In der Fastnacht gelingt der Ausbruch aus dem Alltag:              

Narrenfreiheit und Maskenzwang

Wenn der sonst so würdevolle Vorstandsvorsitzende plötzlich im Lumpengewand und mit einem eindrucksvollen Veilchen gesichtet wird, dagegen der normalerweise etwas unbeholfen wirkende Hausmeister des Unternehmens als eleganter Musketier erscheint, dann - ja dann ist die Fastnacht ausgebrochen. In der Zeit zwischen dem 11. November und dem Aschermittwoch, speziell jedoch in den sechs tollen Tagen vor dem Ende der Fastnacht, scheinen alle Normen des Alltags aufgehoben zu sein. Es herrscht die Narrenfreiheit! Was es mit diesem Begriff auf sich hat, untersuchte die Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwaren-Industrie (DVS).

Tatsächlich leitet sich die Narrenfreiheit von der Existenz der Hofnarren im Mittelalter ab. Menschen, die damals geistig und körperlich von der Norm abwichen, waren absolute Außenseiter der Gesellschaft. Oftmals wurden sie vertrieben oder verfolgt. Wenn sie es allerdings schafften, die Aufmerksamkeit eines Herrschers auf sich zu ziehen und als Hofnarren aufgenommen zu werden, führten sie bei Hofe ein recht angenehmes Leben und verfügten über erstaunliche Freiheiten. Beispielsweise konnten sie sich gegenüber ihren Herren ungestraft Kühnheiten erlauben, die anderen Höflingen Kopf und Kragen gekostet hätten. Durch ihre soziale Ausnahmestellung waren die Narren nicht an die sonst gültigen Normen gebunden, sie hatten die sprichwörtliche Narrenfreiheit.

Ebenso dürfen sich die Narren in der Fastnacht alles erlauben, nur eins nicht - ohne Kostüm zu erscheinen. Schließlich macht das Kostümieren in der fünften Jahreszeit den Reiz und den Hauptunterschied zu anderen feuchtfröhlichen Festen aus. Der Maskenzwang entspricht übrigens der Kleiderordnung für die mittelalterlichen Narren - auch sie sollten durch ihr Gewand schon von weitem erkennbar sein. Heutzutage ziehen die Narren der Fastnacht noch einen weiteren Vorteil aus dem Kleiderwechsel - sie können sich hinter der Maske verbergen. So ist es möglich, ohne Sanktionen Kritik an Autoritäten zu üben und die Dinge einfach auf den Kopf zu stellen.

Doch neben der ungetrübten Freude an der Narrenschelte schätzen die kostümierten Fastnachter noch weitere wichtige Vorzüge ihrer Maskierung. Sie können in eine neue Rolle schlüpfen und beispielsweise als verwegene Hexe den Vorgesetzten kneifen oder als formvollendeter Don Juan die Gemüsefrau betören. So erleben die Narren ihre alte Umwelt in veränderter Rolle neu. Übrigens ist der Erfolg einer Kostümierung durchaus abhängig vom Unterschied zwischen Darstellern und Dargestellten. Wenn die graue Maus aus der Bankfiliale als perfekter Vamp in Netzstrümpfen und Glitzermieder auftritt, oder der katholische Pfarrer als Teufelchen den Gemeindefasching erfreut - je größer die Diskrepanz zwischen alltäglicher Rolle und Fastnachtskostüm, desto größer der Lacherfolg.

Geradezu schrankenlos ist in der Fastnachtszeit die Möglichkeit zur Kommunikation. Während im Alltag ganz genau geregelt ist, wer mit wem wie zu sprechen hat, fallen solche Normen für Narren völlig unter den Tisch. In den Zeiten des Karnevals ist es möglich, Fremde zu küssen, Prominente oder Honoratioren zu duzen und zu kritisieren. Korrekte Haltung und gemessener Schritt sind im Fastnachtstrubel out - eine echte Närrin und ein richtiger Narr hüpfen, tanzen und fuchteln um die Wette. Alle dürfen Unsinn reden und im breitesten Dialekt sprechen - vorausgesetzt, sie lassen ihre närrischen Ambitionen schon an ihrem kostümierten Äußeren erkennen.

Wer sich völlig vermummt, kann übrigens einiges über sich erfahren, wenn er Bekannte, die ihn nicht erkennen, auf sich selbst anspricht. So manche und so mancher hat in der Fastnacht erlebt, wie er von seiner Umwelt eingeschätzt wird, und dabei einiges gelernt. Vielen fällt auch auf, daß die Entfremdung und Verstellung im scheinbar maskenlosen Alltag viel größer ist, als im grotesken Mummenschanz der Fastnacht. Die Kostümierung hilft also auch, wahrzunehmen, worunter der Mensch in seiner normalen Umwelt leidet.

Nicht zuletzt können Fastnachter, die sich verkleiden, mit ihrer Identität spielen und neue Aspekte ihrer Persönlichkeit ausleben. Denn hinter der Maske läßt sich ungeniert das wahre Gesicht zeigen - eine befreiende Erfahrung und schöner Nebeneffekt des Karnevals. Und sonst? Wird viel und fett gegessen, übermäßig getrunken, gelärmt, gelästert, gestritten und geflirtet, kurzum alles getan, was Verstand und sittliche Norm nicht zulassen wollen. Denn schließlich gibt den Närrinnen und Narren altes Herkommen das Recht, die Dinge auf den Kopf zu stellen - die Narrenfreiheit!

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