Weinbau in Sillenbuch ?

Von Dr. Hans-Georg Müller


Weinbau in Sillenbuch? "Ja, wo um Himmels Willen", werden viele fragen, "wo soll denn überhaupt Wein in Sillenbuch gewachsen sein?" Nirgends sind doch hier Weinberge zu sehen.

Wer allerdings aufmerksamen Auges durch den alten Ort geht, kann sehr wohl Spuren einer früheren Weinbaugemeinde entdecken.

Da sind zunächst an einigen noch in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten gebliebenen barocken Häusern die runden Kellertore zu sehen, durch die man die Wein- und Mostfässer transportierte. Und das Türgewölbe des Hauses Tuttlinger Str. 117 ziert ein steinernes Küferzeichen, einer Handwerkerzunft, die in einem Weinbauort zu den wichtigsten zählte.

Wenn Sie nun von der Tuttlinger Straße aus die alte Weinberggasse, die heute gar keinen Namen mehr trägt, hinuntergehen - schräg gegenüber dem alten Rathaus, vorbei an der früheren Schmiede von Oelschlägers -, kommen Sie in die heutigen Obstgärten mit den zahlreichen steilen und engen Staffeln - Weinbergstaffeln eben, und dann sind Sie in dem Gebiet der ehemaligen Sillenbucher Weinberge. Die dortigen Gewann-Namen erinnern noch daran: sie heißen "Obere Große Weinberge" und weiter abwärts Richtung Rohracker "Hintere Weinberge".
Hier wuchs früher der Sillenbucher Wein heran.

Die Geschichte des Weinbaus bei uns reicht weit zurück bis ins hohe Mittelalter. Bereits 1342 wird Weinanbau in Sillenbuch erwähnt, und aus dem Jahre 1350 gibt es einen Eintrag über eine Pflichtabgabe von Wein aus Rohracker an den Grafen von Württemberg.

Was für Weine bauten die Sillenbucher hier an?

Neben den heute noch bekannten und üblichen Sorten wie Trollinger, Portugieser und Silvaner vor allem zwei Rebsorten:

Der E l b l i n g, der heute nur noch selten, vor allem an der Mosel angebaut wird und als Basis für die Sektherstellung dient. Der Elbling ist eine reich tragende Sorte, die einen leichten Weißwein ergibt.

Daneben war die P u t z s c h e e r e die am häufigsten angebaute Rebenart, auch weißer Tokayer genannt. Dieser für einen Weinstock ungewöhnliche Name war die aus Ungarn stammende Rebe namens "Butschera"; aus der eben schwäbisch die "Putzscheere" wurde. Dies war eine Massensorte, die heute so gut wie ausgestorben ist. Aus ihr wurde ein dünner, etwas wässriger Weißwein gewonnen. Die Putzscheere war wegen ihrer Anspruchslosigkeit und wegen des überaus reichen Ertrags bei den Wengertern sehr beliebt.

Doch schon bald nach ihrer Einführung am Ende des 18. Jahrhunderts mehrten sich die kritischen Stimmen, die darauf hinwiesen, daß durch ihren Anbau der gute Ruf eines Weinortes rasch leiden könne. Bereits 1832 stellt eine Beschreibung der Cannstatter Umgebung fest, die Rohracker Weingärtner hätten durch den ausgedehnten Anbau von Putzscheeren ihr Gewächs verdorben.

"Masse statt Klasse" also!
Das schien seinerzeit auch notwendig zu sein.
Werfen wir einen Blick zurück auf die Vergangenheit, in der bei uns der Weinbau blühte.

Wein ist und war - im Mittelalter zumal - ein besonderer Saft. Seinerzeit nicht nur Genuss-, sondern auch Nahrungsmittel. Eine Weinsuppe am Morgen war beliebt und gebräuchlich, auch Kindern wurde davon reichlich gegeben.

