Die Entwicklung von Sillenbuch bis heute

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Von Dr. Hans-Georg Müller:

"Sillenbuch auf dem Weg ins nächste Jahrtausend" : Wohin dieser Weg führen wird, ist heute bereits in Umrissen zu erkennen. Einige Markierungszeichen sind gesetzt, andere werden dies momentan:

die bebaute Fläche in unserem Ort hat ihre größte Ausdehnung erreicht ? in Sillenbuch war dies schon vor mehr als 20 Jahren der Fall, in Riedenberg dagegen wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten neue Baugebiete erschlossen, so dass die beiden Stadtteile heute praktisch zusammen gewachsen sind.

Gegenwärtig wird mit dem Bau der Stadtbahn nach Nellingen versucht, den Öffentlichen Personennahverkehr in Zukunft attraktiver zu gestalten. Eine politische Grundsatzentscheidung, wem die Priorität einzuräumen ist, dem ÖPVN oder dem Mobilen Individualverkehr, sprich dem Autoverkehr, steht in Stuttgart allerdings noch aus. Gegenwärtig hat man den Eindruck, dass beides zugleich versucht wird, was dem Versuch einer Quadratur des Kreises gleicht, also unmöglich ist.

In planerischer Vorbereitung ist die Frage der Ostumfahrung Riedenbergs, die Bundessstraße 312 vom Neckartal zur Mittleren Filderlinie ? ein Projekt, das nun wirklich, wenn überhaupt, frühestens im nächsten Jahrtausend in Angriff genommen werden kann.

Der Flächennutzungsplan 2005 der Stadt Stuttgart liegt vor, in dem die zukünftigen Entwicklungen in unserem Stadtbezirk skizziert sind ? auch dies eine Markierung für das kommenden Jahrtausend.

All dies ist jedoch nicht das Thema des heutigen Abends. Mein Part ist es, einen Blick auf Vergangenes und auf Gegenwärtiges zu werfen; es geht um Gewachsenes, auf bereits Bestehendes.

Ich möchte dabei Schwerpunkte setzen, sozusagen Halt machen an Wegkreuzungen und Wegmarkierungen ? um im Bild zu bleiben -, an denen Besonderheiten in der Entwicklung Sillenbuchs in den vergangenen 60 bis 70 Jahren sichtbar werden. Dieser Zeitraum ist selbstverständlich nicht willkürlich gewählt: Sillenbuch blieb ? trotz einiger Veränderungen, von denen noch die Rede sein wird ? bis in die 30er Jahre dieses Jahrhunderts im wesentlichen das Kleinbauerndorf, das es seit Jahrhunderten war.

Zur Baugeschichte

Das alte Sillenbuch liegt unten am Osthang über dem Bußbachtal. Der historische Ortskern beginnt an der Einmündung der Madenstraße in die Tuttlinger Straße und endet in der Buowaldstraße hinter dem alten Schulhaus. Alles, was oberhalb des bezeichneten Bereiches liegt, war außerhalb "Etters", also nicht mehr im bebauten Gebiet.

Dies änderte sich in den 30er Jahren. Bis zu diesem Zeitpunkt lagen die wenigen Häuser an der alten Heerstraße, der heutigen Kirchheimer Straße, weit ab vom alten Dorf ? um 1900 galt die Gaststätte "Wilhelmshöhe" in der Kirchheimer Straße sogar für die Sillenbucher als Ausflugslokal. Die Ebene rechts und links der Kirchheimer Straße diente den Sillenbuchern als Ackerland, war zum Teil noch mit Wald bestanden.

Erst mit der Eröffnung der Straßenbahnlinie 10 im April 1930 wandelte sich das Bild grundlegend. Die Verbindung durch ein öffentliches Verkehrsmittel zur Innenstadt hinunter war der entscheidende Anstoß zur Veränderung des Ortes. Sillenbuch wuchs: 1925 hatte der Ort 961 Einwohner, 1933 bereits 1.691 und 1939 3.731.

1932 schrieb der damalige Sillenbucher Bürgermeister im "Filder-Boten", dass der Ort aus seinem "jahrhundertelangen Dornröschenschlaf" erwacht sei. Jetzt setzte hier ein regelrechter Bauboom ein. Die neu ausgewiesenen Baugebiete zwischen dem alten Dorf und der Kirchheimer Straße wurden von kapitalkräftigen Neubürgern umgehend in Besitz genommen und zumeist mit Ein- oder Zweifamilienhäusern großzügig bebaut ? für viele Sillenbucher entpuppten sich ihre Wiesen und Äcker als wahre Goldgruben. Fast immer nutzten die Häuslesbauer die vom Bebauungsplan mögliche Überbauung der Grundstücke bei weitem nicht aus; man wollte ein Heim mit einem Garten drumrum ? ein Faktum, das sich heute durch Abriss der alten Häuser und durch deren Ersetzung durch größere Häuser auswirkt.

