Ich war gerade 19 Jahre, kannte seit 3 Jahren meinen Mann und war seit einem Jahr mit ihm verheiratet. Unser Leben war perfekt geplant und lief bis dahin auch nach diesem Plan. Alles was uns noch fehlte war ein Baby und nun sollte es endlich soweit sein!
Geburtstermin sollte der 27.3.1989 sein. Alles passte haargenau. Bis dahin hätte ich meine theoretischen Prüfungen hinter mir und mir stand nur noch ein halbes Jahr Praktikum bis zu meinem Examen als Krankenschwester bevor. Ich konnte diese "Spezialisierungsphase" um 8 Wochen nach hinten schieben und mein Mann wollte in dieser Zeit 6 Monate Erziehungsurlaub nehmen. Ich machte meinem "Umstand" von nun an alle Ehre. Ich aß, worauf ich Lust hatte und soviel ich wollte. Kein lästiges Kalorien zählen mehr und jedes Kilo mehr auf der Waage machte mich stolz, im Gegensatz zu den voran gegangenen Jahren. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich wirklich glücklich - ich war 19 und wurde Mutter! Voller Stolz trug ich schon ab dem 4. Monat Umstandskleider. Seht her, ich bin schwanger! Für meine Leibesfülle brauchte ich mich nicht mehr zu schämen. Meine Schwangerschaft legitimierte alles! Mein Mann und ich waren uns aus irgent einem Grund sicher, daß es ein Mädchen wird. Wir nannten unsere Tochter Marleen. Zu dieser Zeit arbeitete ich gerade auf der Wöchnerinnenstation. All die kleinen Babys. Bald werde auch ich mit einem kleinen Menschlein im Arm hier liegen! Ich schaute den Müttern genau beim Stillen zu. Sah ihnen über die Schulter, wenn sie ihre Babys wickelten. Wenn ich die Augen schloß, konnte ich mein Baby sehen. Mal blond (mein Mann ist blond gewesen), mal dunkelhaarig, wie ich. Aber immer pausbäckig und mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Sogar riechen konnte ich es! Zuhause hatten wir bald das Kinderzimmer eingerichtet. Der Kinderwagen stand bereit und selbst das Bettchen war fertig überzogen. An seinem Kopfende saß ein kleiner Teddybär und eine Puppe. Es war, als wartete es auf den kleinen Schlafgast. Unsere Tochter strampelte ziemlich wild in meinem Bauch. Mir war, als schlüge es Purzelbäume vor lauter Freude. Einmal sagte ich zu meinem Mann: "Wenn ich nicht wüßte, daß es nur ein Kind ist, würde ich meinen, in meinem Bauch ist eine ganze Fußballmanschaft!" Aber wenn ich meinen Bauch streichelte wurde mein Baby ganz ruhig. Es reagierte auf diese Berührungen und auch auf unsere Stimmen. Inzwischen war ich im 7.Monat. Der Geburtstermin rückte allmählich näher. Inzwischen beschäftigte ich mich immer öfter in Gedanken mit der Geburt. Manchmal hatte ich Angst vor den Schmerzen, aber meistens überwog die Vorfreude auf die Zeit nach der Geburt und ich war mir sicher, daß ich das auch durchstehen würde. Anfang Januar stand auf meinem Lehrplan "Geburtshilfe und Gynäkologie". Alles war sehr spannend! Ich glaube, in den vergangenen 2,5 Jahren meines Studiums hat mich kein anderes Thema so interessiert, wie dieses! Am Ende dieses Themankomplexes behandelten wir noch das Thema Missbildungen. Die unterrichtende Ärztin bat mich, den Unterricht zu verlassen, da solch ein Thema wohl in meinem Zustand nicht sehr aufbauend wäre.Voller Stolz sagte ich nur: "Nein das geht schon in Ordnung! Es macht mir nichts aus. Außerdem passiert mir ja sowas nicht!" Ein Satz, so sicher und aus innerster Überzeugung gesprochen! Natürlich ging ich regelmäßig zu den vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen. Nie gab es einen Grund zur Klage. Meine Ärztin war immer zufrieden mit mir und dem Baby. Ich achtete genau darauf, auch ja keinen Termin zu verpassen und war meistens Tage vorher schon so aufgeregt, daß ich mein ganzes Umfeld mit meiner Nervosität und Vorfreude nervte. Jedes "Schnippselchen" habe ich aufbewahrt und war es auch noch so unwichtig. Alles sollte mich später einmal an diese wunderschönen Monate erinnern. Mit meinem Mutterpass wäre ich am liebsten schlafen gegangen! Es gab kein Buch, welches ich öfter gelesen habe. So saß ich an diesem Vormittag in der Schule und sah mir Bilder von Neugeborenen mit den schrecklichsten Mißbildungen an. Meine Hände ruhten auf meinem runden Bauch und ich war nur glücklich, daß mein Baby gesund ist. Ultraschalluntersuchungen gab es insgesamt nur 3 Stück während der ganzen Schwangerschaft. Aber bereits im 3.Monat sagte meine Ärztin, daß alles in bester Ordnung sei. Trotzdem war ich aufgeregt, als mein Termin anstand! Diesmal würde ich mein Baby vielleicht schon richtig sehen können! Die Ärztin fuhr mit dem Ultraschallkopf über meinen Bauch. Erst langsam und gründlich, nach einigen Minuten ungeduldig und schnell. Kein Wort. Mein Herz schlug bis zum Hals und ich schalt mich selbst eine dumme Gans, weil doch alle in Ordnung war! Nach einigen Minuten drehte sie den Monitor zu mir herum mit den Worten: "Also das ist ihr Baby. Es scheint alles in Ordnung zu sein, nur leider kann ich es nicht genau abmessen, weil der Kopf schlecht zu sehen ist. Wahrscheinlich liegt es verkehrt herum." Mir schossen sofort 1000 Fragen durch den Kopf, welche ich ihr stellen wollte. Aber sie überwies mich ziemlich eilig zu einem Spezialisten am nächsten Tag. Und noch eh ich überhaupt etwas sagen konnte, drückte sie mir schon Papier in die Hand um das Gel von meinem Bauch zu entfernen. Die Untersuchung war für sie beendet, daran gab es keinen Zweifel! Und noch während ich mich ankleidete lag bereits die nächste Schwangere auf der Liege. Ich war zutiefst besorgt. In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Immer wieder beruhigte ich mich selbst. Na und? Dann liegt sie eben verkehrt herum! Schlimmstenfalls entbinde ich eben per Kaiserschnitt. Außerdem bin ich selbst ja auch mit den Füßen zuerst auf die Welt gekommen! Alles wird gut! Aber irgentwie konnte ich mich nicht so recht beruhigen. Aber wenn ich meinte, das wäre die schlimmste Nacht gewesen, sollte ich mich getäuscht haben. Es sollten noch Nächte kommen, die alles übertrafen! So saß ich am nächsten Tag wieder vor diesem Ultraschallraum, diesmal in Dienstkleidung, denn im Anschluß würde ich wieder auf die Wöchnerinnenstation gehen und meinen Dienst verrichten. Ich fühlte mich allein diesmal. Nein - ganz allein war ich doch gar nicht. Da war meine Tochter! Und mit all meiner Hoffnung redete ich im Stillen mit ihr: " Ok,das schaffen wir beide! Vielleicht drehst Du Dich ja auch noch mal? Und wenn nicht - auch nicht so schlimm! Dann entbinde ich eben per Kaiserschnitt. Hauptsache, Du bist gesund. Und das bist Du ja! " Wie zur Antwort begann mein Baby heftig zu strampeln und so ging ich mit einem glücklichen Lächeln in den Untersuchungsraum. Der Spezialist war gleichzeitig mein Stationsarzt. Als meinen Vorgesetzten hab ich ihn immer geschätzt ob seiner ruhigen und liebevollen Art und seiner Kompetenz. Das nahm mir einiges von meiner Angst. Anfangs scherzte er mit mir und nahm sich sehr viel Zeit für die Untersuchung. Das gab mir umsomehr das Gefühl,in den besten Händen zu sein. Zunehmend wurde sein Gesicht ernster und er fragte mich lauter komische Sachen. Wann ich das letzte Mal bei einer Ultraschalluntersuchung war. Wie die Schwangerschaft bisher verlief. Ob mein Kind sich richtig bewegen würde. Wie bitte? Dieses Kind bewegte sich nicht nur so... Es tanzte und tollte in meinem Bauch! Es strotzte nur so vor Energie und Gesundheit! Ob es sich "richtig" bewegt? Ich bin zum 1.Mal schwanger! Für mich ist nur wichtig, daß es sich bewegt! Was ist