verschwunden, um die Lampen anzuzünden, da von draußen nur wenig Tageslicht hereindrang. Als Lores Einkäufe auf dem Küchentisch lagen, wollte sich Ariane von der Alten verabschieden.
„Warten Sie bitte, ich möchte mich wenigstens noch bei Ihnen bedanken.“
„Aber das ist nicht notwendig, habe ich gerne gemacht.“ Das war eine kleine Lüge, und Ariane hatte das Gefühl, als ob die Frau das auch wüsste. Etwas schuldbewusst fügte sie hinzu: „Ich will verreisen und mein Zug fährt schon in vierzig Minuten. Ich darf ihn nicht verpassen.“
„Dass Ihr jungen Leute alle so ruhelos seid, verstehe ich wirklich nicht. Was ist schon Zeit? Euer ganzes Leben richtet Ihr nach Plänen, macht nichts Unüberlegtes, alles nur nach Terminen und Vereinbarungen. Wo bleibt Eure Spontanität?“
Ariane schüttelte den Kopf. Die Frau redete, wie ihre Oma immer gesprochen hatte, als sie noch lebte. Immer hatte sie ihren Kindern und Enkelkindern aus ihrer Kindheit und Jugendzeit erzählt; wie „anders“ es damals gewesen war im Gegensatz zu heute.
„Ihr könnt doch ohne Pläne, Termine usw. gar nicht mehr existieren. Ihr hetzt durchs Leben und erkennt dabei weder die Schönheit um Euch herum, noch den wahren Sinn Eures Daseins. Ihr bestimmt irgendwann sogar noch Eure eigene Todeszeit.“
Ariane wandte sich zur Tür, da hörte sie hinter ihrem Rücken ein lautes Keuchen. Sie drehte sich abrupt um und bemerkte, wie die alte Frau ihre Hände gegen die Brust presste und mit schwacher Stimme bat: „Bitte, holen Sie mir ein Glas Wasser.“ Dann sank sie auf einen Stuhl. Ariane trat rasch zum Spülstein, nahm ein Glas von dem etwas schiefen Regal und suchte vergebens nach einem Wasserhahn. „Sie müssen draußen am Brunnen Wasser holen, es gibt hier im Haus keine Leitungen.“ Lores Stimme klang belegt.
Ariane tat, wie ihr geheißen, und reichte Lore das volle Glas. Diese nahm es mit zitternden Händen und trank gierig den Inhalt bis auf den letzten Tropfen aus. „Ich trinke einfach zu wenig, das weiß ich, und dazu noch der Fußmarsch und die Hitze. Nun gehen Sie, sonst fährt der Zug ohne Sie ab.“ Die alte Frau wollte gerade aufstehen, um mit dem Einräumen ihres Einkaufes zu beginnen, als sie sich, leicht schwankend, wieder auf den Stuhl zurücksinken ließ.
Sie sah in diesem Augenblick sehr alt und gebrechlich aus und Ariane war abermals über die Jugend dieser Augen verblüfft. Es ging der Frau nicht gut, das sah sie ihr an. Und plötzlich brachte sie es einfach nicht mehr übers Herz, Lore hier ihrem Schicksal zu überlassen. Ihr Mitgefühl siegte.
Gut, dann würde sie eben am nächsten Tag fahren und über Nacht bei Eva bleiben. Einzig und allein ihre Platzreservierung für den Wagen 49 würde verfallen, weil diese nur für den heutigen Zug Gültigkeit besaß. Ariane holte ihre Handtasche aus dem Wagen, telefonierte mit ihrer Freundin und erklärte in kurzen Sätzen die Sachlage. Ihre Mutter in Köln würde sie später von Eva aus benachrichtigen.
