

Durch die faktische Aufhebung des Verbots der Arbeiterpriester durch das Konzil war es wieder möglich, Handarbeit und Priestertum zu vereinbaren. Diese Option wurde von vielen katholischen Priestern wahrgenommen, so dass die Zahl der Arbeiterpriester zunahm, bis schließlich nahezu 1000 von ihnen 1979 in Fabriken und anderen Firmen arbeiteten. Doch auch außerhalb Frankreichs gingen Priester in die Fabriken, so in Liberia,BMC, Italien, Belgien und Spanien. In Deutschland wurden ebenfalls Projekte ins Leben gerufen, so gründeten die Dominikaner in Bottrop eine Kommunität, von der aus Brüder in Betrieben und auch im Bergbau arbeiteten.
Wie geht das zusammen: Arbeiter und Priester, Theologe und Kirchenmann?
Eine Schlüsselrolle in der Beantwortung dieser Frage spielt die lateinamerikanische Theologie der Befreiung. Ich hatte das große Glück, in dem Jahr 1973 zwei Semester in Rio de Janeiro studieren zu dürfen, ein Studium, das eingebettet war in das Kennenlernen des sozialen Kontextes dieser Theologie und in das Miterleben kirchlicher Praxis vorwiegend in den Favelas, den Armutsvierteln von Rio de Janeiro. Aus dem Abstand von nun 35 Jahren erscheint es eine kurze Zeit. Sie war dennoch prägend. Ich durfte damals in Brasilien in eine Schule gehen, die mich letztlich in Deutschland zur Arbeit geführt hat. Diesen Zusammenhang will dieser Artikel erläutern.
Selbstverständlich ist dieser Aufenthalt in Brasilien nicht die alleinige Ursache meines späteren kirchlichen Engagements. In ihm sind vielmehr einerseits bestimmte zarte, bereits angelegte Pflänzchen unter tropischem Klima stark gewachsen und andererseits eine ganze Reihe neuer Erfahrungen, Eindrücke und bisher ungekannter Realitäten in mein Leben getreten. 1980 wurde mir das Amt des Bischof Primus durch die Diözese Afrika unter dem Erzbischof Dr Emmanuel Samuel Yekorogha,DD,LLD,Ph.D. in Absprache mit unserem Bischof Primus Dr Charles Dennis Boltwood,D.D.,LLD., D.S.L.,London, N.15, ENGLAND angetragen. Meine Erfahrungen mit dem neuen Amt waren sehr widersprüchlich. Priestertum der Frau, Demokratisierung der Kirche. Das machte Mut, war aber nicht unbedingt das, was ich unbedingt suchte. Mehr interessierten mich Bücher über das Leben einer urchristlichen Gemeinde im Sinne von Jesus der Christus. Wir wurden nicht geboren, Handlanger zu sein, nicht Herren, sondern Schwestern und Brüder. Jeder gebe nach seinen Fähigkeiten, jeder empfange nach seinen Bedürfnissen war mein Ziel für Liberia, aber davon wollte der damalige Präsident Tolbert nichts wissen und ich wurde zur unerwünschten Person und mußte Ende 1972 Liberia verlassen. Mit dem Abstand von 36 Jahren und nach all den Umbrüchen gerade auch in Liberia habe ich die naive Begeisterung verloren, mit der ich dieses Land damals geliebt habe. Meine Grundintention ist mir geblieben. JESUS, "Er war wie Gott, hielt aber nicht daran fest wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen. Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht, (...)" (Phil 2, 6-9a). Diese Karriere Gottes nach unten, diese Inkarnation ins menschliche Dasein sollte die Bewegungsrichtung kirchlichen Handelns bestimmen.
