Friedrich Schillers "Wilhelm Tell" und die Schweizer
"Laßt uns den Eid des neuen Bundes schwören.
Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen"
Diese Verse aus der zweiten Szene des zweiten Aufzugs aus Schillers "Wilhelm Tell" sind jedem Schweizer so vertraut, daß – wie die Journalistin Barbara Schnyder-Seidel in der "Neuen Zürcher Zeitung" feststellte – "nicht selten einer glaubt, diese Zeilen seien der Anfang vom ersten Bundesbrief", der Urkunde nämlich über die Gründung der Eidgenossenschaft am 1. August 1291, die heute im Bundesbriefarchiv in Schwyz aufbewahrt und im dortigen Museum zu besichtigen ist.
Schiller ist zu einer Art Nationaldichter der Schweiz geworden. Und die Begriffe "Freiheit" und "Nation" in der eidgenössischen Tradition werden oft mit Schillers Werk erklärt und gerechtfertigt.
Wie ist diese Verquickung des klassischen deutschen Dichters, der die Schweiz mit eigenen Augen nie gesehen hat, mit dem Nationalbewußtsein der Schweizer zu verstehen?
Allein aus der Popularität von Schillers Drama "Wilhelm Tell", die schon aus den zahlreichen "Geflügelten Worten" zu ersehen ist: von der "Axt im Hause", die den Zimmermann erspare, über den "Frömmsten", der nicht im Frieden leben könne, "wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt, bis zum "neuen Leben", das "aus den Ruinen" blühe. Allein aus der Popularität von Schillers Drama läßt sich die Frage nicht klären.
Dies hat natürlich in erster Linie mit der Geschichte um Wilhelm Tell zu tun und mit der Überlieferung des Schwurs auf der Rütli-Wiese – beides verschmolz in der Schweizer Tradition zu einem Geschehen mit demselben Ziel: die Entstehung der eidgenössischen Nation.
Ein Blick in die Geschichte der Eidgenossenschaft mag uns dabei weiterhelfen.
Die Entstehung der Schweizer Eidgenossenschaft am Ende des 13. Jahrhunderts gehört zu einer gesamteuropäischen Bewegung gegen den fürstlichen Territorialstaat, zu der sogen. Kommunalen Bewegung. Dieser Gegenstoß gegen die fürstliche Machtpolitik vertrat den Grundsatz einer Art genossenschaftlichen Regierung, die Idee eines durch die Gesamtheit getragenen Staates mit dem Ziel, die Gemeinde zum Staat zu machen. Die – ursprünglich städtische – Bewegung ging von spanischen Kommunen aus und reichte vom Mittelmeer bis zur Nordsee hinauf. Sie erlebte ihre wirkungsvollste Ausprägung in Italien und in den Niederlanden. Die Schweizer Eidgenossenschaft überstand als einzige davon das rein Zeitgebundene und wurde zu einem lebensfähigen Staat.
Das lag neben den besonderen historischen Gegebenheiten – von denen im einzelnen gleich zu reden sein wird – in erster Linie im Zusammenwirken von Bauerngemeinden und Landadel und bald auch von Städten.
Daß das Geburtsland der Eidgenossenschaft am Vierwaldstätter See lag, ist kein Zufall. Im Innern durch die Gewässer verbunden, sonst für sich in ihren Bergen abgeschlossen, waren die Waldstätte gleichzeitig nahe beieinander und dennoch alleine. Die Alpwirtschaft einigte das Tal, da das Weidland Allmendgut war. Die Markgenossenschaft band im gemeinsamen Nutzen über alle anderen Besitzzugehörigkeiten hinaus. Vor der Eröffnung des Gotthardpasses lebte die Innerschweiz abseits der Verkehrswege. Das Gedenken an die alten Zeiten war hier in der Bevölkerung stets lebendig. Wahrscheinlich war die Urschweiz anfänglich Königsgut und die Erinnerung daran ging trotz der späteren Änderung der Besitzverhältnisse und der Belehnung zahlreicher kirchlicher Einrichtungen nie ganz verloren. Die Bergtäler genossen eine eigenartige Stellung: sie scheinen reichsunmittelbar, d.h. außerhalb der Gauverwaltung geblieben zu sein. Mit dem Aussterben der Lenzburger und der Zähringer kam die drei Gebiete unter verschiedenen Rechtstiteln unter habsburgische Verwaltung. Die neuen Herren schickten zur Wahrung ihrer Rechte Beamte, sogen. Vögte und Untervögte in die Länder. Die Bewohner fürchteten nicht zu Unrecht, unter die Landeshoheit Habsburgs zu geraten. Darum betonten sie, um ihrer Selbstverwaltung willen, die Reichszugehörigkeit mit Ausdauer und mit allem Nachdruck. Jeder Dynast, der ihnen nicht als Vertreter des Kaisers, sondern als Landesherr gegenübertrat war ihr Gegner.