Dies führt zu dem Phänomen der sogen. "Nachverdichtung". Dazu sei hier ein Exkurs erlaubt. Unter diesem Begriff versteht man zweierlei: 1. die geplante dichtere Bebauung ganzer Viertel, wo bisherige Freiflächen dem Wohnungsbau weichen, um benötigten Wohnraum zu schaffen. So geschieht es gegenwärtig in Heumaden im Gebiet Bockel-, Bildäcker-, Korianderstraße, wo auf dem städtischen Areal (1957 großzügig bebaut) sieben Häuserkomplexe mit etwa 100 Wohnungen neu entstehen. 2. versteht man darunter die Bautätigkeit von privater Hand, wo nach Abbruch einzelner Ein- und Zweifamilienhäuser die Grundstücke wesentlich massiver mit einem mehrere Wohnungen umfassenden Neubau genutzt werden. Dies kann man in Sillenbuch seit Jahren in vielen Straßen beobachten.

Durch Nachverdichtungen wird ein charakteristisches Ortsbild immer mehr verändert. Um den spezifischen Charakter der alten Ortskerne bei uns zu erhalten, wurden Alt-Sillenbuch, Alt-Riedenberg und Alt-Heumaden, sowie die Landstadtsiedlung in Sillenbuch zu städtebaulichen Gesamtanlagen erklärt. Hier sind Veränderungen wie Umbau, anbau, Abbruch und Neubau zwar möglich, aber nur in dem von der vorhandenen Bebauung vorgegebenen Rahmen. Gerade im sogen. Neu-Sillenbuch, für das es naturgemäß keine solche Erhaltungssatzung gibt, verändern solche Nachverdichtungen das ursprüngliche Gesicht der Wohngebiete. Die Gestaltungsvielfalt der Häuser, die Vorgärten und Einfriedungen, alte Baumbestände gehen immer mehr verloren, abgesehen von anderen Folgen wie zusätzlicher Verkehr, zugeparkte enge Straßen, notwendige Erweiterungen der Kanalisation mit entsprechenden Baustellen u.a.m.

Dieser inzwischen fast alltägliche Vorgang der Nachverdichtung wird nicht nur in Stuttgart gegensätzlich diskutiert, er wird uns mit Bestimmtheit auch im kommenden Jahrhundert begleiten. Dem Wunsch, ein gewachsenes Milieu zu erhalten stehen Forderungen nach Wohnraum gegenüber. Die neuen Wohnungen, die so entstehen, sind besser als die alten, aber auch teurer. Dies hat Auswirkungen auf die Bevölkerungsstruktur eines Wohngebiets.

Zurück zu den 30er Jahren. Sillenbuch hatte sich ? so stellte der Bürgermeister damals fest ? innerhalb weniger Jahre "vom nach wenig bekannten Dorf zur allseits anerkannten und von Tag zu Tag mehr geschätzten Gartenvorstadt Stuttgarts mit prachtvollem Baugelände entfaltet". Auf dem Höhengebiet sei "ein neuer Ortsteil ? Neu-Sillenbuch ? entstanden, mit reizenden, zwischen Vorgärten eingebetteten Landhäusern". Fast zur gleichen Zeit jedoch nannte Paul Bonatz, einer der bekanntesten Stuttgarter Architekten, diese "Gartenvorstadt" eine "architektonische Schreckenskammer".

Was man ihn wohl zu diesem Urteil veranlasst haben?

Tatsache ist: in Neu-Sillenbuch wurden Häuser gebaut, aber eine geordnetes Stadtbild, ein Ortsmittelpunkt entstand nicht. Das wenig intakte Rückgrat, die Kirchheimer Straße, wurde zwangsläufig zum ungeeigneten Zentrum, an dem sich immer mehr Infrastruktureinrichtungen ansiedelten. Ein Faktum, mit dessen Verbesserung Stadtplaner und Kommunalpolitiker sich vergeblich beschäftigen und das Bewohnern und Geschäftsleuten täglich Ärger bereitet.