richtig und was falsch? Während meiner Antworten drehte der Arzt den Monitor langsam von mir weg und gab seiner Assistentin Anweisungen, das bestehende Bild zu fotografieren. Mir war zum Schreien! Los sag schon! Was ist los? Irgentwas stimmt doch hier nicht! Aber mein Hals war wie zugeschnürt vor Angst und ich redete und redete ohne Punkt und Komma von der Schwangerschaft. Und langsam wurde ein Verdacht zur Gewissheit. Hier stimmt etwas nicht! Mein Arzt bat mich,mich anzuziehen. Noch immer kein Wort! Aber auch ich konnte ihn nicht fragen! Keine Fragen - keine Antworten! So einfach war das! Nein, ich will es gar nicht hören! Gleich wach ich auf aus einem bösen Traum! Und es kam mir in diesen Minuten tatsächlich so vor,als stünde ich neben mir. Ohne Umschweife erklärte mir der Arzt plötzlich: "Schwester Rita,es nutzt nichts. Ihr Kind ist hat ein offenes Rückenmark und einen Wasserschädel. Es wird nicht lebensfähig sein und am besten, wir beenden diese Schwangerschaft!" Er sagte diese Ungeheuerlichkeit so medizinisch und steril, daß es mir eiskalt vorkam. Es gab kein "Vielleicht" und kein "Oder"! In mir brach eine Welt zusammen. Warum ich? Warum ausgerechnet mein Baby? Es kann nicht sein! Sie müssen sich getäuscht haben! Gesagt habe ich unterdessen wieder nichts. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich in diesem Augenblick schon geweint habe. Der Verdrängungsmechanismus funktionierte bereits hervorragend. Sicher geweint habe ich erst, als ich auf Station zurück war und mich einfach krank meldete. Meine Chefin fand mein Benehmen sehr seltsam und fragte mich nach dem Grund.Erst da habe ich begonnen zu weinen und ihr die Wahrheit gesagt. Ich fuhr wie betäubt nach Hause. Meine Gedanken kreisten ständig um das Baby. Einen Krüppel trug ich in mir! Nicht lebensfähig! Aber irgentwie kam mir die Geschichte auch seltsam vor! Denn was bedeutet schon ein offenes Rückenmark? Man konnte es operieren. Und ein Wasserschädel? Man konnte eine Drainage legen! Wieso dann nicht lebensfähig?? Aber was für ein Leben würde mein Baby führen? Hätte ich die Kraft, es anzunehmen, wie es ist? Es bis zu seinem Tode zu pflegen? Würde ich es lieben können? Was erwartet mich? Wie reagiert mein Umfeld? Wie hoch wäre seine Lebenserwartung? Und was ist mit einer Lebensqualität gab es die überhaupt mit dieser Mißbildung? Lieber Gott, bitte! Laß alles gut werden! Schick mir ein Wunder! Was hab ich Dir getan? Warum strafst Du gerade mich so? In meiner Wohnung brach ich vollends zusammen. Mein Mann war noch auf Arbeit und ahnte nichts von der Diagnose. Und da war das Kinderzimmer! Dort lagen Strampler bereit, wartete das Bettchen! Ich vertraute mich in meiner Not einer Nachbarin an, selber Mutter von zwei Kindern. Ich hoffte, sie würde mir sagen, daß ich nicht verzweifeln soll und alles ein riesengroßer Irrtum war. Stattdessen nahm sie mich in den Arm und weinte mit mir! Ich riss mich los, weil mir diese Wahrheit zu hart vorkam! Nein ich wollte kein Mitleid und keinen Trost! Ich wollte, daß man mir sagt, daß alles gut wird! Als mein Mann nach Hause kam, berichtete ich ihm von unserem Unglück. Es war ein kurzes Gespräch. Er umarmte mich nicht und weinte nicht mit mir. Er ging zu einem Freund! Er bräuchte jetzt Abstand! Er müßte erst mal klarkommen damit! Still flehte ich ihn an: Bitte bleib! Ich brauch Dich jetzt! Laß es uns gemeinsam durchstehen! Laut sagte ich:"Ich kann Dich verstehen.Geh nur,wenn Du Dich dann besser fühlst.Ich komm schon klar!" Kurz darauf fiel die Wohnungstür ins Schloß und ich fühlte mich einsam und leer wie noch nie in meinem Leben. Selbst Tränen hatte ich keine mehr! Ich war eine leblose Hülle, ohne Gefühl. Ich begann wieder zu rauchen. Was soll