Die Schicksalswende für die Innerschweiz brachte die Eröfffnung des Gotthardpasses im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts. Sie schuf eine neue wirtschaftliche und politische Situation. Die neue Nord-Süd-Verbindung über die Alpen hob die strategische Bedeutung und die Leistungsfähigkeit der bisher abgelegenen Talschaften, ökonomisch und militärisch. Der Paß stellt Uri nun mitten in ein reges politisches und geistiges Leben hinein, in den unmittelbaren Einfluß auch der Ideen in den italienischen Städten und Städtebünden. Andrerseits bedeutete die Lage an diesem wichtigen Verbindungsweg auch machtpolitische Gefahr, denn der Besitz des Gotthards bedeutete die Aufsicht über eine ausschlaggebende Schlüsselstellung, die vorher abgelegenen Orte am Vierwaldstätter See waren nun für die Reichspolitik wie für die habsburgische Territorienbildung wichtig geworden.
Solche Erwägungen veranlaßten Heinrich VII., Sohn und Stellvertreter Friedrichs II. in Deutschland, 1231 Uri aus dem Besitz der Habsburger Grafen loszukaufen und für reichsfrei zu erklären. Schwyz und Unterwalden fanden sich demgegenüber benachteiligt und strebten nach der gleichen Rechtsstellung. Im Streit zwischen Kaiser und Papst schlugen sie sich auf die kaiserliche Seite und erhielten im Dezember 1240 im Heerlager von Faenza durch Friedrich II. einen besonderen Schutz des Reiches zugesagt. In der Zeit des Interregnums nun, 1254 – 1273, konnten die Täler ihre Selbständigkeit stärken, da sie weitgehend sich selbst überlassen blieben. Mit der Erhebung Rudolf von Habsburgs zum deutschen König und der von ihm betriebenen habsburgischen Hausmachtpolitik drohte den drei Talschaften Gefahr für ihre Unabhängigkeit. Dennoch gestaltete sich das Verhältnis zu Rudolf ohne größere Konflikte und die Schwyzer leisteten ihm – sicher nicht ohne politische Hintergedanken – wertvolle Dienste bei den Kämpfen vor Besancon. Doch der harte Steuerdruck belastete das Verhältnis zur Habsburger Herrschaft. Der fiskalische Eifer der fürstlichen Beamten ließ bei den Waldbewohner den Zustand "vor des Kynges zyten" immer erstrebenswerter erscheinen. Rudolf hatte offenbar vergebens versucht, die Länder energischer an sich zu binden. Sonst hätte er den Schwyzern 1291 nicht ausdrücklich das Zugeständnis machen müssen, daß nur Leute ihres Tales, jedenfalls keine Unfreien über sie richten sollten.
Nach dem Tod Rudolfs 1291 kam es zu einem Rückschlag für die Habsburger Hausmachtpolitik. Vom Bodensee bis nach Salzburg kam es zu Erhebungen gegen die fürstliche Vormachtstellung. Savoyen, die Toggenburger und schließlich auch die Innerschweizer Talschaften schlossen sich an. Die Führung lag in den Händen des Konstanzer Bischofs Rudolf aus dem laufenburgischen Hause. Angesichts eines bevorstehenden Kampfes um die Nachfolge auf dem deutschen Thron wurde das erste urkundlich erhaltene eidgenössische Bündnis, der sogen. "Ewige Bund" geschlossen. Das Ergebnis der Beratungen zwischen den drei Waldstätten war der lateinische Bundesbrief vom August 1291.
Dieser enthält zwei voneinander verschiedene Teile: das Dokument nahm Bezug auf einen älteren, heute nicht mehr vorhandenen Vertrag – wahrscheinlich aus der Zeit des Interregnums – zur Wahrung der inneren Sicherheit gegen Friedensstörer, ohne diese genauer zu benennen. Das Neue lag in der nun formulierten politischen Zielsetzung der Abmachung: die bedingungslose gegenseitige militärische Hilfeleistung, eine Schiedsgerichtsbarkeit bei Streitigkeiten zwischen den Bundesgenossen und die Ablehnung fremder Richter bekamen erst jetzt ihre geschichtliche Bedeutung. Das war eindeutig gegen den Anspruch Habsburgs gerichtet.
Das zeigt aber auch deutlich: die Absicht der ersten Eidgenossen war nicht die Gründung eines gemeinsamen Staates, wohl aber die Bereitschaft für die lokale Unabhängigkeit gegenüber einem gemeinsamen Gegner einzustehen. Widerstand gegen den fürstlichen Machtwillen, nicht aber die Bereitschaft, ineinander aufzugehen; das Föderative war das Vorrangige. Dies ist die Botschaft des eidgenössischen Bundes, garniert durch alt-alemannische Eigenwilligkeit und durch ein hartnäckiges Festhalten am sogen. "alten Recht".
Hier sei interessehalber die naturgemäß einseitige Beurteilung der Schweizer Eidgenossenschaft durch Friedrich Engels angeführt, aus der Sicht der Marxschen Geschichtsbetrachtung. Engels schreibt in seiner Schrift "Der Schweizer Bürgerkrieg":
"Die glorreiche Befreiung aus den Krallen des österreichischen Adlers verträgt schon sehr schlecht, daß man sie bei Lichte besieht. Das Haus Österreich war ein einziges Mal in seiner Karriere progressiv, als es sich mit den Spießbürgern der Städte gegen den Adel alliierte und eine deutsche Monarchie zu gründen suchte. Und wer stemmte sich ihm am entschiedensten entgegen? Die Urschweizer. Der Kampf der Urschweizer gegen Österreich, der glorreiche Eid auf dem Rütli, der heldenhafte Schuß Tells, der ewig denkwürdige Sieg von Morgarten, alles das war der Kampf störrischer Hirten gegen den Andrang der geschichtlichen Entwicklung, der Kampf der hartnäckigen Lokalinteressen gegen die Interessen der ganzen Nation, der Kampf der Roheit gegen die Bildung, der Barbaren gegen die Zivilisation."