Wein war also sehr gefragt - und der Weinzehnte eine wichtige, ja vielerorts die wichtigste Steuereinnahme für die Dorfherren, zumal wenn diese geistlicher Natur waren.

"Reinen Wein einschenken" - diese zur Redensart gewordene Forderung hat einen religiösen Ursprung.
Die kirchlichen Lehnsherren benötigten für die Messe "reinen" Wein. Für die Transsubstantiation, die Verwandlung des Weins in das Blut Christi während des Heiligen Abendmahls, durfte kein gepanschter Wein verwendet werden.

Vorsicht war aber auch durchaus geboten.

Denn: damals wie heute war es das Bestreben der Steuerzahler, sich dieser Last so weit wie möglich zu entziehen. Und das war seinerzeit einfacher und schwieriger zugleich als heute.
Einfacher, weil die meisten Bestimmungen sehr ungenau gefasst waren, zahlreiche Ausnahmen zuließen, Sonderregelungen beinhalteten; schwieriger, weil man seine Pappenheimer persönlich kannte.

Ich möchte zwei solcher strittigen Punkte herausgreifen:

Die Weinbauern versuchten als Zehntwein, also solchen, welchen sie der Obrigkeit überlassen mussten, ihre minderwertigen Gewächse los zu werden, während sie die edleren Tropfen im eigenen Keller versteckten. Die Zehntherren reagierten darauf mit der Einführung des sogen. Kelterzwanges, um eine bessere Übersicht über Menge und Qualität zu bekommen. Von nun an durfte der einzelne Weinbauer seine Trauben nicht mehr selber keltern, sondern musste zum Auspressen die örtliche Kelter benutzen. Später führte dieses Bemühen der Zehntherren um einen guten Wein sogar zum Anbauverbot ertragsreicher, aber minderwertiger Sorten.

Ein zweiter Streitpunkt war das Recht auf den sogen. "Trinkwein". Dieses war eingeführt worden als Folge des Kelterzwanges und besagte, daß die Wengerter während des Herbstgeschäftes aus den Zehntfässern trinken durften. Es ist leicht einzusehen, daß diese Regelung Ärger und Streit geradezu herausforderte: der Zehntberechtigte wollte möglichst wenig von seinem Wein einbüßen, die Dorfbewohner möglichst viel davon konsumieren. Und sie luden - illegaler Weise - Freunde, Bekannte, Verwandte von auswärts ein, sich in der Kelter zum Gelage einzufinden. 1565 kam es zu einem Prozess wegen Vorkommnisse in Heumaden - die aber getrost auf die Verhältnisse in Sillenbuch und in Rohracker übertragen werden können - zu einem Prozess vor dem Stuttgarter Oberrat, und dies Gericht stellte fest: "... auch Leute aus fremden Flecken, alte und junge, laufen allein des Trinkens wegen zu, lagern sich an den Zehntfässern und zechen daraus, bis sie toll und voll werden, woraus dann nicht allein eine merkliche Verschwendung der Gabe Gottes erfolge, sondern auch viel Gotteslästerns, Schwörens, Balgens und anderer ärgerlicher Handlungen."

Vergeblich versuchte die Obrigkeit die Zecherei aus den Steuerfässern zu unterbinden. Das Stuttgarter Gericht entschied, dies sei zu einem Gewohnheitsrecht geworden. Wie es scheint, gelang es wenigstens, die ortsfremden Mittrinker von den Keltern fernzuhalten.

Dass die Weingärtner ihr kostbares Gut vor dem Zugriff der Obrigkeit so gut es eben ging, zu schützen versuchten, ist verständlich - steckte darin doch viel Mühsal und Plackerei.

