Für Laura Der Geburtstermin war für den 15. September 2001 errechnet. Es war schon ein komisches Gefühl, nach 11 Jahren wieder schwanger zu sein. Wir, Maik und ich wollten es so und haben uns gefreut und mit uns Paul und Philipp (damals fast 16 und 11). Es verlief auch alles unproblematisch, ich war es auch von den Jungs nicht anders gewöhnt. Ich machte mir nur etwas mehr Gedanken um die Gesundheit unseres Babys. Im Grunde schwebte mir aber nur das Down Syndrom vor Augen, da ich ja nun 35 Jahre alt war und die " magische Altersgrenze " überschritten hatte. Nach vielen Überlegungen zum Für und Wider einer Fruchtwasserpunktion, haben wir uns dann schließlich dafür entschieden. Viele Muttis aus meinem Freundeskreis hatten die Punktion schon hinter sich und meinten alle, dass es wirklich nicht schlimm sei und alle sind auch ohne Probleme verlaufen. Ich hätte sie lieber nicht gemacht, aber die Ungewissheit plagte mich doch ganz schön. Die Wartezeiten zwischen den Vorsorgeuntersuchungen erschienen mir immer wie Ewigkeiten, am längsten aber die Zeit zum Termin der Punktion. Ich wollte es doch endlich hinter mir haben. Der Termin wurde nun für den 11. April 2001 festgelegt. Einen Tag zuvor sollte ich nochmal zur Vorsorgeuntersuchung zu meinem Frauenarzt kommen. Er machte auch noch einen Ultraschall und bemerkte, dass alles in Ordnung sei. Das Köpfchen könne er aber leider nicht vermessen, es liegt zu weit unten im Becken. Aber es wäre ja nicht so schlimm, das könne ja der Spezialist am nächsten Tag mit erledigen. Am nächsten Morgen machten Maik und ich uns nun auf den Weg. Ich war sicher um einiges mehr aufgeregt als Maik, denn er hatte ziemlich viel Stress auf Arbeit und war mit den Gedanken oft an anderer Stelle. Auch war er davon überzeugt, dass da gar nichts Schlimmes sein kann. Nach der Erledigung der Formalitäten und einem kurzen Aufenthalt im Warteraum waren wir endlich dran. Und es waren nur noch Sekunden bis zu unserem Alptraum. Vor der Punktion war noch ein Ultraschall vorgesehen. Der Arzt machte das Gerät an und meinte nach Sekunden: "Hier brauchen wir gar nicht weiter zu machen. Hat denn das ihr Frauenarzt nicht gesehen." Mir schwirrten tausend Gedanken durch den Kopf. Was soll er denn nicht gesehen haben? Ohne Umschweife teilte der Arzt uns mit: "Ihr Kind hat eine schwere Missbildung ". Ich kann heute nicht mehr genau beschreiben, was es für ein Gefühl war, aber es war das Schlimmste, was ich in meinem Leben bisher fühlte. Uns wurde knapp erklärt, dass unser Kind kein Großhirn hat und dass diese Missbildung unvereinbar mit dem Leben sei. Maik wurde schlecht und er wurde in ein Nebenzimmer gebracht. So lag ich nun alleine mit meinem Schmerz und musste die weitere Untersuchung über mich ergehen lassen. Zahlreiche Ultraschallfotos wurden gemacht und auch noch eine zweite Ärztin zur Bestätigung heran geholt. Nebenbei erfuhr ich dann auch, dass unser Baby ein Mädchen war. Aber ich schaute nicht mehr auf den Monitor. Ich lag nur hilflos da und wartetet, bis die Prozedur vorbei war. Dann wurde ich erst mal entlassen, denn das nächste Elternpaar stand bereits vor der Tür. Ziemlich hilflos standen Maik und ich im Wartebereich und hielten uns die Hand, keiner sagte ein Wort. Eine Schwester brachte uns dann endlich in ein Zimmer. Bald darauf erschien auch wieder der Arzt. Er erklärte uns, wie der weitere Ablauf sei. Das hieß Einweisung in die Klinik und Schwangerschaftsabbruch. Als er hörte, in welches Krankenhaus wir " wollten ", bot er sich an einen bekannten Arzt anzurufen, damit er sich um uns kümmert. Zu diesem Zeitpunkt war mir alles egal, aber dieser Arzt im Krankenhaus hat uns sehr geholfen über die schlimmen Stunden und Tage, die folgen sollten, hinwegzukommen. Mit den Worten, dass man uns viel Kraft wünscht, verabschiedete sich die Schwester, die uns auch empfangen hatte. Der Nachhauseweg verlief wie in Hypnose. Keiner sprach ein Wort, dir Tränen