Zurück zu den Fakten: Richtete sich der Bund der drei Waldstätte auch gegen den Habsburger Herrschaftsanspruch, gegen die habsburgischen Vögte und Beamten, so ist doch von einem offenen Konflikt zwischen 1291 bis zu Albrechts Tod im Jahre 1308 nichts bekannt. Erst die spätere Überlieferung (zuerst 1471/72 aufgezeichnet im sogen. Weißen Buch von Sarnen als historische Einleitung zu einer Urkundensammlung) erzählt die Befreiungssage vom Rütlischwur, von Tell und von Geßler, als seien im Zusammenhang mit König Albrechts Ermordung in offener Empörung die Zwingburgen gebrochen, die Vögte erschlagen worden. Doch weder 1308 noch 1291 ist dergleichen bezeugt; trotz aller Bemühungen haben sich Tell und Geßler nicht als historische Gestalten erweisen lassen.
Das sieht die historische Wissenschaft in der Schweiz nicht anders.
Ulrich ImHof schreibt in seiner "Geschichte der Schweiz" (1988): "Alle drei Bundessysteme < d.i. der Bund der ländlichen Kommunen in den drei Waldstätten, das Bündnissystem der Reichsstadt Zürich und das transjuranische System der Reichsstadt Bern> strebten die Kontrolle der großen Verkehrswege an und den Erwerb oder die Sicherung des vom Kleinadel beherrschten Umlandes. Gleichzeitig aber machten sich das Herzogtum Habsburg-Österreich und die Grafschaft Savoyen daran, die gleichen Regionen in fürstliche Territorien umzuwandeln. Darum schlossen sich die drei städtischen beziehungsweise ländlichen Systeme um 1350 enger zusammen. ... Es handelte sich sozialgeschichtlich gesehen um Konflikte zwischen Bauern und Bürgern einerseits, dem Adel andrerseits.
Aber < so fährt Im Hof fort> es hatte sich doch eine neue Nation gebildet: Die Nation der Eidgenossen (wie sie sich selber nannten) bzw. der Schweizer (wie man sie im Ausland zu bezeichnen pflegte). Diese Nation verfügte über ein gemeinsames Geschichtsbild, das etwa seit 1450 an fest geworden war. Gründungsmythos war der Bund der drei Waldstätte auf dem Rütli. Der Rütlischwur gilt für alle Schweizer überhaupt, denn man betrachtet den jeweiligen Bund mit den Waldstätten als "Beitritt" zur Eidgenossenschaft, ein Beitritt, der alle fünf Jahre in jedem Kanton feierlich beschworen wurde. Dazu trat die Erzählung von Wilhelm Tell , der den zu Unrecht gebietenden Landvogt Geßler in legitimem Widerstand erschossen hatte, worauf der Bruch der Zwingburgen erfolgte. In der Gestalt des Tell wurden die Ereignisse zwischen Morgarten und Sempach personifiziert."
Diese Verbindung zwischen dem sogen. Rütli-Schwur und der Geschichte um Wilhelm Tell wurde populär vor allem durch die "Schweizer Chronik" des Aegidius Tschudi im 16.
Jahrhundert, die im Druck allerdings erst seit 1734 vorlag, in welcher der Autor beide Geschehnisse in die Zeit Albrechts zwischen 1304 und 1308 verlegt und wie einen Tatsachenbericht darstellt. "Und Geßler ließ am St.-Jakobs-Tag zu Altdorf am Platz bei den Linden, wo viele vorbeigehen mußten, eine Stange aufrichten und einen Hut oben drauflegen und ließ allen, die im Lande wohnhaft waren, gebieten – bei Verlust ihres Gutes und bei Leibesstrafe -, daß jeder, der da vorbeigehe, mit Verneigen und Abziehen der Kopfbedeckung Ehre und Ehrerbietung beweisen solle <...> Am Sonntag nach Othmari, es war der 18. des Wintermonats, ging ein redlicher und frommer Landmann
aus Uri, Wilhelm Tell genannt (der auch heimlich bei der Bundes-Gemeinschaft war), in Altdorf einige Male an dem aufgehängten Hut vorbei und erwies ihm keine Ehrerbietung, wie es der Landvogt Geßler befohlen hatte."
Damit war der Mythos "Tell" geboren und seine entscheidende Rolle bei der Gründung der Eidgenossenschaft festgelegt, der Schwur auf dem Rütli, der Bund der drei Waldstätte, und die Sage vom einzelgängerischen Jäger Tell und seiner privaten Auseinandersetzung mit einem Landvogt verschmolzen zu einer Staatsaktion, wurden zu d e r Nationalgeschichte für die Schweizer, für die der Ort des Geschehens – der Vierwaldstätter See – genau so wichtig ist wie die handelnden Personen : die drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden grenzen an den See – und die wichtigste Veranstaltung am Nationalfeiertag findet am 1. August auf der Rütli-Wiese am Urner See statt.