Die Arbeit in den steilen Weinbergen blieb nach Art und Ausmaß über Jahrhunderte hinweg dieselbe - ausschließlich schwerste Handarbeit für die ganze Familie - alt und jung, Männer, Frauen und Kinder. Nicht nur zur Zeit der Weinlese mussten die schweren Butten bis oben gefüllt mit Trauben die engen und steilen Staffeln hinauf auf dem Rücken zur Kelter getragen werden. Die Weinstöcke verlangten auch sonst der ständigen Pflege und vor allem der Düngung. Kunstdünger gab es noch nicht, war dann später oft zu teuer. Also musste der Stallmist mühsam in die Weinberge getragen werden.

Erschwerend kamen die Kleinräumigkeit und die Streulage der Weinberge hinzu. Eine schmale Parzelle neben der anderen, der eigene Besitz meist über das gesamte Anbaugebiet verstreut.
Diese Streulagen, eine Folge des altwürttembergischen Erbrechts, der Realteilung, die den Besitz nicht auf den ältesten Sohn vermachte, sondern ihn auf alle Kinder verteilte, hatte - nebenbei bemerkt - zur Folge, daß man "im Dorf" heiratete, damit die "Gütle" beieinander blieben, möglichst den Besitz sogar abrundeten.

Der Verkauf des so mühsam gewonnenen Weines war ein Kapitel für sich.

Die Gemeinden Sillenbuch und Rohracker selbstredend annoncierten alljährlich im Herbst in den heimischen Blättern den offiziellen Beginn des Weinverkaufs und luden die Weineinkäufer dazu ein. Ein Verzeichnis aus dem Jahre 1848 findet sich in den Akten der Gemeinde Sillenbuch im Stuttgarter Stadtarchiv: da sind Käufer aus Stuttgart und aus der Gegend von Eislingen und Reutlingen vermerkt mit exakten Angaben über die Menge und über die Preise und über die Namen der verkaufenden Weingärtner.

Und hier lag das Problem: jeder der kleinen Weinbauern bei uns musste sehen, wie er seinen Wein los wurde und zu welchem Preis.
Gab es eine reiche Weinernte, so drückte die Menge auf den Preis, war die Qualität nicht so gut, konnte auch nur ein geringer Erlös erzielt werden.
Die Wengerter mussten aber ihren Wein sofort loswerden; denn es fehlte an Lagerkapazität, die Keller waren zu klein, als daß man den Wein lagern und auf bessere Preise warten konnte. Immer also saßen die Einkäufer am längeren Hebel.

Die Rohracker Weingärtner gründeten deshalb 1919 ihre Genossenschaft, um dem Preisdiktat gemeinsam besser entgegen treten zu können; so etwas war in Sillenbuch schon nicht mehr notwendig.

Denn daß wir heute Rohracker Wein probieren und keinen Sillenbucher hat den einfachen Grund: es gibt keinen Sillenbucher Wein mehr. Und das ist kein Zufall!

Am kürzesten erklärt dies die Geschichte vom sogen. "Geständniswein".
Man erzählt: wenn ein Angeklagter vor dem Amtsgericht in Cannstatt, zu dem damals Sillenbuch und Rohracker gehörten, hartnäckig und verstockt die ihm zur Last gelegte Tat nicht eingestehen wollte, griff der Amtsrichter zum letzten Mittel. Er drohte dann, der Angeklagte müsse nun eben einen halben Liter Wein aus Sillenbuch trinken. Und diese Androhung habe - so wird erzählt - ihre Wirkung nie verfehlt.

Natürlich gibt es auch rational erklärbare Gründe für den Niedergang des Weinbaus in Sillenbuch.

Da ist zuallererst die ungünstige Lage der Weinberge zu nennen - unterhalb des Ortes gelegen in östlicher und südöstlicher Richtung. Das war nun wahrlich keine Spitzenlage, die naturgemäß auch keine Spitzenweine lieferte. In den Statistiken aus dem 19. Jahrhundert ist zu lesen: die Sillenbucher Wengerter erhielten für ihre Weine kaum ein Drittel der Preise, die beispielsweise die Cannstatter Weingärtner erzielten. Der Sillenbucher Wein konnte auch nie mit dem aus Rohracker konkurrieren.

