+ 2raumwohnung +++

 
 
 
 
 

 

 

 

Eigentlich war alles ganz anders geplant. Inga Humpe, noch bekannt aus NDW Zeiten und Tommi Eckart, Elektro-Sound-Tüftler aus Berlin, sind Musiker, die mit elektronischen Spielereien experimentieren. Sie stehen hinter den Kulissen, komponieren und arrangieren Musik für Andere. Da kommt im Jahr 2000 das Angebot, für die ostdeutsche Zigarrettenmarke "Cabinet" eine Werbemusik zu kreieren. Ganz einfach, mit Gitarren und so, so heißt es im Auftrag. Inga und Tommi wollen ablehnen, Inga hat seit zehn Jahren keine Gitarre mehr in der Hand gehalten. Schließlich entschließen sie sich, es doch zu versuchen, warum nicht, ist schließlich mal was anderes. Allerdings soll auf keinen Fall bekannt werden, wer dahinter steckt. 2raumwohnung ist ihr Pseudonym.

Doch die Beiden haben nicht mit dem Publikum gerechnet: die 40 Sekunden Musik aus dem Werbespot werden zu einem Geheimtipp, es mehren sich die aufgeregten Anfragen, wer denn wohl hinter diesem Lied stecke. Und dann entschließen sich Inga und Tommi zum Sprung nach vorne. Sie schreiben den Liedanfang aus dem Werbespot fertig und bringen das Werk als Single "Wir trafen uns in einem Garten" auf den Markt. Der Erfolg ist überwältigend. Es ist klar, dass es in diese Richtung vorerst weiter gehen wird. Der leichte und doch irgendwie verweht melancholische Popsong aus Berlin Mitte trifft den Nerv der Zeit punktgenau. "2raumwohnung" werden zu Paradevertretern des neuen Berlin-Pop.

Die zweite Single "Nimm mich mit - Das Abenteuer Liebe usw." steigt sofort in die deutschen Singlecharts ein. Das Berliner Paar gibt allen Wartenden damit einen kleinen Vorgeschmack auf das Album, das im Sommer 2001 folgt. Elektronische Beats treffen auf akustische Gitarrenklänge und die warme Stimme Ingas. Bewusst haben Inga und Tommi traurige Songs außen vor gelassen. Sie sagen "das Positive ist eine Essenz", auf der 2raumwohnung beruht.

Und diese Essenz schlägt voll ein, schafft es in die Top 20 und nahezu die halbe Platte entwickelt sich zum Dauerbrenner in Indie-Radios und Discos. Da liegt es natürlich nahe, dass man Ende Januar 2002 auch eine Remix-Platte veröffentlicht, um die Tanzflächen noch mehr zu füllen. insert_ende:bio-->

 

 

 

 

 


Zigaretten sind geil. Zigarettenwerbung noch geiler. Was? Diese Behauptung ist nicht pc? Ist mir scheißegal, denn eine Zigarettenwerbung ist ja schließlich der Grund, warum es 2raumwohnung überhaupt gibt. Gut, ich werde mir wahrscheinlich nie eine "Cabinet" anzünden, aber die Macher der Kampagne haben meinen Respekt.

Der langsam um sich greifende Erfolg von "Wir trafen uns in einem Garten" führte zwangsläufig zur kompletten Platte. Wenn ein auf die Schnelle komponierter Song des Duos solch penetrante Ohrwurmqualitäten hat, dann steckt sicherlich noch mehr kreatives Potential in dem Duo Humpe/Eckert. Das dachten sich wohl die Labelleute und recht haben sie. Der Titeltrack und "Wir werden singen" bilden die Klammer, die sich harmonisch um das Album schließt. Ja, wir kommen zusammen, um zu singen. Lasst uns die schönen Melodien nachträllern, die hier auf einem gar lieblichen Teller serviert werden.

