PTBS


Folgender Text stammt aus dem Buch "Posttraumatische Belastungsstörungen" von Anke Ehlers. Dieser Text ist als Informationen für den Patienten gedacht.

Auf diesem Wege noch einmal herzlichen Dank an den Hogrefe Verlag für die Abdruckgenehmigung.

Eine normale Reaktion auf abnorme Erlebnisse

1. Posttraumatischer Stress
2. Gefühle der Gefahr
3. Widererleben
4. Körperliche Erregung
5. Vermeidung
6. Gefühlstaubheit / Niedergeschlagenheit
7. Konzentrationsschwierigkeiten
8. Kontrollverlust
9. Schuld- und Scharmgefühle
10. Ärger
11. Selbstbild
12. Negative Sicht der Welt
13. Erinnerungen an die Vergangenheit
14. Schlussfolgerung

1. Posttraumatischer Stress

Erlebnis ist ein seelischer Schock. Es ist schwer zu begreifen, was einem passiert ist, und damit fertig zu werden. Nach einem traumatischen Erlebnis haben fast alle Menschen unangenehme Gefühle, Gedanken und körperliche Empfindungen. Es kann recht lange dauern, bis diese wieder abklingen. In der Zeit nach einem traumatischen Erlebnis kommen einem ungewollt Bilder, Geräusche, andere Empfindungen und Gedanke an das in den Kopf, auch wenn man versucht, sie beiseite zu schieben. Das kann verwirrend und erschreckend sein. So magst du dich  fragen, ob du jemals über das traumatische Ereignis hinwegkommen wirst, ob du dich selbst nicht mehr im Griff hast oder ob du gar verrückt wirst. Solche Sorgen sind vollkommen verständlich. Aber diese Gedanken, Gefühle und Empfindungen sind normale Reaktion auf Stress. Sie zeigen dass dein Körper und dein Verstand daran arbeiten, mit dem traumatischen Erlebnis fertig zu werden.

Auf ein traumatisches Erlebnis reagiert jeder Mensch auf seine eigene Art und Weise. Trotzdem gibt es Reaktionen, die bei vielen gleich sind! Durch Kontakt zu anderen Betroffenen wirst du bald feststellen, dass auch viele andere diese Reaktionen erlebt haben oder noch erleben. Man kann durch den Kontakt zu anderen Betroffenen sehr viel lernen und merkt schnell, dass man nicht allein ist.

2. Gefühle der Gefahr

Die unmittelbarste und auffälligste Reaktion nach einem traumatischen Erlebnis ist das Gefühl, dass Gefahr droht, man hat Angst oder macht sich Sorgen. Nach einem traumatischen Erlebnis wird das Gefühl, dass Gefahr droht, vor allem auf zwei Weisen erlebt:

 

durch ungewolltes Widererleben von Teilen des traumatischen Ereignisses und durch körperliche Unruhe, Schreckhaftigkeit und erhöhte Wachsamkeit.
Das Gefühl der Gefahr hat zwei Quellen. Zum einen ist es eine direkte Folge davon, dass du selbst oder eine andere Person einer gefährlichen, vielleicht lebensbedrohlichen Situation ausgesetzt warst. Bei bestimmte Auslöser oder Reize, die dich an das traumatische Erlebnis erinnern, wirst du automatisch das Gefühl der Gefahr bekommen, wirst zum Beispiel wieder Bilder von dem Erlebnis vor dir sehen oder entsprechende körperliche Reaktionen bekommen. Bei manchen Reizen ist die offensichtlich, weil sie stark an das ursprüngliche traumatische Ereignis erinnern (z. B. wenn man zum Ort zurückkehrt, an dem das Trauma passiert ist). Andere jedoch mögen unsinnig erscheinen und erinnern nur entfernt oder vage an das traumatische Erlebnis (z. B. das Aufblitzen einer bestimmten Farbe, ein gewisser Geruch, eine Lichtveränderung, eine Temperaturveränderung, der Klang einer Stimme). Solche Reize sind oft schwer als Auslöser von Erinnerungen zu erkennen, und die Erinnerungen, die körperliche Erregung oder die Angstgefühle scheinen aus heiterem Himmel zu kommen. Wenn man die Auslöser erstmal erkannt hat, kann man die eigene automatische Reaktion viel besser verstehen und sie abbauen lernen!