liefen über unsere Gesichter, und ich weiß nicht, wie Maik es überhaupt geschafft hat. Endlich waren wir zu Hause angekommen, endlich konnten wir unseren Gefühlen freien Lauf lassen. Wir haben uns nur umarmt und geweint. Es war ein Weinen, was sehr weh tat. Und eigentlich hätte ich schreien können. Maik verfrachtete mich erst mal auf das Sofa und übernahm alle " organisatorischen " Dinge. Alle Sachen, die etwas mit Baby zu tun hatten, wurden weggebracht. Er holte unseren Kleinen (Philipp) von der Schule ab und hat ihm bereits im Auto erzählt, was passiert war. Der Kleine kam weinend in meine Arme gelaufen. Er war so schockiert, mir hat es fast das Herz gebrochen. Unser Großer sollte alles erst viel später erfahren, denn er war noch in der Schule. So langsam fing ich dann auch an wieder zu funktionieren, ja funktionieren ist das richtige Wort, denn es lief alles wie im Traum ab. Ich rief in der Klinik an und ich konnte auch sofort kommen und packte also meine Sachen. Bevor wir los fuhren, haben wir uns noch von unserem Mäuschen verabschiedet. Wir haben alle die Hände auf meinen Bauch gelegt und geweint. Im Krankenhaus meldete ich mich ordnungsgemäß an. Als die Dame dort erfuhr, dass es sich um einen Schwangerschaftsabbruch handelte, fragte sie schulmeisterisch nach meinem Beratungsschein. Hatte sie denn nicht gesehen, dass mein Bauch schon dick war und ich mit verheulten Gesicht immer wieder die Tränen zurückgehalten habe. Unfreundlich erklärte ich ihr kurz den Sachverhalt. Sie schickte uns dann auf die Entbindungsstation. Dort mussten wir noch etwas warten, bis wir endlich zum Kreißsaal gerufen wurden. Ein junger Arzt kam uns entgegen. Eben dieser Arzt, der mir so geholfen hat. Er erklärte uns ausfühlich, um was für eine Missbildung es sich bei unserer Kleinen handle. Er sprach auch immer von unserem Kindchen. Er erklärte uns die Formalitäten und wie der Abbruch abläuft. Langsam wurde ich etwas ruhiger. Nachdem ich nun auch wusste, dass Maik bei mir bleiben durfte, sammelte ich langsam Kräfte, um alles zu überstehen. Ich wurde nochmals untersucht und ein Ultraschall wurde auch wieder gemacht. Ein kleiner Funken Hoffnung, vielleicht doch ein Irrtum?! Aber nein, es blieb die schreckliche Wahrheit: Unsere Maus, die eigentlich lebendig in meinem Bauch zappelte, durfte und konnte nicht leben. Eine Hebamme machte mich dann für den Eingriff fertig. Wir wurden in das Vorwehen - Zimmer gebracht. Alle waren wirklich sehr freundlich. Nachdem das weheneinleitende Gel eingeführt wurde, begann die Warterei. Mir wurde versichert, dass ich großzügig Schmerzmittel erhalten könne. Ich nahm mir aber vor, es so lange wie möglich ohne auszuhalten. Nicht lange darauf begann das erste Ziehen im Unterleib. Das Gel sollte noch mehrmals gelegt werden und Spritzen gegen die Schmerzen bekam ich so aller 4 Stunden. Begleitet wurde das Ganze von Durchfall und Übelkeit mit Erbrechen. Ab und zu sah die Hebamme oder ein Arzt nach mir. Der Narkosearzt war auch da wegen der anschließenden Ausschabung. Eine Hebamme fragte mich mal, ob des mein erstes Kind sei. Als ich antwortete, dass ich bereits zwei gesunde Jungen habe, meinte sie erleichtert, dass ich dann doch zufrieden sein kann. Das war wie eine Ohrfeige. In normalen Situationen bin ich keiner Antwort verlegen, aber hier nahm ich es einfach so hin., doch ich werden die Worte nie vergessen. Während der Zeit, in der Maik und ich nun auf die " Geburt " unserer Tochter warteten, dachten wir darüber nach, ob wir sie uns auch anschauen würden. Immerhin wussten wir nicht, was uns erwartete. Der junge Arzt riet uns dazu und bot auch an, Fotos von ihr zu machen. Wir könnten sie dann jederzeit von ihm bekommen. Die Hebamme allerdings riet uns ab, da ja " ...die Missbildung wirklich nicht so schön sei ". Wir haben uns dann entschlossen, dass wir sie uns ansehen, sie war doch ein Teil von uns und wir hatten uns so auf sie gefreut. Wir