Aller historischer Erkenntnis nach wurde der "Ewige Bund" aber nicht in nächtlicher Verschwörung auf der Rütli-Wiese, sondern bei hellstem Sonnenschein in einem bürgerlichen Palais in Brunnen geschlossen, und auch nicht durch brüderlich verbundene Bauern, Bürger und Adlige, sondern durch Vertreter des bürgerlichen Patriziats und des einheimischen Landadels. Jede andere Vorstellung würde der mittelalterlichen politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit völlig widersprechen. Und schließlich – das Dokument ist in lateinischer Sprache verfasst.
Zurück zu Schillers "Wilhelm Tell".
Schiller selber schreibt in einem Brief an Iffland: "Dieses Werk soll als ein Volksstück Herz und Sinne interessieren." Und in einem Schreiben an Wilhelm von Humboldt betonte der Autor, daß der Stoff "sich durch seine Volkstümlichkeit so sehr zum Theater empfiehlt." Schiller ging es also auch durchaus um die Wirksamkeit seines Werkes auf das zeitgenössische Theaterpublikum. Das war zur Zeit der Abfassung des Werkes nicht verwunderlich. Schiller um 1800 einer der populärsten und erfolgreichsten Bühnenschriftsteller in Deutschland. Zwischen 1800 und 1804 waren seine Dramen "Die Jungfrau von Orleans" und "Maria Stuart", sowie seine Bühnenbearbeitungen von Goethes "Iphigenie", die Übersetzungen und Bühnenversionen von Shakespeares "Macbeth", von Gozzis "Turandot" und von Racines "Phaedra" volle Theatererfolge.
Schillers Dramen und seine Bühnenversionen riefen allgemein leidenschaftliche Ovationen hervor und gingen von Weimar aus – wo sie in der Mehrzahl uraufgeführt wurden – beinahe sofort um die Welt.
Der "Tell" ist von Anfang an als ein politisches Drama angesehen worden. Das war dem Autor sehr wohl bewußt und von ihm auch so gewollt. Der von Schiller herausgearbeitete Gegensatz zwischen Österreich als einer einzelnen Fürstenmacht und dem Reich als Ganzen, so wenig er der Situation im 13. Jahrhundert exakt entsprach, war von großer Bedeutung für die Bildung eines gegen die Interessen der deutschen Partikularfürsten gerichteten Nationalbewußtseins zur Entstehungszeit des "Tell". Gerade erst hatte der sogen. "Reichsdeputationshauptschluß" 1803 das Ende des Deutschen Reiches besiegelt und die Stellung der deutschen Einzelstaaten enorm gestärkt, und eine Abspaltung von Teilen des ehemaligen Reiches, wie sie dann 1806 durch die Gründung des Rheinbundes Wirklichkeit wurde, war bereits abzusehen. In dieser Situation rückte die Schweiz in das Blickfeld des allgemeinen Interesses in Deutschland – sowohl was die Zeit ihrer Entstehung betraf, als auch was ihre gegenwärtige Lage anging. Die "Helvetische Republik", nach dem Einmarsch der französischen Truppen 1798 als Einheitsstaat gegründet, erschien manchen in Deutschland als Vorbild – dieser Staat besaß eine Einheitsverfassung, in der alle Feudalrechte abgeschafft und die bürgerlichen Rechte garantiert waren. Auch dieser Aspekt trug zu dem großen Erfolg des Dramas nicht unwesentlich bei.
Von der Zeit der Entstehung des "Tell" bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ist das Werk für politische Zwecke gebraucht und mißbraucht, ist es aus politischen Gründen bejubelt und gefürchtet worden. Erinnert sei daran, daß Schiller auf ein Ansinnen Ifflands mehrere Stellen im Drama des Stücks änderte, weil sie dem Berliner Intendanten für eine Aufführung in der preußischen Hauptstadt zu brisant erschienen; erinnert sei daran, daß die 48er Revolutionäre das Werk für ihre demokratischen Ansichten reklamierten: im März 48 fand sich an der Wand des Leipziger Theaters die mit Kreide geschriebene Aufforderung: "Morgen Wilhelm Tell !!", und schließlich sei daran erinnert, daß die Aufführung des "Wilhelm Tell" auf deutschen Bühnen 1941 durch einen persönlichen Erlaß Hitlers verboten wurde – als einziges von Schillers Dramen. Stauffachers Worte beim Treffen auf dem Rütli, in der 2. Szene des 2. Aktes erschienen dem Diktator denn doch zu gefährlich, als daß sie weiterhin von der Bühne herab verkündet werden durften: "Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht, / Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, / Wenn unerträglich wird die Last – greift er / Hinauf getrosten Mutes in den Himmel / Und holt herunter seine ewgen Rechte / ... / Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr / Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben - ." Die Ermordung Geßlers durch Tell barg also offensichtlich eine aktuelle, nicht nur eine historische Dimension.
Mit zur Popularität Schillers in der Schweiz haben die genauen Ortsangaben im "Wilhelm Tell" beigetragen.