 

Zum anderen entsteht das Gefühl der Gefahr dadurch, dass viele Menschen die Welt nach einem traumatischen Erlebnis anderes betrachten. Sie haben ein verändertes Gefühl davon, was sicher ist und was nicht, und es dauert oft einige Zeit, ehe sie sich überhaupt wieder sicher fühlen. So hast auch du das Gefühl, dass das Leben voller Gefahren ist und dass man nie weiß, wann wider ein Unglück passiert. Dieses erhöhte Gespür für die Gefahr kann teilweise daher kommen, dass das traumatische Erlebnis dich für echte Gefahren aufmerksamer gemacht hat! Es kommt jedoch auch häufig vor, dass du aufgrund der Angst, die das Trauma ausgelöst hat, überschätzt, wie gefährlich das Leben ist. Z. B. einen Verkehrsunfall: du wusstest schon vorher, dass Verkehrsunfälle passieren, hast aber vielleicht nicht geglaubt, dass dir je einer zustoßen wird. Nachdem du einen schlimmen Unfall erlebt hast, erscheint des dir dann, als ob an jeder Kreuzung oder jeder Kurve ein Unfall droht. Auch als Mitfahrer hast du das Gefühl, dass du keinen Moment lang deine Augen von der Straße abwenden darfst. In Wirklichkeit ist jedoch ein Unfall nicht wahrscheinlicher als vorher. Aber es erscheint dir sehr wahrscheinlich, dass sich ein Unfall wiederholt. Verständlicherweise führt diese veränderte Sichtweise des Risikos dazu, dass sich dein Gefühl der Gefahr noch verstärkt.

 

3. Widererleben

 

4. Körperliche Erregung

Eine weiter häufige Reaktion auf ein traumatisches Erlebnis ist körperliche Erregung, mit Nervosität und Unruhe, erhöhter Wachsamkeit, Zittern, Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit oder Schlafstörungen. Letztere können sich darin äußern, dass du schlecht einschlafen kannst, häufig aufwachst, unruhig schläfst oder schlecht träumst. Wenn man die ganze Zeit angespannt und nervös ist, kann man sich reizbar fühlen, besonders wenn man nicht genügend Schlaf bekommt. Das kann sich zum Beispiel so auswirken, dass man einen nahe stehenden Menschen anfaucht oder aus kleinen Gründen seine Beherrschung verliert.

Nach einem traumatischen Erlebnis ist es möglich, dass dein Körper ständig in Alarmbereitschaft bleibt, obwohl das nicht mehr nötig ist. Das Trauma hat dich gezwungen wahrzunehmen, dass Gefahr in der Welt droht, und dein Körper noch nicht bemerkt hat, dass die Gefahr vorüber ist, er reagiert weiterhin, als ob er bedroht wird und als ob er jeden Moment kämpfen, fliehen oder erstarren müsste. Aus diesem Grund fühlst du dich möglicherweise dauernd auf der Hut, angespannt oder reizbar.

Vermeidung

Das Gefühl der Gefahr, das Widererleben von Teilen des Traumas und die körperliche Erregung sind belastend. Deswegen versuchen viele Menschen, sie dadurch in den Griff zu bekommen, dass sie alles vermeiden, was an das traumatische Erlebnis erinnern könnte (z. B. Orte, Personen, Gespräche, bestimmte Kleidungsstücke, Fernsehsendungen), oder sie versuchen, nicht daran zu denken. Oder versuchen, die Erinnerungen und Gedanken die mit dem Trauma verbunden sind zu unterdrücken oder zu vermeiden. Viele versuchen, mit den schmerzhaften Gefühlen und Gedanken an das Trauma dadurch fertig zu werden, dass sie ihre Gefühle betäuben. Die Vermeidung ist ein Weg, um sich vor Dingen zu schützen, die dir jetzt gefährlich erscheinen, und vor Erinnerungen und Gefühlen, die erschrecken und überwältigend erscheinen.

