DIE INFANTILE SEXUALITÄT
Durch ihre ätiologische Forschung geriet die Psychoanalyse in die
Lage, sich mit einem Thema zu beschäftigen, dessen Existenz vor
ihr kaum vermutet worden war. Man hatte sich in der
Wissenschaft daran gewöhnt, das Sexualleben mit der Pubertät
beginnen zu lassen, und Äußerungen kindlicher Sexualität als
seltene Anzeichen von abnormer Frühreife und Degeneration
beurteilt. Nun enthüllte die Psychoanalyse eine Fülle von ebenso
merkwürdigen als regelmäßigen Phänomenen, durch die man
gezwungen wurde, den Beginn der Sexualfunktion beim Kinde fast
mit dem Anfang des extrauterinen Lebens zusammenfallen zu
lassen, und man fragte sich erstaunt, wie es möglich gewesen sei,
dies alles zu übersehen. Die ersten Einsichten in die kindliche
Sexualität waren zwar durch analytische Erforschung Erwachsener
gewonnen und demnach mit all den Zweifeln und Fehlerquellen
behaftet, die man einer so späten Rückschau zutrauen konnte,
aber als man später (von 1908 an) begann, Kindere selbst zu
analysieren und unbefangen zu beobachten, gewann man für allen
tatsächlichen Inhalt der neuen Auffassung die direkte Bestätigung.
Die kindliche Sexualität zeigte in manchen Stücken ein anderes
Bild als die der Erwachsenen und überraschte durch zahlreiche
Züge von dem, was bei Erwachsenen als "Perversion" verurteilt
wurde. Man mußte den Begriff des Sexuellen erweitern, bis er
mehr umfaßte als das Streben nach der Vereinigung der beiden
Geschlechter im Sexualakt oder nach der Hervorrufung
bestimmter Lustempfindungen an den Genitalien. Aber diese
Erweiterung belohnte sich dadurch, daß es möglich wurde,
kindliches, normales und perverses Sexualleben aus einem
Zusammenhange zu begreifen.
Die analytische Forschung des Referenten verfiel zunächst in den
Irrtum, die Verführung als Quelle der kindlichen
Sexualäußerungen und Keim der neurotischen Symptombildung
weit zu überschätzen. Die Überwindung dieser Täuschung gelang,
als sich die außerordentlich große Rolle der Phantasietätigkeit
im Seelenleben der Neurotiker erkennen ließ, die für die Neurose
offenbar maßgebender war als die äußere Realität. Hinter diesen
Phantasien kam dann das Material zum Vorschein, welches
folgende Schilderung von der Entwicklung der Sexualfunktion zu
geben gestattet.
DIE ENTWICKLUNG DER LIBIDO
Der Sexualtrieb, dessen dynamische Äußerung im Seelenleben
"Libido" genannt sei, ist aus Partialtrieben zusammengesetzt, in die
er auch wieder zerfallen kann, und die sich erst allmählich zu
bestimmten Organisationen vereinigen. Quelle dieser Partialtriebe
sind die Körperorgane, besonders gewisse ausgezeichnete
erogene Zonen, aber Beiträge zur Libido werden auch von allen
wichtigen funktionellen Vorgängen im Körper geliefert. Die
einzelnen Partialtriebe streben zunächst unabhängig voneinander
nach Befriedigung, werden aber im Lauf der Entwicklung immer
mehr zusammengefaßt, zentriert. Als erste (prägenitale)
Organisationsstufe läßt sich die orale erkennen, in welcher
entsprechend dem Hauptinteresse des Säuglings die Mundzone
die Hauptrolle spielt. Ihr folgt die sadistisch-anale Organisation,
in welcher der Partialtrieb des Sadismus und die Afterzone sich
besonders hervortun; der Geschlechtsunterschied wir hier durch
den Gegensatz von aktiv und passiv vertreten. Die dritte und
endgiltige Organisationsstufe ist die Zusammenfassung der meisten
Partialtriebe unter dem Primat der Genitalzonen. Diese
Entwicklung wird in der Regel rasch und unauffällig durchlaufen,
doch bleiben einzelne Anteile der Triebe auf den Vorstufen des
Endausganges stehen und ergeben so die Fixierungen der Libido,
welche als Dispositionen für spätere Durchbrüche verdrängter
Strebungen wichtig sind und zur Entwicklung von späteren
Neurosen und Perversionen in bestimmter Beziehung stehen.