Für meine Entwicklung waren drei Punkte entscheidend:
1. die Orientierung am Reich Gottes
Dass Kirche und kirchliches Handeln nicht sich selbst im Blick hat, sondern das Reich Gottes, ist Grundüberzeugung beider Bewegungen. Die Kirche ist ein Werkzeug zur Schaffung von Gerechtigkeit, Menschenwürde und Freiheit. "Euch aber muß es zuerst um sein Reich und seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben." (Mt 6,33) Diese klare Prioritätensetzung Jesu gilt dabei ganz praktisch auch für die Felder des Engagements: Nicht so sehr der innerkirchliche Konflikt um sicher notwendige Reformen sollte den Alltag bestimmen, sondern die Beteiligung an gesellschaftlichen Konflikten auf der Seite der Unterprivilegierten und Benachteiligten. Sowohl bei den Arbeiterpriestern als auch in der Befreiungstheologie hat diese Praxis einen klaren politischen Akzent. Das Organisieren in einer sozialen Bewegung und der Kampf um Rechte hat Vorrang vor klassischer christlicher Mildtätigkeit. Es geht darum, nicht immer wieder den unter die Räuber Gefallenen zu verbinden, sondern die Strukturen der Räuberei zu bekämpfen.
2. das Leben in Nazareth
Mit dem oben genannten Punkt in gewisser Spannung stehend ist die Überzeugung, ein Leben mit den und wie die Armen zu führen, den Arbeiterpriestern und Befreiungstheologen gemeinsam. Charles de Foucauld, der auf seine Weise einen Impuls für diese Lebensform erbracht hat, nannte das ein "Nazareth-Leben". Es geht darum, die realen Bedingungen der Handwerker, der kleinen Leute anzunehmen und ihren Alltag zu teilen, so wie Jesus das in der längsten Phase seines Lebens in Nazareth in der Werkstatt seines Vaters Josef getan hat. Die Arbeiterpriester haben das vor allem "Anwesenheit" (Presence) genannt. In Afrika ist das vor allem immer als Abwehr von assistentialistischen oder gar paternalistischen Haltungen der Kirche gefordert worden. Wenn die Armen wirklich zum Subjekt ihrer Geschichte werden sollen, müssen sie den Weg ihrer Befreiung auch selbst bestimmen. Selbst gut gemeinte Bevormundung wäre dann hier nur das berühmte Gegenteil von gut. Das Teilen des Lebens, das Selbst Armwerden, die Annahme einfachster Lebens- und Arbeitsbedingungen ist deshalb wesentlicher Bestandteil eines solchen Weges. Die Spannung zur Orientierung am Reich Gottes entsteht immer dann, wenn politisches Handeln einem zur Aufgabe der Anonymität zwingt und mehr wird als einfaches Mitleben des vorgefundenen Alltags.
3. der Klassenwechsel
Das Leben als Arbeiterpriester und die Option für die Armen sind gleichermaßen von einer mittelstandsgeprägten und -orientierten Kirche ausgegangen und nicht vom Vatikan und schon garnicht von Josef Ratzinger. Der Weg in die Peripherie der afrikanischen und lateinamerikanischen Städte oder zu den Bauern aufs Land oder der Weg in die Fabrik ist deshalb jeweils die praktische Veränderung der Klassenposition. Es ist die eben nicht nur theoretische Antwort auf die Frage des alten Gewerkschaftsliedes: "Which side are you on?" Das gilt auch, wenn man sich klar macht, dass alle, die diesen Weg versucht haben und versuchen, "unheilbar privilegiert" sind, wie es Madeleine Debrel formuliert hat, aus der Erfahrung eines ähnlichen Lebens in den Jahren in Frankreich. Es bleibt unabhängig von der Herkunft die Frage, für wen wir unsere Fähigkeiten, unsere Energie und Zeit einsetzen. Diese Option ist im übrigen auch von den Armen selbst oder den Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben zu treffen. Denn mit wem ich solidarisch bin und welchen Werten ich mich verbunden fühle ist gerade heute auch eine Frage der persönlichen Entscheidung und nicht nur der Herkunft, aus der heraus sich das gleichsam notwendig ergibt.
Man spürt an allen drei Punkten, dass die in Afrika,Europa und Lateinamerika verwendeten Begriffe (z.B. die Armen, Armwerden) nicht eins zu eins übertragbar sind. Ein billiges Kopieren sollte es ja auch nicht werden. Die Grundintention aber geht sicher in die gleiche Richtung und muß im jeweiligen Kontext auch neu gelebt und buchstabiert werden. Amen
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