es! dachte ich. Ist doch eh alles egal jetzt! Und mein Baby strampelte wie wild und wehrte sich gegen den Rauch. Immer tiefer inhalierte ich. HÖR ENDLICH AUF! Mein Mann kam 3 Stunden später zurück. Er kam mir blaß vor, aber das war die einzigste Gefühlsregung, die ich erkennen konnte. Er fand eine gefasste Frau vor. Irgentwie war alles so unwirklich! Von dieser Stunde an wurde über keine Zukunft mehr gesprochen und schon garnicht über unser Baby! Der Termin für die Klinikeinweisung sollte eine Woche später sein. Wenn ich bis dahin gedacht habe, das Schlimmste überstanden zu haben, sollte ich mich irren. Diese eine Woche übertraf alles dagewesene und war die härteste Zeit überhaupt! Meine Gedanken kreisten nur immer darum, wie ich den Tag ausfüllen konnte, um so wenig wie möglich an mein Baby denken zu müssen. Mein Mann hatte den "tollen" Einfall, es all unseren Freunden und Bekannten zu erzählen. So würden wir dummen Fragen und Blicken aus dem Weg gehen. Ich war mit allem einverstanden! Nur raus aus dieser Wohnung, in der mich alles an meine noch bestehende Schwangerschaft erinnerte! So begannen wir Tag für Tag jemand anderen zu besuchen. Immer und immer wieder erzählte ich jedes Detail. Und je mehr ich meine Geschichte erzählte, um so mehr kam es mir vor, als würde ich die Geschichte einer fremden Frau erzählen! Es war, als würde ich neben mir stehen und mir zuhören! Manchmal tat mir diese Frau sogar ehrlich leid. Meinen Bauch hasste ich in dieser Woche! Er störte bei allem! Das Bücken fiel mir plötzlich schwer und auch auf dem Bauch schlafen konnte ich nicht mehr! Umarmungen zwischen meinem Mann und mir gab es nicht mehr - ich schob es auf den Bauch! All die Einschränkungen,die ich nun 8 Monate zu gern in Kauf genommen hatte, waren mir jetzt lästig! Und ich lag 8 Nächte auf dem Rücken. Die Hände an meine Seiten gepresst, nur um nicht in Versuchung zu kommen, meinen Bauch anfassen zu müssen! Bei jeder Bewegung in mir weinte ich. Aus Trauer vielleicht, aber vorallem aus Wut! Lieg endlich still! Was zappelst Du Krüppel noch? Ich werde Dich tot gebären! Lieg still und lass mich in Ruhe! Am meisten aber schmerzte mich in dieser Woche die Sprachlosigkeit zwischen mir und meinem Mann. Anfangs versuchte ich,mit ihm über unser Schicksal zu reden. Aber diese Gespräche blockte er sehr schnell ab. Für ihn war es nun einmal eine Tatsache! Nie habe ich ihn eine Träne um unser Baby weinen sehen, nie offenbarte er mir seine Trauer, in keinster Weise! Auch Freunde redeten mir zu, endlich wieder nach vorn zu blicken! Das Leben geht weiter! Aber für mich stand die Welt einfach nur still. Am 16.1.1989 war es soweit. Ich begab mich in die Klinik. Beim Frühstück redete ich ein letztes Mal mit meinem Mann über das Kind. Noch immer hatte ich Zweifel an der Diagnose, vorallem an der Endgültigkeit! Ich fragte: "Was ist,wenn es noch Hoffnung gibt? Wenn unser Kind eine Chance hat zu leben?" Er antwortete:"Rita denk mal nach! Was wäre das für ein Leben? "ES"würde in Heimen und Krankenhäusern vor sich her siechen!" Wieso war er sich so sicher, daß ich dieses Kind in ein Heim geben würde??? Im Krankenhaus während der Aufnahme machte man mir zum letzten Mal die Endgültigkeit bewußt. Duch einen dummen Faux pas. Die Dame an der Rezeption musterte erst mich und dann wieder den Einweisungsschein. In diesem Raum saßen noch mindestens 8 andere Patienten und warteten auf ihre Papiere. Auf meinem Schein stand lediglich die Order, an diesem Tag auf eine gynäkologische Station aufgenommen zu werden. Die Dame behauptete, dem Arzt wäre da sicher ein Fehler unterlaufen und ich solle sicher auf die Entbindungsstation! Zuerst bestand ich einfach nur darauf, daß alles seine Richtigkeit