Vermeidung ist oft ein gutes Mittel, um kurzfristig Belastung zu vermindern. Wenn sie funktioniert, reduziert die Vermeidung unangenehme Gefühle. Aber sie ist langfristig gesehen oft nicht die beste Strategie, um das Trauma zu überwinden. Erstens ist es schwer, die eigenen Gedanken und Gefühle ganz und gar zu vermeiden. Sie kehren immer wieder. Tatsächlich werden Gedanken an das traumatische Erlebnis häufiger und hartnäckiger, wenn man sie mit Gewalt unterdrückt. So bekommt man den Eindruck, die Kontrolle über seine Gedanken und Gefühle immer mehr zu verlieren.

Zweitens vermeidet man oft deswegen, weil man erwartet, dass eine Katastrophe passiert, wenn man sich der Situation aussetzt und seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf lässt. Typische Befürchtungen sind zum Beispiel, dass die Gefühle einen überwältigen und man einen Nervenzusammenbruch bekommen oder das man wieder eine Gewalttat, einen Unfall oder etwas anderes Schreckliches erleben wird. Es ist vollkommen verständlich, dass man Dinge vermeidet, von denen man glaubt dass sie einem schaden könnten. Das Problem dabei ist jedoch, dass die Vermeidung einen daran hindert herauszufinden, dass die Befürchtungen übertrieben sind und das die Welt nicht so gefährlich ist, wie sie einem nach einem traumatischen Erlebnis erscheint. So kann das eigene Leben durch die Vermeidung mehr und mehr eingeschränkt werden.

 

So bemerken viele Menschen nach einem Trauma, dass nahe stehende Personen (Familie, Freunde, Ehepartner, Kinder) sie ärgerlich machen. Manchmal hast du vielleicht Wutausbrüche gegenüber den Menschen, die dir am meisten bedeuten. Das ist verwirrend: Warum ist man so ärgerlich auf diejenigen, die man gerne hat? Dies liegt teilweise daran, dass man sich durch das Trauma in einem Zustand hoher Erregung befindet und deswegen nicht mehr so gelassen reagiert. Auch kann es sein, dass man im Umgang mit nahe stehenden Personen Gefühle von Abhängigkeit, Verletzlichkeit und Hilflosigkeit erlebt, die einen an das Trauma erinnern und deswegen ärgerlich machen.

Manchmal kommt es vor, dass man sich so ärgerlich fühlt, dass man laut fluchen oder jemanden schlagen möchte. Wenn man es nicht gewohnt ist, so ärgerlich zu werden, kommen einem solche Gefühle fremd vor. Man erkennt sich selbst nicht wieder oder weiß nicht, wie man mit dem Ärger fertig werden soll. Hier ist es wichtig zu erkennen, dass der Ärger eine verbreitete Reaktion auf das traumatische Erlebnis ist, die abklingt, wenn man das Ereignis verarbeitet hat.  

Zu verarbeiten ist ein schwerer Weg. Doch du musst ihn nicht allein gehen. Mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten, der/dem man vertrauen kann, wird dieser Weg wesentlich einfacher. Eine Therapie dauert ein paar Monate bis Jahre. Aber ohne hätte man sein Leben lang Posttraumatischen Stress.

Mir liegt einen ausdrückliche Abdruckgenehmigung vom Hogrefe Verlag vor. Solltest du diesen Text für deine Homepage verwenden wollen, so hole dir bitte vorher ebenfalls eine Abdruckgenehmigung ein und beachte, dass ich den Text in eine persönliche Ansparche umgewandelt habe (n. Absprache mit dem Verlag) und einige Beispiele (kursiv) ergänzt habe.

Diese Fachbuch ist wirklich sehr zu empfehlen: 

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©by Anke Ehlers - Verlag Hogrefe

"Posttraumatische Belastungsstörungen"

Disclaimer

 

Teilweise hängt der Ärger auch damit zusammen, dass man sich dagegen auflehnt, dass es unfair ist, dass man das Trauma erlebt hat, dass andere eventuell besser weggekommen sind oder dass man von anderen nach dem Erlebnis nicht richtig behandelt wurde.