(Siehe Libidotheorie.)
OBJEKTFINDUNG UND ÖDIPUS-KOMPLEX
Der orale Partialtrieb findet zuerst seine Befriedigung in
Anlehnung an die Sättigung des Nahrungsbedürfnisses und sein
Objekt in der Mutterbrust. Ert löst sich dann ab, wird selbständig
und gleichzeitig autoerotisch, d. h. er findet sein Objekt am
eigenen Körper. Auch andere Partialtriebe benehmen sich zuerst
autoerotisch und werden erst später auf ein fremdes Objekt
gelenkt. Von besonderer Bedeutung ist es, daß die Partialtriebe
der Genitalzone regelmäßig eine Periode intensiver autoerotischer
Befriedigung durchmachen. Für die endgiltige Genitalorganisation
der Libido sind nicht alle Partialtriebe gleich verwendbar, einige
von ihnen (z._B. die analen) werden darum beiseite gelassen,
unterdrückt oder unterliegen komplizierten Umwandlungen.
Schon in den ersten Kinderjahren (etwa von 2 bis 5 Jahren) stellt
sich eine Zusammenfassung der Sexualstrebungen her, deren
Objekt beim Knaben die Mutter ist. Diese Objektwahl nebst der
dazugehörigen Einstellung von Rivalität und Feindseligkeit gegen
den Vater ist der Inhalt des sogenannten Ödipus-Komplexes,
dem bei allen Menschen die größte Bedeutung für die
Endgestaltung des Liebeslebens zukommt. Man hat es als
charakteristisch für den Normalen hingestellt, daß er den
Ödipus-Komplex bewältigen lernt, während der Neurotiker an
ihm haften bleibt.
DIE SEXUALENTWICKLUNG
Der zweizeitige Ansatz der Sexualentwicklung.
Diese Frühperiode des Sexuallebens findet gegen das fünfte Jahr
hin normalerweise ein Ende und wird von einer Zeit mehr oder
minder vollständiger Latenz abgelöst, während welcher die
ethischen Einschränkungen als Schutzbildungen gegen die
Wunschregungen des Ödipus-Komplexes aufgebaut werden. In
der darauffolgenden Zeit der Pubertät erfährt der
Ödipus-Komplex eine Neubelebung im Unbewußten und geht
seinen weiteren Umbildungen entgegen. Erst die Pubertätszeit
entwickelt die Sexualtriebe zu ihrer vollen Intensität; die Richtung
dieser Entwicklung und alle daran haftenden Dispositionen sind
aber bereits durch die vorher abgelaufene infantile Frühblüte der
Sexualität bestimmt. Diese zweizeitige, durch die Latenzzeit
unterbrochene Entwicklung der Sexualfunktion scheint eine
biologische Besonderheit der menschlichen Art zu sein und die
Bedingung für die Entstehung der Neurosen zu enthalten.
DIE VERDRÄNUNGSLEHRE
Der Zusammenhalt dieser theoretischen Erkenntnisse mit den
unmittelbaren Eindrücken der analytischen Arbeit führt zu einer
Auffassung der Neurosen, die in ihren rohesten Umrissen etwa so
lautet: Die Neurosen sind der Ausdruck von Konflikten zwischen
dem Ich und solchen Sexualstrebungen, die dem Ich als
unverträglich mit seiner Integrität oder seinen ethischen
Ansprüchen erscheinen. Das Ich hat diese nicht ichgerechten
Strebungen verdrängt, d. h. ihnen sein Interesse entzogen und sie
vom Bewußtwerden wie von der motorischen Abfuhr zur
Befriedigung abgesperrt. Wenn man in der analytischen Arbeit
versucht, diese verdrängten Regungen bewußt zu machen,
bekommt man die verdrängenden Kräfte als Widerstand zu
spüren. Aber die Leistung der Verdrängung versagt an den
Sexualtrieben besonders leicht. Deren aufgestaute Libido schafft
sich vom Unbewußten her andere Auswege, indem sie auf frühere
Entwicklungsphasen und Objekteinstellungen regrediert und dort,
wo sich infantile Fixierungen vorfinden, an den schwachen Stellen
der Libidoentwicklung zum Bewußtsein und zur Abfuhr
durchbricht. Was so entsteht, ist ein Symptom und demnach im
Grunde eine sexuelle Ersatzbefriedigung, aber auch das Symptom
kann sich dem Einfluß der verdrängenden Kräfte des Ichs noch
nicht ganz entziehen, so daß es sich Abänderungen und
Verschiebungen gefallen lassen muß, - ganz ähnlich wie der Traum
- durch welche sein Charakter als Sexualbefriedigung unkenntlich
wird. Das Symptom erhält so den Charakter einer
Kompromißbildung zwischen den verdrängten Sexualtrieben und
den verdrängenden Ichtrieben, einer gleichzeitigen aber beiderseits
unvollkommenen Wunscherfüllung für beide Partner des Konflikts.