Besorgt um das Auskommen der Wengerterfamilien riet deshalb der Sillenbucher Gemeinderat bereits im Jahre 1852 den Weinbauern, ihre geringen Weinberge auszustocken und dort Obstbäume anzupflanzen, deren Erträge leichter in der wachsenden Stadt Stuttgart abzusetzen waren.

Doch scheint dieser Rat nicht auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein: die Größe der Anbaufläche in Sillenbuch war zu Beginn des 19. Jahrhunderts dieselbe wie an dessen Ende - nie besonders groß, nämlich nur rund 30 Morgen, etwa 6 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche des Ortes. Ganz anders dagegen in Rohracker, wo es über 200 Morgen Rebfläche gab, also mehr als das Sechsfache der Sillenbucher Weinberge, etwa die Hälfte der landwirtschaftlichen Fläche des Ortes. Rohracker war ein echtes Weinbauerndorf mit guten Lagen der Weinberge, in Sillenbuch war der Weinbau nie die Haupterwerbsquelle der Einwohner.

Um 1900 war die Kelter in Sillenbuch so baufällig geworden, daß man über einen Neubau nachdenken musste. Nach langen und hitzigen Diskussionen im Gemeinderat und an den Stammtischen der zahlreichen Gaststätten entschloss man sich 1907 die alte Kelter abzureißen und ein neues Gebäude hochzuziehen - dies war aber ein neues Rathaus. Als Ersatz für die Kelter reichte ein bescheidener Anbau allemal, der heute noch als "Moste" genutzt wird.

(Nebenbei bemerkt: auch in Heumaden - das früher immerhin eine mehr als doppelt so große Fläche an Weinbergen in besserer Lage als Sillenbuch hatte - wurde die Kelter im Jahre 1916 abgerissen ohne einen Ersatz dafür zu schaffen.)

Weitere Fakten für den Niedergang des Sillenbucher Weinbaus gefällig?

Dem 1911 gewählten Sillenbucher Gemeinderat mit sieben Mitgliedern gehörten drei Räte an, die als Beruf Weingärtner angaben. Im Jahre 1919 saß nur noch ein Weingärtner in diesem Gremium. Die Jahre des Ersten Weltkrieges scheinen den Niedergang des Weinbaus in Sillenbuch beschleunigt zu haben.

Der offizielle Schlusspunkt wurde dann 1921 gesetzt, als die Gemeinde ihre Weinpresse verkaufte, weil sie - wie es im Protokoll lapidar heißt "überflüssig" geworden war.

Und zum Abschluss:

Rohracker Wein zu trinken hat eine gute Tradition in Sillenbuch. Als 1936 - im Stile der damaligen Zeit - das "Fest der Deutschen Traube und des Deutschen Weines" gefeiert werden sollte, wollte die Stuttgarter NS-Behörde, daß die Gemeinde Sillenbuch eine Patenschaft für den Ober- und den Untertürkheimer Weinbau übernehmen sollte. Dies hätte beinhaltet, daß die hiesigen Wirte die Patenweine - also Ober- und Untertürkheimer Gewächse - ankaufen und ausschenken sollten.

Die Gemeinderäte des seinerzeit noch selbständigen Ortes ließen aber die Stuttgarter wissen, daß "in Sillenbuch reichlich und gern Weine aus der Nachbargemeinde Rohracker getrunken" würden und daß "kein Anlaß" bestünde, "auf eine Änderung dieses Zustandes hinzuarbeiten".

So wollen wir es heute auch halten.
Nun denn: wohl bekomm?s !
Der Text ist ein Vortragsmanuskript, gehalten auf dem SPD-Kulturfrühstück am 11. November 2001 im "Atrium" Sillenbuch
Weitere ortshistorische Artikel über Sillenbuch von Dr. Hans-Georg Müller finden Sie in der HGM-Übersichtssite.
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