Selbstbild

Traumatische Erlebnisse können zu negativen Veränderung im Selbstbild führen. Sowohl das traumatische Erlebnis als auch die darauf folgenden Gefühle können Anlass für Selbstkritik und Selbstzweifel sein. Zum Beispiel magst du daran denken: „Mir passieren schlimme Dinge, weil ich eine schlechter Mensch bin“ oder „Wenn ich nicht so schwach und dumm gewesen wäre, wäre mir das nicht passiert“. Oder du gehst hart mit dir ins Gericht, weil du noch nicht über das Trauma hinweggekommen bist und noch nicht zum normalen Leben zurückgekehrt bist.

Viele Menschen sagen, dass das Trauma sie völlig verändert hat. Zum Beispiel sagen sie: „vor dem Trauma hatte ich vor nichts Angst und konnte mit allen Belastungen fertig werden, ganz egal wie schwer die Situation war, und ich konnte mit anderen auskommen. Jetzt aber habe ich vor allem Angst und kann noch nicht mal mit kleinen Problemen fertig werden.“ Manche empfinden, das traumatische Erlebnis war „der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“. Es scheint zu bestätigen, was sie schon lange im Geheimen „wussten“, zum Beispiel, dass sie sich selbst nicht trauen können oder dass sie nicht mal mit der kleinsten Schwierigkeit fertig werden.

 

Negative Sicht der Welt

Nach einem traumatischen Erlebnis sehen viele Menschen die Welt und andere Menschen in einem anderen, negativem Licht. So mag dir die Welt, die dir vorher sicher erschien, plötzlich sehr gefährlich vorkommen. Oder du denkst, dass du niemanden mehr trauen kannst. Andere Menschen, die bereits vor dem traumatischen Erlebnis schlechte Erfahrungen gemacht haben und negativ über sich selbst, die Welt und andere Menschen dachten, sehen in dem Trauma eine Bestätigung ihrer Überzeugungen, wie zum Beispiel „Die Welt ist gefährlich“ oder „Man kann niemanden trauen“.

 

Erinnerungen an die Vergangenheit

Schließlich kann ein traumatisches Erlebnis auch Erinnerungen an ähnliche Ereignisse in der Vergangenheit hervorrufen. So erinnert man sich plötzlich wieder lebhaft an Geschehnisse, die man schon vergessen oder hinter sich gelassen hatte, und die ebenso erschütternd sein können wie das vor kurzem erlittene Trauma. Was einen während des Traumas an diese früheren Erlebnisse erinnert, können ähnliche Eindrücke und Empfindungen sein (zum Beispiel ein kaltes Gefühl im Körper, die Stimme eines wütenden Mannes) oder eine ähnliche Bedeutung der Situation (zum Beispiel Ereignisse, bei denen man sich als verletzlich und hilflos fühlte oder man glaubte, in Lebensgefahr zu sein). Wie beim Abschnitt zum Widererleben dargestellt, können solche Auslöser für vergangene Erinnerungen eine nur sehr entfernte Ähnlichkeit haben, so dass es schwierig sein kann, sie zu erkennen.

Erinnerungen an vergangene Erlebnisse werden manchmal so intensiv wachgerufen, dass es schwierig ist, sich an vergangene Ereignisse oder Situationen zu erinnern, die man nicht als negativ empfand. Manchmal kann man sich auch nicht vorstellen, dass man je wieder froh sein wird oder ein normales Leben führen wird. Aber du wirst das können. Es ist möglich diese schmerzhaften Erinnerungen hinter sich zu bringen.

 

Schlussfolgerung

Diese Information hat dich über weit verbreitete Reaktionen auf traumatische Ereignisse informiert und du konntest feststellen, welche besonders auf dich zutreffen. Die wichtigste Mitteilung dieses Textes ist: die Gefühle, Gedanken und körperlichen Reaktionen, die du empfindest, sind vollkommen normal. Sie stellen eine natürliche und menschliche Reaktion auf extreme Belastung dar. Daher werden die Probleme, die du durchmachst, „Posttraumatische Belastungsstörungen“ genannt. Sie deutet darauf hin, dass du bisher noch nicht mit dem traumatischen Erlebnis fertig geworden bist. So nimmst du immer wieder ein Gefühl der Gefahr wahr und erlebst Teile des Erlebnisses immer wieder.