hätte. Als die Dame aber in ihrem gewohnten lauten Ton auf ihrem Recht bestand, begann ich schliesslich hilflos zu weinen und schrie sie an:"Ich muß es wohl am besten wissen. Schließlich ist es mein Kind, welches tot zur Welt kommen soll!" Ich war am Ende. Statt einer Entschuldigung füllte die Dame peinlich berührt und ohne jeden Kommentar meine Papiere aus und ich konnte endlich den Raum verlassen.Vorbei an betreten zu Boden blickenden Gesichtern. Auf Station angekommen, war ich auf mich alleine gestellt. Die Schwestern schauten mich mitleidig an. Ich wollte schreien: " Ich brauche Euer Mitleid nicht! Ich bin stark genug, das allein zu schaffen! " So baute ich um mich herum eine Mauer auf,die niemand mehr so schnell einreissen konnte. Ich versteckte mich hinter aufgesetzter Fröhlichkeit und Optimismus - ganz die Krankenschwester eben! Und irgentwie war es tatsächlich so, als würde jeder von mir erwarten, daß ich keine Fragen hätte, mit den Untersuchungen vertraut wäre und Einsicht in jede medizinische Notwendigkeit hätte! Schließlich sei ich ja vom Fach! Ich hingegen kam mir vor,wie ein Laie. Was nutzt all das Wissen aus den Büchern! Diesmal betraf es mich selber. Und wie jeder andere Mensch hatte ich einfach nur Angst! Plötzlich stand ich auf der anderen Seite des Krankenbettes und fühlte mich hilflos und ausgeliefert. Als man mich am nächsten Morgen in den Kreißsaal führte, fühlte ich mich wie ein zum Tode verurteilter Mensch bei seinem Gang in die Todeszelle. Hinter mir schloß sich die Tür und ich begriff endlich, daß das was nun geschah, nicht mehr zu ändern war. Von nun an hatte ich keine Macht mehr, den Geschehnissen zu entkommen. Mir blieb nur noch übrig, mich in alles zu fügen. Man bereitete mich vor, wie zu einer normalen Geburt. Rasur, Einlauf, Bad. Ich schaltete mein Hirn ab. Nur nicht nachdenken! Der Kreißsaal bestand aus einem großen Raum, an dessen Wänden jeweils rechts und links 2 kleinere Zimmer lagen. In einen dieser kleinen Kreißsäle führte man mich. Es gab nur ein Bett darin. Rechts von mir lag der große Kreißsaal, getrennt durch eine Tür und ein Fenster. Links von mir ein Fenster zum Schwesternzimmer. Ich kam mir vor, wie im Zoo! Man konnte mich von allen Seiten begaffen und jeder vom Personal tat das auch zur Genüge! Mein einziger Lichtblick war ein großes Fenster nach drausen am Fussende meines Bettes. Davor stand ein großer Baum. An diesen Anblick klammerte ich mich. Da wollte ich wieder hin! Raus hier! Man schloß mich an einen Wehetropf an, der über alle Maßen überdosiert war,und ich sofort wußte, daß man mein Kind damit töten würde, wenn es nicht von selbst stirbt! Mein Arzt erklärte die Prozedur mit den Worten: " Manchmal schreien diese Kinder noch kurz nach der Geburt! Erschrecken sie nicht und machen sie sich vor allem keine Hoffnungen! Dieses Kind wird nicht überleben! " " Nein, sicher nicht ", dachte ich, " dafür sorgt ihr mit diesem Tropf schon. " Stunde um Stunde verging. Ärzteteams "begutachteten" mich mehrmals täglich. Medizinstudenten durften meinen Muttermund abtasten. Die Hebammen verrichteten ihre Arbeit an mir routinemäßig. Nein ich nehm es ihnen nicht übel. Sie wußten wohl selbst nicht, was auf sie zu kam und jede hoffte, daß es nicht in ihrer Schicht "passierte"! Vielleicht hab ich ihnen auch Angst gemacht. Ich war so ruhig und gefasst, sobald jemand mein Zimmer betrat. Auf einige wenige Versuche mich zu trösten, reagierte ich mit einem Lächeln. Na klar geht das Leben weiter! Nur wie? In diesen Tagen entbanden neben mir mindestens 6 Frauen. Alles bekam ich mit, auch wenn die Schwestern pietätvoll die Tür schlossen und die Vorhänge vorzogen! Ich kam mir vor, wie eine Aussätzige. Manchmal lugte ich