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Taxigeschichten
Die Krawatte
Irgendwo irgendwann klingelt ein Telefon. "Ja bitte!" "Müller? Müller, passen Sie mal auf. Ich habe da eine dringende Sache, die Sie für mich erledigen müssen." "Aber ..." "Nix aber, Müller. Ich brauche Sie, keine Widerrede, verstanden! Also, passen Sie auf, Müller, Sie müssen heute mal für mich ins Theater gehen." "Ins Theater? Ich?" "Ja Sie, Müller. Oder heißt hier noch jemand Müller, hä?" "Aber ..." "Hör'n Sie
auf mit Ihrem dämlichen Aber-aber, Müller, die Sache ist wichtig.
Um halb acht gehen Sie an die Abendkasse des
Friedrich-Nietzsche-Theater und holen die drei Karten, die auf
meinen Namen hinterlegt sind. Haben Sie das mitgekriegt?" "Ja Chef." "Wenn Sie dann die beiden Tanten aufgegabelt haben, dann stellen Sie sich als mein Bruder vor, verstanden!" "Als Ihr Bruder, Chef? Wieso das denn? Nee, das mache ich nicht. Für so was bin ich überhaupt nicht geeignet." "Blödsinn Müller, natürlich sind Sie dafür geeignet. Sie sind genau der richtige Mann, mein Lieber. Also, Sie stellen sich als Armin Knöpnadel vor und erzählen den beiden Damen, dass Sie der Fachmann für Heizungsanlagen sind. Klar?" "Ich verstehe kein Wort, Chef." "Passen Sie auf, Müller, das ist so. Den beiden Weibern gehört der ganze Häuserblock Wolfgang-Neuss-Allee Ecke Benno-Ohnesorg-Straße, und die haben die Sanierung der kompletten Heizungsanlage ausgeschrieben." "Aber wir sind doch eine Dachdeckerbude, Chef." "Ja doch! Nun sind wir aber auch eine Heizungsinstallationsfirma, Müller, kapiert! Und weil die beiden alten Weiber so gerne ins Theater gehen, habe ich mir gedacht, dass Sie die beiden mal dahin ausführen, klar!" "Aber warum ausgerechnet ich, Chef?" "Weil Sie von uns allen am intelligentesten aussehen, Müller, deshalb. Und nun keine Widerrede mehr, sie machen das und basta. Sie nehmen die beiden ollen Schachteln an den Arm und sind mal ein bisschen nett zu denen. Und nebenbei erzählen Sie ein bisschen von unserer Kompetenz und Zuverlässigkeit als Installationsfirma. Das kann ja wohl nicht so schwer sein, oder!" "Aber für so was habe ich doch gar keine Kleidung." "Müller! Machen Sie mich nicht wütend. Ich sage Ihnen, wenn Sie das vermasseln, brauchen Sie sich nie wieder bei mir blicken lassen. Sie werden doch wohl einen Anzug und eine Krawatte haben." "Ja, aber ..." "Schluss jetzt, Müller. Ich verlasse mich auf Sie. Morgen früh erwarte ich Vollzugsmeldung, verstanden. Also, lassen Sie sich mal was einfallen, Müller. Sie sind doch nicht auf den Kopf gefallen. Also, bis morgen dann. Und machen Sie die Sache ja ordentlich, verstanden." "Jawoll Chef, verstanden." Armin Müller
legte den Hörer auf und war ratlos. Was war das nun schon wieder.
Seitdem er im Kapitalismus arbeiten ging, war er vor Überraschungen
nicht mehr sicher. Früher im Sozialismus hätte er so mit sich nicht
reden lassen. Da war er Brigadier, aber vor allem, er war wer. Nun
war alles ganz anders und er war ein Nichts. Die Not des Überlebens
zwang ihn, einen Diener zu machen, und jetzt war wieder einmal so
ein Augenblick, wo er am liebsten alles hingeschmissen hätte. Aber
wie sollte er? Er hatte Schulden und der Urlaub im Erzgebirge war
bereits gebucht. Also musste er da durch, was ihm sein Chef
aufgetragen hatte. Nachdem er
sich die Abendgarderobe angezogen und vor dem Spiegel festgestellt
hatte, dass sein Chef Recht hatte (er sah wirklich intelligenter
aus als sein Boss), begann er mit dem Schlips zu hantieren. Doch
alle Versuche, das Ding ordentlich zu binden, schlugen fehl, und
Müller verzweifelte mehr und mehr. Doch da kam er angeflogen, der rettende Gedanke: Wozu gab es in dieser Stadt über 7000 Taxis? Da würde schon ein Fahrer darunter sein, der in der Lage ist, eine Krawatte zu binden. Außerdem beabsichtigte er sowieso, mit dem Taxi zum Theater zu fahren. Er stürzte zum Telefon. Keine zehn
Minuten später bestieg Armin Müller ein Taxi und staunte nicht
schlecht, als ihn eine junge Frau anlächelte und fragte: "Nein, nein,
das erste Mal in meinem Leben. Ich weiß noch nicht einmal, was da
heute für ein Stück gegeben wird", stammelte Armin Müller
aufgeregt.
© by Dietmar Diesel - 2009
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