Mit Waschbrett-Skiffle-Rhythmus und Maultrommel gehts gleich in die Vollen. Vom ersten Ton an flauscht sich Ingas Stimme samtweich ins Ohr und die Instrumentierung schwingt pendulös zwischen Minimalismus ("Liebe ohne Ende") und hypnotischem Elektrogefiepe und Geblubber ("Du und Ich"). Bevor ich weiter schwelge, muss ich aber erst mal eine Portion Gemecker ablassen. "Wir trafen uns in einem Garten mit Max" ist überflüssig, diese Version der ersten Auskopplung war ja auch schon auf der Maxi, und wer die Idee hatte, "Nimm mich mit" als nächstes zu veröffentlichen, handelt entweder streng nach Marktregeln, oder hat bei Megaburnern (wie der Hip Hopser sagen würde) wie "Sexy Girl" einfach die Ohren zu gemacht. Vom Takt und der Instrumentierung her scheint "Nimm mich mit" fast identisch mit dem Garten zu sein. Egal, denn sowohl von den zuweilen erfrischend ironischen Texten, als auch von den immer schön knapp am Kitsch vorbeischrammenden Liedleins her, passt hier alles gut zusammen.

Ich habs ja seinerzeit vermutet und jetzt scheint es sich langsam zu bestätigen. In Deutschland kann nicht nur stupider Euro-Dance und Abziehbildmucke Erfolg haben, sondern des Teutonen Herz schlägt auch für intelligent gemachte Pop-Musik, siehe Paula.

Darauf muss ich mir jetzt erst einmal eine Zigarette anzünden!

 

 


Ein bisschen Liebe, ein wenig Philosophie, gut portionierter Sound, alles wirkt ein wenig klein und trotzdem ausreichend: das neue Werk der 2raumbewohner ist konsequent, typisch und minimalistisch. Manchmal dürstet den Hörer nach mehr, doch das wäre schon zu viel. Hauptsache alles ist schön klein, rein und fein gehalten, dann kann nicht viel schief gehen. Locker, flockigen Elektro-Pop produzieren Inga Humpe und Tommi Eckart, der über die melancholischen, monotonen Stunden des alltäglichen Daseins hinweg tragen kann.

Einladend, verführerisch verliert man sich in Träumen, Gedanken und Räumen. Die Verbindung der sanften, kindlichen Stimme der Sängerin und den elektronischen Beats, die sich irgendwo zwischen hart und weich tummeln lädt ein zum Entspannen und Abdriften in einen komprimierten Trancezustand. Und wer ein bisschen shaken möchte, der soll das ruhig tun.

Wer allerdings was ganz Neues und Ausgefallenes erwartet, der wird enttäuscht. Die beiden verdienen auch ein wenig minimalistische Kritik. Bei so viel Kreativität hätten sie ruhig mehr wagen und von ihrem alten Style abweichen können. Durchgehend ist die Platte einfach nur 2raumwohnung und drängt sich wie ein "Kommt Zusammen, Teil zwei" auf. Dennoch, die sanft, schwingende Säuselstimme der kindlichen Pop-Kaiserin und die technoiden Pop-Rhythmen lassen schnell verzeihen.

Das Album besticht mit einem frechen, souligen Einstieg, der Palmen im Wohnzimmer pflanzt. Geboten werden samtige Klänge, Clap-Claps, Housy-Beats und weiche Sphären. "Ich Und Elaine" lädt ein zum funkigen Herumziehen in den Straßen und Klubs Berlins. Das wirkt wie eine Messerspitze Philosophie, eingehämmert in pulsierenden Schübchen.

Flaumig fließende Love-Songs treffen hier auf neo-achtziger Crash-Sound, auf reine Melancholie, housy, breaky Beats und Electro-Pop-Rock à la Pinky Floyd. Also, einfach reinhören, lieb gewinnen und als Ausgleich zum anstrengenden Alltag verwenden.

 

 

Die Idee, Inga Humpe und Tommi Eckart in die Remix-Maschine zu stecken, ist ja nicht gerade weit hergeholt. Erstens ist die Wohnung tief im Musik-Herzen Berlins einbetoniert und geht mit der Hälfte aller Remixer Sonntags Kaffee trinken, zweitens waren ja schon auf den ersten Maxis Remixe zu finden (die nun auch den Weg auf die Remix-Platte geschafft haben), Drittens gehört schon die eine oder andere Original-Version zum Standard-Repertoire der Indie/Electro-Clubs und viertens hat man das auf der eigentlichen Platte unmissverständlich angekündigt: "Kommt zusammen, das kann keiner allein."