Ariane betrachtete nun, da sie Zeit hatte, das Innere der Hütte etwas genauer. Es gab nur einen einzigen Raum, der sowohl als Schlaf- und Wohnbereich diente, als auch zum Kochen. Am Fenster, durch das spärliches Licht herein fiel, stand der einzige, schon sehr ramponierte Sessel in diesem Häuschen. Ariane bestand darauf, dass die alte Frau sich dorthin setzte, um sich auszuruhen. In einer Ecke befand sich ein ungemachtes Eisenbett, ohne Nachtkästchen. Am Fußende sah sie einen Kleiderschrank, der gewiss auch schon bessere Tage gesehen hatte. In der Mitte des Raumes stand ein viereckiger Tisch mit zwei wackligen Stühlen und an einer anderen Wand ein Steinbecken auf einem eisernen Untergestell, daneben der Holzofen, sicher für den kalten Winter bestimmt. Obendrauf war ein kleiner Kocher platziert, der mit Gaskartuschen betrieben wurde. Ein Regal bot Platz für das einzige Glas, den einzigen Teller und die einzige Tasse. Neben dem Ofen entdeckte Ariane einen alten Küchenschrank aus Großmutters Zeiten, in welchen sie nun die Lebensmittel einräumte. Salat, Möhren und Lauch legte sie in das Spülbecken. Sie ließ ihren Blick nochmals durch den Raum gleiten. So sauber sah es hier nicht aus. In einer Ecke fand sie einen Besen, eine Schaufel und einen Eimer nebst Putzlappen. Kurzerhand begann Ariane nun, den Holzboden zu fegen. Die alte Frau, die wie ein Häufchen Elend in dem Sessel hing, tat ihr plötzlich unendlich leid, und sie wollte nicht eher fortgehen, bis sie wenigstens etwas gegessen hatte. Ariane entdeckte im Schrank Reis und einige Würfel Fleischbrühe. Möhren und Lauch schnitt sie ganz klein. Sie fand sogar einen Topf und holte am Brunnen Wasser, dabei bemerkte sie auch das kleine Häuschen, wohl die Toilette.
Wie man einen Gaskocher bediente, wusste sie und schon eine halbe Stunde später war der Raum erfüllt von dem Duft der Reissuppe. Lore hatte ihr die ganze Zeit aufmerksam zugeschaut und sie gewähren lassen.
„Das war aber eine gute Suppe!“ lobte die alte Frau, nachdem sie zwei Teller davon verputzt hatte. Ariane freute sich darüber sehr und lächelte ihr zu. „Nun essen Sie aber auch noch etwas davon“, forderte Lore Ariane auf. „Ich habe aber leider nur diesen einen Teller, bekomme ja sonst niemals Besuch. Waschen Sie ihn ab und essen Sie den Rest.“ Ariane wollte nicht unhöflich sein und tat ihr den Gefallen. Ja, in der Tat, die Suppe schmeckte wirklich köstlich. Anschließend machte sie sogar noch den Abwasch, bevor sie sich dann endgültig verabschiedete. Die alte Frau schien sich nun bedeutend wohler zu fühlen. Ariane versprach ihr, sie nach ihrer Heimkehr öfter einmal zu besuchen. Lore lächelte nur dazu und schwieg. Sie begleitete die jüngere Frau sogar bis zum Auto und wieder fielen Ariane diese jugendlichen Augen in dem alten Gesicht auf. Sie fand dafür einfach keine Erklärung.
„Danke für Ihre Hilfe!“, sagte Lore noch einmal, bevor Ariane davonfuhr.
Am Abend desselben Tages saßen Eva und Ariane vor dem Fernsehapparat und wollten sich einen Film anschauen. Zuvor kamen noch die Nachrichten und eine Meldung, die ihnen das Blut in den Adern gefrieren ließ:
„Am Nachmittag entgleiste aus noch unerklärlichen Gründen der Interregioexpress 4114 auf gerader Strecke zwischen Hausach und Offenburg. Die beiden letzten Wagen der zweiten Klasse wurden dabei völlig aus den Schienen gehoben, vom übrigen Zug gelöst und sind einen Abhang hinuntergerutscht. Bei den bisherigen Rettungsmaßnahmen wurden schon zehn Passagiere tot und fünfzehn schwer verletzt geborgen.“
Die beiden Frauen saßen starr vor dem Apparat und blickten entsetzt auf die Bilder, die sich ihnen boten. Als die Kamera ganz nahe zu den beiden entgleisten Waggons schwenkte, konnte Ariane die Nummer eines der Wagen erkennen: 49. Ihr wurde übel und sie rannte ins Bad, um sich zu übergeben. Die Tatsache, dass auch sie in diesem Unglückswagen gesessen hätte, wäre die alte Lore nicht dazwischen gekommen, ließ sie die folgende Nacht nicht zur Ruhe kommen. Ständig hatte sie die Bilder der Unglücksstelle vor Augen.