gaben ihr den Namen Laura. Nachdem die Fruchtblase geplatzt war, kam in einem Moment in dem Maik und ich ganz alleine waren unsere Laura auf die Welt, um uns im selben wieder zu verlassen. Es war der 12. April 7 Uhr morgens. Ich konnte nicht viel sehen. Sie lag zwischen meinen Beinen und Maik rannte nach der Hebamme. Sie kam und bestätigte uns, dass es nun geschafft sei. Kurz zeigte sie Maik das leblose winzige Geschöpf, ich sah nur zierliche Beine und Füßchen, die bereits Zehnägel hatten, dann wurde sie schnell weggebracht. Ein paar kleine Qualen sollten noch auf mich warten, denn die Plazenta löste sich nicht. Nachdem ein paar Mal an der Nabelschnur gezogen wurde, kam sie endlich, aber nicht vollständig. Ich lag eine Weile in meinem Blut, ohne dass von irgendeiner Seite etwas passierte. Ich blutete stark, aber ein Arzt und Hebamme waren nicht in Sicht. Plötzlich wurde mir sehr schlecht, und ich hatte das Gefühl, dass alles um mich herum verschwimmt. Ich stammelte es zu Maik und er rannte los. Es dauerte etwas, bis jemand kam. Die Hebamme, die jetzt Dienst hatte, wirkte hilflos. Als sie meinen Blutdruck sah, wurde sie etwas hektisch und lief nach einem Arzt. Eine Ärztin kam dann auch und entsprechende Maßnahmen wurden eingeleitet. Ich weiß nicht mehr, was eigentlich, ich hatte keine Kraft mehr, sah nur in das besorgte Gesicht von Maik. Ich sollte nun sofort in den OP zur Ausschabung. Maik fuhr nach Hause, um nach den Kindern zu sehen. Die waren doch die ganze Zeit sich alleine überlassen. Wir hatten zwar die ganze Zeit Kontakt übers Telefon, aber ich machte mir große Sorgen, wie es ihnen wohl ging. Maik wollte gleich wieder da sein, wenn ich aus der Narkose erwachte. Es ging auch alles sehr schnell für mich. Kaum dass ich eingeschlafen war, erwachte ich schon wieder und wurde auf mein Zimmer auf der Frauenstation gebracht. Kaum war ich in meinem Zimmer, ging auch schon die Tür auf, und Maik kam mit Blumen herein. Ich fragte mich nur, wie er das wohl wieder hin bekommen hat und war erleichtert, ihn zu sehen. Allerdings fielen mir bei unserem Gespräch immer wieder die Augen zu. Maik blieb noch ein Weilchen und fuhr mit dem Versprechen bald wieder zu kommen nach Hause. Ich bekam nun verschiedene Spritzen und Tabletten für dies und jenes und hing auch noch am Tropf. Da ich viel Blut verloren hatte, sollte auch noch eine Bluttransfusion gemacht werden, für die ich mein Einverständnis geben musste. Glücklicherweise verbesserten sich meine Werte so, dass ich diese dann nicht mehr benötigte. Der junge Arzt, der uns auch im Krankenhaus empfangen hatte, war nun auch wieder im Dienst. Er kümmerte sich rührend um mich und sprach ganz lange mit mir, auch über meine Gefühle. Körperlich ging es mir eigentlich ganz gut, keine Schmerzen, keine Beschwerden und aufgrund der Betriebsamkeit in meinem Zimmer und wohl auch der nachwirkenden Narkose war ich ziemlich ruhig. Die genaue Abfolge der kommenden Tage kann ich gar nicht mehr genau realisieren. Ich hatte viel Besuch, Familie, Freunde und natürlich mein Maik und Philipp. Maik kam so oft er konnte, vormittag und abends, damit mir die schlaflosen Nächte nicht zu lang wurden. Manchmal legten wir uns nur zusammen hin und kuschelten miteinander, ohne etwas zu sagen. Er brachte mir Obst und leckere Sachen und wir aßen gemeinsam. Ich glaube, dass uns dieses Erlebnis, dieser Verlust noch enger zusammen geschweißt hat. Mein Zimmer habe ich nie verlassen, denn auf dieser Station lagen auch die Wöchnerinnen mit ihren Babys. In den Nächten habe ich immer geweint und gegrübelt. Ich wollte nach Hause. Und endlich kam grünes Licht. Nach der Abschlussuntersuchung, die ein sehr reservierter Arzt vornahm, konnte ich noch am Sonnabend vor Ostern nach Hause. Zu Hause sollte alles besser werden, dachte ich. Zwar war ich nicht mehr alleine und die heimische Umgebung tat mir gut, aber so einfach war es nicht. Ich konnte keinem normalen