Ein hartnäckiger Skeptiker würde vielleicht auf den Hoover Mix von "Sie Kann Fliegen" verweisen, der mit seinem Dahingeplätschere und Mini-Gesangsample sicherlich ein heißer Kandidat zum Überspringen ist. Oder den Finger auf den
dubbigen "Lachen Und Weinen"-Mix von Sun Electric legen, der etwas zu sehr aus der Reihe tanzt. Und wahrscheinlich gibt man auch dem Besserwisser recht, der behauptet, man habe sich von Fetisch (Ex-Terranova-Frickler) doch etwas mehr erwartet, als ein bisschen Gitarrensounds plus Saxophonsamples, mit denen er schon fast in Jazzanova-Gefilde abrutscht.

Aber 2raumwohnung haben noch einige Asse im Ärmel, um Nörgler von der Wichtigkeit dieser Platte zu überzeugen. Möglicherweise kann ihn die "2 von Millionen von Sternen"-Clubversion zum Hüfteschwingen bewegen und bei der "Mit Max"-Version von "Wir Trafen Uns In Einem Garten" wird er wohl auch nicht ruhig stehen bleiben können, obwohl dort der Gesang auf einen Bass in Holzhammermethode aufgebaut wurde und der Track ohne Humpes Stimme wohl besser funktioniert hätte. Wenn er bei der "Garten"-Version mit Woody nicht swingt, kann ihm endgültig nicht mehr geholfen werden ...

So richtig zufrieden wird man aber mit keinem Track der Platte sein: zu oft endet die Sache in einem mühevollen Versuch, den ohnehin schon tanzbaren Nummern mit einer einfachen fetten Bassline gesteigerte Clubtauglichkeit zu verpassen. Zu oft wartet manauch wie beim "Bleib Geschmeidig"-Mix von Märtini Brös umsonst, dass der Song doch endlich richtig beginnen möge.

 

 

in wirklich

in wirklich erzählt, wie ein guter Film, von echten Gefühlen. Erst hört man die Musik, dann sieht man sie, dann liebt man sie.Man kann diese Musik auch essen. Weil sie sich so weit und frech in alles vorwagt.In Glück und Freundschaft bei ich und elaine. Der Jubel von zwei weiblichen Beduinen, die durch die Nacht rasen – wenn sie nicht gerade kreischend unterm Tisch liegen. Läuft das Stück,bricht sofort eine Party aus. Exaltierte Stimmung, Gläser zerbrechen, Bilder fallen von der Wand und Leute von der Couch.

Elaine,der Partykapitän.Hits.
Aus einem schönen, kranken Liebesirrsinn heraus. Die beiden wilden Tiere des Seufzende-Gärten-Pops:from fairest creatures für Nachbarn und Freunde, Musik für Verliebte und Sachensucher. Für Eremiten die wissen wann der nächste Zug abgeht. Musik gegen Schnulli-Optimismus,ernste Musik. In die Feenspiele von kommt zusammen mischt sich ein zärtlich-trauriger Dämon, der das Glück besorgt herausfordert. Inga ist die sprechende Blume, die mit aufmerksamen Augen am Wegrand steht. Auch Tommi könnte ein blühendes Gewächs sein (ein Gewächs übrigens,das sich dreißig Jahre lang hysterisch geweigert hat,Hemden zu tragen). Auf jeden Fall ist er ein Geschmacksprofessor.

in wirklich vibriert wie ein sizilianischer Sommer, dramatisch, arabesk, heiß und treibend. Ein Sommer mitten im Herbst, im nassen Teil der Welt (Berlin). Unser Tribal Caravan rumpelt los, Engel an den Rückspiegel gehängt. Übrigens ist Inga wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Welt, der von Felgen und davon, dass sie poliert sind, so singen kann, dass es sogar einen Autoreifen rührt. in wirklich spielt mit stills und motion. Mit filmischen Szenen. Erzählt Kurzgeschichten von drei Minuten Länge. Ein Album in dem viel Film drin ist.