Bekanntlich hat Schiller die Orte, an denen das dramatische Geschehen im "Wilhelm Tell" sich abspielt, nie mit eigenen Augen gesehen. Seine Quellen waren vor allem Goethe, der ihm brieflich von seiner Reise in die Schweiz 1797 öfters Ortsbeschreibungen gab und der wohl auch in Gesprächen während der Entstehungszeit des Dramas weitere Informationen zum Lokalkolorit lieferte, sowie die sehr ausführliche "Staats- und Erdbeschreibung" der Schweiz des Johann Caspar Faesi, die Schiller sorgfältig studiert hatte. Es ist interessant zu untersuchen, wie Schiller diese Informationen in den Bühnenanweisungen und in dem dramatischen Text verwendet und in seinem Sinne dramaturgisch verändert. Wie sehr er auf die örtlichen Gegebenheiten Wert legte, zeigt die 1. Szene des 4. Aktes am östlichen Ufer des Urner Sees, wo kurze Zeit später das Boot mit Geßler und dem gefangenen Tell vom Föhnsturm getrieben sich dem Ufer bedrohlich nähert und wo Tell dann seinen berühmten Sprung auf den Felsen wagt. Der am Ufer stehende Fischer und sein Knabe kommentieren den Versuch, das Schiff an der Felswand vorbeizusteuern: "Sieh, sieh, sie waren glücklich schon vorbei / Am Buggisgrat, doch die Gewalt des Sturms, / Der von dem Teufelsmünster widerprallt,/
Wirft sie zum großen Axenberg zurück." Hier werden Namen genannt, die auf keiner Landkarte stehen und heute nur den Einheimischen bekannt sind. Südlich von Sisikon der Buggisgrat und der große Axen; in den Felsen südlich vom Rütli – am gegenüberliegenden Ufer – das Teufelsmünster (dort läßt sich tatsächlich ein mächtiger Felsturm und unten, zum Seespiegel hin, mit etwas Imagination, eine Teufelsfratze erkennen). Die Bedeutung des "lokal-bedingten" und "örtlichen, ja beinah individuellen Phänomens" der Handlung hob Schiller bereits zu Beginn der Arbeit an dem Stück
hervor, gleichzeitig aber auch die "notwendige Operation", die zeitliche und räumliche Bedingtheit zu abstrahieren und ins "Poetische" zu transformieren; "eine verteufelte Aufgabe", wie der Autor am 9. September 1802 an Christian Gottfried Körner schrieb.
Eine solche Verwandlung der örtlichen Gegebenheiten läßt sich gut an der ersten Bühnenanweisung des Dramas beobachten, wie sie von Barbara Schnyder-Seidel in dem schon erwähnten Artikel in der Neuen Züricher Zeitung beschrieb. "Hohes Felsenufer des Vierwaldstättensees, Schwyz gegenüber. Der See macht eine Bucht ins Land. ... Über den See hinweg sieht man die grünen Matten, Dörfer und Höfe von Schwyz im hellen Sonnenschein liegen. Zur Linken des Zuschauers zeigen sich die Spitzen des Hakens, mit Wolken umgeben; zur Rechten im fernen Hintergrund sieht man die Eisgebirge ..." - -
- Das "hohe Felsenufer" (an der Einmündung des Gersauer Beckens in den Urner See) wurde von Goethe beschrieben mit "Abhang und Steile". Aus dieser "Steile" hat Schiller irgendwo "Schwyz gegenüber" eine Bucht ausgehoben. Aber "gegenüber" kann Schwyz nicht gesehen werden; Goethe sah am 6. Oktober 1797 vom Schiff aus "Brunnen, einen Teil der Landbucht von Schwyz, die schönen, nicht allzu steilen Matten der Schwyzer rechts am See". Daß es Schiller nicht besser wußte, kann ausgeschlossen werden; er hat bewußt Schwyz in die Bühnenmitte – fast an die Stelle von Brunnen – gesetzt als Begriff. Denn: wenig später wird Konrad Baumgarten von Unterwalden herüberflüchten und
Tell von Uri als Retter erscheinen – die drei Urkantone sind vertreten! – Und weiter: "Zur Linken des Zuschauers zeigen sich die Spitzen des Hakens, mit Wolken umgeben..." Goethe nannte die beiden Mythen nach damaligem Gebrauch auch Haken oder Schwyzer Hocken. Von welcher Stelle des genannten "hohen Felsenufers" auch der Blick hinübergeht, sie liegen rechts. Schiller hat die Mythen zur Linken verschoben, wohl um sie nicht massig in die Mitte zu setzen – oder um der Symmetrie zuliebe, denn "zur Rechten im fernen Hintergrund sieht man die Eisgebirge", und solche finden sich im Land linksufrig über Altdorf – Urirotstock, Spannort. Um sie ins Bild zu bringen, hat der Autor sie um 180 Grad gedreht.
Was Wunder also, wenn das Drama in der Schweiz, von deren Gründung es kündet, seit rund 200 Jahren bis heute als d i e Nationaldichtung und Schiller selber als d e r Nationaldichter betrachtet werden.
"Freiheit" und "Nation" sind die Schlüsselbegriffe für die Eidgenossen, die bis heute den B e f r e i u n g s kampf gegen die Habsburger Ansprüche in der tradierten Betrachtung der Ereignisse im 13. und 14. Jahrhundert als F r e i h e i t s kampf ansehen. Und genau diese Begriffe sehen sie in Schillers Drama in ihrem Sinne.
Doch: beruht diese Einschätzung nicht auf einem Mißverständnis?
Es ist hier nicht der Ort, ausführlich auf Schillers Geschichtsphilosophie einzugehen. Zwei Aspekte aber seien wenigstens gestreift, die für den Versuch, auf die eben gestellte Frage eine Antwort zu finden, weiterhelfen können.
