index

30 Jahre Leben in Heumaden

Von Gesine Kussmaul

Seit dem 1.12.1970, also seit genau 30 Jahren, lebe ich mit meiner Familie im Stadtbezirk Sillenbuch, genauer gesagt in Heumaden. Das ist wahrlich eine lange Zeit. Das Jahr 1970 war eine Ära unglaublicher Wohnungsknappheit. So konnte auch nach monatelangem Suchen der Wunsch eines jungen kinderlosen Ehepaares nach einer citynahen Wohnung einfach nicht in Erfüllung gehen. Entnervt nahmen wir schließlich das Angebot einer Dachwohnung in Heumaden an. Heumaden ? Hedelfingen ? Heslach ? Wir kannten alles nicht und stellten fast wie bei Schneewittchen fest , daß oben hinter den Bergen beim Fernsehturm nach einer langen Walddurchfahrt Stuttgart noch nicht zu Ende war. Mit der Zeit lernten wir die Vorteile von Heumaden immer mehr schätzen. Ein überschaubarer Stadtteil im Grünen, mit einer sozial gut durchmischten Bevölkerung, einer guten Infrastruktur mit Geschäften, Arztpraxen, Kindergärten, Schulen, Kirchen und einem äußerst blühendem Vereinsleben. Nach der Geburt meiner beiden Töchter wuchsen die mitmenschlichen Kontakte sehr schnell. Ich begann mich heimisch zu fühlen. Der Stadtteil expandierte gerade durch den Bau der "Schlachtschiffe" beim Hochholz. Wenige Jahre später erweiterte sich Heumaden um die Hölzleswiesen, blieb aber weiterhin der freundliche im Grünen gelegene Stadtbezirk. Eine wirklich große städtebauliche Veränderung für den Stadtteil Heumaden entstand 1980 durch die Bebauung des "Kalten Feldes" jenseits der Kirchheimer Straße. Geschaffen wurde der Stadtteil "Heumaden über der Straße", Heimat für fast 3000 Menschen in sozial gemischten Wohneinheiten. Viele junge Familien aus Heumaden erwarben dort Eigentum. Auch wir schlossen uns, wenn auch recht spät, unseren Bekannten und Freunden an. Das Eingewöhnen in einer Trabantensiedlung war nicht leicht. So gab es nur wenige Geschäfte (heute fehlt ein Lebensmittelgeschäft völlig). Soziale Kontakte beschränkten sich meistens auf die unmittelbare Nachbarschaft. Die Trennung durch die Kirchheimer Straße war mehr als nur räumlich. Wiederum waren es die Schulen, Kirchen und die allseits geschätzten Vereine, welche ein Netzwerk von hüben nach drüben knüpften. Die Bebauung von Freiflächen im Stadtbezirk schritt weiter voran. Das "Schweizerviertel" in Riedenberg entstand, der Lederberg wurde bebaut. 1986 kamen die ersten Flüchtlinge nach Heumaden, damals noch untergebracht in Containern in Heumaden über der Straße. Heute leben 450 Flüchtlinge in Sillenbuch, Riedenberg, Heumaden und im Asyldorf Heumaden über der Straße. Weitere einschneidende Veränderungen entstanden durch die Bebauung um den Sillenbucher Markt und des Marktes selbst und die Nachverdichtung in Heumaden zur Sicherung des Ladenzentrums Bildäckerstraße. Die letzte große Infrastrukurmaßnahme war der lange umstrittene, aber von der SPD stets befürwortete Bau der Stadtbahn von Stuttgart bis nach Nellingen. Ich kenne heute niemanden mehr, der dieses moderne Verkehrsmittel nicht begrüßen würde. Rückblickend muß einem die nahezu dörfliche Idylle in den 70er Jahren in unserem Stadtbezirk wie eine heile Welt vorkommen. Wenn man aber ehrlich ist, konnte sie in einem wirtschaftlich blühenden Ballungsraum mit den Ansprüchen seiner Bewohner so nicht erhalten werden. Insbesondere durch allgemein spürbare riesige gesellschaftliche Veränderungen , meist negativer Art, welche auch an unserem Stadtteil nicht spurlos vorbeigehen konnten. Nach all den Verwerfungen in unserer Gesellschaft und all den zusätzlichen Bebauungen sind wir nun im neuen Jahrtausend angekommen. Wie kann es weiter gehen? Ganz sicher müssen nun die verbliebenen Freiflächen bewahrt werden. Dies gilt insbesondere für die Schwende, welche in den 80er-Jahren dank des Engagements der lokalen SPD und ihres Stadtrats knapp einer Bebauung entging. Wir sind unvermeidbar ein wahrhaft städtischer Stadtteil geworden. Doch immer noch liegen wir umrahmt von viel Grün in Feld und Wald, welches zum Spazierengehen und Fahrradfahren einlädt. Wenn wir ehrlich sind, so hat uns die Wirklichkeit unserer modernen Welt eingeholt. Hiergegen hilft nur Schritt halten und sich der Verantwortung stellen. Ich sehe in unserem Stadtbezirk eine starke und verantwortungsvolle Bevölkerung, welche die gewiss nicht kleinen Probleme der Zukunft meistern wird. Weil ich viele davon kennen und schätzen gelernt habe, ist auch in Zukunft mein zu Hause hier im Stadtbezirk Sillenbuch, und natürlich besonders in Heumaden. Gesine Kußmaul (stellv. Bezirksbeirätin, SPD)


Der Beitrag ist erschienen im Sillenbucher "Blättle" (Nussbaum-Verlag) am 01. Dezember 2000 und wurde in diese Website eingestellt am 08. Dezember 2000. Diese Site ist eine Meinungsseite der SPD im Stadtbezirk Sillenbuch. Verantwortlich für den Beitrag ist die genannte Verfasserin. "Blättle"-Texte werden in SILLFORUM-Webseiten in der Version eingestellt, die von den Autoren an die Redaktion geschickt wurde. Redaktionelle Überarbeitungen (Kürzungen aus Platzgründen oder Korrekturen) können zu (geringfügigen) Unterschieden von Print- und Internetversion führen; auch sind Differenzen in den Überschriften möglich.

SILLFORUM -- Das besondere Internet-Angebot für die Stuttgarter Stadtteile Heumaden, Riedenberg und Sillenbuch -- SILLFORUM




Sie sind Besucher Nr.

Kostenlose Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!