in wirklich selbst ist so konzentrisch und gut befestigt wie ein Netz. Die Gitarre spinnt Fäden um die Beats, die Stimme ist der Kitt. Man will diese Stimme gleich morgens nach dem Aufwachen hören. Danach ist man irgendwie glücklicher, Dinge fallen einem wieder ein, an die man schon lange nicht mehr gedacht hat. Schöne Dinge. Man tanzt ein bisschen durch die Wohnung und abends geht man in einen Club und macht Lagerfeuer. Oder man legt sich kartoffelhaufenmäßig mit seinen Freunden auf die schwarze Couch, die man Charles getauft hat, nach dem Mann von Lady Di. Und hört wirklich sein, das Stück das gegen ein halbes Leben plädiert: Das Lied für das ganze Leben und die ganze Wahrheit. Ein total ernster Aufruf, der gut auf eine Couch namens Charles passt.

 

 


2 von Millionen von Sternen

   

2 von Millionen von Sternen
Die sich immer mehr von einander entfernen
Von der Erde aus noch im selben Himmel
zu finden
Doch dabei jeder in seinem eigenen All zu verschwinden

Ich fuhr die Rolltreppe runter
Ich fuhr sie hinauf
Machte gerade die Augen zu
Ich machte sie gerade auf
Für einen kurzen Moment waren wir uns nah
Obwohl er mich nicht, nur ich ihn sah

Wir waren 2 von Millionen von Sternen
Die sich immer mehr von einander entfernen
2 von Millionen von Sternen
Die sich immer mehr von einander entfernen
Von der Erde aus noch im selben Himmel
zu finden
Doch dabei jeder in seinem eigenen All zu verschwinden

Der Sommer kam mit dir zusammen
Du hast ihn mitgebracht
Ich habe dich umarmt
Du hast viel gelacht
Der Sommer war Millionen Jahre alt
Ich wußte, wenn einer von euch geht, dann wird es kalt

Wir waren 2 von Millionen von Sternen
Die sich immer mehr von einander entfernen
2 von Millionen von Sternen
Die sich immer mehr von einander entfernen
2 von Millionen von Sternen
Die sich immer mehr von einander entfernen
Von der Erde aus noch im selben Himmel
zu finden
Doch dabei jeder in seinem eigenen All zu verschwinden

 

Ich und Elaine

   

 

Ich und Elaine
Sie ist mein Party-Kapitän
Überall hin nimmt sie mich mit
Und für sie ist dieses Lied

Elaine und ich
Sie weiss alles über mich
Ich alles über sie
Sheriff and Deputy

+++
Chor:
Elaine und ich
Ohne die andere geht es nicht
Das Institut
Erklärt wir tun uns beide gut

+++

Ich und Elaine
Mit ihr ist alles angenehm
Sie hat mein Herz und ich hab ihr's
+++
Chor:
Elaine
+++
And we are feeling musketeers

Sie ist mein Arzt
Macht mich glücklich und gesund
Ich bin für sie da
+++
Chor:
Elaine
+++
Bin ihre Katze und ihr Hund

+++
Chor:
Elaine
Elaine

Ich und Elaine
We share the blood in our venes
Adventuteen zusammen sind wir Medizin
Elaine und ich
Ohne die andere geht es nicht
Das Institut
Erklärt wir tun uns beide gut
+++

Elaine und ich
Liegend kreischend unter'm Tisch
Was man mit ihr erlebt
Das erleben andere nicht

Ich und Elaine
Von aussen kann man uns nicht seh'n
Wir sind das Einerlei
I'm the blue and she's the sky

Ich und Elaine
Mit ihr ist alles angenehm
Sie hat mein Herz und ich hab ihr's
+++
Chor:
Elaine
+++
And we are feeling musketeers

Sie ist mein Arzt
Macht mich glücklich und gesund
Ich bin für sie da
+++
Chor:
Elaine
+++
Bin ihre Katze und ihr Hund