Am nächsten Morgen fühlte sie sich wie gerädert, als sie am Frühstückstisch erschien. Aus den Nachrichten erfuhren sie, dass es bei dem Zugunglück insgesamt dreißig Tote, mehr als 50 Schwerverletzte und etwa 30 Leichtverletzte gegeben hatte.
Ariane wäre am liebsten nicht nach Köln zu Anjas Hochzeit gefahren, so sehr hatte sie dieser Unfall betroffen gemacht. Sie bis ins Mark getroffen. Auf Evas Rat hin fuhr sie schließlich doch, aber erst am nächsten Tag, da es mit den Aufräumarbeiten an der Unfallstelle nur langsam voranging.
Die Wiedersehensfreude mit Anja, der Verwandtschaft und den Freunden wurde durch dieses Zugunglück erheblich getrübt. Alle, besonders aber ihre Mutter, trösteten sie immer wieder damit, wie viel Glück sie gehabt hatte. Doch so richtig in ihre Lage versetzen konnte sich keiner.
Die zwei Wochen vergingen wie im Fluge und dann stand die Heimreise bevor. Wieder saß Ariane in einem Zug, mit gemischten Gefühlen und war froh, als sie unbeschadet in Singen ankam.
Tage später wollte sie ihr Versprechen in die Tat umsetzen und die alte Lore in ihrer Waldhütte besuchen. Sie kaufte ein paar nützliche Dinge und einen warmen Schal, denn der nächste Winter kam bestimmt. Sie fand die Hütte auch mühelos, doch die alte Frau mit den jungen Augen war nicht daheim. Ob sie wohl wieder mit ihrem Leiterwagen zum Markt gegangen war? Sicher hatte ihn inzwischen jemand repariert. So setzte sie sich auf die Steinbank vor der Hütte und wartete. Nach etwa einer Viertelstunde hörte sie Hundegebell und kurz darauf beschnupperte ein hübscher Schäferhund ihre Jeans.
„Lido, aus!“ rief eine Männerstimme und der Hund rannte sofort zu seinem Herrchen zurück, der sich ihr nun näherte.
Der Mann, sie schätzte ihn auf etwa Siebzig, blieb kurz vor dem Hause stehen und fragte: „Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Ist etwas mit Ihrem Auto?“ Ariane schüttelte den Kopf. „Nein, ich warte nur auf die Besitzerin dieser Hütte.“
„Besitzerin?“ Der Mann schaute Ariane entgeistert an. „Hier wohnt schon seit einer Ewigkeit kein Mensch mehr. Die alte Hütte dient lediglich als Rastplatz und Unterschlupf bei Regen für Wanderer.“
„Das kann doch nicht sein!“ schoss es aus Ariane hervor. „Ich habe doch erst vor wenigen Wochen eine alte Frau hier getroffen. Sie nannte sich Lore und hatte einen alten Leiterwagen, mit dem sie zum Markt …..“, sie stockte mitten im Satz, als sie das ungläubige Gesicht des Mannes sah. Er musste sie ja für verrückt halten, doch sie hatte die alte Frau gesehen.