Der Umzug der Sillenbucher Gemeindeverwaltung im Jahre 1952 vom alten Rathaus in der Tuttlinger Straße hinauf in die Kirchheimer Straße kann stellvertretend für die Änderung des Ortes vom klein- und nebenerbwerbsbäuerlichen Dorf zum großstädtischen Vorort gesehen werden. Die Kirchheimer Straße wurde nun auch behördlicherseits zum Mittelpunkt des Stadtteils ? der alte Ort geriet immer mehr ins Abseits.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es mit der Erweiterung der Baugebiete in Sillenbuch und in Riedenberg kräftig voran. In den vergangenen 50 Jahren stieg die Bevölkerungszahl im gesamten Stadtbezirk ? also in Sillenbuch, Riedenberg und Heumaden ? um mehr als das Vierfache, und zwar von 5.432 Einwohner auf 22.9000 im Januar dieses Jahres. Heute wohnen allein in Riedenberg mehr Menschen als 1945 in den drei Stadtteilen zusammen.

In den 60er und 70er Jahren gab es noch weiter reichende Vorstellungen über die Entwicklung des Bezirks. Unsere Orte sollten für 30.000 Menschen ausgelegt werden mit all den Folgen, die man damals für notwendig erachtete: mit dem Zubau der letzten Luftschneisen ins Neckartal (z.B. mit einer Bebauung der Heumadener Schwende), mit einem großzügigen Verwaltungszentrum ? etwa zwischen dem heutigen Sillenbucher Markt und dem Gymnasium ? mit deftigen Hochhäusern, mit einem Krankenhausbau an der Gorch-Fock-Straße, mit "freier Fahrt für freie Bürger" auf einer autobahnähnlichen Bundesstraße durch das Auener Bachtal in Riedenberg und auf einem Autotunnel durch den Eichenhain.

Veränderungen in der Sozialstruktur

Sillenbuch hat in den vergangenen 100 Jahren drei Veränderungen in seiner Sozialstruktur erlebt. Um die Jahrhundertwende vollzog sich der erste soziologische Wandel im damaligen Dorf.

Der Ort war ein verhältnismäßig armes ländliches Dorf mit überwiegend Kleinbauernwirtschaften, ziemlich weit entfernt von allen Verkehrsströmen, wohl seit 1819 eine selbständige Gemeinde, aber ohne eigene Pfarrei, auch weit weg von der behördlichen Obrigkeit ? die Gemeinde gehörte bis 1923 zum Oberamt Cannstatt, nicht zu Stuttgart (wie Heumaden und Riedenberg als Teilgemeinde von Birkach). Die Menschen in diesem bäuerlichen Sillenbuch lebten in bescheidenen Verhältnissen, besaßen kaum Bargeld, waren aber weitgehend autark in ihrer Lebensführung.

Um 1900 entstanden durch die aufkommende Industrie im Neckartal und in Stuttgart neue Arbeitsplätze, die andere Verdienstmöglichkeiten boten. Dies hatte zur Folge, dass nicht wenige junge Sillenbucherinnen und Sillenbucher sich auf den Weg zur Arbeit dorthin machten, aber auch, dass neue Menschen in den Ort zogen, Fabrikarbeiterfamilien, die hier in Sillenbuch, mehr noch in Riedenberg, billigeren Wohnraum bekamen als in der Hauptstadt. So entstand auch bei uns neben der bäuerlichen Lebensweise eine neue Alltagskultur.

Die Arbeiter hatten ihren Lohn ? so lange sie in Arbeit standen ? aber keinen Besitz, sie wohnten meist zur Miete, waren also keine Selbstversorger. So wurden Einkaufsmöglichkeiten notwendig, Ladengeschäfte entstanden, der Konsumverein richtete in Sillenbuch eine Filiale ein. An Sonn- und Feiertagen, wenn die Arbeiter nicht in die Fabrik mussten bildete sich eine Art Freizeitkultur heraus. Neben den bäuerlichen und bürgerlichen Vereinen (landwirtschaftlicher Verein, Obst- und Gartenbauverein, Liederkranz) entstanden nun neue Vereine mit Verbindung zur Arbeiterbewegung: Sportverein 1892, Arbeiterverein 1891, Gesangverein Freiheit 1906, Radfahrverein 1903.

Diese Veränderung war nicht so einschneidend, wie es uns heute erscheinen mag, gingen doch auch viele alteingesessene Sillenbucher zur Arbeit in die Fabrik, hatten also gleiche Interessen und Sorgen wie die Neuen. Ganz ohne Reibungsflächen ging es naturgemäß nicht ab: so beklagte der Birkacher Pfarrer, dass die Riedenberger Arbeitertöchter "in Samt und Seide" gekleidet daherkämen und Neid und Missgunst in den Ort brächten.