+++
Chor:
Elaine
Elaine
+++

lachen und weinen
   

wenn ich glücklich bin
und der himmel in meinem kopf ist blau
wenn ich ruhig bin
und gleichzeitig nach vorn und hinten schau

wenn ich schwebe
weil ich alles verzeihen kann
und plötzlich die welt versteh
wenn ich wirklich lebe
und mich selbst von oben seh

dann ist lachen
lachen wie weinen
und weinen
weinen wie lachen

wenn ich stark bin
und menschen um mich sind dabei
wenn ich mutig bin
und mich einfach über nichts besonderes freu

wenn ich springe
weil die nächte so schön sind
und die tage gar nicht schwer
immer wenn ich singe
und mich selbst von innen hör

dann ist lachen
lachen wie weinen
und weinen
weinen wie lachen

 

 

 

 

2raumwohnung - "über den Gartenzaun"

Einraumwohnung, Zweiraumwohnung - Einzimmerwohnung, Zweizimmerwohnung - der Streit um diese und andere Begrifflichkeiten ist so alt wie die Vereinigung von West- und Ostdeutschland zu einem Ganzem. - Tatsache ist, daß Inga Humpe und Tommi Eckart diesen Begriff und überhaupt Berlin-Mitte und den "neuen Osten" so sehr lieben, daß sie ihr Duo danach benannt haben. - Und wie eine Zweiraumwohnung aus "zwei Zimmern, Küche, Bad" besteht, setzt sich dieses Duo aus unterschiedlichen Partnern zusammen, die ihre Fähigkeiten und Ideen in einen Topf werfen.

2raumwohnung

Es ist - insbesondere in Berlin, ihrer musikalischen und wohnlichen Heimat - nicht mehr notwendig, zu erklären, was 2raumwohnung für Musik machen. Auf Radio Eins und anderen Berliner Sendern werden ihre Popmusik-Hits - auch wieder 2 - "Nimm mich mit" und "Wir trafen uns in einem Garten" mindestens 2mal am Tag oder noch viel öfter gespielt. Ab sofort, seit dem 2. Juli ist ihre neue Platte "Kommt zusammen" auf dem Markt. Carina Prange traf sich in einem Garten in Berlin-Mitte auf einen Kaffee mit Inga Humpe und Tommi Eckhart.

Carina: Ihr lebt und arbeitet zusammen - wie kommt ihr da miteinander klar - geht ihr euch nicht manchmal auf die Nerven, wenn ihr ständig zusammen seid, beim Arbeiten und in der Freizeit? Wie ist das mit Konkurrenz oder Rollenverteilungen zwischen euch - beruflich oder privat? - Also gleich die knallharte Einstiegsfrage ...

Inga: Ui, das ist ja ein ganzer Roman! Unsere Zusammenarbeit und unser Zusammenleben besteht ja nicht seit gestern, das ist jetzt schon längere Zeit so. Wir sind beide Musiker, und haben uns auch darüber kennengelernt. Am Anfang haben wir jeweils eigene Projekte gemacht. Tommi hat ja viel mit dem Andreas Dorau gemacht, ich habe auch ein bißchen da mitgearbeitet - und ich hatte mein anderes Soloprojekt, das hieß "Bambi". Und in jener Zeit haben wir uns so kennengelernt.

Unsere gemeinsame Liebe war vor allem die Clubmusik, wir sind zusammen ausgegangen. Wir kennen uns ganz gut aus was es da so alles gibt. Damals konnte man oft sehr interessante Sachen ausschließlich in den Clubs hören. Darüber hat sich dann so 'peu à peu' eine Zusammenarbeit entwickelt - das begann eigentlich damit, daß wir in Tommis Studio gemeinsam an Projekten werkelten.

Der gemeinsame Sound, den man zum Beispiel auch hier auf dem Album hört, der hat sich über die letzten Jahren entwickelt - greifbar ist er erst jetzt auf diesem Album. Wir haben ja da auch Sachen zusammengetragen aus den letzten beiden Jahrzehnten - und vielleicht noch aus anderen Zeiten, die uns musikalisch beiden gefallen. Daraus entsteht ein spezieller Sound. Das ist schließlich keine Band, sondern ein Duo - und die Einflüsse, denen wir unterliegen, die hört man eben deutlicher darauf.