Gespräch mehr folgen. Meine Gedanken kreisten nur um Laura. Schlafen war oft das Einzige, was ich wollte. Ich wünschte mir meinen Bauch zurück, konnte einfach nicht begreifen, was hier passiert ist. Zum ersten Mal schaute ich mir auch die Fotos von Laura an. Ich streichelte mit dem Finger über ihren kleinen Körper, suchte nach Ähnlichkeiten mit uns. Ich hätte zu gern gewusst, wie sie ausgesehen hätte. Am Dienstag nach Ostern suchte wir gleich die Frauenärztin auf, die mir der junge Arzt im Krankenhaus empfohlen hatte. Dieses erste Gespräch mit ihr war eine Wohltat für mein geschundenes Herz. Sie brachte meine Gefühle auf den Punkt und gestand mir zu, einfach zu weinen. Wir erzählten ihr unsere Geschichte und sie war eine geduldige Zuhörerin. Gleich anschließend vereinbarte sie mit mir noch einen Gesprächstermin nach ihren Sprechzeiten. Ich bin ihr heute noch sehr dankbar dafür. Da für uns kein Zweifel bestand, dass wir es nochmal versuchen werden, ein Baby zu bekommen und auch nicht viel Zeit zu verlieren hatten, beriet sie uns auch über das weitere Vorgehen. Alle entsprechenden Termine wurden gleich vereinbart. Wir brauchten das, um irgendwie in die Zukunft blicken zu können. In den Wochen und Monaten danach änderte sich das allerdings oft. Ängste und Zweifel lösten sich mit Hoffnung und Zuversicht ab. Diese schwere Zeit habe ich überstehen können, weil Maik immer für mich da war. Meine Kinder waren eine große Stütze, besonders Philipp. Er nahm soviel Rücksicht und war doch selber so traurig. Ich musste für ihn da sein. Paul konnte nicht so gut mit mir umgehen. Für ihn waren die Gespräche eher unangenehm, obwohl ich wusste, dass auch er schockiert war. Mit seiner Freundin hatte er sich darüber unterhalten. Meine liebe Freundin Kerstin trug einen Erheblichen Teil zu meiner seelischen Heilung bei. Nicht nur, dass sie immer ein offenes Ohr hatte, auch an ihrem kleiner Sohn hatte und habe ich immer wieder Freude. Über das Internet habe ich zu Monika gefunden und über sie auch zu Renate. Zwischen uns hat sich eine gute Beziehung entwickelt. Beide haben mir sehr geholfen, dass Geschehene zu verstehen und irgendwie auch hinzunehmen. Mit ihrer Erfahrung haben sie mir oft Wege gezeigt, für die ich alleine wohl ewig gebraucht hätte. Ich habe hier sicher nicht alle genannt, die Verständnis für mich aufbrachten, aber besonders diesen Menschen möchte ich von ganzem Herzen danken. Ohne sie wäre ich jetzt nicht dort wo ich bin. Leider kamen andere Mitglieder unserer Familie nicht ganz so gut klar. Das Thema wurde eher tot geschwiegen. Immer, wenn ich davon anfing, wurde das Thema gewechselt. Es fielen oft auch Bemerkungen, die zwar sicher nicht böse gemeint waren, mir aber sehr weh taten. Ich war damals oft verletzt. Ich habe zwischenzeitlich gelernt damit umzugehen und den Menschen zu verzeihen. Es ist doch eigentlich nur ihre Schwäche, nicht mit mir umgehen zu können. Ja, wir erwarten in wenigen Tagen nun wieder ein Baby. Wir sind glücklich und auch die Schwangerschaft konnte ich mit Hilfe der Lieben, die ich bereits nannte, recht gut überstehen. Sicher gab es auch Phasen, in denen uns Ängste plagten und wir uns um unser Baby große Sorgen machte. Bald wird unser Baby da sein, und es kommen oft auch Gedanken darüber, ob auch alles gut gehen wird, kenne ich doch nun schon so viele Schicksale. Aber die Freude überwiegt. Unsere Laura haben wir nicht vergessen. Auch aus diesem Grund wollte ich diesen Erlebnisbericht schreiben. Ich musste ihn oft unterbrechen. Manchmal habe ich vor lauter Tränen nichts mehr sehen können, manchmal wollte ich auch gar nicht darüber nachdenken. Auch mit Maik weine ich so manches Mal noch um sie, aber dieses Weinen tut nicht mehr so weh, es sind einfach nur Gedanken und Erinnerungen an unsere Laura, die jetzt wieder ein Geschwisterchen bekommt. Grit Striemann geschrieben im Mai 2002 |
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