Dies gilt in voller Strenge für die Symptome der Hysterie, während
an den Symptomen der Zwangsneurose häufig der Anteil der
verdrängenden Instanz durch Herstellung von Reaktionsbildungen
(Sicherungen gegen die Sexualbefriedigung) zu stärkerem
Ausdruck kommt.
DIE ÜBERTRAGUNG
Wenn es noch eines weiteren Beweises für den Satz bedürfte, daß
die Triebkräfte der neurotischen Symptombildung sexueller Natur
sind, so würde er in der Tatsache gefunden werden, daß sich
regelmäßig während der analytischen Behandlung eine besondere
Gefühlsbeziehung des Patienten zum Arzt herstellt, welche weit
über das rationelle Maß hinausgeht, von der zärtlichsten
Hingebung bis zur hartnäckigsten Feindseligkeit variiert, und alle
ihre Eigentümlichkeiten früheren, unbewußt gewordenen
Liebeseinstellungen des Patienten entlehnt. Diese Übertragung,
welche sowohl in ihrer positiven wie in ihrer negativen Form in den
Dienst des Widerstandes tritt, wird in den Händen des Arztes
zum mächtigsten Hilfsmittel der Behandlung und spielt in der
Dynamik des Heilungsvorganges eine kaum zu überschätzende
Rolle.
DIE GRUNDPFEILER DER PSYCHOANALYSE
Die Grundpfeiler der psychoanalytischen Theorie.
Die Annahme unbewußter seelischer Vorgänge, die Anerkennung
der Lehre vom Widerstand und der Verdrängung, die
Einschätzung der Sexualität und des Ödipus-Komplexes sind die
Hauptinhalte der Psychoanalyse und die Grundlagen ihrer Theorie,
und wer sie nicht alle gutzuheißen vermag, sollte sich nicht zu den
Psychoanalytikern zählen.
Weitere Schicksale der Psychoanalye.
Etwa so weit als im Vorstehenden angedeutet, war die
Psychoanalyse durch die Arbeit des Referenten vorgeschritten,
der sie durch länger als ein Jahrzehnt allein vertrat. Im Jahre 1906
begannen die Schweizer Psychiater E. Bleuler und C. G. Jung
lebhaften Anteil an der Analyse zu nehmen, 1907 fand in Salzburg
eine erste Zusammenkunft ihrer Anhänger statt, und bald sah sich
die junge Wissenschaft im Mittelpunkt des Interesses der
Psychiater wie der Laien. Die Art der Aufnahme in dem
autoritätssüchtigen Deutschland war gerade nicht rühmlich für die
deutsche Wissenschaft und forderte selbst einen so kühlen
Parteigänger wie E. Bleuler zu einer energischen Abwehr heraus.