In dem Brief an den Herzog von Augustenburg vom 13. Juli 1793 schreibt Schiller seine Ansichten über das jakobinische Frankreich, in dem er die Freiheitsrechte des einzelnen, wie sie 1789 erkämpft und verfassungsmäßig garantiert wurden, zugunsten einer Ideologie des "volonté générale" nun aufgehoben sieht. Schiller erklärt die Gründe dieser für ihn verwerflichen Entwicklung nicht sozialpolitisch, sondern individualpsychologisch: "Der Versuch des französischen Volkes, sich in seine heiligen Menschenrechte einzusetzen, und eine politische Freiheit zu erringen, hat bloß das Unvermögen und die Unwürdigkeit desselben an den Tag gebracht <...> Der Moment war der günstigste <...> Der Gebrauch, den sie (= die gegenwärtige Generation) von diesem großen Geschenk des Zufalls macht und gemacht hat, beweist unwidersprechlich, daß das Menschengeschlecht der vormundschaftlichen Gewalt noch nicht entwachsen ist, daß das liberale Regiment der Vernunft da noch zu frühe kommt, wo man kaum damit fertig wird, sich der brutalen Gewalt der Tierwelt zu erwehren, und daß derjenige noch nicht reif ist zur b ü r g e r l i c h e n Freiheit, dem noch so vieles zur m e n s c h l i c h e n fehlt."
Und das Gedicht "Der Antritt des neuen Jahrhunderts", in dem Schiller die politische Situation im Jahre 1800 darstellt, beginnt mit der Frage: "Edler Freund! Wo öffnet sich dem Frieden / Wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort?" und endet mit der – idealistischen – Antwort: "In des Herzens heilig stille Räume / Mußt du fliehen aus des Lebens Drang, / Freiheit ist nur in dem Reich der Träume / Und das Schöne blüht nur im Gesang."
Auch für den zweiten Aspekt, den staatlichen, sieht Schiller den Ansatzpunkt im Individuellen, nicht im Nationalen. Er fährt in dem erwähnten Brief an den Augustenburger fort: " Nur der Charakter der Bürger erschafft und erhält den Staat und macht politische und persönliche Freiheit möglich. Denn wenn die Weisheit selbst in Person vom Olymp herabstiege und die vollkommenste Verfassung einführte, so müßte sie doch den Menschen die Ausführung übergeben. - < Schiller kommt zu dem Schluß> "man wird damit anfangen müssen, für die Verfassung Bürger zu erschaffen, ehe man den Bürgern eine Verfassung geben kann."
Wenn man die Gedanken Schillers in seinen Aufsätzen über "Naive und sentimentalische Dichtung" und über die "Aesthetische Erziehung des Menschen" auf das politisch – historische Feld überträgt, wozu es viele berechtigte Gründe gibt, so kommt man – gerade auch in Bezug auf "Wilhelm Tell" – zu den Begriffen Idylle und Utopie, die sich vor allem in der Anfangsszene und in dem Schluß des Dramas manifestieren.
Die Bühnenanweisung zur ersten Szene: "Der See macht eine Bucht ins Land, eine Hütte ist unweit vom Ufer. Fischerknabe fährt sich in einem Kahn. Über den See hinweg sieht man die grünen Matten. ... Noch ehe der Vorhang aufgeht, hört man den Kuhreigen und das harmonische Geläut der Herdenglocken..." Die Lieder des Fischerknaben "Es lächelt der See, er ladet zum Bade ...", des Hirten "Ihr Matten lebt wohl! Ihr sonnigen Weiden! Der Senne muß scheiden, Der Sommer ist hin.", und des Alpenjägers "Es donnern die Höhen, es zittert der Steg...", sowie der Inhalt ihrer Gespräche "Lug, Seppi, ob das Vieh sich nicht verlaufen." Seppi: "Die braune Lisel kenn ich am Geläut." Kuoni: "So fehlt uns keine mehr, die geht am weitsten." verfestigen diesen Eindruck. In die Idylle der Landleute, die auch das Verhältnis zu dem einheimischen Landadel (Freiherr von Attinghausen als Grundherr) einschließt, tritt urplötzlich – mit dem Erscheinen des von den Habsburger Häschern verfolgten Baumgarten - die rohe Gewalt: Willkürherrschaft, Rechtlosigkeit und Sippenhaft; Vergewaltigung, Blendung, Brandschatzung, Mord und Totschlag. Die harmonische Lebenswelt der Bauern, Hirten, Fischer und Jäger wandelt sich in eine Welt des Chaotischen. Der weitere Verlauf der Handlung bis zur Ermordung des "Tyrannen" Geßler ist bekannt.
Der Schluß des Dramas führt in die Utopie zurück, zu der typisch aufklärerisch-idealistischen Lösung durch Schiller, der jedem Fortschritt im Politischen die Läuterung des Individuums voraussetzt. Der durch manche Anfechtungen und Zweifel nun geläuterte Adlige Ulrich von Rudenz erklärt: "Und frei erklär ich alle meine Knechte." – Ich erinnere: "daß der nicht reif ist zur bürgerlichen Freiheit, dem noch so vieles zur menschlichen fehlt."
Schillers idealistischer Ansatz und die Tradition der Schweizer, die in Schillers Drama ein Manifest ihrer nationalen Identität zu finden wünschen:
Wirklich nur ein Missverständnis?