Der zweite soziale Wandel in Sillenbuch brachte in den 30er Jahren dagegen tiefgreifende Änderungen in der Bevölkerungsstruktur mit sich. Nun zogen Selbständige, Beamte, Pensionäre nach hierher und bauten sich in "Neu-Sillenbuch" ihre Häuser. Damit ließen sich Menschen aus der bürgerlichen Schicht nieder, die sich von den Alteingesessenen nach Herkunft, Beruf, Bildung und Lebensart wesentlich unterschieden. Ein alter Sillenbucher charakterisierte die Neuzugezogenen folgendermaßen: "Mit den Neuen sind lauter Intelligenzbolzen nach Sillenbuch gekommen." Die neuen Bewohner orientierten sich weitgehend nicht am gesellschaftlichen Leben im Ort, sondern am Geschehen in der Großstadt, woher sie kamen und wohin sie in ihrer Freizeit gingen. Eine Ausnahme bildete das Leben in der erst 1931 gegründeten Kirchengemeinde, an dem sie sich rasch aktiv beteiligten.

Mitte der 30er Jahre bereits waren Bauern und Arbeiter in Sillenbuch in der Minderheit, die Mehrheit ? etwa Zweidrittel der Einwohner ? stellten Beamte, Angestellte, Freiberufler. Dies änderte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wesentlich. Neu war: mit den nach Sillenbuch kommenden Heimatvertriebenen und Flüchtlingen stieg die Zahl der katholischen Einwohner des Ortes. 1953 wurde die katholische Kirchengemeinde St. Michael eingerichtet und das Kirchengebäude in der Kleinhohenheimer Straße gebaut, übrigens der erste katholische Kirchenneubau in der Nachkriegszeit in Stuttgart.

Die Pfarrberichte der evangelischen Kirchengemeinde betonen das "Neben- und nicht Miteinander" der Alt- und Neusillenbucher in den 30er und 40er Jahren. "Seit Ende der 30er Jahre und besonders seit 1945 ist die Schicht der Intellektuellen stark gestiegen; diese ziehen sich hinter ihre verschlossenen Gartentore und Haustüren zurück" ? und weiter heißt es lapidar: "Wer ausgeht, geht nach Stuttgart. Wer nicht nach Stuttgart geht, bleibt in seinen vier Wänden."

Der dritte soziale Wandel vollzieht sich seit einem knappen Jahrzehnt ? verwaltungstechnisch gesehen in Riedenberg, nicht direkt in Sillenbuch. In dem Neubaugebiet Schempp- / Kirchheimer Straße, auf den früheren Wiesenäckern, entstanden neben zahlreichen privaten Eigentumswohnungen 443 Sozialwohnungen, ein verhältnismäßig hoher Anteil des sozialen Wohnungsbaus gemessen an der gesamten Bausubstanz. Dort waren nämlich in ausreichender Zahl Bauplätze in städtischem Besitz, und der Bedarf nach derartigen Wohnungen in der Stadt Stuttgart war enorm hoch. Die Notfalldatei des städtischen Wohnungsamts quoll geradezu über.

Erst mit dem Bezug dieser Wohnungen durch Menschen aus sozialen Schichten, die vorher in Sillenbuch und in Riedenberg kaum vertreten waren, erhielt die Charakterisierung der einheimischen Bevölkerung durch den früheren Sillenbucher Bürgermeister Steinbach aus dem Jahre 1935 in etwa ihre Berechtigung: "Die soziale Zusammensetzung Sillenbuchs stellt ein Spiegelbild der Großstadt dar." Eine Charakterisierung, die für den Stadtteil Heumaden bereits seit den 50er Jahren zutrifft.

Akzeptanz und Integration der neuen Bewohner in unserem Wohnort wird eine Aufgabe für uns alle sein ? auch eine Station auf dem "Weg ins nächste Jahrtausend".


Der Text ist ein Vortragsmanuskript, gehalten am 29. April 1998 gehalten am 29. April 1998 im Forum Martin Luther Kirche, Sillenbuch im Rahmen der Vortragsreihe "Sillenbuch auf dem Weg ins nächste Jahrtausend".
Weitere ortshistorische Artikel über Sillenbuch von Dr. Hans-Georg Müller finden Sie in der HGM-Übersichtssite.
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