In einer Therapie wirst du noch mehr darüber lernen, wie das Gefühl der Gefahr und das Widererleben zustande kommt. Du wirst lernen, die Erinnerung an das Trauma zu verarbeiten und mit dem belastenden Gedanken und Gefühlen fertig zu werden. Auch wirst du darüber nachdenken, welche Bedeutung das Trauma für deine Sicht auf dich selbst und der Welt hat. Schließlich wirst du dein Leben zurückerobern.

Dies wird dazu führen, dass die Erinnerungen an das Trauma dich nicht mehr überwältigen und dass du das Trauma hinter dir lassen kannst. So wird es zum Teil deiner Vergangenheit werden und nicht mehr dein gegenwärtiges Leben bestimmen.

 

 

Gefühlstaubheit/Niedergeschlagenheit

Manche Menschen fühlen sich unwirklich oder wie losgelöst von ihrer Umgebung, wenn sie an das traumatische Ereignis erinnert werden. Viele betäuben ihre Gefühle, negative wie positive, absichtlich, um nicht von ihnen überwältigt zu werden. Eine solche Gefühlstaubheit kann zum Beispiel dazu führen, dass du dich von den Menschen, die dir nahe stehen, entfremdet fühlst. Es mag dir so vorkommen, dass diese Menschen nicht verstehen können, was du durchgemacht hast, weil sie es nicht selbst erlebt haben. Weitere übliche Reaktionen auf ein traumatisches Erlebnis sind Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder Depression. So hast du vielleicht Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Verzweifelung, weinst häufig oder denkst sogar daran, dich selbst zu verletzen oder das Leben zu nehmen. Verlust von Interesse an anderen Menschen oder an Aktivitäten, die dir sonst Freude gemacht haben, ist eine häufige Folge eines Traumas. Nichts macht einem mehr Spaß. Vielleicht fühlst du auch, dass das leben nicht mehr lebenswert ist und deine Zukunftspläne scheinen dir nicht mehr wichtig oder sinnvoll.

Verbunden mit dem Gefühl der Gefühlstaubheit und der Niedergeschlagenheit geben viele Menschen nach traumatischen Erlebnissen Beziehungen zu anderen oder früher bedeutsamen Aktivitäten auf. In einer Therapie kannst du gemeinsam mit deiner/m TherapeutIn planen, wie du dir dein Leben wieder zurückerobern kannst.

Konzentrationsschwierigkeiten

Viele Menschen haben nach einem traumatischen Erlebnis Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Dies ist auch eine übliche Reaktion auf ein traumatisches Erlebnis. Es ist frustrierend und beunruhigend, wenn man sich nicht darauf konzentrieren oder daran erinnern kann, was um einen herum geschieht. Diese Erfahrung kann dazu beitragen, dass man denkt, sich selbst nicht mehr im Griff zu haben oder verrückt zu werden. Es ist wichtig zu wissen, dass solche Konzentrationsprobleme wieder vorübergehen. Sie kommen dadurch zustande, dass das Gehirn versucht, mit dem traumatischen Erlebnis fertig zu werden. Es arbeitet daran, das Ereignis im Geiste immer wieder durchzugehen, um es zu verarbeiten. So hat man weniger geistige Kraft zur Konzentration auf andere Dinge zur Verfügung. Auch „kostet“ es viel geistige Kraft, die Erinnerungen an das Ereignis ständig aus dem Kopf zu drängen. Je mehr man das traumatische Erlebnis verarbeitet, desto mehr kehrt auch die Konzentration zurück.