Beispielhaftl lassen sich die verschiedenen Sichtweisen an der Frage des "Tyrannenmords", an der Ermordung Geßlers durch Wilhelm Tell demonstrieren.
Schiller legt die Gründe für den Mord ausführlich in einem langen Monolog des Tell dar und fügt als Kontrast zu Tells Tat die Parricida-Szene hinzu, stellt also dem "gerechtfertigten" Mord den Meuchelmord gegenüber.
Aus Tells Monolog in der 3. Szene des 4. Akts:
"Ich lebte still und harmlos – Das Geschoß
War auf des Waldes Tiere nur gerichtet,
Meine Gedanken waren rein von Mord –
D u hast aus meinem Frieden mich heraus
Geschreckt, in gärend Drachengift hast du
Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt,
Zum Ungeheuren hast du mich gewöhnt –
Wer sich des Kindes Haupt zum Ziele setzte,
Der kann auch treffen in das Herz des Feinds.
Die armen Kindlein, die unschuldigen,
Das treue Weib muß ich vor deiner Wut
Beschützen, Landvogt ......
Sonst wenn der Vater auszog, liebe Kinder,
Da war ein Freuen, wenn er wiederkam,
Denn niemals kehrt er heim, er bracht euch etwas
....
Jetzt geht er einem andern Weidwerk nach,
Am wilden Weg sitzt er mit Mordgedanken,
Des Feindes Leben ists, worauf er lauert.
Auch jetzt – euch zu verteidgen, eure holde Unschuld
Zu schützen vor der Rache des Tyrannen,
Will er zum Morde jetzt den Bogen spannen!"
In der die Schweizer Tradition hinsichtlich der Geschehnisse um die Gründung der Eidgenossenschaft und um Wilhelm Tell eröffnenden "Chronik der Schweiz" des Aegidius Tschudi, im 16. Jahrhundert verfasst, 1736 zum ersten Mal in Basel gedruckt, heißt es hierzu lapidar: "Der Land-Vogt und sin Diener kamen mit großer Not und Arbeit übern See gen Brunnen, rittend darnach durch Schwyzer-Land, und wie sie der gemelten (=bekannten) Hohlen Gassen naheten, hört Er (= der Tell) allerlei Anschläg des Land-Vogtes wider ihn. Er aber hat sin Armbrust gespannen und durchschoß den Land-Vogt mit einem Pfyl, daß Er ab dem Roß fiel und von Stund an tod was."
Und frei von jedem Zweifel an der Berechtigung der Tat und frei von jedem Skrupel liest sich diese Szene in einem heutigen Lehrbuch für Schweizer Kinder:
"Tell setzte seinen Weg fort durch dunkle Wälder, dem heimkehrenden Vogt entgegen.
Gegen Mittag des anderen Tages hielt sich der Schütze bei Küssnacht hinter einem Haselbusch versteckt. Zwischen den Blättern hindurch spähte er auf das steinige Bett des Hohlweges hinunter, auf dem er seinen Todfeind erwartete. Dicht neben ihm lagen Armbrust und Pfeil zum Schuss bereit.
Als schon die Schatten länger fielen, ertönte der Schall eines Hornes im engen Durchgang. Tell war sicher: Gessler ritt heran.
Ein Bäuerlein, durch das Horn der herannahenden Ritter erschreckt, wollte sein Kuhgespann im engen Pass wenden. Dumpf brüllten die Tiere unter den Stockschlägen. Fieberhaft mühte sich er Bauer, Platz zu schaffen für den gefürchteten Herrn. O Schreck, da krachte die Deichsel des Wagens, und die scheuen Tiere liefen mit zerrissenem Zuggeschirr davon. da nützte dem Bauern alles Fluchen und Rufen nichts. Die Kühe waren toll geworden von den Schlägen und sprangen mit erhobenen Schwänzen geradewegs dem Tross entgegen.
Gessler sah den Bauern, der sich am Wagen abmühte. Da rief er ihm zu: "He, Alter, ich bin mich nicht gewohnt, wegen dreckiger Kühe lange zu warten!"
Der Bauer wagte kein Wort zu widerreden, sondern sucht aufgeregt, die Kühe einzufangen.
Gesslers Stimme hallte in der hohlen Gasse: "Schafft mir den Kerl aus dem Weg! Die Kühe nehmt mit auf die Burg! Ein Bauer, der nicht imstande ist, sein Vieh zu führen, soll auch keines haben." Flink sprangen die Knechte von den Pferden. Zwei banden den Bauern, die übrigen griffen nach den Kühen.
Jämmerlich flehte der Gebundene: "Habt Erbarrnen, Herr Vogt! Meine Frau liegt krank im Bett. Und ich habe noch sechs kleine Kinder, die brauchen Milch und Brot."
Ein Schlag traf den Gefesselten. Blutige Striemen liefen über sein Gesicht. Gesslers scharfe Stimme schnitt ihm mitten ins Herz. "Aus meinen Augen, Schuft!"
Da zischte es schwirrend aus dem Gebüsch. Ein Pfeil durchschnitt die Luft. Zitternd steckte er in der Brust des Vogtes. Gessler wankte, dann fiel er seitwärts vom Pferd. Erschrocken eilten die Knechte herbei und hielten den Gestürzten in den Armen.