Doch vermochten alle offiziellen Verurteilungen und Erledigungen
auf Kongressen das innere Wachstum und die äußere Ausbreitung
der Psychoanalyse nicht aufzuhalten, welche nun im Laufe der
nächsten zehn Jahre weit über die Grenzen Europas vordrang und
besonders in den Vereinigten Staaten Amerikas populär wurde,
nicht zum mindesten dank der Förderung oder Mitarbeitschaft von
J. Putnam (Boston), Ernest Jones (Toronto, später London),
Flournoy (Genf), Ferenczi (Budapest), Abraham (Berlin) und
vieler anderer. Das über die Psychoanalyse verhängte Anathem
veranlaßte ihre Anhänger sich zu einer internationalen Organisation
zusammenzuschließen, welche in diesem Jahre (1922) ihren achten
Privatkongreß in Berlin abhält und gegenwärtig die Ortsgruppen:
Wien, Budapest, Berlin, Holland, Zürich, London, New York,
Kalkutta und Moskau umfaßt. Auch der Weltkrieg unterbrach
diese Entwicklung nicht. 1918/19 wurde von Dr. Anton v. Freund
(Budapest) der Internationale Psychoanalytische Verlag
gegründet, der die der Psychoanalyse dienenden Zeitschriften und
Bücher publiziert, 1920 wurde von Dr. M. Eitingon die erste
"Psychoanalytische Poliklinik" zur Behandlung mittelloser
Nervöser in Berlin eröffnet. Übersetzungen der Hauptwerke des
Referenten ins Französische, Italienische und Spanische, die eben
jetzt vorbereitet werden, bezeugen das Erwachen des Interesses
für die Psychoanalyse auch in der romanischen Welt. In den
Jahren 1911 bis 1913 zweigten von der Psychoanalyse zwei
Richtungen ab, welche offenbar bestrebt waren, die
Anstößigkeiten derselben zu mildern. Die eine, von C. G. Jung
eingeschlagene, suchte ethischen Ansprüchen gerecht zu werden,
entkleidete den Ödipus-Komplex seiner realen Bedeutung durch
symbolisierende Umwertung und vernachlässigte in der Praxis die
Aufdeckung der vergessenen, "prähistorisch" zu nennenden
Kindheitsperiode. Die andere, die Alf. Adler in Wien zum
Urheber hat, brachte manche Momente der Psychoanalyse unter
anderem Namen wieder, z.B. die Verdrängung in sexualisierter
Auffassung als "männlichen Protest", sah aber sonst vom
Unbewußten und von den Sexualtrieben ab und versuchte
Charakter- wie Neurosenentwicklung auf den Willen zur Macht
zurückzuführen, der die aus Organminderwertigkeiten drohenden
Gefahren durch Überkompensation hintanzuhalten strebt. Beide
systemartig ausgebauten Richtungen haben die Entwicklung der
Psychoanalyse nicht nachhaltig beeinflußt; von der Adlerschen ist
bald klar geworden, daß sie mit der Psychoanalyse, die sie
ersetzen wollte, zu wenig gemeinsam hat.
DER NARZISSMUS
Neuere Fortschritte der Psychoanalyse.
Seitdem die Psychoanalyse Arbeitsgebiet einer so großen Zahl
von Beobachtern geworden ist, hat sie Bereicherungen und
Vertiefungen gewonnen, denen in diesem Aufsatz leider nur die
knappste Erwähnung zuteil werden kann.
Ihr wichtigster theoretischer Fortschritt war wohl die Anwendung
der Libidolehre auf das verdrängende Ich. Man kam dazu, sich
das Ich selbst als ein Reservoir von - narzißtisch genannter -
Libido vorzustellen, aus welchen die Libidobesetzungen der
Objekte erfließen und in welches diese wieder eingezogen werden
können. Mit Hilfe dieser Vorstellung wurde es möglich, an die
Analyse des Ichs heranzutreten und die klinische Scheidung der
Psychoneurosen in Übertragungsneurosen und narzißtische
Affektionen vorzunehmen. Bei den ersteren (Hysterie und
Zwangsneurose) ist ein nach Übertragung auf fremde Objekte
strebendes Maß von Libido verfügbar, welches zur Durchführung
der analytischen Behandlung in Anspruch genommen wird; die
narzißtischen Störungen (Dementia praecox, Paranoia,
Melancholie) sind im Gegenteil durch die Abziehung der Libido
von den Objekten charakterisiert und darum der analytischen
Therapie kaum zugänglich. Diese therapeutische Unzulänglichkeit
hat aber die Analyse nicht behindert, die reichhaltigsten Ansätze
zum tieferen Verständnis dieser den Psychosen zugerechneten
Leiden zu machen.