Was so die Zusammenarbeit angeht ist es so, daß wir durchaus Schwerpunktbereiche haben - bei mir ist das klar der Gesang und die Texte. Und - man kann das auch grob so einteilen - bei Tommi ist es eben diese ganze "rhythmische Geschichte" und der Sound insgesamt, auch der Mix und das Mastern. Das sind alles Sachen, bei denen ich weiß, daß Tommi die Verantwortung trägt. Und wir verlassen uns da auch einfach aufeinander. Das ist wichtig, das macht auch einen großen Teil des Spaßes aus an der Zusammenarbeit.

Und deshalb besteht - glaube ich - keine Konkurrenz zwischen uns. Unsere Bereiche sind eben ganz eindeutig dort, wo auch unsere Stärken liegen. Wir haben trotzdem ein gemeinsames großes Mittelfeld, das ist das Arrangement, die Ideen für die Stücke, die Stimmungen, das "Sounddesign" - soweit man das vorher besprechen kann. Das machen wir gemeinsam - wir arbeiten also beide auch am Rechner. Da ist viel Platz für gemeinsame Arbeiten, aber durch die Verantwortung für den "eigenen Schwerpunkt" bleibt überhaupt keine Energie für Rumstreitereien oder für so´n Kram.

Carina: Inga, du hast mal in einem Interview gesagt: "Ich schreibe einfach gerne für andere Leute, besonders gerne für Frauen!" - warum gerade für Frauen?

Inga: Es fällt mir natürlich leichter, für Frauen zu schreiben. Vor allem da Frauen eh in der ganzen Popmusikwelt - und auch sonst überall - gewissermaßen untervertreten sind. Und deswegen helfe ich am liebsten Frauen. Gegen die Themen, die so "typische" Männerthemen sind, habe ich nichts, aber ich stehe nicht auf das "Rumgeklotze".

Carina: Die Technoszene, in der ihr euch ja auch öfter mal bewegt, was bedeutet sie euch? Und wo würdet ihr eure Musik einordnen - ist das "Techno-Pop", ist das "Popgesang mit Beats" - was ist es für euch - und was bedeutet es euch?

Tommi: An Techno war unserer Meinung nach interessant, daß in den 90igern mit der Elektronik die Rhythmen gemacht worden sind - So wie man in den 80igern vielleicht mit der Elektronik Melodien gemacht hat, wurden in den 90igern mit Hilfe der Elektronik vor allem die Rhythmen verfeinert. Und in unserer Musik versuchen wir das beides zu vereinen - also das, was sich in der Elektronik der 80iger mit Melodien machen läßt, und diese rhythmische Komponente aus den 90igern.

Tommi Eckert (Foto: R. Schmerbeck)

Und insofern nennen wir es aber einfach nur "Popmusik mit deutschen Texten" oder "Elektropop". - Das ist alles bereits ein wenig irreführend - der Begriff "Elektro" bedeutet auch gleichzeitig immer schon einen bestimmten Rhythmus - da muß man ein bißchen aufpassen! - Also: einfach "Popmusik" - da kann nicht viel schiefgehen!

Carina: Deutschsprachige Popmusik - hast du gerade angesprochen - so lange Zeit war sie ja kaum gefragt. Wie geht es euch dabei, wenn "Wir trafen uns im Garten" oder andere Songs Radiorenner werden, und ihr plötzlich derart gefragt seid, daß ihr gleich zwei Promotage in Berlin einlegen müßt?

Inga: Das freut uns natürlich! - ... aber es ist in Wirklichkeit auch ein längerer Prozess. Das Entstehen des Stücks liegt ja schon ein Jahr zurück - und es ist vielleicht auch typisch für Berlin und für die Stimmung von Berlin. - Ich habe heute morgen im Radio gehört, wie sich der Herr Friedmann beklagt hat, daß die Berliner so spießig seien. Das mag ja sein - ich kenne aber ganz viele Leute, die nicht spießig sind! Es gibt auch eine große "unspießige Zelle", und die z.B. sind - glaube ich - auch die Leute, die unsere Musik gut finden.