Kontrollverlust

Die meisten Menschen haben während des traumatischen Erlebnisses das Gefühl, dass sie überhaupt nichts tun konnten, um das schlimmste zu verhindern. Viele empfinden, dass sie jegliche Kontrolle über ihre Gefühle, ihren Körper, ihre körperliche Sicherheit oder über ihr Leben verloren haben. Wie du in dem Abschnitt zum Widererleben gelesen hast, ist das Gedächtnis für das traumatische Erlebnis in unverarbeiteter Form gespeichert und so treten Gefühle wie Kontrollverlust aus dem traumatischen Erlebnis in der ursprünglichen intensiven Form wieder auf, wenn man an das Trauma erinnert wird. Das Gefühl des Kontrollverlusts kann so intensiv sein, dass man denk „Ich werde verrückt“ oder „Ich drehe durch“. Hinzu kommt, dass viele Menschen darüber beunruhigt sind, dass ihre Gedanken und Erinnerungen an das traumatische Erlebnis ungewollt auftreten. Dies verstärkt das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Hier ist es wichtig zu erkennen, dass die ungewollten Erinnerungen oft durch Situationen und Reize ausgelöst werden, die entfernt an das Trauma erinnern. Weiterhin ist es wichtig zu erkennen, dass Versuche, die Erinnerungen mit Gewalt zu unterdrücken, sie oft nur noch häufiger auftreten lassen. Schließlich wirst du im Laufe einer Therapie das traumatische Erlebnis verarbeiten uns so dein Gedächtnis für das Ereignis verändern, so dass das ungewollte Widererleben immer seltener und weniger intensiv auftreten wird.

Schuld- und Schamgefühle

In den Wochen und Monaten nach einem traumatischen Ereignis kommt es oft vor, dass Menschen immer wieder darüber nachdenken, was passiert ist und wie sie den Verlauf der Dinge hätten beeinflussen können. Viele machen sich Vorwürfe, dass sie bestimmte Dinge getan oder nicht getan haben oder dass sie anders hätten reagieren sollen. Dies ist mit Schuld- oder Schamgefühlen verbunden. Es ist so, als ob man versucht nach dem Ereignis in Gedanken alles wieder in Ordnung zu bringen und zum Beispiel zu denken: „Wenn ich nur dieses oder jenes getan hätte...“ oder „Wenn ich nur dies nicht gemacht hätte...“, „... dann wäre alles anders gekommen“.

Viele machen sich Vorwürfe, dass sie über das traumatische Ereignis noch nicht hinweggekommen sind. Sie betrachten das als Zeichen ihrer Schwäche oder Unzulänglichkeit, und nicht als normale menschliche Reaktion auf unerträgliche Belastung.

Leider tragen manchmal auch andere Menschen wie Verwandte oder Freunde zu solchen Selbstvorwürfen bei. Denn manche Menschen geben fälschlicherweise den Opfern von Gewalt statt den Tätern die Schuld. Auch versehen andere Menschen teilweise normale Reaktionen auf traumatische Erlebnisse nicht und sagen deshalb, man solle sich einfach zusammenreißen.

Selbstvorwürfe sind nicht hilfreich, weil sie zu Gefühlen der Hilflosigkeit, Depression und geringerem Selbstwert führen.

 

Ärger

Eine weitere, verbreitete Reaktion auf ein traumatisches Ereignis ist Ärger. Dieser Ärger bezieht sich oft auf die Person, die verantwortlich dafür ist, dass man verletzt, missbraucht oder in seinem Leben beeinträchtigt wurde. Aber Ärgergefühle können auch hervorgerufen werden, wenn man durch bestimmte Personen oder Situationen an das Trauma erinnert wird, auch wenn diese nichts damit zu tun haben.

 

Besonders viel Erregung wirst du spüren, wenn du Situationen, Menschen und Reizen begegnest, die dich an das traumatische Erlebnis Erinnern. Wie schon erwähnt haben solche Auslöser oft nur eine entfernte Ähnlichkeit mit dem traumatischen Ereignis und es ist notwendig, ihnen durch Selbstbeobachtung auf die Spur zu kommen.

Teilweise werden die Anzeichen der körperlichen Erregung wie Schlafprobleme durch Dinge verstärkt, mit denen man sie in den Griff bekommen will. Manche solcher Versuche verbessern solche Probleme nicht, sondern machen sie im Gegenteil schlimmer.