DIE WENDUNG DER TECHNIK
Nachdem die Ausbildung der Deutungstechnik sozusagen die
Wißbegierde des Analytikers befriedigt hatte, mußte sich das
Interesse dem Problem zuwenden, auf welchen Wegen die
zweckdienlichste Beeinflussung des Patienten zu erreichen sei. Es
ergab sich bald als die nächste Aufgabe des Arztes, dem Patienten
zur Kenntnis und später zur Überwindung der Widerstände zu
verhelfen, die während der Behandlung bei ihm auftreten und die
ihm anfänglich selbst nicht bewußt sind. Auch erkannte man
gleichzeitig, daß das wesentliche Stück der Heilungsarbeit in der
Überwindung dieser Widerstände besteht, und daß ohne diese
Leistung eine dauerhaft seelische Veränderung des Patienten nicht
erzielt werden kann. Seitdem sich die Arbeit des Analytikers so
auf den Widerstand des Kranken einstellt, hat die analytische
Technik eine Bestimmtheit und Feinheit gewonnen, die mit der
chirurgischen Technik wetteifert. Es ist also dringend davon
abzuraten, daß man ohne strenge Schulung psychoanalytische
Behandlung unternimmt, und der Arzt, der solches im Vertrauen
auf sein staatlich anerkanntes Diplom wagt, ist um nichts besser als
ein Laie.
PSYCHOANALYSE ALS THERAPEUTISCHE METHODE
Die Psychoanalyse hat sich nie für eine Panazee ausgegeben oder
beansprucht, Wunder zu tun. Auf einem der schwierigsten Gebiete
ärztlicher Tätigkeit ist sie für einzelne Leiden die einzig mögliche,
für andere die Methode, welche die besten oder dauerhaftesten
Resultate liefert, niemals ohne entsprechenden Aufwand an Zeit
und Arbeit. Dem Arzt, welcher nicht ganz in der Aufgabe der
Hilfeleistung aufgeht, lohnt sie die Mühe reichlich durch ungeahnte
Einsichten in die Verwicklungen des seelischen Lebens und die
Zusammenhänge zwischen Seelischem und Leiblichem. Wo sie
gegenwärtig nicht Abhilfe, sondern nur theoretisches Verständnis
bieten kann, bahnt sie vielleicht den Weg für eine spätere direktere
Beeinflussung der neurotischen Störungen. Ihr Arbeitsgebiet sind
vor allem die beiden Übertragungsneurosen, Hysterie und
Zwangsneurose, bei denen sie zur Aufdeckung der inneren
Struktur und der wirksamen Mechanismen beigetragen hat,
außerdem aber alle Arten von Phobien, Hemmungen,
Charakterverbildungen, sexuelle Perversionen und
Schwierigkeiten des Liebeslebens. Nach Angaben einiger
Analytiker ist auch die analytische Behandlung grober
Organerkrankungen nicht aussichtslos (Jelliffe, Groddeck, Felix
Deutsch), da nicht selten ein psychischer Faktor an der Entstehung
und Erhaltung dieser Affektionen mit beteiligt ist. Da die
Psychoanalyse ein Maß von psychischer Plastizität bei ihren
Patienten in Anspruch nimmt, muß sie sich bei deren Auswahl an
gewisse Altersgrenzen halten, und da sie eine lange und intensive
Beschäftigung mit dem einzelnen Kranken bedingt, wäre es
unökonomisch, solchen Aufwand an völlig wertlose Individuen,
die nebenbei auch neurotisch sind, zu vergeuden. Welche
Modifikationen erforderlich sind, um das psychoanalytische
Heilverfahren breiteren Volksschichten zugänglich zu machen un schwächeren Intelligenzen anzupassen, muß erst die Erfahrung an
poliklinischem Material lehren.
IHR VERGLEICH MIT HYPNOTISCHEN UND SUGGESTIVEN METHODEN
Das psychoanalytische Verfahren unterscheidet sich von allen
suggestiven, persuasiven u._dgl. darin, daß es kein seelischen
Phänomen beim Patienten durch Aurorität unterdrücken will. Es
sucht die Verursachung des Phänomens zu ergründen und es
durch dauernde Veänderung seiner Entstehungsbedingungen
aufzuheben. Den unvermeidlichen suggestiven Einfluß des Arztes
lenkt man in der Psychoanalyse auf die dem Kranken zugeteilte
Aufgabe, seine Widerstände zu überwinden, d. h. die
Heilungsarbeit zu leisten. Gegen die Gefahr, die
Erinnerungsangaben des Kranken suggestiv zu verfälschen, schützt
man sich durch vorsichtige Handhabung der Technik. Im
allgemeinen ist man aber gerade durch die Erweckung der
Widerstände gegen irreführende Wirkungen des suggestiven
Einflusses geschützt. Als das Ziel der Behandlung kann hingestellt
werden, durch die Aufhebung der Widerstände und Nachprüfung
der Verdrängungen des Kranken die weitgehendste
Vereinheitlichung und Stärkung seines Ichs herbeizuführen, ihn den
psychischen Aufwand für innere Konflikte zu ersparen, das beste
aus ihm zu gestalten, was er nach Anlagen und Fähigkeiten
werden kann, und ihn so nach Möglichkeit leistungs- und
genußfähig zu machen. Die Beseitigung der Leidenssymptome
wird nicht als besonderes Ziel angestrebt, sondern ergibt sich bei
regelrechter Ausführung der Analyse gleichsam als Nebengewinn.