unter dem Vorhang in den anderen Kreißsaal. Nur ein kleines Stück von diesem großen Glück wollte ich sehen! Man setzte mich unter starke Beruhigungsmittel. Am Abend des 18.1.1989 bemerkte ich plötzlich,wie sich mein Baby langsamer und schließlich kaum noch bewegte. In diesem Moment legte ich seit mehr als 7 Tagen erstmals meine Hände auf den Bauch, streichelte mein Baby ein letztes Mal und verabschiedete mich von ihm: "Machs gut mein Engelchen! Ich hätte sogern mein Leben mit Dir verbracht! Ich liebe Dich und werde Dich nie vergessen!" Dann wurde es in mir still... Meine Tochter war gestorben. Draussen regnete es in Strömen und ich weinte mit dem Himmel um die Wette. Am 19.1.1989 entband ich meine Tochter. Wehen spürte ich wegen der starken Beruhigungsmedikamente nicht. Mir tat der Rücken nur so furchtbar weh vom langen liegen. Die Hebammen meinten, das sind die Wehen. Mir standen 2 Hebammen zur Seite, eine recht junge und eine ältere, erfahrene Frau, sowie mein Arzt. Zu dritt schoben und pressten sie das Kind mehr aus mir heraus, als daß ich es gebar. Daß es ein schlimmer Anblick sein mußte, erkannte ich nur am Gesicht der jüngeren Hebamme. Das Entsetzen in ihrem Blick werde ich nie vergessen! Die ältere drehte meinen Kopf an ihren Busen und hielt mich fest im Arm. So konnte ich weinen und schreien um mein Kind. Zum anderen war sie sich aber auch sicher, daß ich das Baby selbst nicht sehen würde! Man trug meine Tochter in einer Bettpfanne an mir vorbei. Einen Augenblick lang hatte ich das Bedürfniss, sie in den Arm zu nehmen, sie wenigstens einmal ansehen zu dürfen! Mein Arzt mußte das gespürt haben, denn er sagte: " Es ist besser so Schwester Rita! Sie werden noch gesunde Babys bekommen und sollten sich daher diesen Anblick ersparen! " Erst dann erfuhr ich, daß meine Tochter Marleen einen Anencephalus hatte. Ich bekam anschließend eine Narkose und fiel in einen tiefen Schlaf. ... Zurück auf der Station legte man mir eine junge Frau in mein Zimmer. Ich erfuhr, daß sie einen Jungen nach der Entbindung verloren hat, der keine Nieren hatte. Eigentlich sollte die Geburt eingeleitet werden, sobald eine Spenderniere bereit stand. So hätte er gut überleben können. Doch die Frau erlitt eine Frühgeburt und so mußte sie zusehen, wie ihr Sohn nach 3 Stunden starb. Heute weiß ich,daß meine Tochter ihm hätte das Leben retten können!Aber niemand hatte mir die Möglichkeit aufgezeigt, ihre Organe zu spenden! Ich hätte es gern getan, allein aus dem Wissen heraus,daß ein Teil von ihr weiterlebt! ... Ich bekam 2 Jahre nach meiner Tochter noch einen gesunden Sohn. Meine Ehe allerdings zerbrach, auch an den Belastungen der vielen unausgesprochenen Dinge, denke ich. Wir haben es nicht verstanden, aufeinander zu zu gehen, zu akzeptieren, daß jeder von uns anders um unsere Tochter trauert. Statt dessen starb Marleen ein 2.Mal... Sie wurde totgeschwiegen! 1999 besuchte ich mit meinem Sohn eine Verhaltenstherapie. Er war ein seltsam angepasstes, überaus ängstliches Kind. Im Laufe dieser Therapie erkannte ich, daß es meine Schuld war. Ich hatte ihn aus Angst ihn auch noch zu verlieren, überbehütet! Erst durch diese Therapie konnte ich nach 10 Jahren zum ersten Mal um meine Tochter trauern! Ich ließ nach all den Jahren zum ersten mal Gefühle zu und erzählte diese Geschichte als MEINE Geschichte. Inzwischen habe ich 2 gesunde Söhne, nachdem ich bei jedem Kinderwunsch begann, Folsäurepräparate einzunehmen. Aber irgentwie fehlt in meinem Leben etwas! Ich liebe meine Söhne über alles! Aber sie können und dürfen nie Ersatz für meine Tochter sein! Sie war ein selbstständiger Mensch, das weiß ich heute. Und auf ihre Art und durch ihre kurze Anwesenheit hat sie sehr viel