 

Die Erregungssymptome werden durch das Gefühl der Gefahr verursacht. Tiere und Menschen reagieren auf vielfältige Art und Weise auf Schreck, Angriff, Bedrohung und Gefahr. Eine Solche Reaktion ist z. B. zu erstarren. Du hast vielleicht schon mal gesehen, wie eine Katze sich zusammenkauert und ganz still bleibt, wenn sie Angst vor einem Hund hat. Eine zweite mögliche Reaktion ist wegzulaufen oder zu fliehen. Eine dritte Reaktion ist zu kämpfen. Für Flucht und Kampf wird Adrenalin benötigt, dies ist ein Hormon, das von einer Drüse, die sich bei den Nieren befindet, ausgeschüttet wird. Adrenalin mobilisiert den Körper und hilft, dass man in angemessener Weise auf echte Gefahr reagiert.

 

Nach einem Trauma erleben Menschen oft einzelne Teile des traumatischen Erlebnisses immer wieder. So kommen dir vielleicht plötzlich unerwartete Bilder oder Geräusche aus dem Erlebnis in den Kopf, oder du nimmst die gleichen Gerüche, den gleichen Geschmack oder die gleichen körperlichen Empfindungen (wie z. B. Kälte, Schmerz) wahr. Oder du hast plötzlich die gleichen Gefühle oder Gedanken wie während des Traumas.

Manchmal ist das Widererleben so lebhaft, dass es so erscheint, als passiere das traumatische Ereignis noch einmal. Vielleicht erlebst du das Trauma auch in Form von Alpträumen wieder. Das Widererleben kommt über einen, ob man es will oder nicht. So könntest du das Gefühl entwickeln, dass du keine Kontrolle mehr darüber hast, wie du dich fühlst, woran du denkst oder was du empfindest, weder am Tag noch in der Nacht.

Es ist eine verständliche Reaktion, wenn man das unangenehme Widererleben des Traumas so schnell wie möglich beiseite schieben und an etwas anderes denken will. Leider hilft dies im Allgemeinen nicht. Wenn du versuchst, die ungewollten Erinnerungen an das Trauma aus deinem Kopf zu verdrängen, so wirst du sie dadurch nicht los, sondern machst sie wahrscheinlich noch hartnäckiger.

Das Widererleben ist ein Zeichen davon, dass das traumatische Erlebnis im Gedächtnis in unverarbeiteter, ungeordneter Form Gespeichert ist – anderes als die Erinnerung für andere Erlebnisse. Das traumatische Erlebnis wird deswegen besonders leicht aus dem Gedächtnis abgerufen und wird dann in "Rohform" wiedererlebt, so als wenn alles noch einmal passieren würde, statt als Erlebnis aus der Vergangenheit. Gleichzeitig ist die Erinnerung an das Erlebnis oft nur bruchstückhaft. Eventuell kannst du dich an Teile davon gar nicht erinnern, oder du bist dir nicht sicher, in welcher Reihenfolge alles passiert ist. Das macht die Erinnerung natürlich besonderes verwirrend und belastend, ist jedoch auch ein Zeichen dafür, dass die Erinnerung an das traumatische Erlebnis noch in unverarbeiteter Form gespeichert ist. Das Widererleben wird weniger lebhaft und seltener, wenn das Gedächtnis für das Erlebnis verarbeitet und geordnet wird.

Vielleicht stellst du es dir so vor, als hättest du einen Schrank im Kopf in dem alles durcheinander liegt ganz viel Ordner in dem Schrank die nicht geordnet sind und in denen alles auch noch durcheinander ist. Irgendwann geht dieser Schrank nicht mehr zu und alles fällt immer wieder raus. In der Therapie werden solche Ordner dann sortiert und wieder richtig in den Schrank eingeräumt und der Schrank kann jederzeit wieder geöffnet werden und auch wieder vernünftig geschlossen werden.

Daher besteht ein Teil der Therapie darin, das traumatische Erlebnis noch mal durchzugehen und zu besprechen.

 

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