Deswegen ist dies jetzt nicht ganz so überraschend - trotzdem freuen wir uns darüber, daß so ein Interesse da ist. Und wir merken auch, daß wir in gewisser Weise doch noch eine Art Pionierarbeit leisten - mit diesem Sound - und auch mit der "Art und Weise", eben deutschsprachige Popmusik. Da gibt es ja noch nicht so ganz viel! Ich hoffe, daß es mehr wird, im Laufe dieses und des nächsten Jahres.

Tommi: Wir haben das auch so gesehen, daß es im Anschluß an die Neue Deutschen Welle eine Art von "Kater" gab für deutschsprachige Popmusik. Vielleicht sind durch den deutschsprachigen Hip-Hop - und den deutschsprachigen R&B, den es in den letzten Jahren gab - die Ohren dafür wieder geöffnet worden, daß man sich durchaus Musik mit deutschen Texten anhören kann.

Carina: Es ist ja so, daß die meisten Texte von dir sind, Inga - woher nimmst du die Ideen, was inspiriert dich zum Texteschreiben?

Inga: Also, erstens mal lese ich generell gerne! Und wenn ich Zeit habe, lese ich sehr viel. Ich kann ganze Tage verbringen mit Lesen. Ich lese ganz verschiedenes - Bücher und Zeitschriften, englische Sachen. Und es gibt Phasen im Jahr, wo das verstärkt vorkommt - wo ich Textideen einfach "sammle" - Zeilen, Bilder, Gedanken und alles mögliche.

Das ist zwar jetzt im Moment zum Beispiel nicht so, weil - wenn ich viel quatsche, kann ich nicht viel sammeln! - Aber normalerweise kommt da ganz schön was zusammen. Ich habe so diverse Bücher/Kladden zuhause, und dann schreibe ich das da auf. Ich gucke ab und zu rein, wenn ich einen Text brauche - und finde da immer wieder was! Manchmal auf Englisch, dann übersetze ich das auch zurück.

Carina: Ihr liebt ja beide Tanzmusik - ist es ein Anspruch für euch, daß Musik tanzbar sein muß? Und speziell eure Musik? Oder eher nicht?

Tommi: Nein, wir haben nicht unbedingt den Anspruch, daß unsere Musik tanzbar sein soll. Aber wir finden Rhythmen sehr wichtig und haben da auch großen Spaß dran. Insofern mögen wir eben auch Tanzmusik, weil auch da die Rhythmen wichtig sind. Aber wir würden unsere Musik - mit Ausnahme von einigen Titeln - nicht grundsätzlich als "Tanzmusik" beschreiben.

Carina: Tommi, du hast auch ein Filmmusikstück für "Lola rennt" geschrieben. Wie kamst du gerade mit diesem Team in Kontakt? Liegt das einfach daran, daß in Berlin "jeder jeden" kennt?

Tommi: Ja, in diesem Fall war das wirklich so! - Ich habe für den CD-Soundtrack - also nicht auf dem eigentlichen Filmsoundtrack, sondern vom Soundtrack - Remixe gemacht. In dem Fall kam es deshalb, weil an der Filmmusik der Johnny Klimek, ein Australier, beteiligt war, und der mich ganz konkret fragte - als Dance-Musik-Macher und Remixer - ob ich dazu Lust hätte.

Carina: Zurück zu eurer Musik - wie ist denn das eigentlich, wollt ihr das irgendwann mal live aufführen - und wie kann sowas aussehen? Ich meine, man könnte ja vielleicht - blöde Idee?! - die Booklet-Photos auf die Leinwand werfen und dazu Musik spielen. Habt ihr da eine Idee, eine Vorstellung,wie das sein könnte?