Der Analytiker respektiert die Eigenart des Patienten, sucht ihn
nicht nach seinen - des Arztes - persönlichen Idealen umzumodeln
und freut sich, wenn er sich Ratschläge ersparen und dafür die
Initiative des Analysierten wecken kann.
IHR VERHÄLTNIS ZUR PSYCHATRIE
Die Psychiatrie ist gegenwärtig eine wesentlich deskriptive und
klassifizierende Wissenschaft, welche immer noch mehr somatisch
als psychologisch orientiert ist, und der es an
Erklärungsmöglichkeiten für die beobachteten Phänomene fehlt.
Die Psychoanalyse steht aber nicht im Gegensatz zu ihr, wie man
nach dem nahezu einmütigen Verhalten der Psychiater glauben
sollte. Sie ist vielmehr als Tiefenpsychologie, Psychologie der
dem Bewußtsein entzogenen Vorgänge im Seelenleben, dazu
berufen, ihr den unerläßlichen Unterbau zu liefern und ihren
heutigen Einschränkungen abzuhelfen. Die Zukunft wird
voraussichtlich eine wissenschaftliche Psychiatrie erschaffen,
welcher die Psychoanalyse als Einführung gedient hat.
KRITIKEN UND MISSVERSTÄNDNISSE DER PSYCHOANALYSE
Das meiste, was auch in wissenschaftlichen Werken gegen die
Psychoanalyse vorgebracht wird, beruht auf ungenügender
Information, die ihrerseits durch affektive Widerstände begründet
scheint. So ist es irrig, der Psychoanalyse "Pansexualismus"
vorzuwerfen und ihr nachzusagen, daß sie alles seelische
Geschehen von der Sexualität ableite und auf sie zurückführe. Die
Psychoanalyse hat vielmehr von allem Anfang an die Sexualtriebe
von anderen unterschieden, die sie vorläufig "Ichtriebe" genannt
hat. Es ist ihr nie eingefallen, "Alles" erklären zu wollen, und selbst
die Neurosen hat sie nicht aus der Sexualität allein, sondern aus
dem Konflikt zwischen den sexuellen Strebungen und dem Ich
abgeleitet. Der Name Libido bedeutet in der Psychoanalyse
(außer bei C. G. Jung) nicht psychische Energie schlechtweg,
sondern die Triebkraft der Sexualtriebe. Gewisse Behauptungen,
wie daß jeder Traum eine sexuelle Wunscherfüllung sei, sind
überhaupt niemals aufgestellt worden. Der Vorwurf der
Einseitigkeit ist gegen die Psychoanalyse, die als Wissenschaft
vom seelisch Unbewußten ihr bestimmtes und beschränktes
Arbeitsgebiet hat, ebenso unangebracht, wie wenn man ihn gegen
die Chemie erheben würde. Ein böses und nur durch Unkenntnis
gerechtfertigtes Mißverständnis ist es, wenn man meint, die
Psychoanalyse erwarte die Heilung neurotischer Beschwerden von
"freien Ausleben" der Sexualität. Das Bewußtmachen der
verdrängten Sexualgelüste in der Analyse ermöglicht vielmehr eine
Beherrschung derselben, die durch die vorgängige Verdrängung
nicht zu erreichen war. Man kann mit mehr Recht sagen, daß die
Analyse den Neurotiker von den Fesseln seiner Sexualität befreit.
Es ist ferner durchaus unwissenschaftlich, die Psychoanalyse
danach zu beurteilen, ob sie geeignet ist, Religion, Autorität und
Sittlichkeit zu untergraben, da sie wie alle Wissenschaft durchaus
tendenzfrei ist und nur die eine Absicht kennt, ein Stück der
Realität widerspruchsfrei zu erfassen. Endlich darf man es
geradezu als einfaltig bezeichnen, wenn man auf die Befürchtung
stößt, die sogenannten höchsten Güter der Menschheit,
Forschung, Kunst, Liebe, sittliches und soziales Empfinden,
würden ihren Wert oder ihre Würde einbüßen, weil die
Psychoanalyse in der Lage ist, deren Abkunft von elementaren,
animalischen Triebregungen aufzuzeigen.