"Herr, was ist geschehen?" fragten die bang. Der Tyrann schlug seine brechenden Augen auf und verhauchte die letzten Worte: "Das war Tells Geschoss." Dann starb er. "
Schillers wichtigste historische Quelle für seinen "Wilhelm Tell" war die erwähnte "Schweizer Chronik" des Aegidius Tschudi. Nun war der Historiker Schiller keineswegs so naiv, nicht zu wissen, daß in Tschudis Werk alles andere als exakte geschichtliche Fakten berichtet wurden. Und dennoch hat er diese Verquickung zwischen den zwei Handlungen übernommen. Es war, wie er an Gottfried Körner schreibt, "daß dieser Schriftsteller einen so treuherzigen herodotischen, ja fast homerischen Geist" habe und "daß er einen poetisch zu stimmen imstand" sei. Schiller war sich dabei der dramaturgischen Schwierigkeiten des Stoffes sehr wohl bewußt. Im selben Brief an Körner fährt er fort: " Ob nun gleich der "TelI" einer dramatischen Behandlung nichts weniger als günstig scheint, da die Handlung dem Ort und der Zeit nach ganz verstreut auseinander liegt, da sie großenteils eine Staatsaktion ist und (das Märchen mit dem Hut und Apfel ausgenommen) der Darstellung widerstrebt, so habe ich doch so viel poetische Operation damit vorgenommen, daß sie aus dem Historischen heraus und ins Poetische eingetreten ist." An Iffland schreibt Schiller anläßlich der Aufführung des "Tell" in Berlin: "So z.B. steht der Tell ziemlich für sich in dem Stück, seine Sache ist eine Privatsache und bleibt es, bis sie zum Schluß mit der öffentlichen Sache zusammengreift."
Ungeachtet der Meinung des Autors, er habe die Handlung des Stücks "aus dem Historischen heraus und ins Poetische" geführt, wirkte und wirkt das Drama in der Schweiz "politisch" und dient mit dem Nationalbewußtsein und dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Eidgenossen. Genau so wie die Gestalt des Wilhelm Tell selber, deren Sagenhaftigkeit in populären Schriften und auch in Schulbüchern nie deutlich genannt, deren reale Existenz selbstverständlich auch nicht wörtlich behauptet, aber indirekt suggeriert wird.
So wirbt das Tell-Museum in Bürglen mit seiner umfassenden Sammlung über den "Freiheitshelden Tell" und betont "Bürglen gilt seit jeher als die Heimat Wilhelm Tells", und die Tellkapelle dort in Bürglen wurde, wie es in dem Prospekt heißt, "1582 an jener Stelle errichtet, wo laut alten Urkunden Tells Haus gestanden hat".
Für die Bedeutung, welche die Gestalt des Wilhelm Tell in der Schweiz besitzt, seien als Beispiel Ausschnitte aus der Rede des Bundesrats Philipp Etter an die dort versammelten Schulkinder anläßlich der Eröffnung der Hohlen Gasse in Küßnacht aus dem Jahre 1937 angeführt:
"Was war denn der Tell? Der Tell war ein bäumiger Bergbauer von ungewöhnlicher Kraft, ein kühner Mann und Jäger, der keine Furcht und keine Angst kannte. Aber das war nicht das Massgebende. Der Tell war nicht nur ein starker Mann. Viel wichtiger war es, dass in seinem Herzen eine grosse, starke Liebe flammte für seine Familie und sein Land. Der Tell war ein braver Mann. ... Es soll mir keiner kommen und sagen, die Geschichte von Tell sei nur eine schöne Sage! Der Tell hat gelebt, und ohne Tellengeist wäre der Schweizerbund nie gegründet worden, und ohne Tellengeist gäbe es heute keine freie Schweiz. Tellengeist ist Liebe zum Land, Liebe zur Freiheit des Landes und Kraft, für dieses Land sich zu opfern."
Günter de Bruyn schreibt in seinem Buch über "Preußens Luise" (erschienen 2001): "Kollektive Mythen, die historische Gestalten und Geschehnisse in anschaulichen Erzählungen deuten, waren in der Menschheitsgeschichte schon immer eine immaterielle Macht. ... Mythen waren Hilfsmittel zur Identitätsfindung und damit zur Abgrenzung von anderen Gemeinschaften", und er fährt fort: "Mythen verblassen, wenn ihre Zwecke den Notwendigkeiten der Zeit nicht mehr entsprechen...."
Der Mythos Tell ist in der Schweiz lebendig wie eh und je, denn Tell ist stets als Figur für die eidgenössische Identität gesehen worden, wozu nicht zuletzt Schillers Drama einen entscheidenden Beitrag geleistet hat.
Und so haben die drei Urkante aus ihrer Sicht wohl zurecht 1859, anlässlich des 100. Geburtstags des Dichters, gegenüber Brunnen auf einem Felsen im See eine Gedenktafel für den "Sänger Tells F. Schiller" angebracht und deshalb findet man folgerichtig in einem gegenwärtigen Schweizer Schulbuch folgenden Text und folgende Aufgabe:
"Laßt uns den Eid des neuen Bundes schwören:
Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen."
Lerne diese Verse auswendig !
(Vortrag: Hans-Georg Müller, Europäische Akademie Sankelmark, Februar 2001)
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