Tommi: Wir haben zwei verschiedene Konzertsets vorbereitet - ein normales Konzertsetup - mit zwei zusätzlichen Gitarristen an der Akustikgitarre. Das wird in einem üblichen Konzertrahmen sein. Und wir haben ein anderes Set, was wir eher im Clubzusammenhang sehen. Da spielen wir dann weniger Stücke mit kaum oder gar keinen Unterbrechungen - so "zwischen den Platten". Das unterscheidet sich vom Ansatz nicht stark von den DJ-Sets, die vorher und nachher kommen.

Carina: Inga, du hast mit deiner Schwester zwei Singles und eine Platte aufgenommen. Warum gab es keine Fortsetzung?

Inga: Ich habe mit meiner Schwester zwei Alben aufgenommen - das war in den 80iger Jahren, so Mitte bis Ende der 80iger. Wir haben in der Zeit auch bemerkt, daß wir uns musikalisch in ganz unterschiedliche Richtungen entwickeln. Das hört man wahrscheinlich auf dem zweiten Album schon ein bißchen. Ich wollte immer schon mehr in eine "elektronische" Pop-Richtung - also ich war Pet Shop Boys Fan! Und meine Schwester hat sich - glaube ich - mehr in eine klassische Rockrichtung entwickelt. Deswegen ging das nicht weiter - das war der musikalische Grund. - Außerdem ist es auch sehr anstrengend "mit Familie" zu arbeiten.

Inga Humpe

Carina: Habt ihr so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Inga: Ja, Lebensphilosophien ... - Die ändern sich ja andauernd. Ich glaube, es gibt keine, die da bei mir länger als ein Jahr hält! Im Moment ist unsere - oder meine und Tommis - vielleicht auch ein Satz von Namion Pike und der heißt: "When too perfect, Lieber Gott böse!"

Carina: Gehst du damit konform, Tommi?

Tommi: Gerade wenn man kreativ arbeitet - aber auch wenn man das Business drumherum sieht und alles, was man so macht - es passieren doch viele Fehler! Und man hat genau zwei Möglichkeiten: entweder macht man sich verrückt damit, weil man das ganz schlimm findet - oder man sagt: "O.k., dann passiert was, was vielleicht nicht so geplant ist, und das ist dann auch nicht so tragisch!"

Und in der Musik ist es oft sogar ganz gut, wenn alles - im Amerikanischen heißt sowas "funkyness", wenn eben Sachen nicht perfekt sind! Und oft ergeben sich aus Fehlern andere Inspirationen oder andere Momente, als wenn man das ganz "stromlinienförmig" auf´s Band brächte. Das finde ich eine angenehme Komponente, die einem auch das Leben leichter macht.

Carina: Ja, nun seid ihr seit Tagen am Interviews geben, am Beantworten von intelligenten und weniger intelligenten Fragen. Gibt es denn etwas, von dem ihr euch gewünscht hättet, daß es endlich mal einer fragt?

Inga: Ehrlich gesagt, wir sind nicht so die "Super-Press-Players". Für mich ist das jetzt auch zum ersten Mal, daß wir soviele Interviews geben. Das gab es eigentlich früher gar nicht. Es ist irgendwie auch interessant - und die meisten Fragen wiederholen sich natürlich. Aber es gibt eben auch Reaktionen auf das Album und das ist für uns eine wichtige Information! - ´ne Wunschfrage! - hast du eine Wunschfrage, Tommi? Wie geht´s?

Tommi: Nee - aber ich denke schon, daß man in den letzten Tagen merkt, daß wir einfach in einem Kommunikationszeitalter leben! Früher dachte ich mir: "Musik soll doch Musik bleiben". Viel von dem "Drumherum" fand ich persönlich überflüssig.

Mittlerweile sehe ich, daß zu diesem ganzen Kulturbegriff "Musik" das ganze Drumherum dazugehört - und auch sehr schön ist! - Daß man was zum Reden hat, und Gründe, sich abends zu treffen - und beim Musikmachen Menschen kennenlernt und Freundschaften sich aufbauen. Und dieses ganze Drumherum um die Musik habe ich auch erst mit den Jahren bewußt zu schätzen gelernt - und daß es eben eine sehr schöne Komponente ist.

 


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