DIE NICHT MEDIZINISCHEN ANWENDUNGEN UND
BEZIEHUNGEN DER PSYCHOANALYSE
Die Würdigung der Psychoanalyse würde unvollständig sein, wenn
man versäumte mitzuteilen, daß sie als die einzige unter den
medizinischen Disziplinen die breitesten Beziehungen zu den
Geisteswissenschaften hat und im Begriffe ist, für Religions- und
Kulturgeschichte, Mythologie und Literaturwissenschaft eine
ähnliche Bedeutung zu gewinnen wie für die Psychiatrie. Dies
könnte Wunder nehmen, wenn man erwägt, daß sie ursprünglich
kein anderes Ziel hatte als das Verständnis und die Beeinflussung
neurotischer Symptome. Allein es ist leicht anzugeben, an welcher
Stelle die Brücke zu den Geisteswissenschaften geschlagen wurde.
Als die Analyse der Träume Einsicht in die unbewußten seelischen
Vorgänge gab und zeigte, daß die Mechanismen, welche die
pathologischen Symptome schaffen, auch im normalen
Seelenleben tätig sind, wurde die Psychoanalyse zur
Tiefenpsychologie und als solche der Anwendung auf die
Geisteswissenschaften fähig, konnte eine gute Anzahl von Fragen
lösen, vor denen die schulgemäße Bewußtseinspsychologie ratlos
Halt machen mußte. Frühzeitig schon stellten sich die Beziehungen
zur menschlichen Phylogenese her. Man erkannte, wie häufig die
pathologische Funktion nichts anderes ist als Regression zu einer
früheren Entwicklungsstufe der normalen. C. G. Jung wies zuerst
nachdrücklich auf die überraschende Übereinstimmung zwischen
den wüsten Phantasien der Dementia-praecox-Kranken mit den
Mythenbildungen primitiver Völker hin; Referent machte
aufmerksam, daß die beiden Wunschregungen, welche den
Ödipus-Komplex zusammensetzen, sich inhaltlich voll mit den
beiden Hauptverboten des Totemismus decken (den Ahnherrn
nicht zu töten und kein Weib der eigenen Sippe zu ehelichen), und
zog daraus weitgehende Schlüsse. Die Bedeutung des
Ödipus-Komplexes begann zu gigantischem Maß zu wachsen,
man gewann die Ahnung, daß staatliche Ordnung, Sittlichkeit,
Recht und Religion in der Urzeit der Menschheit miteinander als
Reaktionsbildung auf den Ödipus-Komplex entstanden seien.
Otto Rank warf helle Lichter auf Mythologie und
Literaturgeschichte durch Anwendung der psychoanalytischen
Einsichten, ebenso Th. Reik auf die Geschichte der Sitten und
Religionen, der Pfarrer O. Pfister (Zürich) weckte das Interesse
der Seelsorger und Lehrer und ließ den Wert psychoanalytischer
Gesichtspunkte für die Pädagogik verstehen. Weitere
Ausführungen über diese Anwendungen der Psychoanalyse sind
hier nicht am Platze; möge die Bemerkung genügen, daß deren
Ausdehnung noch nicht abzusehen ist.
ChARAKTER DER PSYCHOANALYSE ALS EMPIRISCHE WISSENSCHAFT
Die Psychoanalyse ist kein System wie die philosophischen, das
von einigen scharf definierten Grundbegriffen ausgeht, mit diesen
das Weltganze zu erfassen sucht, und dann, einmal fertig gemacht,
keinen Raum mehr hat für neue Funde und bessere Einsichten. Sie
haftet vielmehr an den Tatsachen ihres Arbeitsgebietes, sucht die
nächsten Probleme der Beobachtung zu lösen, tastet sich an der
Erfahrung weiter, ist immer unfertig, immer bereit, ihre Lehren
zurechtzurücken oder abzuändern. Sie verträgt es so gut wie die
Physik oder die Chemie, daß ihre obersten Begriffe unklar, ihre
Voraussetzungen vorläufige sind, und erwartet eine schärfere
Bestimmung derselben von zukünftiger Arbeit.