„Lore? Nein, da müssen Sie sich irren, junge Frau.“ Der Mann machte urplötzlich ein nachdenkliches Gesicht. „Nun ja, man sagt mir ein sehr gutes Gedächtnis nach. Die einzige Lore, an die ich mich erinnere, und die mal kurz hier wohnte, war die Tochter des Schmieds unten im Dorf. Aber die ist seit fast sechzig Jahren, können auch ein paar weniger gewesen sein, tot. Sie soll damals Schande über ihre Familie gebracht haben, weil sie behauptete, hellseherische Fähigkeiten zu besitzen. Ich war damals noch ein Kind von elf Jahren, aber in einem so kleinen Nest sprach sich alles sehr rasch herum. Die Eltern haben Lore sozusagen davongejagt, und so soll sie dann einige Zeit in dieser Hütte gelebt haben. Dabei war sie ein wunderschönes Mädchen mit hellen, blauen Augen. Keiner wusste so genau, wie sie über die Runden kam, doch man erzählte hinter vorgehaltener Hand, sie würde zwischen Singen und Konstanz auf den Jahrmärkten als Hellseherin Geld verdienen. Dann sah man sie hin und wieder mit einem kleinen Leiterwagen.“ Ariane hatte aufmerksam zugehört, doch ihr Verstand arbeitete gerade sehr langsam. „Aber das ist alles Vergangenheit und ich will Sie damit nicht länger belästigen. Vielleicht war die alte Frau nur zum Ausruhen hier?“ überlegte der Mann. „Das wäre doch eine Möglichkeit. Aber nun muss ich weiterziehen. Komm, Lido!“
„Noch eine Frage hätte ich. Wie starb diese Lore? Sie muss doch noch sehr jung gewesen sein.“
„Ja, das stimmt, so Mitte Zwanzig war sie, das genaue Alter weiß ich nicht genau. Sie soll sich in der Nähe von Singen direkt vor einen Zug geworfen haben. Diese Dampfloks waren zwar noch nicht so schnell wie die Züge heutzutage, aber sie soll sofort tot gewesen sein. Wurde lange darüber geredet bei uns im Dorf, das war schon fast eine Sensation in negativen Sinne. Warum sie das tat, erfuhr wohl niemand.“ Dann wandte er sich um und ging mit seinem Hund davon. Ariane blieb betroffen zurück. „Vor einen Zug geworfen!“ schoss es ihr durch den Sinn.
Ariane stand auf und betrat die Hütte. Auf dem Eisenbett lagen ein paar Decken, säuberlich zusammengelegt. Auch der Boden war sauber und auf dem Tisch stand eine dicke Kerze. Das Regal über dem Spülbecken war leer, ebenso der Schrank, als sie in ihn blickte. Doch am Fenster stand der alte, schon in die Jahre gekommene Sessel. War es Einbildung, oder saß die alte Lore dort? Ariane ging darauf zu, doch er war leer, aber sie glaubte plötzlich, eine Stimme zu hören:
„Dass Ihr jungen Leute alle so ruhelos seid, verstehe ich nicht. Was ist schon Zeit? Euer ganzes Leben richtet Ihr nach Plänen, macht nichts Unüberlegtes, alles nur nach Terminen und Vereinbarungen. Wo bleibt Eure Spontanität?“
In dem Augenblick, als Ariane von einer merkwürdigen Ahnung beschlichen wurde, fühlte sie, wie es ihr heiß und kalt den Rücken hinunter lief. Sie wollte nur noch hinaus ins Freie, einen klaren Kopf bekommen. An der Tür jedoch drehte sie sich nochmals wie mechanisch um und sagte laut: „Lebe wohl, Lore, und danke, dass Du im entscheidenden Moment einfach da gewesen bist, um mein Leben zu retten. Die anderen Passagiere hatten leider keinen Schutzengel.“ Plötzlich verschleierten Tränen die Sicht, aber sie ließ es geschehen.
Engel! „Welch Absurdität!“ dachte sie im Nachhinein. Sie war doch ein realistisch denkender Mensch und Engel brachte sie lediglich mit Weihnachten in Verbindung. Und Einbildung? Nein, das war ganz bestimmt keine! Lore war da gewesen, sie hatte sich das nicht eingebildet. Für Ariane hatte sie Gestalt angenommen und war zu ihrem Schutz erschienen.
Eine Weile blieb sie einfach nur still in ihrem Wagen sitzen und ließ dieses Wunder auf sich einwirken. Nun bekam auch das einen Sinn, was ihre Oma einst zu ihr gesagt hatte, als Opa gestorben war und Ariane so sehr geweint hatte: „Nicht traurig sein, Kleinchen, er ist doch jetzt der Schutzengel irgendeines Menschleins auf Erden.“
Mit einem dicken Kloß im Hals fuhr sie den Feldweg entlang zurück zur Landstraße. Nach etwa fünf Minuten hielt sie am Straßenrand an, holte das Handy aus der Handtasche und wählte Evas Nummer. Als diese sich meldete, sagte sie:
„Eva, ich hatte gerade ein Erlebnis und muss mit Dir darüber reden.“
„Ich warte auf Dich, Ariane!“, lautete Evas spontane Antwort.