in mir verändert! In meinem Beruf als Krankenschwester kann ich heute mitfühlen und bin so eine bessere Schwester! Aber auch meine Sicht auf das Leben hat dieses Wesen in mir verändert! Unglück und Leid widerfährt eben nicht nur anderen! Auch bin ich in gewisser Hinsicht gläubig geworden durch sie. Da ich aus der ehemaligen DDR stamme, bin ich nicht getauft und es war unüblich zu glauben. So hab ich mich heute den WICCAS angeschlossen. Manche sagen Hexen. Aber es sind nur Frauen, die einfach im Einklang mit sich und der Natur leben. Sie kennen sich mit Kräutern aus und leben nach dem Mond. Und ich glaube an Engel und an ein mir vorbestimmtes Schicksal! Alles im Leben hat seinen Sinn! So hat meine Tochter mich sehr geprägt. Ich rede heute in Gedanken oft mit ihr und denke viel an sie. Ich stelle mir vor, daß sie auf mich und meine Söhne aufpasst und manchmal habe ich das Gefühl, sie ist mir ganz nah. Rita Förster-Gorlt geschrieben im November 2002 Nachtrag: ...Das Leben geht weiter!... Inzwischen schreiben wir 2005. Marleen wäre inzwischen fast 16 Jahre. Meine Söhne sind inzwischen 13 und 7 Jahre alt, entwickeln sich prächtig und machen mich jeden Tag aufs Neue stolz. Seit 4 Jahren erziehe ich sie allein, bin noch immer vollbeschäftigt als Krankenschwester, bald als Stationsleitung.... Trotzdem hat sich vieles verändert! Nicht zuletzt, weil ich noch immer auf der Suche nach Erklärungen bin, noch immer nach dem WARUM suche und noch immer fast täglich an meine Tochter denke! Heut weiß ich sicher, dass sie bei mir ist. Sie lebt durch mich! Ich gehöre nicht mehr zu den WICCA`s. Ich habe erkannt, dass es nur ein kleiner Teil der großen Wahrheit ist. Ich bin heut davon überzeugt, dass wir uns vor unserer Geburt unsere Eltern aussuchen können. Das näher auszuführen würde den Rahmen sprengen. Ich kann aber gern ein paar interessante Bücher zu diesem Thema weiter empfehlen! Dadurch stellte sich für mich die Frage, warum Marleen mich als Mutter haben wollte. Hat sie gewußt, dass sie der Beginn einer langen Reise in mein SELBST sein würde? Hat sie gewußt, dass ich diese Reise überhaupt antreten werde? Nun, ich habe mich auf diese Reise begeben und bin noch lang nicht an ihrem Ziel! Und es ist jeden Tag spannend, zu leben! Es ist interessant zu beobachten, wie ich mich mit jeder neuen Erkenntnis wieder ein Stück verändere, wachse, mich entwickle. Ich achte heute mehr denn je auf jede Kleinigkeit, bin extrem sensibel für emotionale Schwingungen geworden, sehe ?Kleinigkeiten? als Wunder an und bin glücklich, dass ich sie erleben darf! Aus der wütenden, selbsthassenden, zutiefst verunsicherten Frau von damals ist eine zufriedene, glückliche, optimistische Frau geworden. Und weiß Gott! - das Leben war nicht leicht bis hierher! Im Juli 2003 packte ich meine Kinder und übersiedelte nach Wien. Ich erfüllte mir damit einen lang geträumten Traum! Inzwischen habe ich mein Leben komplett "entrümpelt", mich von unnötigen und alten Ballast befreit, viele Dinge "aufgearbeitet", mich von Menschen distanziert, die mich mit ihren negativen Energien "aussaugen". Eigentlich hab ich meine gesamte Vergangenheit hinter mir gelassen und so Platz geschaffen, für etwas Neues, Wunderbares! Man kann auch sagen, ich habe gelernt, los zu lassen! Nichts gehört einem Menschen auf Dauer! Ich kann Dinge annehmen und genießen OHNE sie festhalten zu wollen. Und ich lerne mit dem Schmerz umzugehen, den man empfindet, wenn man etwas verliert. Bisher hab ich aus Angst vor diesem Schmerz viele Dinge gar nicht erst an mich heran gelassen und mich so um viel Lebensfreude gebracht. Ich kann inzwischen Gefühle wirklich zeigen und habe gelernt, dass man dazu meist nicht einmal Worte braucht! So "geschieht" mir im Augenblick gerade das Größte aller Wunder - die Liebe! Ich war 2 mal verheiratet und hab auch ein paar längere Beziehungen hinter mir. Aber erst jetzt weiß ich, was es heißt, wirklich zu lieben und geliebt zu werden! Natürlich habe ich Angst, diesen Menschen zu verlieren! Aber diese Angst beherrscht mich nicht mehr, hält mich nicht zurück, macht mich zögerlich und unentschlossen. Ich sehe die Früchte dieser Liebe - meine Jungs haben sich sehr verändert, blühen richtig auf. Ich lerne jeden Tag neue Dinge von meinem Partner und erweitere somit meinen Horizont. Aber ich hab auch gelernt, dass ich unsagbar viel zu geben habe. In mir schlummert soviel Liebe und Wärme, die ich jetzt fähig bin, wirklich zu geben. Auch Liebe zu mir selbst! Ich lerne, zu verzeihen - anderen Menschen ebenso, wie mir selbst! Was das alles mit Marleen zu tun hat? Immer wieder träume ich von Zeit zu Zeit von ihr. Der Traum ist jedes Mal anders. Aber die Grundaussage ist immer die Selbe: Kümmre Dich um die Lebenden! Mir geht es gut und alles ist in Ordnung, wie es gekommen ist! Es macht Spaß, Dir zuzusehen, wie Du bist und es ist schön zu wissen, dass Du mich nie vergessen hast und wirst! Ich weiß, dass Du mich liebst! Und ich werde Dich auch immer begleiten. Ich bin stolz darauf, dass Du meine Mutter bist! Seltsam ist, dass ich diese Träume immer dann habe, wenn sich in meinem Leben wieder etwas verändern wird, ich eine neue Richtung einschlagen will. Vor einer Woche besuchte ich eine liebe Freundin, die sich schon sehr lange mit Kartenlegen beschäftigt und die ich von Zeit zu Zeit um "Rat" bitte. (übrigens auch etwas, was ich früher nicht konnte!) Diesmal schlug sie mir das sogenannte ?Tischerl rücken? vor. Anfangs war ich nicht gerade begeistert von dieser Idee. Für mich war es Hokuspokus, Manipulation und was weiß ich! Da ich aber ein sehr neugieriger Mensch bin, wollte ich es doch wissen! (und sei es nur, um meine Vorurteile bestätigt zu bekommen - lach) Meine Freundin erklärte mir, dass es etwas länger dauern könnte, bis sich ein ?Geist? meldet, da diese uns normalerweise nicht ständig begleiten. Ich versuchte vorher noch, das Tischchen selbst durch die Kraft meiner Hände zu bewegen - ein schwieriges Unterfangen, da man es gegen eine Art Widerstand schiebt! Kaum hatten wir nun alle nötigen Vorbereitungen getroffen und unsere Hände auf das Tischchen gelegt - bewegte es sich bereits! Ich muß dazu sagen, dass ich eigentlich meine Omi rufen wollte, zu der ich ein sehr enges Verhältnis gehabt habe. Meine Freundin war jedenfalls sehr erstaunt und sagte noch, dass es jemand sein müße, der immer in meiner Nähe ist, da er sich so schnell meldet. Sie fragte, wer "ER" ist und wir bekamen zur Antwort: ein Neugeborenes, dessen Name mit M beginnt! (meine Freundin kennt zwar die Geschichte meiner 1. Geburt, aber nicht ihren Namen!) Das war ein sehr emotionaler Augenblick für mich, wie man sich vorstellen kann. Interessant war während dieser Sitzung auch, dass Marleens Antworten typisch "kindlich" waren, zeitweise richtig verspielt. Manchmal stolperte das Tischchen über das Papier, dann wieder tanzte es um ein bestimmtes Wort. Abgesehen von den Antworten, erfüllte mich nach Ende dieser Sitzung eine tiefe Zufriedenheit und Ruhe, eine Sicherheit und ein Vertrauen, wie ich es noch nie erlebt habe! Meine Tochter "riet" mir übrigens zu einer neuen Schwangerschaft! Dieses Thema ist für mich auch mit fast 36 Jahren und nach 2 fast schon selbständigen Kindern noch lang nicht abgeschlossen gewesen! Und da mein jetziger Partner sich auch ein gemeinsames Kind wünscht, glaube ich fest daran, uns diesen Wunsch im nächsten Jahr zu erfüllen. Vielleicht wird es ja ein Mädchen? |