Die Sprache Wolhyniens
Standarddeutsch Plautdietsch Woliniendeitsch
Freide, schener Getterfunken,
Tochter aus Elisium,
Wir betreten feiertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode Schwert geteilt;
Bettler werden Firschtenbrieder,
Wo dein sanfter Fliegel weilt.
Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Brieder, iberm Sternenzelt
Muss ein lieber Vater wohnen.
Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freindes Freind zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!
Ja - wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wers nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund!
Was den großen Ring bewohnet,
Huldige der Simpathie!
Zu den Sternen leitet sie,
Wo der Unbekannte thronet.
Freide trinken alle Wesen
An der Bristen der Natur,
Alle Guten, alle Besen
Folgen ihrer Rosenspur.
Kisse gab sie uns und Reben,
Einen Freind, geprieft im Tod.
Wollust ward dem Wurm gegeben,
Und der Cherub steht vor Gott.
Ihr stirzt nieder, Millionen?
Ahnest du den Schepper, Welt?
Such ihn iberm Sternenzelt!
Iber Sternen muss er wohnen.
Freide heißt die starke Feder
In der ewigen Natur.
Freide, Freide treibt die Räder
In der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen,
Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Raimen,
Die des Sehers Rohr nicht kennt.
Froh, wie seine Sonnen fliegen
Durch des Himmel prächtgen Plan,
Wandelt, Brieder, eire Bahn,
Freidig, wie ein Held zu Siegen.
Aus der Wahrheit Feierspiegel
Lächelt sie den Forscher an.
Zu des Glaubens stillem Hiegel
Leitet sie des Dulders Bahn.
Auf des Glaubens Sonnenberge
Sieht man ihre Fahnen wehn,
Durch den Riss gesprengter Särge
Sie im Chor der Engel stehn.
Duldet mutig, Millionen!
Duldet fier die bessre Welt!
Droben iberm Sternenzelt
Wird ein großer Gott belohnen.
Gettern kann man nicht vergelten;
Scheen ists, ihnen gleich zu sein.
Gram und Armut soll sich melden,
Mit den Frohen sich erfrein.
Groll und Rache sei vergessen,
Unserm Todfeind sei verziehn.
Keine Träne soll ihn pressen,
Keine Reie nage ihn
Unser Schuldbuch sei vernichtet!
Ausgesehnt die ganze Welt!
Brieder - iberm Sternenzelt
Richtet Gott, wie wir gerichtet.
Freide sprudelt in Pokalen,
In der Traube goldnem Blut
Trinken Sanftmut Kannibalen,
Die Verzweiflung Heldenmut - -
Brieder, fliegt von eiren Sitzen,
Wenn der volle Remer kreist,
Lasst den Schaum zum Himmel spritzen:
Dieses Glas dem guten Geist!
Den der Sterne Wirbel loben,
Den des Seraphs Himne preist,
Dieses Glas dem guten Geist
Iberm Sternenzelt dort oben!
Festen Mut in schwerem Leiden,
Hilfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwornen Eiden,
Wahrheit gegen Freind und Feind,
Männerstolz vor Kenigsthronen, -
Brieder, gält' es Gut und Blut -
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Liegenbrut!
Schließt den heilgen Zirkel dichter,
Schweert bei diesem goldnen Wein,
Dem Gelibde trei zu sein,
Schweert es bei dem Sternenrichter!
Die Europa-Hymne = Die Eiropa-Himne; Freude = Freid [fraid], Freide; schöner = schener; Götterfunken = Getterfunken; Elysium = Elisium; feuertrunken = feiertrunken; Zauber = Ssauber, Zauber; Mode = Mod [mo:d], Mode; Fürstenbrüder = Firschtenbrieder; Flügel = Fliejel, Fliegel; überm = iberm; Sternenzelt = Sternensselt, Sternenzelt; Freundes = Freindes; Freund = Freind; zu = ssu, zu; huldige = huldije, huldige; Sympathie = Simpathie; Brüsten = Bristen; Bösen = Besen; Küsse = Kiss, Kisse; geprüft = geprieft; stürzt = stirzt; Schöpfer = Schepper; ewigen = ewijen, ewigen; Räder = Räder ['re:dər]; Räumen = Raimen; fliegen = fliejen, fliegen; prächtgen = prächtjen, prächtgen; eure = eire; freudig = freidig; Siegen = Siejen, Siegen; Feuerspiegel = Feierspiejel, Feierspiegel; Hügel = Hiejel, Hiegel; für = fier; Göttern = Gettern; schön = scheen, schen; erfreun = erfrein; verziehn = verssiehn; Träne = Träne ['tre:nə]; Reue = Rei, Reie; nage = nag, naghe, nage; ausgesöhnt = ausgesehnt; Verzweiflung = Verssweiflung; fliegt = fliecht, fliegt; euren = eiren; Römer = Remer; zum = ssum; Hymne = Himne, Hymne; Hülfe = Hilfe; Königsthronen = Kenigsthronen; Lügenbrut = Liejenbrut, Liegenbrut; heilgen = heiljen, heilgen; Zirkel = Ssirkel; schwört = schweert, schwert; Gelübde = Gelibde; treu = trei
Das Wolinierlied
(Zeit und Autor unbekannt)
Aus Wolinien sind vertrieben alle Deitschen arm und reich,
keiner ging den Weg auf Rosen, alle waren sie jetzt gleich.
Sonntag frieh, am fimften Juli, gerade zu der Erntezeit,
mussten weg die Vielgeplagten, alle, arm' und reiche Leit'!
Angespannt und schwer beladen stand der Wagen vor der Tir,
manche Sachen, oh wie schade, blieben hier noch liegen mir.
Vorwärts gings durch Sturm und Wetter, auf Befehl der Obrigkeit,
keiner fand jetzt einen Retter, der ihn aus der Not befreit.
So gings vorwärts durch die Wälder, iber Hiegel, Berg und Tal,
iber Felder und durch Städte und durch Derfer ohne Zahl.
Auf den Stremen statt mit Dampern fuhren wir in einem Kahn,
und auf Wegen mancher Arten, dann zuletzt per Eisenbahn.
Auf dem langen Triebsalswege kam der Tod, hielt gleichen Schritt,
kleine Kinder, alte Leite, Jugendbliete nahm er mit.
Es ist gar nicht zu beschreiben diese große Triebsalszeit.
Jeden drickten schwere Sorgen. Ach, wann endet doch das Leid?
Endlich ist der Tag gekommen, da wir in Sibirien hier
freindlich wurden aufgenommen, fanden Wohnung, Nachtquartier.
Haben hier bei russ'schen Leiten Obdach fier die Winterzeit.
So sorgt Gott in schweren Zeiten, ihm sei Dank in Ewigkeit!
Was vergangen und geschehen, hat ein jeder schon gefiehlt,
aber wies uns noch wird gehen, ist uns allen hier verhillt.
Doch das eine ist uns sicher, dass es geht nach Gottes Rat.
Er ist ja der rechte Richter, der noch nie gefehlet hat.
Er wird ja die Seinen schitzen in der großen Triebsalszeit:
sollten gleich die Berge stirzen und uns droh'n die Ewigkeit.
Das hat Gott vor allen Zeiten jedem Glaib'gen kundgetan
und er will auch uns bereiten ein gelobtes Kanaan.
Drum getrost in trieben Stunden, gehts auch gleich durch schweres Leid,
denn darinnen hat gefunden mancher seine Seligkeit.
Gott fiehrt zwar auch seine Kinder oft in großes Herzeleid,
damit doch ein jeder Sinder denke an die Ewigkeit.
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